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ADOLF HELD.
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VON GEORG FRIED KI (-11 KNAPP.
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LEIPZIG,
VKHLA(J VON DUXCKEK vSc IlLMBLOT.
1881.
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Verlag von Duncker & Hnmblot in Leipzig.
Herausgegeben
Ton
Chistav SohmoUer.
Ei*ster Band.
I. Die Ahsbildung der grossen Gnuidherrschaften in Deatschland während
der Karolingerzeit Von Karl TJieodor von Inuma-Stemegg. 3 M. 20 PI
IL Die deutschen Städtesteuem, insbesondere die städtischen Reichssteuem
im 12. und 13. Jahrhundert Von Karl Zenmer, 4 M.
III. Beiträge zur Gtischichte des französischen Wirthschaftslebens im elften
Jahrhundert Von Karl Ijamprecht, 4 M.
IV. Die innere französische Gewerbepolitik von Colbert bis Turgot. Von
Henrjf W. Farnam. 2 M. 40 Pf .
V. .Die Gliederung der G^esellschaft nach dem Wohlstande, auf Grund der
neueren amtlichen deutschen Einkommens- und Wohnungsstatistik. Von
Richard Michaelis. 4 M. 40 Pf .
Preis des ersten Bandes complet: 18 Mark.
Zweiter Band.
I. Der Kampf um Gewerbereform und G^werbefreiheit in Bayern von
1799 bis 1^68. Mit einem einleitenden Ueberblick über die Entwicklung
des Zunftwesens und der Gewerbefreiheit in Deutschland. Von Josrt'
Kahl. 4 M. 40 Pf.
II. Di e Industrie am Niederrhein und die Lage ihrer Arbeiter. Erster Theil :
Die linksrheinische Textilindustrie. Von Alj>hovR Thnn. 6 M.
III. Die Industrie am Niederrhein und die Lage ihrer Arbeiter. Zweiter
Theil: Die Industrie des bergischen Landes. (Solingen, Kemsebeid,
Elberfeld, Härmen.) Von Alphonn Thun, 6 M.
IV. Die schweizerische Allmend in ihrer geschichtlichen Entwicklung vom
XIII. Jahrhundert hin zur Gegenwart Von A. von Miat^howski. 6 M.
V. lieber das ältere deutsche Mnnzwesen und die Hausgenossenscliaften,
besonders in volkswirthschaftlicher Beziehung. Von A'. Th. lüiehcrg.
4 M. 60 Pf.
Preis des zweiten Bandes complet: 27 Mark.
Dritter Band.
I. Landwirthschaft und Gewerbe in Mittelrussland seit Aufhebung der Leib-
eip^enschaft. Von Alphoim Thnn. 6 M.
n. Die Strassburger Goldschmiedezunft von ihrem Entstehen bis 1681.
Urkunden und Darstellung. Ein Beitrag zur Gewerbegeschichtc des
Mittelalters. Von Hami Mvycr. 6 M.
III. Die Effektenbörse. Eine Vergleichung deutscher und englischer Zustände.
Nebst einem Anhang: Die Entwicklung des Instituts der beeidigten
Makler in Deutschland im 19. Jahrhundert. Von ICnn'l StruH', 6 M.
IV. Geschichte der preussisch- deutschen EiscnzöUc von 1811 bis zur Gegen*
wart. Von Mnx Scring. ca. 5 M.
Verlag von Duneker & Humblot in Leipzig.
Schriften des Vereins für Socia1politil(.
(Preis des I.>-XIX. Bandes: 72 Mark 40 Pf.)
I. Zur Beform des ActfengetellsehaHawegemk Drei Gut-
achten von JI. Wiener, GoldschmidU Behrend, 1878. M. 2. — .
II. üeber FabrUcffesetzgebiinff , Sohledssr^riolite und
EinlS^nnffflämter. 1873 M. 4.—.
m. Die Penionalbesteuenmr. Gutachten von E, Nasse, A. Hehl
J. Genself v. Wintzingerode, V. Bössler. 1873. M. 2. — .
IV. Verhandlmiffeii des Vereine für Sooialpolitlk am 12. und
18. October 1878. 1874. M. 4.—.
V. üeber Altem- und XnvalldenoaMen für Arbeiter. Gut-
achten von F. KoHe, ZiUmeTf Ludwig-Wolf, J. HiUrop, G, Behm.
1874. M. 4.—.
VI. üeber BetheUl^rnnff der Arbeiter am üntemehmer-
ffewlnn. Gutachten von E. r. Plener, M. Weigert, J. Neumann,
7. Wertheim. 1874. M. 1.20.
VII. üeber Bestraflmg dee Arbeltivertragebrachee. Gutachten
von F, Knauer, C. Boscher, G. SchmoUer, F. W. Brandes, L.
Brentano, M. Hirsch. 1874. M. 4.80.
VIII. Ble progreMdve Einkommensteuer Im Staats- and
Gemeinde - Hanshalt. Gutachten von Fr, J. Neumann. 1€IA.
M. 4.80.
IX. Verhandlungen der zweiten Oeneralversammlung des
Vereins für SoolalpoUtlk am 11. u. 12. Oct. 1874. 1875.
M. 3.60.
X. Ble Beform des Iiehrllnsrswesens. Sechzehn Gutachten
und Berichte. 1875. M. 4.80.
XI. Verhandlungen der dritten Generalversammlung des
Vereins für SoolalpoUtlk am 10., 11. und 12. October 1875.
M. 4.80.
Xn. Ble Communalsteuerfirage. Zehn Gutachten und Berichte.
1877. M. 6.60.
XIII. Bas Verfahren bei Enqueten ttber soolale Verhältnisse.
Di-ei Gutachten von G, Emhdin, G, Cohn, W. Stieda. 1877.
M. 1.60.
Xrv. Verhandlungen der fünften Generalversammlung des
Vereins fttr SoolalpoUtlk am 8., 9. u. 10. Oct. 1877. M. 6.—.
XV. Bas gewerbUohe Fortblldungswesen. Sieben Gutachten
und Berichte. 1879. M. 3.60.
XVI. Verhandlungen der sechsten Generalversammlung des
Vereins für SoolalpoUtlk ttber die ZoUtarIfvorlagen,
am 21. u. 22. April 1879. M. 3.20.
XVII. Gewerkvereine und üntemehmerverbände In Frank-
reloh. Ein Beitrag zur Renntniss der socialen Bewegung. Von
W lAxis M. G.— .
XVin. Ble amerikanischen Gewerkvereine. Von Henry W.
Fainam, M. 1.20.
XIX. Ble Haftpflichtfrage. Gutachten und Berichte. M. 4.20.
ZWEI BÜCHER
ZÜB
SOCIALEN GESCHICHTE
ENGLANDS.
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i.rciiEi;
ZWEI BÜCHER
ZÜB
SOCIALEN GESCHICHTE
ENGLANDS
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LEIPZIG,
VERLAG VON DUNCKER fc HUMBLOT.
18t*l.
Dm üeberaetiiugsrecht bleibt Torbehalten.
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Vorrede des Herausgebers.
Das Werk von Adolf Held, das nun mit dem Titel „Zwei
Bücher zur socialen Geschichte Englands" ei-scheint, war
ui-sprünglich bestimmt, den ersten Band einer „socialen Ge-
schichte Englands von der Mitte des 18. Jahrhundei*ts bis zur
Gegenwart" zu bilden. Dieser erste Band sollte die „Grund-
lagen der modemen Verhältnisse" schildern, nämlich die Ent-
wicklung der politischen und socialen Ideen, welche das neuere
England beherrschen; und die Entwicklung der Grossindustrie
durch deren Uebermacht die wirthschaftlichen Zustände ihre
jetzige Gestalt erhalten haben.
Ein zweiter Band sollte dann die Neubildungen in der
Verfassung und in der Gesetzgebung darstellen: zuerst die
Bewegung der gewerblichen und handeltreibenden Mittelclasse
zur Durchführung der Parlamentsreform nebst den Versuchen
der Arbeiterclasse, diese Reform zu einer radicalen zu machen ;
dann die gesetzlichen Neuerungen im Gebiet des Armenwesens,
der Fabriken, der Zölle, des Handels, der Banken und Finanzen;
endlich die Anfänge socialer Organisationen wie Sparcassen,
Veracherungswesen, Gewerkvereine und die Bestrebungen zur
sog. Cooperation: all dies jedoch nur so weit es etwa bis zum
Jahr 1832 gediehen war.
Die Zeit von 1832 bis 1850 sollte dann in einem dritten
Bande ähnlich behandelt werden und die Zeit nach 1850 war
einem vierten Bande vorbehalten. Ueber die Zeit des Er-
scheinens der späteren Bände hat der Verfasser nichts zu
VI Vorrede.
versprechen gewagt, er wollte vorläufig nur den ersten Band
veröifentlichen.
Der leitende Gedanke des ganzen Unternehmens war
offenbar: nicht eine einzelne Ei-scheinung des politischen oder
socialen Lebens herauszugreifen, sondern so umfassend als
möglich alle politischen und socialen Regungen in ihrem natür-
lichen Zusammenhang aufzufassen. Schon im Jahr 1875 schrieb
Held gelegentlich in einem Briefe: ^Ich habe stets die poli-
tische Seite der socialen Frage im Auge gehabt^; und man
wird sofort bemerken, dass er bei der Darstellung des Wirkens
wesentlich politischer Männer stets den socialen Anschauungen
derselben eifrig nachspüi*t.
Das Werk sollte eine noch unabgeschlossene Entwicklung
zum Gegenstande haben. Der Verfasser zweifelte daher, ob
es überhaupt möglich sei, sich dabei kühl objectiv als Dar-
steller dessen, was gewesen ist, zu verhalten; seinei*seits war
er entschlossen, dies nicht einmal zu versuchen: er sprach es
offen aus, dass er als Historiker und Politiker zugleich auf-
trete. Und in demselben Gefühl fügte er hinzu : „Ich schreibe
über England — als Deutscher — für Deutsche." —
Die Vorbereitungen zu dem Werke begannen schon fi-üh.
Als erater Schritt dazu ist wohl eine Vorlesung zu betrachten,
die er als Professor in Bonn für das Wintersemester 1874/75
über „Geschichte der socialen und socialpolitischen Bewe-
gungen in den letzten hundeit Jahren" ankündigte. Doch ge-
wann er bald die Ueberzeugung , dass er die Bücherschätze
Englands an Ort und Stelle kennen lernen müsse und brachte
die Monate Juni, Juli und August des Jahres 1875 in London
zu. Ein Jahr darauf, im Herbste 1876, stand ihm bereits der
Plan des Ganzen fest.
Im Winter 1876/77 hielt er eine Vorlesung „über sociale
Geschichte Englands", und in jener Zeit entstand bereits ein
Theil der Beiträge zur Literaturgeschichte, die jetzt im Ersten
Buche vereinigt sind, und zwar jedenfalls die Darstellung
Bentham's (Gap. 3) und die der Nationalökonomen (Gap. 2).
Die übrigen Theile dieses Buchs sind in der Zeit vom Herbst
Vorrede. MI
1877 bis Herbst 1878 entstanden, je nachdem die Bücher zu
erlangen waren.
Dann begann die Sammlung des Stoffes für die Geschichte
der Grossindustrie und dauerte vom Herbst 1878 bis zum
Frühjahr 1880 — sie erforderte einen neuen, küraeren Auf-
enthalt in London (März 1880).
Die Abhandlung selbst , die jetzt das Zweite Buch bildet,
wurde ganz im Sommer 1880, aber freilich nur als Entwurf,
niedergeschrieben.
Sogar eine Vorrede fügte der Verfasser damals schon
hinzu, der wir folgende Stelle entnehmen:
^Zum Schlüsse drängt es mich, demjenigen zu danken,
welche mir bei der langen Arbeit werthvolle Unterstützung
geleistet haben. Zu gi'ossem Danke bin ich meinen deutschen
Fachgenossen verpflichtet, deren gelehrte Arbeiten auf dem
Gebiet der Geschichte socialer Entwicklungen Licht ver^
breitet haben, und denjenigen» meiner englischen Freunde,
die mir, wie Mr. Ludlow, Generalregistrator der Hülfs-
cassen, im Einzelnen manchen Weg gewiesen haben. Be-
sonders aber danke ich hiermit öffentlich denjenigen Biblio-
theken, ohne deren liberale Hülfe ich nicht hätte arbeiten
können. Zweimal habe ich bei längerem Aufenthalt in
London die Schätze des British Museum benutzen können,
welche in so ausserordentlich angenehmer Weise auch dem
Ausländer zur Vei-fOgung gestellt werden. Die Mehrzahl
aber aller von mir benutzten Bücher entstammte deutschen
Bibliotheken, da ich ja als Professor den grössten Theil der
Arbeit an meinem Wohnort in Deutschland leisten musste.
In ei'ster Linie muss ich wohl die herzogliche Bibliothek
zu Gotha nennen, die aus dem Nachlass des Piinzen Albert
eine Sammlung älterer englischer Parlamentspapiere be-
kommen hat, wie sich keine von gleicher Vollständigkeit
irgendwo andei'S in Deutschland finden düifte.
In Bezug auf Literatur bin ich der Hof- und Staats-
bibliothek in München und der Universitätsbibliothek in
Göttingen zu besonderem Danke verpflichtet.
Vin Vorrede.
Unentbehrliche Ergänzung zu den von den genannten
Orten empfangenen Werken boten mir die Universitäts-
bibliothek in Bonn und die kgl. Bibliothek in Berlin, welchen
beiden ich noch speziell für Neuanschaffungen zu danken
habe; femer die beiden in nationalökonomischen Kreisen
altbertthmten Bibliotheken : die Commerzbibliothek in Ham-
burg und di6^ Bibliothek des kgl. statistischen Bureaus in
Berlin."
Diese Woile des Dankes waren die letzten, die der Ver-
fasser an seinem Werke schrieb.
In Briefen an seine Freunde meldete er dann mit Genug-
thuung am 26. Juli 1880: ^die Niederschrift des ei'sten Bandes
ist fertig" ; und fügte am 1. August hinzu : „im Winter 1880/81
will ich das Ganze überarbeiten."
Wenige Tage darauf reiste er zur Erholung in die Schweiz
und fand dort am 25. August 1880 bei einer Kahnfahrt am
Ausflusse des Thuner Sees, wenig über sechsunddreissig Jahre
alt, durch einen Unfall seinen Tod in den Wellen.
Nach dem Begräbniss, das in Bonn stattfand, war die
erste Sorge seiner Witwe, Frau Elise Held, geb. Uellenberg,
dem verwaisten Werke gewidmet, das in den Kellern der
Reichsbank in Berlin hinterlegt war. Die Veröffentlichung schien
möglich wenn ein Herausgeber an die Stelle des Verfassers
trete, und war erleichtert durch die fortdauernde Bereitwillig-
keit des schon früher gewonnenen Verlegers, HeiTU Carl
Geibel jun. Als wünschenswerth wurde es allerseits ange-
sehen, dass das Werk spätestens im Herbst 1881 auf den
Markt komme.
Ich konnte, vom 1. April 1881 an, dieser Aufgabe hin-
reichende Zeit widmen und war als Freund des Verstorbenen
gern bereit dazu.
Wie nicht anders zu erwarten war, befanden sich die
verschiedenen Theile des Werks in sehr verschiedenem Zu-
stande.
Vorrede IX
Zunächst erkennt man sofort, dass die kui*ze ^Einleitung^
(S. 3 bis 41) noch aus der Zeit der Vorbereitungen stammt:
sie ist nicht nach den Quellen gearbeitet. Aber als Bindeglied
für die beiden Haupttheile und auch weil sie manche that-
sächliche Angaben enthält, die später als bekannt voraus-
gesetzt werden, wurde sie doch nach einigen Küi*zungen bei-
behalten.
Das Erste Buch — die Literatui'geschichte — bereitete
ernstere Schwierigkeiten. Die einzelnen Stücke lagen ge-
trennt vor, die meisten offenbar fertig; einige allerdings (z. B.
der Abschnitt über die Radicalen, Cap. 4, besonder § 3,
S. 322) gewiss nicht in endgültiger Gestalt. Aber was ganz und
gar fehlte, war die endgültige Anordnung: die Schriftsteller
lagen in der Reihenfolge der Bearbeitung, und zufällig gerade
die frühesten zuletzt. Bei der Leichtigkeit des Schreibens
war es dem Verfasser sogar bequem gewesen, sie so durch
Uebergänge mit einander zu verbinden, obgleich die An-
ordnung ausdrücklich als eine vorläufige bezeichnet war.
Hier blieb dem Herausgeber nichts übrig, als tief, jedoch
vomchtig, einzugreifen. Es wurden vier Hauptgruppen ge-
bildet: die politischen Individualisten (Cap. 1 und 3); die
ökonomischen Individualisten oder Nationalökonomen (Cap. 2) ;
die aus dem politischen und ökonomischen Individualismus
hervorgegangenen Paiteihäupter oder Radicalen (Cap. 4) und
t;ndlich die Socialisten (Cap. 5). Die politischen Individualisten
wurden noch getrennt in die älteren, die wesentlich unter
dem Einflüsse der Losreissung der amerikanischen Colonien
und der französischen Revolution von 1789 gestanden (Cap. 1),
und die jüngeren, welche noch die späteren Zeiten mit erlebt
hatten (Cap. 3).
Aus dieser Umordnung ergab sich die Noth wendigkeit
neuer Uebergänge — doch wurde manche Erwähnung von
Schriftstellern, die jetzt erst an späterer Stelle stehen, z. B,
Bentham's, geschont, um nicht die ursprünglichen ßestand-
theile zu sehr zu zerreissen. Hinzugefügt wurde nichts —
denn auch der Rückblick (Cap. 4 § 5 ; S. 338), der nicht in
X Vorrede.
der Handschrift stand, ist fast ganz aus Sätzen des Verfassers
gebildet. —
Das Zweite Buch — Grossindustrie — erscheint fast so
^ie es der Verfasser entworfen hatte, nur etwas eingehender
in Capitel und Paragraphen gegliedert. Der stoffliche In-
halt desselben macht es auch an den Stellen werthvoll, wo
man die Pflege der Form vermisst. Die Sorge des Heraus-
gebers war hierbei ganz auf die richtige Lesung der zum
Theil sehr schwierigen Handschrift beschränkt
Um aber doch dem Leser eine Vorstellung davon zu geben,
in welcher Form dieser Theil hätte erscheinen können, wenn die
letzte Ueberarbeitung stattgefunden hätte, wurde als erster
Anhang ein Vortrag über Handwerk und Grossindustrie bei-
gefügt, den allerdings der Verfasser beizufügen keinen Ginind
gehabt haben würde. Aber nur so war es nun möglich, den
Leser mit der Stilart bekannt zu machen, die den Verfasser
am besten kennzeichnet: es ist die Rede, mit der er vor
Allem auf die Gesinnung seiner Hörer wirkt
Auch beim zweiten Anhang, der die Belegstellen enthält,
war nur für richtige Lesung zu soi*gen, wobei allerdings, wie
bei dem ganzen Werke, die viel zu zerstreuten Quellenschriften
nicht benutzt werden konnten: es lagen nur die Abschriften
oder Uebersetzungen vor.
Nur die englischen Gesetze wurden nach den „Statutes
at Large'^ auf der Strassburger Bibliothek genau verglichen,
worüber in einem besondem Theil des Registers das Nöthige
gesagt ist
Mithin hat sich die Hemusgabe ganz innerhalb der Grenzen
einer philologischen Behandlung bewegt Es ist in das Werk
nichts Fremdes hineingetragen. Was hier vorliegt, ist dem
Inhalt nach ganz und gar die Frucht der Arbeit des Verfassers.
Strassburg i, E.,\16. September 1881.
Georg Friedrich Kjiapp.
INHALT.
Einleitung
Seite
zur socialen Geschichte Engjands von 1760 bis
1832 1-41
§ 1. Die Grandbesitzer 4
§ 2. Handelspolitik 8
§ 8. Die unteren Classen 16
§ 4. Arbeitergesetze 20
§ 5. Armen- und Heimalhsgesetze 28
§ 6. Stocken der Gesetzgebung 88
Erstes Buch,
Sociale und politische Literatur von 1776 bis
1832 43-386
Vorbemerkunfi: über den Ursjnnmjr der neuen
politischen Ideen 45
Erstes Capitel. Die älteren Indivichialisten.
8 1. Priestley und Price 61
§ 2. William Paley , . . • 76
§ 3. William Godwin und Thomas Spence 89
§ 4. Thomas Paine 115
§ 5. Burke 131
Zweites Capitel. Die National<)kon()nien.
S 1. Adam Smith 154
S 2. David Ricardo ' 175
S 3. löchert Malthus 204
§ 4. Die conservativen Nationalökonomen (Chalmers.Sadier) 233
xn Inhalt.
Seite
Drittes Capitel. Die neueren Individualisten.
§ 1. Jeremias Bentham 246
§ 2. Die Benthamiten. (Westminster review) .... 278
Viertes Capitel. Die Radicalen,
§ 1. John Cartwright 288
§ 2. Cobbett 293
§ 3. Carlile, Attwood, P. Thomson, Elliott 322
§ 4. Letzte Steigerung des Radicalismus 329
§ 5. Rückblick 338
Fünftes Capitel. Die Socialisten.
§ 1. Robert Owen 343
§ 2. Owens Schüler (Au Combe und W. Thompson) . . 378
Zweites Buch.
Entwicklung der Grossindustrie 387—666
Vorbemerkung über Quellen und Literatur . . 389
Erstes Capitel. Verfall der alten Handwerks-
ordnung.
§ 1. Die alten Ordnungen 407
§ 2. Lehrlingswesen 414
§ 3 Lohnregulirungen 432
§ 4. Technische Vorschriften 465
§ 5. Preistaxen und Marktpolizei 471
§ 6. Competenzbegrenzungen verschiedener Gewerbe . . 477
§ 7. Zünfte 479
Zweites Capitel. Entartung des Mercantilsystenis.
§ 1. Das Mercantilsystem 493
§ 2. Handelspolitischer Schutz der Textilindustrie . . . 497
§ 3. Handelspolitischer Schutz der übrigen Industrien . 515
g 4. Handelspolitischer Schutz des Ackerbaus .... 521
§ 5. Bekämpfting der Schutzzölle 529
§ 6. Rückblick und Vorblick 533
Drittes Capitel. Der Sieg des gi'osscn Capitals.
§ 1. Das Capital und die Formen der Industrie . . . 536
8 2. Die Herrschaft der Hausindustrie 650
ä} 3. Die modernen Verkehrsverhältnisse 563
Inhalt XUI
Seite
Viertes Capitel. Die Fabrikindustrie.
§ 1. Manufacturen nnd Fabriken 578
§ 2. Die Reihenfolge der Erfindungen 589
§ 3. Opposition von Arbeitern nnd Capitalisten gegen
Maschinen und Fabriken 604
§ 4. Einwirkung der Fabrikindostrie auf die Landwirth-
schaft 609
Fünfte s Capitel. Die Lage der Fabrikarbeiter.
§ 1. Frauen- und Kinderarbeit " 611
§ 2. Gesundheits- und Wohnungsverh<nisse 682
§ 3. Moralität 640
§ 4. Geschäftsstockungen 651
Sechstes Capitel. Rückblick 663
Erster Anhang.
Vortrag über Handwerk und Grossindustrie 667—686
Zweiter Anhang.
Belegstellen (zur Entwicklung der Grossindustrie) 687—756
A. Lehrlingswesen bei den Seidenbandwebem .... 689
B. Resolutionen der Uhrmacher (über Lehrlingswesen) 692
C. Die Weber wollen das Aufkommen der Fabriken ver-
hindern 694
D. Erklärung der Spitalfieldsfabrikanten (über Löhne) . 695
E. Die Hausweber verlangen ein gesetzliches Lohn-
minimum ' , 696
F. Man strebt nach einem Einigungsamt 699
G. Vorschlag von Fielden, betr. Einigungsamt .... 708
H. Sir Robert Peels Bericht über die Beschäftigung von
Kirchspiel- und anderen Kindern 706
J. Ueber die Zustände in den Kohlenbergwerken . . . 709
K« Zustände der arbeitenden Kinder in Gewerben und
Manufacturen 714
L. Gesundheitszustand der arbeitenden Bevölkerung von
Grossbritannien 720
XIV Inhalt
Seite
M. Franen und Kinder in den Gewerben.
1. Geistiger Znstand der Kinder in Wolverhampton and
Sheffield 736
2. £rziehung des weiblichen Geschlechts 739
3. Wichtigkeit der Schulbildung 740
4. Die Arbeiter in den Bergwerken 741
5. Zusammenfassung über den moralischen Zustand der
Kinder in Bergwerken, Gewerben und Manufacturen 746
N. Das Gangsystem 752
Verzeichniss der angeführten Gesetze 757
Verzeichniss der benutzten amtlichen Schriften 761
Verzeichniss der vorkommenden Namen und Werke ... 766
Verbesserungen 778
Einleitung
zur socialen Geschichte Englands
von 1760 bis 1832.
Held, Soc. G«»ach. Engl.
Einleitung
zur socialen Geschichte Englands
von 1760—1832.
Seit Gneist kennen wir das Wesen der beiilhmten und
beneideten englischen Verfassung des vorigen Jahrhunderts,
wissen wir, wie sie sich geschichtlich entwickelt hat und auf
welchen socialen Verhältnissen sie beruhte. Wir betrachten
sie nicht mehr mit den Augen Montesquieu's und wir lächeln,
wenn in ihr noch die politischen Wortführer aus der Zeit von
1848 Verwirklichung demokratischer Ideale erblickten.
Es existirte keine Constitution, die in Artikeln und Para-
graphen alle Verfassungsbestimmungen zusammengefasst hätte;
die Verfassung wie sie galt und wie sie geübt wurde, war
nicht die rationelle Consequenz irgend eines principiellen Ge-
dankens, sondern das Product der gesammten Geschichte des
Volks und ebendeshalb ihrer Zeit wirklich die beste Verfas-
sung, die es gab.
Es heiTSchte eine kleine, aber nach unten nicht abge-
schlossene Aristokratie unter einem Königthum, dem es seit
den Tagen der „Magna Charta" nie gelungen war, unbeschränkt
zu sein, und dessen beschränkte Macht 1688 nicht neu con-
stituirt, sondem nur neu anerkannt und definirt wurde. Die
Aristokratie (nobility und gentry) regierte nicht nur im Parlament,
sondern sie verwaltete auch den Staat durch die Ehrenämter
des Selfgovernments , die sie als staatliche Pflicht übernahm.
1*
4 Einleitung.
Das Wahlrecht der wenig zahlreichen Mittelclasse — es
gab nach Gneist im Durchschnitt des vorigen Jahrhunderts
nur etwa 200,000 Wähler — liess diese indirect an der poli-
tischen Herrschaft theilnehmen , wenn es sich auch nur auf das
Parlament, nicht auf die Verwaltungsämter bezog. Die Masse
des Volks nahm an politischen Hen-schaftsrechten nicht Theil,
sondeiTi ihr waren nur bürgerliche Rechte sicher garantirt,
sie war geschützt und gefördeit in ihrem Streben nach Er-
werb.
Wir haben eine nicht rechtlich abgeschlossene herr-
schende Classe, die ihrerseits durch das staatliche Pflicht-
gefühl beherrscht wird und mit dem ganzen Volk organisch
zusammenhängt, weil die jüngeren Söhne der Herrschenden
ins Volk hinabsteigen, die Hellsehenden selbst durch neu-
emannte Paii*s und neuei'worbenen grossen Grundbesitz sich
stets ergänzen — und wir haben ein freies wohlhabendes
Volk.
Die Aristokratie war keine dem Volke gegenüberatehende
Kaste, sondern die geachtete und geliebte Spitze des Volkes
selbst, und regierte für das Volk.
Das Detail der Englischen Verfassung zu schildern, ist
nicht Aufgabe dieses Buchs. Nur ein Blick auf die eigentlich
sociale Gesetzgebung und die socialen Verhältnisse sei ge-
stattet. Wir fragen, wie die Dinge zu Zeiten des Regierungs-
antritts von Georg IH. (1760) standen.
§ 1. Die Grundbesitzer.
Der Kern der regierenden Aristokratie waren die grossen
Grundbesitzer (nobility und gentry), denen sich wenig zahl-
reiche Kategorien der städtischen Gentry anschlössen.
Das politische Uebergewicht des Grossgiiindbesitzes
beinihte auf seiner gewohnheitsgemässen Uebernahme der
localen Verwaltungsämter, und dem für dieselben bestehenden
hohen Gensus, sowie darauf, dass zwar die Städte im Unter-
haus stark vertreten war«n, aber so, dass manche volkreiche
Städte gar keine oder wenige Vertreter wählten, wohl aber
Die Grundbesitzer. 5
zahlreiche wahlberechtigte Burgflecken bestanden und in den
Städten die Wählei-schaft aufs Aeusserste beschränkt und
faktisch in der Hand benachbarter Aristokratenfamilien war.
Diese gesetzlichen Institutionen wären aber unwirksam, ja un-
denkbar gewesen, hätte sie nicht die politische Bildung der
Gentry getragen — und hätte nicht der Grossgmndbesitz alter
Familien den grössten Theil des Grund und Bodens beherrscht.
Schon Wilhelm der Eroberer wusste das Feudali-echt in
England so zu gestalten, dass der Besitz grosser Feudalherren
nicht zur Grundlage einer die Staatseinheit gefährdenden poli-
tischen Macht werden konnte. Die eigentliche Leibeigenschaft
verschwand in England schon im Mittelalter. Dem Adel ist
es nie gelungen das formelle Recht auf Begründung yon Fidei-
commissen auf ewige Dauer zu eningen. Aber es ist noch
heute das allgemeine Recht des Landes, dass nach Intestat-
erbfolge nur der älteste Sohn Ginind und Boden erbt, und
es herrscht namentlich unter den grösseren Grundbesitzern
die Sitte der entails, denenzufolge der dei*zeitige Gmnd-
besitzer seinen Grundbesitz wenigstens für eine bestimmte
Zeit, nämlich bis zum erreichten 21. Lebensjahre des ungeborenen
Kindes eines der zur Zeit des Rechtsactes lebenden Erbberech-
tigten auch unveräusserlich zu machen vermag. Die beständige
Emeueining dieser entails bewirkt eine factische fideicommis-
sarische Gebundenheit des Grund und Bodens; der grosse
Grundbesitz wird dadurch erhalten, er kann sich ausdehnen,
nur selten zerfallen. Ja das Aufkommen der grossen Industrie
begünstigte die Ausdehnung des geschlossenen grossen Grund-
besitzes, weil die in der Fabrikation erworbenen grossen Reich-
thümer das Zusammenkaufen und Festlegen des noch käuf-
lichen Bauembesitzes ennöglichten , während die ehemaligen
kleinen Bauern zu ländlichen Tagelöhnern oder zu städtischen
Fabrikarbeitern degradirt wurden. ^)
^) Ein weiteres grosses Hinderniss der Theilung eines vorhandenen
Grandbesitzes sind die grossen juristisch formellen Schwierigkeiten und
die Kosten des Verkaufs von Land. Siehe darüber Wren Hoskyns, The
Land Laws of England, in: Systems of Land Tenure in various coun-
tries, published by the Cobden Club. 2. Auflage. London 1870. S. 95 ff.
6 Einleitung.
Merkwürdiger Weise ist es noch heute unmöglich, über
das Maass der Ausdehnung des Grundbesitzes, d. h. über
die Zahl der überhaupt vorhandenen Besitzer und die Grösse
ihrer Besitzungen etwas Genaues zu sagen, obgleich ein neuerer
Versuch statistischer Aufnahme (von 1875) vorliegt.^) Denn
sie lehrt uns zwar, dass die Grundbesitzvertheilung in Eng.
land nicht so schlimm ist wie in Irland und Schottland, da
die Zahl der sogenannten grundbesitzenden Familien in Eng-
land 22,5 <>/o, in Schottland 17 %, in Irland 5,7% aller Fa-
milien ausmacht; sie lehrt uns auch, dass ein neuer städti-
scher Mittelstand existirt und allem Anscheine nach aufblüht
— sie sagt uns aber Nichts über die eigentliche Vertheilung
des Grundeigenthums zwischen giossen Grundherren, mittleren
und kleineren Bauern.
ClilTe Leslie und Andere werden wohl fiühere Zahlenan-
gaben modificiren müssen — jedoch ihre Behauptungen über
das Verschwinden des selbständigen kleinen und mittleren
Bauern und über die fortgehende Vei-schlechterupg der Ver-
hältnisse seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts sind keines-
wegs entkräftet.*)
Jedenfalls ei*sehen wir auch aus Adam Smith (177G), dass
zu Anfang der Regienmg Georg's III. der Grossgmndbesitz
^) Retarn of owners of Land in England and Wales excl. the Metropolis,
presented to both houses of Parliament London 1875. 2. Vol. Siehe
darüber Conrad in den Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik
von HUdebrand u. Conrad. L Jahrgang II. Bd. 5. u. 6. Heft. Jena 1876.
*) Cliffe Leslie, Land Systems and industrial economy, London 1870,
S. 160 ff. beweist das Verschwinden der yeomen, spricht davon, der
letzte Census habe 30,766 Grundbesitzer nachgewiesen und die 300,000
des Duke of Argyll beruhten auf Verwechslung von freeholders mit pea-
sant proprietors, spricht von der zunehmenden politischen und ökonomi-
schen Abhängigkeit der Pächter.
Ausserdem weisen wir noch auf folgende Schriften hin:
Ein Aufsatz von Shaw Lefevre im Januarheft der Fortnightly Re-
view von 1877 „Economic Law and English Landownership'' sucht die
2iahl der Eigenthümer von landwirthschaftlich benutztem Land (excl. der
Corporationen) festzustellen. Siehe auch Front de Fontpertuis im Journal
des Economistes, August 1877. Femer sind zu nennen:
Die Grundbesitzer. 7
herrschend war, und dass die Bauern der Regel nach nicht
Eigenthümer, sondeni Pächter waren. Es war den Engländern
lange vor den continentalen Völkern gelungen, den Bauer
bürgerlich frei zu machen, aber ökonomische Folgen des
Feudalismus hielten sich dort um so länger. Die Aufhebung
der Leibeigenschaft und Erbunterthänigkeit ist längst voll-
zogen, — die Schaffung eines wirklichen Bauernstandes mit
Grundeigenthum aber um so schwieriger geworden. „Free
trade in Land** verlangen heute Cobden's Schüler — wir
sehen, dass diese Frage, zu deren Lösung das 19. Jahrhundert
berufen scheint, gleich den meisten grossen socialen Fragen
der Gegenwart, um die Mitte des vorigen Jahrhunderts bereits
geboren war*).
Arthur Toong, Political Arithmetic*, added a memoir on the com
trade by gOTemor Townall. London 1774; und
E. Nasse, Mittelalterliche Feldgemeinschaft und Einhegungen des
16. Jahrhunderts in England. Bonn 1869;
die für weitere Studien über diesen Gegenstand wichtig sind.
^) Es handelt sich offenbar um zwei Fragen:
1. um Einrichtungen, die den Landerwerb erleichtem und dadurch die
Concentration des Gmndbesitzes vermindem;
2. um Einrichtungen, welche das Hecht der Pächter bessern, diese sichem
und zu Meliorationen befähigen.
FOr Jeden, der radicalen Umwälzungen abhold ist, müsste die zweite
Frage als die zur Zeit praktisch wichtigste erscheinen, umsomehr, als gut-
situirte Pächter auch einen starken und gesunden Bauernstand repräsen-
tiren können und die Allgemeinheit des Pachtsystems die bei uns so be-
klagenswerthe Ueberschuldung der landwirthschafttreibenden Gmndbesitzer
erschwert. S. darüber W. E. Bear: The Relations of Landlord and Tenant 1876
(Cobden Club Brochüre). üeber das bestehende Recht in Bezug auf Gmnd-
eigenthum und seine Vererbung sind die Four Reports on Real Property
1829, 1830, 1832 und 1833 zu vergleichen. — Es geht daraus hervor, dass
in einzelnen Theilen Englands das Primogeniturerbrecht ^nicht besteht,
dass das Recht äusserst verwickelt und den Rechtsgelehrten selbst theil-
weise unklar ist; dass insbesondere der gänzliche Mangel öffentlicher
Grundbücher eine schwer empfundene Quelle von rechtlichen Schwierig-
keiten ist (s. report 2). Interessant sind auch die Auseinandersetzungen
im 3. report über die verschiedenen Arten von Land tenure und der Grund-
satz, dass formell kein Unterthan Gmndeigenthümer sein kann, son-
dern Jeder einen superior Lord haben muss — eine feudale Anschauung,
8 Einleitong.
Der grosse Gnindbesitz — oder wie wir wohl sagen
können — der erbliche gi'undbesitzende Adel hatte also bei
allem Wandel der politischen Verhältnisse ökonomisch nicht
verloren, vielmehr seinen Besitz auszudehnen und zu be-
festigen gewusst. Auf Ginindlage dieses Besitzes trug er
schwei-e politische Lasten — er besorgte unentgeltlich die
locale Verwaltung und die Arbeit im Parlament Es bleibt
ein grossartiges Verdienst dieses Standes, dass er sich der
höheren Pflichten der höheren Stellung immer bewusst blieb,
dass die Selbstverwaltung eine wahrhaft staatliche war und
nicht einmal bis zur Decentralisation der Gesetzgebung, zur
Autonomie der einzelnen Theile des Staats, geschweige denn
zur Staatsauflösung fahrte. Der heri-schende Landadel hatte
auch fiilhzeitig gelenit, den reichlichen Genuss gewerblicher
Producte unnützer Beherrschung unthätiger Unfreien voi-zu-
ziehen. Er zog die Mitwirkung bei der Regierung eines
gi*0S8en Landes der selbständigen Tyrannei in einem kleinen
Bauemreiche vor — er bedrohte auch die Freiheiten des
Volks im Ganzen nicht; er schützte sie vielmehr und beförderte
den Aufschwung des Wohlstandes im ganzen Reiche durch
eifrige Pflege aller wirthschaftlichen Interessen.
§ 2. Handelspolitik.
So gross diese englische Aristokratie, namentlich gegen-
über dem gleichzeitigen französischen Adel dasteht — den-
die einmal tief eingelebt ist, und ob sie gleich ihre volle Bedeutung im
alten Sinne nicht mehr hat, doch noch allerlei practische Consequenzen
nach sich zieht, z. B. darin, dass die Grenze zwischen Rechtsverhältnissen,
die nach unserer Auffassung Eigenthum und solchen, die Erbpacht sind,
sehr schwer zu ziehen ist Die erwähnten reports halten den Zustand
im Allgemeinen für gut, schlagen nur Detailreformen vor, und verzichten
gänzlich auf radicale Reform. Man darf auch an diesen Zustand bei einem
durchweg aristokratisch empfindenden Volk nicht ohne Weiteres unseren
Maassstab anlegen. Ueber das Festhalten der Engländer an ihren historisch
gewordenen Institutionen vergl. Bemhardi, Versuch einer Kritik der
Gründe f&r grosses und kleines Grundeigenthum. Petersburg 1849 — ein
noch heute nicht übertroffenes wissenschaftliches Werk über diese Fragen.
Handelspolitik. 9
noch yergass auch sie nicht, gelegentlich ihre HeiTSchaft im
Staate im einseitigen ökonomischen Standesinteresse auszu-
beuten. So sehen wir, dass sie das Aussterben eines bäuer-
lichen Grundeigenthttmerstandes , dessen Existenz f&r den
Staat von der höchsten Wichtigkeit ist, nicht hinderte, sondern
in ihrem Interesse förderte. Sie that noch mehr: Sie ver-
schaffte und erhielt sich Kornzölle. Der Adel begnügte sich
doch nicht allein mit der Ehre im Staate zu hen*schen und
den Erwerb der Kaufleute und Industriellen durch Schutzzölle
und Schifffahrtsgesetze zu fördern — er suchte gleichzeitig
auch die Pachtrente der eigenen Güter künstlich zu steigern.
Das freiheitliebende und freiheitgewohnte englische Volk
begehrte nach keiner Colbert'schen Gewerbepolitik im In-
nern des Landes; aber gegenüber dem Auslande und den
eigenen Golonien entwickelte es die Grundsätze der merkan-
tilistischen Politik bis zum vollendetsten Maasse, so dass nicht
mit Unrecht die heutigen Schutzzöllner in anderen Ländern
auf die grosse Jugend des englischen Freihandelssystems hin-
weisen.
Diese merkantilistische Schifffahits- , Zoll- und Colonial-
politik war aber durch die Komzölle zu einem höchst künst-
lichen Bau gegenseitiger Benachtheiligungen und Begünsti-
gungen umgestaltet, für den schliesslich die Frage dringend
werden musste, ob die Gesammtvortheile oder die Gesammt-
nachtheile überwogen. Diese Frage hat eine spätere Zeit
(1846) beantwortet resp. gelöst. Hier interessirt uns nur, in
Kürze zu sehen, dass und wie die regierende Gentry nicht nur
politischen Ehrgeiz, sondern auch Erwerbssinn besass.
Die merkantilistische Politik Englands setzte sich zu-
sammen aus den Navigations-, den Zollgesetzen, der Colonial-
politik und den damit zusammenhängenden Rechten der privi-
legirten Compagnien.
Seit 1381 hatte man begonnen, den Handel nach England
und aus England auf englische Schiffe zu beschränken; unter
Elisabeth wurde das Verbot der Einfuhr auf fremden Schiffen
in einen Zoll verwandelt. Es folgte die berühmte Navigations-
10 Einleitung.
acte von 1651, welche hauptsächlich den Zwischenhandel der
Holländer zu veniichten und ihm gegenüber die Selbständig-
keit des englischen Seehandels zu befördern bestimmt war.
Das Hauptgesetz war dann das Statut 12. KarFs II. Cap. 18
(aus dem 12. Regierungsjahr Karl's H., vom Tode KarFs I.,
1649, an gerechnet) von 1660, dem noch Zusätze folgten.
Dieses Gesetz bestand bis zu Anfang unserer Periode in voller
Kraft, und erst der amerikanische Unabhängigkeitskrieg ver-
anlasste die ersten Abschwächungen , nach denen sich sehr
langsam die allmälige Abschaffung entwickelte.
Adam Smith selbst gesteht zu, dass die Navigationsgesetze
die eine gute Folge gehabt hätten, dem Lande eine starke
Kriegsmarine zu verschaffen, die dann mittelbar durch den
gewährten Schutz auch der Handelsmarine vortheilhaft war.
Unleugbar haben politische Motive, Streben nach selbständiger
unanfechtbarer Macht des Vaterlandes bei der Ermessung und
Erhaltung dieser Gesetze mitgewirkt. Ebenso gewiss aber
waren dieselben zugleich rein handelspolitischen Motiven ent-
spiiingen, wie denn in dieser Zeit das Streben, die Handels-
blüthe des eigenen Landes im Gegensatz zu anderen Staaten
zu heben, überhaupt untrennbar mit dem Streben nach poli-
tischer Macht zusammenhing und die Handelsinteressen als
solche in der Politik vielfach eine dominirende Stellung ein-
nahmen. Auch dürfen wir wohl Adam Smith gegenüber be-
haupten, dass die Navigationsgesetze ihrerzeit dem Auf-
blühen des englischen Seehandels direet gedient haben. Aehn-
lich wie Schutzzölle wirkten sie als ein Lehrgeld, welches die
Nation zahlte, um in Bezug auf SchiflTbau und Schifffahrt den
übermächtigen Holländeni schneller ebenbürtig zu werden, und
sie zuletzt in Folge der grösseren natürlichen Hülfsquellen des
Landes zu überflügeln.
Nach dem Gesetz von 1660^) wurde zur inländischen
Küstenfahit kein Schiff zugelassen, das nicht englisches Eigen-
^) Näheres darüber mit Quellenangabe bei Kleinschrod, Grossbritan-
niens Gesetzgebung über Gewerbe, Handel und innere Communications-
mittel 1886; darin jedoch viele Fehler in den Verweisungen.
Handelspolitik. H
thum ist, von einem Engländer geführt und wenigstens zu %
von Engländern bemannt ist; nach späteren Bestimmungen
musste es auch bei Strafe eines Zolls in England gebaut sein.
Der Handelsverkehr mit den anderen europäischen Staaten
wurde dahin noimirt, dass Einfuhr nach England theils nur
auf englischen Schiffen gestattet war, theils die Einfuhr auf
fremden SchilTen den Fremdensteuern unterlag. Gewisse Artikel
durften wegen des Zwischenhandels nach dem Gesetz von 1662
von den Niederlanden und Deutschland nach England gar
nicht gebracht werden.
Von Afrika, Asien und Amerika durften alle Güter nur
auf englischen SchilTen und direct von den Ländeni des Ur-
spinings importirt werden. Aller Ein- und Ausfuhrhandel mit
englischen Colonien war auf englische (und in den Colonien
selbst gebaute aber englisch bemannte) Schiffe beschränkt
Nicht naturalisirte Fremde durften in den Colonien nicht
Handel treiben, mehrere wichtige Artikel duiften nur direct
nach England oder englischen Colonien gebracht werden.
Nach den Colonien durften nach dem Gesetz 15. KarPs H.
Cap. 7 (1663) europäische Waaren nur von England aus im-
portirt werden.
Der Handel mit den Colonien war aber nicht nur in der
angegebenen Weise allgemein beschränkt, sondern auch noch
speciell durch die Privilegien von Handelscompagnien, von
denen die ostindische im Anfang des vorigen Jahrhunderts
nach langem Kampfe mit dem Parlament, das dem Monopol
nicht günstig war, ihr Privilegium gesichert hatte.
Monopolisirte Handelsgesellschaften waren eine Einrich-
tung, die zwar im allgemeinen Geiste des Merkantilsystems
begründet war, insofern sie Gelegenheit gab, durch specielle
Regierungsmaassregeln den Handelsgeist anzusponien, die aber
in England weniger populär war, weil sie nicht alle Eng-
länder gegenüber dem Auslande, sondern einen Theil der
Engländer gegen den andern schützte. Dennoch wurde im
Jahre 1701 die Südseegesellschaft privilegirt, die 1720 schmäh-
lich zusammenbrach und die schon 1600 gegründete ostindische
12 Einleitang.
Ciompagilie wurde die grösste monopolisirte Handelsgesell-
schaft, welche die Welt gesehen hat Die Geschichte dieser
Gesellschaften ist sehr lehrreich, zunächst weil sie der factische
Ausgangspunkt unseres modei-nen Actienwesens sind, dann
aber insbesondere deshalb, weil sie zeigen, wie Monopole von
Privaten nur eine yoiübergehende Berechtigung haben und
schliesslich sich entweder selbst ruiniren, oder aber vom Staate
als ein Staat im Staate nicht mehr geduldet werden können.
Wir gehen auf die Geschichte resp. Aufhebung der ostindischen
Compagnie nicht näher ein; es genügt hier zu erwähnen,
dass auch diese merkantilistische Einrichtung England im
vorigen Jahrhundert nicht fremd war, wenngleich das Parla-
ment zumeist aus politischen Giilnden die durch königliche
Praerogative geschaffenen Monopole stets bekämpfte^).
Was Zölle betrifft, so bestanden solche in England ebenso
wie in anderen Ländern schon fiilhzeitig im Mittelalter; ein
entschieden protectionistischer Charakter derselben zu Gunsten
der inländischen Gewerbe trat zunächst unter Eduard IV. her-
vor : 1464 wurde — nachdem schon früher der Waarenhandel
ausländischer Kaufleute verboten worden war, der Import von
Tuch aus allen Ländern und der Import von allen Waaren
ausser Lebensmitteln aus den Ländern des Herzogs von Bur-
gund verboten. Es folgten später unter Karl IL und Georg I.
zusammenfassende Tarifirungen, aber, da daneben beständig
eine Masse specieller Zölle aufgelegt wurde, so war das Zoll-
wesen keineswegs so einfach und systematisch regulirt, wie
das Schifffahrtswesen. Eine solche Regulirung erfolgte erst
1787 durch Pitt's Consolidationsacte. Indessen kann man
sagen, dass lange vor Anfang unserer Periode wohl der
Geist des Merkantilsystems bis zum Uebermaass im eng-
lischen Zollwesen herrschend war. Es war der Handelsbilanz
^) Siehe Macatday, Geschichte England, Cap. 19. Wichtig ist in
Bezug auf Monopole aUer Art insbesondere: An Act conceming Mono-
polies and Dispensations , 21. James L G. 3 (1623). AHe Licenzen und
Patentbriefe, «für das alleinige Recht des Kaufs, Verkaufs, der Pro-
duction oder des Gebrauchs Yon irgend Etwas im Königreich*' werden
für absolut nichtig erkl&rt
Handelspolitik. 13
ZU Ehren die Einfuhr überhaupt, zum Schutze der inländischen
Industrie die Einfuhr fremder Manufacte aufs Aeussei'ste be-
schränkt, die Ausfuhr inländischer Rohproducte vielfach ver-
boten, dagegen die Einfuhr gewisser wichtiger Rohmaterialien
und die Ausfuhr von Manufacturartikeln prämiirt. Es sollten
dem inländischen Gewerbe billige Rohstoffe, ausschliesslicher
Absatz im Innern des Landes, gewinnreicher Absatz pach dem
Ausland gesichert werden.
Zu den Rohstoffen gehört nun ganz unbedingt auch das
Getreide, und die Industriellen haben an billigem Getreide
wegen der Löhne und ihres Einflusses auf die Productions-
kosten das höchste Interesse. Dem merkantilistischen System
entspricht daher Ei-schwerung der Getreideausfuhr, Erleichte-
rung der Einfuhr.
Freilich sind von allen merkantilistischen Maassregeln nur
die Einfuhrzölle auf Manufacte in der beabsichtigten Weise
wirksam gewesen. Die auf die Ausfuhr bezüglichen Maass-
r^eln hielten der Erfahmng gegenüber weit weniger Stand.
Und was Ausfuhrerschwerungen von Getreide speciell betrifft,
so ist klar, dass solche bei guten Ernten dem Inlande nur
schaden, bei schlechten Ernten aber wegen der natürlichen
Repressalien anderer Länder erst recht verderblich werden
müssen. Kurz, da die Getreideernten nach Art und Zeit ver-
schieden ausfallen, und es in der Natur der Dinge liegt, dass
das Land mit jeweilig günstiger Erate dem mit schlechter
Ernte aushilft, so ist das Getreide unter allen Waaren die-
jenige, für welche voller Freihandel zu allen Zeiten und unter
allen Verhältnissen dem Bedürfniss der Bevölkerung am un-
bedingtesten entspricht, bei der jede künstliche Handels-
beschränkung stets direct oder indirect mehr Nachtheil als
Vortheil bringt.
Indessen solche Erwägungen waren es nicht, die in früheren
Jahrhunderten in England einen Ausschluss des Getreides von
der allgemeinen merkantilistischen Zollpolitik m Bezug auf
Bobstoffe bewirkten, und die eigenthümliche Behandlung des
Getreides war keineswegs eine freihändlerische.
1360 war Kornausfuhr, ausser in besonderen Fällen, ver-
14 Einleitung.
boten, 1394 wurde sie allgemein, ausser nach mit England in
Feindschaft lebenden Staaten, erlaubt. Dies wurde 1494 be-
stätigt, jedoch so, dass die Ausfuhr in bestimmten Fällen zum
Vortheil des Landes beschränkt werden konnte und 11 Jahre
später wurde die Ausfuhr von dem Preise des Getreides ab-
hängig gemacht.
Waren die bisherigen Ausfuhi-erleichterungen mehr durch
das Agiiculturinteresse als durch Freihandelsideen durchgesetzt,
so wurden diese Anfänge auch nicht zur baldigen Durchsetzung
vollständigen Freihandels mit Getreide weiterentwickelt, son-
dern 1463 gelang es, die Einfuhr fremden Korns zu verbieten,
so lange der Preis des Korns nicht im Inlande eine bestimmte
Höhe erreicht hatte. Es wurde also der inländische Grund-
besitz gegen zu starkes Sinken dei- Getreidepreise geschützt
Trotz einiger Schwankungen in der Gesetzgebung der
folgenden hundert Jahre stand seit Elisabeth das Princip
freier Getreideausfuhr innerhalb gewisser Grenzen fest.
Wenn auch die Getreidepreise, bis zu deren Erreichung
die Ausfuhr gestattet war, wechselnd normirt und dem Weizen
zugleich Ausfuhrzölle auferlegt waren, so wurden doch die
Einfuhi-zölle auf Getreide sehr hoch normirt und fielen nur bei
exorbitant hohen Getreidepreisen ganz weg.
Gewiss war bei vielen Vertheidigern dieses Systems der
Gedanke lebendig, es sollten dadurch gleichzeitig die Interessen
der Getreideproducenten und Consumenten befriedigt, eretere
gegen zu niedrige, letztere gegen zu hohe Preise geschützt
werden. Abgesehen aber davon, dass man zwar den kleinen
und mittleren Getreidebauer heben wollte, bei dem eng-
lischen Landsystem aber die gegen zu niedrige Getreidepreise
geschützte Pei-son immer mehr nicht der Bauer, sondern der
Gnindbesitzer war, so ist klar, dass dadurch der durchschnitt-
liche Getreidepreis erhöht, sehr häufig ein Preis hervorgebracht
wurde, der höher war, als er bei vollem Freihandel gewesen
wäre, fast nie einer, der niedriger war, als der Preis bei
vollem Freihandel. Es konnten dadurch nur die Differenzen
zwischen dem höchsten und niedrigsten Preis gemildert wer-
den , indem das mögliche Minimum der Preise erhöht wurde.
Handelspolitik. 15
während man eine Steigemng des bei Freihandel möglichen
Maximums der Preise nicht zuliess. Das System begünstigte
das Agriculturinteresse in den meisten Fällen; das Interesse
der Consumenten wurde nur gegenüber absolutem Einfuhr-
verbot oder beständigen hohen Einfuhrzöllen und gegenüber
unbedingter einseitiger Ausfuhrfieiheit, nicht gegenüber dem
Freihandel begünstigt, da das Ausfuhrverbot bei einer ge-
wissen Höhe des Preises auf immer höhere Preise beschränkt
wurde und die Ausfuhrzölle niedrig waren.
Die einseitige Begünstigung des Landbauer- oder richtiger
Grundbesitzer-Interesses tritt noch deutlicher in den Weizen-
ausfuhr-Prämien des Jahres 1689 hervor, die bis 1773 be-
standen. Sie wurden allmälig bei der Lage der inländischen
Nachfrage nutzlos, da aber die Einfuhrzölle um so mehr aus-
gebildet wurden, so kam die Begünstigung des Landinteresses
durch das KomzoUsystem im Jahre 1815 auf den höchsten
Punkt.
Die Koi-nzöUe haben später die eigentliche Veranlassung
zur vollständigen Abschaffung des gesammten Protectivsystems
gegeben. Dies geschah freilich in einer Zeit, wo die industriellen
Schutzzölle den englischen Industriellen ganz werthlos geworden
waren, während ihnen die Kornzölle entschieden schadeten.
Aber ganz abgesehen von dieser Lage der Dinge in der Zeit
von 1839 — 1846, wird man unbedingt zugestehen müssen, dass
industrielle Schutzzölle die inländische Industrie auf Kosten
ihrer Consumenten, d. h. auf Kosten des vom Ackerbau leben-
den Theils der Bevölkerung begünstigen, und dass Zufügung
von Konizöllen zu den Industriezöllen die Wirkung der letz-
teren wieder ausgleicht, indem Kornzölle die Ackerbauer auf
Kosten der Industriellen begünstigen. Diese Combination war
sonach geeignet den natürlichen Interessengegensatz zwischen
Grundbesitz und Industrie aufs Aeusserste zu schärfen, zu-
gleich aber vor Allem dazu, dem objectiven Beobachter das
gesammte Schutzzollsystem als einen inneren Widei-spruch er-
scheinen zu lassen. Man begünstigte die Industriellen; aber
als man einsah, dass man dieselben nicht einseitig begünstigen
dürfe, ermässigte man die Begünstigung nicht, sondeni er-
IG Einleitung.
gänzte sie durch eine Beschädigung auf anderer Seite. Jeder
der beiden Stände war begünstigt und beschädigt zugleich.
Da der Mensch im Allgemeinen sein Interesse als Producent
stärker empfindet, als sein Interesse als Gonsument, so konnte
Vdas System dem kurzsichtigen Egoismus beider Stände lange
schmeicheln. Für das Staatsganze aber wai'en die Kosten der
Aufrechterhaltung des verwickelten Systems jedenfalls ein
Nachtheil und die grundbesitzende Gentiy untergrub ihre
politische Stellung, indem sie den Interessen der Gewerbe-
treibenden nicht nur diente, sondeiii damit wetteiferte.
Lange Zeit konnte der allgemeine Glaube, dass Be-
einflussung der Preise durch die Zollpolitik im allgemeinen
Interesse nothwendig sei, den kui-zsichtigen Egoismus der
Grundbesitzer entschuldigen, resp. ihnen selbst ihre inter-
essirten Motive verhüllen, ähnlich wie auch die Jagdgesetze
zu Gunsten der reichen Gnindbesitzer durch die Pflicht des
^Staats, die Armen zur Arbeit anzuhalten und von luxuriösen
Vergnügungen abzuhalten, gerechtfertigt werden konnten. Am
Ende des vorigen und im Anfang dieses Jahrhunderts jedoch
konnte über das Vorhandensein solcher Motive kein Zweifel
mehi' herrschen.
§ 3. Die unteren Glassen.
Was die Gesetzgebung über das Verhältniss gewerblicher
Arbeiter zu ihren Arbeitgebern angeht, so war an derselben
die regierende Gentry wenigstens in Anbetracht der land-
wirthschaftlichen Arbeiter direct interessirt, indirect aber
durch den Zusammenhang des gewerblichen und des Arbeiter-
rechts mit dem Annenrecht. Wir werden sehen, dass die
regierende Gentry diese wichtigsten Theile der socialen Ge-
setzgebung und Verwaltung durch Nachlässigkeit verkommen,
und auf dem Gebiete des Annenrechts speciell sich schwere
Fehler zu Schulden kommen Hess.
Das Gewerbe- und Arbeiterrecht beruhte zu unserer Zeit
noch auf der Gesetzgebung der Elisabeth. Diese Gesetz-
Die unteren Classen. 17
gebung ^) war zumeist eine Codificiioing älterer Gesetze und
Statuten, und strebte im Geiste des die Staatseinheit vertreten-
den Königsthums allen Ständen und Parteien gerecht zu wer-
den; doch ist nicht zu verkennen, dass von dem Geiste des
älteren Rechts, das in Erinnerung an die alte Unfreiheit den
vermögenslosen Arbeiter als ein im allgemeinen Interesse zum
Arbeiten verpflichtetes Wesen behandelte, noch deutliche
Spuren in der Gesetzgebung der Elisabeth übrig geblieben
sind, wenn auch einseitige Härte gegen das Proletariat ei-st
im Laufe der Zeit schärfer hervoiirat.
Blackstone, wenngleich englisch conservativ, war doch von
den Ideen des Individualismus und des Staatsveiirags wesent-
lich beeinflusst. So sagt er Buch I, Gap. 1: „Die absoluten
Rechte jedes Engländers, die man im politischen und weiteren
Sinne des Worts gewöhnlich Freiheiten nennt, bei-uhen auf
Natur und Vernunft und sind von gleichem Alter mit unserer
Verfassung Die durch vei-schiedene Gesetze definiiten
Rechte bestehen aus einer Reihe pei^sönlicher Freiheiten, die
in der That nichts Anderes sind, als entweder jener Rest
natürlicher Freiheit, den die Gesetze der Gesellschaft dem
allgemeinen Interesse nicht zu opfeni brauchen, oder aber
solche bürgerliche Privilegien, welche die Gesellschaft an
Stelle der von den Individuen aufgegebenen natürlichen Frei-
heit begründet hat. Sie waren einst durch Erbschaft oder
Kauf die Rechte aller Menschen. In den meisten anderen
Ländern aber wurden sie mehr oder weniger beschränkt und
zei*stört, so dass sie jetzt als die eigenthümlichen Rechte des
englischen Volks betrachtet werden können. Man kann sie
in drei principielle Hauptpunkte zusammenfassen: Das Recht
der pereönlichen Sicherheit, der persönlichen Freiheit und des
Privateigenthums."
*) Siehe Sir Frederic Eden, Biirt., The State of the Poor, London
1797, 3 Bände; ferner John Wade, History of the middle and working
elasses. London 1885. Kleinschrod , Grosshritanniens Gesetzgebung etc.
1886. Brentano, Das Arbeitsverhältniss 1877 und Brentano, Arbeiter-
gilden 1871. S. auch Blackstone, Commentaries on the laws of England.
4 Bände, namentlich Band 1 u. 4. Ich benutzte die 15. Auflage,
London 1809
Held, Soc. Gesch. Engl. 2
18 EiuleituDg.
In dieser Blackstone'schen Zusammenfassung ist der Be-
grifr der „persönlichen Freiheit" sehr der Erklärung bedürftig.
Es stellt sich bei dieser Erklärung heraus, dass die pei*sön-
liche Freiheit sehr beschränkt werden kann — nur nicht
durch Willkür. Ihr wesentlicher Inhalt ist der, dass Niemand,
ausser auf Grund eines Gesetzes, verhaftet und ausser
Landes verwiesen werden kann , und dass in England keine
Alt von Sklaverei geduldet ist (Buch I. Cap. 14). Keines-
wegs aber liegen in diesem Recht der pei-sönlichen Freiheit alle
diejenigen Rechte, die wir heute in den Worten „Freizügig-
keit und Gewerbefreiheit" zusammenzufassen pflegen.
Die Freizügigkeit war vielmehr zunächst durch das mit
dem Armenwesen zusammenhängende Niederlassungsrecht be-
schränkt, dann aber durch den Zwang zur Arbeit, der gegen
unbeschäftigte Vermögenslose geübt wurde.
Dieser Arbeitszwang war nicht etwa nur ein indirecter
durch Vereagung von Armenunterstützung, kann auch nicht
als exceptionelle Polizeimassregel gegen gefährliche Vagabunden
aufgefasst werden — er war eine principielle Freiheits-
beschränkung im Interesse der allgemeinen Ordnung und der
Production.
Blackstone unterscheidet Buch I. Cap. 14 vier Arten von
Arbeitern, die er noch servants (Diener) nennt — ein Aus-
dmck, der erst durch die neueste Gesetzgebung (employei-s
and workmen act von 1875) aus der officiellen Terminologie
verschwunden ist. Die vier Arten von Arbeitern, resp. „An-
gehörigen der dienenden Klasse "^ sind:
1) Hausgesinde (menial servants),
2) Lehrlinge (apprentices),
3) Arbeiter, die auf Tage oder Wochen gedungen sind
und nicht im Hause des Dienstherrn wohnen,
4) höhere Arbeiter als Aufseher, Faktoren, Verwalter.
Es können nur unverheirathete zwischen 12 und 60, ver-
heirathete Männer unter 30 Jahren, Frauen zwischen 12
und 40 Jahren, wenn ohne sichtliche Unterhaltsmittel, zum
Gesindedienst in Landwiithschaft oder gewissen Gewerben ge-
zwungen, Armenkinder können zwangsweise als Lehrlinge
Die unteren Classen. 19
untergebracht, alle Pei*sonen ohne Mittel können zur Arbeit
g^en obrigkeitlich festgestellten Tagelohn gezwungen werden,
und trotz des entgegenstehenden Common Law haben nur
Personen, die eine 7 jährige Lehrzeit durchgemacht haben, das
Recht zu selbständigem Betrieb der betreffenden Gewerbe.
Das Aimenrecht beioihte auf dem Grundsatz , dass jeder
Arbeitsfähige zur Arbeit angehalten, jeder Arbeitsunfähige aus
Gemeindemitteln unterstützt werden solle. Das Armenwesen
ist in England mehr als in irgend einem anderen Lande eine
Fi-age von höchster politischer und socialer Bedeutung. Wäh-
rend in Frankreich noch heute die Aimenunterstützung der
Hauptsache nach milden Stiftungen der verschiedensten Art
obliegt und die öffentliche Armenpflege der Gemeinde dem
Nationalgeist widerstrebt — während in Deutschland die
Armenpflege in ländlichen Gemeinden noch vielfach höchst
patriarchalisch, in einzelnen Städten (Elbeifeld, Crefeld) aber
in mustergültiger Weise durch Combination freiwilliger Kräfte
und öffentlicher Mittel geregelt ist — ist in England die
Aimenfrage seit der Sekularisation des Kirchenguts unter
Heinrich VHL bei der geringen Zahl ländlicher Besitzer und
der Masse des industriellen Proletariats der wichtigste Zweig
der lokalen, d. h. überhaupt der inneren Verwaltung des
Landes, und hängt mit dem Arbeiterrecht in der maass-
gebendsten Weise zusammen ^).
Der Arbeitszwang und die Armenunterstützung wurden
nach alleiniger Maassgabe des allgemeinen Staatsgesetzes durch
die Organe der lokalen Selbstverwaltung, aus Gemeinde-
mitteln geleistet. Die Last fällt auf die Haus- und Grund-
besitzer der Gemeinden, die Vertheilung der Last unter ver-
^) Siehe hierzu ausser den oben aDgegebenen Werken:
Eries, Die Englische Armenpflege, Berlin 1863. Kleinschrod, Pau-
perism in England, Regensburg 1845. Gneist, Selfgovernment in Eng-
land, Berlin 1871. Emminghaus , Armenwesen und Armengesetzgebung in
europäischen Staaten, Berlin 1870. Sir George Nicholls, A History of
the English Poor Law, 2 Bde. London 1854. Das Hauptwerk für Ge-
schichte des Armenrechts ist Eden, s. oben, Seite 17, Anmerkung 1.
2*
20 Einleitung.
schiedenen Gemeinden wird durch das Niederlassungsrecht
regulirt, welches in einer Unmasse von Fällen zwangsweisen
Rücktransport des Armen in die Heimathgemeinde gestattete,
resp. vollschrieb; also schon dadurch, dann aber auch durch
die Furcht eines solchen Transports die Freizügigkeit aufs
stärkste beschränkte.
Die Lehrlingsgesetzgebung und die Lohnregulirungen
waren eine Codificiining des Geistes der älteren, vielfach in
zünftischen Statuten verköi-perten Gesetze. Die gewerbliche
Ordnung wurde in England frühzeitig auf Staatsgesetz basirt
und ihre Durchfühiiing der Hauptsache nach staatlichen
Organen anvertraut ^).
Nach dieser kurzen Schilderung des allgemeinen Charaktere
der gewerblichen Zustände, des Armen- und Niederlassungs-
rechts mag es gestattet sein, die wichtigsten darauf bezüg-
lichen Gesetze theilweise im Auszug aufzuführen.
§ 4. Arbeitergesetze.
Die allgemeine polizeiliche Gesetzgebung für freie Arbeiter,
die mehr und mehr an Stelle der Leibeigenen getreten waren,
beginnt mit dem Statute of Labourei-s von 1350 (25. Eduard HL
abgedruckt bei Eden, Appendix CXLVII), das 1360 vom
Parlament bestätigt wurde, und dem bald viele andere
Regulirungen in ähnlichem Geiste folgten. Das Statut war
gegen die Trägheit und die hohen Lohnforderungen der durch
die Pest von 1349 stark decimirten freien Arbeiter gerichtet ^),
^) Die Zunflstatuten bedürfen nach 19. Henry VII. c. 7. obrigkeit-
licher Genehmigung und sind nichtig, „wenn sie den Landesgesetzen wider-
sprechen^. S. unten im Abschnitt über die Grossindustrie, Cap. 1. Si 1.
2) Die Anfangsworte von 25. Eduard III. stat. 1 lauten : Come nadgairs
contre la malice de senrantz queux furent pareissouses et nient villantz
servir apres la pestilence sanz trop outrageouses lowers prendre feut
ordine par nostre Seignur le Roi et par assent des Prelatz Nobles et autres
de Bon conseil qe tieux maners de senrantz sibien hommes come femmee
fussent tennz de servir receyrantz salaires et gages accustumez es Heus
DU ils deveront servir lan du regne le dit nostre Seignur le Roi vintisme
Arbeitergesetze. 21
m
gebot den Arbeitern, jedem Arbeitgeber zu dem vor der Pest
fiblichen Lohn zu dienen und suchte zugleich eine dauernde
richtige Vertheilung der Arbeiterbevölkerung im Lande zu
sichern. 1360 wurden auf Uebertretung des Statuts Strafen
von 14 Tagen Gefängniss und Brandmarkung gesetzt und
Combinationen der Maurer und Zimmerleute für nichtig er-
klärt. Es folgten Arbeiterluxusgesetze und 1388 ein neues
zusammenfassendes Arbeitergesetz (12. Richard II. c. 9), das die
alten. Statuten bestätigte und einschärfte und zugleich starke
directe Beschränkungen der Freizügigkeit und der Freiheit
des Uebeigangs von der Landwirthschaft zum Gewerbe brachte,
indem Arbeiter ihren Wohnort nur mit ftiedensrichterlichem
Erlaubnissschein verlassen durften und Niemand mehr gewerb-
licher Lehrling werden durfte, der bis zu seinem 12. Lebens-
jahre in der Landwirthschaft gedient hatte — eine Bestim-
mung, die nachmals, weil ländliche Arbeiter ihre Kinder
massenhaft vor dem 12. Jahre in Städte schickten, noch ver-
schärft wurde.
Daraus und aus der Bestimmung, dass Lehrlinge in den
Gewerben zur Enitearbeit gezwungen werden können, ist
deutlich zu erkennen, dass diese ältere Gesetzgebung noch
keineswegs von der vorherrschenden Tendenz die Schwachen
zu schützen erfüllt war, sondern vor Allem den Interessen
des ritterlichen Grundbesitzes diente — nicht unbegreiflich
in einer Zeit, wo die Aufhebung der Leibeigenschaft ein uudis-
ciplinirtes Proletariat erzeugt hatte.
In 7. Henry IV. c. 17 (1405) tritt nun die Tendenz, dem
Grundbesitz Arbeiter zu sichern, noch schärfer hervor, indem
allen Leuten, die nicht Land oder Rente von mindestens
20 Schilling Jahreswerth haben, verboten wird, ihre Kinder
als Lehrlinge in ein städtisches Gewerbe zu geben, was 1429
für London aufgehoben wurde und 1495 für Norwich.
oa cynk ou sis annz devant et qe mesmes les servantz refusantz servir par
Autide manere fiiissent punys par emprisonement de lour corps sicome en
mesme lordenance est contenuz plus au playn sur quoi commissions
fiirent faites as diverses gentz en chescun counte denquere et punir touz
ceux qi venissent au contraire. (Besserer Text wäre zu wünschen.)
22 EinleitoDg.
In dem Gesetz von 1388 wurden die Löhne der länd-
lichen Arbeiter neuerdings festgesetzt. Auf das Geben
und Nehmen eines die gesetzlichen Bestimmungen über-
steigenden Lohnes waren hohe Geldstrafen gesetzt. Im fol-
genden Jahre 1389 trat an die Stelle der gesetzlich fixir-
ten Löhne die Beguliiomg durch die Friedensrichter zu Ostern
und Michaelis^); dabei wurden 1416 und 1427 die Strafen
auf das Geben eines höheren Lohnes aufgehoben, nur die
auf das Nehmen beibehalten, so dass der Arbeitgeber, der den
höheren Lohn selbst gab , gegen seine Arbeiter einseitig ein-
schreiten konnte. Im 15. und 16. Jahrh. wurden aber doch
die Löhne noch mehrmals durch Gesetz bestimmt, so 1444*),
1496, zuletzt 1514. Seit 1562 ist die Lohnregulirung durch
die Friedensrichter als alleinige Regel festgestellt Mit der
obrigkeitlichen und gesetzlichen Feststellung der Löhne gingen
Taxen für die Preise der Lebensmittel Hand in Hand —
eine Einrichtung, welche die Tendenz dem Volke billige
Nahrung zu sichera, anzeigt. Wir haben gesehen, wie diese
Tendenz auf dem Gebiete des auswärtigen Handels mit Korn
allmälig dem Gmndbesitzerinteresse weichen musste.
Was den inländischen Handel mit Lebensmitteln betrifft,
so entwickelte sich die obrigkeitliche Tarifiiomg derselben
namentlich von Brod und Bier (Assizes of Bread and Ale) nach
Gneist seit dem 14. Jahrhundert. Diese Tarifirungen waren
ein nothwendiges Correlat der Lohnfestsetzungen. Es ist
charakteristisch, dass schon Eduard III. zugleich mit den
Löhnen die Victualienpreise gesetzlich feststellte, und dass
^) For as mach as a man cannot put the price of com and other
Tictuals in certain, the jostices should at Easter and Michaelmas, according
to the price of provisions, make proclamation, how much every mason,
carpenter and other workman and labourers should receive by the day
as well in harvest as at other times of the year with or without meat
or drink. (Auszug aus 13. Rieh. II. c. 8 [1389]).
* *) Es wurden aber nur Maxima festgestellt; wer weniger verdient,
soll weniger bekommen und wo nach Ortsgebrauch weniger üblich ist,
soll es dabei bleiben.
Arbeitergesetze. 23
1389 bestimmt wurde, „dass Lebensmittel Verkäufer einen bil-
ligen (reasonable) Gewinn haben sollen nach der Bestimmung
und Beschränkung durch die genannten Richter, und nicht
mehr, bei schwerer Strafe/'
Verschiedene Gesetze über Lebensmittelpreise erliess
Heinrich Vm. (1532 und 1534).
Ausserdem bezweckten Billigkeit der Victualien die Straf-
gesetze gegen das Vorkaufen der Waaren, ehe sie zu Markte
kommen (forestalling) seit Eduard IV., gegen den Wiederver-
kauf von Korn etc. auf demselben Markt oder 4 Meilen im
Umkreis und gegen das Aufkaufen grosser Getreidequantitäten
behufs Beherrschung des Markts (engrossing).
Die gesammten älteren Gesetze über Gewerbe- und Ar-
beiterverhältnisse fasste dann das beiUhmte sogenannte Lehr-
lingsgesetz, nach Gneist richtiger Arbeits- und Gesindegetz,
von 1562 (An Act containing divers Orders for Artificei*s,
Laboui'ers, Sei^vants of Husbandry and Apprentice?, 5. Eliz. c. 4.)
zusammen.
Dieses Gesetz der grossen Königin zeugt wahrhaft von
dem Geiste des erstarkten Königthunis, das über allen Ständen
und ihren Interessen stehend, auch die Schwachen stützt.
Die Einleitungsworte sind ein ernst gemeintes Progi*amm:
„Obgleich gegenwärtig noch eine grosse Menge von Ge-
setzen und Statuten bestehen und in Kraft sind, die sich auf
(las Dingen und Entlassen, die Löhnung und Behandlung von
Lehrlingen, Dienern und Arbeitern, sowohl in der Landwirth-
schaft als in vei'schiedenen anderen Künsten, Gewerben und
Beschäftigungen beziehen; so können die besagten Gesetze
doch — theils wegen ihrer Unvollständigkeit und des Wider-
spruchs, in dem einzelne derselben offenbar mit einander
stehen, und wegen ihrer Vielfältigkeit und grossen Menge,
theils aber und hauptsächlich deshalb, weil die in vielen dieser
Statuten in Maxime zugelassenen oder festgesetzten Löhne
und Salaire an verschiedenen Orten zu gering und der Gegen-
wart in Anbetracht der Preissteigerung aller von den besagten
Dienern und Arbeitern gebrauchten Waaren nicht entsprechend
sind — nicht ohne grosse Leiden und Belastung
24 EinleituBg.
des armen Arbeiters und Dienstmannes richtig
und gebührend ausgeführt werden: Und da die er-
wähnten Gesetze und Statuten zur Zeit, da sie erlassen wur-
den, für sehr gut und dem öffentlichen Wohl dieses Beichs
sehr förderlich gehalten wurden — was in der That viele
sind — kann man, wenn so der Inhalt aller Gesetze, die zur
Erhaltung geeignet sind, geordnet, in ein einziges Gesetz und
Statut zusammengefasst und so eine einzige gleichmässige
Ordnung in Bezug auf Löhne und sonstige Anordnungen für
Lehrlinge, Diener und Arbeiter festgestellt und bestimmt wird,
mit Becht hoffen, dass dieses Gesetz, wohl ausgeführt, den
Müssiggang verbannen, die Landwirthschaft er-
muthigen und den Lohnarbeitern sowohl in Zei-
ten der Theuerung als der Fülle ein geziemen-
des Maass des Lohnes gewähren wird.*'
Das Gesetz der Elisabeth besteht aus 48 Artikeln. Der
3. Artikel führt eine Beihe von 30 verechiedenen Gewerben
auf, in denen Dienstverträge mindestens auf ein Jahr geschlos-
sen werden müssen. Unverheirathete und gewisse unter
SOjähr. verheirathete Personen, die in einem jener Gewerbe
aulgezogen sind oder 3 Jahre gedient haben, können auf
Verlangen eines Meisters durch 2 Friedensrichter oder den
Mayor und 2 Aldermen zum Dienst gezwungen werden, wenn
sie nicht eine sichere Jahresrente von 40 Schilling oder ein
Vermögen von 10 Pfd. Sterl. haben, nicht in einem anderen ge-
setzlichen Dienst stehen oder eine sie beschäftigende Pach-
tung haben. Art. 4: Dienstcontracte können nur durch
Friedensrichter oder städtische Obrigkeit nach Billigkeit auf-
gelöst werden; eigenmächtiger Contractbruch ist straffällig.
Art. 6: Selbst nach Ablauf der Dienstzeit kann das Dienst-
verhältniss nur durch vierteljährige Kündigung aufgelöst wer-
den. Nach Artikel 7 können alle Personen zwischen 12—60
Jahren, die ohne Vermögen (was ähnlich wie Art. 3 normirt
ist) und in keinem der einzeln aufgezählten Gewerbe legaliter
beschäftigt sind, zum Dienst in der Landwirthschaft gezwungen
werden.
Contractbrüchige Arbeiter verfallen einer Geldstrafe (Art. 8).
Arbeitergesetze. 25
Contractbrttchige Arbeiter und solche, welche die Dienstlei-
stungen, zu denen sie nach dem Gesetz gezwungen werden
können, versagen, können durch Haft zur Arbeit gezwungen
werden (Art. 9). Kein Arbeiter darf seinen bisherigen Wohn-
ort ohne obrigkeitliches Zeugniss der Berechtigung verlassen.
Kein Arbeitgeber darf ohne solches Zeugniss einen Arbeiter
annehmen — der neue Arbeitgeber unterliegt im Uebertre-
tungsfall der Geldstrafe, der Arbeiter wird, wenn er das Zeug-
niss nicht nachträglich schaffen kann, als Vagabund behandelt.
(Art. 10 u. 11). Die tägliche Arbeitszeit von Mitte Mära bis
Mitte September wird von 5 Uhr Morgens (oder fiUher) bis
zwischen 6—8 Uhr Abends mit höchstens in Summa 2V8Stün-
digen Pausen für Essen, Tiinken und Schlaf, in den anderen
Monaten auf Tagesanbruch bis Nacht festgesetzt — bei Strafe
von 1 Penny Lohnabzug pro Stunde (12). Arbeiter, die bei
Hausbau und anderen grösseren Werken gedungen sind, dürfen
die Arbeit vor Vollendung des Werkes nicht verlassen bei
Strafe von Haft und Schadensersatz (13). Nach Art. 15 sollen
die Löhne für alle Arten von Arbeitern durch die Friedens-
richter in Verbindung mit dem Sheriff und den Stadtobrig-
keiten in einer Vereammlung unter Zuziehung von Sachver-
ständigen alljährlich festgesetzt werden. Diese Festsetzungen
mit Motiven sollen dem Court of Chancery zugesendet und dann
in den einzelnen Bezirken veröffentlicht werden. Die Obrig-
keiten, die dies unterlassen, werden mit Geldstrafe belegt
(Art. 15 — 17). Das Geben höherer Löhne wird mit Haft und
Geldstrafe geahndet, das Nehmen derselben mit (längerer)
Haft. Alle Verträge über höhere Löhne sind nichtig, Gewalt-
that und Misshandlung des Arbeitgebers oder Aufsehers wird
ebenfalls durch Friedensrichter oder Stadt obrigkeit mit langer
Haft bestraft (Art. 18—21). Alle Arten von Arbeitern können,
wenn sie tauglich sind, von den Friedensrichtern zur Arbeit
bei der Heu- und Getreideernte gezwungen werden. Zu die-
sem Zweck ist auch Wandern der Arbeiter gestattet (22 u. 23).
Art 24 gestattet Arbeitszwang gegen unverheirathete weib-
liche Personen zwischen 12 und 40 Jahren. Art. 25 und 26
bestimmen, dass jeder Hausbesitzer, der eine gewisse Menge
26 Einleitung.
Landes unter dem Pflug hat, einen Lehrling aus den Personen
über 8 und unter 18 Jahren bis zum 21. i*esp. 24. Jahre an-
nehmen darf; jeder selbständige Gewerbtreibende in einer City
oder Town corporate, der 24 Jahre alt und Hausbesitzer ist,
den Sohn eines Freien, der in einer solchen Stadt wohnt und
nicht Landwirthschaft treibt, als Lehrling auf mindestens 7 Jahre
und wenigstens bis zu seinem 24. Jahre annehmen darf und
soll. Nach Art. 27 und 29 dürfen Kaufleute, Goldschmiede etc.
nur ihre Söhne oder Kinder von Elteni mit einem gewissen
Vermögen als Lehrlinge annehmen, gleichviel in welcher Art
von Städten sie wohnen. Gewerbsmeister in nicht incoi-porirten
Marktstädten sollen nur Kinder von Gewerbtreibenden aus
gleichartigen Städten als Lehrlinge annehmen (Art. 28).
Eine Reihe besonders namhaft gemachter * Gewerbsmeister
(Schmiede, Zimmerleute, Leineweber, gemeine Wollweber etc.)
können nach Ali. 30, wo sie auch wohnen, Jedeimanns Sohn
als lehrling annehmen.
Niemand, der nicht eine 7jährige Lehrlingszeit in einem
Gewerbe durchgemacht hat, kann in demselben Gewerbe sich
als selbständiger Unternehmer aufthun oder als Geselle
angenommen werden (Art. 31).
Für Tuchweber, mit Ausnahme deijenigen, die in gewissen
Grafschaften nur grobe Tuche machen, gelten (Art. 32) in
Bezug auf Annahme von Lehrlingen noch stärkere Beschrän-
kungen als für die Kaufleute etc. nach Art. 27 und 29.
Alle Gewerbsmeister müssen auf 3 Lehrlinge einen Ge-
sellen und auf jeden Lehrling über 3 einen Gesellen mehr
halten (Art. 33). Art. 34 enthält Privilegien der Kammgarn-
macher in Norwich.
Nach Art. 35 können unter 21jährige Personen, die zur
Lehrlingsschaft geeignet sind, auf Verlangen von Solchen, die
Lehrlinge zu halten berechtigt sind, dazu gezwungen werden.
Bei Streitigkeiten zwischen Lehrling und Lehrherrn vennitteln
die Magistrate nach Billigkeit, event. wird der Lehrvertrag
aufgelöst oder der Lehrling bestraft.
Die Friedensrichter und Stadtmagistrate sind verpflichtet,
die Ausführung des Gesetzes zu überwachen und bekommen
Arbeitergesetze. 27
Diäten. Weiter ist die Verwendung der Strafeelder, die Com-
petenz der städtischen Obrigkeiten geregelt, die Privilegien
einzelner Städte und Gra&chaften werden erhalten etc., schliess-
lich wird noch das Recht der Verhaftung entlaufener Lehr-
linge und Arbeiter geordnet.
Ich habe das ganze Gesetz ausführlich excei*pirt, da das-
selbe zwar im Laufe der Zeit immer lässiger ausgeführt, aber
erst unter Georg III. der Hauptsache nach foraiell abgeschafft
wurde.
Unverkennbar ist in dem Gesetze die Tendenz, in allen
Gewerben incl. der Landwirthschaft einen regelmässigen Fort-
gang der Production zu sichern, den Interessen der Arbeiter
wie der Arbeitgeber gerecht zu werden, in allen Gewerben
Mangel wie üeberfluss der Kräfte zu verhüten und gelernte
dauernd engagirte Kräfte zu sichern. Das ganze Volk, mit
Ausnahme der vermögenden Familien, soll zwangsweise zur
Arbeit erzogen werden, der Ausgelemte aber sein Gewerbe
überall betreiben dürfen. Das Gesetz ist eine Organisation
der Arbeit im Allgemeinen und im Interesse aller Betheiligten,
das gleichmässig Anarchie und exclusiven Monopolgeist bekämpft
und die gewerblichen Verhältnisse durchweg unter die Juris-
diction und Aufsicht der Friedensrichter und Stadtmagistrate,
d. h. der Organe der selfgovernmentalen Staatsverwaltungs-
organe stellt. Mögen die Zwangsrechte gegen Arbeiter und
Lehrlinge uns heutzutage zu hart erscheinen, so entsprachen
sie damals dem Geiste der Zeit und unzweifelhaft litt der
Arbeiterstand eben durch die allmälig einreissende Nach-
lässigkeit in der Ausführung des Gesetzes, welche dadurch
leicht gemacht war, dass vei*schiedene Voi^schriften für be-
stimmte ausdrücklich benannte Gewerbe gegeben waren, also
auf andere nicht angewendet werden konnten und dass das
Gewerbewesen in incorporirten Städten und Marktstädten be-
sonders geregelt war, welche Anordnungen für das platte Land
nicht galten. Das in dem Gesetz nicht erwähnte aber gleich-
zeitig bestehende seit Eduard III. und VI.M eingeführte Ver-
M 2. und 8. Eduard VI. c. 15 (1548) bestraft alle Verkäufer von
28 Einleitung.
bot von Arbeitercoalitionen verstand sich bei den Strafen auf
das Nehmen eines höheren als des gesetzlichen Lohnes von
selbst und wurde, so lange billige Löhne wirklich festgesetzt
wurden, nicht als ungerecht empfunden.
§ 5. Armen- und Heimathsgesetze.
Ehe wir die Entwickelung und Ausfühining dieses Ge-
setzes in der Folgezeit schildern, müssen wir die coiTespon-
dirende Annengesetzgebung besprechen, welche schon wegen
des Arbeitszwangs mit der Gewerbeordnung zusammenhängt
und welche ebenfalls unter Elisabeth eine für lange Zeit
maassgebende Zusammenfassung eifuhr.
Schon 1376 wurden vagabundirende Bettler bestraft. Eine
Verpflichtung der Heimathgemeinde zum Unterhalt der Armen
bestand nach Eden schon 1378 und 1388; in letzterem Jahre
(12. Richard II c. 7) wurde auch zuerst bestimmt, dass arbeits-
unfähige Bettler an ihrem letzten Wohnort oder Geburlsort
bleiben sollen. Die Armen waren, wie aus einer Bestimmung
von 1391 hervorgeht, hauptsächlich auf Kirchenmittel ange-
wiesen.
Das Verschwinden der Leibeigenschaft und das Aufkommen
von Handel und Gewerbe mit ihren freien Arbeitern schufen
nicht die Armuth und das Elend, wohl aber die Nothwendig-
keit einer Armenpflege durch öiFentliche Mittel.
1530 begegnen wir der durchgreifenden Scheidung zwischen
arbeitsunfähigen (aged and impotent) und arbeitsfähigen
(vagabonds and idle persons) Aimen, nachdem schon 1388
liebensmitteln, die nicht mit massigem Gewinn zufrieden waren; constatirt
dann, dass „artificers, handicraftsmen and labourers have made confeder-
acies and promises, and have swom matual oaths, not only tbat they
sbould not meddle one with another's werk, and perform and finisb tbat
anotber bath begun; bat also to appoint bow mucb work tbey sball
do in a day and wbat boars and times tbey sball work to tbe great burt
and impoverisbment of tbe Kings subjects/^ Solcbe Combinationen werden
für illegal erklärt, mit Geldstrafe von 10—40 Pf. St., Ebrenstrafen , Haft,
Pranger, Verlust der Obren bestraft.
Armengesetz. 29
und 1495 zwischen „beggars able to labour** und „beggars
impotent to serve" unterschieden war. Erstere bekamen
Licenzen zum Betteln in bestimmten Bezirken, letztere wur-
den zur Arbeit an ihren letzten Wohnort gezwungen. Bald
trat durch 27. Heinrich VIII. Cap. 25 (1535) an die Stelle
der Licenzen zum Betteln die Armenunterhaltung in den
den Kirchspielen durch Almosen, welche eingesammelt werden
und zu denen die Geistlichen eimahnen mussten; dasselbe
Gesetz verfügt die Zwangs-Lehrlingschaft von Armenkindera.
Durch die Aufhebung der Klöster und Secularisation des
Kirchenguts wurde die Armennoth grösser und es folgten
allerlei harte Gesetze gegen Vagabunden etc. Elisabeth
machte die Almosen obligatorisch und erliess verschiedene
andere Gesetze, z. B. in Bezug auf Errichtung von Corrections-
häuseiii, bis endlich 43. Eliz. Gap. 2 (1601) die Gesetze der
Elisabeth und ihrer Vorgänger zusammenfasste. Da dieses
Gesetz von ähnlich weittragender Bedeutung wie das soge-
nannte Lehrlingsgesetz ist, und bis in unser Jahrhundert her-
ein die Ginindlage der Armenpflege blieb, so soll auch sein
Inhalt excei-piii; werden.
Der Titel des aus 20 Artikeln bestehenden Gesetzes ist:
An Act for the Relief of the Poor.
Art 1 führt die Armenaufseher ein, welche von den
FriedensrichteiTi für jedes Kirclispiel alljährlich ernannt wer-
den. Sie bestehen aus den Kirchenvorstehern (churchwardens)
und je nach der Grösse des Kirchspiels aus 2—4 wohlhaben-
den Hausbesitzern 0- Dieselben sollen, unter Zustimmung von
mindestens zwei Friedensrichtern, Kinder von Leuten, die ihre
Kinder nicht behalten und ernähren können , zur Arbeit
bringen; ebenso erwachsene Personen ohne Unterhaltsmittel
und ohne ständige, den Unterhalt gewährende Arbeit. Dann
sollen sie Steuern erheben, um Rohstofle verschiedener Ai-t
zu kaufen, mit denen die Armen beschäftigt werden sollen.
*) Ein kurzes deutsches Wort, das dem englischen Householder ent-
spricht, giebt es nicht. Ich gebrauche hier wie anderwärts das Wort
Haasbesitzer.
30 Einleitung.
um die Arbeitsunfähigen zu unterstützen und Kinder als Lehr-
linge auszuthun. Die Steuern werden auf alle Bewohner
und Realitätenbesitzer in der Gemeinde, wie es den Au&ehem
geziemend erscheint, vertheilt. Die Aufseher mtlssen min-
destens allmonatlich einmal Sitzung und Berathung halten, ^m
Schlüsse des Jahres Rechenschaft ablegen (Art. 2).
Ist ein Kirchspiel zu aim, um seine Armenlast zu tragen,
so können die Friedensrichter andere Kirchspiele in derselben
Hundei-tschaft, ist letztere zu arm, in dei'selben Grafschaft
heranziehen (Ait. 3).
Säumige SteueiT)flichtige werden exequiit und event. in
das Common goal gesperrt. Mit der gleichen Strafe werden
Solche belegt, die die aufgetragene Arbeit vei*weigem und
Armenaufseher, die keine Rechenschaft ablegen — Alles unter
Autorität resp. durch Spruch der Friedensrichter (Art. 4).
Für die arbeitsunfähigen Armen sollen die Ai*menaufseher
auf Kosten der Kirchspiele oder Hundeitschaften etc. Häuser
bauen (All. 5). Die Friedensrichter können die Ascendenten
und Kinder arbeitsunfähiger Armen zum Unterhalt der Armen
zwingen, wenn sie dazu fähig sind (Art. 7). Die den Friedens-
richtern in den Grafschaften zustehenden Befugnisse werden
in incorporirten Städten von den dortigen Mayoi*s etc. ausgeübt
(Art. 8). Die folgenden Artikel befassen sich mit der Rege-
lung verschiedener Competenz Verhältnisse , der Verwendung
der Geldstrafen, den Extrasteueiii der Kirchspiele für die
armen Gefangenen von King's Bench und Marchalsea, sowie
für Hospitäler; mit Geldstrafen, Appellation an die Quartal-
sitzungen, sowie einer Menge anderer Einzelheiten und Formali-
täten. Der letzte Artikel endlich spricht aus, dass das Gesetz
nur pi-obeweise bis zum Ende der nächsten Parlamentssitzung
gelten solle — es wurde durch 3. Karl L Cap. 4 (1627) und
16. Kari I. Cap. 4 (1640) enieuert.
Das Gesetz macht also die Aimenlast principaliter zu
einer Last der Kirchspiele, jedoch so, dass die nächsten Ver-
wandten zuerst vei-pflichtet sind, arme und reiche Kirch-
spiele sich gegenseitig bis zu gewissem Grade ausgleichen
müssen; es verwandelt die Almosen in Steuern, es legt die
Armengesetz. 31
Ausübung der Armenpflege in die Hand der Aufseher, die
von den Friedensrichtem eiiiannt und beständig beaufsichtigt
sind. Es stellt den Grundsatz auf: Arbeitszwang gegen
Arbeitsfähige, Unterstützung für Arbeitsunfähige.
Die Auflage der Armensteuer auf die einzelnen Kirch-
Spielsbewohner steht einfach im Eimessen der Aufseher unter
Zustimmung von Friedensrichtem — bei den Extrasteuern
für Gefängnisse und Hospitäler kann die (6 pence pro Woche
und Kirchspiel nicht übersteigende) Gesammtsumme von den
Kirchspieleingesessenen unter ihnen selbst durch Einverständ-
niss vertheilt werden. — Das Gesetz spricht nicht davon,
welche Armen jedem einzelnen Kirchspiel zur Last fallen
sollen — es meint offenbar, dass jedes Kirchspiel die in seinen
Grenzen vorhandenen Armen zu vereorgen hat. — Man muss
bedenken, dass das Lehrlingsgesetz alle Arbeiter zu dauernd
ansässigen Leuten zu machen strebte, und dass es Gesetze
gegen die Vagabunden gab, so dass zunächst die Kirchspiele
Ueberfluthung durch fremde Anne nicht sehr zu befürchten
hatten — engherziger Aengstlichkeit der Kirchspiele und den
in denselben heiTSchenden Grundbesitzern zu schmeicheln lag
aber nicht im Geiste des starken Königthums der Elisabeth.
Unter Jacob L wurden die Gesetze gegen Landstreicher
und Vagabunden vei"schärft, unter Königin Anna jedoch wieder
gemildert. Ebenso wurde durch 1. Jacob 1, Cap. 6 (1604)
die Lohnfestsetzungsbefugniss der Friedensrichter auf alle
Arbeiter ausdrücklich ausgedehnt, und zwar so, dass die
Friedensrichter die Löhne in Bezirks- und Grafschaftssitz-
ungen feststellen und der Sheriff sie veröffentlichen solle, ohne
vorherige Sendung an den Lordkanzler. Doch durfte kein
Tuchmacher als Friedensrichter die Löhne für die in der
Tuchindustrie beschäftigten Arbeiter festsetzen. Letztere Be-
stinunung ist ausdrücklich nur für die Tuchmacher gegeben,
deren Gewerbe fillhzeitig besondere Aufmerksamkeit seitens
der Gesetzgebung erfuhr, zumal es sich um eine Industrie
handelte, die frühzeitig Export trieb, und im Grossen betrieben
wurde. Hier mag vielleicht die exceptionelle Bestimmung da-
durch hervorgerufen worden sein, dass Tuchfabrikanten häufiger
32 Einleitang.
als Gewerbsmeister Friedensrichter wurden. Zugleich wurde
der Besuch von Wirthshäusem beschränkt Auch zum Armen-
gesetz folgten viele Zusätze. 7. Jacob I. Cap. 4 vei-fügt die
Enichtung von CoiTectionshäusem für müssige Leute in allen
Grafschaften; denn die in 18. Eliz. Cap. 3 zuerst erwähnten
Correctionshäuser, in denen die Müssigen beschäftigt, die
Liederlichen bestraft werden und die sich zumeist durch das
Product der geleisteten Arbeit selbst unterhalten sollten, waren
eine nothwendige Ergänzung der Gesetzgebung der Elisabeth.
Es begannen schon im Anfang des 17. Jahrhunderts die
Hagen, dass die obligatorische Armenunterstützung den Müs-
siggang befördere und dass das Annengesetz ungenügend
ausgeführt werde. Im Jahre 1622 wurde in vielen Kirchspielen
keine Armenunterstützung gewährt, sondern die Armen wurden
fortgejagt und das Land mit ihnen überschwemmt. 1628
(3. Karl I. Cap. 5) warmes nothwendig zu bestimmen, dass die
Aufseher Armenkinder allen Pei-sonen, nicht nur einzelnen
Gewerben zuweisen können, und dass die Aufseher einen Ge-
werbetrieb lediglich zur Beschäftigung von Armen, nicht
zu ihrem Gewinne einrichten dürfen. Besonders deutlich zeigt
die Verordnung Karl's I. von 1630, wie ungenügend das Gesetz
ausgeführt wurde.
Der wichtigste Zusatz, den das Annengesetz im Laufe
der Zeit erfuhr, war das Heimathsgesetz : An Act for the
better relief of the Poor of this Kingdom, 13. und 14. Charles
II. Cap. 12 von 1662. Das Gesetz hatte vei-schiedene Vor-
läufer 1388, 1494 und 1597, in welchen Jahren schon Rück-
transport von Vagabunden nach ihrem letzten Wohnort
oder auch nach ihrem Geburtsort verfügt wurde. Unzwei-
felhaft waren auch nähere präcise Bestimmungen über die
Vertheilung der Armenlast unter verschiedenen Kirchspie-
len nothwendig. Nichtsdestoweniger zeugt das Heimaths-
gesetz von 1662 von der erstarkten Tendenz der Gentry in
den einzelnen Bezirken, sich von der Armenlast zu befreien,
und da das Heimathsrecht im Laufe der Zeit mit weit mehr
Energie und Leidenschaft ausgeführt wurde als die allgemeinen
Bestimmungen des Armengesetzes selbst, so verkam dabei die
Ileimathsgesetz. 33
ganze Armenpflege. Das Gesetz wurde erlassen in einer
Zeit, in der der allgemeine Keichthum bedeutend gewachsen
war. Die Löhne waren gestiegen, der Zinsfuss gesunken,
Handel und Gewerbe hatten einen gewaltigen Aufschwung ge-
nommen. Die Soldaten der republikanischen Armee, denen
zu Ehren die Pflicht der 7jährigen Lehrlingszeit aufgehoben
wurde, kehrten sich dem productiven Gewerbe zu und fanden
ohne Schwierigkeit lohnende Arbeit — und eben in dieser
Zeit wirthschaftlichen und speciell gewerblichen Fortschritts
gelang es dem Grossgrundbesitz - Interesse ein kleinlich
reactionäres Gesetz durchzusetzen. Es war dieselbe Zeit, in
der (22. Karl IL c. 13; 1670) bestimmt wui-de, dass Korn
stets gegen die Zölle der Tonnage and Poundage Act ausge-
führt werden könne ohne Rücksicht auf den inländischen Preis,
während die Korn - Einfuhrzölle erhöht, und (1663) für die
zweite Jahreshälfte hohe Vieh-Einfuhi-zöUe auferlegt wurden.
Ich lasse nun das Heimathsgesetz im Auszug, den Artikel 1
(mit Auslassungen) im Wortlaut folgen:
„In Erwägung, dass die Bedürfnisse, die Zahl und die
beständige Zunahme der Armen sehr gross sind und ausser-
ordentliche Lasten verursachen, was von einigen Mängeln
der Gesetzgebung in Bezug auf das Heimathsrecht der
Armen und von dem Mangel gehöriger Maassregeln zur
Regulirung der Unterstützung und Beschäftigung der Armen
in ihren gesetzlichen Heimathsgemeinden herrührt;
in Erwägung, dass dadurch Manche zu unverbesserlichen
Landstreichern werden, Andere Hungers sterben;
in Einwägung, dass ältere Gesetze und Statuten in Bezug
auf Ergi'eifung von Landstreichern und Vagabunden und
für das Wohl der Armen nicht getreulich ausgeführt werden ;
in Erwägung, dass in Folge von Mängeln des Gesetzes
arme Leute nicht verhindert sind, von einem Kirchspiel in
das andere zu wandeni und daher streben, sich in solchen
Kirchspielen niederzulassen, wo der grösste Reichthum ist,
die ausgedehntesten Gemeindeländereien, um Häuser darauf
zu errichten und die meisten Wälder zum Verbrennen und
Zei-stören sind;
Held, Soc Gesch. Engl. 3
34 Einleitang.
in Erwägung, dass die Leute, wenn sie das Alles ver-
zehi*t haben, dann in ein anderes Kirchspiel wandern und
zuletzt Landstreicher und Vagabunden werden — —
soll es gesetzlich erlaubt sein, dass auf Klage der Kirchen-
vorsteher oder Aufeeher eines Kirchspiels von einem Friedens-
richter innerhalb 40 Tagen nach erfolgter Niederlassung einer
solchen Person in einem Besitzthum unter dem Werthe von
10 Pfund jährlich , je zwei Friedensrichter — Personen , die
voraussichtlich dem Kirchspiel, in das sie einziehen, zur Last
fallen werden, ausweisen und in das Kirchspiel spediren dürfen,
in dem diese Pei'sonen zuletzt heimathsberechtigt waren durch
Geburt, Haushaltung, Aufenthalt, Lehrlingsschaft oder Dienst-
verhältniss von mindestens 40 Tagen, es sei denn, dass diese
Personen eine nach der Ansicht der Friedensrichter genügende
Sicherheit für Entschädigung des Kirchspiels geben ."
Gegen einen solchen Sprach von zwei Friedensrichtern
ist Appellation an die nächsten Quaitalsitzungen nach Art 2
gestattet. Art. 3 verfügt, dass Arbeiter behufs Uebernahme
bestimmter Arbeiten ihren Heimathsort verlassen dürfen, wenn
ihnen durch Atteste des geistlichen Kirchenvorstehers und
Armenaufsehers bezeugt war, dass sie ein Wohnhaus haben,
•
in dem sie Familienangehörige zurücklassen und dass sie Ein-
wohner sind. Sie erwerben aber an dem Orte, wo sie arbeiten,
kein Heimathsrecht , können vielmehr nach Vollendung der
Arbeit oder, wenn sie arbeitsunfähig werden, zuillckspedirt,
im Weigerungsfall in ein Con'ectionshaus oder öflfentliches
Arbeitshaus eingespeiTt werden. Kirchenvorstände und Auf-
seher der Heimathsgemeinde, welche die Aufnahme verweigern,
können vor den Assisen belangt werden.
Danach konnte sich jede Gemeinde aller Zuwandernden
innerhalb 40 Tagen wieder entledigen — vorausgesetzt, dass
der Zuwandeinde ein Heimathsrecht in England b^sass. Die
Strenge des Ausweisungsrechts war also auf Ausländer nicht
anwendbar.
Die 40 Tage Aufenthalt, durch die man Heimathsrecht
gewann, sollten seit Jacob H. erst von der Anmeldung bei
den Kirchenvorstehern und Aufsehern des neuen Wohnorts,
Heimathsgesetz. 35
seit Wilhelm und Maria ei-st von der Veröffentlichung dieser
Anmeldungen in der Kirche ab gerechnet werden. Indem so
der Erwerb von Heimathsrecht durch Aufenthalt ganz in das
Belieben der neuen Gemeinde gestellt wurde, wurden dafür
andere Kechtsgründe für Erwerbung von Heimathsrecht ein-
gefahrt, nämlich:
Zahlung von Steuern^),
Uebei-nahme eines öffentlichen Amts in dem Eii-chspiel
während eines Jahras,
Durchmachen einer Lehrlingsschaft,
Einjähriges Dienstverhältniss,
woran sich durch Gerichtspraxis die weiteren Titel für Erwerb
des Heimathsrechts durch Geburt und Heirath schlössen.
~ Da durch das Heimathsrecht nicht bestimmte Gemeinden
verpflichtet wurden, bestimmte Arme zu unterhalten, sondern
jeder Arbeiter, ehe er wirklich aim war, ausgewiesen werden
konnte, so artete das Heimathsrecht in volle Aufhebung der
Freizügigkeit für Vermögenslose aus. Der Erwerb des Heimaths-
rechts durch einjähriges Dienstverhältniss statt durch 40tägigen
Aufenthalt durchkreuzte sogar direct die Tendenzen des so-
genannten Lehrlingsgesetzes, indem, wie schon A. Smith be-
merkt, in Folge dessen einjährige Dienstkontrakte seltener
wurden, die früher die Regel waren und welche das Gesetz
wesentlich begünstigte. Da die Ausweisung auch erfolgen
konnte und wirklich erfolgte, weil Jemand bald Kinder be-
kommen wird, die der Gemeinde zur Last fallen, so schreckte
das vom Heirathen ab und bewirkte Vermehning der unehe-
lichen Kinder. Die Frage, ob Jemand in einer bestimmten
Gemeinde heimathsberechtigt war oder nicht, war in vielen
Fällen ausserordentlich schwer zu beantwoi'ten und gab zu
zahllosen widerlichen Rechtsstreitigkeiten Veranlassung , in
deren Verfolgung sich Scharfsinn und Willenskraft der Ge-
meindehäupter ei"schöpften. Das Recht, fremde Arbeiter, so-
*) W^ozu aber nach 9. Georg I. c. 7 Strassen- und Strassenkehr-
gelder nicht mehr gerechnet werden (1722).
36 Einleitong.
wie sie arbeitsunfähig werden, auszuweisen, bewirkte un-
menschllchp Behandlung von Kranken. Da die Beschränkung
der Freizügigkeit die Armenlast direct erhöhte, indem häufig
Personen nur unterstützungsbedüiftig wurden, weil sie sich
anderawo nicht Arbeit suchen konnten, wurde durch 8. u. 9.
W. III. c. 30 das auswärtige Arbeiten mit Attesten erleichtert,
indem bestimmt wurde, dass solche Personen nur ausgewiesen
werden dürfen, wenn sie wirklich, nicht wenn sie nur wahr-
scheinlich dem Kirchspiel zur Last fallen. Dafür aber konnten
Personen mit Attesten in ihrem neuen Wohnort auf keine
Weise heimathsberechtigt werden, es sei denn durch ein An-
wesen von 10 Pfund jährlicher Rente oder durch Ausübung
eines Kirchspielamtes. Lehrlinge und Diener von Personen mit
Attesten können kein Heimathsrecht erwerben (9. u. 10. W. III.
c. 11 ; und 12. Anne stat. 1. c. 18). Nach dem Gesetz 8 u. 9 W.IIL
c. 30 (1697) mussten Personen, die Armenunterstützung em-
pfangen, ein Merkmal auf der rechten Schulter tragen. Unver-
heirathete konnten Heimathsrecht nicht durch einjährigen
Dienstcontract, sondern nur durch wirkliches Aushalten eines
einjährigen Dienstes erwerben. Die Pflicht, Armenkinder als
Lehrlinge anzunehmen, wurde eingeschärft.
Erst durch 35. Georg HI. c. 101 wurde das Recht, Per-
sonen, die voraussichtlich dem Kirchspiel zur Last fallen wer-
den, auszuweisen, gänzlich abgeschafft. Bis dahin bewegte sich
die Armengesetzgebung voraehmlich in Künsteleien an dem
Niederlassungsrecht (Gneist) und die ganze Armenpflege
sank zu einem gemeinschädlichen Wettkampf von Kircli-
spielsinteressen herab. 31. Georg II. c. 11 (1757) musste
speciell die Ausweisung von Lehrlingen bekämpfen, da es
immer häufiger vorkam, dass Kirchspiele zu ihrer Erleichtenmg
Kinder als Lehrlinge nach auswäi*ts schickten und die aus-
wärtigen Kirchspiele dann ihrerseits wieder chikanöse Mass-
regeln ergriffen. Der Zwang zur Arbeit gegen Arbeitsfähige
wurde nur sehr lässig ausgeübt, man begnügte sich mit der
bequemen Erhebung und Vertheilung der Annenßteuer, deren
Gesammtertrag 1776 auf 1530 800 Pfd. Steri. gestiegen
Heimathsgesetz. 37
war, um von da ab noch weiter rapide zu steigen^). Eine
reichliche Literatur voll Klagen über das Unwesen in der
Armenpflege entstand seit Ende des 17. Jahrhundert*). Be-
.trefifs der Vertheilung der Armenlast unter die Bewohner des
Kirchspiels blieb es bei der vagen Bestimmung des Gesetzes
der Elisabeth, welche durch die Praxis zu einer proportionalen
Besteuerung des Einkommens der Inhaber von Liegen-
schaften, Häusern, Zehnten etc. wurde. Es wurden zwar vor
Georg in. noch Gesetze über das Aimenwesen erlassen, die
aber die Selbständigkeit der localen Selbstverwaltungsbehörden
und das Niederlassungsrecht nicht alterirten, so dass sie gleich
den früheren Gesetzen unter Georg IIL selbst vergebens gegen
die herrschenden Missbräuche ankämpften. Von diesen Ge-
setzen ist zu erwähnen: 13. Anne stat. 2, c. 26 (1713), ein
Gesetz, das den Begriff der Landsti-feicher und Vagabunden
erweitert und Razzia's gegen dieselben anordnet etc., ferner
5 Georg L c. 8 (1718), wonach Confiscation der Güter von
Ehemännern und Eltern, die ihre Frauen resp. Kinder ver-
lassen, zur Entlastung des Kirchspiels angeordnet wird, endlich
9. Georg L c. 7 (1722): danach sollte, um Verschwendung der
Mittel zu verhüten , kein Friedensrichter Unterstützung eines
Annen ohne eidliche Bekräftigung eines gerechtfertigten Grun-
des anordnen; es sollte Buch über alle Armen geführt wer-
den; einzelne oder verbundene Kirchspiele dürfen und sollen
Arbeitshäuser^) kaufen oder miethen, so dass die den Ein-
tritt verweigernden Armen des Unterstützungsrechtes verlustig
werden. Ausserdem beschäftigt sich das Gesetz mit dem
Niederlassungsrecht, indem unter Anderem bestimmt wird,
^) NichoUs schätzt die Armenlast schon 1688 auf 2 Schilling 6 pence
pro Kopf der Bevölkerung.
*) S. Auszüge aus dieser Literatur bei Eden I. c (oben S. 17, Anm.)
") Die Arbeitshäuser als obligatorische Einrichtung empfahl schon
Haie in seinem 1683 veröffentlichten, aber früher geschriebenen Werke
^A discourse touching Provision for the Poor'*. Die Gesetzgebung hatte
sich auch schon früher mit Arbeitshäusern beschäftigt und die Errichtung
einzelner Arbeitshäuser war durch Gesetz verfugt worden, z. B. 1703 in
Worcester, 1707 in Plymouth, wo sogar Unterricht der armen Kinder ein-
geführt ward.
38 Einleitimg.
dass man durch Kauf eines Anwesens nur heimathsberechtigt
wird, wenn der bona fide bezahlte Kaufpreis mindestens
30 Pf. Sterl. beträgt, und nur so lange man auf dem Anwesen
wohnt.
§ 6. Stocken der Gesetzgebung.
Das Unwesen in der Aimenpfiege steigerte sich aufs
Höchste unter Georg III. Seit dieser Zeit wurden auch die
Versuche gesetzlicher Reform häufiger, die wir nicht im Ein-
zelnen verfolgen. Hier war nur zu zeigen, dass die er-
leuchtete und am Ende des 16. Jahrhundeits zeitgemässe
Gesetzgebung der Elisabeth einige Gnindsätze von dauerndem
Werthe enthielt, für die das rechte Vei-ständniss allmälig ab-
handen kam. Sie löste das Problem des gleichmässigen
Schutzes von Freiheit und Ordnung für ihre Zeit; sie hätte
weiter entwickelt werden müssen in dem Sinne, dass die
Ordnungen unter wachsender Aufhebung der localen Gebunden-
heit ausgebildet worden wären — statt dessen vei*schärft das
Gesetz aber die Gebundenheit an die Scholle, während gleich-
zeitig Anarchie eintrat. Engherzige Classenpolitik machte
sich breit an Stelle eines wahrhaft staatlichen Geistes. Auch
die Arbeitshäuser bewirkten nur voillbergehend eine Besse-
rung der Zustände und Vei-minderung der Armenlast. Sie
wurden Manufactumntemehmungen auf Rechnung der Annen-
kasse, beschäftigten jede Art schlechter Arbeiter und ent-
muthigten die guten — kurz sie wurden zu Nationalwerk-
stätten im Kleinen (s. Eden, Vol. I. S. 269 ff.). Dass die
Strenge gegen die Elteni unehelicher Kinder und die Findel-
häuser (unter Georg H.) nicht helfen konnten, ist selbstver-
ständlich. Das Gebot der Veröffentlichung der Armensteuer-
auflagen (1744) zeugt nur von der bisherigen Vei-wirning und
Rechtlosigkeit auf diesem Gebiet. Die beständigen Gesetze
gegen Landstreicher und Vagabunden (so 17. Georg IL c. 5,
das Prämien auf das Ergreifen von Vagabunden setzt) sind
auch ein beredtes Zeugniss für die Unwirksamkeit der Armen-
gesetze.
Stocken der Gesetzgebung. 39
Gleichzeitig mit der Lässigkeit der Friedensrichter und
Armenaufseher in Ausfilhining des Zwanges zur Arbeit ge-
riethen auch die Lohnfestsetzungen durch die Friedensrichter
vielfach ausser Gebrauch. Adam Smith bezeichnet sie Buch 1
c. 10 als ganz abgekommen. Der Zwang zur 7jährigen Lehr-
lingszeit wurde auf Städte mit Goi*porationsrechten und Markt-
flecken und auf die Gewerbe, die zur Zeit des Erlasses des
Gesetzes der Elisabeth bestanden, beschränkt. Die mangel-
hafte Durchführung des Gesetzes in diesen Punkten lag nament-
lich im Interesse derjenigen Gewerbe, in denen sich Produc-
tion im grösseren Maassstab zu entwickeln begann, sie unter-
grub aber die Sicherheit der Stellung des Arbeitei-s. Dies
und die Verknöcherung der Zünfte führte schon fiühzeitig,
wie namentlich Brentano nachweist, zu Coalitionen der Arbeiter,
deren Tendenz zumeist auf Erhaltung der alten zugleich sie
schützenden Ordnungen gerichtet ist.
All dies trat unter Georg III. ei-st recht deutlich hervor;
der Process der Auflösung der alten Ordnungen, die man
fruchtlos in falscher Richtung zu stärken und verschärfen
versuchte, begann aber schon mit dem 17. Jahrhundert. Eine
irgendwie bemerkenswerthe Weiterentwickelung des Arbeiter-
rech ts fand seit dem Lehrlingsgesetz der Elisabeth über-
haupt nicht statt. Zahlreich waren die Zollgesetze, deren
protectionistischer Charakter seit der Zeit der Stuaits immer
schärfer hervortrat; auf die eigentliche Gewerbe- und Arbeiter-
polizei beziehen sich aber nur wenige Gesetze, wie z. B. das
wohlthätige Verbot des Tmcksystems (der Lohnzahlung in
anderen Waaren als Geld). Das Gesetz 1. Anne stat. 2, c. 18,
führt im Geiste der Elisabeth als Motiv an, „Unterdrückung
der Arbeiter zu verhüten". Andere unter die Gewerbepolizei
fallende Gesetze beförderten den Abfluss müssiger Arbeits-
kräfte nach den Colonien (4. Geo. L c. 11 [1717]) oder in den«
Schiffsdienst. 7. Georg I. stat. 1, c. 13 (1720) verbietet Coalitionen
der Schneider, setzt aber zugleich deren Löhne und Arbeits-
stunden fest. 12. Georg I. c. 34 (1725) verbietet Coalitionen
der Tuchmacher, erhöht aber zugleich die Geldstrafe für
Truck. 20. Georg IL c. 19 (1747) überträgt die Entscheidung
40 Einleitung.
in allen Streitigkeiten zwischen Arbeitern und Arbeitgebern
den Friedensrichtern, auch wenn in diesem Jahre keine
obrigkeitlicheLohntarifirung stattgefunden hat
22» Georg n. c. 27 (1749) dehnt die Coalitionsverbote auf alle
Arbeiter aus — lauter Gesetze, welche die Mängel der älteren
Gesetzgebung nicht durch principielle Refonnen , sondern meist
nur durch fi'uchtlose Versuche gi'össerer Strenge zu heben
suchten.
Nur die wichtigsten Theile der eigentlich socialen Gesetz-
gebung konnten in dieser Einleitung etwas eingehender be-
sprochen werden. Wir sehen, der regierende Grossgrundbesitz
missbrauchte seine Macht, um seinen Besitz zu befestigen und
auszudehnen, um sich Konizölle zu verschaffen, um die über-
mässig decentralisirte Verwaltung, namentlich auf dem Gebiete
des Almen- und Gewerbewesens, verknöchern und verkommen
zu lassen.
Es kam dazu, dass die regierende Gentry keineswegs
bedacht war, die Mittelclassen politisch zu erziehen. Viel-
mehr liess sie die Pflichten des Dienstes in der Juiy und
der Miliz einschlummern, dachte nicht an Reform der Muni-
cipalverfassungen , und herrschte um so unbedingter auf poli-
tischem Gebiete gegenüber dem erwerbenden BürgerthuÄ.
In gloiTeichem Kampfe war es der englischen Nation ge-
lungen, den Absolitismus fern zu halten. Die aristokratische,
wenngleich freie Verfassung, die seit der Entsetzung der
Stuarts unbedingt zu Recht bestand, litt aber an dem Gebre-
chen, dass der Egoismus einer der herrschenden Classen sich
in wachsendem Maasse Geltung verschaffte.
Dennoch hat diese regierende Gentry eben noch unter
^Georg ni. die grössten politischen Thaten vollbracht. Wir
erlebten noch in der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts die
grossartigste Entfaltung parlamentarischer Intelligenz, die ge-
waltigste Action nach Aussen. Die öffentlichen Zustände
litten an grossen Gebrechen — indessen ein erleuchteter
Staatsmann, ein energischer König hätte bei dem unerschöpf-
VorbUck. 41
liehen Fond politischer Tüchtigkeit in der Gentry und gesetz-
licher Freiheitsliebe im ganzen Volke durch eine Reformgesetz-
gebung von ähnlicher Kraft wie die der Elisabeth war, ohne
durchgreifende Umwälzungen alle gerechtfeitigten Wünsche
befriedigen können, denn nirgends war uneiträglicher Dinick,
nirgends waren unheilbare Missstände.
In der That hat auch England weder am Ende des
vorigen Jahrhunderts, noch 1830 oder 1848 eine Revolution
erlebt; aber es haben sich seit Mitte des vorigen Jahrhun.
derts erst in kleinen Anfängen, dann immer gewaltiger Massen-
bewegungen und Agitationen kämpfender Parteien und Stände
entwickelt, die allmälig die socialen und politischen Zustände
des Landes völlig umgestalteten. Es kam keine Revolution;
es genügte aber auch nicht die eigene und freie Einsicht der
herrschenden Klassen und das aufgekläi-te Anknüpfen an die
alten Traditionen.
Diese langsam und gesetzlich vollzogenen, aber doch ge-
waltigen Umwälzungen haben ihren Gnind nur sehr theilweise
in der Verknöchening der alten politischen und socialen In-
stitutionen. Die hauptsächlich treibenden Mächte waren das
Eindringen demokratischer Ideen und die Entwickelung der
Grossindustrie.
Eine geistige Bewegung, die sich zu den Traditionen der
Nation in Widersprach setzte und eine materielle Entwicke-
lung, die mit unwiderstehlicher Kraft alle Verhältnisse umge-
staltete, so dass sie von Vielen selbst als eine Revolution be-
zeichnet wird — sie waren es, die den Charakter des neuen
Englands bestimmten.
Erstes Buch.
Sociale und politische Literatur
von 1776 bis 1832.
Vorbemerkung
über den Ursprang der neuen politischen Ideen.
Am Schluss des vorigen Abschnitts sprach ich von dem
Eindringen demokratischer Ideen. Allerdings handelte es sich
der Wirkung nach vorzugsweise um eine Uebertragung der
politischen HeiTschaft „von den Wenigen auf Viele". Aber
dies war doch nur die Folge einer tieferen principiellen Um-
wälzung aller Anschauungen über Natur, Ui-sache und Zweck
des menschlichen Zusammenlebens — einer Umwälzung, die
noch zu keinem Punkte des Abschlusses gekommen ist, ja ver-
möge ihres vorwiegend negativen, kritischen Charakters auch
zu keinem Abschluss kommen kann, wenn sie rein bei ihren
Ausgangspunkten bleibt.
Um es mit einem Wort zu sagen: es handelt sich um
die Auflehnung des Individuums gegen die traditionellen Ord-
nungen. Das menschliche Individuum verlangt und bethätigt
das Recht über alle Fragen des inneren und äusseren Lebens
frei und voraussetzungslos zu denken, zu forschen, zu piHfen.
Es beugt sich dabei keiner Autorität irgend einer äusseren
Macht oder einer unantastbaren Idee. Es erkennt nur die
Thatsachen an, die es selbst sieht und beobachtet und erklärt
daraus das , was ist. Und wenn es nach Einrichtungen fragt,
die getroffen werden sollen, so fragt es nur, ob diese den In-
teressen und natürlichen Zwecken seiner selbst dienlich sind.
Die Idee der „freien Persönlichkeit" ist den gennanischen
und romanischen Völkern angeboren. Aber sie war verbunden
46 Erstes Bach, Yorbemerkiuig.
mit dem Triebe, sich idealen Zielen opferfreudig hinzugeben
und mit der Neigung, sich mit Genossen in unauflöslicher
Treue zu verbinden. Das mittelalterliche Ghristenthum und
der Goi'porationsgeist des Feudalismus legten dem Freiheits-
tiiebe der Individuen immer engere Schranken auf, bis dieser
in der Renaissance wieder erwachte^) und in beständigen
Kämpfen seine Kraft steigernd, zuletzt in den Excessen der
gi'ossen französischen Revolution der Welt das Gefährliche,
ja Unmögliche seiner einseitigen Herrschaft bewies.
Die Lostrennung der Niederlande von Spanien, die mit
1688 abschliessende englische Revolution, die Gonstituirung
der Republik in Nordamerika und die französische Revolution
sind die vier grossen Etappen, in denen der kämpfende Frei-
heitstrieb seinen Siegeslauf durch die Gultui-welt vollzog. Jede
dieser geschichtlichen Umwälzungen rief eine reinere, extre-
mere Ausbildung der individualistischen Anschauungen hervor.
In jeder ihrer Entwicklungsphasen hatte sie den Kampf mit
den Vertretern der alten Autoritätslehren zu bestehen; aber
erst spät nach der grossen französischen Revolution begann
man, das dauernd Berechtigte in diesen Anschauungen von
dem unberechtigten Einseitigen zu sondern, sie durch die
organische Staatslehre zu reinigen und zu reformiren, statt
ihnen abgelebte Theorien fruchtlos gegenüberzustellen.
Es ist bekannt, welche mächtige Stütze diese aufstrebende
Geistesrichtung in den aufblühenden Naturwissenschaften fand,
welche dem voraussetzungslosen Forschen die Krone des Er-
folges verliehen und die Gewohnheit, bei allem Denken ledig-
lich von Erfahrung und Beobachtung auszugehen, mächtig
verbreitete.') Ebenso bekannt ist, dass in dieser ganzen
Bewegung der Kampf gegen herrschende kirchliche Dogmen,
schliesslich der Kampf gegen das Ghristenthum und die Gottes-
idee selbst der principiell wichtigste Theil alles Kampfes war
und sein musste.
Die modernen Ideen, die wir kurz als Individualismus
^) Burckhard, Caltur der Renaissance. 2. Auflage. Leipzig 1869.
4. Abschnitt: Die Entdeckung der Welt und des Menschen.
') Siehe Hettner, Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts. Bd. I.
Die neaen politischen Ideen. 47
bezeichnen wollen, wurden zuerst in England zu einer grossen
Literatur ausgebildet, die in Locke ihren Höhepunkt hatte.
Von da kamen sie nach Frankreich herüber, wo sie reiner,
extremer, systematischer, allseitiger ausgebildet wurden, bis
BouBseau nicht ihr originellster, aber ihr wirksamster und wohl
charakteristischer Prophet wurde. Sie hatten inzwischen in
England nicht geschlummert, erfuhren dort aber, wenigstens
in politischer Hinsicht, eine principiell wichtige Weiterbildung
erst wieder, nachdem der Geist der französischen Literatur,
b^ttnstigt durch die Ereignisse von 1776 und 1789, auf Eng-
land stark gewirkt hatte. Der charakteristischste Vertreter
dieser neuesten Entwickelungsphase des Individualismus in
England ist und bleibt Jeremias Bentham.
So einflussreich indessen die französischen Vorbilder auch
waren, immer blieb die englische Literatur bis zu einem hohen
Maasse eigenthümlich. Es wirkte und wirkt bis zum heutigen
Tage in England die Eigenthümlichkeit des Nationalcharak-
ters, derzufolge der Engländer der consequenten Entwicklung
einer abstracten Theorie von Natur abgeneigt ist und seine
Kraft lieber auf einzelne praktische Ziele concentrirt. Es
blieb, bei dem Mangel irgend eines unerträglichen Drucks der
äussereren Verhältnisse, eine auch in der Literatur sich spie-
gelnde starke Tendenz trotz aller platonischer Anerkennung
extremer Doctrinen mit dem Gefühl und mit der That an
einem guten Theil lalter Institutionen festzuhalten. Deshalb
spielt zu allen Zeiten in der englischen Literatur die Frage,
I ob eine einzelne Reform den Interessen der Individuen förder-
lich sei, eine tonangebende Rolle, während der Drang, aus
eii^em allgemeinen Princip unbedenklich die vollen Gonsequen-
zen zu ziehen, praktisch schwach bleibt. Die Absicht, die
ganze englische Verfassung umzustürzen und durch eine Re-
publik zu ersetzen, trat zwar auf, blieb aber gegenüber dem
Willen, die Verfassung auf friedlichem Wege in wichtigen
Punkten zu reformiren, ohne praktische Macht
Besonders aber bleibt der englische Individualismus eigen-
thümlich in Bezug auf seine Stellung zu Kirche und Religion.
Hier ist noch heute der englische Geist factisch auf dem
48 Erstes Bach, Yorbemerkuog.
Standpunkt Locke's stehen geblieben — das »äcrasez Tinfame«
hat in England nur sehr vereinzelt ein Echo gefunden.
Gewiss hat auch England seine Deisten, Atheisten und
Materialisten und die englischen Deisten sind von besonderem
Einfluss auf die Entwickelung der gesammten Aufklärungs-
literatur in Emopa gewesen. Aber für England selbst sind
practisch die protestanischen Bissen tei*s vom grössten Einfluss
geblieben. Aus ihren Reihen gingen die begeistertsten und
wirksamsten Vertreter der individuellen Freiheit auf religiösem
und politischem Gebiet hervor. Sie blieben aber auf dem
Boden des Christenthums und bewahrten ein gutes Theil der
alten sittlichen Strenge der Puritaner. So hatte ihr Freiheits-
dui*st eine starke praktische Schranke, der sie vor der Leiden-
schaft nach Auflösung und Zerstöining um jeden Preis be-
wahrte. Bentham selbst war freilich kein Dissenter. Aber
dem starken religiösen Gefühl der Massen gegenüber , das ja
auch in den socialen Kämpfen nach der Keformbill noch deutr
lieh wirksam hervortrat, verstieg auch er sich nicht zum An-
griff auf die Religion an sich, sondern er steigerte nur die
Toleranz zum Indifferentismus und behandelte politische und
sociale Fragen ohne Rücksicht auf Religion.
Abneigung gegen extreme, abstracto Doctrinen, Festhalten
an gewissen national-englischen Traditionen, fortgesetzte Ehr-
furcht vor den Grundlagen des Christenthums, das waren die
oft mehr gefühlten als durchdachten Gesichtspunkte, welche
den Individualismus in England praktisch an jenen Excessen
verhinderten, zu denen er in Frankreich gelangte. Es war
dies ein gi-osses Glück für England, insofern, als dadurch
trotz aller Umwälzung der Ideen und trotz aller Kämpfe der
Parteien eine organische Weiterentwickelung und Fortbildung
der innem, namentlich der socialen Gesetzgebung möglich
wurde. Andererseits entstand daraus der Nachtheil, dass die
schablonenhaften Theorien des politischen Individualismus sich
wegen ihrer praktischen Ungefährlichkeit um so ruhiger und
unangefochtener festsetzten und der an sich einseitigen, nur
durch praktische Kräfte und Volksinstincte im Zaume gehal-
tenen politischen Theorie keine andere bessere productive
Die neuen politischen Ideen. 49
Theorie gegenübertrat. Während die Gesellschaft vor zer-
störenden Erschütterungen bewahrt blieb, ging dem Volke
die wahre Staatsidee um so sicherer verloren.
Man kann sagen, dass England noch heute den grössten
Gewinn und zugleich einen unverkennbaren Schaden davon
hat, dass die glorreiche Revolution nur beschränkte Zwecke
anstrebte und erreichte, zu diesen nothwendigen Zwecken
aber doch die Ideen des Individualismus einfach benutzte,
l^och heute stehen ein verständiger praktischer Conservatis-
mus und eine flache, einseitige Staatsauffassung unvermittelt
nebeneinander.
Die Reformation unter Heinrich VUI. war ja zunächst
nur ein politischer Act gewesen. Nachher erst drangen calvi-
nistische Ideen ein, und es entwickelte sich das Puritanerthum,
das in seinem starken Individualismus eine natürliche Oppo-
sition gegen weltliche und geistliche Obrigkeit machte. Die
Zurücksetzung, welche diese religiöse Partei unter Elisabeth
erfuhr, drängte sie weiter in der Opposition — dennoch blieben
sie, da sie in England immer besser behandelt wurden, als
auf dem Continent, und auch • in Folge ihres leidenschaftlichen
Antipapismus, treue Engländer. Die extremste politische
Partei war zugleich die extremste religiöse Richtung — sie
war noch voll von religiösem Glauben. Nicht das individuelle
Gewissen allein, sondeni die Bibel zugleich waren die Gnmd-
lagen all ihres Wollens. Berief sich — unter der Herrschaft
der Stuarts — der Vertreter des Absolutismus Filmer auf
Gott und die Bibel, so thaten Milton und seine Anhänger das
Gleiche und so hatten alle Engländer noch einen gemeinsamen
Boden, auf dem sie standen.
Während des nun folgenden Bürgerkrieges und als auf
kurze Zeit die Cromweirsche Republik gegründet wurde, ver-
stieg sich der Individualismus der Puritaner allerdings zum
Tyrannenhass und zur Abschaffung des Eönigthums ^). Allein
^) Macaulay, Geschichte Englands 1. Cap.: „Ihrem (der Puritaner)
Haas gegen die Kirche ward Hass gegen die Krone ziigefögt; beide Ge-
fühle vermischten sich und machten sich gegenseitig immer bitterer. Die
Held, Soc. Gesch. Engl. 4
50 Bntes Bach, Yorbemerkang.
auch damals bändigte die strenge Zucht der Puritaner ihre
Begierde nach Zerstöi-ung verhasster Institutionen und als
sie zur Herrschaft gekommen waren, mässigte sich ihre Leiden*
Schaft Die siegende Revolution wurde i*egierungsfähig, sie
vernichtete durch den Sieg ihre eigene Macht, nicht aber die
Ordnung und Blüte des nationalen Gemeinwesens. Der weise
Protector selbst suchte mit aller Macht an die Vergangenheit
anzuknüpfen und bald kehlte das Volk begeistert zur legiti-
men Monarchie zurück.
Die bald folgende zweite, die „glorreiche Revolution'' von
1688 wai- keine Volkserhebung, sondern eine vom Parlament
vollzogene nothgedrungene Aenderung der gesetzlichen Thron-
folge und eine Wiederherstellung der alten constitutionellen
Grundsätze durch die Majorität der herrschenden Classe. Die
„Declaration of rights"" bestätigte die beschränkte Monarchie
wie sie dem Wesen nach seit der Magna Charta bestand.
Der Geist der Puritaner lebte nach der Wiederherstellung
der Monarchie unter den Dissenters fort. Aber nicht nur die
Befriedigung, welche die theil weise Anerkennung ihrer Prin-
cipien im Jahre 1688 gewährte, bewirkte bei ihnen eine ge-
wisse Mässigung, sondern vor allem der Umstand, dass sie
den christlichen Boden nicht verliessen.
Das Jahr 1688 brachte die Whigs zur Hen-schafl. Auch
der jetzt immer mehr verschwimmende Gegensatz zwischen
Ansichten der Puritaner über das Yerhältniss des Regenten zum Unter-
thanen waren sehr verschieden von denjenigen, welchß die Homilien ein- ^
pr>en; ihre Lieblingsgeistlichen hatten durch Wort und Beispiel zmn
Widerstände gegen Tyrannen und Verfolger ermulhigt Ihre calvinisti-
schen Brüder in Frankreich, Holland und Schottland standen gegen ab-
göttische und grausame Fürsten unter Waffen. Ihre Begriffe über Staats-
regierung hatten eine Färbung von ihren Begriffen über Eirchenregimenl
angenommen. Manche bittere Reden, welche das Volk gegen die bischöÜ»
liehe Verfassung schleuderte, konnten ohne viele Schwierigkeit gegen das
Königthum gewandt werden und viele Gründe, deren man sich bediente
um nachzuweisen, dass die geistliche Macht am besten in einer Synode
residire, schien zu dem Schlüsse zu führen, dass die weltliche Gewalt am
besten in einem Parlament ihren Sitz aufschlage.
Die neaen politUchen Ideen. 51
Whigs und Tones war ursprünglich ein zugleich kirchlicher
und politischer und behielt diese zwiefache Natur immer. ^)
Die Neubegründer des englischen Verfassungsstaates von
1688 schufen in der wiederhergestellten respective reformirten
Verfassung gleichzeitig die Basis alles organischen Fortschritts
and einer foi-Uebenden aufgeklärt-conservativen Gesinnung.
Sie beriefen sich auf die Theorie von Staatsvertrag % zu-
gleich aber auf die historischen Rechte und waren durchaus
principiell von den ein Recht auf beständig zu erneuernde
Revolution begehrenden Ideen der Volkssouveränetät entfernt —
wie das später Burke glänzend nachgewiesen hat
Unklar über die logischen Gonsequenzen der Staatsvertrags-
ideen, aber principiell abgeneigt solche überhaupt zu ziehen,
zahlten sie durch die Beinifung auf den Staatsvertrag dem
individualistischen Zeitgeist ihren Tribut, ohne diesen zur
vollen Herrschaft zu bringen.
Der moDarchische Absolutismus, der auf dem Gontinent
dauernd, in England vorübergehend und unvollkommen unter
den Stuarts zur Herrschaft gelangte, hat selbst das seinige
zur Ausbreitung des Individualismus beigetragen, indem er
die Tendenz hatte, das ständisch gegliederte Volk in ein
Aggregat gleichartiger, d. h. zunächst gleich vei-pflichteter
Unterthanen aufzulösen. Einer der ältesten und bedeutendsten
Vertreter der Vertragstheorie, Hobbes, hat diese auch im
Interesse des Absolutismus verwerthet, nachdem vorher die
Jesuiten sie zuerst benutzt hatten, den Staat als Mensehen-
werk unter die Autorität der auf göttlicher Einsetzung be-
ruhenden Kirche zu stellen. Allein die natürliche Consequenz
>) C. y. No Orden, Europäische Geschichte des 18. Jahrhunderts
1870. 1. Bd., S. 56 ff. Nach Noorden hat Delbrück, ohne sich auf
Noorden zu berufen, den Gedanken in den Preussischen Jahrbüchern 1876
weiter ausgeführt.
*) Am 28. Januar 1689 erklärten die Gemeinen ,,König Jacob hat —
indem er den ursprünglichen Vertrag zwischen König und Volk brach —
Abgedankt" und auch das Oberhaus entschied, es gebe einen ursprünglichen
Vertrag zwischen König uud Volk (s. Da hl mann, Geschichte der
englischen Revolution. 2. Auflage, S. 384 u. 385) - aber man verlangte
kein „Wahlrecht für immer" und berief sich für jetzt auf Nothwehr.
4*
5^ Erstes Bnch, Yorbemerkang.
der von einem urspi-ünglich staatslosen und ganz ungebun-
denen Individuum ausgehenden Vei-tragstheorie ist die Idee der
Volkssouveränetät und natunechtlichen MajoritÄtsherrschaft.
Und so sehen wir denn Locke, in dessen Schriften sich der
Geist von 1688 am vollkommensten wiederepiegelt, die Ver-
tragstheorie zur Rechtfertigung der Einsetzung Wilhelm's ni.
und zur Rechtfertigung der liberalen Elemente der englischen
Verfassung benutzen. Sie diente nunmehr vorhergehend der
Tendenz, Rechte des Volks gegenüber der jeweiligen Regierung
zu vertreten. Und wenn Locke factisch das Recht des Wider-
standes auf den Fall von 1688 beschränkte und die Theorie
nur soweit benutzte, als sie diesen Fall motivirte, so war dies
im Grunde ebensowenig logisch consequent, als wenn er von
dem Grundsatz der Toleranz die beiden Ausnahmen zu Un-
gunsten der Atheisten und Katholiken machte.
Lassen wir die religiöse Seite der individualistischen
Weltanschauung, die in England zumeist als eine praktische
Schranke wirkte, zunächst ausser Betracht, so concentrirt sich
in politischer und socialer Hinsicht der schon von Locke,
wenngleich etwas inconsequent ' ausgebildete Individualismus
dahin, dass man den Staat und jede sociale Ordnung im Staat
als das Pi-oduct des vereinigten Willens urspi-ünglich souveräner
Individuen und als eine von den Individuen in ihrem Interesse
geschaffene Einrichtung betrachtet.
Im Treatise of Civil Government geht Locke von einem
„Naturzustand mit vollkommener Freiheit innerhalb der Grenzen
der Gesetze der Natur und mit einem Zustand der Gleichheit"
aus, wobei die Gesetze der Natur offenbar wegen der Will-
kürlichkeit ihrer Fassung in-elevant sind. Da zwar auch der
Ausdruck „Gesetz Gottes und der Natur" vorkommt und die
Menschen als „Eigenthum Gottes" bezeichnet werden, der
Begriff „Gesetz der Natur" aber ausdrücklich mit „reason"
identificirt wird, so ist klar, dass der Freiheit des individuellen
WoUens und Denkens eine principielle Schranke von An-
fang an nicht gesteckt wird. Es stimmt vollständig mit der
Annahme der ui-sprünglichen Souveränetät des Individuums,
wenn an vielen Stellen die Erhaltung und der Schutz des
Die neaen politischen Ideen. 53
(individaellen) Eigenthums als Zweck des Staates hinge-
etellty wenn behauptet wird, Jedermann werde Mitglied des
Staates durch „his own consent'^; ebenso wenn Locke der
Gewalt der Legislative naturrechtliche Grenzen steckt, diese
als „fiduciary power" bezeichnet, der gegenüber das Volk eine
souveräne (supreme) Macht behält, die Legislative zu entfernen
oder zu ändera; wenn er endlich die Mitglieder der L^slative,
welche ihre Pflicht (das Eigenthum zu schützen) verletzen,
selbst Rebellen nennt.
Kurz, wenn man einmal davon ausgeht, dass ursprünglich
die Lidividuen fi-ei und souverän waren, und den Staat und
die Begierungsgewalt durch Uebereinstimmung vieler individu-
eller Souveräne eingesetzt haben, so ist der Consequenz nicht
zu entgehen, dass die Summe der Individuen nach wie vor
der eigentliche Souverän bleibt und die Verfassung durch das
Belieben dieser Summe, d. h. praktisch ihrer Majorität jeder-
zeit geändert werden kann. Dieser Consequenz ist nur zu
entgehen, wenn man den Naturzustand und Vertrag ganz ver-
wirft und den Menschen als solchen für natumothwendig staat-
lich und durch den Staat gebunden erklärt, so dass die
Anfänge des einzelnen Menschen und der staatlichen Ord-
nung zusammenfallen.
Statt dessen behauptet Locke nur, das aus der Volks-
souveränetät abgeleitete Revolutionsrecht sei praktisch un-
gefährlich. Er entwirft die gezwungene und offenbar unhalt-
bare Theorie, der einmal durch Vertrag begründete Staat
würde durch stillschweigende Unterwerfung derjenigen, die
im Staate volljährig werden, foi-tgesetzt , indem sie ihren
Besitz unter dem bestehenden Gesetz antreten.
Wie aber, wenn die jetzt Volljährigen auf ihren Besitz ver-
zichten und mit der Neubegiilndung des Staates eine Neu-
ordnung der Besitzverhältnisse verbinden wollen?
Dem Staat unterwirft man sich , sagt Locke , wegen der
dadurch geschaffenen Sicherheit. Daher darf der Staat nur
nach dem allein Sicherheit gewährenden Gesetz für „Friede,
Sicherheit und öffentliches Wohl des Volks" regieren. Die
Regierung wird rebellisch, wenn sie diese Grenze über-
54 Erstes Bach, Vorbemerkung.
schreitet — und dann ist offenbar der Nothfall erlaubter
Revolution gegeben; dagegen wären die Unterthanen im Un-
recht, wollten sie sich gewaltsam gegen eine diese Grenzen
einhaltende Staatsgewalt auflehnen — wovon sie schon ihr
Interesse abhalten wird; also ist die Lehre von der Volks-
souveränetät ungefährlich.
Am Schluss der citirten Schrift fasst dies Locke noch ein-
mal zusammen: „Die Gewalt, die jedes Individuum der Gesell-
schaft bei seinem Eintritt in dieselbe übertragen hat, kann
nie zu den Individuen zurückkehren, sondern bleibt, solange
die Gesellschaft besteht, immer bei der Gesammtheit, weil
ausserdem keine Gesammtheit (community), kein Gemein-
wesen bestehen kann, was ein Widerspruch gegen den ur-
sprünglichen Vertrag wäre: Wenn also die Gesellschaft die
gesetzgebende Gewalt einer Versammlung von Menschen über-
tragen hat, so dass sie bei dieser und ihren Nachfolgern
bleiben soll, und wenn sie Maassregeln und Autorität zur Be-
schaffung solcher Nachfolger verliehen hat — so kann die
gesetzgebende Gewalt , so lange diese Regierung besteht, nie
zum Volke zuiilckkehren. Denn indem die Menschen eine
gesetzgebende Gewalt, mit der Macht für ewig fortzubestehen,
eingefühlt haben, haben sie ihre politische Macht auf die
gesetzgebende Gewalt übertragen und können sie nicht wieder
nehmen. Wenn sie aber der Dauer der gesetzgebenden Ge-
walt Grenzen gesetzt und irgend einer Person oder Vereamm-
lung nur zeitweise die höchste Gewalt gegeben haben,
oder wenn diese Gewalt durch Missbrauch der Hen*schenden
vei-wirkt wird ; — dann kehrt nach der Verwirkung oder nach
dem Ablauf der Zeit die Gewalt zu der Gesellschaft zurück
und das Volk hat das Recht als höchste Gewalt zu handeln,
selbst die Gesetzgebung fortzusetzen, diese in neuer Form
zu errichten oder sie unter der alten Form nach Gutdünken
in neue Hände zu legen.
Man sieht. Locke will praktisch die ungestörte
Herrschaft des Gesetzes, er will diese schützen gegen
Willkür von Oben und gegen rohe Gewalt von Unten. Ihm
schwebt das wahre Ideal des Rechtstaats vor, nicht des Staats,
Die Deaen politischen Ideen. 55
der nur die Privatrechte der Individuen schützt, sondern der
Staat, dessen geheiligtes Recht die störende Willkür aller
Individuen dauernd bindet, ohne ihre Kräfte in Fesseln zu
schlagen. Er hat ja auch praktisch recht, dass eine Revo-
lution von Unten unveimeidlich und daher moralisch ent-
schuldigt ist, wenn die Hen*schenden das Recht gi*öblich verletzt,
d. h. Revolution von Oben gemacht haben. Nur ist dann von
Recht überhaupt nicht mehr die Rede, sondern von einer
nothwendigen That zur Neubegi'ündung der Rechtsordnung,
nachdem die alte bereits vernichtet ist. Die Behauptung von
einem 'Wiederaufleben der ursprünglichen Volkssouveränetät
nach vollzogenem Rechtsbruch der HeiTschenden lebte ja 1688
auch unter den handelnden Whigs, ihre That selbst aber war
noch weniger revolutionär als selbst die Theorie Locke's —
denn nicht das souveräne Volk, sondei-n das legitime Parla-
ment vollzog die nothwendige Umwälzung.
Kurz, was Locke und seine Zeit wollte, war durchaus
berechtigt, weil nothwendig. Die Mässigung dieses Wollens
war praktische Weisheit. Aber es war ein theoretischer Irr-
thum, dass man sich dabei auf die Principien des extremen
Individualismus berief, und diesen durch theoretisch inconse-
qnente Lehren massigen wollte. Man musste sagen: der
Mensch ist ohne staatliche Ordnung undenkbar, die Erhaltung
und die organische Weiterentwickelung des Staats ist so noth-
wendig, wie die Erhaltung des Lebens und der Gesundheit
jedes Einzelnen. Im Leben des Einzelnen kommen Krank-
heiten und Krisen vor — diese muss man verhüten und im
Nothfalle so rasch wie möglich heilen. Ebenso kommen auch
im Staatsleben gewaltthätige Erschütterungen durch die Un-
vollkommenheit aller menschhchen Dinge vor; aber diesen
muss man vorbeugen und, wenn sie doch unveimeidlich wer-
den, so muss man möglichst rasch den alten normalen ge-
sunden Zustand, d. h. das Gesetz, wieder heimstellen und dann
weiter entwickeln. Statt dessen berief man sich auf die natür-
liche und ui*sprüngliche Souveränetät des Volks, d. h. aller
Individuen, und man wollte die Gefährlichkeit dieser Fiction
durch die andere Fiction abstumpfen, dass das Volk sich
56 Erstes Bach, Vorbemerkung.
dieses Rechts ein für alle Mal b^eben habe. Die erste Fiction
ist der Ausfluss eines gesteigeiten Freiheitsdranges, die zweite
ein Ausdruck f&r einen noch gleichzeitig vorhandenen ängst-
lichen Ordnungssinn. Aber es sind zwei Fictionen und noch
obendrein zwei sich einander widersprechende Fictionen, von
denen die erstere deshalb den stärkeren und einen wachsen-
den Glauben fand, weil sie mit der allgemeinen Bewegung der
Geister harmonirte und für sich allein ausserordentlich einfache
und dem erwachten Selbständigkeitstrieb schmeichelhafte
Consequenzen ergab.
Es ist hauptsächlich das Werk der Franzosen und ins-
besondere Rousseau's, dass sie die zweite Fiction strichen, die
Unveräusserlichkeit der individuellen Freiheit und damit ein
Recht auf ewig erneuerte Revolution behaupteten. Diesen
kOhnen aber doch nur consequenten Schritt über Locke hin-
aus hat der englische Volksgeist nicht vollständig mitgemacht,
wenigstens hat die einfache Theorie Rousseau's nie die Majorität
englischer Denker und nie praktisch die Massen ergriffen.
Es blieben mässigende Schranken, wenn auch von abnehmen-
der Kraft und es fehlte der Versuch, die Inconsequenz Locke's
zu entfernen.
1776 erklärten die Enkel der ausgewanderten Puritaner
in Amerika: „Wir halten es für eine unleugbare Wahrheit,
dass alle Menschen in ihrem Ursprung gleich sind, dass sie
von ihrem Schöpfer unverletzliche, unveräusserliche Rechte
erhalten haben, zu denen namentlich das Leben, die Freiheit,
das Eigenthum und das Verlangen nach Glückseligkeit ge-
hören; dass die Regierungen zum Schutz dieser Rechte an-
geordnet und von Niemand anderem als von den Völkeni mit
der obrigkeitlichen Gewalt ausgestattet worden sind; dass
demnach die Unterthanen das Recht haben, eine R^erung,
die sich von ihrer Bestimmung entfernt, zu verändern oder
abzuschaffen, und nach den Ginindsätzen bleibender Sicherheit
wie wahrhaften Wohlstands ein neues Regiment einzurichten.
Wenn nämlich eine lange Reihe von Missbräuchen und Ge-
waltthätigkeiten Knechtschaft herbeizuführen strebt , freie
Staatsbürger unter das Joch der Willkührherrschaft zu bringen
Die neuen politischen Ideen. 57
sucht — dann hat das Volk ein unverjflhrbares Recht und
die heOigste Verpflichtung neue Wächter für seinen künftigen
Schutz zu bestellen." —
Man vergleiche dies mit der Stelle aus Locke, die ich
pben anfQhile. Es ist derselbe Gedankengang, aber man
spürt den Einfluss Rousseau's. Noch soll nur die Regierung,
die sich von ihrer Bestimmung entfernt, abgesetzt werden,
aber es vrird nicht mehr betont, dass das Volk sich durch
den ersten Staatsvertrag unwiderruflich seiner Souveränetät
begeben, sondern es ist schon von unveräusserlichen Rechten
die Rede.
Es ist bekannt, dass auch die Amerikaner diese Theorien
lediglich zu einem beschränkten Zweck benutzten und die
Republik, nicht weil sie dieselbe principiell allein für
richtig hielten, sondern desshalb einführten, weil sie praktisch
kaum eine andere Wahl hatten. Dennoch wurde dadurch,
dass in Amerika eine demokratische Republik wirklich gegründet
wurde, der Ausbreitung des extremen Individualismus, der
sieh von der erwähnten zweiten Locke'schen Fiction immer
mehr losmachte, bedeutender Voi*schub geleistet und in noch
höherem Grade geschah dies durch die französische Revolution.
In dem Jahr 1776, in dem die Amerikaner mit Rousseau's
Worten sprechen und Turgot die Abschaffung der Frohnden
und Einfühi-ung der Gewerbefreiheit in Frankreich versuchte —
in demselben Jahre veröfientlichte Adam Smith sein die
individualistische Nationalökonomie begiilndendes Werk, und
Jeremias Bentham schrieb seine ei*ste politische Broschüre.
Der sociale und politische Individualismus Locke's hatte auf-
gehört lediglich die Revolution von 1688 zu rechtfertigen;
man war nunmehr entschlossen weitere und grössere Conse-
quenzen daraus zu ziehen.
Ich werde die einzelnen bedeutendsten Vertreter dieser
neuesten Entwicklungsphase des Individualismus in Folgen-
dem monographisch schildern. So weit auch Einzelne schliess-
lich den Franzosen entgegenkamen, im Ganzen verstieg man
sich nicht bis zur Leidenschaft für die Revolution an sich und
die Inconsequenz Locke's lebte doch in neuen und abge-
58 Erstes Buch, Yorbemerkimg.
schwächten Foimen fort. Selbst in seiner extremsten Ent-
wicklung erkannte z. B. Bentham die Menschenrechte nicht an.
"Wie Locke die Zeit von 1688 , so repräsentirt Bentham —
freilich weniger klar, weniger vielseitig und originell ala
Locke — doch am schäi-fsten die Zeit seit 1776 in England.
Man kann an ihm sehen, welche Schranken selbst diesem
abstractesten und doctrinärsten aller Engländer die angebome
und anerzogne Denkweise der Engländer gegenüber Rousseau
anlegte. Allein man kann auch an Bentham am deutlichsen
sehen^ in welcher Weise die Abneigung zu consequenter und all-
seitiger Ausbildung eines theoretischen Princips zugleich schäd-
lich wirkte^).
Der Individualismus betrachtet das Individuuum nicht
nur als souveräne Ursache aller Ordnungen und Einrichtungen
des Zusammenlebens, er betrachtet die Lebenszwecke des iso-
lirten Individuums auch als einzige Zwecke alles isolirten
und socialen menschlichen Thuns. Und da die Lebenszwecke
des isolirten resp. isolirt gedachten Individuums unbedingt
egoistisch sind und sich vorzugsweise auf das physische Dasein
beziehen, so muss sich bei ausschliesslicher Betrachtung dieser
Zwecke ein ethischer Materialismus entwickeln.
Der praktische Engländer, der ja immer im Grunde
einzelne bestimmte Refoimen von irgend einem nachweislichen
Nutzen, und nicht allgemeine politische Ideale, resp. Utopien
') In der That sind Rousseaa (1712—1778), Bentham (1748—1882),
und Kant (1724 — 1804) die drei Philosophen, welche ihren Völkern bei
dem Uebergang zur neuesten Zeit mit der Fackel des Geistes prophetisch
Yorangeleuchtet hahen. Mit feuriger Empfindung und mit den allgemein-
sten Sätzen beginnend, hat Rousseau den Franzosen nicht endende
Revolutionen, mit unermüdlicher Zähigkeit und vom Kampf gegen einzelne
Misshräuche ausgehend, hat Bentham den Engländern- Bruch mit der Ver-
gangenheit durch aufgeregte Reform, mit umiassendster Bildung und tief-
ster Forschung hat Kant den Deutschen den wahren Rechtsstaat — nicht
den Interessenstaat — prophezeit. Aus der Anschauungswelt des Indivi-
dualismus sind die politischen Ideen der drei Philosophen herausgewachsen
— und doch wie verschieden sind die Philosophien des Volkes der Revo-
lution, des Volkes der Reform — und des Volkes der Denker, das erst
nachdem es alles durchdacht hatte, zur politischen That konmien soUte!
Die neuen politischen Ideen. 59
im Kopfe hatte, unterliess es leicht, die CoDsequenzen der
begründenden Souveränetät des Individuums systematisch zu
ziehen. Aber um so Vollkommneres leistete er darin, die
greifbaren, berechenbaren (materiellen) Zwecke resp. Interessen
des Individuums zur alleinigen Richtschnur bei Untei*suchung
jeder Frage der Privatmoral und des öffentlichen Wohls zu
iidiroen. Nicht die Notzlichkeitslehre an sieh — denn was
kann man Alles unter Nützlich verstehen! — sondeiii dass
man das dem isolirten Individuum Nützliche zur Richtschnur
Bahm, das macht das Wesen des Utilitarianismus aus, der bei
Bentham ausgebildet vorliegt und der in der Form, wie ihn
der gef&llige Mill schliesslich formulirt, heute die Engländer
beherrscht Dieser Utilitarianismus ist nur eine Seite des
Individualismus — und ihm untei-werfen sich, wie wir sehen
werden, faktisch auch die principiellen Gegner der Volks-
Bouveritnetätslehre in England, ihm zog selbst der stärkste
christliche Sinn, sogar unter den Anhängern der Staat&kirche,
keine Schranken.
So kam es, dass eine Inconsequenz das modeine Eng-
land vor gewaltiger Revolution und Anarchie bewahi-te, —
eine in dieser Hinsicht praktisch segensreiche Inconsequenz,
die aber nicht die Kraft besass , dem englischen Volke neue
lebensfähige und lebensvolle ethische und politische Ideale
zuzuführen.
Auch das Dissenterthum, welches die politische Opposition
in einer gewissen heilsamen christlichen Zucht erhielt und
dem Revolutionsgelüste Zügel anlegte, vermochte nicht den
ethischen Materialismus zu bekämpfen, sondern bahnte ihm —
in oft naiver Weise die Wege. Man sieht dies deutlich an
Priestley, dem vielleicht interessantesten unmittelbaren Vor-
gänger von Bentham.
Wie schon Hobbes trotz aller höchst materialistischen Auf-
fassung des Staats etc. ^seinen Frieden mit der Kirche gemacht
hatte*^ 0 ; wie Locke bei seiner Auffassung vom Staat von utili-
^) Siehe Lange, Geschichte des Materialismus, 2. Aufl. Bd. 1,
S. 249 o. 254.
60 Erstes Bach, Yorbemerkong.
tarischen Anschauungen erfüllt war, so haben später Paley
und PnesÜey höchst rationalistische und praktisch materiali-
stische Anschauungen, der eine mit energischer Yeilheidigung
der Staatskirche, der andere mit warmen Dissenterglauben zu
verbinden gewusst. Der Engländer vermochte nicht sich
aus dem ihm natürlichen Materialismus zu einer idealen Welt-
anschauung durchzuarbeiten, wohl aber vermochte er den
absolut auflösenden und zersetzenden Gonsequenzen seines
Materialismus zu entgehen ^).
^) Von den Engländern überhaupt gilt was Leslie Stephen ^Engliah
Thouc^t in the Eighteenth Century**. Bd. 1 S. 71 sagt: „The votary of
common eense sometimes refoses to ask the ultimate qaestions at alL*'
(Der Anhänger des gesunden Menschenverstandes geht mitunter den
letzten Fragen geflissentlich aus dem Wege).
Erstes Capitel.
Die älteren Individualisten.
§ 1. Priestley und Price.
Unter den englischen Schriftstellern, an deren Werken
die Einwirkung der französischen Literatur zu erkennen ist,
ist David Hume gewiss deijenige, der für die Geschichte der
Philosophie die giösste Bedeutung hat. Eine solche Bedeutung
hat der Dissentei-prediger Joseph Priestley in viel geringe-
rem Grade, obwohl er immerhin bemerkenswerth ist als
deijenige, der über Hartley hinausgehend, die materialistische
Erklärung des Denkens in der schroffsten Weise ausbildete.
Von grösserer Bedeutung und allgemein anerkannt sind
seine Verdienste um die Naturwissenschaft. Was die socialen
und politischen Wissenschaften betrifft, so kann man ihm
weder gi-osse Verdienste noch Originalität nachrühmen. Den-
noch sind seine Schriften in dieser Hinsicht sehr beachtens-
werth, weil er von Bentham und Paine die weitestgehenden
Consequenzen des Individualismus zog, immer unter Beachtung
einer praktischen Scheu vor gewaltthätiger Revolution, und
weil diese seine Schriften allein die Erkläiimg der seltsamen
Verbindung von philosophischem Materialismus, politischem
Individualismus und freiem christlichem Gottesglauben möglich
machen. Eben in Folge dieser Verbindung ist Priestley ein
viel chai*akteristischerer Vertreter der englischen Anschau-
ungsweise als Paine, obwohl dieser während und nach der
französischen Revolution viel mehr Aufsehen eiTegte.
Die Verbindung scheinbar unvereinbarer Anschauungen
62 Erstes Bocb, Gap. 1.
bei Priestley ist nicht einfach die Folge ungeschälten Denkens ^),
nicht einmal nur die Wirkung nationaler Traditionen, sondern
ist vor allem erklärbar durch sein Dissenterthum. Ein im
Kampfe gegen die staatlich geschützten kirchlichen Autori-
täten befindliches Christenthnm konnte alle oppositionellen
und extremen liberalen politischen Theorien acceptiren, es
konnte fQr das Individuum, das allein nach seinem Gewissen
sein Yerhältniss zu Gott festsetzte, das unbedingte Recht des
freien Forschens und Denkens beanspruchen und ausüben —
und konnte doch Christenthnm bleiben, d. h. das freie indi-
viduelle Bedürfniss des Glaubens an einen Gott konnte un-
gestört befriedigt bleiben.
Ein Christenthnm, das principiell Opposition machte, das
nach Gleichberechtigung und Freiheit rang , das principiell nicht
daran dachte^ Autoritäten auszubilden zur Bindung des indivi-
duellen Willens — ein solches Christenthum war der natürliche
Bundesgenosse von Freidenkern und politischem Individualismus,
und es war nicht unnatürlich, dass Politiker und Philosophen,
die von dem Boden solchen Christenthums ausgingen, ihren
Ausgangspurikt mit Begeisteiiing festhielten, zumal er ihnen
Anhänger verschaffte, ohne sie in der Ausbildung ihrer Ideen
irgendwie zu stören. Ein wichtiger Theil von Priestley's
materialistischer Philosophie, die Leugnung der Willensfrei-
heit, Hess sich sogar mit der puritanischen Prädestinations-
lehre sehr leicht und natürlich vereinigen.
^) So erscheint es zwar Leslie Stephen 1. c. Bd. 1 S. 431 : „Priestley
carikirt die übliche englische Tendenz, einen Compromiss zwischen an-
vereinbaren Dingen zu machen. Ein Christ und ein Materialist
Leidenschaftlich sympathisirend mit der französischen Revolution und
doch festhaltend an einem Rest der Doctrinen, denen diese Revolution
wesentlich entgegengesetzt war; ein politischer Bundesgenosse und religö-
ser Gegner des Geistes, den Paine aussprach. Aufgebend die mystischen
nnd doch beibehaltend die übematOrlicben Elemente des Christenthums.
Rasch die Oberfläche einer Ansicht überblickend, aber unfähig, ihre
tieferen Tendenzen zu würdigen — so wirft er gelegentlich in scharfsich-
tiger und belehrender Weise Licht auf eine Seite einer Streitfrage — nur
um im nächsten Moment in rohe Dogmen und abgelebten Aberglauben
zurückzufallen.^
Priestley. 63
Die Puritaner sind fbr Priestley die Ahnen der gegen-
w&itigen DissenterSf die zwar die Engherzigkeit der alten
Puritaner aufgegeben haben, aber sich immer bewusst bleiben
sollen, dass alle Freiheit in England den Puritanern zu ver-
danken ist Priestley's Ghristenthum ist ihm also nicht nur
die Grundlage all seiner begeisterten Freiheitsliebe, da es
lehrt: „dass kein Herr auf Erden sein soll, denn nur Einer
ist Herr, Christus selbst" 0 — sondern dies mit der politischen
Freiheit verbündete Ghristenthum hat bereits seine Geschichte
und weithvoUe Tradition und wird darum um so wärmer fest-
gehalten. Die meisten politischen Schriften Priestleys fallen
in die Zeit vor der französischen Bevolution; sie knüpfen an
Locke an, dessen Lehren in Rousseau's Sinn weiter gebildet
und auf den Kampf der Amerikaner angewendet werden;
aber es wird kein Revolutions- , ja nicht einmal ein ausgebil-
detes Beformprogramm für England festgestellt. Li der spä-
teren Schrift gegen Burke geht Priestley alleidings weiter,
aber doch nicht soweit, wie Paine und später Bentham, die
sich auch von dem Ghristenthum der Dissenter losmachten
und in ihren Postulaten vielfach ganz kosmopolitisch wurden.
Priestleys ältere Schriften stellen den Uebergang von den
alten englischen Freiheitslehren des Bürgerkriegs und der
glorreichen Bevolution zu der neuen durch die französische
Revolution beeinflussten Entwicklungsphase des englischen
Individualismus dar.
In den älteren Schriften 2) überwiegen die Eröi-tei-ungen
Ober die Verhältnisse der Dissenters und die AusfUhiningen
zu Gunsten des Postulats religiöser Toleranz und der Tren-
nung von Kirche und Staat schon dem Baume nach bedeutend.
In den „Bemarks on some paragraphs in the 4*^ Volume
of Blackstone's Gommentaries relating to Dissentere" von 1769
wird die Loyalität der Dissenters, namentlich seit Wilhelm HL,
in Schutz genommen, behauptet, der Calvinismus sei principiell
^) S. Motto zu der Schrift ,,Principle8 and Conduct of the Protestant
Dissenters etc." 2. Aufl. 1769.
*) Ich citire nach der Gesammtausgabe von Priestle/s Works ed«
Butt, Bd. 22.
64 Erstes Bach,. Gap. 1.
nicht republikanisch, nur ein Gegner der Despotie. In der Schrift
„A View of the Prindples and Gonduct of the Protestant
Dissenters with respect to the Civil and Ecclesiastical Consti-
tution of England^' 2. Aufl.. 1769 kehrt die gleiche Behaup-
tung wieder, man dürfe nicht in falscher VeraUgemeinerung
von Cromwells Handlungsweise die Dissentei*s filr gleichheits-
histig und republikanisch halten. Sie beugten sich sogar auch
solchen Gesetzen, die sie für schlecht hielten, weil im Allge-
meinen ein 7,Zustand geordneter Gesellschaft besser ist als
Anarchie^', ja die Dissentei-s seien der jetzigen Dynastie sogar
besonders zugethan und principiell Anhänger der beschränk-
ten Monarchie, sie seien nur gegen Ausdehnung der königl.
Prärogative und gegen willkürliche Regieining und seien
durchgängig liberal, schon weil sie sich nicht aus den Reichen
und Hochgeborenen rekrutiren. Aber sie seien sogar »fi'oh,
ihre religiöse Freiheit mit dem Ausschluss von Staatsämtem
zu erkaufen" (S. 361). Als Schriftsteller und Philosophen mach-
ten sie keinen Unterschied zwischen irgend welchem religiösen
Bekenntniss. Doch wenn wider ihren Willen die Debatte auf
Religion käme, so würde wohl zu Tage treten, dass sie mit
fi*eiem wissenschaftlichen Sinn eifriges Christenthum verbänden.
Priestley schreibt hier eine Apologie der Dissentei*s; er
beschönigt, insofern er nicht zugesteht, dass das Dissenter-
thum ein Heerd weitgehender revolutionärer Agitation war
und werden konnte — aber er ist gewiss aufiichtig für seine
Person; es ist wahr, dass die damaligen Dissenters eine Ab-
sicht zu thatsächlicher Revolution nicht hatten, dass es also
ungefährlich, ja klug gewesen wäre, sie politisch gleichzu-
stellen. Die Dissenters als eine freigeistige , politisch freisinnige^
und wahrhaft christliche, aber nicht revolutionäre Partei
waren damals möglich als eine geduldete Minorität. Priestley
bringt in dieser Schrift viel über die Geschichte der Dissen-
ters und über ihren damaligen Zustand — AUes freilich etwas
aphoristisch. Er ermahnt zur Einheit der Dissenters und
eifeit gegen religiöse Gleichgültigkeit; die Verschiedenheit
des Dogmas der einzelnen Secten hält er für unbedenklich,
ja nützlich. Einig seien sie darin, dass sie jede menschliche
Priebüey. 65
Autorität in religiösen Fragen verwerfen, dass sie das neue
Testament, in dem Jeder sich selbst seinen Glauben und Moral
suchen kann, für die ausschliessliche Grundlage aller Religion
halten, dass sie eine Hierarchie, namentlich eine solche mit
politischen Rechten, dass sie römische Ceremonien und
Liturgie unbedingt verwerfen — als echte Fortsetzer der
Reformation des 16. Jahrhunderts.
Als ein besonders illhmenswerther Fortschritt der heu-
tigen, gebildeteren Dissentei*s gegenüber den alten PuritaneiTi
erscheint es Priestley, dass erstere unbedingte Toleranz auch
für Atheisten und Katholiken verlangen — was auch zweck-
mässig sei, da das wahre Christenthum sich durch eigene
Kraft halte. Es ist kein Widei-spruch gegen diese Toleranz,
wenn die Irreligiosität von Voltaire und Rousseau heftig b^
kämpft wird (s. A Free Adress to Protestant Dissenters by a
Dissenter, erste Aufl. 1769; zweite 1771. Works Bd. 22.
S. 247 flF.i)
In den beiden dem Titel nach rein politischen Schriften
„The Present State of Liberty in Great Britain and her Co-
lonies by an Englishman" (1769) und der Hauptschrift „Essay
on the first Principles of Goveniment** (erste Aufl. 1768,
zweite 1771) nimmt, wie schon erwähnt, die Vertretung der
Dissenterinteressen ebenfalls grossen Raum ein.
Aus der erstgenannten Schrift ist die Parteinahme für
die Amerikaner hervorzuheben, besonders aber, dass Priestley
zwar an der damaligen Parlaments Verfassung viel auszusetzen
hat, aber doch das allgemeine gleiche Wahlrecht nicht will«
Die rotten boroughs und die WahlcoiTuption sind ihm ein
Greuel, er verlangt aber nur Ausschluss aller Hofpensionäre
und Söhne von Adeligen aus dem Haus der Gemeinen, kür-
zere Wahlperioden , Abschaffung der kleinen Wahlflecken,
Vereidigung der Candidaten gegen Coriniption, und geheime
Abstimmung, während er gegenüber dem allgemeinen Wahl-
recht sagt, „es sei genügend, wenn die Wahl der Obrigkeit
^) Zu Tergleichen auch die kleineren Schriften, Adressen etc. Works
Bd 22. S. 399— 499.
Ueld, Soc. Gesch. Enfi^l. 5
QQ Erstes Bach, Cap. 1.
(incl. Parlament) von der Majorität derjenigen ausgehe, deren
Verhaltnisse sie über die Gefahr der Comiption erhaben
machen''. Die allgemeinen theoretischen Grundlagen sind
dieselben wie in dem Essay on the first Prineiples.
In dieser Schrift sind einfach die älteren Rousseau'schen
Staatsvertragsideen und die jüngeren utilitarischen Nütz*
lichkeitstheorien verschmolzen — beide aber zu weniger ex-
tremen Consequenzen ausgebildet.
Der Mensch untei-scheidet sich von den Thieren durch
seine unbeschränkte Fähigkeit zur Ausdehnung des Wissens,
zu Vervollkommnung und Fortschritt. Vervollkommnung und
Fortschritt (improVement) sind aber, echt praktisch materia-
listisch, identisch mit „grösserer Macht glücklich zu werden**.
Die Aussicht, dass das Ende der menschlichen Entwicklung
paradiesisch sein wird, beruht auf den Wirkungen der Arbeits-
theilung. Das grosse Mittel, wodurch Gott seinen Zweck, die
Menschheit zu einer grösseren Vervollkommnung, d. h. Glück,
zu führen, erreichen will, ist Gesellschaft, d. h. Regierung.
Also ist die Frage, auf die es ankommt, die, welche Form
der Regierung am meisten Glück erzeugt. Das
ist also derselbe Utilitarianismus, den wir später bei Bentham
finden und der hier mit einem Gottesglauben ebenso ober-
flächlich, aber auch ebenso ungezwungen verbunden wird,
wie denn der materialistische Philosoph Gott gleichsam als
Maschinenmeister resp. Erbauer des Weltmechanismus be-
handelt.
Also Gott will das GlUck der Menschen, diese streben
mit Recht nach ihrem Glück — und in diesem natürlichen
Streben schliessen sie den Staatsvertrag. ^AUe Menschen
leben in Gesellschaft zu Ehren ihres gegenseitigen Voitheils.
Deshalb ist der Nutzen und das Glück der Mitglieder, d. h.
der Majorität der Mitglieder jedes Staats der grosse Maass-
stab, nach welchem jede diesen Staat berührende Frage end-
gültig entschieden werden muss" (1. c. S. 13).
Einen Beweis für die Richtigkeit dieses Glücksprincips
versucht Priestley ebensowenig als für die damit verbundene
Lehre von dem Zustand ursprünglicher Freiheit, aus dem man
Priestley. 67
durcn Veflrag in den des Staats übergeht Das Princip ist
einfach eine selbstverständliche Folge der Anschauung, dass
Priestley nur einzelne Individuen mit ihren pei'sönlichen Inter-
essen und eine Summe von solchen Individuen kennt. Für den
Dissenter, der für das Individuum das Recht verlangt, dass
es sich allein seinen Gott suche, der in den höchsten Fragen
^das Individuum allein auf seine Füsse stellt, giebt es auch
bei Betrachtung des Staats keine Menschheit, keine Nation,
die als ein eigenes Gesammtwesen den Einzelnen gegenüber-
treten könnte. Wahrlich nicht die Verbindung eines trockenen
Gottesglaubens, dem Gott einfach die Ui'sache des sichtbaren
Lebens von Natur und Mensch ist, mit einer materialistischen
Weltauffassung ist eigenthümlich oder wunderbar bei Priestley
— von durchschlagender Bedeutung ist nur die Anschauung,
dass Gottes Wille und des Menschen Zweck nur wachsen-
des Glück der Individuen, nicht Vervollkommnung der
Menschheit im Dienst von Idealen ist.
Priestley unterscheidet scharf zwischen politischer Frei-
heit, d. h. directer oder indirecter Theilnahme des Einzelnen
an der Macht im Staat, und bürgerlicher Freiheit, d. i. un-
gestört freier Verfügung über die eigenen Handlungen. Im
Naturzustande hat Jeder die volle bürgerliche Freiheit — durch
den Staatsvertrag giebt man einen Theil der bürgerlichen
Freiheit gegen einen Antheil an der Macht im Staate auf.
Hierin und in der starken Betonung der natürlichen
Rechte, des unveräusserlichen Rechts gegen jede wider
den eigenen Willen auferlegte Herrschaft zeigt sich der Schüler
Rousseau's. Das Ideal der Vertheilung der politischen Frei-
heitsrechte ist volle Gleichheit derselben. Dies ist aber nur
in kleinen Staaten möglich, in grossen können sich die Mit-
glieder der Staatsgesellschaft nur durch Repräsentanten an der
Herrschaft betheiligen.
Den Schluss, dass Jeder wenigstens gleichen Antheil an
der Wahl der Repräsentanten haben solle, zieht Priestley auch
in dieser Schrift nicht, sondern er ist für Census, abgestuftes
Wahlrecht, so dass die unteren Klassen nur die niederen
Staatsdiener wählen; für Erblichkeit der Krone etc. ~ kurz,
98 Erstes Bach, Gap. 1.
er ist praktisch nur für massige Reformen der englischen
Verfassung, die im Allgemeinen ein richtiges Maass politischer
Freiheit für einen grossen Staat gewährt. Dagegen geräth
Priestley bei den Principien über Volkssouveränetät, Verant-
wortlichkeit aller Staatsdiener incl. des Königs in sehr extreme
Lehren, deren Mittelpunkt in Reminisceuz an die Zeiten Locke's
das Recht des Widei-stands gegen die Regierung ist. Auch
hier wieder sind die Theorien Rousseau's und Bentham's ver-
einigt Die Republik mit gleichen Rechten Aller ist das Ur-
sprüngliche und lebt auf, sowie die jeweilige Regierung
pflichtwidrig handelt — also das Recht zur Revolution
wird aus dem Rousseau'schen NatuiTOcht abgeleitet; und
die Revolution ist erlaubt, wenn ihre schlimmen Wir-
kungen weniger schlimm sind als die bekämpften Zustände.
Uebrigens hält Priestley mit Locke diese Theorie für unge-
fiüiirlich, da faktisch Revolution nur in vei-zweifelten Fällen
gemacht wird.
Das richtige Mass bürgerlicher Freiheit im Staat kann
nur durch Experiment festgestellt werden. Es liegt aber zu
Tage, dass Priestley möglichst geringe Ausdehnung der Staats-
gewalt wünscht; so soll auch Erziehung und Bildung Privat-
sache bleiben und namentlich soll sich der Staat möglichst
wenig um Religion kümmem. „In bürgerlichen Angelegen-
heiten wird ein gewissenhafter Christ der bürgerlichen Obrig-
keit gehorchen, wo aber Religion in Frage kommt, wird er
nur auf die Gebote seines eigenen Gewissens und die Eimah-
nungen seines erwählten geistlichen Führere hören" (1. c. S. 85).
Die Staatskirche ist daher weder nützlich noch nöthig, soll
aber vorei-st doch nicht abgeschafft, sondeni nur refoimirt wer-
den, ebenso wie die ganze englische Verfassung nur schritt-
weise verbessert werden soll.
Den Schluss bilden dann pathetische Ausführungen, in
denen der Schüler Rousseau's und Vorläufer Bentham's Pa-
triotismus, monarchisches Gefühl und allgemeine Freiheits-
schwäimerei weniger consequent und scharf als ehrlich mit-
einander verbindet.
Priestley behält sein Dissenterchristenthum als nützliche
/
Priesüey. 69
Grundlage des Freiheitsgefbhls bei und er bleibt bei der
englischen Verfassung, weil er von ihrer allmäligen Aendeiiing
mehr hofft, als vom plötzlichen Umsturz. Auch in einer spä-
teren Adresse von 1774 wird die englische Verfassung wohl-
weislich zu den fi-eien Verfassungen gerechnet, aber schon
bricht die Leidenschaft der Freiheit in wilder Weise gegen
erobernde Despotien aus, wobei die Ehrerbietung gegen das
Königthum gewaltigen Schaden leidet. ,fDie Hoffnung der
Menscheit ist, dass im Laufe der Zeit das schreckliche Uebel
(Freiheitsvernichtung durch Despotie) sein eigenes Gegengift
und Heilung finden wird. Da Könige immer schlechter er-
zogen werden als andere Menschen , so wird ihre Rasse vor-
aussichtlich degeneriren, bis sie nicht viel besser sein werden,
als Idioten, so dass diejenigen, welche nicht der Gegenstand
der Verachtung sind, der Gegenstand des Hasses werden '*
In den Briefen an Burke von 1791 hat sich Priestley
weiter entwickelt. Die Ziele der französischen Revolution,
„eine totale Refoim der Verfassung", sind nach ihm un-
bedingt richtig und jedem Freiheitsfi*eund eine Wonne. Eine
legale Regierung ist die, welche wirklich vom Volk gewählt
ist Dennoch verlegt sich Priestley weniger auf Rechtferti-
gung der einzelnen neuen Institutionen in Frankreich, als auf
Veitretung des Rechts zur Revolution im Allgemeinen, wobei
es ihm nicht übel gelingt, die Schwächen von Burke's Stand-
punkt aufzudecken. Auch der Satz, die französische National-
versammlung sei eine wahre Volksvertretung, das englische
Unterhaus nur eine Caricatur einer solchen, wird nicht weiter
verfolgt. Burke erkennt Revolution als erlaubt an in äusser-
sten Nothfällen, Priestley constatirt ein allgemeines Revolu-
tionsrecht an sich, das man in Folge praktischer Rücksichten
nicht oft gebrauchen solle und werde — das ist der Unter-
schied der beiden Anschauungen; und Priestley kann seine
Anschauung wenigstens durch eine höchst einfache Theorie mo-
üviren, die im Grunde die alte ist und die er in den Worten
zusammenfasst : „Alle Gewalt im Staate ist vom Volke abge-
leitet und der grosse Zweck aller Regierung ist das öfifentliche
Wohl."
70 Erstes Bach, Cap. 1.
Die extreme Tendenz der Theorie Priestley's hat durch
die französische Bevolution an Kraft gewonnen, sein prakti-
scher Conservatismus an Kraft abgenommen. Die amerika-
nische und die fi*anzösische Revolution sind beide hocherfreu-
liche Ereignisse, die mehr wirken als tausend Bücher. Nun
wächst auch die Feindschaft gegen die Staatskirche, Religion
ist für den Staat, der sich durch seine eigene Nützlichkeit
erhält, unnöthig, sie soll nur Privatsache sein, da sie für
den Einzelnen nützlich ist als „an additional motive to good
behaviour".
Das mit der französischen Revolution sympathisirende
Dissenterthum untergräbt, wie man sieht, seine eigene Existenz,
indem es die Unwichtigkeit der Religion lehrt. Gleichzeitig
nimmt die Liebe zu der englischen Verfassung ab, indem die
Staatsschuld und die ungleiche Volksvertretung leidenschaft-
lich als Uebel gegeisselt werden, welche geändert werden
müssen. Für den Fall dies nicht geschieht, wird Revolution
in England prophezeit. Feme aber liegt es dabei Priestley,
eine sociale Revolution des Arbeiterstandes zu prophezeien,
denn ganz im Geiste der bürgerlichen Liberalen tadelt er das
bestehende Aimenrecht als eine Einrichtung, welche Faulheit
aneifert und Voi'sicht tödtet. Auch die Hoffnung auf Ver-
nichtung nationaler Voiiirtheile und Abschaffung aller Kriege
ist bekanntlich kein specifisches Arbeiterpostulat.
Uebrigens hofft Priestley die prophezeite Revolution ernst-
lich durch „freie Discussion'' zu beschwören und zu den vor
Allem erhofften Refoimen gehört nur Einschränkung, nicht
Abschaffung der königlichen Gewalt. Es ist von den An-
sichten Priestley's in seiner letzten Entwicklungsphase nur
ein kleiner Schritt bis zu dem Wunsche nach Einführung der
demokratischen Republik um jeden Preis — doch ist in
Priestley noch immer ein Rest von der sittlichen Zucht des
alten Puritanerthums übrig und wie bei der Mehrzahl der
späteren Radicalen bleibt die Beinifung auf Gott eine faktische
Schranke der politischen Leidenschaften. Noch hören wir
den Nachfolger Milton's und Locke's, wenn Priestley am
Schluss der Briefe an Burke sagt:
R. Price. 71
„In dieser neuen (d. h. aus der französischen Revolution
allmälig folgenden) Verfassung der Welt mag es noch Könige
geben, aber sie werden nicht mehr Souveraine und allerhöchste
HeiTen sein, keine Menschen, denen man solche Titel wie
höchst geheiligte und höchst erhabene Majestät giebt Es
wird keine solche Profanation von Namen mehi- geben, die
Gott allein gehören und jetzt Sterblichen, die unseres Gleichen
sind, beigelegt werden. Es wird Obrigkeiten geben, die be-
stellt und bezahlt werden zur Aufrechterhaltung der Ordnung,
aber sie werden nur als die ersten Diener des Volks und als
verantwortlich betrachtet werden. Stehende Heere, diese
Werkzeuge der Tyrannei, werden unbekannt sein, wenn auch
das Volk im Gebrauch der Waffen behufe Zurückweisung
barbarischer Einfälle eingeübt werden mag. Es wird
noch Religion geben — aber keine Herren Bischöfe.
Jedermann wird sich selbst seine Religion besorgen. — Ist
so die Regierung vereinfacht in ihren Zwecken, so wird sie
weniger kostspielig und doch wirksamer sein. Es wird
dann wenig mehr zu besoi*gen geben ausser der Verwaltung
der Justiz und der Erhaltung des Friedens/^
Ein Freund und Zeitgenosse von Priestley war Richard
Price, der bekannte politische Arithmetiker, dessen begeisterte
Wiederaufnahme der alten Ideen von Walpole und Anderen die
Wiedereinfühi-ung des Staatsschulden - Tilgesystems nach den
Regeln des Zinseszinses durch Pitt zur Folge hatte. Der viel-
seitige Mann beschränkte sich aber nicht darauf, sich für seine
mathematischen Berechnungen zu erwäimen und seinen nach
der Formel wachsenden Tilgefonds wie ein pei-sönliches Wesen
zu lieben und zu feieni — auch er war Theologe und Philosoph.
Er erkannte im Gegensatz zu Priestley die menschliche Willens-
freiheit an, er bekämpfte die Anschauung, dass Recht und Un-
recht nur vom Nützlichkeitsbegriff abgeleitete Voi-stellungen
seien — kurz er setzte sich zu der materialistischen Welt-
anschauung in theoretischen Gegensatz: allein das war ohne
Erheblichkeit. In Bezug auf die politischen Principien und
72 Erstes Buch, Cap. 1.
Postalate huldigt Price ganz denselben Anscbauungen wie
Priestley, er ist nur noch schärfer und consequenter. Und
wenn man seine ethischen und religiösen Anschauungen genau
untersucht, so seilt sich heraus, dass er im Gininde noch mehr
die natürliche Tendenz hatte, alle Fragen nach der berechen-
baren Nützlichkeit für das Individuum zu beurtheilen.
Auch Price's politische Theorie hat gleich den Schriften
von Priestley ausserordentlich wenig originelles Verdienst.
Wenn man aber bedenkt, wie wenig selbständig seit Locke
überhaupt die allgemeinen politischen Probleme in England
erfasst wurden, wie sehr selbst die wirksamsten Schriften,
z. B. die beiUhmten Junius - Briefe , sich in der Behandlung
von Einzelheiten und Persönlichkeiten verloren, so ist zu be-
greifen, dass eine allgemeine einfache und abstracte Theorie,
wie sie Price und Priestley immerhin darboten, ti'otz ihrer
Fehlerhaftigkeit und ihres Mangels an historischem Sinn von
Bedeutung sein musste. Price's Observations on the Nature
of Civil Liberty ') tinigen dem Verfasser sofort gi-osse Aner-
kennung selbst officielle Seitens der City of London ein.
Price untei-scheidet physische, moralische, religiöse, bürger-
liche Freiheit. Eine Idee ist allen Arten von Freiheit ge-
meinsam, die Idee der Selbstleitung, der Selbstbeheii'schung.
Wenn irgend eine Kraft, über die wir keine Macht haben,
unsere Bewegungen regiert, so leben wir in Knechtschaft.
Der Gegensatz zur bürgerlichen Freiheit liegt vor, „wenn irgend
ein von der Mehrheit der Gesellschaft verschiedener Wille
die Macht, Gesetze für die Gesellschaft zu machen und über
ihr Eigenthum zu verfügen, beansprucht" — wobei die Identität
des Willens der Majorität mit dem der Gesammtheit als selbst-
verständlich gilt. Für die Freiheit nun ist Price glühend be-
geistert und aus ihrem Begriff heraus mehr als aus der Fiction
^) Der volle Titel ist:
Observations on the Nature of Civil Liberty, the Principles of
Government and the Justice and Policy of the War with America: to which
is added an Appendix and^Postscript containing a State of the National
Bebt by Richard Price D. D. F. R. S. 7 «l Ediüon 1776. (Die erste Auflage
vom Februar 1776.)
R. Price. 73
des Staatsvertrags wei^den dann die Lehren der Volks-
souveränetät abgeleitet und mit der utilitarischen Glückstheorie
wie bei Priestley verbunden : ^ Alle bürgerliche Regierung, so-
weit sie frei genannt werden kann, ist das Geschöpf des
Volks, wurzelt im Volk. Sie wird unter Direcüon des Volks
geführt und hat nur das Glück des Volks im Auge. Alle ver-
schiedenen Regierungsformen sind nichts weiter als verschiedene
Arten, auf die das Volk beliebt, seine Angelegenheiten zu ver-
walten und den ruhigen Genuss seiner Rechte zu sichern.
In jedem freien Staat ist Jedeimann sein eigener Gesetzgeber.
Alle Steuern sind freie Gaben für den öffentlichen Dienst.
Alle Gesetze sind specielle Einrichtungen oder Maassregeln, die
durch allgemeine Uebereinstimmung zum Zwecke von Schutz
und Sicherheit festgestellt sind. Und alle Obrigkeiten sind
beauftragte Veitrauensmänner oder Vertreter, welche diese
Maassregeln ausführen sollen. Es ist also eine unvollständige
Definition, wenn man sagt, Freiheit sei die Regierung durch
Gesetze statt durch Menschen. Wenn die Gesetze durch einen
Menschen oder eine Verbindung von Menschen im Staate ge-
macht werden statt durch allgemeine Uebereinstimmung, so
ist solche Regierung von Sklaverei nicht verschieden."
Die volle Freiheit kann nur in kleinen Staaten verwirk-
licht werden; in grossen Staaten kann man sich ihr durch
Repräsentativsystem in praktisch genügender Weise annähera.
Geschieht dies, so steht allgemeiner Weltfriede, Conföderation
der freien europäischen Staaten mit internationalem Schieds-
gericht in Aussicht.
Zunächst werden für England demgemäss kürzere Wahl-
perioden und Ausdehnung des Wahlrechts verlangt; die ge-
wählten Volksvertreter müssen alle Steuern bewilligen und
ein Veto in allen Fragen des öffentlichen Lebens haben —
dann aber kann ihnen als wohlthätige Schranke (check) ein
erblicher Rath als höchste Executive beigesellt werden — die
wahre Freiheit liege zwischen Anarchie und Despotismus in
der Mitte. Es giebt zwar unveräusserliche Rechte der „mensch-
lichen Natur**, wozu das Recht, seine Religion selbst zu be-
stimmen, gehört, aber die englische Verfassung mit König
74 Erstes Bach, Cap. 1.
Lords und Gemeinen ist doch die vollkommenste Verfassung,
wenn nur die Gemeinen eine wahre Volksvertretung sind und
ihre Macht nfcht auf unrepräsentirte Länder oder Völker
ausgedehnt wird — denn das Fundamentalprincip unserer Ver-
fassung ist ^das Becht des Volks sein eigenes Geld zu
bewilligen."
Man sieht, Price stellt sich auf einen principiellen, ab-
stract rationalistischen Standpunkt und proclamirt sogar, ledig-
lich von diesem Standpunkt aus (by the general principles of
civil libeily and not by the practice of foimer times), sein
Hauptthema, den Streit mit Amerika behandeln zu wollen.
Indem er aber findet, dass die englische Verfassung in ihrem
wahren Inhalt praktisch mit dem abstracten Ideal zusammen-
fällt, wird er ein Anhänger derselben und sucht einzelne
Postulate unter Berufung auf sie zu motiviren.
Der Streit mit Amerika ei*scheint Price als ein solcher,
der nur nach „Vernunft und Gerechtigkeit^ zu entscheiden
ist. Er will den Krieg durch Nachgiebigkeit und Vei-söhnlich-
keit beschworen haben, weil England kein natürliches und
kein verfassungsmässiges Becht auf Besteuerung der Amerikaner
hat — und weil England keinen Vortheil von dem Krieg hat,
der nur das Unheil von Papiergeld und wachsender Staats-
schuld herbeiführen kann.
In Bezug auf letzteren Punkt ist Price ein Vorläufer von
Gobbett. Seine allgemeine politische Theorie ist die des utili-
tarischen Individualismus und der Volkssouveränetät, die scharf
und klar ausgesprochen und dann hauptsächlich zu Gunsten
der amerikanischen Colonisten angewendet wird. Bei der
praktischen Anwendung wirkt die Anhänglichkeit an die eng-
lische Verfassung und ihre Geschichte faktisch als mässigende
Schranke. Und wie bei Priestley so wirkt bei Price als eine
weitere wichtige praktische Schranke seines extremen Badicalis-
mus ein starker Best des alten puritanischen Glaubenseifers:
„In dieser Stunde schrecklicher Gefahr würde es uns ge-
ziemen, unseren Sinn auf den Himmel zu richten. Das thun
unserer Biilder in den Colonien. Von einem Ende Nord-
amerika's bis zum anderen fasten und beten sie. Aber was
R. Price- 75
thun wir? Entsetzlicher Gedanke! Wir verhöhnen sie als
Fanatiker und spotten über Religion. Wir jagen nach Ver-
gnügungen und vergessen allen Ernst und Anstand über Masken-
scherzen. Wir spielen in Spielhäusem, treiben Handel mit
Wahlflecken, werden meineidig bei Wahlen und verkaufen
uns selbst für Stellen. Welche Partei wird da die Vorsehung
voraussichtlich begünstigen? In Amerika sehen wir eine An-
zahl aufetrebender Staaten in der Kraft der Jugend, eiibllt
Ton der edelsten aller Leidenschaften, der Leidenschaft fQr
Freiheit und beseelt von Frömmigkeit ! Hier sehen wir einen
alten Staat, gross zwar, aber aufgeblasen und iri'eligiös, ent-
nervt durch Luxus, belastet mit Schulden, hängend an einem
Faden — kann man ohne Schmerz nach dem Ausgang blicken?
Mtkssen wir nicht Unglücksfälle erwarten, welche unsere
Freigeister und Atheisten wieder zum Nachdenken, vielleicht
zur Frömmigkeit bringen werden?"
Wir sehen hier in der That nicht nur eine gefUhlsmässige
Ehrfurcht vor dem traditionellen Recht, sondern geradezu ein
sittliches und religiöses Pathos, verbunden mit dem zer-
setzendsten , schrankenlosesten , politischen Rationalismus.
Aber diese Gefühle entstammen nicht einem durchdachten
Idealismus, der einen wirklichen Gegensatz zu dem materia-
listischen Rationalismus bilden würde. Alle öfifentlichen Ein-
richtungen sollen den Interessen der Einzelnen nützlich sein
und Price glaubt, dass die englische Verfassung und dass
ein warmer Gottesglaube in gleicher Weise nützlich seien.
Einem politischen Individualisten gegenüber, der dies eben nicht
glaubt, würde Price kein Argument haben; er glaubt es aber
noch und unterscheidet sich dadurch von seinen französischen
Vorgängeni, während er sich seinen englischen Vorgängeni
dadurch anschliesst. Er glaubt es, ohne dass dies eine
nothwendige Consequenz seiner sonstigen Doctrinen wäre,
aber er kann es glauben, ohne positiv inconsequent zu sein.
Er glaubt es ernstlich , aber dieser Glaube ist nicht die vor-
herrschende Kraft, die ihn als Politiker beherrscht.
WMe wenig eine principiell durchdachte ideale Weltauf-
fassung die Wurzel dieses Glaubens bei Price ist, geht aus seiner
76 Erstes Bach, Cap. 1.
Schrift „ A Beview of the principal Questions and Difficulties in
Morals" (2. Aufl. 1769) hervor. Der philosophische Verfechter
der Selbständigkeit der Begriffe von Recht und Unrecht ver-
wandelt sich hier am Schlüsse der Schrift in den nüchternen
politischen Arithmetiker und Wahi-scheinlichkeitsrechner und
beweist, dass, wenn Mr auch an das ewige Leben mit Lohn
und Strafe, welches die Religion lehil, nicht fest glauben,
schon die Möglichkeit seiner Existenz nach der richtigen Be-
rechnung^ der Chancen es als klug und vortheilhaft erscheinen
lässt, tugendhaft zu leben. „Es besteht nicht nur eine gleiche
Chance, sondem eine grosse Wahrscheinlichkeit für die Wahr-
heit der Religion. Durch Laster kann man Nichts gewinnen,
sondern man verliert dadurch gewöhnlich den besten Theil
gegenwärtiger Vortheile. Die Tugend verlangt von uns nicht,
das Glück des Lebens aufzugeben, sondern nur unsere Thor-
heiten, Krankheiten und unser Elend. Was müssen wir bei
solchem Stand der Frage von der NaiTheit einer sündigen
Wahl denken!" — — Solche Motivirung ethischer Postulate
erscheint uns als abstossend und unbegreiflich, wenn nicht als
geradezu kindisch naiv — und doch war sie echt englisch;
der ähnliche utilitarische Gedankengang kehrt auch bei Paley»
dem eifrigen Anhänger der Staatskirche, wieder.
§ 2. William Paley.
Dies führt uns zur Betrachtung eines ausserordentlich
beliebten und wirksamen Schriftstellers, der ein strammes
kirchliches Christenthum mit dei- grössten Energie vertrat,
der, obwohl kein politischer Parteimann, doch principiell Zu-
friedenheit mit dem Bestehenden predigte, der also in kirch-
licher und politischer Hinsicht von Natur ein Conservativer —
und doch zugleich der unbedingteste Anhänger und vielleicht
der erfolgreichste Vertreter des ütilitarianismus war.
William Paley war 1743 geboren, begann seine literarische
Thätigkeit 1774 und starb 1805. Ein Zeitgenosse des Dissen-
tera Priestley, des Freigeists Bentham und des alten Whig's
Burke hat er den ethischen Materialismus der Utilitätslehre
Paley. 77
mit den Lehren der Bestrebungen der Staatskirche innig ver-
bunden. Er war kein origineller Denker, aber er besass eine
durch mathematische Studien geschulte Klarheit der Dar-
stellung, welche, oft mit Flachheit gepaart, darum nicht weni-
ger wirkte. Durch seine Lebensstellung sowie durch seine
ganze Lebensweise und Lehre war er ein Vertreter alles des-
sen, was die nüchterne „respectability" des Engländere ver-
langt Er gab den Principien der ütilitarier den kirchlichen
Segen, — dass er ein so allgemein beliebter und anerkannter
Schriftsteller werden konnte und dass ihn namentlich auch die
alten Conservativen als Autorität verehrten — diese That-
sache beweist vielleicht am deutlichsten, dass und wie die
Weltanschauung eines rationalistisch - materialistischen Indi-
vidualismus zum Siege in England gelangt war. Paley schrieb
sein erstes grösseres Werk ehe Bentham's Principien der
Moral und Gesetzgebung ei*schienen waren. Er kam offenbar
ohne directe Beeinflussung Bentham's auf seine Theorien; sie
wuchsen aus der seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts im
Niedergang befindlichen Theologie heraus 0» von der Paley
wie seine nächsten Vorgänger und seine Schüler die äusseren
Formen des Kirchenthums und den Glauben an die Hölle bei-
behielt, während er im Grunde ein klarer aber flacher Rationalist
war, der nur zu bequem war, seine Theorien in den Dienst
des Strebens nach socialer und politischer Refoim zu stellen.
Als Meisterwerk von Paley in Bezug auf Klarheit und
Schönheit der Darstellung, zugleich als diejenige Schrift, in
der die Methode des Verfassei*s am charakteristischsten ent-
wickelt ist, gelten allgemein die Horae Paulinae von 1790 —
ein Buch, in dem die Echtheit der Paulinischen Briefe nach-
gewiesen wird. Die „Evidences of Christianity** von 1794
trugen ihm gix)sse Ehren in weiten Kreisen und fette Pfrün-
den ein, welche in der seinen gesammelten Werken*) vorge-
druckten kurzen Lebensgeschichte Paley's als besonders wichtig
für das Verständniss seiner Ideen und als besonders rühmlich
^) üeber Paley's Stellung zur zeitgenössischen Theologie s. Leslie
Stephen 1. c. bes. cap. 8 § 38 ff. u. cap. 9 § 131 ff.
«) The Works of William Paley D. D. A new Edition. London 1849.
78 Erstes Bach, Cap. 1.
für ihn vom Herausgeber vollständig aufgezählt werden. Sein
letztes grosses Werk, die „Natural Theology" enthält die voll-
kommenste Zusammenfassung des Paley'schen Gottesglaubens
und Christenthums — seine für uns bedeutungsvollste grössere
Schrift ist aber die erste, nämlich die „Principles of Moral
and Political Philosophy" von 1785.
. Um zuerst einen kurzen Blick auf die späteren Werke
zu werfen , so enthält die „Natural Theology" in äusseret ge-
schickt populärer Darstellung, in verschiedenen angenehm an-
regenden Variationen und mit Aufwand einiger naturwissen-
schaftlicher Kenntnisse den alten trivialen Satz, dass es einen
Gott geben müsse, weil alle Naturgesetze einen Gesetzgeber,
weil alles Kunstvolle, Schöne und Zweckmässige einen Grund
und eine Ursache, einen schaffenden Willen voraussetzt.
Wenn wir die Welt ansehen, so müssen wir gerade so einen
denkenden Schöpfer der Welt annehmen, als uns der Anblick
der Uhr zur Annahme der Existenz eines Uhrmachere zwingt.
Denn jede sinnreiche Schöpfung muss einen sinnreichen Schöpfer
haben („a contrivance must have a contriver'*).
Diese äusseret nüchterne und von Paley ohne jeden prak-
tischen oder theologischen Schwung ausgeführte Betrachtung
ist an sich nichts Weiteres als eine Anwendung des allgemei-
nen Causalitätsgesetzes, sie sagt uns des Näheren über das
Wesen Gottes und seine fortgesetzten Beziehungen zur Welt
Nichts. Man gewinnt im Grunde nur einen Namen für die
unbekannte Ursache aller Dinge und die Vorstellung, dass
diese Ursache, genannt Gott, eine mit Selbstbewusstsein be-
gabte und mit bewussten Absichten erfüllte Persönlichkeit
sein müsse. Dabei ist aber nur die Nothwendigkeit einer Ur-
sache überhaupt strikte beweisbar und bewiesen, während für
die Behauptung, dass der schaffende Gott in der That „an
intelligent Creator" sein müsse, sich nur eine grosse
Wahrecheinlichkeit beweisen lässt.
Indessen Paley ist der Ansicht, dass sein auf rein rationa-
listischem Wege bewiesener Gottesglaube das religiöse Gefühl
überhaupt belebe und eine Neigung zum Glauben an Offen-
barung hervoiTufe. Aus dem Theismus der „natürlichen
Paley. 79
Theologie^^ entspringe der Wunsch nach weiterer Belehrung
und die Betrachtung der Natur liefere sogar direete Mittel
zur Stärkung des Glaubens an einzelne Lehren der Offen-
barung, wie z. B. die Auferstehung nach dem Tode durch die
Analogie mit der Entwicklung des Schmetterlings aus der
Larve unterstützt werde.
Doch es ist nicht die Aufgabe jenes Werks, das positive
Christenthum hi beweisen. Es wird nur die Existenz eines
Gottes bewiesen. Dass Religion und Gottesglaube im tiefsten
Innern unseres Gefühls ihre Wurzel haben müssen, dass leben-
diger innerer Glaube und objectiver wissenschaftlicher Beweis
sich gegenseitig ausschliessen, dass durch ein voraussetzungs-
loses Betrachten der Natur mit dem Auge der kritischen Ver-
nunft allein nie die Religion den Menschen näher gebracht,
sondern höchstens die Tendenz, sich bei gewissen Dogmen zu
beruhigen, erzeugt werden kann — das Alles sind Paley unbe-
kannte Dinge.
Uebrigens ist die Theorie von dem Uhrmacher des grossen
Weltuhrwerks Etwas, worin sich ein prosaisch foi-schender
Geist ohne weitere Inconsequenzen versenken kann, wenn er
eben nur die philosophische Zulässigkeit des Gottesbegriffs
und nicht Religion lehren will. In den Evidences of Christianity
unternimmt Paley die schwierigere, ja im Grunde ganz un-
mögliche Aufgabe, das Christenthum seinem ganzen Inhalte
nach als wahr auf rationalistischem Wege beweisen zu wollen, —
ein Versuch, der nothwendig mit einer höchst traurigen Ver-
kfimmeioing des Inhalts des Christenthums endigt
Paley hält es zunächst (Hume gegenüber) für wahrschein-
lich, dass Gott die Menschen durch Wunder und Offenbarung
belehrt hat, nachdem er sie einmal geschaffen und zu ewigem
Leben bestimmt hat. Die überlieferten Wunder sind also zu-
nächst nicht unglaublich. Dass sie aber auch wirklich wahr
sind , das folgt zumeist aus der Entstehung und Ausbreitung
des Christenthums trotz aller äusseren Schwierigkeiten. Die
wunderbare Wirkung weist also auf eine wunderbare Ursache
hin. Dass dieser Gioind, der auf jede andere weithin ver-
breitete Religion ebensogut angewendet werden kann, unge-
80 Erstes Buch, Cap. 1.
nügend ist, leuchtet ein. Paley selbst scheint zu fühlen,
dass die Thatsache einer speciellen göttlichen Offenbarang
des Christenthums durch die innere Wahrheit und Schönheit
des Ghnstenthums selbst wahrscheinlich gemacht werden muss.
Aber dies Bedüi-fniss ist doch nur wieder ein rein rationalistisches;
die innere Empfindung des Einzelnen von der Wahrheit der
christlichen Heilslehre, die auf Eifahrung des eigenen Gemüths
beruht, fQr das einzig Wichtige und Massgebeide zu halten,
das liegt Paley fei*ne. Er findet, dass der ganze Inhalt des
Christenthums sehr geeignet sei , Glück zu befördern und dass
insbesondere die Hauptlehre des Christenthums, die Hoffnung
auf den Himmel und die Furcht vor der Hölle, so ausser-
ordentlich nützlich, heilsam und nothwendig zur Aufrechter-
haltung der Ordnung in der Welt sei, dass diese Lehre offen-
bar vom Weltsehöpfer aufgestellt und den Menschen mitge-
theilt worden sein müsse. Paley theilt dem Gott des Christen-
thums also etwa die Rolle eines Wächters der jetzt bestehenden
gesellschaftlichen Ordnung zu. Dei*selbe Grund, aus dem Price
empfiehlt, für alle Fälle sei es gescheidter, tugendhaft zu sein,
wird bei Paley Beweis für die Wahrheit des Christenthums,
Price meint, es sei vortheilhaft, tugendhaft zu sein, weil doch
ein Jenseits sein könne; Paley meint, die berechnende Specu-
lation auf das Jenseits sei so unentbehrlich für ein verstän-
diges Leben der Menschen, dass Gott diese Speculation ge-
wollt haben müsse: — bei dem Dissenter und dem Staats-
kirchler, und bei letzterem noch viel ausführlicher und cyni-
scher, ist das Christenthum nicht nur vor den Richterstuhl
der menschlichen Kritik gestellt und zu einem Object wissen-
schaftlicher Frage gemacht — sondern es ist geradezu zu einem
Posten im kaufmännischen Hauptbuch jedes Menschen degra-
dirt. Man lese die Schlussworte der „Evidences": Wenn ein
Leben nach dem Tode und die Offenbamng eines solchen Lebens
nicht nur völlig mit den Eigenschaften des Wesens überein-
stimmen, welches das Weltall beherrscht, sondera wenn noch
das Grössere dazu kommt, dass diese Annahme allein
denSchein des Widerspruchs entfernt, derseinem
Paley. 81
Willen gegenüber von Geschöpfen anhaftet, die
des Verdienstes und der Schuld, des Lohnes und
der Strafe fähig sind; wenn eine grosse Menge historischer
Beweise, bekräftigt durch viele innere Unterpfänder von Wahr-
heit und Echtheit, uns gerechten Grund dafür giebt, dass
solch eine Offenbarung wirklich stattgefunden — so können
wir unseren Geist beruhigen mit der sicheren Ueberzeugung,
dass es der Weisheit des Schöpfers nicht an Mitteln fehlen
kann, die Absicht Gottes auszuführen ; dass entweder ein neuer
und mächtiger Einfluss in die Menschenwelt herabgelangen wird,
das erstorbene Gewissen wieder zu wecken, oder dass unter
den anderen wunderbar sinnreichen Einrichtungen im Weltall,
von denen einige, wie wir sehen, das thierische Leben in ver-
vollkommnete Daseinsfonnen umwandeln auch Voi-sorge
getroffen ist, wenn auch durch uns verborgene Mittel, dafür,
dass die Unterthanen von Gottes moralischer Hen^schaft durch
die nothwendigen Wandlungen ihrer äusseren Gestalt zu jenen
endgültigen Untei-schieden von Glück und Elend hindurch-
gefbhrt werden, die uns nach seiner Erklänmg für Gehorsam
und Ungehorsam bevorstehen, für Tugend und Laster, für
Gebrauch und Veniachlässigung , für richtige und unrechte
Verwendung der Eigenschaften und Kräfte, mit denen es ihm
gefallen hat uns auszurüsten und zu prüfen." — D. h. der
Strafrichter auf Erden muss durch Gott in seiner ungenügen-
den Wirksamkeit ergänzt werden. Desshalb ist es nothwendig,
zu glauben, dass Gott das Christenthum geoffenbart hat, dessen
wesentlicher Bestandtheil die Höllenfurcht ist — wahrlich ein
solches Christenthum steht tief unter jeder Sittenlehre eines
Freigeists, der das Gute um seiner selbst willen zu lieben
lehrt! Das Buch ist gegen Paine gerichtet, aber selbst ein
Paine hatte mehr Idealismus als dieser Geistliche der Staats-
kirche.
Doch wenden wir uns zu den „Principles of Moral and
Political Philosophy", die Law dedicirt sind und in denen
Paley selbst sich als Nachfolger ton Tucker bezeichnet und
keinen Anspruch auf grosse Originalität erhebt. Mit Recht
hält Paley es für nöthig, Moral und Politik vereinigt zu be-
Held, Soe. Gascb. Engl. 6
82 Erstes Buch, Cap. 1.
bandeln. Er beginnt mit den moralischen Untersuchungen
und bezeichnet die Moralphilosophie als die Wissenschaft, die
uns unsere Pflichten und deren Gründe lehrt. Die Regeln sind
das Gesetz der Ehre, das Gesetz des Landes und das Gesetz
der Schrift; angeborene moralische Instinkte giebt es nicht,
wenigstens kann die Morallehre nicht darauf begründet werden.
Der grundlegende Begiiff ist das Glück (Buch I Gap. 4) und
glücklich ist nach Paley, ganz wie nach Bentham (vergl.
unten) jeder Zustand, in dem die Summe von Lust die Summe
von Leid übeitiifft. In der Au&ählung der einzelnen pleasures
und pains ist er dann allerdings Bentham überlegen, indem
Sinnengenuss, Freiheit von Arbeit, hoher Bang etc. nicht die
wesentlichen Bestandtheile des Glücks sind, sondern die Be-
thätigung unserer gesellschaftlichen Neigungen, die Uebung
unserer Kräfte in Verfolgung von Zwecken, die weise Reglung
unserer Gewohnheiten und unsere Gesundheit. Daher ist das
Glück so ziemlich in allen Ständen gleich vertheilt und schon
in dieser Welt macht die Tugend glücklicher als das Laster.
Tugend ist den Menschen Gutes thun im Gehorsam gegen
Gott und um ewigen Glückes willen.
Soweit Paley hierbei Bentham überlegen ist, ist er es
doch eigentlich nur durch grössere Menschenkenntniss , denn
im Grunde ist der Gottesbegriff nur äusserlich beigefügt und
es herrscht eine materialistisch-individualistische Anschauung,
was gleich im IL Buche deutlicher hervortritt Hier heisst
es, „der Untei*schied zwischen Klugheit und Pflichtgefühl sei
lediglich der, dass wir im ersten Fall überlegen, was wir in
dieser Welt gewinnen oder verlieren , im letzteren Fall auch
in Betracht ziehen, was wir in der künftigen Welt gewinnen
oder verlieren." In beiden Fällen überlegen wir lediglich,
„was wir selbst durch eine Handlung gewinnen oder
verlieren und Verpflichtung ist nichts weiter als eine Ver-
anlassung von genügender Stärke."
Der moralische Mensch ist also der Spielball gewisser
Berechnungen und denkt nur an sich allein.
„Die Methode, den Willen Gottes in Bezug auf eine Hand-
lung aus der Natur zu erkennen, ist die, dass wir nach der
Paley. 83
Tendenz der Handlung, das allgemeine GlQck zu ver-
mehren oder zu vermindern, fragen. Diese Regel be-
ruht auf der Annahme, dass der allmächtige Gott das Glück
seiner Gsschöpfe will und wünscht — und diese Annahme ist
die Grundlage unseres Systems''. (Gap. 4): „Was zweckmässig
ist, ist recht. Die Nützlichkeit einer moralischen Regel macht
sie allein verpflichtend" — natürlich die „Nützlichkeit im
Ganzen unter Beiücksichtigung aller Nebenwirkungen und ent-
fernteren Folgen."
Das ist Bentham unter Zufügung einer unnöthigen und
unbewiesenen Annahme. Im ei*sten Buch definirt Paley den
Glücksbegriff so, dass die Utilitätslehre als ungenügend er-
scheinen muss, da sein menschliches Glück sich aus Factoren
zusammensetzt, die nicht gemessen und gewogen werden können.
Aber der Gedanke, dass es für das Glück nicht auf das be-
rechenbare Erreichte, sondern auf das unschätzbare Streben
ankomme, wird nicht verfolgt Da Paley nur an das indi-
viduelle Glück denkt, so bleibt er in der Voi-stellung von
der mechanischen Wirkung des Gedankens an Lohn und Strafe
stecken.
Die Geistesverwandtschaft mit Bentham zeigt sich wo
möglich noch deutlicher, wenn Paley nun einzelne Institutionen
des Rechts und politische Fragen untersucht. Er erkennt
zwar ursprüngliche „gleiche Rechte der Menschen" an, diese
sind aber sehr allgemeiner Art, wie z. B. das Recht von
Pflanzen und Thieren zu leben; das Wahlrecht (s. Cap. 6)
gehört nicht zu diesen Rechten. Die Yeimögensungleichheit
scheint auf den ersten Blick (Cap. 3) paradox zu sein, ebenso
das Privateigenthum. Letzteres aber ist doch richtig, weil
es durch Anspomung der Productivität der Menschen über-
wiegenden Nutzen ei*zeugt. Auch das Grundeigenthum ist
deshalb zu rechtfertigen; es beiuht auf dem Gesetz des
Landes, nicht auf der Gerechtigkeit der ursprünglichen An-
eignung.
Der Staat beiuht nach Paley's wie nach Bentham's An-
sicht nicht auf Vertrag; die Widerlegung der Fiction des
6*
84 Erstes Buch, Gap. 1.
Staatsvertrags (Buch 6, Cap. 3) gehört unbedingt zu den
besten Leistungen Paley's und er macht sogar einen Ansatz,
den Staat historisch und organisch zu erklären. Der Staat
sei aus der Familie oder aus militärischer Führerschaft heraus-
gewachsen, Gewohnheit und Verjährung, Vernunft und Egois-
mus bewirkten den fortgesetzten Gehorsam der Regierten.
Aber worauf beiuht die Pflicht des Gehorsams gegen die
Regieiaing? Antwort: „Auf dem Willen Gottes, abgeleitet
aus Erfahrung." Nämlich: Gott will das Glück der Menschen;
Staatseinrichtungen befördern diesen Zweck ; sie können nicht
bestehen, wenn nicht jeder Einzelne sich dem Interesse des
Ganzen unterwirft Also: „So lange als es das Interesse der
ganzen Gesellschaft verlangt, d. h. so lange man der bestehen-
den Regierung nicht Wideretand leisten oder sie ändera kann
ohne öffentlichen Nachtheil , so lange und nicht länger ist es
Gottes Wille, dass man der bestehenden Regierung gehorche.
Dies zugestanden, reducirt sich die Frage nach der Gerechtig-
keit jedes einzelnen Falls von Widerstand auf eine Abwägung
der Menge von Gefahr und Leiden auf der einen Seite mit
der Wahrscheinlichkeit und den Kosten der Abhülfe auf der
anderen Seite. Aber wer soll dies entscheiden? Wir, jeder
Mann für sich selbst."
Diese Regel ist ungefährlich, da jede andere in der Aus-
fühi-ung auch von privatem Urtheil abhängt. „Jeder Ge-
brauch, jedes Gesetz kann abgeschafft werden, selbst die
hen-schende Dynastie kann entsetzt werden auf legalem Weg
oder durch Revolution, wenn es für die Gesammtheit vor-
theilhaft ist." — Und darauf folgen dann wieder allgemeine
Sätze, dass alle rechtliche Vei*pflichtung sich in Nützlichkeits-
fragen auflöse, dass das Interesse der Gesammtheit das des
Einzelnen binde, dass aber der öffentliche Nutzen sich aus
dem Vortheil jedes Einzelnen und der Zahl dieser Einzelnen
berechne. —
Was nützt es, dass Paley sich dabei auch auf die Bibel
beruft? Der schärfste principielle Gegensatz gegen die Staats-
vertragstheorie ist die Begründung der Staatsgewalt auf Gottes
Willen oder auf das Sittengesetz, das die göttliche Autorität
Paley. 85
gesetzt hat. Aber für Paley giebt es keine der Majorität ent-
gegengesetzte Autorität. Denn sein Gott ist nicht das der
Menschheit vorschwebende sittliche Ideal, sondern nur ein Name
für ein wichtiges Motiv zu individuell betrachtet nützlichen
Handlungen. So tritt er praktisch den auflösenden Staats-
vertragstheorien so wenig entgegen wie Bentham und es ist
ein nur in seinem Naturell und seinen anei-zogenen Neigungen
nicht ein in seinen Grundanschauungen basirter Unterschied,
dass er faktisch keine leidenschaftliche Vorliebe für Revolution
hat, sondeiTi gesetzliche Entwicklung meist für vortheilhafter
hält. Die Untei-werfung unter nützliche und heilsame Gesetze
ist der bürgerlichen Freiheit nicht zuwider (Cap. 5), weil sie
dem Interesse der Gesammtheit dient Von den ver-
schiedenen Staatsformen hat jede ihren Nutzen und Schaden;
Strafe für Verbrechen ist nöthig nicht wegen der Gerechtig-
keit, sondern um Verbi'echen zu verhüten (Gap. 9). Eine
Staatskirche mit unbedingter Toleranz gegen politisch unge-
fährliche Dissentei-s ist eine äussei-st weise Einrichtung (Cap. 10).
Stehende Heere sind zu empfehlen, weil sie gleiche Wehrkraft
mit geringeren Kosten sichern, und sie müssen allein unter
dem Monarchen stehen (Cap. 12). Man sieht, Paley folgert aus
seinem Princip keine umwälzenden Postulate, aber das Princip
selbst bleibt immer das Gleiche wie bei Bentham und der
Gedanke des organischen Staats wird von ihm schroff abge-
wiesen :
„Wenn wir auch von Gesammtheiten wie von lebenden
Wiesen reden, so existirt doch in Wirklichkeit Nichts und
Nichts empfindet als die Individuen. Das Glück eines
Volks besteht aus dem Glück der einzelnen Menschen" (Cap. 11).
In der Bevölkerungsfrage erkennt Paley an, dass die
Vermehioing durch die Subsistenzmittel beschränkt sei, aber
er hält Steigei-ung der Production, namentlich durch Er-
muthigung des Ackerbaues, sowie gute Vertheilung der Güter
für möglich und wichtig. Er ist also nicht so schroff wie
Malthus. Ueberhaupt fehlt es Paley keineswegs an praktisclier
Einsicht und er erkennt bei einzelnen Fragen ohne Vorein-
genommenheit das wirklich Nützliche oft sehr richtig. Es ist
86 Erstes Buch, Cap. 1.
ja auch durchaus erlaubt, ja unvermeidlich, einzelne frag-
liche Massregeln auf ihre Nützlichkeit zu prüfen — der Fehler
ist nui* der, dass Paley die Nützlichkeit zum ausschliesslichen
obersten Princip aller Moral und Politik erhebt, weil dadurch
die Grundbestimmungen aller Moral und Politik, ja der Staat
selbst zu einer Frage der individuellen Willkür werden , weil
dadurch beschränkte, engherzig egoistische, materialistische
Rücksichten die einzig leitenden Motive werden, nirgends mehr
eine wirklich zusammenhaltende, belebende Kraft und eine
feste unwegräumbare Schranke oppositioneller Willkür besteht.
Hervorzuheben sind noch Paley's Ansichten über die eng-
lische Verfassung (Buch 6, Cap. 7). Diese ist nach Paley
nicht nach planvollem Princip symmetrisch aufgebaut, sondern
aus Zufälligkeit und Nothwendigkeit im Laufe der Zeit heraus-
gewachsen. Refoimpläne dürfen nicht nach speculativen
Idealen, sondern durch Vergleich der Thatsachen beurtheilt
werden. Demgemäss solle man weder alles Bestehende blind
bewundem, noch ungeduldig neueiaingssüchtig sein. Das Wahl-
recht für das Haus der Gemeinen zu refonniren, sei verfehlt,
denn es komme nicht darauf an, wer wählt, sondern ob die
geeignetesten Leute gewählt werden, und das jetzige
Haus der Gemeinen enthalte faktisch die denkbar geschäfts-
kundigsten und solche Leute, die das denkbar höchste Interesse
an der allgemeinen Wohlfahrt hätten.
Die Idee der historisch - organischen Entwicklung der
Staatsverfassung wird also nicht weiter verfolgt, sondeni aus
Nützlichkeitsgitinden wird Zufriedenheit mit den bestehenden
Zuständen gepredigt. Welche Antwort aber hätte Paley für
diejenigen, welche behaupten, das aristokratische Haus der
Gemeinen kenne und vertrete nicht das Interesse der Mas-
sen und das ganze Volk müsse durch seine wirklichen Ver-
treter für sein nur von ihm selbst erkanntes Wohl sorgen?
Was könnte Paley denjenigen antworten, die behaupten, dass
die 200 000 Wähler bei der Wahl nur an ihre eigenen
Interessen denken? Er könnte den Anhängern dieser Meinung
nicht einmal antworten, dass die Erhaltung der Rechtsconti-
nuität ein über allen Interessen stehendes höchstes Postulat
Paley. 87
sei , da er ja selbst nützliche und erfolgi*eiche Revolution für
erlaubt erkläi-t Und eine i*adicale Aendemng des Wahl-
rechts auf gesetzlichem Wege könnte er noch weniger ab-
lehnen, wenn man ihm bewiese, dass allgemeines Wahlrecht
für die Zukunft nützlich sei, denn plötzliche radicale Aende-
rungen sind ihm nicht an sich als Widerspmch gegen organische
Entwicklung, sondern höchstens wegen ihrer wahrscheinlichen
störenden Wirkungen verwei-flich. Wie aber wenn Jemand
fest überzeugt ist, dass in einem besonderen Falle diese
störenden Wirkungen gering sind im Vergleich mit den zu-
künftigen Vortheilen?
Bentham verrannte sich in sein Nützlichkeitsprincip, weil
er überhaupt nicht nach Rechts und Links blickte, sondeiii
in seiner Einsamkeit immer ausschliesslicher und einseitiger
sich darauf warf, die Folgerungen einer einmal empirisch er-
kannten Wahrheit zu ziehen. Paley hatte einen offenen Blick
für das wirkliche Leben und ein ungewöhnliches Talent
scharfer, klarer, einfacher Erfassung und Darstellung aller
Probleme. Aber die Möglichkeit, aus seinem überaus be-
schränkten Princip heraus eine scheinbar befriedigende und
populär einleuchtende Lösung aller schwebenden Fragen abzu-
leiten, gewann er doch nur dadurch, dass er in der Betrach-
tung des wirklichen Lebens ebenso kurzsichtig blieb, als er
in der Conception leitender Ideen höchst beschränkt war.
Dass das bestehende Wahlrecht bei der mächtigen Ent-
wicklung neu aufstrebender Stände unmöglich unverändert
bleiben konnte, erkannte er nicht, weil er diese neuen socialen
Bewegungen nicht sah und empfand und so blieb er dabei,
dem radicalen Drängen nach Wahlrechtsform nur einen un-
motivirten selbstzufriedenen Conservatismus entgegenzustellen,
was noch unwirksamer sein musste als Burke's schwungvolle
VerheiTlichung der Lichtseiten der guten alten Zeit.
In einer kleinen Schrift: „Gründe für Zufriedenheit an
den larbeitenden Theil des britischen Volks gerichtet" be-
kämpft Paley den Neid der Armen gegen die Reichen als un-
vernünftig. Man solle nicht immer vergleichen, sondern ruhig
gg Erstes Buch, Cap. 1.
seine eigenen Angelegenheiten verfolgen. Das Gesetz schtltze
grossen und kleinen Besitz, schütze den Schwachen sogar be-
sonders, grosse Reichthümer könnten nur Wenigen zufallen,
wenn das Gesetz ausserdem jedem eine gesunde Existenz er-
mögliche, so seien die Dinge „vollkommen" geordnet Die
Handarbeiter seien auch ohne Reichthum glücklich, weil
Arbeit und Massigkeit zufrieden machen, weil Mahlzeit und
Ruhe nach der Arbeit doppelten Genuss bereiten etc.
Dies sind Sätze, in denen gewiss eine Wahrheit enthalten
ist, aber wer kann glauben, dass sie willig angenommen wer-
den, wenn ein Mitglied der herrschenden Klasse in satter
Selbstzufriedenheit sie leidenschaftlich erregten Massen predigt?
Gewiss ist der Neid hässlich und unvenitinftig. Aber wenn
neue Reichthümer massenhaft und in bisher ungeahnter
Schnelligkeit entstehen, wenn gleichzeitig heimathlose Arbeiter
in Massen an einzelnen Punkten concentrirt werden und in
eine hülflose, unsichere Lage gerathen, sind dann nicht neue
Verhältnisse da, welche den arbeitenden Armen den Vergleich
ihrer Lage mit der ihrer Lohnherren aufdrängen? Ist der
Neid dann nicht ein wohl verwerflicher, aber unvermeidlicher
Begleiter des natürlichen Strebens, selbst gleich den bisher
Begünstigten emporzukommen ?
Die Empfindung des Glücks wird unvermeidlicR durch
den Vergleich bestimmt und Paley's Pi'edigt. der Zufriedenheit
auf Grundlage einer nüchternen philosophischen Betrachtung
beweist, dass er für die in der Grossindustrie geschaffene neue
Lage, für die natürlichen Empfindungen und Bestrebungen der
Arbeiter ebensowenig Verständniss hatte als für das natürliche
Begehren der aufstrebenden Capitalisten nach grösserem Antheil
an der politischen Herrschaft. Er gab der Nützlichkeitslehre
den kirchlichen Segen, weil er ein Theologe war, ohne zu ver-
stehen was Religion ist. Er goss wenige unwirksame Tropfen
beiTihigenden Oels in die aufgeregten Wogen neuer socialer
Bewegung, weil er ein politischer Philosoph war, der für den
ruhigen Genuss einer dem Individuum zugetheilten Pfininde
mehr Verständniss hatte als für Standesgefühle und Standes-
Godwin. 89
interessen einer Volksklasse, deren Lage imGesammtorganismus
eine bedeutende Verändeiiing erlitten hat.
In leicht fasslicher aber ganz kritikloser Weise stiftete
Paley einen Compromiss zwischen der individualistischen Nütz-
lichkeitslehre, aus der Bentham consequent das Verlangen
nach den i*adicalsten Reformen ableite, und der natürlichen
Neigung des Engländei*s, besondei*s des Engländei*s aus den
herrschenden Klassen, an bequemen und durch Alter würdigen
Einrichtungen festzuhalten.
§ 3. William Godwin und Thomas Spence.
William Godwin war kein Schriftsteller, der sich an prak-
tische Bewegungen anschloss und diese beförderte. Sein
directer Einfluss war daher gering — er verschmähte es nicht
nur, der Neigung seiner Landsleute, einzelne praktische Fragen
zu entscheiden, entgegenzukommen, sondern er vermied es
sogar principiell, an irgend welche allgemeine Leidenschaft zu
appelliren. Er stellt die höchste Potenz eines reinen Rationalis-
mus dar — der dann naturgemäss in utopischen Mysticismus
umschlägt.
Godwin war nicht ohne Gelehrsamkeit und obwohl er
sehr energisch der Ansicht ist, dass man nur mit Gründen,
nicht mit Autoritäten beweisen dürfe , so bezieht er sich doch
oft auf seine Vorgänger. Diese sind vor Allem Locke, Hume
und Hartley. Zugleich unterlag er französischen Einflüssen,
namentlich dem von Rousseau, über den er zwar weit hinaus-
geht, dem er aber das Verdienst zuschreibt, er habe zuerst
gelehrt, wie wenig Gutes eine Regierung bewirken könne.
Am häufigsten tritt in seinen Schriften Uebereinstimmung mit
Paine hervor, von dem er sich aber vor Allem durch die
völlige Abwesenheit jedes praktisch agitatorischen Charaktere
unterecheidet.
Gleich Priestley war er ursprünglich Dissenterprediger.
In vieler Beziehung erscheint er einfach als eine consequente
und extreme Fortsetzung von Priestley, indem seine äusserst
ruhig und leidenschaftslos ausj^^esprochenen Ideen in seinem
90 Erstes Buch, Cap. 1.
fi-üheren Hauptwerk „Political justice" die äussei-ste Linke der
modernen englisch-französischen Geistesrichtung repräsentiren.
Da er zugleich durch seinen seltsamen friedlichen Communis-
mus manche Vergleichspunkte mit Robert Owen darbietet, so
erschien es passend, ihn hier gleichsam als eine belehi*ende
Curiosität zu besprechen, welche zeigt, wie weit es mit
philanthropischem Rationalismus und Individualismus in Eng-
land überhaupt kommen konnte. Die „Political justice" er-
schien zuei*st 1793 und hat dann rasch noch zwei weitere
Auflagen erlebt. Schon die erste Auflage, nac|i welcher ich
citire, schwebt über der französischen Revolution wie der
Geist über den Wassern: dieselbe wird zwar mit Sympathie
behandelt, lenkt aber die viel weiter gehenden utopischen Ideen
unseres Stubengelehrten keineswegs in ein praktisches Fahr-
wasser und bewirkt auch in den späteren Auflagen nirgends
eine Correctur dieser Ideen.
Godwin entwickelt einen abstrakten Doctrinarismus, wie
er stärker in England kaum jemals vorgekommen sein dürfte.
Hinter den abstrakten Formeln Rieardo's ist die praktische Ten-
denz deutlich zu erkennen, bei Owen tiberwog die Absicht prak-
tischen Schaffens in den schwännerisehen Spielen der Gedanken,
Bentham hatte immer einzelne Gesetzgebungsfragen im Auge.
Godwin dagegen schwelgt förmlich im Ausmalen der von ihm
geglaubten Wahrheit, verachtet alle Untei-suchung historischer
Entwicklungen und betrachtet es als Pflicht aller Menschen,
sowie als seine besondere Lebensaufgabe, die auf abstraktem
Wege gefundene Wahrheit auszusprechen, worauf diese
durch die ihr innewohnende Allmacht sicher siegen werde.
Er hat absolut keine andere Absicht, als die, die „Wahrheit"
zu foimuliren.
Man kann ihm dabei keine besonders gix)sse Consequenz
nachrühmen. Es ist nicht einzusehen, warum man trotz der
von ihm verlangten Verdrängung aller Leidenschaften durch
vernünftige Erwägung die Wahrheit doch lieben soll und
waiiim Godwin dies selbst thut Seine Ansicht, dass es nur
auf „individuelles Glück" ankomme und der Mensch ein
von in ihm angeregten Gedankenketten bestimmter gei-
Godwin. 91
stiger Mechanismus sei, ist schwer zu vereinbaren mit seiner
Anschauung, dass der Mensch nicht ausschliesslich egoistisch,
sondern mit Gemeinsinn begabt sei, sowie mit der beständigen
Empfehlung von philanthropischem Wohlwollen. Der Glaube
an -die Allmacht der alleinigen und unbedingten Wahrheit
steht im Widei'spi'uch mit den praktisch gemachten Con-
cessionen, dass der Fortschritt allmälig sein müsse; der Glaube
an die natürliche Gleichheit der Menschen harmoniit nicht
mit der Meinung, dass es der Beruf der Weisen sei, die
übrige Menschheit allmälig zu belehren. Vielfach kann con-
statirt werden, dass Godwin im Verlauf des Werkes stärkere
Extreme entwickelt, als er im Anfang ausspricht. Dennoch
muss man ihm, namentlich im Gegensatz zu Bentham und
Owen, den Ruhm lassen, dass er seine Probleme philosophisch
tiefer auffasst.
Ganz im Geiste Bentham's und seiner Zeit beginnt Godwin
damit, dass es der vornehmste Zweck der Wissenschaft sei
das „Glück der Menschheit zu befördeni". Der Begiiff des
Glücks wird nun freilich nicht eingehend definirt, |aber es
wird doch gleich gesagt, dass intellectuelle und moralische
Fi^euden die wichtigsten seien ; es wird nicht wie bei Bentham
eine Catalogisirung der Freuden und Leiden vei-sucht und es
fehlt die Tendenz, auf die nach Geldwerth berechenbaren
Lebensfreuden das Hauptgewicht zu legen. Jedenfalls fühlt
Godwin sofort das Bedürfniss, seine Theorien über Glück,
Moral und Staat durch eine Theorie über das Wesen des
menschlichen Geistes zu begründen.
Der Hauptsatz ist, dass der moralische Charakter der
Menschen die Folge seiner Wahniehmungen (perceptions) sei
(S. 11), d. h. es giebt keine angeborenen Principien und
Ideen (S. 12), sondern die Ideen werden in dem menschlichen
Geist durch eine Reihe von Eindrücken eraeugt und dann
durch Verbindung und Nachdenken verdaut und geordnet
(S. 14): die äusseren Eindrücke, welche unmittelbar auf den
Menschen wirken, wie Hitze und Kälte, sind untergeordneter
Art; durchaus die Hauptsache sind die Eindrücke, welche
Stoff zum Nachdenken liefern und den Charakter von Beweg-
92 Erstes Buch, Cap. 1.
gründen zum Handeln annehmen (S. 60). Daher ist Laster
nur ein in die Praxis übersetzter In-thum (S. 31) und die
Menschheit kann durch Literatur, Erziehung und insbesondere
durch richtige politische Institutionen zur Vollkommenheit ge-
bracht werden (S. 19). Es ist leicht zu erkennen, wie die
Theorie von den Wahniehmungen und Eindrücken durch
Locke's Anregung entstanden ist, und dass Godwin durch ^
seinen Glauben an die Allmacht der Bildung, sowie die Identi-
ficiiiing von Laster und Irrthum als Vorgänger von Robert
Owen erscheint.
Die Erziehung der Menschheit durch Bildung und Auf-
klärung einerseits, durch weise politische Institutionen anderer-
seits hat nun ausschliesslich auf dem P^-incip der Gerechtig-
keit zu beiiihen. Die Theorie des menschlichen Geistes ist
lediglich entwickelt um zu beweisen, dass die Gerechtigkeit
von allen Menschen erkannt werden kann und dann unfehlbar
geglaubt werden wird. Die Gerechtigkeit selbst ist aber ein
unbewiesenes Axiom, das abwechselnd in der Form der Defini-
tion und des Postulats auftritt Der Begriff der Gerechtigkeit
wird mit dem der Nützlichkeit und mit dem der Wahrheit
identificirt. Gerechtigkeit ist die grösstmögliche Rücksicht
auf das allgemeine Wohl der menschlichen Gesellschaft (S. 88);
sie ist die einzige Lebensregel für ein veniünftiges Wesen
und fällt mit der Nützlichkeit zusammen (S. 120). Tugend
ist der Wunsch, das Wohl der Menschheit zu befördern
(S. 253 ff.), eminente Tugend setzt tiefe Kenntniss über die
Mittel, Glück zu befördeni, voraus, daher fallen Tugend und
Wahrheit zusammen (S. 236) — natürlich nicht die historische,
sondern die abstrakte Wahrheit, durch deren beständiges Aus-
sprechen Alles in der Welt sich gut gestalten wird (S. 197).
Ausdrücklich bekämpft Godwin die Ansicht, dass der Mensch
von Natur aus nur egoistisch sei; er sei vielmehr ein „der
Gerechtigkeit, der Tugend und des Wohlwollens fähiges Wesen"
(S. 359), d. h. fähig, den eigenen (kleineren) Vortheil dem all-
gemeinen Interesse unterzuordnen; diese Fähigkeit müsse
nun durch Ei-ziehung entwickelt werden, und das sei möglich,
da man nur den Menschen beweisen müsse, dass die Ausübung
Godwin. 93
der Tugend zugleich die wahre Basis des eigenen individuellen
Glücks sei (S. 363, 468).
Man sieht, Godwin leugnet zwar angeborene Principien
und Ideen, aber nicht angeborene Fähigkeit zur Aufnahme
von Ideen. Angeborene Gefühle und Neigungen braucht
Godwin nicht anzuerkennen, da Tugend und Gemeinsinn im
Grunde ja doch nur veniünftige „Berechnung der Zukunft"
(S. 468), d. h. der Folgen einer Handlung sind. Durch die
Behauptung, dass der Mensch fähig sei, unegoistisch und un-
interessirt zu handeln, erhebt sich Godwin über die engher-
zige Nationalökonomie seiner Zeit; dieselbe ist freilich mit
seinem Individualismus und seiner im Grunde materialistischen
Nützlichkeitslehre schwer zu vereinigen, aber dies gelingt
Godwin dadurch, dass er — seiner Natur entsprechend —
das Glück des Lebens hauptsächlich in pereönlicher Bedüif-
nisslosigkeit und in kühler Beschauung der Dinge erblickt.
„Vernunft und Ruhe" (S. 887) sind ihm die beiden idealen
Pflichten des Menschen.
Doch davon später. Um zunächst noch bei Godwins
Theorie über die Natur des Menschen zu bleiben, so ist es
eine consequente Folge seiner Auffassung des menschlichen
Geistes als einer durch Eindiiicke in Thätigkeit versetzten
Vorrichtung, dass er den Begriff der Willensfreiheit leugnete.
Dies Problem bemhrte Bentham nicht, Owen beantwoitete es
ohne Untersuchung und Beweis, Godwin untersucht es weit
eingehender als Priestley und ich möchte sagen, dass gerade
in dieser Frage Godwins abstrakte Denkweise die innerlich
consequentesten und klarsten Resultate erzeugt — wenn ich
sie auch wegen des verschiedenen Ausgangspunkts nicht ac-
ceptiren kann.
Man muss unbedingt sagen, dass Godwin das Problem
besser, weit philosophischer eifasst hat, als manche Neuere, die
von der Regelmässigkeit statistischer Zahlen einfach geblendet
waren 0 « und es ist von Interesse, dass die Frage überhaupt
') Gegen die Yerimingen der Quetelef sehen Statistik wendet sich
meine Besprechung der „Physique sociale** des genannten Verfassers, in
94 Erstes Buch, Cap. 1.
lange voi* der Zeit der modernen Statistik sogar schon in
socialpolitischen (nicht nur in philosophischen und naturwissen-
schaftlichen) Werken besprochen worden ist
Die Fi-age wird wohl nie definitiv gelöst w^den, sondern
immer wieder neu auftauchen, weil sie zu denjenigen gehört,
bei welchen wir an der Grenze des Erkennbaren ankommen.
Alles was geschehen und vollbracht ist, erscheint uns, wenn
wir es als vollendete Thatsache betrachten und beobachten,
als das Produkt von (wenn auch unbekannten) Ursachen, die
es hervorbringen mussten. Dadurch, dass es geschehen ist,
erscheint es als nothwendig; es kann jetzt nicht anders sein,
als es eben ist und so konnte es auch nicht anders sein, nur
dass wir vorher wegen mangelnder Allwissenheit das Noth-
wendige nicht vorher sehen konnten. Künftiges dagegen, das
ei*st geschehen kann oder soll, ist für uns noch nicht noth-
wendig und wenn es sich um unsere eigenen Handlungen
handelt, so erscheint uns ihre Ungewissheit als Nichtnoth-
wendigkeit oder Freiheit. Aber wenn wir uns nicht als
wollende und handelnde Wesen fühlen, sondern lediglich be-
obachten und denken, so ei*scheint in der That die Freiheit
nur als ein anderes Wort für Unkenntniss und Unsicherheit,
als Folge des Unterschieds zwischen Vergangenheit und Zu-
kunft, der für uns vorhanden ist. Für eine höhere Intelli-
genz, von der Laplace so schön spricht, und auf deren
Standpunkt wir uns vorübergehend und theilweise in reiner
Betrachtung stellen können, würde diese Unkenntniss und da-
her die Freiheit nicht existiren, sondern Alles wäre noth-
wendige Folge (bekannter) Ursachen.
Als wollende und handelnde Menschen jedoch müssen wir
mit der Annahme einer, wenn auch durch nachweisliche Einflüsse
ausserordentlich stark beeinflussten Willens- i-esp. Wahl-Frei-
heit operiren und können bei der Betrachtung der Dinge vom
Standpunkt des Gausalgesetzes nicht stehen bleiben, weil wir
eben jene höhere Intelligenz nicht haben. Auch in den socialen
Hildebrands Jahrbüchern, Band 14 (1870) S. 81 fil Vgl. auch Knappes
eingehende Kritik ebenda Bd. 16(1871) S. 237 ff., Bd. 17 (1871) S. 167 ff.,
S. 342 £, S. 427 ff. und Bd. 18 (1872) S. 89 ff.
Godwin. 95
Wissenschaften können wir nicht anders, weil diese die wol-
lende und handelnde Menschheit, in der wir selbst mitten
drinnen stehen, behandeln. Der Godwin'sche Standpunkt der
leidenschafts- und willenlosen Beobachtung und des Ausspre-
chens der abstrakten Wahrheit ist eine Yennessenheit und zu-
leich ein Stückwerk. Aber wenn und weil er sich einmal auf
diesen Standpunkt stellte, war es ganz consequent, dass er
die Willensfreiheit leugnete. Ueberdies brauchte er diese
Theorie zur Rechtfertigung seiner Lehre von der allein noth-
wendigen Wirkung der Belehi-ung in der Wahrheit.
Ganz richtig entwickelt er, dass wir Nothwendigkeit der
Wirkungen erkennen können resp. müssen, ohne die Ursachen
und die Art ihres Wirkens zu kennen (S. 285), dass wir auch
beim menschlichen Geist eine nothwendige Verknüpfung der
Ereignisse, ohne ihre Ui*sache zu kennen, annehmen können.
Die Annahme der Freiheit beruht nur auf der Unkenntniss
eines Theils der Einflüsse; Freiheit und Zufall sind identisch,
beide gleich Unkenntniss der zwingenden Ui*sachen — ganz
richtig, wenn man eben nur fragt, was der Mensch weiss-
Der menschliche Geist wird nicht ausdrücklich als Bewegung
von Materie bezeichnet, nur überhaupt in Bezug auf unsere
Frage mit den Objekten der Naturwissenschaft auf eine Stufe
gestellt. Dies muss hervorgefioben werden, weil man, wie ja
auch der Calvinismus zeigt, die Freiheit leugnen kann, ohne
die Eigenthümlichkeit des Geistes zu leugnen. Das Eigen-
thümliche des menschlichen Geistes ist nach Godwin, dass er
in Folge verschiedener Anregungen durch Motive, d. h. be-
rechnende Gedanken bewegt wird , die in unser Bewusstsein
übergehen — und daraus folgt, dass der Mensch tugendhaft
und glücklich wird durch Ausbildung seiner Fähigkeit, ver-
nünftig zu denken. So wirkt also die Leugnung des freien
Willens nicht unmoralisch, sondern die Lehre macht vielmehr
leidenschaftslos und ruhig und giebt eben die stärkste Veran-
lassung, die Wahrheit und Gerechtigkeit zu lehren und zu
verbreiten.
In dieser Nutzanwendung liegt nun freilich eine Inconse-
quenz, weil die reine Theorie der Nothwendigkeit im Grunde
96 Erstes Buch, Cap. 1.
überhaupt keine Nutzanwendung verträgt. Godwin sagt (S. 305) :
„Im Leben jedes Menschen ist eine Kette von Ursachen, die
ihren Ursprung in der seiner Gebuit vorangehenden Ewigkeit
hat und in regelmässiger Aufeinanderfolge die ganze Periode
seines Daseins durchzieht, so dass es für ihn unmöglich war,
in irgend einem Moment andei's zu handeln, als er wirklich
handelte." Dies ist eine Voretellung , die sich an und für
sich nicht widerlegen lässt, so lange wir eben lediglich den
Menschen, der gehandelt hat, betrachten.
Aber Godwin glaubt nicht nur, dass die Menschheit sich
vervollkommnen wird, dass also die Kette von Ui'sachen
in der ganzen Menscheit immer mehr Tugend hervorbringen
wird, sondern er selbst will durch die Lehre der Wahrheit
und Tugend eine neue allmächtige Ui*sache in das mensch-
liche Leben einführen. Er glaubt, wie später Owen, an ein
mit seinen Lehren beginnendes tausendjähriges Reich des
Friedens und des Glücks und schreibt Bücher, um diesen
Zustand herbeizuführen.
Gesetzt nun, er denke sich alle anderen Menschen als
von seinen Lehren willenlos bewegte geistige Apparate, so ist
doch wenigstens er selbst ein Theil jener selbständigen ewigen
Urkraft, von der alle Bewegung ausgeht. Sowie wir an der
Voi*stellung dieser letzten Ursache der Bewegung angekommen
sind, sind wir auch an der Grenze des Erkennbaren und Be-
greiflichen und gerathen unvermerkt aus dem Bereiche der
wissenden Betrachtung in das des Glaubens — bei Godwin
des Glaubens an die eigene Mission, der doch wohl noch ver-
wegener und unwissenschaftlicher ist, als der Glaube an einen
Gott, der den einzelnen Menschen eine gewisse Willensfi'ei-
heit lässt.
Wer in der Betrachtung des noth wendigen ursächlichen
Zusammenhangs aller Dinge stecken bleibt, muss consequent
bei der thatenlosen Betrachtung des Lebens stehen bleiben.
Wenn man dann doch handeln will, d. h. durch Aeusserung
seiner Gedanken die Welt umgestalten will^ so muss man sich
entweder selbst für die alleinige Urkraft halten, oder für ein
von unbekannten Ursachen auserlesenes Werkzeug, das selbst
Godwin. 97
willenlos und nothwendiger Weise handelt resp. spricht und
schreibt, wie es muss. Aber wie verträgt sich jede dieser
Annahmen mit der Gleichheit der Menschen ? Und wenn man
sieh der letzteren weniger veimessenen Annahme anschliesst,
so kann doch offenbar jeder andere Mensch sagen, seine diver-
girenden Ansichten seien ihrerseits nothwendig in ihm ent-
standen. Hat nun eine der tausenderlei nothwendig entstan-
denen Ansichten gerechtfertigten Anspruch auf absolute Wahr-
heit? Kann irgend ein Mensch seine Ansichten für etwas
anderes halten als das an sich weithlose Resultat unbekannter
Ursachen? Und wenn Einer sie doch für unbedingt wahr und
der allgemeinsten Verbreitung für würdig hält, mischt er dann
nicht einen unmotivirten Glauben und ein inconsequentes
Wollen in die kühle Betrachtung von der Nothwendigkeit
alles Seienden? /
So beweist Godwin selbst, dass seine zunächst aus seiner
vorherrschenden Anschauungsweise consequent abgeleitete
Theorie ungenügend und unhaltbar ist; er widerlegt unbewusst
seinen Standpunkt
Die Tendenzen, denen diese Theorie dient, sind nun zu-
nächst sehr allgemeiner Art und zwar theils höchst löblich,
theils überaus utopisch.
Zu den löblichen Tendenzen gehört vor Allem die, dass
Godwin auft-ichtig und ernstlich von jeder Gewaltthat zur
Durchführung seiner Ideale abmahnt; ja er hält sogar (S. 212)
Agitatiorisvereine für bedenklich, und will nur, dass Jedermann
die erkannte Wahrheit frei und unverhohlen, ganz und voll-
ständig, eventuell mit dem Muthe des Märtyrers äussere.
Speciell verwirft er den Tyrannenmord und predigt Aufrich-
tigkeit und Wahrheitsliebe in allen Lagen des Lebens mit
solchem Eifer, dass er es sogar für unrecht hält, sich ver-
leugnen zu lassen, wenn man zu Hause ist. Er gesteht freilich
zu, dass die Durchführung der aus seinen Wahrheiten folgen-
den Reformen Zeit brauche und empfiehlt geduldiges Abwarten.
Damit steht dann in seltsamem Widerspmch , dass er keine
Unterschiede der Völker nach Ort und Zeit anerkennt (S. 61,
91), sondern glaubt, die eine unabändei-liche Wahrheit könne
Held, Soc Gesch. Engl 7
gg Erstes Buch, Cap. 1. /
Überall und immer gleichmässig zum Siege gebracht werden
und eipe Staatsform sei überall und immer die allein rich-
tige: „Wenn es nur eine Wahrheit giebt, so kann es auch
nur einen Codex unserer gegenseitigen Pflichten geben und
die Erforschung der Wahrheit ist nicht nur die beste Methode«
das Wesen politischer Einrichtungen zu erkennen, sondern
auch sie einzuführen und einzurichten/'
Der 'unverwüstliche Glaube an die Fähigkeit des Menschen
zu Fortschritt und Vervollkommnung (S. 50) hat, so sehr
er manchmal zu absolut lächerlichen Consequenzen führt, etwas
Rührendes und giebt, wie die Liebe zur Wahrheit, Zeugniss
von einer tief sittlich angelegten Natur. In diesem Glauben
liegt, wie bei Owen, eine Art von religiösem Element —
allerdings von sehr bedenklichem praktischen Weith. Denn
Godwin hält es nicht nur für unrathsam, Vei-sprechungen zu
geben, sondern für unnöthig, sie zu halten, da man in jedem
Moment der jetzt erkannten Wahrheit und Gerechtigkeit
folgen soll. Aehnlich wie bei Owen verdrängt dieser höchst
individuelle Glaube die Liebe zu allen bestehenden Religionen.
Er ist nicht nur als alter Dissenter ein Feind aller Priesterschaft
(S. 62) und aller Staatskirchen (S. 603), sondern die Religion
selbst wird (anders als in dem späteren Werke gegen Malthus)
mit entschiedener Feindseligkeit behandelt, indem die Religio-
nen streben, der Menschheit die ganze Wahrheit zu verhüllen
und sie durch allerlei Betiiig zum Guten bringen wollen
(S. 504 ff.); indem sie die Menschen als Kinder behandeln,
statt als vernünftige Wesen und lehren, aus freiwilliger Liebe
zu thun, was doch die vernunftgemässe Gerechtigkeit unbe-
dingt fordert (S. 793).
Das EigenthQmlichste bei Godwin ist, dass er den denk-
bar extremsten Individualismus mit dem Postulate der Ver-
mögensgleichheit verbindet Er will Gommunismus ohne jeg-
lichen Zwang und weiss mit Hülfe seiner Utopien die extremste
Freiheitsliebe mit dem ausschweifendsten Gleichheitsdui*st zu
verbinden.
Was zunächst seinen Individualismus betrifft, so bezeich-
net er ausdillcklich die Gesellschaft nur als eine Summe
Godwin. 99
(aggregate) von Individuen (S. 90) ; die Gesammtheit ist kein
Wesen für sich; Vaterlandsliebe als solche ist eine Illusion,
das Glück der Gesammtheit als eines von den Einzelnen unter-
schiedenen Wesens ist eine Chimäre ; es giebt nur Individuen
und ihr Glück (S. 514). Buhm der Nation, Ausdehnung des
Landes etc. sind purer Schwindel, das Glück Aller ist das
Interesse Aller (d. h. Einzelner) (S. 559), das einzige gerecht-
fertigte (legitimate) Ziel politischer Institutionen ist der Vor-
theil der Individuen (S. 558). Deutlicher als irgend ein An-
derer spricht Godwin den Gegensatz zu der organischen Staats-
anschauung aus, die den Einzenen als organisches, dienendes
Glied des Staats, den Staat als eine Phase in der Entwicke-
lung der höheren Zielen zustrebenden Menscheit auffasst.
Weniger erfolgi*eich und durchschlagend, aber noch nack-
ter und vollendeter als Bentham treibt Godwin den Götzen-
dienst des Individuums, gerade wie bei Bentham aber setzt
doch die eigene Vernunft allen anderen Individuen das Gesetz
ihres Daseins, was nur schlecht durch die ernst gemeinte
Phrase von der Wahrheit verhüllt wird. „Die Gesellschaft ist
nichts weiter als eine Summe von Individuen. Ihre Rechte
und Pflichten müssen sein die Summe der Rechte und Pflich-
ten der Individuen. Was hat die Gesellschaft von mir
zu verlangen ein Recht? — Alles, was meine Pflicht ist,
nicht mehr. Kann sie die ewige Wahrheit ändern, die Natur
der Menschen und ihrer Handlungen umwälzen? Was
ist die Gesellschaft verpflichtet , für ihre Mitglieder zu thun ?
Alles ) was zu ihrem Wohlsein beitragen kann. Die Natur
ihres Wohlseins ist vorgeschrieben durch die Natur ihres
Geistes. Daher wird am meisten unser Wohl befördern, was
unseren Verstand ausdehnt, Anregung zur Tugend giebt, uns
mit edlem Unabhängigkeitssinn eifüllt und sorgfältig Alles
entfernt, was unsere Bethätigung hindern kann.''
Aus diesem extremen Individualismus folgt nun zunächst
dieselbe Gonsequenz wie bei Bentham, dass jeder Einzelne
der Staatsgewalt zu widerstehen berechtigt sei, wenn diese
nach seinem individuellen Urtheil Ungerechtes verlange
(S. 191) : daraus entstehe keine unerträgliche Unordnung, weil
I
1
I
100 Erstes Bach, Cap. 1.
ja die Staatsgewalt im Gininde überhaupt fast nichts befehle
solle — und weil man sich meist mit Protest zu begnüge
habe. Aber dabei bleibt Godwin nicht stehen, indem er gan
consequent aus dem Princip des Individualismus folgeit, da^
der Staat überhaupt so gut wie abgeschafft werden müss<
und dass sogar jede geordnete wirthschaftliche Cooperatio
(selbst die des Zusammenwirkens bei einem Concert) verweil
lieh sei. Das Ideal ist ein Nebeneinanderleben ganz unat
hängiger Individuen, das dadurch ohne ewige Störung un
Unfrieden möglich wird, dass all diese Individuen ganz vol
und beherrscht sind von der Godwin'schen Wahrheit, durc!
die sie vollkommene Wesen werden.
Doch wir wollen nicht vorgreifen. Alle Regierung, (d. l
überhaupt Staatsgewalt) wird unter Beiiifung auf Paine al
ein Uebel bezeichnet (S. 78), das man leider noch nicht gan
entbehren kann, weil es einzelne unzweifelhafte Nothfälle giebi
in denen eine Zwangsgewalt nothwendig ist. Diese Fälle sin(
der eines Angriffs von Aussen und der des Vorkommens gan;
verkommener gewaltthätiger Verbrecher im Lande. Indessei
bleibt auch dieser Zwang in Folge der derzeitigen Unvoll
kommenheit der Menschen immer ein bedenkliches Uebel um
die Gesammtheit hat eigentlich gar keine Rechte, sowenig wii
der Einzelne selbst, denn selbst die sogenannten Freiheits
rechte der Individuen sind nur Nicht-Rechte der Gesellschaf
und die einzige Art von Ordnung, die eigentlich gerechtfer
tigt ist, ist die nothwendige Unterordnung aller Einzelnei
unter die von ihnen erkannten Gebote der Gerechtigkeit un(
Wahrheit in jedem einzelnen Fall. Eine Pflicht des Gehör
sams gegen die Staatsgewalt giebt es nicht (S. 169), das Wor
Unterthan im eigentlichen Sinne des Worts ist verkehrt. In
Grunde giebt es nur die Pflicht , der Gerechtigkeit zu dienei
und eine faktische Nothwendigkeit, sich der stärkeren Ge
walt zu untei*werfen, wenn man sich ihrer nicht erwehret
kann. Unterthan ist deijenige, den die Regierung veipflichtei
ist, zu schützen (S. 174).
Es folgt daraus, dass die Staatsgewalt möglichst schwacl
und mit möglichst wenig Competenzen ausgerüstet sein muss
Godwin. 101
Da dieselbe nur das allgemeine Wohl in gewissen Nothfällen
zu wahren hat, so soll ferner jedes Mitglied der Gesammtheit
an der Staatsgewalt betheiligt sein. In die Praxis übersetzt
heisst dies, dass jede Art von Monarchie und Aristokratie
ein Unding ist. „Jeder König ist in Folge unabweislicher
Nothwendigkeit ein Feind der Menschheit" (S. 399). „Monarchie
ist eine unnatürliche Institution", der König selbst ist in einer
bemitleidenswerthen Lage und wer ihre Abschaffung wünscht,
daher ein Freund der Könige, diese als Menschen betrachtet.
„Es giebt keine wichtigen Functionen allgemeiner Oberauf-
sicht, die man richtiger Weise einem einzelnen Individuum über-
tragen könnte." Daher sind nicht nur erbliche Monarchie, die
allerdings in Folge der höchst verweiflichen Prinzenerziehung
besondere schlimm ist, sondern auch Wahlmonarchie, beschränkte
Monarchie und Präsidentschaft mit königlichen Rechten, ein
Unding. „Der Name König ist das Grab der menschlichen
Tugend, ein Monument des Wahnsinns, der Feigheit und des
Elends der Menscheit" (S. 458), auch jede Aristokratie, d. h.
jede „erbliche hervorragende Stellung ist eine Beleidigung
der Vernunft und Gerechtigkeit (S. 461); denn es ist ein
wichtiges Princip der Gerechtigkeit, dass Jedermann nur in
Folge seines persönlichen Verdienstes ausgezeichnet werden
kann."
Dagegen ist Demokratie das einzig Wahre, d. h. das
System, „demzufolge jedes Glied der Gesellschaft als ein Mensch
und als nichts mehr betrachtet wird, jeder Mensch gleich
ist, soweit positive Satzung reicht" (S. 489). Man wirft frei-
lich der Demokratie vor, dass sie Demagogie, Unbeständigkeit,
aUgemeines Misstrauen etc. heiTornife, allein selbst mit
diesen Fehlem wäre sie besser als Monarchie und Aristokratie,
aus denen Kriege, Geldgier und andere Uebel hervorgehen,
und diese Uebel der Demokratie sind nur Folge des Verderbs
der Menschheit durch Monarchie und Aristokratie. Sie wer-
den mit der Verbreitung der Wahrheit schwinden.
Nun bleiben aber auch in der Demokratie allerlei Ein-
richtungen übrig, die dem Einzelnen einen leidigen Zwang
auflegen. Dahin gehört vor Allem die Unterwerfung der
102 Erstes Buch, Cap. 1.
Minorität unter die Majorität Ferner kann es auch in Demo-
kratien disciplinirte Heere, eine gesetzgebende und eine aus-
übende Gewalt, Steuern und Criminaljustiz, überhaupt Gesetze
und speciell Veifassungsgesetze geben. Mit all diesen Ein-
richtungen wird Godwin leicht fertig, indem er sie entweder
von voniherein für unnöthig erklärt, oder doch meint, sie
könnten und müssten wegfallen, wenn erst die Menschheit durch
Demokratie uncP Wabrheitslehre weiter veiTollkommnet sei.
Es ist charakteristisch, dass Godwin nicht nur die Theo-
rien der Entstehung des Staats kraft göttlichen Rechts und
durch Gewalt bekämpft, sondeni auch den Staatsveilrag an-
gi*eift, weil auch ein solcher die Individuen nicht binden
kann und soll (S. 152). Eine besondere gesetzgebende Ge-
walt giebt es nicht, sondern „Veniunft ist der einzige Gesetz-
geber", d. h. die Gesellschaft kann gar keine Gesetze geben,
sondern nur erklären was die Natur schon festgesetzt hat.
Aehnlich hat ja auch Bentham den Staatsvertrag vei*worfen
und das Nützlichkeitsprincip zur einzigen Richtschnur ge-
macht. Aber er folgerte daraus Majoritätsherrschaft und die
Nothwendigkeit nützlicher Gesetze, während Godwin principiell
jede Unterordnung des vernünftigen Individuums verwii-ft
und trotz dessen an die Möglichkeit friedlichen Nebeneinander-
lebens der Individuen glaubt, indem in jedem Individuum die
gleiche und gleichartige von Godwin's Lehren behen-schte
VeiTiunft lebt
Wenn keine gesetzgebende Gewalt nöthig ist, so ist noch
weniger eine davon getrennte selbstständige Executive am
Platz, d. h. es darf keine Minister etc. geben, die in gewissen
Dingen ohne oder gegen den Willen der Volksvertretung
handeln (S. 554). Ehe alle Menschen und alle Völker weise
und glücklich geworden sind, können noth wendige Ver-
theidigungskriege zwar vorkommen; aber deshalb braucht
man kein stehendes Heer, ja nicht einmal eine Miliz, die in
Friedenszeiten exerciit und disciplinirt wird. Ein freies Volk
wird durch seine Begeisterung für die Freiheit ohne alle
Waffenübung über Veteranenheere siegen, die nicht wissen,
wofür sie kämpfen (S. 538). Selbst der Obergeneral bedarf
Godwin. 103
keiner militärischen Erfahiiing; es genügt „die allgemeine
Macht eines gebildeten Geistes" — man sieht, mit dem Glauben
an die Allmacht der Vernunft kommt Godwin über alle
Schwierigkeiten weg.
Luxusgesetze, Schutzzölle, Pressgesetze aller Art sind
natürlich höchst verwerfliche Eingi-iffe in die individuelle
Fi-eiheit (S. 603 ff.), besonders heilige und dauernde Ver-
fassungsgesetze sind wegen des ewigen Fortschritts der Mensch-
heit ein Unsinn (S. 654). Selbst wenn diese etwa die Prin-
cipien der ewigen Gerechtigkeit formuliren wollten, wären sie
ja nach Godwin's Meinung ganz unnöthig, da übei-haupt nach
durchgedrungener Wahrheit jedes Gesetz unnöthig ist, —
ebenso wie auch eben alle Steuern wegfallen würden (S. 681).
Auch ein Codex des Privatrechts ist überflüssig, es genügt
„die Veniunft, die eine uncontrollirte Gerichtsbarkeit nach
der Sachlage im einzelnen Fall übt.'* Das Ideal der Demo-
kratie besteht darin, dass lauter selbständige kleine Kirch-
spiele oder Communen nebeneinander bestehen, die dann ganz
gelegentlich z. B. im Falle eines Angriff's von Aussen coope-
riren resp. zu loser Confoederation zusammentreten. Die Depu-
tirten der Confoederation , ebenso wie die (gewälilten) Juries
in den einzelnen Distrikten oder Communen brauchen auch
kaum zu befehlen, sondern können sich mit Appellen an die
Vernunft (invitations) begnügen. Zu allerletzt erscheinen
Godwin auch die Distrikte und ihre Conföderation unnöthig
und er löst die ideale Gesellschaft in lauter selbständige
Einzelne ohne jedes äussere zwingende Band auf (S. 857) —
weit consequenter als Bentham erklärt er Sfhliesslich alle
Ordnung als solche für verwerflich.
Es heiTScht manchmal einige Unklarheit darüber, welcher
Zustand, d. h. welches Maass von Mangel an Ordnung sofort
und unbedingt und welches erst in späterer Zukunft hergestellt
werden kann und soll. Jedenfalls aber ist einei-seits klar,
dass das letzte Ziel Wegfall aller zwingenden Gewalt und
Ordnung ist, und dass andererseits Godwin für die nächste
Zeit schweren Herzens eine Staatsgewalt als nothwendig an-
erkennt, aber nur zu den beiden Zwecken, Vertheidigungs-
104 Erstes Buch, Cap. 1.
kriege zu führen und gewaltthätige Verbrecher im Inland un-
schädlich zu machen. Letzterem Zwecke zu Ehren beschäftigt
er sich gleich Bentham eingehend mit der Frage der CriminaJ-
justiz. Er verwirft die Gerechtigkeits- und die Abschreckungs-
theorie, und erkennt als einzige Rechtfertigung der Strafe
die Nothwendigkeit, absolut unverbesserliche Individuen zeit-
weilig unschädlich zu machen. Allein auch dies ist nur eine
zeitweilige Nothwendigkeit und im Gmnde ein Widersprach
mit der Natur und dem Genius des menschlichen Geistes
(S. 746). Es wird diese Nothwendigkeit wegfallen, indem im
richtigen socialen Zustand der Zukunft alle Vei*suchung zum
Verbrechen und damit dieses selbst wegfallen und höchstens
noch eine individuelle Nothwehr vorkommen wird.
Die Lehre, die in all diesen oft geradezu auf kindlichem
oder kindischem Glauben beruhenden Sätzen liegt, ist die:
Ein extremer consequenter Individualismus bedarf nothwendig
der utopischen Annahme einer unmöglichen Vervollkommnung
des Menschen. Ein schroffer Individualismus ohne diese An-
nahme, der willkürlich irgendwo Halt macht, z. B. Majoritäts-
herrschaft will, ist dagegen innerlich inconsequent. Letzteres
gegenüber Rousseau und damit implicite auch gegenüber
Bentham aufgedeckt zu haben, ist das Verdienst von Godwin's
abstrakten Träumereien.
Dieser ganz extreme und eben deshalb utopische Indivi-
dualismus ist nun auch mit Communismus vereinbar.
Obwohl Godwin anerkennt, dass ein Mensch weiser sein
könne als der andere, so sind ihm doch im Grunde die Men-
schen gleich beanlagt und es kommt nur darauf an, dass
Jedem die Lehren der Wahrheit vermittelt werden, worauf
er sie mit seiner Veniunft aufnehmen wird (S. 104 u. a. a. 0.).
Diese Behauptung der vorhandenen Gleichheit ist natürlich
unbewiesen. Sie hängt einerseits mit Godwin's Ansichten
von der Natur des menschlichen Geistes überhaupt zusammen,
andereeits ist sie zugleich eine andere Form für den vorhan-
denen Wunsch nach Gleichheit, d. h. das Postulat rein und
höchst demokratischer Institutionen — die wir schon kennen
gelernt haben.
Godwin. 105
Nun verlangt Godwin zwar hier zunächst nur rechtliche
Gleichheit und will faktische Vei-schiedenheiten des Einflusses
selbst in Folge von Reichthum noch zulassen (S. 489) — doch
hat er uns schon vorher (S. 32) verrathen, dass nach seiner
Meinung die Ungleichheit des Besitzes die Quelle von Ver-
brechen ist, und dass man nach dem Princip der „justice" ver-
pflichtet ist, von dem eigenen Besitz dem Kachbar abzugeben
was immer dieser nöthiger braucht als man selbst (S. 88 ff.).
Diese Gedanken werden nun im 8. Buch (S. 787) zum Schlüsse
besonders ausgeführt. Sie bilden nicht nur den Schluss,
sondern wirklich den Schlusstein des ganzen Gebäifdes. Denn
durch die hier auf den Höhepunkt getriebenen Utopien ver-
steht man erst recht, dass und wie Godwin manches Voran-
gehende selbst glauben konnte.
Wie Fourier seine Vorschläge zur Umgestaltung aller
Production unwillkürlich selbst widerlegte, indem er zugleich
eine wunderbare Umgestaltung des Menschen und der ganzen
Natur prophezeite und so unbewusst zugestand, dass nur durch
ein Wunder sein System ohne allen Egoismus verwirklicht
werden könne — so verlor sich auch Godwin in Träumereien,
denenzufolge nach Verwirklichung seines Systems der Mensch
frei werden würde von Krankheit, Schlaf und Tod — ja er
gestand sogar gewissem) assen , dass diese Wunder zur voll-
kommenen Verwirklichung seines Gleichheitssystems nöthig
seien. Indessen interessanter als diese Verwandtschaft mit
Fourier ist dies, dass Godwin ein System der absolutesten
faktischen Gleichheit vor Baboeuf predigte.
Wenn ei-st jüngst wieder v. Scheel ^) unsere modenie sociale
Entwicklung von der französischen Revolution datirt und den
englischen Vorbildeni weder als Anregungen noch als Musteni
für den Continent erhebliche Bedeutung zugesteht, so muss
dem gegenüber sehr betont werden , dass alle die Ideen von
Freiheit und Gleichheit, die in unserer socialen und politischen
Geschichte der Neuzeit eine so gi-osse Rolle spielen, in Eng-
*) In dem durchaus sehr interessanten und verdienstvollen Buch:
Unsere socialpolitischen Parteien, 1878.
106 Erstes Bach, Cap.l.
land am Ende des vorigen und im Anfang dieses Jahrhunderts
zu bedeutender Entwicklung gelangt sind. Gewiss war Adam
Smith von den Physiokraten, waren Bentham, Paine, Cobbett
und Godwin von der französischen Aufkläiiingsliteratur und
der Revolution selbst bedeutsam angeregt. Aber diese Literatur
ging ja von der älteren englischen aus und die jüngere
englische knüpfte nicht nur an die französische, sondern immer
zugleich wieder an Locke an und bewahrte sich eine be-
deutende Eigenartigkeit und Selbständigkeit. Zugleich ging
dieselbe, was Ausbildung eines extremen Individualismus be-
trifft, reichlich so weit wie die französische; in der Ausbildung
der Gleichheitsidee steht Godwin hinter den Franzosen durch-
aus nicht zurück und die Erkenntniss des socialen Gegen-
satzes der Neuzeit zwischen Besitz und Arbeit entwickelte
sich in England ganz selbständig. Schon der Umstand, dass
in England die Grossindustrie zuerst zur mächtigsten Ent-
faltung gelangte, macht es unzulässig, die Vorgänge in Eng-
land gegenüber den französischen als unerheblich zu be-
trachten.
In seinem classischen Buch über den Socialismus und
Communismus in Frankreich hat Stein so trefflich ausgeführt,
dass nach Wegräumung aller alten ständischen Ordnung die
Institution des Privateigen thums als eine mächtige Säule
socialer Ordnung, d. i. Unterordnung, übrig geblieben sei und
dass daher um dieselbe ein neuer Kampf entbrennen musste.
Diese Erkenntniss — freilich mit der extremsten und selt-
samsten Tendenz — findet sich schon bei Godwin 1793, indem
er gleich im Anfang des 8. Buchs sagt, es müsse das Eigen-
thum auf eine gerechte Basis gestellt, d. h. es müsse das
hen'schende System des Sondereigenthums abgeschafft werden,
wenn das Ideal „der Gesellschaft ohne Regierung", ohne alle
Staats- und Zwangsgewalt erreicht werden solle. —
Er hat nicht den Grundsatz einer Zwangsgemeinschaft
der Production und Consumtion, auch nicht den, dass Jeder
im Verhältniss zu seiner Arbeit und Leistung erwerben und
gemessen solle, sondern sein Grundsatz lautet einfach: Jedem
nach seinen Bedürfnissen.
Godwin. 107
Das jetzige System des Eigentbums ist nach Godwin noch
schlimmer als Monarchie und Aristokratie; alle Abhängigkeit
in Folge von Verschiedenheit des Besitzes mQsse vei-schwinden,
Trailer Reichthum und insbesondere aller erbliche Reichthum
ist wie der Gehalt für eine Sinecure, für welche die Arbeiter
die Pflichten erfüllen und der Principal das ganze Einkommen
in Luxus und Trägheit consumiil" (S. 804). Dagegen ver-
langt die Gerechtigkeit, dass ,jedes Ding Demjenigen gehören
soll, der es am meisten braucht oder dem der Besitz am
meisten Vortheil bringt" (S. 790). „Die natoriichen Bedürf-
nisse eines Jeden sind der einzige Rechtstitel, sich irgend
eine Art von Waaren anzueignen."
Wie soll dies ohne Gewaltthat erreicht, wie ohne be-
ständiges bellum omnium contra omnes erhalten werden?
Einzuführen ist es natürlich nur durch Uebei-zeugung
Aller von der Trefflichkeit des Systems. Hat sich diese
üeberzeugung einmal gebildet, so wird das System auch er-
halten bleiben. Die Üeberzeugung muss nun vor Allem darauf
beruhen, dass die Bedürfnisse der Eitelkeit und des Luxus
wegfallen. Man muss und wird einsehen, dass der Mensch
zunächst Nahiiing und Obdach braucht — und dass ausserdem
zum wahren Glück nur Ausdehnung unserer geistigen Fähig-
keiten, Kenntniss der Wahrheit, Uebung der Tugend gehört
(S. 833). Dies ist an sich leicht erreichbar, da es ja im
Leben des Menschen im Grunde keine Leidenschaften, nur
Gedankenketten giebt (S. 835). Man sieht, Godwin wünscht
und ei-wartet allgemeine Bedürfnisslosigkeit im Sinne eines
idealen Epicuraeismus. Streit würde dann nicht entstehen,
indem Jeder, geleitet von den Ideen der Gerechtigkeit, stets
es erkennen und danach handeln würde, wenn ein Anderer
Etwas nöthiger hat (S. 857). Gemeinsame Arbeit wird durch
Verbessemng der Technik unnöthig werden, gemeinsame
Consumtion, auch Zusammenwohnen sind verwei-flich, weil
mit der individuellen Selbständigkeit' im Widei-spruch.
Deshalb ist auch die Ehe ein verkehrtes Institut, an ihre
Stelle müssen ungebundene Freundschaftsverhältnisse treten,
in denen der Geschlechtsverkehr als etwas Triviales in den
108 Erstes Buch, Cap. 1.
Hintergi-und tritt. Die Kinderei*ziehung wird dann eine ganz
freie nach Wunsch der Kinder durch Jedermann werden.
Man braucht kein Wort darüber zu verlieren, dass dies
Alles auf gänzlicher Verkennung der menschlichen Natui* be-
ruht. Doch ist es eine richtige Consequenz der Idee, dass
von Natur alle Menschen in gleicher Weise ganz vor-
heiTSchend oder ausschliesslich geistige resp. denkende Wesen
seien. Es liegt sogar ein missleiteter Idealismus darin und
der Kampf gegen die Ehe wird, ohne jede Beimischung sinn-
licher Gemeinheit gefuhrt. All dies ist eine lächerliche aber
an sich richtige Folgerung aus dem Princip, dass das ganz
fi-eie selbständige Individuum ein vollkommenes Wesen wer-
den müsse — und was ist dies anders als das Extrem der
Idee, dass wir durch unbedingtes laissez faire die vollkom-
menste der Welten erreichen würden?
Nun bleibt aber noch eine Schwierigkeit, und um diese
zu überwinden, verliert sich Godwin in absoluten Wahnsinn.
Wenn auch Jeder nur die nöthige Nahiiing und Obdach be-
gehrt, Glanzliebe und Luxus nicht durch Zwang, sondern in
Folge ihrer Lächerlichkeit aussterben, wird nicht die Be-
völkerung dereinst so anwachsen, dass eben nicht mehr Alle
auch die nöthigste Nahrung finden und dass dann doch
Streit entsteht?
Diese Frage zu beantworten, schrieb Godwin später ein
Buch gegen Malthus ^). Dieses Buch schrieb Godwin am Ende
seiner Tage und es trägt deutlich die Zeichen der Alters-
schwäche. Es ist äusserst langweilig, enthält zahllose Stellen
aus den Psalmen und andere Bibelspiiiche , ermüdende Aus-
brüche eines unverwüstlichen Optimismus, den Glauben, dass
der Mensch 'durch seinen Willen aller üebel Herr werden
könne etc. Die Hauptsache ist der selbstvei*ständlich miss-
lungene Beweis, dass die Bevölkerung faktisch keine Tendenz
habe, sich progressiv zu veimehren, sondern die stationär zu
bleiben, dass es also keiner schmerzlichen „checks" zur Ver-
^) Ich kenne dasselbe aus der französischen Uebersetzong von 1821.
Es ist von 1820.
Godwin. 109
hinderung der Uebei-völkemng bedürfe. Es ist eines jener
vielen Bücher, die durch ihre Uebertreibungen verhindert
haben, die wirklichen Schwächen der Malthus'schen Theorien
zu erkennen.
Weit übertriebener, aber interessanter und charakteri-
stischer ist, was Godwin schon 1793 über die Bevölkerungs-
frage sagte. Zunächst meint er, es sei noch so viel Grund
und Boden unbewohnt, dass die Angst vor Uebervölke-
rung vorläufig ganz unpraktisch sei. Für die weitere Zu-
kunft aber gelte Franklin's Satz, fiass der Geist allmächtig
werden wird über den Stoff — wämm nicht auch über den
Stoff unserer eigenen Körper? d. h. Alter, Krankheit und
Tod beruhen im Grunde auf unserer Unkenntniss, auf unserer
derzeitigen Unfähigkeit, schädliche Einwirkungen auf den
Körper zu vermeiden. Dies können wir überwinden, und dann
wird die Gesellschaft aus lauter gesunden!, weisen, unsterb-
lichen, erwachsenen Menschen bestehen, die einsehen, dass
der Geschlechtstrieb Unsinn ist und daher aufhören sich fort-
zupflanzen (S. 871).
Godwin selbst gesteht zu, dies sei eine Conjectur, die zur
Aufrechterhaltung seines sonstigen Systems nicht nöthig sei.
Hiei'zu ist in der That nur eine bedeutende Verminderung
des „trivialen" Geschlechtstriebes nöthig — in Verbindung
mit allgemeinem Aussterben egoistischer Leidenschaften. Es
bleibt jedoch immerhin dabei, dass Godwin's System auf dein
utopischen Glauben an Umgestaltung der Natur des Menschen
durch die Wahrheit beruht.
Zum Schluss kommt Godwin nochmals auf die praktische
Frage, wie der Uebergang zu seinem System anzubahnen sei.
Natürlich durch Lehren der Wahrheit! Indessen müssten
wir, selbst wenn der Weg durch Anarchie, Blut und Gewalt
ginge, doch immer „einen Moment des Schreckens abwägen
gegen Zeitalter von Seligkeit" (S. 876). Also friedliche
Mittel ohne gewaltthätige Revolution — aber doch keinen
Schrecken vor Revolution. Wenn nur erst die (demokratische)
Republik eingeführt ist, so würde der Wegfall ständischer
110 Erstes Bach, Cap. 1.
Monopole unfehlbar auch den Reiz übei-flüssigen Besitzes ver-
schwinden machen, indem Jeder nur stolz ist auf das, was er
ist , nicht auf das, was ihm die Gewalt gegeben hat (S. 891).
Die Reichen werden freiwillig immer mehr ihren Ueberfluss
abgeben und der Demokratie wird von selbst die Güter-
gleichheit folgen!
England hat bei Beginn der Neuzeit keine Revolution
ähnlich der gi-ossen französischen erlebt. Aber Godwin's
Schriften zeigen, in welchem extremen Maass die gleichen
Ideen, welche die grosse französische Revolution beheiTSchten,
auch in England Eingang fanden. Es lässt sich ein extremerer
Individualismus und ein vollkommnerer selbstgenQgender,
Rationalismus als der von Godwin nicht denken. Und dass
er nicht eine ganz vereinzelte zufällige Erscheinung, sondern
ein Product des Zeitgeistes war, das beweist nicht nur die
äusserliche Thatsache, dass die „Political Justice'^ in kurzer
Zeit drei Auflagen erlebte,^ sondern man beachte vor Allem,
dass seine Justice** identisch mit „utility^ ist, dass bei ihm
wie bei Anderen das Wohl des Individuums das Ziel aller
öffentlichen Einrichtungen bleibt. Sein Buch ist eine Caricatur
in vielen seiner Theile — aber eine lehn-eiche Caricatur des
Zeitgeistes in seiner englischen utilitarischen Färbung. Godwin
löst die sociale Frage der Neuzeit in der radicalsten Weise,
indem er lediglich aus seinen Annahmen über die Natur des
Menschen und aus den Ideen der Freiheit und Gleichheit
deducirt, ohne sich im Mindesten um die gegenwärtigen
socialen Zustände zu bekümmeiii. Politische und rechtliche
Institutionen sind die einzigen Thatsachen, die er bespricht
resp. bekämpft.
Durch seine Theorien der Gütergleichheit hat Godwin
eine gewisse Beziehung zu Thomas Spence, der unter den
radicalen Agitatoren Englands eine nicht bedeutende aber
eigenthümliche Rolle als bewusster und einseitiger Vertreter
einer Ait von agrarischem Communismus spielt.
Th. Spence. 111
Godwin war ein reiner Denker, in dem sich das Wollen
und Streben seiner Zeit wiederspiegelt, Spence dagegen ein
wenig gebildeter und überaus bornirter Agitator, der einen
einzigen Gedanken in zahllosen Flugschriften veitrat und da-
durch eine kleine Anzahl von Anhängern gewann, die dann
in den geheimen revolutionären Gesellschaften Englands wäh-
rend der Zeit der französischen Revolution die äusserste Linke
darstellten, ähnlich wie in der Zeit von 1848 die Anhänger
von Weitling, Marx und Engels ein extremstes Anhängsel der
revolutionären Schwänner für politische Freiheit, Gleichheit und
Einheit in Deutschland waren. Das Interesse der Spence'schen
Schriften liegt ausschliesslich darin, dass er in vergleichsweise
früher Zeit die wirthschaftliche Ungleichheit der Men-
schen als solche in's Auge fasste und durch einen gewalt-
thätigen Vorschlag entfernen wollte.
Als Sohn eines Schustei-s in Newcastle upon Tyne,
kurz vor dem amerikanischen Secessionskrieg geboren und
mit Opfern zum Schullehrer erzogen*), erlebte er es, dass
ein Process über ein eingehegtes Gemeinfeld (inclosed common)
dahin entschieden wurde, dass die Rente dieses Landes unter
alle Freemen von Newcastle vertheilt werden sollte.
Dies veranlasste ^Spence zu einem Vortrag in der Philo-
sophical Society von Newcastle 1775 *), der ihm viele Feinde
eintrug, so dass er nach London übei-siedelte, wo er Buch-
händler wurde. Als solcher betrieb er selbst den Verkauf
seiner kleinen Schriften und edirte 1793 — 99 eine periodische
Schrift „Pigs Meat or Lessons for the Swinish Multitude"
^) Life, Writings und Principles of Thomas Spence by Allen Daven-
port, 1836. Der Verfasser schwor noch 1836 auf die Richtigkeit Ton
Spenoe's Ideen.
<) Neu edirt 1796 unter dem Titel: „The Meridian Sun of Liberty
or the Whole Rights of Man displayed and most accurately defined in a
Lecture read at the Philosophical Society in Newcastle on the 8th No-
Tember 1775, for printing of which the Society did the Author the honor
to expel him. To which is now first prefixed by way of Preface a most
important Dialogue between the Citizen Reader and the author. By
T. Spence London 1776. Price one Penny.
112 Erstes Buch, Cap. 1.
(Burke!)^). Er wurde mehiinals verhaftet und processirt und
starb 1814 unter Hinterlassung einer kleinen Zahl von An-
hängern, die man über Gebühr fürchtete^). Durch Owen*s
Auftreten und Wirken gerieth seine Lehre allmälig gänzlich
in Vergessenheit.
Diese seine Lehre ist nun schon in dem Vortrag von
1775 fast vollständig enthalten. Sie lautet einfach dahin, dass
aller Grund und Boden behandelt werden solle wie der er-
wähnte Common von Newcastle. Jeder Mensch hat ein Recht
zu leben, dessen ihn die Voreltern nicht berauben können.
Lidividuelle Occupation des Bodens ist eine Usurpation, die
keine Zukunft anerkennen kann. Die Gesellschaft ist „ein
gegenseitiger Vertrag unter den Einwohnern eines Landes zur
Aufrechterhaltung ihrer gegenseitigen natürlichen Rechte."
Deshalb muss aller Grund und Boden den Gemeinden unver-
äusserlich gehören und diese sollen ihn möglichst selbständig
verwalten. Die Staatseinheit kann durch ein Parlament da-
bei gewahrt bleiben. Berechtigtes Gemeindemitglied soll man
schon durch einjährigen Aufenthalt werden. In den Gemein-
den heri-scht allgemeines Wahlrecht und Milizsystem. Die
Gemeinden verpachten allen Boden und alle Gebäude in
kleinen Parzellen auf je 7 Jahre dui-ch öffentliche Ver-
steigerung.
Die späteren zahlreichen Schriften, meist nur kleine Flug-
blätter und aufrührerische Gedichte, variiren diesen Voi-schlag
und führen ihn gelegentlich näher aus. Hervorzuheben
ist, dass die Ginindherren nicht entschädigt werden sollen,
^) Diese Zeitschrift besteht aus geschickt ausgewählten Excerpten aas
Priestley, Godwin, Swift, D'Alambert eta
') Diese Angst spiegelt sich deutlich in dem Report from the com-
mittee of Secrecy on certain violent proceedings, Juli 1812, und namentlich
dem Beport from the committee of Secrecy or Papers presented to the
House by lord Castlereagh, Februar 1817, aus den Übrigens hervorgeht,
dass die Anhänger von Spence sich zu einer kleinen und schwachen, aber
stark und wild revolutionären Gruppe entwickelten, die einfach als extrem
sodaldemokratisch bezeichnet werden kann, weil sie Revolution zu Ehren
bewusster socialer Ziele wollte.
Th. Spence. 113
wenn die Gemeinde den Boden übernimmt, denn die ei*sten
Occupanten sind Diebe und diejenigen, die von ihnen gekauft
haben, sind gerade so schlimm, sie sind Hehler^). Auch
die Verwendungen des GrundheiTen zur Verbesserung des
Bodens sind kein Grund, ihn zu entschädigen, denn „die
arbeitenden Klassen sind es, denen man in ei'ster Linie fbr
alle Verbesserungen Dank schuldet" *). Dazu ist zu bemerken,
dass auch bei Spence, obwohl er nur die Grundherren an-
greift und von dem Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital
ganz schweigt, schon der Gedanke vorkommt, dass die Arbeit
allein allen Werth schafife.
Die Pachtrente, welche die Gemeinden aus dem Boden
ziehen , soll so vertheilt werden ^) , dass zunächst nach Parla-
mentsspruch gewisse Pi-ocente als Ei-satz aller Steuern für
Erhaltung des Staats abgegeben werden, dann soll ein anderer
Theil an Stelle aller Zehnten und Loealtaxen zur Bestreitung
der Gemeindeausgaben verwendet und der Rest unter alle
ansässigen Gemeidemitglieder zu absolut gleichen Theilen
vertheilt werden, ohne Unterschied zwischen Ann und Reich,
Männern und Frauen, Erwachsenen und Kindern*). — Es ist
merkwürdig, wie der englische Agrarcommunist sich nicht
davon losmachen kann, seine Pläne auf einem System von
Verpachtung aufzubauen.
Diese Pläne als unberechtigt nachzuweisen, ist um so
weniger der Mühe werth, als der Verfasser sie selbst nie
weiter motiviit als durch das Recht auf Existenz. Die Frage,
warum nur der Boden, nicht anderes Kapital gemeinsam wer-
den soll, wird nie gestellt und dies allein beweist die Ge-
*) S. The End of Oppression (wie es scheint von 1796).
*) T. Spence. The Rights of Infants, or the Inprescriptible Right
of Mothen to sach a share of the Elements as is soffident to suckle and
bring np their yoong. London 1797.
*) So besonders deutlich in einer Note zu dem Gedicht: The Rights
of Man first published 1788.
*) S. auch A Receipt to make a Millennium or Happy World, being
extracts from the Constitution or Spenceonian Declaration of Rights 1805*
Articie 6.
Held, Soc Gesch. Engl. 8
114 Erstes Buch, Cap. 1.
dankenlosigkeit des Mannes, der nichts weiter vei*stand, als
für Gleichheitsideen bereits empfängliche Gemüther an ßinem
bestimmten, Vielen praktisch einleuchtenden Punkte zu packen.
Wenn Andere den Gegensatz zwischen Arbeit und K&pital
nicht in seiner Bedeutung erkannten, so erklärt sich dies daraus,
dass ihr Augenmerk überhaupt auf politische Fragen gerichtet
war. Spence aber waif sich auf das sociale Gebiet und blieb
doch bei dem Angriff auf die Grundherren stehen. Dadurch,
dass er überhaupt eine Leidenschaft für Gleichheit hatte und
entzündete und dadurch, dass er zur Verwirklichung dieses
Zieles Revolution anwenden will, zeigt er, dass er unter der
Herrschaft gewisser Zeitideen steht, ohne dass er jedoch
irgendwie tief in dieselben eingediningen wäre.
Er freut sich^), dass Paine überhaupt die Erde als all*
gemeines Erbe der Menschheit anerkennt, erklärt aber Paine's
Plan in der Agrarian Justice als „fluchwürdiges Pi-oduct von
Compi-omiss und Zweckmässigkeit." Dagegen citiit er mit
Genugthuung *) eine Stelle aus Swift's Briefen und documen-
tirt dadurch eine gewisse geistige Verwandtschaft mit
Bentham ^) :
„In Bezug auf das sogenannte Revolutionsprincip geht
meine Meinung dahin, dass das öffentliche Wohl eine Revo-
lution rechtfertigt, so oft die üblichen schlimmen Folgen eines
gewaltsamen Regieiiingswechsels wahrscheinlich weniger
verderblich sind als die Leiden, die wir unter der bestehenden
Gewalt erdulden." Anderswo spricht er einmal davon, dass
die Gnmdbesitzer, wenn sie nicht auf legalem Wege entsetzt
werden können, eben nach Paley durch das Volk entsetzt
werden müssen.
Man sieht, obwohl Spence's einziger Voi-schlag praktisch
auffallend extrem ist — seine Principien sind dieselben
und nicht gefährlicher wie die bedeutenderer Zeitgenossen.
^) S. Rights of Infants.
*) Rights of Man.
^ Wie sehr er gleich anderen Zeitgenossen geneigt war, Alles rein
rationalistisch und unhistorisch aufzufassen, das zeigt unter anderem auch
sein harmloser Versuch, eine rein phonetische Orthographie einzuführen.
Th. Paine. 115
Dies mag zum Schluss eine Stelle aus dem Receipt to make
a Millennium beweisen:
Art. 3. „Alle menschlichen Wesen sind von Natur und
vor dem Gesetz gleich und haben ein fortgesetztes unveräusser-
liches Recht auf die Erde und dei*en natürliche Fiilchte.
Art 4. „Das Gesetz ist der freie und feierliche Ausdruck
des allgemeinen Willens. Es soll gleich sein fQr Alle, mag
es schützen oder strafen. Es kann nur befehlen was für die
Gesellschaft gerecht und nützlich ist. Es kann nur verbieten
was schädlich ist.
Art 5. „Sociale Gesetze können daher nie natürliche
Rechte aufheben. Und jeder Mann, Weib oder Kind haben
nach dem Tag ihrer Geburt bis zu dem ihres Todes ihr ur-
sprüngliches Recht auf den Boden ihrer Gemeinde."
^ 4. Thomas Paine.
Thomas Paine gehört zu den in England relativ so häu-
figen Autodidakten, die sich aus niedrigem Stande durch eigene
Kraft zu einflussreichen Schriftstelleni emporarbeiten. 1737
geboren, erlernte er das Handwerk des Vatei-s, der Schnür-
brustmacher war, und übte das Handwerk unter Abrechnung:
einer kurzen Zeit des Seelebens als Arbeiter und Meister;
dann war er Acciseinnehmer, Tabakhändler und Copist 1774
kam er nach Amerika und wurde daselbst bald Schriftsteller.
Nach Begründung der amerikanischen Freiheit ging er nach
England und Frankreich, lebte daselbst die französische Re-
volution mit durch und machte für ihre Grundsätze in Eng-
land Propaganda.
Er war der wirksamste literarische Vorkämpfer für Seces-
sion und Einfühining der Republik in Amerika gewesen; nun
wurde er der bekannteste Vei1;i*eter der französischen Revo-
lutionsideen in England : gegen ihn ergriff Burke die Feder.
1802 kehrte er nach Amerika zurück, nicht ohne in Frank-
reich mannigfache Enttäuschung erlebt zu haben und starb
1809, nachdem er sich noch bis zuletzt an den öffentlichen
Angelegenheiten Amerikas betheiligt hatte.
116 Erstes Buch, Cap. 1.
Viele spätere Artikel u. dgl. untei*schrieb er mit dem
Titel seines ereten grösseren Werkes: „Gesunder Menschen-
verstand''. Diese Gabe besass er entschieden im höchsten
Maass. Er ergriff die Ideen des Individualismus mit Feuer-
eifer und gab ihnen einen äusserst scharfen, vei'ständlichen,
wirksamen Ausdruck. Es fehlte ihm an ausgebreiteter Kennt-
niss der Literatur, an wirklich wissenschaftlicher Schulung.
Aber die Ide^n, die er einmal hatte, wusste er mit grösster
Eindiinglichkeit, einfach und doch erschöpfend,, klar und nie-
mals langweilig darzustellen.
Er appellirte immer nur an den gesunden Menschenver-
stand, an diesen aber mit Erfolg, und der wissenschaftlich ge-
bildete Leser selbst muss zugestehen, dass Paine gewisse Zeit-
ideen in eine ungewöhnlich charakteristische und deshalb
interessante Fonn gebracht hat.
So roh er war, er hatte doch etwas Geniales, wie Leslie
zugesteht. In manchen Punkten freilich vertrat er nicht nur
höchst einseitige Principien, sondern liess sich einfache Irr-
thümer zu Schulden kommen, wie z. B. in Fragen des Staats-
schuldenwesens u. dgl. Aber es ist doch in der That stau-
nensweith, wie richtig er die Kräfte Englands und Amerikas
abwog, wie er betreffs der Frage der Secession praktisch
immer den Nagel auf den Kopf traf. Nicht minder staunens-
werth ist, wie der von Hause ungelehrte Schriftsteller bei
seinen Beweisen für die Unechtheit der Bibel zwar auch immer
nur an den gesunden Menschenverstand appellirt, eine oft
merkwürdige Unkenntniss der Literatur, ja sogar (im ei*sten
Theil des Zeitaltei-s der Veniunft) der Bibel selbst an den
Tag legt, aber doch Beweismittel anwendet, die dem Ge-
dankengange nach von einem historischen Kritiker der neue-
sten Schule ausgehen könnten.
Paine's Schriften zerfallen in politische und religiöse^);
sie sind erst in jüngster Zeit neuerdings in deutscher Ueber-
setzung herausgegeben und werden in Amerika noch stark
^) Die politischen Schriften citire ich nach der Stereotypaosgabe in
2 Bänden. Philadelphia ISTCf.
Th. Paine. 117
gelesen — kein geringer Beweis für die Bedeutung Paine's,
da gleiche Verbreitung und gleiche Dauer .der Wirksamkeit
den Schriften anderer zeitgenössischer Agitatoren nicht zu
Theil wurde.
In diesen Schi*iften kommen eigentlich sociale Gedanken
nur ganz ausnahmsweise vor, und von einem Eintreten für die
Rechte und Interessen des Arbeiterstandes als solchen ist nicht
die Bede. Paine schwärmt für die demokratische Republik
im Gegensatz zu jeder anderen Regieinngsform, und für den
reinen Deismus im Gegensatz zu jedem kirchlichen Dogma.
Das sind seine beiden Hauptideen, die er immer wieder und
wieder verficht und zwar stets mit rein rationalistischen Waffen.
Diese beiden principiellen Ideen werden als absolut ver-
nünftig einleuchtend gemacht.
Innerhalb der demokratischen Republik verlangt Paine
natürlich das allgemeine Wahlrecht und ist gegen jeden
Census. Indessen ist ihm die republikanische Verfassung, der
Ausschluss von Monarchie und Aristokratie, doch die Haupt-
sache, und das allgemeine Wahlrecht als solches ei*scheint
nicht als das Hauptpostulat.
Bentham kam vom allgemeinen Wahlrecht schliesslich
zur repräsentativen demokratischen Republik ; Paine geht von
letzterer aus und verlangt nur innerhalb derselben allgemei-
nes Wahli-echt.
Dabei wird vielfach ein Wahlrecht aller Steuerzahler
verlangt, und der Census nur verboten, weil auch diejenigen,
die indirecte Steuer zahlen, Steuei-zahler seien.
Bei dem Kampf gegen den Census fehlt jede Gehässig-
keit gegen das Eigenthum ; es wird sogar umgekehrt behauptet,
das Eigenthum bedürfe zu seiner Sicherheit des allgemeinen
Wahlrechts.
Das allgemeine gleiche Wahlrecht ist die einfache Folge
des Postulats der Rechtsgleichheit — nicht die Folge bewuss-
ten Emporstrebens des Arbeiterstandes im Gegensatz zu einer
socialen Aristokratie:
„Eine Regieiiing hat Kenntnissnahme von allen Dingen
und von jedem Menschen als einem Gliede der nationalen
118 Erstes Bach, Cap. 1.
Gesellschaft, möge er Eigenthum haben oder nicht, nöthig;
nnd daher erfordert das Princip, dass jeder Mann und jede Art
von Recht repräsentiit sei, wovon das Recht, Eigenthum zu
erlangen und zu haben, nur eines und zwar nicht von der
wesentlichsten Art ist. Die Beschützung der Pei-son eines
Menschen ist heiliger als die Beschützung des Eigenthums;
und ausserdem hat auch das Vermögen, irgend eine Art Ar-
beit oder Dienste zu vollbringen, wodurch man einen Lebens-
unterhalt erwerben oder seine Familie unterhalten kann, die
Natur des Eigenthums an sich.
„Ich habe stets geglaubt, dass die beste Sicherheit für
das Eigenthum, sei es viel oder wenig, darin besteht, jede
Ursache zur Klage und jeden Beweggrund zur Gewalt von
jedem Theile der bürgerlichen Gemeinschaft soweit als mög-
lich zu entfernen; und dies kann nur durch Gleichheit der
Rechte geschehen ; wenn Rechte sicher sind, so ist das Eigen-
thum in Folge dessen sicher. Aber wenn das Eigenthum
zum Vorwand für ungleiche oder ausschliessliche Rechte ge-
macht wird, so schwächt dies das Recht, Eigenthum zu besitzen,
und reizt zu Unwillen und Tumult; denn es ist unnatürlich,
zu glauben, dass Eigenthum unter der Bürgschaft einer Ge-
sellschaft sicher sein könne, welche in ihren Rechten durch
den Einfluss jenes Eigenthums verletzt ist." (S. 316 Band II
der politisch. Sehr.)
Diese Stelle findet sich in der kleinen Schrift von 1795:
„Abhandlung über die ersten Ginindsätze der Regierung*',
einer Schrift, die entstand , nachdem Paine nicht nur die ameri-
kanische Revolution dui-chgemacht hatte , sondern auch durch
die französische schon angeregt war. Sie enthält alle politi-
schen Ansichten Paine's in der gi-össten Schärfe und Klarheit
und genügt, um den ganzen Standpunkt des Verfassers rasch
zu erkennen. Gleich im Anfang heisst es, die „Regierung sei
für den Menschen der interessanteste Gegenstand , seine
Sicherheit und seine Wohlfahrt stehe damit in Ver-
bindung". Doch „sei bis zur amerikanischen Revolution keine
VerbesseiTing in der Regierungswissenschaft eingetreten",
obwohl sie „von allen Wissenschaften am wenigsten geheim-
Th. Paine. 119
nissvoU und am leichtesten zu verstehen sei''. Dann
folgt der in allen anderen Schriften zu findende Satz, es gebe
nur zwei Gmndformen der Regieiiing (oder wie wir heute
sagen würden: Verfassungsfoimen) nämlich: „die Regiemng
durch Wahl und Volksvertretung und die Regieining durch
Erbfolge". Die Revolutionen der Neuzeit verlangen Reprä-
sentativregiemng gegenüber der Erbfolge, d. h. demokratische
Republik im Gegensatz zur Monarchie; und dies ist nach
Paine ein absolut berechtigtes Ziel, denn er glaubt, „dass es
im Euklid kein Problem giebt, das mathematisch richtiger ist,
als dass die erbliche Regieining kein Recht zu existiren hat.
Wenn wir daher einem Manne die Ausübung seiner erblichen
Macht nehmen, so entziehen wir ihm das, was er nie ein
Recht zu besitzen hatte, und wozu ihm weder Gesetz noch
Gebrauch eine Berechtigung geben konnte oder je geben kann."
Die erbliche Monarchie wird aber nicht nur wegen ihrer
praktischen Folgen , wegen der Möglichkeit minderjähriger
und sonst unfähiger Monarchen verworfen, sondern vor Allem
deshalb, weil sie sich mit den angeborenen gleichen Rechten
aller Menschen nicht verträgt:
„Da es unmöglich ist, den Ursprung von Rechten anderswo
als in dem Urspioing des Menschen aufzufinden, so folgt, dass
die Rechte dem Menschen nur als Recht seines Daseins zu-
gehören, und deshalb für jeden Menschen gleich sein müssen.
Der Grundsatz einer Gleichheit der Rechte ist klar und
einfach. Jeder Mann kann ihn verstehen und durch das Ver-
ständniss seiner Rechte lernt er seine Pflichten. — — • —
In einem Naturzustand sind alle Menschen gleich an Rechten,
aber nicht gleich an Gewalt. Die bürgerliche Gesellschaft
hat den Zweck, eine Gleichmässigkeit der Gewalt herzustellen,
welche der Gleichheit der Rechte entsprechen und eine Ga-
rantie derselben sein soll. Die Gesetze eines Landes dienen,
wenn sie gehörig aufgebaut sind, diesem Zwecke. Jedermann
nimmt den Arm des Gesetzes zu seinem Schutze, weil er wirk-
samer als sein eigener ist, und daher hat Jedermann gleiches
Recht an der Bildung der Regierung und der Gesetze, nach
denen er regiert und beurtheilt werden soll. In ausgedehnten
120 Erstes Buch, Cap. 1.
Ländern kann dieses Recht der Person nur durch Uebertra-
gung ausgeübt werden, d. d. durch Wahl und Repräsentation
und daraus entsteht die Einrichtung der Repräsentativregie-
rung." (S. 318 1. c)
„Dass jede Nation ftlr ihi*e Zeit das Recht hat, sich nach
Belieben zu regieren, muss stets zugestanden werden, aber
Regierung durch Erbfolge ist Regierung für ein anderes Ge-
schlecht des Volkes und nicht für sich selbst : und da die Leute
bei denen sie Wirksamkeit haben soll, noch nicht vorhanden
oder Minderjährige sind, so ist auch das Recht noch nicht
vorhanden, um sie für dieselben einzusetzen und die Anmaas-
sung eines solchen Rechts ist Verrath an den Rechten der
Nachwelt. — — Wenn man nach dem Ausschliesslichkeits-
princip urtheilt, so ist, wenn die erbliche Regierung kein
Recht zu existiren hat (und dass dies nicht der Fall, ist be-
weisbar) die Repräsentativregierung als sich von selbst ver-
stehend zugegeben." (S. 312 1. c.)
„Ob die Rechte des Menschen gleich sein sollen, ist keine
Sache der Meinung, sondern des Rechts und folglich des
Princips, denn die Menschen besitzen ihre Rechte nicht als
Bewilligung von einander, sondern Jeder als Recht seiner
selbst. Die Gesellschaft ist der Hüter aber nicht der Geber.
— — Aber was den organischen Theil oder die Art und
Weise betiifft, in welcher die vei^schiedenen Regierungsabthei-
lungen zusammengesetzt werden sollen, so ist dies ganz und
gar Sache der Meinung. In allen Meinungsangelegen-
heiten erfordert der Gesellschaftsvertrag oder das Princip,
nach welchem die Gesellschaft zusammengehalten wird, dass
die Majorität der Meinungen Regel für das Ganze wird,
und dass die Minorität derselben praktischen Gehoi-sam leistet.
Dies ist vollkommen übereinstinmiend mit dem Princip glei-
cher Rechte."
Diese Stellen zeigen deutlich, wie Paine von den ange-
borenen gleichen Menschenrechten, von einem Urzustand und
Staatsvertrag ausgehend zum Postulat der demokratischen Re-
publik und zur Souveränetät der Mehrheit gelangt. Er ist nicht
so specifisch englisch wie Bentham mit seinem empirischen
Th. Paine. 121
Nützlichkeitsprincip, sondern schliesst sich direct an Rousseau
an. Doch erkennt man immer den praktischen Angloameri-
kaner, der sein Ideal bereits verwirklicht weiss.
Auch darin untei*scheidet sich Paine von Bentham, dass
während seiner schiiftstellerischen Lautbahn wenig Entwick-
lung und Yerändeining seiner Ideen eintrat.
Seine ei*sten Schriften in Amerika, „Der gesunde Men-
schenvei'stand" und die „Krisis" enthalten schon ganz die-
selben Gedanken wie die späteren Schiiften. Schon im „ge-
sunden Menschenvei*stand^^ finden wir jene leichtmanchester-
liche Färbung der demokratisch-republikanischen Postulate,
die später oft zu entdecken ist. Da Paine jeder entwickelte
Sinn für sociale Classengegensätze fehlt und ihm die Titel
der englischen Aristokratie höchst widerwärtig, die Unter-
schiede zwischen Reich und Aim relativ gleichgültig sind —
gegenüber dem Unterschied zwischen König und Unterthanen
(S. 6 Bd. I), so ist es ganz natürlich, dass in seinen Schriften
viele Stellen sind, die später Gobden hätte citiren können —
mehr als solche, auf die sich O'Gonnor hätte berufen können.
Im ;, Gesunden Menschenverstand" finden wir einen war-
men thatkräftigen Patriotismus, ein beständiges Drängen zu
energischen kriegerischen Maassregeln, heiligen Zoni gegen die
kriegsunlustigen Quäker. Es wird sogar zugestanden (S. 33),
dass „der Handel so wohl den Geist des Patriotismus als den
Geist militärischer Vertheidigung vermindert.''
Allein wir finden auch schon den Satz, dass Neigung
zum Krieg eine besonders schlimme Seite der Monarchie ist
(S. 25). Das Handelsinteresse erscheint als ein Hauptgi'und
für die Emancipation Amerika's (S. 18) und es fehlt nicht in
den ersten Worten der Schrift an Anklängen an die Idee
des Staats als einer Assecuranzgesellschaft mit möglichst bil-
ligen Prämien:
„Da Sicherheit der wahre Zweck und das Ziel eines
Staates ist, so folgt unwiderstehlich, dass jede Form desselben,
die sie uns am wahrscheinlichsten mit den geringsten Kosten
und dem gi^össten Nutzen sichert, allen anderen vorzuziehen
ist (S. 1).
122 Erstes Buch, Cap. 1.
Zwischen den Theorien, die den Staat auf den Zweck
des Rechtsschutzes oder den der Wx)hlfahrt gründen, unter-
scheidet Paine niemals schaif. So heisst es in der Krisis
S. 98: „Die Ermuthigung und Beschützung der guten Unter-
thanen eines Staats und die Unterdrückung und Betrafung
der schlechten ist der Hauptzweck, weshalb eine Regierung
hingestellt wird" und S. 325: „die öffentliche Wohlfahrt ist
Zweck der Regierung einer Republik. Es ist daher noth wen-
dig, zu wissen, was man unter öffentlicher Wohlfahrt vei-steht.
Dieser Ausdmck hat keine dem Wohle der einzelnen Indi-
duen feindliche Bedeutung, sondern umfasst im Gegentheil
das Wohl eines jeden Individuums. Die öffentliche Wohl-
fahrt ist das Wohl von Allen, weil sie das Wohl
eines jeden Einzelnen ist, denn wie der Staatskörper
alle Einzelnen in sich begreift, so umfasst er auch das öffent-
liche Wohl, das Wohl aller seiner einzelnen Theile. Das Grund-
princip der öffentlichen Wohlfahrt ist die Ge-
rechtigkeit und wo man diese unparteiisch ausübt, wird
jene befördert; denn wie es zum Wohle eines Jeden gereicht,
dass ihm nicht Unrecht geschieht, so ist es auch zu seinem
Besten, dass der Grundsatz, der ihn beschützt, nicht in der
Person eines Anderen verletzt wird, weil eine derartige Ver-
letzung seine Sicherheit schwächt, und das dem Zufall über-
lässt, was ihm ein fester Fels sein soll."
Es kommt Paine nur darauf an, dass der Staat überhaupt
von den ursprünglich alleinberechtigten Individuen geschaffen
wird, dass ihm Gleichheit der Rechte und billige Regierung
gesichert sind.
Im „gesunden Menschenverstand" kommt vielfach sittliches
Pathos nebst biblischen Citaten vor. Indessen wird auch schon
hier unbedingte Gewissensfreiheit verlangt, und man kann nicht
sagen, dass der „gesunde Menschenvei-stand" im Widei-spmch
mit dem späteren „Zeitalter der Vernunft'', das die Autorität
der Bibel unbedingt vei'wirft, steht, denn die Bibel wird nur zu
dem Nachweise benutzt, dass auch aus ihr keine Rechtfertigung
für die Monarchie folge.
In der „Krisis*' kommen trotz alles starken Patriotismus
Th. Paine. 123
die Stellen, welche den künftigen Weltfrieden als Folge der Re-
publik preisen, und die Unabhängigkeit Amerika's des Geld-
vortheils halber fördera, häufiger vor. S. 83 wird die Unab-
hängigkeit verlangt, weil sie den Frieden wenigstens fttr einen
Welttheil verbürgt, Handelsfreiheit mit allen Landein, fi*eien
Besitz von Ländereien u. s. w. vei-spricht S. 151 ruft
Paine den Engländera zu: „Es kann Euch gleich sein, wer
Amerika regiert, wenn Eure Manufakturwaaren dort einen
Absatz finden" — Worte , die fast gleichlautend sind mit den-
jenigen, die später Cobden über Indien aussprach. S. 149
spricht Paine über die Kosten des Krieges ganz ähnlich wie
Cobden : „Indem Ihr auf Siegestöne horchtet und durch un-
sinnige Waffenfreude geleitet wurdet, vernachlässigtet Ihr es,
die Kosten und die Folgen des Kriegs zu bedenken.'' S. 144
eifert Paine gegen Kriege , deren Ursache die unrichtig ver-
standene Nationalehre ist, und verräth kosmopolitische Ge-
danken, indem er sagt, seine Liebe sei der ganzen Welt ge-
weiht, alle Eigenschaften, die an einem Individuum die lobens-
vrürdigsten sind, seien es auch au einer Kation.
Derartige Gedanken werden aber immer nui* mehr gegen-
über England verwendet; da Paine einer eminent praktischen
Bewegung, der berechtigten Unabhängigkeit Amerika's, dient,
so geht sein staatsmännischer Sinn in kosmopolitischen Schwächen
nicht unter, was sich namentlich in seinem Eifer für die Stärke
des Staatenbundes gegenüber den Einzelstaaten (S. 198 u. 227)
zeigt. Es handelte sich in Amerika nicht um Revolution an
sich, sondern um eine positive politische That, um die Schaffung
eines neuen Staatswesen. Die an sich staatsauflösende Lehre
vom Staatsvertrag, der Volkssouveränetät und den angeborenen
Menschenrechten, die überall durchklingt (z. B. S, 151, 323
u. a. a. 0.) wird daher auch insofern eingeschränkt, als der
Staat selbst und seine principiellen Ordnungen als übe r dem
Belieben der Inviduen stehend betrachtet werden. Es ist das
freilich eine Inconsequenz , da der consequente extreme Indi-
vidualismus eine unwandelbare Ordnung und ein dauemdes
unanfechtbares Gesetz überhaupt nicht anerkennen kann.
Allein als praktischen staatlichen Sinn verrathende Einschrän-
124 Erstes Buch, Cap. 1.
kung eines übertriebenen einseitigen Princips muss es aner-
kannt werden, wenn Paine in der Krisis S. 326 die Grund*
rechte der Amerikaner anfühii;, denen zufolge „alle Menschen
gleich frei und unabhängig geboren sind und gewisse natür-
liche angeborene, unveräusserliche Rechte besitzen; die Be-
wohner des Staats das alleinige ausschliessliche und angeborene
Becht haben, denselben zu regieren ; alle gesetzgebenden und
vollstreckenden Beamten verantwortlich sind; die Regiemng
zum allgemeinen Nutzen, Schutz und Sicherheit des Volkes
emchtet ist; das Volk das Recht hat, die Regiei-ung zu ver-
ändern oder abzuschaffen etc. etc.*' — und dann behauptet,
dass diese Gmndrechte als solche unantastbar seien: „In
diesem Versprechen und Bunde liegt die Giiindlage der
Republik; die Sicherheit der Reichen und der Trost der
Annen ist, dass der Besitz eines Jeden sein Eigenthum ist,
das kein despotischer Monarch ihm entreissen kann und dass
ihn auch das allgemein bindende, alle Theile der Republik
zusammenhaltende Princip vor der Despotie der Mehrheit
schützt; denn Despotie kann manchmal durch die Macht
Vieler drückender als durch die eines Einzelnen über Alle
ausgeübt werden." Aus diesen Grundsätzen folgert Paine
unter Anderem auch, dass die Regierung einen Vertrag mit
Privaten, z. B. einen der Bank gewährten Freibrief, nicht
einseitig durch Gesetz ändern könne. Gerade bei diesem
Beispiel zeigt sich allerdings sehr deutlich, dass Paine die
Constanz gewisser principieller Ordnungen dadurch beweisen
will, dass ihm die wichtigsten Naturrechte der Individuen
über dem verfassungsmässigen Rechte der Staatsorgane stehen,
dass also das Individuum und nicht die staatlich verbun-
denen Individuen der eigentliche Souverän ist. Die Auffassung
ist an sich unhaltbar, weil die principiell feststehenden natür-
lichen Grundrechte selbstvei'ständlich willkürlich gefasst sind
und alle Rechte einer sie anerkennenden und aufrechterhalten-
den sichtbaren Autorität bedürfen. Die Unhaltbarkeit von
Paine's Auffassung tritt klar in den Consequenzen hei-vor,
denen zufolge ein der Bank gewährter Freibrief die Regierung
ewig bindet, dagegen ein Vertrag zwischen Volksvertretung
Th. Paine. 125
und einem Monarchen, der erbliche Monarchie festsetzt, nicht.
Dennoch bleibt der Vei-such, nicht alle Ordnung zum Spiel-
ball wechselnder Majorität machen zu wollen, anerkennens-
werth als Ausfluss des Strebens nach einem festen Princip der
Autorität.
In Europa und namentlich in England hat von Paine's
politischen Schriften das Buch über die „Menschenrechte" am
meisten Aufsehen gemacht. Für die Unabhängigkeit Amerika's
hatten sich Paine und Burke erklärt; nunmehr vertheidigte
Paine die französische Revolution gegen Burke.
In den „Menschenrechten" finden wir jene wohlthuenden
Spuren staatsmännischer Einsicht wie im „gesunden Menschen-
verstand'' und in der „Krisis" nicht mehr. Ueberhaupt ist
dieses Buch nicht mehr mit der gleichen Frische geschrieben.
In den Principien, was Staatsvertrag, Volkssouveränetät, Hass
gegen Monarchie und Adel etc. betrifft, enthält es nur Wieder-
holungen. Die Tendenz, die Monarchie als Quelle aller Uebel,
die Republik dagegen als Quelle alles Guten hins^ustellen, wird
in ihrer Uebertreibung ermüdend. Dass Paine in seiner
Polemik Burke nicht gerecht wird , vei-steht sich von selbst.
Beide reden einfach in verschiedenen Sprachen und Paine
kann Burke gar nicht verstehen. Eine historische Ent-
wicklung staatlicher Einrichtungen kennt er überhaupt nicht,
es giebt für ihn nur Menschenrechte, die seit dem Urspning
des Menschengeschlechts bestehen und dieses Zuiückgehen
auf einen (fingirten) Ursprung aller Dinge ei-scheint Paine
als die allein berechtigte und gründliche Forschungsweise.
Er fragt nicht, was ist und wie es geworden ist, sondern wie
Alles vernünftiger Weise werden soll. England hat gar keine
Constitution, weil nicht das ganze Volk auf Grundlage seiner
Menschenrechte einen Staatsvei-trag geschlossen hat Nur der
Staatsvertrag auf Giiindlage der gemeinsamen Interessen und
der Veniunft kann eine rechtmässige Regierung begründen,
die Menschenrechte der französischen Revolution (S. 70, Bd. II)
machen Paine gegen jede organische Entwicklung staatlicher
Institutionen platterdings blind. „Die Menschheit ist nach
meiner Ansicht immer reif genug, ihr wahres Interesse zu
126 Erstes Buch, Gap. 1.
verstehen, wenn es nur ihrem Verständniss klar und in einer
Weise vorgestellt wird, die nicht durch Sell^stsucht Argwohn
eiTegt, noch beleidigt, indem sie sich zu viel herausnimmt/*
Wir haben also scharf ausgeprägt die doctrinäre Unduld-
samkeit des rationalistischen Radicalismus. Da Paine die
Menschenrechte hauptsächlich für die Engländer schreibt, so
finden wir ihn hier mehr als in den früheren Schriften geistes-
verwandt mit Bentham und Gobbett. Die manchesterlichen
Ideen treten noch häufiger auf als in der Krisis.
Aehnlich wie es Bentham thut, stellt auch Paine die
Autorität von Adam Smith hoch ; stark tritt der Gedanke der
Einschränkung der Befugnisse der Regierung hervor: „Es
thut die Gesellschaft für sich selbst fast Alles, was der Regie-
rung zugeschrieben wird — die Regierung ist nicht weiter
nothwendig als zur Ergänzung bei den wenigen Fällen, wo
Gesellschaft und Civilisation nicht bequem ausreichen. — Je
höher die Civilisation vorgeschritten ist, um so weniger bedarf
sie einer Regierung. — Die Regierung ist Nichts weiter
als eine nationale Verbindung, welche nach den
Grundsätzender Gesellschafthandelt" (S. 113—117).
Schon in der Vorrede spricht Paine von der ewigen Ver-
bannung des Krieges; S. 156 von „dem friedlichen System
des Handels, das eine Verbrüderung des Menschen anbahnt*' ;
„das wirksamste Verfahren ist das, die Lage des Menschen
durch BefÖrdemng seines Interesses zu verbessern und auf
diesem Boden nehme ich meine Stellung. Wäre dem Handel
gestattet, in der allgemeinen Ausdehnung, deren er fähig ist,
wirksam zu sein, so würde er das Kriegssystem vertilgen und
eine Revolution in dem uncivilisiiten Zustand der Regie-
rungen ei*zeugen" — wahrlich eine Stelle, welche die Fest-
redner im Cobden Club 1875 hätten citiren können. Der
kosmopolitische Zug wird nun ebensoviel stärker als die Sym-
pathie mit dem Handelsinteresse: „Mein Vaterland ist die
Welt, meine Religion Gutes thun" (S. 171).
Ganz im Geiste solcher manchesterlich kosmopolitischer
Friedensliebe ist es, wenn S. 144 gesagt wird: „Jedermann
wünscht seinem Geschäfte nachzugehen, die Fi-üchte seiner
Th. Paine. 127
Arbeit und den Eitrag seines Eigeuthums in Frieden und
Sicherheit und mit den geringsten Ausgaben zu gemessen.
Wenn dieses erreicht ist, dann ist allen Zwecken, für welche
eine Regieiimg eingesetzt werden sollte, entsprochen." —
Ebenso entspringt diesem Geiste die häufige Klage über die
Höhe der Civilliste (S. 148), der hervorragende Eifer gegen
das Landinteresse (S. 170) etc. etc.
Für die Massen des Volks, namentlich die Armen, hat
Paine freilich ein warmes Gefühl. Aber die Feinde des
Volks und der Armen sind nie die Kapitalisten, sondern,
ähnlich wie bei Cobbett, der Monarch, die Beamten, die
Pensionäre, die Adeligen, die Vertreter der Staatskirche.
Die Schrift schliesst mit einem detaillirten Finanz- und
Steuerreformplan, durch den die Steuern vermindert und die
Armen unteretützt werden sollen, — die Armen, nicht die
Arbeiter. „Der Hauptzweck dieser progressiven Steuer
(ausser der Gerechtigkeit, die schon in der grösseren Gleich-
machung liegt) besteht, wie schon erwähnt, darin, dass sie
den Qbergrossen Einfluss, der aus dem unnatürlichen
Gesetz der Erstgeburt entspringt und eine der Haupt-
quellen der Wahlbestechungen ist, austilgt" (S. 195). Nur
ganz nebenbei ist statt von Armen von Arbeiteni die Rede,
indem die obrigkeitliche Regulimng der Löhne bekämpft wird.
Das Steuerprojekt selbst, das natürlich ohne Grundlage
einer irgendwie genauen Finanz-, Bevölkerungs- und Vermögens-
statistik entwickelt wird, erinnert allerdings mehrfach an
extrem socialistische Programme. Allein es fehlt dabei an
jeder Ahnung des Classengegensatzes zwischen Kapital und
Arbeit, es sollen die Armen als solche begünstigt werden durch
Verminderung des Staatsaufwandes, Abschaffung der hohen
Civilliste, Entlassung von Soldaten und eine progressive Ver-
mögenssteuer, die aber factisch nur gegen die durch Primo-
genitur concentriiten Veiinögen gerichtet ist. Durch die also
gewonnenen Mittel soll eine sehr weitgehende Unterstützung
aller Armen bewirkt werden (S. 198). Ausserdem soll die
Staatsschuld durch Besteuei-ung der Staatsgläubiger selbst
allmälig weggeschafft werden (S. 203).
128 Erstes Buch, Gap. 1.
Dieser Plan könnte veifahi-en, Paine zu den halben Com-
munisten zu rechnen. Allein wenn man die ganze Richtung
und Tendenz eines Schriftstellers richtig verstehen will, so
muss man immer zuei*st fragen, gegen welche Institutionen
sich seine Leidenschaft wendet. Es können im Einzelnen
weitgehende Pläne vorkommen, die doch nur ein gelegent-
liches Spiel der Phantasie des Yeifassers sind und nicht das
Wesen seiner Richtung bezeichnen. So muss man bei diesem
Finanzplan Paine's immer im Auge behalten, dass billige
republikanische Regiemng und AbschaflFung der bevorrechteten
Stellung des Adels seine eigentlichen Ziele sind und bleiben. —
Den Armen wird nur bewiesen, dass sie von Eireichung dieser
Ziele materiellen Voilheil fttr sich erhoffen können. Nivel-
lirung des Besitzes an sich ist aber nicht ein Ziel von Paine.
Dies gilt auch von derjenigen Schrift Paine's, die aus-
schliesslich socialen Inhalts ist; in der „agrarischen Gerechtig-
keit'' heisst es allerdings: „Es ist unrecht, zu sagen, dass
Gott Reiche und Arme schuf, er schuf nur Mann und Weib
und gab ihnen die Erde zu ihrem Erbe" und Paine, führt
aus, dass die Aimuth ein Product der Civilisation sei, dass
jeder Mensch Anspruch auf einen gleichen Theil des von der
Natur geschaffenen Werths des Bodens habe — nicht
auf den durch Bebauung entstandenen. Daraus wird gefolgert,
dass jeder Grundeigenthümer einen Grundzins zahlen sollte,
der dann zum Besten der Armen verwendet werden soll. Prak-
tisch wird aber eine allgemeine starke Erbschaftssteuer vor-
geschlagen.
Paine geht also wieder einseitig von der Antipathie gegen
den grossen (adeligen) Grundbesitz und von der Sympathie
mit den Annen aus — er kommt aber schliesslich zu einem
praktischen Vorschlag, der mindestens mit dem St. Simonismus
geistesvei-wandt ist. Dabei kommt dann sogar eine Stelle
vor, die wie eine Vorahnung der heutigen socialdemokratischen
Lehre vom Werth der Waaren und der Arbeit klingt. S. 382
heisst es:
„Ich habe die in diesem Plan angegebenen Berechnungen
sowohl auf sogenanntes persönliches als auf Landeigenthum
Th. Paine. 129
gemacht. Der Grund, ihn auf Land zu stützen, ist bereits er-
klärt, und pei-sönliches Eigenthum in die Berechnung auf-
zunehmen, ist ebenfalls wohl begründet, wenn auch auf
einem anderen Princip. Land ist, wie oben gesagt, die freie
Gabe des Schöpfers als Gemeingut an das Menschengeschlecht
Persönliches Eigenthum ist die Folge der Gesellschaft
und es ist ebenso unmöglich für den einzelnen Menschen
ohne Hülfe der Gesellschaft persönliches Eigenthum zu er-'
langen, als es unmöglich ist , Grund und Boden ui'sprünglich
zu schaffen. — Alle Ansammlung persönlichen Eigenthums
über das hinaus, was ein Mensch mit seinen eigenen Händen
erzeugt, ersteht ihm durch das Leben in der Gesellschaft ; und
er schuldet, jedem Princip der Gerechtigkeit, der Dankbarkeit
und der Civilisation nach, einen Theil jenes Veimögens wieder
der Gesellschaft, von welcher das Ganze herrührt. Hiermit
wird die Sache auf einen allgemeinen Gi-undsatz gestellt und
es ist vielleicht am besten, dies zu thun; denn wenn wir die
Sache genau untersuchen, so werden wir finden, dass die An-
sammlung pei-sönlichen Eigenthums in vielen Fällen davon
heiTtthrt, dass zu wenig für die Arbeit, die es her-
vorbrachte, bezahlt wurde; und die Folge davon ist,
dass der Arbeiter im späten Alter umkommt und der Arbeit-
geber im Uebei-fluss schwelgt. Es ist vielleicht unmöglich,
den Preis der Arbeit dem Nutzen, den sie hervorbringt, genau
anzupassen; und man wird feiner sagen, als Entschuldigung
für die Ungerechtigkeit, dass, wenn ein Arbeiter einen höheren
Tagelohn empfinge, er denselben nicht für sein höheres
Alter sparen, noch inzwischen viel besser gestellt sein würde.
Man mache also die Gesellschaft zum Schatzmeister, um den
Lohn für den Arbeiter in einem gemeinschaftlichen Fonds aufzu-
bewahren; denn es ist kein Ginind, dass, weil der Eine viel-
leicht keinen guten Gebrauch davon macht, der Andere ihn
nehmen sollte.
„Der Zustand der Civilisation, der in ganz Europa ge-
herrscht hat, ist ebenso ungerecht in seinem Princip als
schauderhaft in seinen Folgen, und es ist das Bewusstsein
davon und die Befürchtung, dass ein solcher Zustand, wenn
Held. Soc. Gesch. Engl. 9
130 Erstes Buch, Cap. 1.
einmal in einem Lande die Untersuchung beginnt, nicht
fortdauern könne, welche die Besitzer von Eigenthum jeden
Gedanken an eine Revolution fürchten macht Es ist das
Wagniss und nicht das Princip einer Revolution, welche ihren
Fortschritt verzögert. Da dies der Fall ist, so ist es sowohl zum
Schutz des Eigenthums als um der Gerechtigkeit und Humanität
willen nothwendig, ein System zu bilden, welches, während es
einen Theil der Gesellschaft vor Elend bewahi-t, den anderen
vor Beraubung sichert." Man muss diese Stelle im Zusammen-
hang mit der ganzen Schrift und mit der ganzen literarischen
Thätigkeit Paine's beurtheilen — und danach muss man sagen,
dass Paine keineswegs ein Vorarbeiter von Owen war, da
sein eigentliches Princip immer die politische Revolution
blieb. Nur zur Sicherung des Erfolges der politischen Revo-
lution will er ganz gelegentlich scharf einschneidende sociale
Reform; aber er will keine sociale Revolution an sich, und
wenn er auch vorübergehend die individualistische Erklärung
der Entstehung des Sondereigenthums bekämpft, so denkt er
doch nicht daran, das Sondereigenthum überhaupt anzugi-eifen,
sondern will es nur durch ein der Humanität gebrachtes Opfer
schützen.
In den übrigen (kleineren) politischen Schriften Paine's
kommen keine Gedanken von principieller Bedeutung vor, die
nicht in den bereits erwähnten Schriften auch enthalten wären.
Interessant ist in den letzten amerikanischen Schriften die
Abneigung gegen die Sklaverei; in den mit Frankreich und
Europa sich beschäftigenden Reden und Schriften, Paine^s
eneigisches Eintreten gegen die Hinrichtung Ludwig's XVI.^
sowie seine spätere Stellung zu Napoleon, der ihm offenbar
doch weniger verhasst ist als die englische Politik, die nach
Paine's Meinung Napoleon zum Kriege zwang, üeberall kommt
der alte Grundgedanke der Abneigung gegen die Monarchie
vor, nebenbei Angriffe auf die Staatsschuld, das Papiergeld,
das beschränkte Wahlrecht in England etc.
Paine hat nicht wie Cobbett einer sich bildenden eng-
lischen Partei die Schlagworte, oder gar ein politisches oder
sociales Programm gegeben. Er hat nur in einer Anzahl von
Burke. 131
Engländern die durch die amerikanische Secession belebte
Sympathie mit radical individualistischen Freiheits- und Gleich-
heitsideen erhalten und dieselben zur Sympathie mit der fran-
zösischen Revolution und der Republik, zur principiellen Feind-
schaft gegen die Kriegspolitik der Tories gesteigert. Er hat
wesentlich dazu beigetragen, bei Besitzenden und Arbeitern
die Auflfassung zu verbreiten, dass der Staat nur ein Diener
wirthschaftlicher Interessen sei, hat aber nicht einem dieser *
beiden Stände ein mit Leidenschaft empfundenes Bewusstsein
seiner Sonderinteressen eingetlösst. Alles zusammen genommen
dient er, trotz vereinzelter Anklänge an extremen Socialismus,
dem politischen Radicalismus des vereinst noch als einheitlich
gedachten dritten Standes. Was seine religiösen Ansichten
betrifft, so popularisirte er nur Gedanken, die der englische
Deismus längst entwickelt hatte. Die rücksichtslose Anwen-
dung des Rationalismus aber zur populären Rechtfeiligung
der demokratischen Republik war eine einflussreiche That,
weil sie geschah, unterstützt durch die grossen Thatsachen
der Revolutionen in Amerika und Frankreich.
§ 5. Burke.
Der gi'össte Gegner der Ideen der französischen Revolution
in England ist Edmund Burke. Er wandte sich zunächst gegen
Paine und andere mehr populäre Schriftsteller und Politiker.
Wollen wir aber die zwei wichtigsten geistigen Strömungen, die
an der Wende des Jahrhunderts in England herrschten, in
ihren bedeutendsten und charakteristischsten Vertretern er-
kennen, so müssen wir Bentham und Burke einander gegen-
über stellen. Bentham ist ein zurückgezogener Philosoph, der
rücksichtslos die Consequenzen eines, wenn auch empirisch
gefundenen, ersten Satzes zieht ; der weder redend noch han-
delnd je in's praktische Leben eingriff, der jedes Gefühl
principiell aus seinen nüchtern rechnenden Betrachtungen
ausschloss — Burke dagegen ein wirksamer Parlamentarier,
der grösste politische Redner aller Zeiten, der stets nur von
der Fülle der Thatsachen ausgeht und bei jedem Satz, den
9*
132 Erstes Buch, Cap. 1.
er ausspricht, nur einen bestimmten praktischen Zweck hat;
dessen Kraft hauptsächlich darin besteht, dass er sein eigenes
Gefühl zum höchsten Affect steigert und stets an die Gefühle
seiner Hörer und Leser appellirt.
Die Zeiten sind vorbei, in denen es liberale Parteisache
war, Burke zu schmähen oder gar seine Parteinahme gegen
die französische Revolution mit pei-sönlichem Interesse zu er-
klären i). Burke ist einfach der alte englische Whig in sitt-
licher Empörung und thatkräftiger Auflehnung gegen einen
schrankenlosen Radicalismus. Er ist genau so viel resp. so
wenig inconsequent wie jene Radicalen, die trotz aller Volks-
souveränetätslehre Revolution praktisch zu venneiden wünsch-
ten — wenn auch bei ihm die Abneigung gegen Revolution
viel stärker war und sich im Erfolg oft zu einem staiTen
Conservatismus steigerte. Seine Schwäche liegt nicht darin,
dass er nur die traditionelle gemässigte Freiheit wollte.
Was er wollte, war vielmehr überaus weise und richtig und
eine Schwäche seines Intellects, nicht seines Charakters liegt
nur in der Art und W^eise der Motivirung seines Willens.
Diese enthält eine überraschende Fülle praktischer Weisheit,
entwickelt eine unerreichte Kunst in der Beschreibung der
wirklich wirkenden Kräfte und der Ableitung allgemeiner
Erfahrungssätze, aber sie verzichtet überhaupt auf eine Philo-
sophie des Staats und des Rechts und macht daher der
Theorie des Individualismus allerlei Concessionen.
Burke ist eine überaus edle sittliche Kraft und er ist ein
künstlerisches Genie, das auf dem Gebiet der Politik wirkt —
aber er ist kein Denker, der einer Partei oder einem Volke
durchdachte Formeln als lange brauchbare Grundlage ihres
politischen Denkens und Glaubens darbietet. Er beobachtet
die Thatsachen und lehrt Andere sie beobachten; er verateht
die Empfindungen Anderer und spricht in schönsten Worten
>) S. H. Y. Sybel in der AUgemeinen Zeitschrift für Geschichte
Bd. 7, Berlin 1847, über Burke und die französische Revolution — und
später über Burke und Irland. Vgl. auch Hillebrand, Deutsche Rund-
schau, Dcbr. 1879, und Morley's Biographie von Burke. Sowie F. Gents,
Eduard Bnrke's Rechtfertigung — - mit Vorrede, Berlin 1796.
Burke. 133
aus, was. er selbst heiss empfindet, er weckt die Gefühle und
regt zur Thatkraft an — aber er klärt keine Gedanken. Er
ist ein ganzer Mann , der durch den sittlichen Muth seiner
Ueberzeugung wirkt, leider nicht zugleich ein durchdringen-
der philosophischer Geist , der gefährliche Theorien für den
kritischen Verstand definitiv zu veniichten vermochte.
Wie unser Heinrich von Treitschke, war Burke eine
aristokratische Natur und im besten Sinne des Worts, einer
gemässigt liberalen Pai*tei aufrichtig ergeben, veitrat aber in
dieser Partei mehr die gerechtfertigten Anspillche des natio-
nalen Staats als die Freiheitsrechte der Individuen. Aehnlich
wie Treitschke hochgebildet in jedem Sinn des Worts und vor
Allem besser als irgend Einer die Geschichte seines Volks
verstehend, wirkte er doch mehr als Mann der That und des
GefQhls, denn als Mann der Wissenschaft. Wie Treitschke
war er ein Idealist, der mit seiner ganzen Person far seine
Ueberzeugung lilcksichtslos eintrat, der im Kampfe für diese
allein Befriedigung fand, der dem Volke die edelsten Gefühle,
die in ihm schlummerten, vorhielt — und doch praktische
Zwecke auf praktischem Wege anstrebte. Aber er war nicht
wie Ti-eitsche bei-ufen, der gefeierte Prophet des grossartigsten
Aufschwungs zu sein, sondern seine Aufgabe war es. Gefahren
aufzudecken, Unheil zu verhüten, neue Ideen zurückzudämmen.
Viel bewundert ist Burke's Kunst, Erfahi'ungssätze blen-
dend^ zu formuliren; allein es sind nie allgemeine Sätze,
die die Grundlage weittragender nothwendiger Consequenzen
sein können oder wollen. Es sind geistreich formulirte, ernst
gemeinte, künstlerisch vollendet stylisirte geflügelte Worte,
— es sind poetische Wahrheiten, die der erfahrene Psy-
chologe entdeckt und der praktische Politiker jedesn^al
nur zu einem ganz bestimmten concreten Zweck ausspricht.
Burke sagt: „Bei aller Pflichterfüllung muss Etwas ge-
wagt werden" (Bd. IL S. 217), oder: „Festigkeit ist nur
eine Tugend, wenn sie mit der vollkonmiensten Weisheit
^) Ich citire nach der Ausgabe von The Works of the right hono-
rable Edward Burke. London ldl5 ff., 12 Bde.
134 Erstes Buch, Cap. 1.
verbunden ist" (Bd. IL S. 223). „Wahrhaftig, Inconsequenz
ist eine Art natürlichen CoiTectors von Thorheit und Un-
wissenheit'* (ebenda). „Ich weiss, dass Spai'samkeit mit Mangel
an Güte verwandt ist und dass jede Reform auf einzelne
Personen wie eine Strafe wirken muss" (Bd. III. S. 232)
„Der individuelle Vortheil einer allgemeinen Wohlthat ist
vergleichsweise so klein und ergiebt sich aus einem Labyrinth
verworrener widerwärtiger Umwälzungen ; während ein gegen-
wärtiger persönlicher Nachtheil so schwer gefühlt wird, da
wo er trifft, und so rasch wirkt, dass die kühle Betrachtung
eines öffentlichen Vortheils niemals das lebendige Gefühl eines
persönlichen Verlusts aufgewogen hat und aufwiegen wird. —
Nichts ist gewöhnlicher als dass die Menschen laut eine Refoim
verlangen und wenn sie kommt, dann keineswegs ihre strenge
Erscheinung lieben" (Bd. IIL S. 234). „Wer nivelliren will,
wird nie ausgleichen" (Bd. V. S. 104). „Sie (d. h. die Gegner
Burke's) sind weit entfernt, das Wort Volk scharf zu definiren,
sie verstehen aber darunter, wie aus vielen Umständen klar zu
einsehen ist, ihre eigene Partei, wenn sie durch Verrath oder
Gewalt das Uebergewicht erlangt haben wird" (Bd. V. S. 147).
In solchen Sätzen legt Burke seine Lebensweisheit nieder;
daran schliessen sich dann Geftihlsergüsse voll des schönsten
Pathos, die nur in den letzten Schriften in Folge des langen
Kampfes und mancher harter Erlebnisse den Charakter ^einer
bitteren, leidenschaftlichen Einseitigkeit annehmen.
Es ist ganz unmöglich, aus Burke's Schriften eine an sich
consequente politische Grundanschauung zu entnehmen, welche
ein klares einheitliches System des NatuiTOchts wäre. Er ver-
tritt überhaupt nur einen praktischen Standpunkt von an sich
beschränktem Umfang und ist ein principieller Gegner von
„metaphysischen Theorien". Insofern ist er inconsequent, als
er für seine Zwecke Anklänge von entgegengesetzten Staats-
theorien benutzt. Er hat gar keine allgemeine consequente
Theorie, aber er wird nie sich selbst inconsequent und er hat
in den praktischen Zwecken, die er verfolgte, im Laufe seines
langen Lebens nicht gewechselt. Verschiedene einzelne Zwecke
hat er ja nach der Zeiten Lauf angestrebt, aber alle aus der-
Burke. 135
selben Ueberzeugung heraus, alle als Mittel zur EiTeichung
des Hauptzwecks. Er war von Anfang und blieb bis zum Ende
der Feind der Willkürherrschaft, sei es dass diese von einer
absolutistischen Krone, sei es dass sie von erregten Massen
geübt wird. Er wollte die Herrschaft des Gesetzes statt der
Herrschaft momentaner Interessen und Leidenschaften, er
wollte die mit der Ordnung verbundene Freiheit, er wollte
jenes Maass verfassungsmässiger Freiheit, wie es die gloiTeiche
Revolution festgestellt hatte, jenes Maass historisch geheiligter
Freiheit, das die alten Whigs seit 1688 vertreten hatten, er
wendete sich gegen Alle, die dieses Maass einschränken oder
ausdehnen wollten. Und der Grund dafür war nicht, dass
diese Verfassung einem theoretischen Ideal entsprach — son-
dern dass Burke sie mit aller Macht liebte und dass sie nach
seiner Meinung durchaus bewährt war und das Wohl des
Volks am besten sicherte — sie sollte erhalten bleiben, weil
sie dem Gefühl des echten Engländers werth war und seinem
praktischen Verstand zweckmässig ei-schien.
Das war Burke's Standpunkt; ehrenwerth und stark, wo
er sympathisch gestimmte Seelen fand — aber unfähig Gegner
zu bekehren, die mit der Kraft des Glaubens eine andere
Theorie erfasst hatten und die eine andere Verfassung für
nützlicher hielten.
Charakteristisch ist, dass Burke's erste Schrift die
„Vindication of Natural Society' gegen Bolingbroke ge-
richtet, bereits eine principielle Stellung gegen revolutionären
Radicalismus einnimmt. Durch witzvolle deductio ad absur-
dum beweist Burke, dass man mit denselben Argumenten,
mit denen man die positive Religion angreift , jede staatliche
Ordnung einstüi-zen könne; dass die Uebel, über welche die
anarchischen Gegner der bestehenden Ordnung klagen, in jedem
Staat unvermeidlich sind. Die herkömmlichen conservativen
Anschauungen von Staat und Religon , Thron und Altar wer-
den in Schutz genommen gegen rationalistische Naturzustands-
ideen, die falsch sind, weil sie praktisch schädlich sind
(Bd. I. S. 4).
In der Schrift „Thoughts on the Cause of the Present
136 Erstes Buch, Cap. 1.
Discontents" von 1771 wendet sich der aufrichtige Whig
gegen absolutistische Tendenzen, die sich unter der Idee
verbei*gen, man müsse das Königthum frei machen von
dem Einfluss der Parteien. Der natürliche Liberalismus
versteigt sich zu dem Satze, dass im Zweifelsfall bei
Streit zwischen Volk und Regieiung das Volk recht habe —
natürlich aber das conservative , loyale englische Volk.
Das Volk soll die Minister nicht wählen, aber das Parlament,
welches in Wahrheit die öffentliche Meinung repräsentirt, soll
Uebergiiffen der Krone begegnen, indem es unpopulären
Ministem Geld verweigert. Die einflussreichen Classen im
Staate müssen für eine Regieiiing sorgen, die nicht Alle be-
friedigt, aber dem Volke ein grosses Maass von Zuü'iedenheit
gewährt. Das Haus der Gemeinen muss eine Conti-ole der
Regierung für das Volk, nicht eine Controle des Volks
ausüben (Bd. II. S. 288). Burke vertheidigt Wilke und klagt
über die Corniption des Parlaments — er will ein Haus der
Gemeinen, das die öffentliche Meinung repräsentirt, mit fest
zusammenhaltenden Parteien, keine Hofregierung, sondern eine
aus der Mehrheit des Parlaments hervorgehende Regierung,
die dann das Vertrauen des Volks nothwendig hat. Um dies
zu erreichen und die „Königsmänner" aus der Regierung zu
entfernen, braucht man demonstrative Versammlungen der
Grafschaften und Corporationen , aber ja keine radicale Ver-
fassungsändemng, nicht einmal kürzere Wahlperioden. „Jeder
Plan einer wesentlichen Acnderung einer Verfassung, die so
complicirt ist wie die unserige , und gar in einem Moment
womöglich noch complicirterer äusserer Verhältnisse ist eine
Sache voll der gi'össten Schwierigkeiten, in der ein über-
legender Mann nicht zu schneller Entscheidung, ein kluger
nicht zu raschem Wagen, ein ehrlicher nicht zu raschen Ver-
sprechungen geneigt sein kann."
Wie im Kampf gegen die Hofcamarilla so tritt uns Burke
als Vertreter der loyalen Opposition namentlich entgegen in
seiner Stellung gegenüber der amerikanischen Frage. Das
Mutterland soll die Colonien nicht besteuern — aber nicht
weil dies gegen die Menschenrechte der Colonisten vei*stösst,
Burke. 137
sondern weil es gegen das Herkommen ist und schädlich
wirkt. In seinem „Speech on American taxation" 1774 (Bd. II.
S. 343 ff.) sagt Burke: „Noch einmal kehren Sie zu Ihren alten
Principieu zurück. Suchen Sie Frieden — lassen Sie Amerika,
wenn es steuerbare Objecto hat, sich selbst besteuern. Ich
lasse mich nicht auf rechtliche Unterscheidungen ein und
versuche nicht die Grenzen von Rechten festzustellen; ich
befasse mich nicht mit solchen metaphysischen Fragen, ja ich
hasse schon ihren Klang. Lassen Sie die Amerikaner in ihrem
alten Zustand und diese Untei-suchungen, die unser Streit er-
zeugt hat, werden unter uns aussterben. Sie und wir, ihre
und unsere Vorfahren waren glücklich unter dem alten
System begnügen Sie sich, Amerika Handelsgesetze
aufzulegen, das haben Sie immer gethan. Lassen Sie dies
den Grund sein für Handelsgesetze. Aber belasten Sie sie nicht
mit Steuera. Sie waren von Anfang an nicht gewöhnt, dies
zu thun — lassen Sie dies den Gmnd sein, nicht zu besteuern.
Das sind die Gründe von Staaten und Königreichen — über-
lassen Sie das Andere den Schulen" und nun wendet
er sich eifrig gegen Theorien von Volkssouveränetät, die man
leider durch Versuch der Knechtung gross ziehe, statt die
legale Souveränetilt des Staats und die Freiheit der Coloni-
sten zu vei*söhnen.
Diese Parteinahme für Amerika ist kein Widerspruch
mit dem Hass gegen . die französische Revolution. Das eng-
lische Parlament hat das Recht, Amerika zu besteueni, aber
es soll aus wohlverstandenem Interesse davon keinen Ge-
brauch machen. Der gleiche Gedankengang kehrt in den
folgenden Reden im dritten Bande der Works immer wieder:
„Mein Zweck ist, britische Souveränetilt und amerikanische
Freiheit zu versöhnen'* — „die einzige Freiheit, die ich
meine, ist die Freiheit mit Ordnung'' — „die Frage ist nicht,
ob Sie das Recht haben, Ihr Volk elend zu machen, sondern
ob es nicht Ihr Interesse ist, es glücklich zu machen.'*
Und in gleichem Sinne eifert Burke gegen Sineouren und
gegen die ungerechte Verfolgung der Katholiken schon 1780.
Nach Beendigung des Streits mit Amerika beginnt Burke
138 Erstes Buch, Cap. 1.
seinen Feldzug gegen die ostindische Compagnie. Die echt
englische Abneigung gegen Monopole, vor allem aber das
sittliche Gefühl, das sich gegen Unterdnickung und Ausbeu-
tung von Menschen empört, entflammten Burke zu diesem ge-
waltigen Kampf, in dem er zwar im Eifer wohl über das
praktisch mögliche Ziel hinausschoss , dennoch aber sei-
nem Vaterland die wei-thvoUsten Dienste leistete. Nach seiner
eigenen Meinung hat Burke auf dem Gebiete der indischen
Angelegenheiten das Grösste und Dankenswertheste geleistet
Seine darauf bezüglichen Reden und Schriften gewähren aber
geringere Ausbeute für die Beurtheilung seiner politischen
Grundanschauungen. So wenden wir uns gleich zu den be-
lilhmten „Reflections on the Revolution in France" von 1790.
Derselbe Burke, der die Amerikaner mit ihren massigen
beschränkten Zwecken vertheidigt hatte, wendet sich nun mit
Entsetzen von den extremen anarchischen Freiheitsideen
der Franzosen ab. Er kann sich nicht für Freiheit im AU-
gemeioen begeistern, denn „Freiheit ist Macht, wenn Menschen
in geschlossenen Massen handeln''. Er sieht, dass in der so-
genannten Constitutional society und in der Revolution society,
die ein Dissenterclub war, der alljährlich den Jahrestag der
glorreichen englischen Revolution feierte, Sympathien mit der
französischen Revolution um sich griffen und ist der Meinung,
„dass, wenn unseres Nachbars Haus in Brand steht, es nicht
schaden kann, dass die Feuerspritzen auch ein wenig das
eigne Haus treff'en." Man habe 1688 in England eine kleine
Abweichung von der regelmässigen Erbfolge durchgeführt,
keineswegs aber ein Princip der Wahl des Königs durch das
Volk aufgestellt. Dies sei ein specieller Act der Nothwehr
gewesen unter Berufung auf die Vorfahren und unter Feststel-
lung der Erbfolge für die Zukunft — die französische Revo-
lution aber sei eine grässliche tragikomische Scene.
Der Freund der mit Ordnung verbundenen Freiheit, der
Mann, der Revolution nur als ein in Nothfällen unvermeid-
liches Uebel zulassen will, wendet sich gegen anarchische Frei-
heit und principielle Revolution. Er erkennt alle Schwächen
der Franzosen, alles innerlich Unhaltbare ihrer Theorien.
Burke. 139
Er erkennt richtig, welche Gefahr es sei, in England mit
diesen Theorien zu cokettiren. Er ist kein Revolutionär, er
ist kein Alannist, der sich vor Gespenstern fürchtet. Er hat
richtig vorhergesehen, dass ein Umsichgreifen der rationalistisch-
individualistischen Staatsauffassung in ßousseau's Geist die
alten Ginindlagen der englischen Verfassung zerstören müsse.
Dies ist ja im Laufe der Zeiten geschehen — nur hat der
ruhigere Nationalcharakter verhindert, dass es plötzlich auf
dem Wege jakobinischer Revolution geschah. Richtig ist
Burke's Kritik, wahr ist seine Meinung, dass der altenglische
Freiheitssinn und der der französischen Revolution ihren
Zwecken nach principiell verschieden sind.
Aber er hat nicht erkannt, dass in Frankreich die Ver-
hältnisse unheilbar verwint waren und eine gesetzliche Re-
form durch Schuld der Vergangenheit unmöglich war, dass
dort ein Extrem das andere mit einer gewissen Nothwendig-
keit hervorrief und — was der schwerete Vorwurf nicht gegen
seinen Charakter, aber gegen seine Einsicht ist — er hat
nicht erkannt, dass in Englandjseit dem Entstehen der Gross-
industrie sich eine Aenderung der socialen Verhältnisse voll-
zog, die auch hier allmälige Aenderung der Verfassung nach
sich ziehen musste. Diese sollte nicht im französischen Geiste
durchgeführt werden, aber Burke vergass anzugeben, wie die
dauernd haltbaren Principien den neuen Verhältnissen ange-
passt werden sollten und wähnte, dass einfache Auflehnung
des conservativen Gefühls und energischer Krieg gegen
Frankreich den Geist der Neuerung definitiv niederschlagen
könnten.
So war er ein grosser, ein wahrer, ehrlicher, sich selbst
consequenter Kritiker der französischen Revolution , aber die
Beschränktheit seines Standpunkts verhinderte ihn, ein schöpfe-
rischer Staatsmann zu sein. Gering sind seine Irrthümer
in Berechnungen einzelner diplomatischer und militärischer
Maassregeln, die er vorschlug. Seine Grundirrthümer sind,
dass er von socialen Verhältnissen nichts verstand und dass
er gegenüber den Doctrinen der französischen Revolution eine
Staatsauffassung, aus der ein bestimmtes Maass von Freiheit
140 Erstes Buch, Cap. 1.
mit Nothwendigkeit folgte, aus der sich eine Richtschnur für
positive Reform überhaupt ableiten Hess, nicht entwickelte.
Von socialen Verhältnissen ist in den „Reflections" über-
haupt unendlich wenig die Rede. Der wirthschaftliche Druck,
unter dem die französischen Bauern seufzten, die Fesseln, in
die das alte Corporationswesen das gewerbliche Leben schlug,
kümmern Burke nicht. Er spricht nur von der freiheits-
widrigen Wirkung der in Frankreich geschaffenen Unsicher-
heit des Eigenthums und feiert den ritterlichen Geist des
alten Adels, ohne der unvermeidlichen neuen Aristokratie
des beweglichen Besitzes ihre Stellung anzuweisen — eine
Unterlassung, die um so wunderbarer ist, als Burke richtig
erkennt, dass die Gleichheitsbestrebungen mit nichtswürdiger
Herrschaft einer Assignaten-Geldaristokratie endigen mussten.
Auch in den späteren Schriften ist von Verständniss socia-
ler Fragen und socialer Umwälzungen nichts zu vereptiren.
Burke veitheidigt die Primogenitui'gesetze, ohne die Gefahr
zu erkennen, die in dem Aussterben eines Standes kleiner
grundbesitzender Baueni liegt. Im „Appeal from the new to
the old Whigs" von 1791 findet sich eine in der That wunder-
schöne Stelle (Bd. VI. S. 217) über die Bedeutung, die Pflich-
ten und Aufgaben der Aristokratie überhaupt. Aber es bleibt
bei einer sozusagen poetischen Verherrlichung des aristokati-
schen Gefühls, das tief im ganzen englischen Volk lebt, und
Burke denkt nicht daran, das Verhältniss näher zu präcisiren,
in das nach Maassgabe neuer Besitz- und Erwerbsverhältnisse
die verschiedenen Gruppen der herrschenden Classen zu ein-
ander und zum ganzen Volke treten sollen:
„Eine wahre natürliche Aristokratie repräsentirt nicht
ein Sonderinteresse im Staat und kann vom Staat nicht ge-
trennt werden. Sie ist ein wesentlicher integrirender Theil
jedes richtig constituirten grossen Gemeinwesens. Sie ent-
wickelt sich aus einer Summe legitimer Vorurtheile, die im
Allgemeinen für wirkliche Wahrheiten gelten müssen. Geboren
werden in geachteter Stellung; von Kindheit an nichts Nie-
driges und Schmutziges sehen; Selbstachtung lernen; an die
kritische Beobachtung durch das Auge der Oeflfentlichkeit ge-
Burke. 141
wohnt werden; frühzeitig auf die öffentliche Meinung sehen;
auf so hohem Boden stehen, dass man einen grossen Blick über
die weitverzweigten und unendlich vei-schiedenartigen Combina-
tionen von Menschen und Interessen in einer gi-ossen Gesellschaft
gewinnt; Zeit haben zum Lesen, Nachdenken und Besprechen ; im
Stande sein, höfliche Beachtung den Weisen und Gelehrten zu
erzeigen, wo immer sie sich finden; im Heere gewohnt wer-
den zu befehlen und zu gehorchen; gelehrt werden im Stre-
ben nach Ehre und Pflichteiftillung die Gefahr zu verachten;
gebildet werden zum höchsten Grad von Wachsamkeit, Vor-
sicht und Umsicht in einer Lage, in der kein Fehler straflos
begangen wird und die kleinsten Irrthümer die vernichtend-
sten Folgen nach sich ziehen; angeleitet werden zu einem
-wohlgehüteten und wohlgeordneten Verhalten aus dem Gefühl
heraus, dass man als ein Lehrer seiner Mitbtlrger in den
höchsten Fragen gilt und dass man als Mittelsmann zwischen
Gott und Menschen handle; verwendet werden als Verwalter
von Gesetz und Recht und dadurch zu den höchsten Wohl-
thätem der Menschheit gehören ; hohe Wissenschaft oder freie
geistvolle Kunst berufsmässig treiben; zu den reichen Kauf-
leuten zählen, deren Erfolg die Annahme eines scharfen und
energischen Verstands, der Tugenden des Fleisses, der Ord-
nungsliebe, der Behan'lichkeit und Beständigkeit und der ge-
wohnheitsmässigen Pflege wechselseitiger Gerechtigkeit be-
gründet das sind die Verhi\ltnisse , in denen sich das
bildet, was ich natürliche Aristokratie nenne und ohne das
es keine Nation giebt"
Man sieht, Burke ahnt, dass auch der mobile Reichthum
in Folge seiner Bevorzugung besondere Pflichten hat; er erkennt
auch 1792, dass es in Irland das grösste Uebel ist, dass dort
durch XJnterdiUckung ein Pöbel ohne aristokratische Gliede-
rung entsteht — aber wie unentwickelt bleiben diese Ansätze
von Gedanken über sociale Verhältnisse! In den „Thoughts
and Details on Scarcity" von 1795 beweist Burke, dass er
keine Ahnung von der grossen Aufgabe des aristokratischen
und monarchischen Staats hat, das materielle Elend der unteren
Classen zu mildern. Der Staat könne, so meint Burke, über-
142 Erstes Buch, Cap. 1.
haupt und namentlich in Theuerungsfi*agen nichts positiv Gutes
schaffen ; die Reichen seien nicht zahlreich, ihr Reichthum sei
im Gesammtinteresse zu erhalten — öffentliche Zwangs- Annen-
pflege, Lohnregulimng und Beschränkung des Koiiihandels
seien Verirrungen. Man klage über das Monopol der Kauf-
leute; aber nur Monopol der Autorität sei schlimm, Monopol
des Kapitals sei eine grosse Wohlthat für die
Armen. „Nicht durch Brechen der Gesetze des Handels,
d. h. des freien Handels, welche die Gesetze der Natur
und also die Gesetze Gottes sind, können wir hoffen,
die göttliche Ungnade zu besänftigen und irgend ein Uebel,
unter dessen Druck wir seufzen, zu entfeiiien. Der Staat
müsse sich auf die wahrhaft öffentlichen Angelegenheiten be-
schränken, zu viel Regieren und besondei*s Einmischung des
Staats in Nahrungsfragen sei vom Uebel. Eben das sei der
Fehler der sonst so heiTlichen [französischen Monarchie ge-
wesen, dass sie zu viel regiert und das Volk daran gewöhnt
habe, die Regierung für Alles verantwortlich zu machen.
Burke predigt einfach unbedingte Zufriedenheit Aller mit
der im Princip anerkannten individuellen Freiheit auf wirth-
schaftlichem Gebiet. Auch hier ist er — in deutlich hervor-
tretender Geistesverwandtschaft mit Malthus — einfach um
jeden Preis gegenüber den bestehenden englischen Einrich-
tungen conservativ ; er sieht nicht und will nicht sehen, dass
das neu entstandene wachsende Proletariat dem Staat und den
herrschenden Classen neue Aufgaben auflegt, neue Sorgen be-
reitet. Es bleibt demgegenüber praktisch unerheblich, wenn
Burke in idealem Schwung des Gefühls 1796 (Bd. Vin. S. 88)
sagt: „Wenn der Reichthum der gehoi-same, arbeitsame Die-
ner von Tugend und Ehre ist, dann ist er an seinem Platz
und von Nutzen: Wenn aber diese Ordnung umgekehrt und
die Ehre der Erhaltung des Reiehthums geopfert wird, so
kann der Reichthum, der weder Augen noch Hände noch sonst
wahrhafte Lebenskraft in sich hat, nicht lange das Dasein
seiner belebenden Kräfte, legitimen Herren und mächtigen Be-
schützer überleben. Wenn wir unseren Reichthum beherrschen,
werden wir reich und frei sein — wenn er uns beheiTScht,
Burke. 143
80 sind wir wahrhaft arm. Oft hat Jemand seinen ganzen
Besitz verloren, weil er sich nicht dazu verstand, Alles zu
seiner Vertheidigung zu wagen."
Auch andere Zeitgenossen Burke's haben die sociale Be-
deutung der 6i*ossindustri6 und des Proletariats noch nicht
verstanden. Burke beschäftigt sich auch principiell nur ganz
nebenbei mit socialen Fragen; sittliche Fragen und Fragen
der Verfassung sind immer seine Hauptthema. Aber auch
in dieser Beziehung blieb er, wie erwähnt, beschränkt.
Schon in den „Reflections" erklärt Burke, dass das Recht
der Krone nicht auf einem Vertrag zwischen Volk und König
beruhe, aber gerade wie die Whigs von 1688 die Staatsver-
fassungstheorien doch nebenbei benutzten, so erkennt er doch
den Staatsvertrag als das an, wodurch der Staat überhaupt
begründet worden sei: „Das gemeine und das statutarische
Recht entspringen beide aus derselben Autorität, welche durch
die allgemeine Uebereinstimmung und den ursprünglichen
Staatsvertrag begründet ist, „communi sponsione reipublicae''
— und sind deshalb gleichmässig bindend für König und Volk
so lange, als die Punkte der Uebereinkunft eingehalten wer-
den und dieselbe politische Köi-perschaft bestehen bleibt."
Also wenn einmal der Staatsvertrag geschlossen ist, so
bindet er alle künftigen Generationen. Wanim? Wenn man
einmal einen Vertrag ursprünglich staatloser Individuen als
möglich, ja als faktisch anerkennt, warum ist nicht Wieder-
auflösung dieses Vertrags und Schliessung eines neuen mög-
lich? Wo hat je ein Vertrag ewiges unabänderliches Recht,
unauflösliche Bande geschaffen? Wamm begründet Burke
denn nicht die Entstehung des Staats auf innere natürliche
Nothwendigkeit, warum schliesst er sich der unseligen Fiction
vom Staatsvertrag trotz aller Antipathie gegen metaphysische
Doctrinen doch an?
Er ist noch immer der alte Whig und will nichts von
dem besonderen göttlichen Rechte der Krone wissen, das die
„alten Enthusiasten der Prärogative'' verfechten. Aus Gegen-
satz zu dieser Auffassung constatirt er einen menschlichen Ur-
sprung des ganzen Rechts, des ganzen Staatsgesetzes und
144 Erstes Buch, Cap. 1.
bedient sich hiezu mit einer absolut nicht zu rechtfei-tigenden
Gleichgültigkeit dei* Staatsvertragslehre, da es ihm überhaupt
wenig darauf ankommt, wie der Staat entstanden ist, sondern
nur darauf, wie er jetzt fortgeführt werden soll. Burke miss-
billigt metaphysische Theorien, ohne sie in ihren Consequen-
zen zu verstehen und dies rächt sich an ihm, indem er ihnen
selbst theilweise verfällt.
Die theilweise Anerkennung der Staatsvertragslehren ist
keineswegs ein einmaliger lapsus calami, der sich im momen-
tanen Eifer einschlich. Der Gedanke kehrt vielmehr in un-
erlaubter und kaum begreiflicher Naivetät öftei*s wieder:
„Wenn die bürgerliche Gesellschaft sich aus Vertrag ent-
wickelt hat, so muss dieser Vertrag Gesetz sein. Dieser Ver-
trag muss alle Theile der durch ihn gebijdeten Verfassung
bestimmen'' (Bd. V S. 120). — „Die behaupteten Rechte die^
ser Theoriker sind alle extrem. Sie sind in demselben Maasse
als sie metaphysisch wahr sind, politisch und moralisch falsch".
In der That Burke erklärt sich selbst gegenüber jeder
Staats- und Rechtsphilosophie für incompetent! — „Die Ge-
sellschaft ist in der That ein Vertrag. Untergeordnete Ver-
träge in Bezug auf mehr zufällige Interessen können nach
Belieben aufgelöst werden, aber der Staat ist mehr als
eine Handelsgesellschaft, er ist eine Genossenschaft in aller
Wissenschaft, Kunst, Tugend und Vervollkommnung, eine
Genossenschaft zwischen denen die jetzt leben, die gelebt
haben und leben werden" (Bd. V S. 183) sehr richtig,
aber warum dann der Vordersatz, dass die Gesellschaft ein
Vertrag sei? „Wenn die Verfassung eines Landes einmal
durch einen stillschweigenden oder ausdrücklichen Vertrag
festgestellt ist, so kann keine Gewalt sie ändern, ohne Bmch
des Vertrags oder TJebereinstimmung aller Parteien^' (Bd. VI.
S. 200). Doch genug dieser Stellen — sie sind unhaltbar,
erklären sich aber, wenn Burke selbst sagt: „Ob meine Theo-
rie (vom „mos majorum") mit der neuen Staatsphilosophie in
Uebereinstimmung gebracht werden kann, weiss ich nicht,
das kümmert mich aber auch nicht, da ich wenig Respect
vor aller solcher Philosophie habe" (Bd. VI S. 165). Wie
Burke. 145
kann man mit dem Gefühl allein eifolgreich gegen Etwas
kämpfen wollen, das man eingehend kennen zu leinen ver-
schmäht?
Der Staat mit seiner ererbten Verfassung ist einmal vor-
handen; wie er entstanden ist, das ist Burke ziemlich gleich-
gültig und er will nicht sehen, dass die All seiner Entstehung
die Art seines Fortlebens bestimmt. Es kommt ihm lediglich
darauf an , auszuführen , dass die natürlichen Freiheitsrechte
der Individuen, nachdem der Staat einmal da ist, nicht wie-
der aufleben können, d. h. dass eine radicale Neugestaltung
der Staatsverfassung unzulässig ist. Und dies vertritt Burke
mit der höchsten Energie. Bei der Revolution von 1688
handelte man in den alten organisirten Ständen ^ innerhalb
der Formen der alten Organisation, nicht durch die „Mole-
küle" eines entfesselten Volks — die Rechte des Volks und
der Krone werden. in England wie Familienvermögen fort-
geerbt, wie es für eine dauernde Körperschaft das
natürliche ist. — „Ein bestimmter Antheil an Macht, Autorität
und Leitung, der jedem Individuum bei der Staatsvei*waltung
zukäme, gehört nicht zu den ursprünglichen Rechten der
Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft, denn ich betrachte
nur den bürgerlichen ^lenschen in der Gesellschaft, keinen
anderen'' (Bd. V. S. 120). „Ich habe das ewige Gerede von
Widerstand und Revolution nie leiden können, das heisst
die Arznei der äussei-sten Noth zum täglichen Brod machen"
(Bd. V. S. 127). „Verjährung ist ein wichtiger Theil des
natürlichen Rechts" (Bd. V. S. 276). — „Die neuen Whigs
behaupten, dass die Souveränetät, sei es dass sie einer Person
zusteht oder vielen, nicht nur aus dem Volke entspringt —
ein Satz, den man nicht leugnet, den zu leugnen oder dem
zuzustimmen aber gleichgültig ist — sondeni dass die Sou-
veränetat beständig und unveräusserlich beim Volke bleibt. —
Diese Theorie führt meines Erachtens zum vollständigen Um-
turz aller Regiei-ung — sowie auch aller Moral.'* — Die
Iten Whigs hatten hiervon principiell verschiedene Grundsätze,
e machten Revolution nur in Folge des Nothfalls, weil „sie
IS einzige Mittel war, die alte Verfassung, die durch den
H-ld. .«00. Gesch. Encl. 10
146 Erstes Buch, Cap. 1.
ursprünglichen englischen Staatsveilrag begründet war, wieder-
herzustellen und sie für die Zukunft zu erhalten'* (Bd. VI.
S. 147). — „Für mich ist, was die Alten ,mos majorum*
nannten, wenn nicht die einzige, so doch die Hauptregel der
Politik" (Bd. VI. S. 165).
Diese Stellen sind aus dem „Appeal form the new to the
old Whigs" entnommen, einer Schrift, die ich für die charak-
teristischste und bedeutendste von allen halte. Burke be-
weist hier schlagend, dass sein Standpunkt in Bezug auf die
französische Revolution nicht mit seiner früheren Parteistellung
im Widerspruch stehe und die Nothwendigkeit, sich mit seinen
früheren Parteifreunden auseinanderzusetzen, zwingt Burke zu
der eingehendsten Vertiefung seiner politischen Gnindan-
schauungen. Hier findet sich die classische Stelle „Kunst ist
des Menschen Natur", hier macht Burke einen Ansatz, die
ganzen Lehren von Naturzustand und Staatsvertrag principiell
und total wegzuwerfen. — Schade nur, dass es bei dem An-
satz bleibt und die alten Locke'schen Inconsequenzen doch
nicht völlig überwunden werden:
„Pflichten sind nicht Sache des freien Willens. Pflicht
und freier Wille sind sogar Gegensätze, und wenn auch die
bürgerliche Gesellschaft zuerst ein freiwilliger Act gewesen
sein mag (was sie in vielen Fällen unzweifelhaft war) so
findet ihre Fortsetzung unter der Heri*schaft einer mit der
Gesellschaft coexistirenden dauernden festen Uebereinstimmung
statt. Das wird bestätigt durch die allgemeine Praxis und.
entspringt aus dem allgemeinen Gefühl der Menschen. Ohne
ihre Wahl haben die Menschen Vortheil von dieser Asso-
ciation — ohne ihre Wahl unterliegen sie Pflichten in Folge
dieser Vortheile. Ohne ihre Wahl gehen sie eine thatsächliche
Verpflichtung ein, die eben so bindend ist, wie nur irgend
eine. — Ich gestehe zu, dass es keine Sanction irgend eines
Vertrags giebt, wenn kein höchster Gesetzgeber existirt, der
die Macht hat, das Sittengesetz zu geben und die Kraft, es
zu erzwingen. — Wir haben Pflichten gegen die Menschheit
im Ganzen, die aus dem Verhältniss des Menschen zum Men-
schen und des Menschen zu Gott entstehen, welches Ver-
Burke. 147
hältBiss nicht Sache freier Wahl ist'' (Bd. VI. S. 205).
,Jin rohen Naturzustand giebt es kein Volk. Eine Anzahl
von Menschen an sich hat nicht die Eigenschaft eines Col-
lectivwesens. Der Begriff des Volks ist der Begriff* einer
Corporation. Er ist durchaus künstlich und wie alle anderen
legalen Fictionen durch allgemeine Uebereinstimmung fest-
gestellt" (S. 211). — „Die angeblichen Menschenrechte können
nicht die Rechte des Volks sein. Ein Volk sein und diese
Rechte haben sind unvereinbare Dinge. Das eine setzt die
Existenz, das andere das Nichtvorhandensein eines Zustands
bürgerlicher Gesellschaft voraus" (S. 234).
Man sieht, Burke versucht den Staat auf das ewige, gött-
liche Sittengesetz zu basiren, den Naturzustand ohne allen
Staat als eine inhaltslose Vorstellung zu beweisen und
vermengt mit diesen Ideen doch immer die vom ursprünglichen
Vertrag.
Dem Manne, dessen Herz für alles Gute, Wahre und
Schöne so warm schlägt, bei dem sittliche Motive beständig
mit Leidenschaft wirken, musste es nahe liegen, bewusst,
consequent, systematisch von der Idee des Sittlichen auszu-
gehen — aber es ist eben nur das sittliche Gefühl stark,
und sowie Burke sittliche Postulate im Einzelnen mit dem Ver-
stände untei-sucht, so verfällt er der Herrschaft von oberfläch-
lichen Nützlichkeits- und Zweckmässigkeitsideen. Ja man kann
sagen, der durchschlagendste, am häufigsten wiederkehrende
Grund, weshalb Burke keine Revolution und keinen Radicalis-
mus will, ist der, dass nach seinem festen Glauben radicale
Neuerungen für das Volk schädlich sind, während die be-
stehende Verfassung im Ganzen und im Einzelnen nützlich ist.
„Keine Erfahrung hat uns gelehrt, dass unsere Freiheiten,
auf anderem Wege regelmässig fortgesetzt, erhalten und als
unser erbliches Recht geheiligt werden können als unter einer
erblichen Form'' (Bd. V. S. 64). — „Könijje sind in einem
Sinn unzweifelhaft die Diener des Volks, weil ihre Macht keinen
anderen vernünftigen Zweck als das allgemeine Wohl hat'*
(S. 72). — „Wenn die bürgerliche Gesellschaft zum Vortheil
der Menschen eingerichtet ist, so werden alle Vortheile, denen
10*
148 Erstes Buch, Cap. 1.
ZU Ehren sie errichtet ist, ihr Recht" (S. 120). — „Die ei-ste
aller Tugenden ist Klugheit. Die Menschen haben kein Recht
auf das , was nicht veniünftig und was gegen ihren Voitheil
ist" (S. 127). Noch deutlicher wird dereelbe Gedanke im
Appeal ausgeführt, wo (Bd. VI. S. 96 ff.) ausgeführt wird, man
könne keine allgemeine Regel darüber aufstellen, wann Revo-
lution zulässig sei. Die höchste der moralischen und poli-
tischen Tugenden, die Klugheit, müsse im einzelnen Fall be-
stimmen, ob eine Ausnahme von der allgemeinen Regel zu-
lässig sei — wer die Revolution wolle, den treffe aber immer
die Beweislast. „Politische Fragen haben in ei*ster Linie
nichts zu thun mit Wahrheit oder Irrthum : Es fragt sich, was
gut oder schädlich ist. Was im Erfolg wahrscheinlich Schaden
erzeugt, ist politisch falsch, was Nutzen erzeugt, ist politisch
wahr" (S. 210). Schon 1782, als Burke in einer Parlaments-
rede gründliche Reform des Wahlrechts bekämpfte, entwickelte
er (Bd.X. S.96, 97), dass alle rechtlichen Institutionen auf Ver-
jährung beruhen, welche der stärkste aller Rechtstitel sei. Die
Verjährung werde begleitet von einer zweiten Quelle von Auto-
rität, dem Vorurtheil — von dem ausserordentlich heilvollen
Voruitheil zu Gunsten aller feststehenden Einrichtungen. Die
Anhänger der Parlamentsreform verlangen von uns, „dass wir
ihre Speculationen der glücklichen Erfahrung wachsender Frei-
heit und wachsenden Wohlstands in 500 Jahren vorgehen
lassen. Das aber werde ich, so viel Achtung ich vor ihren
Talenten habe, nicht thun. Denn was ist der Maassstab des
Nützlichen? — Nützlich ist, was für die Gesammtheit und
jedes einzelne Mitglied derselben vortheilhaft ist. Nach dieser
Nützlichkeit verlangen wir, die Frage ist, ob wir sie mit
oder ohne Erfahrung über die Mittel anstreben sollen etc.'*
(S. 100).
Weder die Staatstheorie auf Grund eines Vertrags noch
die Moraltheorie auf Grund der Nützlichkeit werden von Burke
durch eine durchgearbeitete Auffassung entgegengesetzter Art
ersetzt. Auch Burke selbst schwimmt unbewusst im Strome
der Ideen, deren extreme Consequenzen zu bekämpfen er sich
zur Lebensaufgabe gesetzt hat. Er bot seinem Volke Nichts,
Burke. 149
daS noch künftige Generationen als Gegengewicht gegen die
materialistische Humanität und den selbstgefälligen flach indi-
vidualistischen Liberalismus eines Mill's benutzen könnten.
Seine Wirksamkeit ist darauf beschränkt , dass er seiner Zeit
die Augen über das Schlimme vieler einzelner Thaten der fran-
zösischen Revolution öffnete und seinen Landsleuten das Vor-
treffliche in den Eigenthümlichkeiten ihrer Verfassung wieder
stärker zum Bewusstsein brachte.
In der Kritik der französischen Revolution ging Burke
nicht nur wie erwähnt, insofern zu weit, dass er ihre Ui'sachen
verkannte, sondern auch z. B. darin, dass er Anfangs den
ungeheuren Krafteffect, dessen die revolutionii-te Nation
namentlich nach Aussen fähig werden sollte, nicht vorhersah,
sondern lediglich ZeriHttung der Kraft der Nation nach Innen
und Aussen prophezeite. Treftlich zeigt uns Burke, wie die fran-
zösische Revolution eine Tyrannei der Massen geschaifen habe,
obwohl sie (schon in der ersten Verfassung) in inconsequenter
Weise bei dem Wahlrecht eine Rücksicht auf das Eigenthum
genommen habe. Die Eintheilung in Departements ohne Rück-
sicht auf Geschichte ist ihm ein Gräuel. Das ganze Treiben
ist ihm so gründlich verhasst, dass er es schon 1791 ausge-
rottet haben will. „Nie werde ich ein Land in Europa für
sicher halten, so lange im Herzen Europas ein Staat (wenn
wir ihn so nennen dürfen) auf den Grundsätzen der Anarchie
aufgebaut und in der That eine Versammlung bewaffneter
Fanatiker ist zur Propaganda der Grundsätze von Mord,
Raub, Rebellion, Betrug, Unterdrückung und Gottlosigkeit"
(Bd. VI. S. 20). Rousseau ist Burke der verächtliche Prophet
dieses Thuns. „Was in Frankreich geschehen ist, war ein
wilder Vei*such, die Anarchie zu niethodisiren, die Unordnung
festzustellen und zu verewigen — ein wahnsinniges, gottloses,
ungeheuerliches Ding etc.'' (Bd. VI. S. 85). Man sage, Fox
sympathisire nicht mit der neuen französischen Verfassung,
nur mit der Abschaffung der absoluten Monarchie, allein man
könne nicht den Ei-satz einer Barbarei durch die andere
billigen (Bd. VI. S. 93). Es handle sich in Frankreich um
eine „Revolution von Doctrinen und theoretischen Dogmen"
150 Erstes Buch, Cap. 1.
(Bd. Vn. S. 13), „um die Doctrin, dass die jeweilige Majorität
der Steuerzahler der einzige Souverän sei, eine Doctrin, der
alle Atheisten, Deisten, Socinianer, Feinde des Kleinis und
des Adels, viele Geldleute und die Ostindienmänner zu-
neigten — eine grosse Gesellschaft, die jetzt noch ruhig, bald
aber voraussichtlich England gefährlich sei" (Thoughts on
French Aflfairs 1791). Immer eifriger verlangt er „allgemeinen
Krieg gegen die Jacobiner und den Jacobinismus als das
einzige Mittel, Europa und England vor Revolution zu retten'*
(Observations etc. 1793). Er „betrachtet den Jacobinismus
als das schrecklichste und schändlichste Uebel, das je die
Menschheit bedrückt hat" (ebenda). „Es ist eine gemeine
Schule, die'derfi-anzösischen Sansculotten, von der kein Gentle-
man etwas lernen kann" (Bd. VIII. S. 37). „Meine Ideen
und Principien führten mich in diesem Streit dazu, Frank-
reich nicht als Staat, sondern als Partei zu bekämpfen''
(Bd. VIII. S. 213).
Schrittweise Eefonn hätten die Franzosen erstreben sollen
und die alte französische Verfassung mit einem starken König-
thum, einem reichen, wohlwollenden, gebildeten, ritterlichen
Adel, mit einer glänzenden wohlsituirten Kirche ei-scheint
Burke ebenso herrlich wie entwicklungsfähig. Dagegen ist
aber die Theorie von den Menschenrechten sein beständiger
Angriffspunkt. Nicht Menschenrechte, sondern Rechte der
Engländer mtissten wir vertreten und die Beständigkeit (con-
sistency) des Gesetzes unbedingt aufrechterhalten. „Ich strebte
das Volk vor dem grössten aller Uebel warnen — vor einem
blinden leidenschaftlichen Geist der Neuerimg unter dem
Namen von Refoi-m" (Bd. VII. S. 365).
Jederzeit war Burke daher gegen Parlamentsreforai in
England. „Die bisherige Volksvertretung ist als völlig ent-
sprechend für alle Zwecke befunden worden, denen eine
Volksvertretung dienen kann*' (Bd. V. S. 116). Die Agita-
tionen gegen das Unterhaus führten zum Umsturz der ganzen
Verfassung (Bd. VII. S. 276).
Er hatte gewiss recht, wenn er ein Wahlrecht atomisirter
Staatsbürger gegenüber dem alten Wahlrecht der Verwaltungs-
Burke. 151
corporationen perhoiTescirte. Es grenzt aber wirklich an bor-
nirten Conservatismus, wenn Burke nicht einsah, dass die alte
Vertheilung des Wahlrechts gegenüber den veränderten Ver-
haltnissen modificii-t werden musste, und hier zeigt sich prak-
tisch seine Schwäche, dass er zwar das Falsche extremer
Theorien erkennen, aber keine Richtschnur fttr neue positive
Schöpfungen geben konnte. Die principielle Abneigung gegen
Parlamentsreform in England geht über das Princip der Frei-
heit mit Ordnung, des gemässigten Fortschritts unter mög-
lichster Erhaltung des Bestehenden unnöthig hinaus. Er
schwächt dadurch nur die Wirkung dieser praktisch so werth-
vollen Lehren, die er an vielen Stellen glänzend entwickelt:
„Es erfordert nicht viel Klugheit eine Regierung zu
machen; Freiheit zu geben ist noch leichter; aber eine freie
Regierung zu bilden, d. h. diese entgegengesetzten Elemente
von Freiheit und Zwang in ein festes Werk zusammenzufügen,
das erfordert viel Denken und tiefes Sinnen" (Bd. V. S. 434).
Man brauche keine auf „imaginäre Rechte gegründete Theorie",
sondeiTi nur „eine aus der Thatsache unserer Verfassung ab-
geleitete Theorie", es handle sich darum, „private und öffent-
liche Freiheit mit öffentlicher Macht zu vereinigen — und
vor Allem mit Institutionen, welche Dauer und Beständigkeit
für Generationen gewährleisten'* (Bd. VI. S. 263), man müsse
die englische Verfassung bewundern, auch wenn man sie nicht
versteht, gerade wie ein Kunstwerk von Michel Angelo (S. 265).
Auch hier ist die Liebe zur gemässigten Freiheit und die An-
hänglichkeit an alte Institutionen oft mit einem gedankenlosen
Lob des Bestehenden verbunrlen. Dies zeigt sich am stärksten,
wenn Burke geradezu Vorurtheile als Tugend preist. „Vor-
urtheil macht des Menschen Tugend zur Gewohnheit statt zu
einer Reihe unverbundener Handlungen. Durch richtige Vor-
urtheile wird seine Pflicht ein Theil seiner Natur" (Bd. V.
S. 168). „Die moralischen Gefühle sind so nahe mit altem
VoiTirtheil verwandt, dass sie fast identisch sind" (Bd. VI.
S. 256). Angewendet auf Politik, heisst dies: eine etablirte
Kirche, Monarchie, Aristokratie und Demokratie sind noth-
wendig, jede genau in dem Maass, wie sie in England existiren
152 Erstes Buch, Cap. 1.
(Bd. V. S. 175). „Ich sehe mit kindlicher Ehrfurcht auf die
Verfassung meines Landes und werde sie nie in Stücke
schlagen sondern im Gegentheil ihr ehrwürdiges Alter
hegen und pflegen" (Bd. X. S. 108).
Bei solchen Gefühlen ist es natürlich, dass Burke vor
Allem für zwei Grundsäulen der alten Ordnung, Adel und
Kirche, schwärmt. Man soll dem Talent und Verdienst den
Weg zur Regieining offen lassen, aber das Aufsteigen zu her-
vorragender Stellung und Macht von niedriger Lage nicht zu
leicht machen (Bd. V. S. 107). Der Adel ist das „korinthische
Capital der Gesellschaft." Der französische Adel selbst hatte
keine unverbesserlichen Laster und verdiente keine Strafe —
vielmehr beklagt Burke in einer der rhetorisch schönsten, der
Sache nach schwächsten Stellen der „Reflections'' das Ver-
kommen des alten ritterlichen Geistes in Frankreich und von
diesem Standpunkt aus allein bespricht er das rohe Vorgehen
der Revolution gegen Frankreichs Königin. Die europäische
Civilisation beruhte Jahrhundeile lang auf „zwei Principien,
dem Geist des Edelmanns und dem Geist der Religion" — in
ihrem Schatten erblühten auch Handel und Gewerbe, wo sie
schwinden tritt Rohheit an ihre Stelle (Bd. V. S. 154). „Wir
wissen, und, was besser ist, wir fühlen in unserem Innern,
dass Religion die Basis der bürgerlichen Gesellschaft ist.'' —
„Wir wissen zu unserem Stolz, dass der Mensch von Natur
ein religiöses Geschöpf (animal) ist" (Bd. V. S. 174). Damm
erbost sich Burke ganz besonders gegen den Atheismus und
gegen die Silcularisation in Frankreich und will Nichts von
einer Trennung von Staat und Kirche wissen. Doch ist er
in diesem Punkte nicht so bornirt wie z. B. gegenüber der
Parlamentsreform, sondern es gehört gerade zu den schönsten
Seiten seines reichen Wirkens, dass sein unbeugsames Gefühl
für Recht und Billigkeit stets — und gerade noch in seinen
alten Tagen — Gerechtigkeit gegen die Katholiken und
Irländer verlangte.
Das war Burke, der grösste Vorkämpfer gegen das Ein-
dringen des Individualismus von französischer Farbe in Eng-
land! Gebeugt durch pei-sönliche Schicksalsschläge, tief be-
Burke. 153
trübt dui'ch den Abfall seiner alten politischen Freunde, starb
Burke mitten während der Zeit des beginnenden Kriegs gegen
Frankreich. Er war in der That der letzte glänzendste Ver-
ti"eter der alten Whigs, ein echter Engländer durch und durch,
mit allen Tugenden und mit allen Schwächen seiner Partei
und seines Volkes. Dem freien aber aristokratischen Ver-
fassungsstaat, der, 1688 neu begillndet, im 18. Jahrhundert
zur höchsten Blüthe gelangte, sang er ein ergreifend schönes
Grablied und rief seinem Volk mit mächtiger Stimme noch
einmal alles dauernd Gute dieser Verfassung zum Bewusstsein.
Aber er vermochte nicht die Grundsätze anzugeben, nach
denen sich die alten Whigs in eine gemässigt liberale Partei
mit zeitgemässem Programm umwandeln konnten. Die alte
Loyalität, der alte staatliche Sinn, die Neigung zu gemässigtem
Foitschritt, sie konnten und sollten erhalten werden, sie
mussten sich aber in der Zeit der Gi'ossindustrie theilweise
in neuen Formen äussern. Und Burke verwechselte zu oft
Form und Inhalt, sein gefühlsmässiger Consei-vatismus über-
lieferte den gemässigten Liberalen des 19. Jahrhunderts kein
durchdachtes Programm, sondeni überliess es ihnen, tastend
principlose Comproniisse zwischen alten Traditionen und neuen
Bedürfnissen zu machen. Seine Genügsamkeit, derzufolge er
auf dem Boden des Bestehenden vorsichtig das Zweckmässige
suchte, wurde die Schwäche der Zukunft.
Zweites Capitel.
Die Nationalökonomen.
§ 1. Adam Smith.
Wir haben gesehen, wie namentlich seit 1776 ein zersetzen-
der Individualismus in neuem Anlauf sich in der politischen
und socialen Literatur Englands mit wachsender Kraft geltend
machte. Bei vielen seiner Vertreter finden wir, dass prak-
tische Schranken dieser Anschauung im Anschluss an alte
Traditionen in Kraft bleiben, aber theoretische Schranken
konnten wir nicht entdecken.
Indessen gehört die Gruppe der Schriftsteller, die wir im
ersten Capitel kennen gelernt haben, im Wesentlichen der
theoretischen Staatslehre an. Die Einwirkung der individuali-
stischen Giamdgedanken auf die theoretische Gesellschaftslehre
werden wir erst jetzt genauer verfolgen können , indem wir
uns den englischen Nationalökonomen zuwenden.
Die Nationalökonomie proclamirt nicht gerade offen radical-
politische Ideen, aber sie setzt solche im Stillen voraus und
erkennt dieselben durch Ignoriren rein staatlicher Fragen
thatsächlich an. Sie erörtert nicht die Fragen des Wahl-
rechts oder des Rechts zum Widerstand und dergleichen; sie
entwickelt keine Philosophie über Grund und Zweck des
Staats; aber sie lässt den Staat factisch lediglich als eine
nicht sehr wichtige Anstalt bestehen, neben welcher die Ein-
zelnen in der Hauptsache mit der Erreichung ihrer wiith-
schaftlichen Zwecke beschäftigt erscheinen. Und bei der
A. Smith. 155
Verfolgung ihrer wirthschaftlichen Zwecke werden die Indi-
viduen als abgesondert von einander, als unabhängig neben
einander stehend betrachtet Alle wirthschaftlichen Verbände
werden als nicht vorhanden oder als schädlich angesehen.
Die Gedanken der „classischen'^ Nationalökonomen wer-
den später mit Vorliebe vom Mittelstand erfasst, wodurch sich
eine vorläufig nur geistige Trennung desselben von den Bestre-
bungen des Arbeiterstandes vorbereitet.
Hierdurch wird es gerade für eine social -politische Be-
trachtung unerlässlich , den Anfängen der Nationalökonomie
nachzuspüren.
Die classische Nationalökonomie Englands beginnt mit
dem Werk „Wealth of Nations'' von Adam Smith 1776.
Kaum ein Werk des menschlichen Geistes hat grös-
sere Anerkennung erfahren, als das Buch von A. Smith;
Hildebrand schon vergleicht A. Smith mit Kant, er wie
Röscher bezeichnen das Buch als ein solches, das die Ge-
schichte des Fachs in zwei Hälften zerlegt. Ja man wird
sagen können, dass mit diesem Buch die Nationalökonomie
als solche erst beginnt. Es gab vorher eine Wirthschafts-
polizei, es gab eine Vorgeschichte der Nationalökonomie in
der Philosophie der Physiokraten.M So wenig originell A. Smith
^) Die Anlehnung Smith's an die Physiokraten beweist eingehend
und gut Leser ,,Der Begriff des Reichthums bei Adam Smith". Heidel-
berg 1874. Den Zusammenhang von A. Smith mit der Theologie der Zeit
bespricht Giffe Leslie in der Fortnightly Reriew, November 1870. Was
das Princip der individuellen Freiheit auf wirthschaftlichem Gebiete be-
trifft, so hatte A. Smith auch unter den englischen Nationalökonomen,
nicht nur unter den Physiokraten und englischen Philosophen, bedeutende
Voriäufer. Abgesehen von den von Röscher beschriebenen Freihändlern
des 17. Jahrh. sei hier nur an Josiah Tucker und an Steuart erinnert.
Tncker verficht in dem ersten der „Four tracts on Political and Commercial
Bubjects, 3. Aufl.; Glocester 177 6'S der schon 1758 geschrieben wurde,
den Satz, dass jede Nation nur durch Arbeit und Fleiss reich wird, und
jede an dem wirthschaftlichen Aufschwung der andern interessirt ist etc.
Steuart sagt (s. deutsche Uebersetzung seiner „Grundsätze der Stantswirth-
schalt 1769, Buch 2, cap. 31): „Man muss voraussetzen, dass in Dingen,
die das Publikum betreffen, jeder aus dem Beweggründe des Privatnutzens
156 Erstes Buch, Cap. 2.
gegenüber Locke, Hijine, Quesnay und Turgott in Bezug auf
seine einzelnen Sätze ist , die Art und Weise, wie er die einzel-
nen Grund- und Lelu'sätze über wirthschaftliche Verhältnisse
zusammenfasste , das ganze. Ei*scheinungsgebiet ausschied und
systematisirte, begründete erst die Disciplin, die wir National-
ökonomie oder politische Oekonomie zu nennen pflegen, —
d. h. die Wissenschaft, welche den natürlichen Zusammenhang
zwischen den vei-schiedenen gesellschaftlichen Erscheinungen
darstellt, welche aus dem Streben der Menschen nach Gütern
heiTorgehen. Die von A. Smith erst eigentlich begillndete
Nationalökonomie folgte der Wirthschaftspolizei; sie hinwieder-
um abzulösen, schickt sich die entstehende Socialwissenschaft
der neuesten Zeit an. Sie war die natürlichste Betrachtungs-
weise über wirthschaftliche Dinge in der Zeit, welche die
alten Staatsformen, namentlich den Absolutismus auflöste, —
sie verliert ihren Boden in der Zeit, die den organischen
Staat neu aufzubauen die Aufgabe hat.
So allgemein und unbedingt die hohe Bedeutung des
Buchs von A. Smith zugestanden wird, so verschieden lauten
die Urtheile über die Nützlichkeit seiner Wirkung. Adam
Müller bekämpft Smith's Tendenzen für Deutschland, gesteht
relative Berechtigung derselben für England zu. Bei Friedrich
List und H. Rössler erscheint A. Smith aus sehr verschie-
denen Gründen als eine Art Verköii)erun^' des bösen Princips.
Carey dagegen beruft sich gerne auf Smith und malt Ricardo
und Malthus dafür in um so düsterem Farben.
Buckle zwängt A. Smith in seine Schablonen von deduc-
tiven und inductiven Geistern ein, beachtet aber mit Recht,
(lass ,,Wealth of Nations" nicht A. Smith's einziges Werk
ist, also auch nicht seine ganze Weltauffassung enthält.
Neuere, wie Leser, Inama Sternegg und jüngst Nasse (in
den Preussischen Jahrbüchern) suchen dem grossen Schotten
bandeln werde. Der Staatsmann hat kein Hecht, von seinen Unterthanen
eine andere patriotische Gesinnung als einen genauen Gehorsam gegea
die Gesetze zu erwarten. Die Vereinigung sämmtlicher PrivatintereBsen
macht die gemeine Wohlfahrt aus ; diese zu befördern, ist des Staatsmanns
Ptiicht'*
A. Smiih. 157
iD objectiver Weise gerecht zu werden , zuletzt hat ihn Aug.
Ooelcen mit Kant in Parallele gestellt und wieder eingehend
nachgewiesen, wie A. Smith neit aber seinen Nachfolgern
steht, freilich nicht ohne in das Buch manches mit Kunst
hineinzutragen .
In der That ist streng zu scheiden, wie A. Smith ge-
wirkt und wie er selbst gedacht hat, Stellen wir erstere
Frage, so werden wir uns vielfach gegen A, Smith auflehnen
müssen, obwohl die einseitig individualistische Nationalökonomie
doch viel mehr durch Ricardo als durch Smith begründet
wurde'), Stellen wir aber die letztere Frage, so ist zuzu-
gestehen, dSss A. Smith zu jenen grossen Geistern gehört,
die ihre Zeit fahren, doch Über ihr stehen und Einseitiges
vielfach nur deshalb anregen , weil ihre Schüler ihnen nicht
ganz nachfolgen können. Nur Geister von solcher Grösse,
(iass sie mit einer gewissen Souveränetät über ihrer Zeit
stehen, sind im Stande, die Ideen derselben in bahn-
brechender Weise zu formuliren, während den Sklaven
des Zeitgeistes der Ruhm des Populaiisirens zu Theil wird.
Und so kommt es, dass heute noch Gegner und Anhänger des
Manchesterthums sich cleichmässig auf A. Smith bemfen, in-
dem die Anhanger allerdinjis sattsam ans A. Smith Forrau-
lirung ihrer einseitigen Tendenzen entnehmen können, während
er in seinem weitblickenden Geist doch zugleich in Menge die
Keime einer höheren Anschauung entliillt, welche die jüngste
Zeit auszubilden berufen ist In den Schriften tier grössten
Geister finden wir nie nur den geschlossensten Ausdruck
einer beschränkten Anschauungswelt, sondern immer zugleich
die Biücken für den künftigen Fortschritt in der Erkenntnis^
der Wahrheit. Und ganz besonders ist das bei A. Smith der
Fall, dessen Ausdmcksweise stets so zu sagen weich und
elastisch ist. Manche, namentlich rein theoretische Fragen,
z, B. die nach der richtigsten Definition eines technischen
Ausdrucks, hat sich A. Smith niemals schaif gestellt und über
') S, Cliffe Leetie's Ao&atc „Political econom; imd Sociology" im
Fortiüghtlf Review, Juur 1879.
158 irrstes Buch, Cap. 2.
seine eigentliche Meinung wird man immer streiten können,
weil er sich die betreffende Frage als ihm minder wichtig -gar
nie scharf gestellt hat. Sehr häufig liegt aber bei A. Smith
keine Vieldeutigkeit und Unscharfe, sondern nur seine Viel-
seitigkeit vor, die auf dem Bewusstsein beruht, dass absolute
Schärfe der Formulirung socialer und politischer Wahrheiten
nur erreichbar ist, wenn man einen Theil der in Betracht
kommenden Thatsachen ignorirt.
E i n Schriftsteller aus der Schule von A. Smith hat darin
Aehnlichkeit mit A. Smith selbst, nämlich Heimann; Heimann
brachte die Methode der klassischen Nationalökonomie zur
höchsten Vollendung, und keiner, der zur Schule von A. Smith
gehört, hat eine reichere Fülle origineller Resultate aufzu-
weisen. Aber eben er bezeichnet in unverkennbarster Weise
den Punkt, wo die classische Nationalökonomie auf dem Zenith
ihrer Entwicklung angekommen, einer veränderten Anschauungs-
weise weichen muss. Seine Lehre vom Gemeinsinn, seine
Definition des Einkommens, seine Art, die Preise auf ver-
schiedene Bestimmungsgründe zurückzuführen, bilden den
Ausgangspunkt für die sogenannte ethische, die Arbeiter-
interessen beachtende und realistische Nationalökonomie. Und
so kommt es, dass Brentano, der Verfechter der Organisation
der Gewerbetreibenden, sich überall auf A. Smith und Hermann
berufen kann, während Brentano und seine Gesinnungsgenossen
von Gegnern als Revolutionäre gegen die unfehlbare Autorität
von A. Smith angegritfen wurden. Wenn man bedenkt, dass
A. Smith im Jahre 1789 eine Theorie der moralischen Gefühle
geschrieben hat, dass seine Lehrthätigkeit sich auf verschiedene
philosophische Disciplinen erstreckte, und dass in dem „Wealth
of Kations'* selbst eine Masse politischer, religiöser und ethischer
Betrachtungen vorkommen, die von einer ganz selbständigen
Durchdenkung der betreffenden Fragen zeugen — so kann
man nicht zweifeln, dass es bei ihm bewusste Abstraetion
war, wenn er bei Erklärung wirthschaftlicher Erscheinungen
den richtig rechnenden, frei waltenden Egoismus der Einzelnen
zu Grunde legte, freilich eine Abstraetion, die A. Smith in
hohem Maass für berechtigt liielt, und in der er sich ohne
A. Smith. 159
Weiteres gehen liess, ohne sich über sie und ihren Grund aus-
drücklich zu erklären. Bei der entschieden hochpatriotischen
Gesinnung, die an vielen Stellen durchbricht und der abso-
luten Abwesenheit jeder kosmopolitischen Schwärmerei, bei
dem bitteren Tadel, den der Egoismus der Kaufleute oft er-
fähi-t, ist es ganz unverkennbar, dass auch, während A. Smith
den „Wealth of Kations" schrieb, er niemals der Ansicht war,
dass der individuelle Egoismus den ganzen Menschen allein
behen-sche oder beherrschen solle. Er entwickelt nie allge-
meine philosophische Principien und äussert sich nirgends über
seine wissenschaftliche Methode und über ihre Gründe. Aber
es kann nichtsdestoweniger als ausgemacht gelten, dass er in
dem „Wealth of Kations" die egoistischen Triebe des Menschen
nur deshalb in den Vordergrund schob und von ihrer Be-
grenzung durch andere Triebe nur deshalb nicht sprach —
weil er annahm, dass das Gebiet wirthschaftlicher Erscheinungen
zunächst isoliit werden müsse, um verstanden zu werden, und
weil er der Ansicht war, dass man sich vorerst an die Haupt-
ursachen des wirthschaftlichen Handelns halten, die Keben-
ursachen ignoriren müsse, um zu klaren Resultaten zu ge-
langen. —
A. Smith hat auch nie daran gedacht, aus der bewusst
einseitigen Prämisse vom menschlichen Egoismus allein das
ganze Lehrgebäude seiner Wissenschaft durch logische Schlüsse
abzuleiten. Er hat zwar nicht andere psychologische Aus-
gangspunkte ebenfalls in's Auge gefasst, aber seine Ansichten
überall in der eingehendsten Weise auf vergangene und gegen-
wärtige Thatsacheu begründet. Viele Ansichten, wie z. B. die
über die finanzielle Unergiebigkeit der Domänen, sind fast
ausschliesslich durch praktische Erfahrungen begründet; bei
allen einzelnen Fragen, die er ül)erhaupt behandelt, sind Bei-
spiele aus der Praxis ein Hauptmittel zum Beweisev. Oft
kommen lange erzählende Excurse; die Steuerlehre schliesst
sich nach Aufstellung der obersten Grundsätze fast ganz an
die faktischen Zustände, namentlich in England an. Wer das
Buch aufmerksam liest, wird darin eine ausgezeichnete Schilde-
rung der gesammten socialen Verhältnisse, des Standes der
160 Erstes Buch , Cap. 2.
wirthschaftlichen und finanziellen Gesetzgebung Englands um
die Mitte des vorigen Jahrhundeits finden 0-
Ganz besonders aber ist hervoi'zuheben , dass A. Smith
über der gi-ossen Mehrzahl seiner Nachfolger stand *) , indem
er immer nur an das Wohl der Gesammtheit dachte, und nie,
auch nicht aus Irrthum oder unbewusst, in einer einzelnen
Frage seine Theorie den Interessen des Capitals dienstbar
machte. Da er zugleich den Staat, seinen Bestand und seine
Grösse unbedingt über alle wirthschaftlichen Interessen
einzelner Stände oder Personen stellte, so war er principiell
himmelweit vom Manchesterthum entfernt. Auch die Lehre
von der natürlichen und nothwendigen Harmonie aller In-
teressen fehlt bei A. Smith als ein allgemeines, ginindlegendes
Piincip, wenn sie auch gelegentlich vorkommt, z. B. Buch 4,
Cap. 2, wo ausgefQhi-t wird, dass zwar jeder nur nach grösstem
eigenen Gewinne strebt, dabei aber durch eine unsichtbare
Hand zur Beförderung eines Endzwecks geleitet wird, den er
sich nicht vorgesetzt hatte. In der Tliat, wenn materialistische
AufkläiTingsapostel und optimistische Capitalanbeter späterer
Zeit seinen Namen beständig im Munde führen, so können sie
nur damit entschuldigt werden, dass sie ausser den wenigen
Phrasen, die einmal ihr dürftiges Hirn beherrschen. Nichts
mehr sehen und hören.
Es ei^scheint A. Smith natürlich und nothwendig, dass
die Gesellschaft in drei grosse Stände zerfällt: Grundeigen-
thümer, Capitalisten (Pächter, Handel- und Gewerbetreibende)
und Arbeiter. Diese Scheidung trat namentlich in England
^) Dass A. Smith vorzugsweise „induktiv^ geforscht habe, siehe auch
bei Ingram: „Present condition".
*) Die Ueberlegenheit von A. Smith über seine Nachfolger, nament.
lieh Say und Ricardo, betont besonders stark Lorenz von Stein : die Volks-
wirthschaftslehre, 2. Aufl., 1878 — der es aber bei aller Anerkennung des
grossen Standpunkts und der umfassenden Weltanschauung des Mannes
doch für nothwendig hält, eine zweite Methode neben die von A. Smith
hinzustellen. Dagegen sucht ein anderes neues Werk: „Dr. Witold von
Skarzguski: Adam Smith als Moraljthilosoph und Schöpfer der National-
ökonomie, Berlin 1878, Adam Smith's Bedeutung ungebührlich herabzu-
setzen.
A. Smith. 161
SO scharf hervor, dass A. Smith sie ohne Weiteres hinnahm
und danach auch die Einkommensarten unterschied, ohne
zu untersuchen, in wie weit Grund- und Gapitaleigenthum zu-
sammengehören.
Es ist hier nicht der Ort, zu untei-suchen , in wie weit
diese Scheidung in drei Stände in einer allgemeinen Theorie
der Nationalökonomie der Lehre von den Productionsfactoren
und Einkommensarten mit Becht zu Grunde gelegt werden
darf. Aber es muss hervorgehoben werden, dass nach A. Smith
selbst Ginrndeigenthum und Capital historische Kategorien
sind, indem sie ei-st entstehen nach dem ursprünglichen Zu-
stand, in welchem Alle Arbeiter sind.
„In jenem ursprünglichen Zustand der Dinge, der sowohl
vor der Einführung des Landeigenthums als dem Anhäufen
der Capitalien hergehet, gehört das ganze Product der Arbeit
dem Arbeiter zu; er hat weder Landeigenthümer noch Meister,
die sich mit ihm darein theilen!*' ^).
Von diesen drei Ständen ist nun der Stand des Capita-
listen keineswegs derjenige, der das grösste Verdienst hat,
dessen Interessen am meisten gepflegt werden müssen und
dessen Einfluss der grösste sein soll. Zwar erkennt A, Smith
(Buch III. Cap. 2) an, dass „Handlung und Manufacturen
allmälig Ordnung und ordentliche Regieioing und mit denselben
Freiheit und Sicherheit der Privatleute unter den Einwohneni
des Landes einführten, welche zuvor in einem fast beständigen
Kriege mit ihren Nachbarn und in einer sclavischen Abhän-
gigkeit von ihren Obeni gelebt haben." Er schreibt also
diesen Zweigen der Production ein civilisatorisches Verdienst
zu, und an vielen andern Stellen führt er aus, dass die Ver-
mehrung des Kapitals die Bedingung alles wirthschaftlichen
Fortschritts ist — aber keineswegs veiftllt er in die Tendenz
späterer Freihändler, die Interessen des Capitals als die der
Menschheit, und die Capitalbesitzer als Träger aller Cultur
sowie als unbedingt edle Menschenfreunde hinzustellen. Viel-
*) S. Buch I, Cap. 8. Ich citire immer nach der 1776 uod 1778
erschienenen deutschen Uebersetzung der ersten Ausgabe des Originals.
Held, Soc. Ot>sch. Engl. 11
162 Erstes Buch, Cap. 2.
mehr führt er am Schlüsse des 1. Capitels des 1. Buchs aus,
dass die Interessen der Grundeigenthümer und Arbeiter natur-
gemäss und immer mit den Interessen der ganzen Gesellschaft
und des Staates zusammenfallen, dagegen nicht das Interesse
Derjenigen, die vom Capitalgewinne leben. „Da sich ihre
Gedanken gemeiniglich lieber mit dem Interesse ihres eigenen
besonderen Gewerbes als mit dem Interesse der Gesellschaft
beschäftigen, so kann man sich auf ihr Urtheil, selbst wenn
sie es aufs aufrichtigste äussern (welches nicht allemal ge-
schehen ist), in Ansehung ihres eigenen besondern Interesses
weit mehr verlassen, als in Ansehung der öffentlichen An-
gelegenheiten.'' Adam Smith sagt, Kaufleute und Fabrikanten
hätten oft „die Grossmuth der Grundeigenthümer hintergangen",
ihr und des Staates Interesse dem des Capitals als dem
vermeintlichen Interesse des Staats zu opfeni. An einer an-
deren Stelle (Buch III, Cap. 6) tadelt er den Mangel an Patrio-
tismus von Kaufleuten und Gewerbetreibenden, die überall
hingingen, wo der Handel gedeiht, zeigt, dass Grundeigen-
thümer dem elenden Monopolgeiste weniger ergeben seien als
Fabrikanten (Buch IV, Cap. 2); und besonders weist er an
dem Beispiel der ostindischen Compagnie nach, wie unfähig
Kaufleute zur Regierung eines Staates seien. Bei seiner Em-
pfehlung des Freihandels und dem Kampfe gegen das Pi-o-
tectivsystem ist A. Smith keineswegs der Ansicht, die Manu-
factui-schutzzölle seien ein geringes Uebel gegenüber den Koin-
zöUen, sondern er betrachtet letztere als eine verfehlte Ein-
richtung, zu der die Giiindeigenthümer durch das Beispiel
der Gewerbetreibenden verführt worden seien ; er will Handels-
und Gewerbefreiheit unverkennbar im allgemeinen Interesse,
gegenüber dem Sonderinteresse des monopolsüchtigen Capitals.
Der Capitalist ei-scheint bei A. Smith als klug und ver-
schlagen, der Ginindeigenthtimer als nobel und ehrlich, aber
oft unklug, der Arbeiter als wenig urtheilsföhig. Der Inter-
essen des Arbeitei's nimmt sich A. Smith mit Wärme an.
Der noth wendige Unterhaltsbedarf ist nur der Minimallohn,
nicht der natürliche Lohn, der Lohn steigt und fällt nicht mit
dem Getreidepreis, sondern oft umgekehrt; er steigt durch
A. Smith. 163
das Anwachsen des Capitals, nicht durch die absolute Menge
des letzteren ; gut bezsJilte Arbeiter leisten mehr als schlecht
bezahlte ; hoher Lohn befördert also sogar den Export ; Mensch-
lichkeit und Interesse sollen die Arbeitgeber zu guter Behand-
lung der Arbeiter veranlassen ; selbständige Arbeitende leisten
mehr als Lohnarbeiter; die Meister haben ein natürliches
üebergewicht über die Arbeiter (Buch I, Cap. 8); die Coalitions-
gesetze sind parteiisch gegen die Arbeiter (Buch I, Cap. 10).
Auch die etwas verworrene Lehre, dass das in der Landwirth-
schaft angelegte Capital am meisten, das im Handel angelegte
am wenigsten hervorbringe, (Buch II, Cap. 5) zeugt nicht von
Voriiebe für den Stand der Capitalisten.
In der Lehre, dass die Landrente durch den Culturfoil-
schritt ohne Verdienst der Grundeigenthümer wachse (Buch I,
Cap. 11), liegt freilich der Grundgedanke der Ricardo'schen
Grundrentenlehre, ebenso wie sich Buch I, Cap. 8 der Keim
der Malthus'schen Bevölkei-ungslehre findet:
„Jede Art Thiere vermehrt sich natürlicher Weise in
der Proportion ihrer Nahmngsmittel ; und keine Art kann
sich über diese Proportion hinaus vennehren. In civilisirten
Gesellschaften kann aber der Mangel an Unterhalt nur unter
den niedigeren Ständen des Volkes der ferneren Verniehi-ung des
Menschengeschlechts Grenzen setzen" — indessen nirgends
finden wir eine Spur von Feindseligkeit gegen die grund-
besitzende Aristokratie oder von Härte gegen die Arbeiter.
Deutlich sogar lässt sich erkennen, dass der Gewinn des
Capitals nicht als eine naturgemäss nothwendige Vergeltung
gewisser Dienste, sondern als etwas betrachtet wird, das die
Macht des Besitzes der Arbeit abringt. Es kommen Aus-
drücke vor, die man heute als socialistisch brandmarken
würde ; z. B. Buch V, Cap. 1 : „Auf einen sehr reichen Mann
muss es wenigstens fünfhundert Arme geben und der Ueber-
fluss einiger Weniger setzt die Dürftigkeit Vieler voraus."
Oder Buch V, Cap. 1: „Insofern die bürgerliche Regierung
eingeführt ist , um das Eigenthum sicher zu stellen , ist
sie wirklich zum Schutze der Reichen gegen die Armen, oder
164 Erstes Buch, Cap. 2.
derer, die einiges Eigenthum haben, gegen diejenigen ein-
geführt, die gar keines haben." Oder Buch I, Cap. 8: „Die
Rente des Landeigenthümers macht den ersten Abzug vom
Producte der Arbeit aus , die auf das Land verwendet wird."
"„Der Meister nimmt einen Antheil am Producte ihrer Arbeit
(nämlich der Arbeiter) oder am Werthe, den sie den Mate-
rialien, worauf sie verwendet wird, zusetzen."
In der That, Adam Smith ist der erste, welcher aus der
Lehre, dass die Arbeit allein Werth schaffe, den Satz folgerte,
dass natürlicher Weise dem Arbeiter dieser Werth allein ge-
höre, und die Besitzrente ein Abzug zu Ungunsten des Ar-
beiters sei. Freilich er hat dies nicht consequent ausgebildet,
da er Eigenthum und Rente vom Besitz als eine selbstver-
ständliche Nothwendigkeit in civilisirten Gesellschaften be-
trachtet, und den Rechtsgiiind des Eigenthums nicht imter-
sucht. Es ist ein entschiedener Mangel bei Adam Smith, dass
er den Einfluss der Wiilhschaft auf Cultur und Recht ein-
gehend erörtert^), dass es ihm aber dabei niemals einfällt,
auch den beherrechenden Einfluss des Rechtssystems auf die
wirthschaftlichen Verhältnisse zu untersuchen.
Zeigen die angeführten Stellen, dass Adam Smith keine
Vorliebe für einzelne Stände hat, so will er unbedingt die
Interessen aller Stände dem Interesse des Staats unterordnen.
Ein stehendes Heer erscheint ihm nicht als Gefahr für die
Freiheit, Kanonen sind ihm ein Hebel der Civilisation. Neben
dem stehenden Heere will er alle Bürger einexerciren. Be-
sonders Oncken hat A. Smith's wannen Eifer für die Landes-
^) Z. B. auch Buch V, C. 1 Th. 2, wo er ausführt, dass durch das An-
wachsen der Reichthüxner staatliche Ordnung immer nothwendiger wird:
„der Erwerb eines kostbaren oder weitläufigen Eigenthums erfordert dem-
nach nothwendig die Einführung einer bürgerlichen Regierung ; wo es kein
Eigenthum oder wenigstens kein anderes giebt als ein solches, das nicht
mehr als eine zwei- oder dreitägige Arbeit kostet, da ist eine bOrgerliche
Regierung weniger nothwendig. Die bürgerliche Regierung setzt eine ge-
wisse Unterordnung voraus. Wie aber eine bürgerliche Regierung all-
mälig mit dem Erwerbe kostbarer Besitzungen aufwächst, so wachsen auch
die Hauptursachen, welche natürlicher Weise eine Unterordnung ein-
führen, allmälig mit dem Anwachsen dieser kostbaren Besitzungen heran."
A. Smith. 165
vertheidigung hervorgehoben; freilieh muss dazu bemerkt
werden, dass er die Ueberlegenheit stehender Heere aus-
schliesslich aus den natürlichen Yortheilen der Arbeitsthei-
lung und der dadurch entstehenden Uebung erklärt, dass er
kriegerische Siege durchaus nicht dem Wirken ethischer
Kräfte zuschreibt. Auch seine Lehre, dass für UnteiTicht,
namentlich für Elementarschulen, öflFentliche Mittel verwendet
werden müssen, und dass Elementarschulzwang am Platze sei,
wird in ihrer Bedeutung sehr eingeschränkt durch den in
vielen Variationen wiederkehrenden Satz, dass die Güte des
Lehrers von der Bezahlung der Schüler abhänge. Aber es
bleibt wahr, dass A. Smith weder zu den krämerhaften
Friedensaposteln wie später Bentham und Cobden gehörte,
noch den Staat unbedingt auf den Nachtwächterdienst redu-
ciren wollte. Indessen, so gross Adam Smith in all diesen
Fragen gegenüber seinen Nachfolgern dasteht, dennoch hat er
auf seine Nation in ethischer Hinsicht ganz anders gewirkt
als Kant, und es lässt sich nicht leugnen, dass er selbst von
dem Geiste des Individualismus stark ergiiifen war. Er war
es nicht ausschliesslich, aber gerade bei seinen einfachsten
und deshalb wirksamsten nationalökonomischen Lehren zahlte
er dem Geiste der Zeit seinen Tribut — gerade wie auch
Colbert persönlich über viele Schwächen des Merkantilsystems
erhaben demselben dennoch in der erfolgreichsten Weise diente.
Wenn auchOncken zu beweisen versucht, dass Friedrich
List aus Adam Smith Beweise für seine Tendenzen hätte
entnehmen können, so kann doch kein Voi-urtheilsfreier ver-
kennen, dass es vor Allem vier rein negative Reformen waren,
für deren Durchfühioing resp. Vorbereitung Adam Smith ar-
beitete, nämlich Freizügigkeit, Gewerbefreiheit, Freihandel
und freies Eigenthum an Grund und Boden. Ebenso ist un-
verkennbar, dass Adam Smith zwar das Wort „Laissez faire
et passer" nicht ausspricht, diese Regel aber in Bezug auf
wirthschaftliche Dinge als ein aus dem Naturrecht sich er-
gebendes Princip behandelt, und dass er dabei vielfach in
einen ethischen Materialismus verfällt. Gewiss hat Adam
Smith recht, wenn er das englische Heimathsrecht seiner Zeit
166 Erstes Buch, Cap. 2.
bekämpft. Es ist aber charakteristisch, dass er das Recht,
überall nach Belieben Arbeit zu suchen, als einen Ausfluss
der Freiheit verlangt. „Schon länger als ein ganzes Jahr-
hundert über hat das gemeine Volk in England, das sonst
auf seine Freiheit so eifei'süchtig ist, aber wie gemeine Leute
in den meisten andern Ländern, niemals recht begreift, worin
sie eigentlich besteht, sich unter diese Unterdrückung ge-
schmiegt, ohne auf die Abschaffung derselben zu dringen/' Im
Buch I Cap. 10 wird die Vorschrift der 7jährigen Lehrlings-
zeit, und es werden alle Zünfte verworfen. Freie Verbände
der Handwerksgenossen seien zwar nicht zu verhindern ; aber
Verbände zu erleichtern oder nothwendig zu machen, sei ganz
verkohlt, denn „ein Arbeiter wird eigentlich nicht durch seine
Zunft, sondern durch seine Kunden im Zaume gehalten^^
Zünfte sind A. Smith nur Ausgebuiten des Monopolgeistes,
für den Werth coiporativer Oi'ganisation hat er kein Ver-
ständniss. Er will zwar merkwürdiger Weise die Ausdehnung
der allgemeinen Bildung dadurch fördern, dass jeder, ehe er
in eiuem Städtchen Bürger wird und ein Handwerk betreiben
darf, in den wesentlichsten Kenntnissen (Lesen, Schreiben
und etwas Geometrie) gepiUft werde, und auch die Ausbrei-
tung höherer wissenschaftlicher Kenntnisse als Gegengewicht
gegen religiösen Fanatismus wünscht er durch zahlreiche Prü-
fungen zu begünstigen, aber Meisterpiüfungen u. dergl. durch
Zünfte erscheinen ihm als überflüssig und schädlich. In Be-
zug auf Freihandel wagt A. Smith die Erreichung seines
Ideals kaum zu hoffen ; und er schlägt sogar, offenbar deshalb,
weil er glaubt, man könne des Monopolgeistes nicht ganz
HeiT werden, Buch V Cap. 2 massige Taxen auf alle Manufactur-
waaren, nur Aufhebung aller EinfiihiTerbote vor. Er gesteht
auch zu, dass es gerechtfeiügte protectionistische Maassregeln
giebt, vor Allem zu Ehren der Landesvertheidigung. „Da an
der Sicherheit und Vertheidigung eines Landes weit mehr als
an seinem Reichthum gelegen ist, so ist die Schifffahrtsacte
vielleicht unter allen englischen Handelsverordnungen die
weiseste'* (Buch IV Cap. 2.). Auch Manufacturen , die zur
Landesvertheidigung nöthig sind, dürfen zu Ehren der Unab-
A. Smith. 167
hängigkeit des Landes Schutzzölle i*esp. Prämien erhalten
(Buch IV, Cap. 5). Ferner erklärt A. Smith Zölle zur Ausglei-
chung inländischer Steuern, und unter Umständen, d. h. bei
Aussicht auf Erfolg, Retorsionszölle für zulässig, und ist jeden-
falls nur für langsame und schonende Abschaffung bestehender
Schutzzölle. Aber trotz dieses Maasses, das der Freihändler
sich aus Patriotismus und praktischen Rücksichten auflegt —
kann man sich nicht darin täuschen, dass A. Smith das ganze
Protectivsystem als eine gemeinschädliche Uebervortheilung
Vieler durch Wenige principiell verwirft, dass ihm „der Schutz
der nationalen Arbeit'' eine Phrase ist , und er die Arbeits-
theilung unter den Völkern als das grösste Glück betrachtet
Und bei dieser Giiindansicht , an der die von Oncken ent-
schieden überschätzten Ausnahmen nichts ändeiii, geht A. Smith
ganz unbedingt von rein privatwirthschaftlichem Standpunct
aus (Buch IV Gap. 2):
pWas aber im Beti-agen einer jeden Privatfamilie Klug-
heit ist, kann wohl schwerlich im Betragen eines giossen
Königreichs Thorheit sein. Kann ein fremdes Land uns mit
irgend einer Waare wohlfeiler versehen, als wir selber sie
fertigen können, so ist es besser, sie mit irgend einem Theile
des Productes unseres eigenen Fleisses zu kaufen, der auf
irgend eine Art angewendet wird, worin wir einigen Voi*zug
haben. Da die ganze Industrie des Landes allezeit dem Ca-
pital, das sie beschäftigt, propoitionirt ist, so wird sie dadurch
ebensowenig^ als die der oben erwähnten Handwerksleute ver-
mindert werden, sondeiii nur den Weg aufsuchen dürfen,
worauf sie sich am vortheilhaftesten beschäftigen kann/'
Was die Durchfühi-ung des Princips der wirthschaftlichen
Freiheit im Gebiete der Landwirthschaft angeht, so handelte
es sich hier auf dem Gontinent vorerst um Abschaffung der
Leibeigenschaft und um die Ablösung der Lasten des bäuer-
lichen Besitzes. In England dagegen waren diese Wirkungen
des Feudalismus überwunden. Aber A. Smith kämpft gegen
die englischen Vorrechte des Grossgrundbesitzes und ist sonach
der Vorkämpfer derjenigen, die heute „freetrade in Land^
verlangen. Er bekämpft das Erstgeburtsrecht und die Entails
168 Erstes Buch, Cap. 2.
UDd der Mann, welcher sonst die „natürliche Grossmuth'' der
Gi-undbesitzer preist, entpuppt sich bei dieser Gelegenheit als
Feind des Adels (Bd. II, S. 579) : „Die Entails werden für nöthig
gehalten, um das ausschliessende Vorrecht des Adels (nobility)
auf die hohen Ehrenstellen und Aemter ihres Landes zu be-
haupten; und da dieser Stand einmal sich einen ungerechten
Vorzug vor seinen übrigen Mitbürgern angemaasset hat, so hält
man es, damit er nicht durch Armuth verächtlich werden
möchte, für gut, ihm noch einen andeni Vorzug einzuräumen."
Die vier negativen Refoimen, deren Vorbereitung A. Smith
diente, waren Zeitbedtirfnisse: selbst die Gewerbefreiheit
war gegenüber verrotteten alten Schranken nöthig und die
Aufrichtung neuer Ordnungen konnte erst später beginnen.
Aber A. Smith fordert diese Reformen nicht als zeitweilige
Nothwendigkeiten, sondern als unbedingt berechtigte Folge-
i-ungen des Princips wirthschaftlicher Freiheit; ja es lässt sich
nicht leugnen, dass dabei die Freiheit der Bewegung des
Capitals als die wichtigste Forderung ei-scheint. Buch IV
Cap. 2 sagt A. Smith:
„Jedermann bestrebt sich allezeit, die voitheilhafteste
Anwendung irgend eines Capitals, das in seinem Vermögen
steht, zu entdecken ; zwai* ist es sein eigener Vortheil, und
nicht der der Gesellschaft, den er sich dabei voi-setzt. Allein
das Befleissigen auf seinen eigenen Vortheil führt ihn natür-
licher oder nothwendiger Weise dahin, dass er demjenigen Ge-
schäfte , das auch für die Gesellschaft am vortheilhaftesten
ist, den Vorzug giebt.'^
„Jedermann bestrebt sich nothwendiger Weise, das jähr-
liche Einkommen der Gesellschaft so gross zu machen, als
ihm immer möglich ist — er hat dabei nur seinen eigenen
Gewinn vor Augen — durch Bedachtsein auf seinen eigenen
Vortheil jedoch befördert er den der Gesellschaft oft nach-
drücklicher, als wenn er diesen selbst verfolgte.'* Buch IV
Cap. 8 wird Colberts Bevormundungssystem verworfen gegen-
über „dem edelmüthigen Plane der Gleichheit, Gerech-
tigkeit und Freiheit, jedem zu erlauben, seine eigenen
Angelegenheitennach seinem eigenen Gutdünken zu betreiben."
A. Smith. 169
Solcher Stellen liessen sich noch viele anführen, und es ist
das gegenüber übertriebenen Verehrern von A. Smith nicht
nnnöthig. Er war kein bornirter Freihandelsfanatiker, er
woUte den Staat den wirthschaftlichen Interessen der Unter-
thanen nicht unterordnen, aber er hielt das „laissez faire^ für
das natürlichste Princip der wirthschaftlichen Politik. Dies
zeigt namentlich auch folgende zusammenfassende Stelle aus
Buch IV Cap. 8, wobei zu bemerken ist, dass die dritte Pflicht
des Landesherm der weitern Ausführung zufolge sich doch
auf wenige Fälle beschränkt: „Da nun alle Systeme sowohl
von parteiischen Begünstigungen, als von Einschränkungen
solchergestalt aus dem Wege geräumt worden sind, so tritt
daseinfache und deutliche System einer natür-
lichen Freiheit von selbst an ihre Stelle. Einem
Jeden wird, so lange er die Gesetze der Gerechtigkeit nicht
übertritt, die vollkommene Freiheit gelassen, seinen eigenen
Vortheil auf dem ihm selber beliebigen Wege zu suchen, und
sowohl seine Industrie als sein Capital mit denjenigen eines
jeden andern Menschen oder mit denen einer jeden andern
Classe von Leuten mitwerben zu lassen. Der Landesfürst
wird ganz eines Amtes überhoben, dessen Vollziehung er nie-
mals versuchen kann, ohne unzähligen Täuschungen ausgesetzt
zu sein, und zu dessen gehöriger Vollstreckung keine mensch-
liche Einsicht noch Weisheit jemals hinreichen würde: des
Amtes, über die Industrie der Privatleute zu wachen, und
ihre Aufmerksamkeit auf diejenigen Gewerbe zu lenken, die
dem Vortheile der Gesellschaft am zuträglichsten sind. Dem
Systeme der natürlichen Freiheit zufolge hat der Landesherr
nur auf drei Pflichten zu merken : auf drei Pflichten, die zwar
höchst wichtig, aber auch zugleich für gemeine Verstandes-
kräfte deutlich und verständlich sind.
Erstlich auf die Pflicht, die Gesellschaft oder den Staat
vor der Gewaltthätigkeit und dem Einbi-uche anderer unab-#
hängiger Staaten zu schützen. Zweitens auf die Pflicht, so
viel wie möglich jedes Mitglied der Gesellschaft vor der Un-
gerechtigkeit oder Unterdrückung eines jeden andern Mitglieds
dei-selben zu bewahren oder die Pflicht, eine genaue Verwal-
170 Erstes Buch, Cap. 2.
tung der Gerechtigkeit einzuführen und zu behaupten; und
drittens auf die Pflicht, .gewisse öffenüiche Werke und An-
stalten anzulegen und zu unterhalten , deren Anlegung und
Unterhaltung dem Interesse irgend einer Privatpei'sen oder
einer kleinen Anzahl von Privatpei*sonen niemals vortheilhaft
sein würde, weil der davon zu machende Gewinn den Auf-
wand irgend einer Privatperson oder einer Privatgesellschaft
niemals vergüten könnte, ohnerachtet er ihn oft einer grossen
Gesellschaft oder einem Staate weit mehr als blos vei*güten
kann."
Betreffs der hier dem Staate (oder wie A. Smith sagt,
dem Landesheim) ^) zugewiesenen Aufgaben habe ich die Be-
schränktheit der unter drittens Zusammengefassten schon
hervorgehoben. Es kommt dazu^ dass Smith die Kosten der
Aufgaben ad 2) und ad 3) in höchstmöglichem Maass durch
besondere Beiträge, d. h. Gebühren nach dem Princip eines
Entgelts für individuelle Vortheile decken will, dass er bei
den Gerichten die Macht der Concurrenz für sehr günstig
wirkend hält, dass er zwar Justiz und vollziehende Gewalt
zu trennen wünscht, aber keineswegs zu einer Erfassung der
weiten Culturaufgabe der innem Verwaltung gelangt Beson-
ders aber ist zu bemerken, dass A. Smith die Steuern ent-
schieden nach dem Aktiengesellschaftsprincip vertheilen will,
wenn dann auch in praxi seine Vorschläge der Hauptsache nach
auf Gonsumtionssteuem auf entbehrliche Gegenstände allge-
meinen Consums hinauslaufen. Diese Vorliebe fttr indirecte
Steuerp beruht zumeist auf einer Abneigung gegen directe
Besteuerung der Production und des Capitals, das theoretische
Steuervertheilungsprincip auf einer durchaus privatwirthschaft-
licheu Auffassung der öffentlichen Angelegenheiten : „Der
Aufwand der Regierung ist in Rücksicht auf die Privatleute
in einer grossen Nation den Verwaltungskosten eines grossen
^) Die mehrfach vorkommende Verwechslung von Landesherr und
Staat — wenn sie sich auch nur auf den Ausdruck bezieht, zeugt von der
gänzlichen Abwesenheit der Absicht, über Verfassungsfragen zu philo*
sophiren.
A. Smith. 171
Guts fOr die verschiedenen Inhaber desselben ähnlich, wozu
sie insgesammt nach Maassgabe ihres jederseitigen Antheils
am Gute das Ihrige beitragen müssen.^
Rechnen wir noch dazu, dass Adam Smith Freiheit und
Gleichstellung aller religiösen Bekenntnisse verlangt und davon
Toleranz und Annäherung der Confessionen unter einander
erwartet, ohne Uebergewicht der mächtigsten und best dis-
eiplinirten Kirche zu befürchten, so ergiebt sich die Noth-
wendigkeit, Oncken's Dai*stellung von A. Smith's Staatsauf-
auffassung bedeutend einzuschränken. Er war nicht so bomirt
wie seine Nachfolger, und auf dem Boden seiner Theorie lässt
sieh eine Menge von positiv organisirender Staatsthätigkeit
rechtfertigen. Der Giiindzug seiner Auffassung war aber doch
individualistisch.
Betrachten wir nun noch die Einleitung und die zwei
ersten Capitel des ersten Buchs von A. Smith^s Werk, die
ja ganz besonders stark gewirkt haben, so basirt er hier
zweifellos alle wirthschtiftliche Thätigkeit auf den Eigennutz
der Individuen, und er beeinträchtigt den ethischen Ge-
halt seiner Lehre von der Arbeit als alleiniger Quelle aller
Werthe sehr bedeutend durch Zusätze von materialistischer
Färbung.
Der Fortschritt der Production beiiiht zumeist auf der
Arbeitstheilung, diese auf der natürlichen Neigung des Men-
schen zum Tauschverkehr und diese Neigung wieder auf dem
Eigennutz. „Nicht vom Wohlwollen des Fleischers, Brauei-s
oder Bäckers, sondern von ihrem Eigennutz erwarten wir
unsere Mahlzeit. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-
liebe, sondern an ihre Selbstliebe, und stellen ihnen niemals
unsere eigenen Bedürfnisse, sondern ihre Vortheile vor."
(Buch I Cap. 2.) Obendrein werden ebenda die angeborenen
Naturgaben der Menschen als wenig vei-schieden dargestellt.
Kurz, die wirthschaftende Menschheit erscheint hier als ein
Aggregat von ursprünglich ziemlich gleichartigen Atomen, die
vom Eigennutz bewegt werden.
In der Einleitung heisst es, dass die jährliche Arbeit
172 Erstes Buch, Cap. 2.
einer jeden Nation der ui-sprüngliche Fond ^) ist, welcher sie
mit allen Bedürfhissen und Bequemlichkeiten des Lebens ver-
sieht, und es ist ein Verdienst von A. Smith, dass er die ein-
seitige Bevorzugung der gewerkhchen oder landwirthschaft-
lichen Arbeit zurückgewiesen hat. Aber auch schon in der
Einleitung heisst es , dass „die Zahl nützlicher und produc-
tiver Arbeit allenthalben der Quantität des Gapitals propor-
tionirt ist'S ^^d diese tonangebende Herrschaft des Gapitals
wird als eine natürliche Nothwendigkeit an vielen Stellen an-
erkannt, z. B. in der Einleitung zum zweiten Buch, wo direct
von der Zunahme des Gapitals der Fortschritt der Production
abhängig gemacht wird. Dass die die Gapitalvermehrung
begünstigende, wirthschaftliche Freiheit vor Allem nöthig sei,
ist ein überall wiederkehrender Grundgedanke.
Nur die vom Gapital beschäftigte Arbeit, welche dem
Werth des Gegenstands, auf welchen sie verwendet wird,
etwas zusetzt, ist productiv (s. Einleitung und Buch 11 Gap. 3).
Unproductive Arbeiten erscheinen zw^r unter Umständen als
nützlich und edel, aber der Gedanke, dass es doch vor Allem
auf Vermehrung der productiven Arbeit, d. h. derjenigen,
die stoffliche Werthe schafft und vom Gapital abhängt, an-
komme, klingt unverkennbar durch.
Viele Widersprüche bei A. Smith sind nur scheinbar,
d. h. Ausflüsse der hochberechtigten Tendenz, gewisse nothwen-
dige Gonsequenzen der Deduction aus allgemeinen Principien
durch praktische Rücksichten einzuschränken, und andern
als den wirthsckaftlichen Lebensgebieten ihr Recht nicht zu
verkümmern. Einen Widerspruch aber, eine Unklarheit
^) Es heisst freilich nicht, sie sei 4^e alleinige Quelle. Es wird
gleich angefügt, dass Boden, Himmelsstrich und Grösse des Gebiets Ver-
schiedenheiten des Gesammtresultats bedingen. Aber dieser Ausspruch
vom „natürlichen Fond**, so vieldeutig er sein mag, sagt einmal, dasB
jedenfalls ohne Arbeit keine Güter entstehen, und in späteren Stellen
(s. unten) werden auf die Arbeit allein die Werthrelationen der Güter
zurückgeführt Ueber die Lehre von der Arbeit als Werthmaass in der
Nationalökonomie von A. Smith vergl. Marx, zur Kritik der politischen
Oeconomie, Berlin 1859, S. 29 ff. und Marx, Das Capital, 1867.
A. Smith. 173
kann selbst der grösste Bewunderer von A. Smith nicht weg-
disputiren. Man vergleiche folgende Stellen:
Im 5. Capitel des 1. Buchs erscheint Arbeit als der eigent-
liche Maassstab aller Preise. Es bleibt unklar, ob die Arbeit,
die der Producent aufgewendet hat, oder, die Arbeit, welche
der Verkäufer eintauscht, maassgebend ist, oder vielmehr diese
beiden Arbeitsquantitäten werden ohne Angabe von Gründen
einander gleichgesetzt; jedenfalls ist Arbeit das allein den
Werth bestimmende:
„Der wirkliche Preis einer jeden Sache, oder das, was
jede Sache demjenigen, der sie erlangen will, wirklich kostet,
ist die Mühe und Beschwerlichkeit, sie zu erwerben. Was
jedes Ding demjenigen, der es ei^worben hat, und es ver-
äussem oder gegen etwas Anderes vertauschen will, werth
ist, ist die Mühe und Beschwerlichkeit, die es ihm selber er-
spai'en und andern auflegen kann. Das, was mit Geld oder
Waare erkauft werden kann, wird ebensowohl durch Arbeit
erworben, als das, was man im Schweisse seines eigenen Leibes
erwirbt. Jenes Geld , oder jene Güter ersparen uns wirklich
Mühe. Sie enthalten den Werth einer gewissen Quantität
Arbeit, den wir gegen etwas vertauschen, das unseres Er-
achtens zu dei*selben Zeit den Werth einer gleich grossen
Quantität Arbeit enthält.''
Dagegen heisst es im 7. Capitel: „Beträgt der Preis
irgend einer Waare weder mehr noch weniger als das, was
hinreicht, um die Landrente, den Arbeitslohn und den Gewinn
für das Capital, das auf den Anbau, auf das Verarbeiten und
zu Markte Bringen verwendet wird, ihren natürlichen Pro-
portionen gemäss zu bezahlen, so wird die Waare zu ihrem
natürlichen Preis verkauft.''
Besitzrenten bilden also ein Element des natürlichen
Preises, aber Arbeit allein bestimmt den wirklichen Preis.
Die Erklärung, nicht die Lösung des Widei-spruchs liegt in
den bereits citirten Stellen, wonach nur in ursprünglichen,
nicht im civilisirten Zustand dem Arbeitenden sein ganzes Pro-
duct gehört.
174 Erstes Buch, Cap. 2.
Es liegt in diesen Widersprüchen bereits die Grund-
lage für jene socialdemokratische Theorie, welche eben aus
den Sätzen der classischen Nationalökonomie das Unrecht-
mässige des werbenden Besitzes ableitet. Bei Adam Smith
war der Widei^spi-uch zwischen der Arbeitslehre und der Pro-
ductionskostenlehre, zwischen dem Lobpreisen der Arbeit und
dem Dienste des Gapitals kein Sophisma, es fehlt bei ihm die
Tendenz, der Arbeit das Capital unbemerkt zu substituiren
und auf diese Weise aus dem natuiTechtlichen Satze, dass
jeder nur nach Verdienst erwerben solle, die Hen-schaft des
Gapitals abzuleiten.
Aber es liegt hier bei A. Smith eine Schwäche und Ver-
woiTenheit vor, die sich bei Späterem schwer gerächt hat,
und die sich einfach daraus ergiebt, dass es unmöglich ist,
die wirthschaftlichen Ei-scheinungen aus naturrechtlichen Po-
stulaten und aus der Betrachtung historischer W^erdeprocesse
zugleich zu erklären.^)
Kurz, so hoch A. Smith über seiner Zeit steht, so viel
weniger einseitig er war als seine Nachfolger, seine Vielsei-
tigkeit brachte gelegentlich Widersprüche mit sich, die dann
in der Weise wirkten, dass nur die eine der widersprechenden
Ansichten von den Nachfolgern aufgenommen wurde. Er
schränkte die Tendenz, Alles den wirthschaftlichen Interessen
der Individuen dienstbar zu machen, ein, jedoch brächte er
diese Einschränkungen nicht in ein System, und selbst wenn
man die „Theorie der moralischen Gefühle*' mit in die Betrach-
^) Wenn Leser a. a. 0. behauptet, nach A. Smith sei nur die ein-
getauschte, nicht die Produktionsarbeit das Maass der Werthe, so dürtten
die citirten Stellen doch beweisen, dass der Gedanke, die Produktions-
arbeit sei massgebend, bei A. Smith nicht völlig fehlt. Den Werth gleich-
zusetzen der Arbeitsmenge, welche man eintauschen kann, ist überhaupt
ein Satz ohne Inhalt, etwas Selbstverständliches, und Leser selbst erklärt
ja Smith's Tauschwerthstheorie als ungenügend. Das ist sie auch nach
meiner Ansicht, aber ich finde , dass in derselben der ungenügend ent-
wickelte Keim der Lehre von der Herstellungsarbeit als Werthmaass liegt,
— eine Lehre, die ich auch für falsch halte, die aber jedenfalls die conse-
qnente Ausführung eines naturrechtlichen Pos tulates, nichts Selbstverständ-
liches, ist.
D. Ricardo. 175
taug zieht, so kann man doch nur mit grösster KüDStlichkeit
ans A. Smith ein System der Ethik und Politik ableiten, das
wirklich im bewussten Gegensatz zum Manchesterthum stände,
und welches die Ableitung manchesterlicher Ansichten aus
einem Theile der A. Smith'schen Sätze unmöglich machte.
Jedenfalls verfiel er dem Individualismus in so vielen
Lehren, jedenfalls ist die praktische Tendenz seines Buchs so
vorwiegend auf Befördemng der wiithschaftlichen Freiheit ge-
richtet, dass er der Entwicklung des Manchesterthums dienen
musste. Und so stehen doch Bentham und Smith zugleich
als FQhrer jener Bewegungen da, die den Staat zu Gunsten
socialer Interessen aufzulösen trachten, wenn auch die un-
interessirte Wahrheitsliebe und unbedingte Hingabe Beider
an das Gesammtwohl , wenn auch der vorurtheilsfreie weite
Blick von A. Smith insbesondere die Werke dieser Führer
ganz unendlich lehrreicher ei*scheinen lässt, als die Schriften
der Epigonen.
Adam Smith hat noch bei seinen Lebzeiten in England
und auf dem Continent nicht nur Anerkennung und Bewun-
derung gefunden — es wurden auch seine Ansichten in der
theoretischen Literatur sehr bald unbedingt die herrschenden.
Nachfolger , die das von ihm geschaffene System der Volks-
wirthschaftslehre in einigermaassen origineller Weise weiter
entwickelten, fand er in England in den ersten Decennien nach
Erscheinen seines Wealth of Nations nicht Erst gegen Ende
des vorigen Jahrhunderts trat Malthus auf, im Anfange un-
seres Jahrhunderts Ricardo.
Nur diese zwei Schriftsteller können hier bei Betrachtung
der classischen Nationalökonomie noch besprochen werden,
da es sich ja um keine Literaturgeschichte, sondern nur um
eine Geschichte der Entwicklung der nationalökonomischen
Ideen bei den maassgebendsten Autoren handelt.
§ 2. David Ricardo.
Ricardo's Schriften haben so stark und direct auf Theorie
und Praxis gewirkt, dass dieselben sogar den Einfluss von
176 Erstes Buch, Cap. 2.
A. Smith bis zu einem gewissen Grade verdunkelten, indem
Kicardo's scharfgefasste Lehi*sätze weithin als Aeusserungen
einer unfehlbaren Autorität acceptiit wurden und man dabei
vielfach sogar ohne weitere Kritik annahm, sie seien zu-
gleich die eigentliche Meinung von A. Smith selbst.
David Ricardo war in England als Sohn eines holländi-
schen Juden 1772 geboren. Ein gewiegter Geschäftsmann,
schwang er sich zu ansehnlichem Reichthum empor. Seit
1799 warf er sich auf nationalökonomische Studien, seit 1809
trat er als Schriftsteller auf. Er, der Praktiker, nicht der
stille Gelehrte Adam Smith, bildete die rein abstracte Methode
der Entwicklung wirthschaitlicher Gesetze aus und wusste
seine Sätze durch ihre knappe Form mit dem Schein mathe-
matischer Gewissheit zu umgeben. Aber er war es zugleich,
unter dessen Hand die rechtgläubige Nationalökonomie zu einer
gefügigen Dienerin der ausschliessenden Interessen des mobilen
Capitals wurde.
Es ist wunderbar, wie sehr auch eine nur scheinbar der
Mathematik verwandte Präcision des Ausdrucks imponirt. Hat
man doch das Ricardo'sche Gi-undrentengesetz allen Ernstes
mit dem Newton'schen Gesetz der Schwere verglichen, und
wie viele deutsche Gelehrte haben in ihrer Harmlosigkeit dieses
Gesetz ganz objectiv vom Standpuncte der Wissenschaft ge-
prüft^) resp. gerechtfertigt, ohne auch nur zu ahnen, dass
diese Lehre einfach von dem Hass des Geldcapitalisten gegen
den Grundbesitzerstand dictirt war!
^) In der ersten Nummer des Literarischen Centralblatts von 1878
bespricht W. R. (Röscher) die neue Auflage der Baumstark'schen üeber-
setzung von Ricardo's Principles. Der gelehrte Kritiker nimmt Ricardo
und seine Methode stark in Schutz gegenüber den historisch-statistischen
und praktisch politischen Neueren und führt aus, ein Mann wie Ricardo
habe doch wohl gewusst, dass und warum er Abstractionen anwendet,
dass seine Sätze nur hypothetische Gültigkeit haben; — sie seien aber
als solche wissenschaftlich höchst werthvoU. Das ist vom Standpunkte des
gelehrten Nationalökonomen richtig — und ich erkenne ja selbst Ricardo als
geistig hochstehend an. Wer ihn aber vom Standpunkt einer Geschichte
des englischen Volks betrachtet, der musB zu dem Roscher'schen ürtheil
zufügen, dass die Ricardo'sche Methode nicht nur scharfe Resultate er-
D. Ricardo. 177
Und doch gestehe ich gerne zu, dass Ricardo ein grosses
wissenschaftliches Verdienst hat Er hat wenigstens nie seinem
Mangel an Humanität, Gemeinsinn und Staatsauffassung mit
klingenden Phrasen beschönigt. In nackter Klarheit hat
er gezeigt y wohin der einseitige Ausgangspunct eines dem
Capital dienenden Individualismus führen muss und wider Willen
diesen Ausgangspunct ad absurdum geführt. Wer selb-
ständig denkt, kann durch Kritik aus Ricardo leinen und wird
in ihm wenigstens den geistig hochstehenden Gegner achten.
Will man Ricardo wirklich verstehen, so muss man ausser
seinen allbekannten „Principles^ auch seine kleineren Schriften
berücksichtigen, in denen die praktische Tendenz deutlicher
hervortritt. Es ist in der That ein Verdienst des schreib-
seligen Epigonen Mac-Culloch, dass er dies durch Ver-
anstaltung einer Gesamlntausgabe von Ricardo's Werken Jeder-
mann leicht gemacht hat. (The Works of David Ricardo
möglicht, sondern vor Allem ermöglicht, tendenziös zu sein, da die zu
Grunde liegenden Hypothesen his zu gewissem Grade willkürlich sind.
Aach ein interessanter Aufsatz von „C" (Cohn?) in No. 308 der Beilage
der Allgemeinen Zeitung von 1878 weist mir gegenüber auf den „hypo-
thetischen Charakter** von Ricardo's Sätzen, sowie darauf hin, dass Ricardo
ja lediglich Anmerkungen zu einzelnen Sätzen von A. Smith machen
wollte. — Gewiss kann man viele Sätze von Ricardo als hypothetisch sehr
verständig interpreüren. Allein man darf nicht vergessen, dass er seihst
seine Abstractionen keineswegs als rein wissenschaftliche Geistesgymnastik
betrachtete, sondern sehr bestimmte praktische Zwecke damit verfolgte,
wie namentlich ans den kleineren Schriften hervorgeht. Ferner darf man
nicht unbeachtet lassen, dass er den Leser an den nur hypothetischen
Charakter vieler Sätze keineswegs allzuoft erinnert, und dass dieselben jeden-
£Uls auf die Epigonen nicht als hypothetische gewirkt haben. Wenn man
aber bedeutende Schriftsteller als Erscheinungen im Leben der ganzen
Zeit und des ganzen Volkes betrachtet, so gilt auch von ihren Werken
das Wort: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen". Scharfe Logik
ist eine Geisteskraft, die jeder Mann der Wissenschaft besitzen und üben
muss, aber sie allein macht noch nicht den Nationalökonomen. Dieser
hat Erscheinungen des wirthschaftlichen Lebens zu erklären und muss
diese zuerst richtig und vorurtheilsfrei sehen nnd dadnrdi richtige Aos-
gangspuncte fOr seine logischen Deductionen gewinneiL
höchst einseitige Ausgangspuncte genommen. Mm
Bemhardi, „Kritik der Gründe für grosses und kleilM
Held, Soc. Gesch. Engl.
178 Erstes Buch, Cap. 2.
by Mac-Culloch. New edition London 1871.) Doch wollen
auch wir die Principles zuerst für sich allein betrachten, um
den Untei'schied gegenüber Adam Smith scharf heiTortreten
zu lassen und die Erklärung der Tendenzen aus den anderen
Schriften nachfolgen lassen.
Die Principles beginnen in ihrem ersten Kapitel mit der
Lehre vom Werth. Sofort begegnen wir jener rein abstrakten
Methode, die früher imponiren mochte, auf den heutigen
Nationalökonomen, der die Wirklichkeit zu erfassen strebt,
aber geradezu abschreckend wirkt. Wenn bei zwei Waaren
so viel Arbeit, so viel fixes und circulirendes Capital an-
gewendet wird, wenn der Zinsfuss steigt oder fällt etc. —
auf solche natürlich möglichst einfach gestellte Hypothesen
werden alle Folgei-ungen aufgebaut. Und doch machen sie
den Anspruch, das gesammte vielgestaltete Leben wirklich zu
U'eflfenl In den Hypothesen steckt von Anfang an die gix>88e
Unwahrheit, dass die Menge von Arbeit und Capital, die bei
Production einer Waare angewendet werden, gegebene feste
Grössen seien und die enormen Differenzen dieser Mengen bei
den einzelnen Productionsstätten werden einfach ignorirt.
Ebenso ist es fast unbegreiflich, wie Ricardo den A. Smith'schen
Unterschied zwischen dem ursprünglichen Zustand, in dem
die Arbeit allein maassgebend ist, und dem civilisirten, in dem
Capital dazukommt, berühren, und doch gänzlich über die
Entstehung des Capitaleigenthums , noch mehr des Boden-
eigenthums schweigen kann. Dass die Besitzer des Capitals
und die Arbeitenden total getrennte Pei-sonen seien, wird ein-
fach vorausgesetzt; dass es von Einfluss sei, wie weit diese
Trennung wirklich vollzogen ist, fällt Ricardo nicht bei.
Und trotz all dieser mehr als gewaltthätigen Abstractionen
ist die Schärfe der Deduction doch nur eine scheinbai-e. Die
Grundbegriffe, von denen Ricardo ausgeht, Werth, Arbeit,
In diesem Buche (S. 254 £f.) wird Ricardo in sehr belehrender Weise
kritisirt Berohardi erkennt, dass Ricardo's Gnindrentenlehre darauf
hinausläuft, die Grundrente als einen Raub an den anderen Classen bin»
zusteUen.
D. Ricardo. 179
Capital werden nicht definirt, der Hauptsatz wird absolut
nicht bewiesen — nur mit Airoganz als sicher hingestellt,
und der Beweis für die Wahrheit kann höchstens in der
formalen Einfachheit des Satzes liegen. Aber auch diese ist
nicht vorhanden. Denn der zuerst einfach hingestellte Satz
wird sofort weitläufig modificirt und von Anfang an ist eine
starke Unpräcision in der Fassung wahrzunehmen.
Der Hauptsatz spricht aus, dass der Werth der Waaren
(commodities) regulirt wird durch die Quantität der Hervor-
bringungsarbeit , nicht der eingetauschten Arbeit. Ob die
wirklich aufgewendete Hervorbringungsarbeit oder die nach
dem jetzigen Stande nothwendige Hervorbringungsarbeit ge-
meint sei, bleibt unentschieden; es heisst bald „labour
expended" und „labour realized", bald „labour required'* und
„necessary labour". Dass die Arbeitsleistungen qualitativ ver-
schieden seien, wird berührt, jedoch nicht weiter ausgeführt.
Kurz, erst Marx hat den Satz scharf gefasst, indem er sagte,
der Werth werde bestimmt durch die Quantität gesellschaft-
lich nothwendiger Arbeitszeit (verschiedene Arten von Arbeit
auf gemeine Handarbeit reducirt) während bei Ricardo Alles
noch verschwommen ist.
Der Satz bezieht sich nur auf beliebig vermehrbare
Waaren^), d. h. solche, die durch Arbeit vermehrt werden
können und bei deren Production keine Beschränkung der
Concurrenz stattfindet. Doch wird derselbe gleich modificirt,
indem es heisst, dass zwar im Allgemeinen der Stand des
Lohnes und Zinsfusses^) nur eine vei-schiedene Vertheilung
des Ertrags der Production zwischen Capital und Arbeit,
^) Dies bebt unter Anderen aucb Knies bervor (s. Knies, Der Credit,
2. H&lfte S. 61). Es ist durcbaos ricbtig, dass Ricardo bei einem kleinen
Theil der Waaren die Seltenbeit als Wertbbestimmungsgriind mit gelten lässt.
Es ändert dies aber nichts daran, dass Ricardo, „weil er sieb über die
Frequenz der Seltenbeitsquelle so sebr get&uscbt bat", dennocb der Vater
der Marx-Rodbertas'scben Wertblebre ist — welcbe Knies übrigens vor-
trefflich kritisürt.
<) Eigentlich des Procentsatzes von Zins und UAtemehmefgewimi
(profit). Der Kürze halber gebrauche ich dai Wocl
180 Erstes Bach, Cap. 2.
nicht den Weith der Pi*oducte bedinge, dass aber doch bei
Waai-en, zu deren Production fixes und umlaufendes Capital
in verschiedenem Verhältniss oder Capital von ungleicher
Dauerhaftigkeit etc. angewendet wird, der Preis trotz gleicher
Hervorbringungsarbeit diflferire.
Das Gesetz über den Werth gilt also nur für einen Theil
der Waaren und für diesen um so weniger vollständig, je
wichtiger das fixe Capital wird. Ricardo rettet den Satz iJs
eine allgemeine Regel, indem er behauptet, die beliebig ver-
mehrbaren Waaren seien bei Weitem die Majorität der Waaren
und die Preisbeeinflussung durch die Höhe des Zinsfusses in
Folge verechiedenaitigen Capitals sei geringfügig im Vei^leich
mit der Preisbestimmung durch die Arbeitsmenge.
Wie kläglich ist das Resultat, trotz der einfachen Hypo-
thesen, von denen der Verfasser ausgeht! Er selbst wirft
seinen Satz factisch gleich wieder um. Warum stellt er ihn
zuerst auf?
Es mag bei ihm der Drang nach einfachen Formeln über-
haupt sehr wirksam gewesen sein ; dass er aber gerade diese
Formel erfand, das kam nicht nur daher, dass er den ein-
fachsten der vei*8chiedenen bei Adam Smith vorkommenden
Gedanken herausgriff. In dem Naturrecht des vorigen Jahr-
hunderts , an das ja auch Ricardo unbewusst anknüpft , lag
die Auffassung begründet, dass die unbeschränkte individuelle
Freiheit auf wirthschaftlichem Gebiete die absolute natürliche
Gerechtigkeit verwirklichen müsse.
Was nun ist dem unkritischen Gerech tigkeits- und Billig-
keitsgefühle entsprechender als die Fordeiiiug, dass Jeder um
so mehr erwerben solle, als er leistet? Basirt man das
Eigenthum auf Arbeit und betrachtet das Eigenthum eines
jeden Einzelnen als Product seiner Arbeit, so ist das er-
worbene Eigenthum der Entgelt für die Leistung jedes Einzelnen,
Ist der Werth dieses erworbenen Eigenthums oder Arbeits-
products von der Arbeitsmenge allein abhängig, so ist die
volle Gerechtigkeit erreicht.
D. h. der Satz, dass die Herstellungsarbeit allein den
Werth aller Güter bestimme, ist ein Postulat einer nicht durch-
D. Ricardo. 181
dachten Gerechtigkeit in Form einer Behauptung. Und da
die freie Goncurrenz Vorbedingung für die Wahrheit des Satzes
ist, so ist die ganze Behauptung identisch mit einer Ver-
heiTÜchung der freien Goncurrenz. Wenn die Socialdemokraten
heute, um Gonflicte mit dem Staatsprocurator zu vei-meideu;
Wünsche und Aufforderangen gern in die Form von Prophe-
zeiungen kleiden, so haben es Ricardo und seine Anhänger
nicht verschmäht, ihr Begehren nach freier Concun-enz in die
Form einer axiomatischen Behauptung über deren wohlthätige
Folgen zu kleiden.
Ein anderer Urspiiing des merkwürdigen Satzes (von der
Hervorbringungsarbeit als Werthmaass) als dieser lässt sich
nicht denken. Die Ansicht wird unterstützt durch das gelegent-
liche Auftauchen des Satzes in der vom Geiste des Natur-
rechts erfüllten Literatur, die A. Smith voranging, namentlich
aber durch die allein folgerichtigen Consequenzen , welche
Marx daraus zog. Ohne eine solche Voreingenommenheit und
Tendenz hätte Ricardo unmöglich auf seinen Satz kommen
können. Denn was er unter Werth versteht, ist einfach das,
was wir genauer Preis nennen, das Quantitätsverhältniss,
nach welchem Waaren vertauscht werden. Wenn Ricardo,
statt die £i*scheinung des Preises, wie sie sich auf dem Markte
vollzieht, zu beobachten, und ihre vei'schiedenen Bestimmungs-
gründe aus dieser Beobachtung nachzuweisen, sofort ohne
jeden Beweis einen Grund angiebt, der allein die Höhe der
Preise bestimmt, und der unmöglich von den tmnsigirenden
Parteien der Käufer und Verkäufer bewusst in Rechnung ge-
zogen werden kann, so muss er von irgend einer vorgefassten
allgemeinen Anschauung ausgegangen sein.
Aus dem Satze, dass die freie Goncurrenz die Preise
aller Waaren auszugleichen strebt, so dass dieselben den an
der Production Betheiligten allgemein den durchschnittlichen
Lohn und Profit (und die Giiindrente) gewähren, folgt nur,
dass die Productionskosten den Preis reguliren. Diese
Behauptung enthält selbst eine nur sehr annähernd gültige
Wahrheit, weil die Goncurrenz ihre Tendenz nie vollständig
erreicht. Indessen diesen Satz von den Productionskosten $iß
182 Erstes Bach, Cap. 2.
Preisregulator konnte man beweisen und folgern, wenn man
den klug und richtig rechnenden Egoismus bei Allen als un-
beschränkt wirksam annahm und wenn man weiter alle
Arbeitskräfte und Gapitalien als unbedingt beweglich be-
trachtete. Es lässt sich weiter auch das bei der Production
benutzte Capital theoretisch in Arbeitsquantitäten auflösen.
Der aus dem Preise der Waaren zu entnehmende Entgelt für
die Benutzung des Capitals aber lässt sich in Arbeitsmengen
nicht auflösen, und wenn ein solcher Entgelt, der Profit, bei
Ricardo dennoch als etwas Selbstvei*ständliches ei*scheint, so
liegt eben ein unlösbarer Widerspruch zwischen der Lehre
von den Productionskosten und von der Arbeit als Preis-
regulator vor. Ricardo löst denselben nicht, aber er sucht
ihn zu veituschen durch die Behauptung, dass durch die
Verschiedenartigkeit des bei der Production von Waaren be-
nutzten Capitals nur eine „considerable modificaüon^ der
Regel von der Arbeit als Preismaass bewirkt werde, so dass
die Regel als solche bestehen bleibt. Dass er aber den Wider-
spruch selbst kennt, geht eben daraus hervor, dass er die
Regel als Axiom hinstellt und nicht erst aus der Prämisse
von der Wirkung der Concurrenz unter Ein Schiebung der
Productionskostenlehre ableitet. Im vierten Capitel wird aller-
dings nachträglich in aller Kürze eine solche Ableitung ver-
sucht ; doch wird lediglich bewiesen, dass die freie Concurrenz
nach Preisen strebt, welche dem bei der Production ver-
schiedener Waaren engagirten Capital gleichen Profit ge-
währen, und die Frage, wie es komme, dass, obgleich die
Preise von zwei Waaren gleichen Profit und gleichen Lohn
ermöglichen, dennoch die auf die Production verwendeten
Arbeitsmengen verschieden sein können und umgekehrt,
wird nicht mehr berührt. Das ganze Capitel scheint nur
geschrieben worden zu sein, um darzuthun, dass Ricardo
nur vom natürlichen (d. i. abstracten) Lohn und Gewinn,
nicht von den Ei-scheinungen der Wirklichkeit reden will.
Mai-x volleieht dem gegenüber die richtige Kritik, indem
er aus dem Ricardo'schen Axiom die Verwei-flichkeit alles Ein-
kommens von Besitz ableitet und sonach das Axiom offen zu
D. Ricardo. 183
dem Postulat einer Gütervertheilung nur nach der Arbeit um-
wandelt.
Da man bei Ricardo*s scharfem Geist plumpe Selbst-
täuschung nicht annehmen darf, so kann man unmöglich seine
ganze Werthlehre für etwas Anderes ansehen als für den Ver-
such, die Hen*schaft und den Gewinn des Capitals unter dem
Schein des Strebens nach naturrechtlicher Gerechtigkeit zu
rechtfertigen. Gleich das erste Capitel der Principles er-
scheint sonach trotz all seiner formalen Schärfe als ein be-
wusstes Sophisma, das sich rächen musste. Wahrlich, die-
jenigen liberalen Wirthschaftspolitiker , die an Ricardo's
Autontät festhalten zu müssen glauben, können nicht wider-
sprechen, wenn Christlich - Sociale und Social -Konsei*vative
ihnen vorwerfen, der Socialismus sei die Consequenz des
Liberalismus. Und doch kann sich unter Ricardo's Fonneln
nur derjenige beugen, der selbst Sophismen in die Welt
schleudern will, oder, eimüdet von den abstracten Fonneln,
zu träge ist, diese kritisch zu untersuchen.
Nicht minder bei*ühmt und einflussreich als das erste ist
das zweite Capitel der Principles, das von der Gmndrente
handelt. — Hierbei ist es eine ganz gleichgültige Frage, ob
in Wirklichkeit zuerst das fi'uchtbarste, oder, wie Carey meint,
das unfruchtbarste Land dem Anbau unterworfen wird. Die
Carey 'sehe Opposition gegen Ricardo hält sich an einen Neben-
punkt und hat keinen weiteren Effect, als eine Ricardo'sche
Consequenz, die dem Optimisten unangenehm ist, hinweg zu
disputiren. Das Ricardo'sche Schema, dass der Reihe nach
Boden erster, zweiter, dritter Classe etc. in Anbau genommen
wird, ist eine das Verständniss erleichternde Formel, die von
der Abneigung des Autors, wirklich sich vollziehende Ent-
wicklungen zu verfolgen, zeugt — und weiter nichts. Das,
worauf es ankommt^ ist Folgendes:
Ricardo sagt, der Preis des Korns bestimme sich durch
die Arbeitsmenge, die auf dem schlechtesten Boden zur Pro-
duction des Eorns aufgewendet werden muss, dessen Anbau
zur Vereorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln noch
184 Erstes Bach, C14). 2.
nöthig ist. Das ist zunächst wieder ein ganz abstracter Satz,
da in allen Ländern schlechter Boden durch Gapitalverwendung
fiiichtbar gemacht und fortgesetzt angebaut wird, obwohl das
verwendete und nun nicht mehr hei*ausziehbare Capital sich
nicht zum landesüblichen Profit rentirt. Indessen sei dem,
wie ihm wolle; in dem Satze liegt das Zugeständniss , dass
die natürliche Werthregel bedeutend modificirt werden muss,
SQ})ald bei der Pi-oduction der Waare ein nur in beschränkter
Menge vorhandenes Naturgut unentbehrlich ist In diesem
Falle regulirt nicht die Hervorbringungsarbeit überhaupt*
sondern die ganz unfassbare Grösse der nothwendigen Arbeits-
menge des unter ungünstigsten Bedingungen Producirenden den
natürlichen Preis, und da offenbar nicht nur beim Korn,
sondern indirect bei fast allen Waaren irgend ein in be-
schränkter Menge vorhandenes Naturgut in Betracht kommt,
so zerfliesst, wenn man dies betrachtet, die ganze natürliche
Preisregel in Nichts.
Ricardo aber beschränkt den Fall auf den der landwiith-
schaftlichen Producte, d. h. das Monopol des Grundherra ist
das einzige natürliche Monopol, welches die Regel, dass alle
Waaren so viel Werth haben , als auf ihre Production Arbeit
verwendet wird, durchbricht. Damit ist implicite gesagt, dass
das Grundeigenthum im Widerspruch mit der natürlichen
Gerechtigkeit steht, das Capitaleigenthum nicht.
Dies wird nicht deutlich ausgesprochen, aber wie Marx
die Consequenzen aus der allgemeinen Weithlehre richtig ge-
zogen hat, so ist auch diese Folgeiiing von socialdemokrati-
scher Seite richtig gezogen worden, indem die Abschaffung
des Gmndeigenthums vom Baseler Gongi*ess der Inteiiiationalen
und von vielen extrem - socialistischen Schriftstellem zuerst
oder allein gefordert wurde.
Dass die ganze Lehre die Tendenz hat, die Ginindbesitzer
unbeliebt zu machen, geht schon aus der Definition hervor:
;, Rente ist jener Theil des Productes der Erde, der dem Grund-
herrn für den Gebrauch der ui*sprünglichen und unerschöpf-
lichen Bodenkräfte gezahlt wird." Damit ist gesagt, dass es
Bodenkräfte giebt, die man nicht durch festgesetzten Capital-
D. Ricardo. 185
aufwand zu erhalten braucht; dass fUr diese Bodenkräfte etwas
gezahlt wird, das allenthalben gegenüber dem Profit von dem
mit dem Boden untrennbar verbundenen fixen Capital von
erheblicher Höhe ist; dass die eigentliche Landrente lediglich
Folge der Appropriation des 6i*und und Bodens ist. Dass
diese ganze unhaltbare Abstraction von den unerschöpflichen
ursprünglichen Bodenkräften in der That erfunden ist, um
die Stimmung hervorzubringen , dass das Einkommen der
Grundherren mit Recht beneidet werde, beweisen eine Menge
von Stellen in den Principles selbst, z. B:
„Wenn das überschüssige Product (der Mehrei*trag), wel-
ches der Boden in der Form von Rente abwirft, ein Voitheil
wäre, so müsste es auch wünschenswerth sein, dass die neu
construiilen Maschinen alljährlich weniger wirksam wären
als die alten, da dadurch unzweifelhaft der Tauschwerth der
Producte der Maschinenindustrie steigen und den Besitzern
der productivsten Maschinen eine Rente gezahlt werden würde "".
— „Das Steigen der Rente ist immer die Wirkung von zu.
nehmendem Nationalreichthum und von der Schwierigkeit, die
wachsende Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu versehen.*' —
f,Der Nationalreichthum wächst am schnellsten — wo das
Steigen der Grundrente am langsamsten vor sich geht."
„Indem wir von der Rente des Giiindherm sprachen, haben
wir sie als einen Theil des Produetes betrachtet, das mit be-
stimmtem Capital auf einem beliebigen Landgute erzielt wird,
ohne Rücksicht auf seinen Preis. Da aber derselbe Grund
(die Schwierigkeit der Produclion) den Preis des i-ohen Pro-
ducts , und zugleich den dem Grundherrn als Rente gezahlten
Theil des Rohproduktes erhöht, so profitirt der Grund-
herr doppelt durch die Schwierigkeit der Production." —
Es gehört nicht hierher, zu zeigen, dass in der ganzen
Darstellung eine beschränkte Wahrheit liegt, dass die Giiind-
^igenthümer in alten Ländern in der That durch Zuwachs
er Bevölkerung und des Gesammtreichthums gewinnen können
hne jedes Verdienst, dass dies aber durch ausländische Con-
irrenz aufgehoben werden kann; dass diese Gewinne durch
verhältnissmässige Gewinne des beweglichen Capitals oft
186 Erstes Bach, Cap. 2.
übertroffen werden ; dass dieselben durch beständigen Verkauf
des Bodens sich unter alle Stände vertheUen; dass sie durch
hohe Ankaufspreise des Bodens dem Bodenbesitzer vielfach
ganz verloren gehen und jedenfalls durch vermehrte Verwen-
dung von niedrig verzinstem Capital auf Gi-und und Boden
mehr als aufgewogen werden. Hier genügt es, hervorzuheben,
dass Ricardo ganz einseitig den Grundbesitzer als einen Mann
hinstellt, der auf Kosten seiner Mitbürger gewinnt.
Und welches ist der Zweck dieser auf seltsame Abstrac-
tionen aufgebauten Lehre?
Die Antwort geben vor Allem die kleineren Schriften,
auf die wir nun zu sprechen kommen. Es sind das die Schriften :
„Essay on the Influence of a low price of com on the pro-
fits of stock" (erschienen 1815, zwei Jahre vor den Principles)
und „On Protection to Agriculture" (erschienen 1822).
Ricardo war freilich selbst Grundbesitzer geworden ; aber
er folgte offenbar nur dem Drange seiner Landsleute, durch
solchen Besitz mit dem Reichthum höheres politisches und
sociales Ansehen zu verbinden. In seiner ganzen Anschau-
ungsweise und den Interessen, die er empfand und verstand
— blieb er Vertreter des Geldinteresses und kaum einer sei-
ner Nachfolger repräsentirt so schari wie er den Antagonis-
mus des beweglichen Capitals gegen den Grundbesitz.
Die erste der beiden genannten Schriften ist gegen Mal-
thus gerichtet, welcher Komzölle im Interesse der Unabhän-
gigkeit des Landes vertheidigte. Schon in dieser Schrift ent-
wickelt Ricardo seine ganze Grundrentenlehre, die in den
Sätzen gipfelt: „Die Ginindrente ist nie ein neu geschaffenes
Einkommen, sondern nur ein Theil eines schon geschaffenen
Einkommens." — „Das Interesse des Ginindhei-rn ist jederzeit
dem Interesse aller andern Stände in der Gesellschaft ent-
gegengesetzt." In der That, der GmndheiT erscheint bei
Ricardo ebenso als Bedrücker des Capitals wie bei den Social-
demokraten das Capital als Bedrücker der Arbeit; und wie
die Socialdemokraten behaupten, dass eine beständige Tendenz,
den Lohn herabzudi*ücken namentlich bei Zunahme des all-
D. Ricardo. 187
gemeinen Beichthums bestehe, so stellt Ricardo schon hier
den Satz auf, dass der Profit unabhängig von der Höhe des
Lohnes stets bei wachsender Bevölkerung zu fallen strebe.
Auch in dieser kleineren Schrift hen-scht die Methode ab-
stracter Deduction wie in den Principles. Diese Deduetionen
einzeln zu widerlegen, ist ganz nutzlos. Denn je nach der
Hypothese, von der man ausgeht, kann man geradezu Alles
beweisen, was man will, und jede Deduction ist von selbst
widerlegt, so wie man nachweist resp. nur ausspricht, dass
das specielle „Wenn^, von dem Ricardo ausgeht, nicht die
einzige Thatsache ist, die in der Wirklichkeit von Bedeutung
ist, oder dass dasselbe uns überhaupt ein völlig schiefes Bild
der wirklichen Verhältnisse giebt Ich fahre daher fort, nur
die Resultate und ihre Tendenz hervorzuheben.
Ricardo führt aus, dass der Profit des Capitals stets sinke,
wenn die Kompreise steigen, dass also die Interessen des
Capitals mit denen des ganzen Volkes gegen die des Gi-und-
herm zusammengehen. Und speciell wird trotz des „ehernen
Lohngesetzes "^ behauptet, dass bei niedrigem Eornpreis der
höhere Profit des Capitals Capitalvermehrung und damit auf
lange Zeit eine reelle Verbesserung der Lage der arbeitenden
Classen herbeiführen müsse — d. h. in abstracten Formeln
wird der Arbeiter zum Bunde mit dem Capital gegen den
Grundbesitz aufgefordert. Freilich heisst es dann auch wie-
der ganz oflFen: „fällt der Kompreis in Folge von Import, so
wird nur der Tauschwerth des Konis sinken, der keiner
anderen Waare wird beeinflusst werden. Und wenn dann,
wie es nothwendig ist, mit dem Kompreis der Preis der Ar-
beit fällt, so müssen die Profite aller Art steigen, und Nie-
mand wird so viel reellen Vortheil haben, als „der Gewerbe
und Handel treibende Theil der Gesellschaft." Ganz oflfen wird
ausgesprochen, das Steigen des Geldwerthes verbilligere alle
Waaren, das Sinken des Kompreises dagegen nur die Waare,
welche der gewerbliche Unternehmer kauft, nämlich Arbeit,
nicht die, welche er verkauft.
An solchen Stellen veiTäth sich Ricardo; da man aber
mit abstracten Formeln Alles beweisen kann, so kann er mit
188 Erstes Buch, Cap. 2.
Sätzen, die den ausschliesslichen Vortheil des Gapitals bei
Freigebung des Komimpoils anerkennen, und solchen, die
den Capitalisten als edlen Menscbenfieand dai-stellen, dem
Alle sich verbinden sollten, abwechseln. In summa läuft Alles
darauf hinaus, der Arbeiter thue eines voiHbergehenden Vor-
theils halber gut, sich mit dem Capital zu verbinden, das
zwar durch die Wiederherstellung der Baarvaluta gewonnen,
aber auch während des Kriegs am meisten verloren habe ! ! —
Der Kampf zwischen Grundbesitz und beweglichem Capital
fand seinen schärfsten Ausdiiick in dem grossen Kampf gegen
die Kornzölle seit 1839, der sich literarisch langsam vorbe-
reitete.
So ist auch die zweite der erwähnten kleineren Schiiften
Ricardo's: „On Protection" gegen die Komzölle gerichtet.
Wenn später die praktischen Freihandelsagitatoren alle belie-
bigen Argumente zu Gunsten ihres Postulates anwendeten,
abw echselnd alle Stände gegen die grossen Renten der Grund-
besitzer aufriefen, und dann wieder diesen versicherten, die
Renten würden bei freier Komeiufuhr gar nicht sinken, so
hat auch Ricardo sich der gleichen ergötzlichen Abwechs-
lung schon bedient, indem er in der von dem getreuen Mac-
Culloch so hoch gepriesenen Schrift On Protection behauptet:
der derzeitige niedrige Kornpreis sei zum guten Theil durch
die Komzölle selbst verschuldet, welche dazu anreizten, zu
viel Land mit Korn zu bestellen ; und weiter sagt er, bei freiem
KoiTihandel würde der Kornpreis in Deutschland und anderen
Ländern auch steigen, sodass England voraussichtlich gar
keine sehr grossen Quantitäten von Kom einführen werde!
Doch wenden wir uns wieder zu den Principles. Das
5. Capitel behandelt den Lohn. Arbeit ist eine Waare und
hat ihren natürlichen Preis wie jede Waare. Dieser beträgt
soviel als „nothwendig ist, dass die Arbeiter leben und ihr
Geschlecht fortpflanzen können, so dass die Gesammtzahl im-
mer gleich bleibt."
Ricardo untei-scheidet sich sehr von Adam Smith durch
seine scharfe, knappe Form ; aber sein Buch ist durchaus kein
systematischer Aufbau der ganzen Wirthschaftslehre und in
D. Ricardo. 189
gewisser Hinsicht zeigt sich Ricardo noch viel elastischer als
Adam Smith. Nicht nur, dass er, wie ich schon zeigte, augen-
fällig nach Bedürfhiss zu wechselnden Schlüssen gelangt: er
hat besonders auch ein ganz merkwürdiges Geschick, seine
allgemeinen knappen Sätze nachträglich so zu modificiren,
dass fast nichts mehr von ihnen übrig bleibt That er dies
mit dem Werthgesetz, so macht er es mit dem Lohngesetz
gerade so. „Der Marktpreis der Arbeit kann in einer vor-
wärtsschreitenden Gesellschaft für unbegrenzte Zeit über dem
natürlichen Preis stehen/' Das Unterhaltsminimum ist keine
fixe Grösse, sondern wechselt nach Oi*t und Zeit, ;,und hängt
wesentlich von den Gewohnheiten des Volkes ab.**
Damit ist das ganze eherne Lohngesetz inhaltslos gewor-
den. Wenn es Besitzende und Nichtbesitzende giebt, so
müssen letztere — abgesehen von unterstützten Armen —
von allen Ständen nothwendig das kleinste Einkommen haben ;
dieses kleinste Einkommen muss identisch mit dem gewohn-
heitsgemässen Unterhaltsminimum selbständiger Leute sein, und
die Frage, auf welches Alles ankommt, nämlich, wie gross
eben dies Minimum sein könne oder müsse, bleibt unbeant-
wortet. Oder wenn die Antwort, dass die Sitte den Lohn
bestimme, ernst gemeint ist, so ist damit die ganze Lehre
von dem natürlichen Preis über den Haufen geworfen.
Allein Ricardo verbindet mit seinem Lohngesetz doch
einen ganz deutlichen Sinn. Zunächst ist er gleich Malthus
ein erbitterter Gegner des Princips der Annengesetze, denn
er ist gegen alle gesetzliche Lohnregulirung und will, dass
die ConcuiTenz des Marktes allein wie alle Contracte, so
auch den Lohn bestimme, — d. h. ein natürliches Gesetz
muss aufgestellt werden, damit man Staatsintervention als ver-
werflich erklären kann. Vor Allem aber dient das Lohngesetz
demselben Zweck, wie das Grundrentengesetz. Es soll zeigen,
dass der Grundherr der natürliche Feind des Arbeiters ist.
Ricardo setzt auseinander, es sei gut, wenn der gewohn-
heitsgemässe Lebensbedarf des Arbeiters gross ist ; das schütze
gegen überschüssige Bevölkerung, und der Arbeiter könne
190 Erstes Bach, Oap. 2.
dann in seiner Lebenslage herabsinken , ohne gleich zu ver-
hungern. Im natürlichen Fortschritt der Entwicklung werde
der Zuwachs zum Capital immer kleiner; damit fielen die
Löhne, bis endlich Capital und Löhne stationär werden. Die
Geldlöhne stiegen aber bei dieser Entwicklung wegen des
gleichzeitigen Preissteigens der Lebensmittel; dieses Steigen
des Geldlohnes bleibe jedoch hinter dem Steigen der Kornpreise
zurück, so dass der Arbeiter doch weniger kaufen könne.
Das Steigen des Geldlohnes vermindere die Profite des Ca-
pitals; der reelle Lohn aber sinke doch, und so ist der letzte
Erfolg der natürlichen Tendenz des Lohnes, auf den noth-
wendigen Unterhaltsbedarf herabzusinken, der, „dass die Lage
des Arbeitei-s im Allgemeinen schlechter, die des Grundherrn
immer besser wird."
Und ganz dieselbe Tendenz finden wir im 6. Capitel
über den Profit, wo vor Allem mit besonderer Ausführlich-
keit die Identität der Interessen des Pächtei*s mit denen
der Fabrikanten bewiesen wird — natürlich namentlich in-
sofern beide niedrige Giiindrenten und niedrige Eornpreise
wünschen müssen. Weiter wird ausgefühit, dass hohe Löhne
niedrigen Profit bedingen. Indessen daraus wird nicht gefol-
gert, dass Arbeit und Capital im natürlichen Interessengegen-
satz stehen, und die Arbeiter natürlicher Weise danach stre-
ben müssen , dem Capital möglichst viel abzuringen , sondern
da die Löhne von dem Preise der nothwendigen Waaren, ins-
besondere der Lebensmittel, abhängen, so haben Arbeit und
Capital in durchschlagender Weise das Interesse an niedrigem
Kornpreis — gegenüber dem Grundherrn.
Dieser Gedanke wird vielfach variirt. „In allen Ländern
und zu allen Zeiten hängen die Profite von der Menge Arbeit
ab, welche nöthig ist, um die Arbeiter mit ihrer Lebensnoth-
duift zu versehen , auf jenem Land oder mit jenem Capital,
das keine Giiindrente abwirft. — Mag ein Land noch so gross
sein, so werden, wenn der Boden schlecht und Import von
Lebensmitteln verboten ist, die massigsten Ansamm-
lungen von Capital mit grosser Abnahme des Procentsatzes
des Profits und rapidem Steigen der Grundrente verbunden
D. Ricardo. 191
sein. Dagegen in einem kleinen, aber fruchtbaren Lande,
besonders wenn freie Korneinfuhr gestattet ist, mag
man grosse Gapitalmassen ansammeln, ohne starkes Sinken
des Procentsatzes der Profite oder starkes Steigen der Grund-
rente."
Oder: „die natürliche Tendenz des Profits ist zu fallen;
denn bei Fortschritt der Gesellschaft und des Reichthums
wird die zunehmende Menge von nothwendigen Nahrungs-
mitteln durch Aufwendung von mehr und mehr Arbeit er-
langt.*' Darauf folgt der Beweis, dass von einem gewissen
Puncto der Capitalvermehrung ab nicht nur der Profit im
Verhältniss zum Capital, sondern in absoluter Summe ab-
nehme.
Difficile est satiram non scribere. Der Capitalist müht
sich ab und veimehrt das Capital; dadurch wird es möglich,
dass immer mehr Arbeiter ihren Lebensbedarf erhalten , der
Capitalist wird aber bei dem allgemeinen Foitschritt immer
ärmer, der unthätige Grundherr steckt allen Gewinn ein, und
der Arbeiter leidet mit dem Capitalisten unter dem aussaugen-
den Grundherrn ! Das etwa ist Ricardo's Voi-stellung über die
Vertheilung des Nationaleinkommens in einer fortschreitenden
Gesellschaft, in welcher das Capital allein gerechten Ginind
zur Klage hat, und vor Allem Abschaffung der mörderischen
Komzollprivilegien des Grundbesitzes verlangen muss.
Im weiteren Verlauf des Werks behandelt Ricardo nun
einzelne Fragen, wie den internationalen Handel, das Steuer-
und Bankwesen etc. und treibt vei-schiedene Polemik mit
A. Smith und Malthus. Dabei kehren die Principien der
ersten Capitel, insbesondere die Missgunst gegen den Grund-
herrn immer wieder. Interessant ist aber nicht nur, was
Ricardo sagt, sondeiii auch, was er nicht sagt. Er spricht
niemals von andei-n Interessen als wirthschaftlichen der Indi-
viduen, niemals von der Nothwendigkeit , dem Staate und
höheren Ideen etwas zu opfern.
Nur ganz ausnahmsweise wird eine andere Rücksicht er-
wähnt, so bei der Ausführung, dass internationaler Handel
auf der Differenz der relativen, nicht der absoluten Productions-
192 Eni&B Buch, Cap. 2.
kosten der Waaren bei-uhe, weil das Capital aus löblichem
Patriotismus nicht immer gleich auswandere, wenn auch sein
Vortheil es erheischt. Allein das ist nur eine ganz gelegent-
liche Bemerkung über eine factische Störung der natürlichen
wirthschaftlichen Ordnung, und wie wenig es Ricardo auf den
Staat ankommt, geht insbesondere aus der Steueriehre hervor.
Hier ei*scheinen alle Steuern als ein Uebel, weil sie jeden-
falls die Capitalvermehrung beeinträchtigen und es ist die
Hauptregel in Sachen der Steuern, dass dieselben möglichst
klein sein sollen. — Die Frage, wie die Steuern den Fortschritt
der Production und des Capitals beeinflussen, erscheint viel
wichtiger als die nach ihrer Vertheilung, und von einer Unter-
suchung oder Würdigung der Staatsaufgaben ist einfach nicht
die Rede. Charakteristisch ist in der Steuerlehre der Satz,
dass es ganz einerlei sei, ob die Steuem auf Lohn oder Profit
gelegt werden, da die Lohnsteuern doch auf das Capital über-
gewälzt werden. Hier wird also mit dem „natürlichen Lohn
gleich den Unterhaltsmitteln" Ernst gemacht. Auch sonst wer-
den die Arbeiter vielfach als eine Masse geschildert, die eben
nur das Nothwendigste haben können und von deren Wohl
deshalb nicht weiter die Rede sein kann. Das Naturgesetz
des Lohnes wii-ft ihnen ein lasciate ogni speranza zu, sie selbst
sind wehrlos und die Nation hat über ihr Schicksal einfach
zur Tagesordnung überzugehen. Man mag sie gegen die
Grundhen-en aufreizen — helfen kann man ihnen nicht. Die
Profite fallen, wenn die Löhne steigen, d. h. wenn die Nahrungs-
mittel theurer werden (Cap. 26); und somit bleibt der In-
teressengegensatz zwischen Grundbesitz und Capital der einzig
wichtige, und natürlich ist es wünschenswerth, dass der Kampf
zu Gunsten des Capitals entschieden werde.
Merkwürdigerweise gesteht Ricardo zu, dass die Einfüh-
rung neuer Maschinen den Arbeitern wirklich schädlich sein
könne. Natürlich dürfe die Einführung dei'selben dennoch
nicht gehemmt werden — auch anderer Massregeln zu Gun-
sten der Beschädigten wird weiter keine Erwähnung gethan,
sondern Ricardo fügt, wie um seine abstracte Methode selbst
zu verhöhnen, bei, dass nur in dem Falle plötzlicher
D. Ricardo. 193
Maschineneinführung der Schaden eintrete, nicht aber bei
der in Wirklichkeit stattfindenden allmäligen Einführung der-
selben. Es ist nicht möglich, Ricardo in all seinen Deductionen
und Hypothesen zu folgen; dass Handels- und Gewerbefrei-
heit unbedingt gefordert werden, versteht sich von selbst. Nur
auf das 26. Capitel muss ich noch einen Blick werfen, weil das-
selbe den cynischen Materialismus Ricardo's am Allerdeutlichsten
zeigt, weil es von allen späteren die grösste principielle Be-
deutung hat und den Unterschied zwischen Adam Smith und
Ricardo am schärfsten hervortreten lässt.
Adam Smith operirt nicht mit genau definirten technischen
Ausdrücken. Doch ist kein Zweifel, dass er unter Einkommen
resp. Reineinkommen etwa dasselbe versteht wie Hermann,
nämlich AJles, was Menschen ohne Vermindeiiing des an-
fänglich vorhandenen Capitals während eines Zeitabschnitts
verehren können: und namentlich rechnet er den Consum
der Arbeiter, soweit derselbe keinen unersetzten Capital ver-
brauch veiiii*sacht, unbedingt zum Reineinkommen der Nation.
Wo immer A. Smith von Einkoramen spricht, giebt es für ihn
nur einen Unterschied zwischen Einnahme und Einkommen ^).
Ricardo dagegen unterscheidet scharf zwischen Roh- und Rein-
einkommen; Roheinkommen ist bei ihm das, was wir heute
kui*zweg Nationaleinkommen nennen, d. h. Alles, was nach
W^iederersatz des verbrauchten Capitals verzehrt werden kann.
Dafür gebraucht Ricardo den Ausdruck „the whole produce of
land and labour" in offenbarem Anschluss an A. Smith und
die Physiokraten. Dem gegenüber steht das Reineinkommen
welches den Consum der Arbeiter nicht urafasst; "letzterer ist
vielmehr lediglich Productionsaufvvand.
*) Dies hat Leser in dem oben citirten Buch über A. Smith S. 112
mit Recht hervorgehoben und gezeigt, dass Spätere mit Unrecht die
Einkommensdefinition von A. Smith und Ricardo verwechselt haben. In-
«lessen es ist unleugbar, dass die Ricardo'sche Auffassung in der ganzen
A. Smith-Ricardo'schen Schule bis auf Hermann maassgebend wurde , nnd
dass besondere Anstrengungen deutscher Nationalökonomen, nicht ein ein-
faches llückgehen auf A. Smith die Ricardo'sche Auffassung überwun-
den haben.
Held, .Soc. Gesch. Engl. 13
194 Erstes Buch, Cap. 2.
Der Untei-schied zwischen Roh- und Reineinkommen ist
bei Ricardo nicht etwa eine harmlose theoretische Unter-
scheidung, zusammenfallend mit unserem Untei-schied zwischen
nothwendigem und freiem Einkommen bei allen Menschen.
Es ist vielmehr eine in aller Kürze und Schäi-fe ausgefühlte
Lehre, die den Zweck hat, den Arbeiter vollständig als ein
unwesentliches Mitglied der Gesellschaft, als ein reines Mittel
zum Zweck hinzustellen ; es wird denn auch an einer spätei*en
Stelle einmal ausgeführt, wie ein Theil des Roheinkommens
statt auf den Unterhalt von Menschen auf den Unterhalt von
Pferden verwendet werden könne. Zugleich liegt in dieser
Lehre am deutlichsten ausgesprochen, dass der Zweck der
Capitalvermehrung und des möglichst grossen Capitalgewinnes
der maassgebende Zweck alles menschlichen Zusammenlebens
sei. Die berüchtigte Stelle aus Cap. 26 möge hier wörtlich
folgen :
„Das ganze Product des Bodens und der Arbeit eines
jeden Landes zerfällt in drei Theile : Der eine wird für Löhne,
der andere für Profit, der dritte für Grundrente verwendet.
Nur von den zwei letzten Theilen können Abzüge für Steuern
oder Ersparnisse gemacht werden; der erste, wenn massig,
stellt immer die nothwendigen Productionskosten dar^).
„Für eine einzelne Person mit einem Capital von 20 000 i?,
deren Profit jährlich 2 000 £ beträgt, ist es ganz gleichgültig,
ob ihr Capital 100 oder 1000 Menschen beschäftigt, ob die
producirten Waaren für 10 000 oder 20 000 £ verkauft wer-
den, wenn nur in allen Fällen der Profit nicht unter 2 000 £
sinkt. Ist nicht das wahre Interesse der Nation dem ähnlich?
Wenn nur ihr wahres Reineinkommen, ihre Rente und Pi-ofite
gleich bleiben, so ist es ohne Bedeutung, ob die Nation aus
10 oder 12 Millionen Einwohnern besteht. Ihre Kraft, Flotten
und Heere und alle Art unproductiver Arbeit zu unterhalten,
^) In einer Anmerkung heisst es allerdings, dass dem Arbeiter unter
dem Namen Lohn gewöhnlich mehr gewährt werde und er dann auch
Steuern zahlen und sparen könne, aber daraus werden gar keine Folgen
gezogen.
D. Ricardo. 195
inuss im Verhältniss zu ihrem Reineinkommen und nicht zu
ihrem Roheinkommen stehen. Wenn 5 Millionen Menschen so
viel Nahrung und Kleidung produciren können, um dem Be-
darf von 10 Millionen zu entsprechen, so sind Nahrung und
Kleidung für 5 Millionen das Reineinkommen. Würde es von
irgend einem Vortheil für das Land sein, wenn zur Production
dieses selben Reineinkommens 7 Millionen Menschen noth-
wendig wären, d. h. wenn 7 Millionen Menschen beschäftigt
würden, Nahrung und Kleidung für 12 Millionen zu produ-
ciren? Immer würde Nahining und Kleidung für 5 Millionen
das Reineinkommen sein. Die Beschäftigung einer grösseren
Zahl von Menschen würde uns weder in den Stand setzen,
unserer Flotte oder unserem Heer auch nur einen Mann bei-
zufügen, noch eine Guinee mehr Steuern zu zahlen.'^
Darauf folgt eine Auseinandersetzung, dass in reichen
Ländern das Capital naturgemäss in jene Beschäftigungen fliesst,
in welchen die geringste Menge Arbeit im Inland ernährt wer-
den muss — in Gewerbe, in denen die Profite im Verhältniss
zum Capital, nicht zu der angewendeten Menge von Arbeit
stehen.
Diese Ansicht, die im innigsten Zusammenhang mit dem
ehernen Lohngesetz, der Capital Vergötterung und absolut
privatwirthschaftlichen Auffassung aller Fragen steht, bildet
den Höhepunct einer wahrhaft cynischen Vorstellung von Staat
und Gesellschaft. Nicht nur, dass es keine anderen allge-
meinen Interessen giebt als die des Capitalgewinnstes — es
ist sogar ganz einerlei, ob überhaupt Menschen leben. In
der That,' Mai*x und seine Schüler haben solchen Lehren
gegenüber recht, wenn sie sagen, das todte Capital sei der
Beherrscher des lebendigen Menschen geworden. — Hier wie
überall besteht das Verdienst der Abstractionen und Deduc-
tionen Ricardo's darin, dass die Consequenzen in fast er-
schreckender Weise die Einseitigkeit der grundlegenden Aus-
gangspuncte richten. —
Wir können von Ricardo nicht scheiden, ohne noch seine
Ansichten über zwei Fragen kennen zu lernen, bei denen wir
uns an die kleineren Schriften halten müssen — nämlich seine
13*
196 Erstes Buch, Cap. 2.
Auffassung von Geld- und Bankwesen und seine Meinung über
die politische Frage des Wahlrechts. — Ueber Geld- und
Bankwesen spricht Ricardo auch in den Principles auf Grund-
lage der vorherrschenden Ansicht, dass Gold und Silber eine
Waare wie jede andere Waare seien. Ebenso spricht er sich
in den Principles gegen die Staatsschuld, d. h. für deren
Tilgung aus. Indessen verbreitet er sich über Geld- und
Bankfragen in anderen Schriften ausführlicher, über das Wahl-
recht enthalten die Piinciples gar nichts. Seine Ansichten
über beide scheinbar weit auseinanderliegende Fragen stehen
insofern im Zusammenhang, als sie den praktischen Gegen-
satz zwischen Ricardo und den gleichzeitigen radicalen Volks-
resp. Arbeiterführern hervortreten lassen. Wir werden auch
hier wieder sehen, wie bei Ricardo's Abstractionen nicht vor-
urtheilsfreies Forschen nach der objectiven Wahrheit vor-
waltete, sondern wie bestimmte Interessen eines Standes
maassgebend waren. Es spiegelt sich in dieser Literatur der
Gegensatz zwischen Capital und Arbeit, der erst später zum
praktischen Kampf werden sollte.
Ricardo's Schriften über Geldwesen^) sind vom theore-
tischen Standpunkte aus seine besten Arbeiten, und praktisch
haben sie ganz besonders gewirkt. Nicht nur der Bullion
Report basirt auf Ricardo's Schrift von 1800, auch die spätere
Bankgesetzgebung knüpft daran an, und selbst in unserer
deutschen Bankgesetzgebung sind noch die Spuren von Ricardo's
Geist nachweisbar.
Wenn ich diese als seine besten Schriften nenne, so
stimme ich deshalb den Resultaten doch nicht bei. Diese
sind höchst einseitig und durch die Erfahrung und Literatur
der späteren Zeit längst widerlegt; aber das Geldwesen ist
') 1) Iligh Price of Bullion a proof of the depreciation of Bank-
notes; I.Auflage 1809, 4. Auflage 1811.
2) Reply to Mr. Bosanquet's practical observations on the report
of the Bullion committee, 1817.
3) Proposais for an economicul and secure currency with observa-
tions on the Profits of the Bank of England, 181G.
4) Plan for the establishment of a national Bank, 1824.
D. Ricardo. 197
ein Gebiet, ia dem sich an und für sich die abstracte Methode
mit dem grössten Erfolg anwenden lässt, indem die Prämisse
von dem klug rechnenden Egoismus der Einzelnen die grösste
relative Berechtigung hat; überdies ein Gebiet, in welchem
Ricardo grosse praktische Erfahrungen besass, und auf dem
er namentlich in den polemischen Theilen nicht verschmähte,
wirkliche Thatsachen anzuführen und zu benutzen. Da er
hierbei nicht direct auf die Grundbesitzer zu sprechen kommt,
so ist auch die sociale Tendenz weniger hervortretend, und
somit sind diese Schriften diejenigen, in denen Ricardo ver-
gleichsweise am wenigsten tendenziös im Einzelnen ist und
am häufigsten in ganz objectiver Weise aus seinen wissen-
schaftlichen Principien rücksichtslose Forderungen zieht. Die
Einfachheit und knappe Form seiner Darstellung ist gerade
hier auch am meisten angebracht.
Schon die Schrift von 1809 entwickelt die Quantitäts-
theorie. Jedes Land bedarf im Verhältniss zu andern einer
gewissen Menge von Circulationsmitteln, die von der Aus-
dehnung des Handels und der des geldei-sparenden Credits ab-
hängig ist. Diese Menge von Circulationsmitteln reguliil sich,
so lange nur Metallgeld existirt, durch den Handel von selbst.
Geld fliesst nur dann ab und zu, wenn mehr oder weniger
vorhanden ist, als eben diese im Vergleich mit andern Ländern
nothwendige Menge und nicht etwa in Folge von schlechten
Eniten u. dergl.
Ebenso bleibt die Sache, wenn nur einlösliche Noten
existiren. Noten ei-scheinen einfach als Circulationsmittel, ihre
Vermehrung durch eine Bank kommt der Goldvermehrung
durch neue Bergwerke gleich. Zwischen Noten und Staats-
papiergeld wird kein principieller Untei-schied gemacht; beide
sind Vermehi-ung der Circulationsmittel, Geld. So lange sie
einlöslich sind, verdrängen sie Metallgeld, das in's Ausland
geht, die nothwendige Menge von Circulationsmitteln bleibt
aber erhalten, der Geldzu- und -abfluss nach dem Auslande
ist nicht gehemmt und wird nach wie vor vom Handel der
Privaten nach Bedürfniss besorgt. Durch die Bankrestrictions-
acte von 1797 aber wurde die Bank in den Stand gesetzt.
198 Erstes Bach, Cap. 2.
durch die Uneinlöslichkeit die Noten über das Bedürfniss an
Circulationsmitteln hinaus zu vermehren und da diese Circu-
lationsmittel nicht in's Ausland gehen können, so sinkt ihre
Kaufkraft gegenüber Gold und anderen Waaren ~ und zwar
genau im Verhältniss zu der Menge, um die sie das Bedürfniss
übei-steigen.
Der Werth dieser Auseinandereetzungen bestand in dem
richtigen Nachweis, dass die Noten devalvirt waren, und in
dem Satze, dass die Nichteinlösliehkeit daran Schuld war.
Falsch aber war es, die Devalvii-ung ausschliesslich von der
Menge der Noten, die ihrerseits als Folge der Restriction
ei-scheint, abhängen zu lassen — eine Theorie, mit der es
Ricardo so ei-nstlich meint, dass er sie in der Schrift gegen
Bosanquet sogar auf verschlechtertes Metallgeld anwendet.
Dies ist falsch, weil nicht alles Geld im Verkehr ist, sondern
zugleich eine wechselnde Menge Geld als Weithaufbewahrungs-
mittel dient; weil die vom Verkehr bedurfte Geldmenge selbst
viel wechselnder ist als Ricardo offenbar annimmt; weil die
anderen Surrogate des Geldes als Wechsel, Checks etc die
nöthige Geldmenge überhaupt zu einer unbestimmten Grösse
machen; weil bei Banknoten und Papiergeld der Credit des
diese Stellvertreter des Geldes emittirenden Schuldners jeden-
falls unter allen Umständen ein selbständiges Element zur
Bestimmung ihres Werthes bleibt — und weil man zwischen
Entwerthung des Papiers gegenüber Gold und gegenüber den
inländischen Waaren unterscheiden muss. Die ganze Quantitäts-
theorie folgte zunächst aus der der ganzen klassischen National-
ökonomie eigen thümlichen Opposition g:egen merkantilistische
Ueberschätzung der Geldmenge, derzufolge man Zunahme des
Geldes nur als eine für den Gesaramtwohlstand gleichgültige
Ursache der Erhöhung aller Waareiipreise betrachtete und
selbst die vorübergehenden Wirkungen dieser Zunahme des
Geldes während des Processes der Zunahme als möglichst ge-
ringfügig hinstellte. Unzweifelhaft entstand die Theorie auch
bei Ricardo als eine aufrichtig gemeinte und scharf entwickelte
Consequenz der antimerkantilistischen Geldlelire. Dennoch
D. Ricardo. 199
aber lassen sich gewisse praktische Tendenzen nebenbei be-
merkt nicht verkennen.
Ricardo verlangt allmälige Verminderung der Noten, bis
sie wieder al pari stehen, d. h. bis die richtige Geldmenge
wieder vorhanden ist und dann Wiederherstellung der Ein-
lösungspflicht. — Dies ist ein ganz richtiger Vorschlag zur
Wiederhei*stellung der Baarvaluta und eines geordneten Geld-
wesens; allein wie kommt Ricardo zu der Klage, dass bei der
bisherigen Entwerthung alle Gläubiger verloren haben und
bei folgender weiterer Entwerthung noch unberechenbar mehr
verlieren können, während er mit keinem Worte bedauert,
dass die Wiederemporhebung der entwertheten Noten auf den
Nennwerth alle Gläubiger begünstigen muss, die unter der
Herrschaft des entwertheten Papiers dargeliehen haben ? Ein
Verlust des Geldcapitals also ist ein Unrecht, ein Gewinn
aber nicht! Man denkt unwillkürlich daran, dass Ricardo
Staatsgläubiger war, wenn man seinen Eifer für Wiederher-
stellung der Baarvaluta mit Cobbett's Ansichten übiBr Staats-
schuld und Banknoten vergleicht.
Gewiss, die Wiederherstellung der Baarvaluta war eine
Nothwendigkeit. Sollten aber bei dieser Maassregel nicht die-
jenigen Staatsgläubiger, die während des Kriegs mit dem
Staate contrahirt hatten, unverhältnissmässig begünstigt wer-
den, so musste mit dieser Wiederherstellung zugleich eine
starke Besteuerung des Besitzes verbunden werden, und da-
von schweigt Ricardo. Bei der Bank- und Staatsschuldfrage
schieden sich also schon im Anfange des Jahrhunderts bürger-
liche und proletarische Radicale und beide verfielen in Extreme,
ohne die wahre Lösung der Frage zu finden, die nur in der
bereitwilligen Uebernahme von höheren Pflichten der Reichen
gegen den Staat bestehen konnte.
Eine andere Tendenz liegt in Ricardo's Anklage, dass in
der Verbindung der Bank mit dem Staate die Ursache des
ganzen Unheils liege.
Die Schrift gegen Bosanquet ist sehr geschickt polemisch
gehalten und enthält keinerlei neue positive Ansichten. In
den Proposais kehrt die Quantitätstheorie von 1809 unverändert,
200 Erstes Buch, Cap. 2.
aber in weiterer Ausführung wieder und es tritt deutlicher
lücardo's EmpöiTing über die Gewinne der mit dem Staat
liirten Bank hervor, während er an und für sich möglichsten
Ei-satz des kostbaren Goldes durch Papier im Verkehr wünscht,
und auch wegen der Verlegenheiten in Panik und Krisen
nicht auf Vorhandensein eines beträchtlichen Metallvorraths
dringt. Es kommt ihm nur darauf an, dass die nchtige
Menge von Circulationsmitteln , die man gewöhnlich braucht,
vorhanden ist, gleichgültig ob diese aus Papier oder Metall
bestehe. Aus dem Grunde, dass die Noten einfach Geld sind,
wird auch ihnen zu Ehren eine Ausnahme von dem allgemei-
nen Princip der Nichtintervention des Staates gemacht.
In anderer Form begegnen wir wieder dem Gedanken,
dass es kein Unrecht sei, wenn die Geldbesitzer bei steigen-
dem Geldwerth gewinnen. Die Wiederherstellung der Baar-
Valuta ist gerecht, nicht nur wegen des allgemeinen Verkehrs-
bedürfnisses nützlich. —
In dem Plan für Emchtung einer Nationalbank wird vor-
geschlagen, das Notenemissionsgeschäft ganz von allem andern
Bankgeschäft zu trennen — eine Idee, welche die Bankacte
von 1844 wenn auch in ganz anderer Weise ausgeführt hat.
Noten sollen nur von staatlichen Commissionären emittirt
werden, welche Letztere aber von den Ministern ganz
unabhängig sind. 15 Millonen Pf. St. Noten sollen ganz un-
gedeckt sein, d. h. zur Heimzahlung der Schuld des Staates
an die Bank dienen und 10 weitere Millionen durch Baarfond
oder Schatzscheine gedeckt sein. Die Idee läuft auf Abschaf-
fung der Banknote und Einfühi-ung eines Staatspapiergeldes
mit Einlösungsstellen hinaus, so dass das Papier den ganzen
inländischen Verkehr beherrscht und zur Sicherung der Ein-
lösung sehr wenig Metall als nöthig ei-scheint.
So sind diese Schriften der Ausgangspunkt aller jener
Theorien, welche die Banknote beargwöhnen, der Notenbank
ihren Gewinn missgönnen, der Gesanmitheit, d. i. dem
Staate, den Gewinn aus dem Notengeschäft vorbelialten wollen,
und die grosse Aufgabe einer Centralnotenbank verkennen,
die darin besteht, durch wechselnde Menge von Noten, welche
D. Ricardo. 201
in Zusammenhang mit der Discontopolitik ausgegeben werden,
der grosse Regulator des Bedüi-fnisses nach Zahlungsmittehi
zu sein, der Uebei-speculation zu steuern und ausgebrochene
Krisen zu mildem. Ich weiss nicht, wie Ricardo pei-sönlich
zu der Bank von England und ihren Directoren stand , aber
soviel ist jedenfalls sicher, dass alle Späteren, welche in den
Notenbanken den allgemeinen und ausschliesslichen Sünden-
bock für die Excesse der ganzen Handelswelt suchen, in
Ricardo's Schriften einen mächtigen Sttitzpunct finden.
Jedenfalls darf man in der offenbaren Missgunst, mit
welcher er die Notenbanken behandelt, keine Tendenz, das
allgemeine Interesse über das Geldinteresse zu setzen, ent-
decken wollen, da er das exceptiouelle , mit dem Staate in
Verbindung stehende Noteninstitut der ganzen Handelswelt
gegenüberstellt. Und sein Eifer, den Gewinn der Bank dem
Staate voraube halten , fliesst ebensowenig aus begeistertem
StaatsgefUhl, wie seine Abneigung gegen Staatsschulden. Klar
tritt in dem Essay on Funding System hervor, dass Ricardo
starke ausserordentliche Steuern in Kriegszeiten den Staats-
schulden voi-zieht — weil er in echt manchesterlicher Weise
von der Auferlegung solcher Opfer Verminderung der Kriege
erhoflft.
Kui*z, tritt Ricardo in diesen Schriften weniger auffällig
als Vertheidiger eines Classeninteresses auf, als in den Prin-
ciples und den Schriften über Kornhandel — beherrscht ihn
hier wirklich oft mehr ein theoretisches Princip als ein prak-
tisches Interesse, so ist dies Princip doch nur eine einzeln-
stehende wirthschaftliche Lehre, kein Glied einer höheren
Staats- und Gesellschaftsauffassung, und mit seinen Conse-
quenzen ist die Vertretung der Interessen des Geldcapitals
gegenüber der steuerzahlenden Masse doch untrennbar ver-
bunden. —
Besonders dankbar müssen wir Mac-Culloch sein, dass
er in seine Sammlung nicht nur Ricardo's Parlamentsrede über
das Ballot, sondern auch die nachgelassene Schrift: „Obser-
vations on Parliamentary Reform" aufgenommen hat. Keine
Schrift zeigt deutlicher als diese, wie Ricardo vom politischen
202 Erstes Buch , Cap. 2.
Individualismus und dessen praktischer Consequenz , dem Rh-
dicalismus, ergrilfen war; wie er alle staatlichen Handlungen
in cynischer Weise lediglich aus Egoismus zu erklären weiss
— und wie er unverblümt alle Vortheile radicaler politischer
Reformen dem (beweglichen) Besitz zu reserviren vei-steht.
Ricardo ist Fortschrittsmann, weil es noch Mächte im Staate
gieht, die über dem Capital stehen — keineswegs weil er
politische Gleichheit Aller wünscht.
In der Parlamentsrede über das Ballot verlangt Ricardo
geheime Abstimmung als eine sehr wichtige und bei jedem
Wahlrecht durchzuführende Reform — um den Einfluss der
Grundaristokratie auf die Wähler zu brechen. Er benift sich
in dieser Rede auf Bentham, der in den Observations noch
deutlicher als Ricardo's poUtischer Lehrer auftritt :
„Gute Regierung mag den Interessen der Aristokratie
oder der Monarchen entgegengesetzt sein, da sie dieselben
verhindeni kann, in ebenso grossem Maasse Einnahmen, Vor-
theile und Macht zu erringen als dies der Fall sein würde»
wenn die Regierung nicht für das Glück der Vielen ge-
führt wird, sondeiTi sich hauptsächlich auf Beförderung des
Glückes der Wenigen verlegt; aber sie kann nie dem allge-
meinen Glück entgegenwirken.'' — „Die Vorschriften der
Religion, der öffentlichen Meinung und des Gesetzes beruhen
alle auf dem Grundsatz, dass man von den Menschen alle
Versuchung, anders zu handeln, ferne halten muss, um sie
gut zu machen, und der Staat ist als der vollkommenste
anzusehen, in dem alle diese Vorschriften dahin zusammen-
wirken, es zum Interesse aller Menschen zu machen , tugend-
haft zu sein, d. h. ihre Kräfte zur Beförderung des all-
gemeinen Glückes anzuwenden."
Die gegenwärtige Verfassung erscheint Ricardo als eine
solche, in welcher Krone und Aristokratie in ihrem eigenen Inter-
esse regieren, und nur durch die ötfentliche Meinung, d. i. durch
die Furcht vor einem Volksaufstand in Schranken gehalten
werden; da diese Schranke aber unsicher und unregelmässig
wirkt, so sei es besser, das Unterhaus in der Weise zusammen-
zusetzen, dass durch dasselbe das ganze Volk repräsentirt
D. Ricardo. 203
werde — man erkennt die reine Theorie Benthams, der zu-
folge alle Menschen egoistisch sind, die Gebote von Pflicht
und Ehre nichts helfen, und nur die beständige Controle der
Vielen den Egoismus der Wenigen bändigen kann. Allein
Bentham war consequent und schwäimte ehrlich für allgemeines
Wahlrecht, für volle politische Gleichheit Aller. Anders Ei-
cardo in seiner capitalistischen Weisheit.
Der wahre Giiindstein des allgemeinen Glücks ist ihm
die Heilighaltung des Eigenthums, die voi-theilhafteste Verthei-
lung des Capitals, die Sicherheit des Besitzes in der Aussicht
auf steigenden Reichthum. Zwar können nur die Allerärmsten
einen AngriflF auf das Eigenthum für ihr Interesse halten,
aber „wenn zugestanden wird, dass diejenigen, welche das
Recht des Eigenthums sieher heilig halten , eine Stimme bei
der Wahl der Volksvertreter haben sollen, so ist das Princip,
für das die Reformer kämpfen, gewahrt. — Ihre Forderung
ist nur die einer guten Regierung, und als ein Mittel dazu
verlangen sie, dass die Macht, Parlamentsmitglieder zu wählen,
nur solchen gegeben werde, die keine Interessen haben, welche
denen einer guten Regierung entgegengesetzt sein könnten.
— Das allgemeine Wahlrecht wird von seinen Vertretern
nicht als ein Endzweck, sondern als ein Mittel zur guten Re-
gierung verlangt. Gebt ihnen die gute Regierung, oder gebt
ihnen die Ueberzeugung, dass ihr gute Regierung ernstlich
schaffen wollt, und sie werden zufrieden sein; wenn ihr auch
nicht so rasch vorwäi-ts geht, wie sie es für vortheilhaft halten.
— Meine Meinung räth zur Vorsicht und deshalb beklage
zh es, dass so viel über allgemeines Wahlrecht ge-
3rochen wird. Ich bin überzeugt, dass eine Ausdehnung des
■ahlrechts und nicht das allgemeine Wahlrecht dem Volke
\ Wesentlichen die gewünschte gute Regierung sichern wird,
d deshalb bin ich gegen das Postulat des allgemeinen Wahl-
hts; gleichzeitig habe ich das feste Vertrauen, dass die
"kung der mir genügend scheinenden Maassregel so wohl-
ig sein, so rasch die Bildung des Volkes heben würde,
man in kurzer Zeit nach der ersten Reform mit vollster
Arbeit das Wahlrecht auf alle Stände ausdehnen könnto.''
204 Erstes Bach, Cap. 2.
Das heisst also: nicht politische Bildung soll Voraus-
setzung des Wahlrechts sein, sondern, da es nur auf die
Interessen des Besitzes ankommt, so soll auch der Besitz
allein Wahlrecht haben, — und die Armen beschwichtigt man
einstweilen mit der Hoffnung, dass sie Wahlrecht bekommen
sollen, wenn sie eingesehen haben, dass die Pflege der Inter-
essen des Besitzes auch ihr höchstes Interesse ist. Wahrlich,
dies ist weit cynischer als die Tendenz jener späteren Frei-
händler, die den Ruf nach Ausdehnung des Wahlrechts durch
Gewährung von billigem Brod nach Abschaffung der Kornzölle
beschwichtigen wollten. — Diese nachgelassene Schrift Ricar-
do's giebt den vollen Beweis, dass er sich den Principien des
Individualismus nur aus dem Grunde anschloss, um die ma-
teriellen Interessen des Capitals zu befördern.
Ich bin kein principieller Anhänger des allgemeinen
Wahlrechts, aber eine Beschränkung des W'ahlrechts auf den
Besitz, für den Besitz und nur wegen des Besitzes, ist die
kurzsichtigste und verwerflichste politische Anschauung, die
sich denken lässt — ja es ist der Gegensatz zu aller politi-
schen Anschauung, es ist einfacli die Herrschaft der gesell-
schaftlichen Macht des Besitzes an Stelle der Staatsidee. Es
ist fast unbegreiflich, dass man Ricardo's nationalökonomische
Lehren mit so viel selbstverleugnender Arbeit studirt hat, ohne
den Schlüssel zur Erklärung all seiner Anschauungen, der
hier off*en zu Tage liegt, zu Hülfe zu nehmen! Es bleibt sein
giösstes Verdienst, dass er seinen nackten Capitalismus durch
keine spielende Humanität, keinen schwächlichen Optimismus
verhüllt hat. — Wir haben keinen Grund, eine solche Hülle
den Lehren des klugen Banquiers nachträglich vermittelst
unserer theoretischen Blindheit überzuwerfen, welche die
praktischen Tendenzen ignorirt.
§ 3. Robert Malthus.
Der dritte der grossen classisclien Nationalökonomen,
Malthus, ist in Bezug auf düstere Lebensanschauung und
offenes Aussprechen harter Nothwendigkeiten mit Ricardo
R. Malthus. 205
geistesverwandt. Ricardo beruft sich gerne auf ihn in der
Armen- und Bevölkerungsfrage, dififeriit aber von ihm in
Bezug auf Komzölle. Man ist gewohnt, beide Namen ver-
bunden zu nennen; beide Männer sind Kinder derselben Zeit,
aber nur theilweise dienten sie den gleichen Anschauungen
und Tendenzen. Die Tendenzen, welchen Ricardo huldigte,
sind äusserst einseitig und äusserst klar. Er erfasst gewisse
Zeitideen in ihrer schroffsten Form und wendet sie ausschliess-
lich im Interesse des Capitals an. Malthus dagegen ist wpit
vielseitiger. Sein Einfluss auf die Nationalökonomie ist ge-
ringer und beschränkt sich zumeist nur auf eine Frage und
in dieser auf jenen Theil seiner Ansicht, der mit Ricardo's
Weltanschauung sich ohne Weiteres vereinigen lässt. Aber
Malthus war meines Erachtens der bei weitem gedanken-
reichere und vorurtheilsfreiere und, wenn er frühzeitig mehr
und heftigere Gegner fand, als Ricardo, so rührt dies sehr
stark daher, dass man ihn weniger verstanden hat. Er schreibt
zwar weit angenehmer und es fehlt bei ihm die abschreckende
Ausschliesslichkeit der Abstraction; dennoch haben viele sei-
ner Gegner gar nichts von ihm gelesen, Andere nur die An-
fangscapitel seines Hauptwerks, und zumeist wurde er von
Solchen bekämpft, die ihn nur aus entstellenden Darstellungen
Dritter kennen.
Des geringeren Einflusses halber bespreche ich Malthus
nach Ricardo und berücksichtige auch zumeist nur das Haupt-
werk über Bevölkerung, zumal Maltlius unleugbar an Wieder-
holungen reich ist, und es daher unnöthig ist, alle Variationen,
in denen er seine originelle Hauptidee zum Ausdruck bringt,
zu verfolgen. Aber gleich zu Anfang muss gesagt werden : Mal-
thus glaubte an wirtlischaftliche Naturgesetze wie Ricardo,
aber er steht über diesem , weil er über den Begriff des Ge-
setzes wirklich nachgedacht und wirthschaftliche und Natur-
gesetze wirklich in fruchtbringender Weise in Verbindung ge-
setzt hat. Er entwickelte seine Gesetze nicht durch Abstrac-
tion allein, sondern in vorherrschender Weise durch Beobach-
tung natürlicher, historischer und statistischer Thatsachen. Er
warf socialpolitische Fragen auf, und ging in der Betrachtung
206 Erstes Buch, Cap. 2.
der einen Frage nach Vermehining des Gesammtreichthums
oder des Capitals nicht auf, sondern strebte danach, das gesell-
schaftliche und staatliche Leben der Gesammtheit im grossen
Zusammenhang zu erfassen. Auch diente er bis zu einem
gewissen Grade einem Stande, aber einem andern als Ricardo,
jedoch so, dass ihm der Blick auf das Ganze der Gesell-
schaft und die Staatsidee nie verloren geht. Malthus ist der
englische Aristokrat vom alten Sch'ap^, der sich neue Zeit-
ideen dienstbar macht, sich dem Geiste der neuen Zeit bis
zu gewissem Grade'unterwii-ft — und doch noch ein gut Theil
des uninteressirten Staatsgefühls der alten Aristokratie bewahrt
Er ist ein aufgeklärter Conservativer, der in der Conservirung
englischer Institutionen die Erreichung des Guten erblickt,
das von kosmopolitischen Neuerern überhaupt angestrebt wer-
den kann. Er ist kein Feudaler und kein Absolutist — das
konnte ein echter englischer Conservativer nicht sein —
aber auch kein Radicaler, der die Institutionen Englands
rücksichtslos nach irgend einem Schema umgestalten wollte
und für nichts Verständniss hatte als für dieses Schema.
Wenn wir den Gegensatz zwischen Malthus einerseits,
Bentham und Ricardo anderei-seits richtig verstehen wollen,
so ist vor Allem Folgendes zu beachten:
Malthus ist, im Gegensatz zu philanthropischen Schwärmern
und namentlich im Gegensatz zu den Helden der französischen
Revolution, der Meinung, dass öfl'entliche (Zwangs)-Institu-
tionen wohl manches vermögen, aber von geringer Bedeutung
sind gegenüber den Gesetzen der Natur und den Wirkungen
der im Wesentlichen stets unverändert bleibenden Anlage des
Menschen. Auch Malthus geht daher hauptsächlich von dem
menschlichen Individuum als solchem aus. Aber er construirt
nun aus der Voraussetzung individueller Freiheit nicht eine
Reihe von mechanisch wirkenden Gesetzen, die das mensch-
liche Zusammenleben nothwendig und in der heilvollsten
Weise beheiTSchen — sondern er verlangt von der sittlichen
Kraft der Individuen eine das Gesammtwohl vor allem ft'jr-
denade That. Malthus entwickelt einen Individualismus nicht
nur der Rechte und Interessen, sondern auch der Pflichten.
R. Malthus. 2Ö7
Soweit er auf dem Boden des Individualismus steht, ist die
sittliche Verantwortlichkeit des Individuums bei ihm in den
Vordergiiind gestellt. Nicht eine schrankenlose Freiheit der
wirthschaftlich Starken gegenüber den wirthschaftlich Schwa-
chen, nicht eine souveräne Machtfülle des einzelnen Unter-
thanen gegenüber dem Staat vertritt Malthus — er verwirft
die Staatsintervention, z. B. gesetzliche Heirathsbeschränkun-
gen, weil er die sittliche Selbstzucht des Individuums für
allein wirksam hält.
Freilich gewirkt hat Malthus hauptsächlich dahin, dass
seine Bevölkerungslehre als eine Unterstützung der Ricardo'-
schen Grundrenten- und Lohntheorie betrachtet, und die Be-
sitzenden in ihrem Streben, sich von jedem Opfer, jeder That
zu Gunsten der arbeitenden Massen zu dispensiren, dadurch
gerechtfertigt wurden. Aehnlich wie bei Adam Smith ist auch
bei Malthus nur ein Theil seiner Ansichten allgemein vei*stan-
den und acceptirt worden. Dennoch thut man ihm ebenso
wie A. Smith Unrecht, wenn man ihn einfach als einen Mit-
begründer des herzlosen Manchesterthums bezeichnet. Ja, es
sind bei ihm sogar ethische und politische Gesichtspuncte
von grösserer Bedeutung als bei A. Smith. Er hatte nicht,
wie Ricardo, nur Interessen und Zwecke, er hatte Ideen.
Das Hauptwerk von Malthus, „An Essay on the Principle
of Population'' ist zuerst 1798 erschienen — also zu dei-selben
Zeit, in welcher zuerst der wildeste Communismus in der
französischen Revolution sein Haupt erhob. Malthus selbst
bearbeitete das Werk in fünf stets vermehrten Auflagen, die nach
seinem Tode fortgesetzt wurden. Ich citire nach der 1872
in London ei-schienenen 7. Auflage.^)
Der Hauptgedanke, welcher das Buch eröffnet, ist folgender:
Zwischen dem physiologischen Trieb der Fortpflanzung und der
^) Die erste Auflage, die als kurze Gelegenheitsschrift erschien, war
schroffer und rief den meisten Widerspruch hervor. Der versöhnende Ge-
danke des moral restraiüt wurde erst später ausgehildet. Es ist aber offen-
bar geboten, den Autor nach derjenigen Fassung seiner Gedanken zu beur-
theilen, die er ihnen selbst als die reifste und vollkommenste gegeben hat.
208 Erstes Buch, Cap. 2.
Datürlichen Fähigkeit der Menschen, sich zu vermehren, einer-
seits, und der Möglichkeit, eine diesen Kräften entsprechend
sich vennehi'ende Menschenmenge zu ernähren, anderei-seits,
besteht ein Conflict. Zur Verdeutlichung dient das Schema
der geometrischen Progression, in welcher sich die Menschen
zu vermehren trachten und der nur beispielsweise an-
geführten arithmetischen Progression, in der die Unter-
haltsmittel vermehrt werden können. Aus diesem Conflict
folgt, dass die der Natur des Menschen nach gebotene Ver-
mehrung der Menschen gehemmt wird, und zwar entweder so,
dass die zuviel geborenen Menschen durch Krieg, Pest, Elend
u. s. w. weggerafft werden, oder so, dass, sei es durch Laster
oder durch moralische P^nthaltsamkeit, weniger Menschen ge-
boren werden („positive and prevontive checks"). Da alle diese
Hemmnisse der Volksvermehrung mit grossen Leiden verbun-
den sind, so erscheint als das geringste üebel und demgemäss
als allgemeine Menschenptiicht die moralische Enthaltsamkeit,
die sich, concret genommen, in das Gebot zusammenfiissen
lässt, dass Niemand heirathen solle, ehe der die zu erwar-
tende Zahl von Kindern sicher standesgemäss und gut auf-
ziehen könne, und dass Jedermann vorher ein keusches Leben
zu führen habe.
Diese Behauptungen werden in den zwei ersten Büchern
durch eingehende historische und statistische Untersuchungen
bewiesen. Das zweite Buch schliesst mit folgenden zusammen-
fassenden Worten:
„Muss nun nicht jeder aufmerksame Beobachter der Ge-
schichte der Menschheit zugestehen, dass /u allen Zeiten und
unter allen Verhältnissen, in denen Menschen gelebt haben,
und leben, die Zunahme der Bevölkerung nothwendig durch
die Unterhaltsmittol begrenzt ist -- dass die Bevölkerung un-
fehlbar zunimmt, wenn die Unterhaltsmittel zunehmen, bis
mächtige entgegenstehende Hemmnisse dies verhüten — dass
sowohl diese Hemmnisse wie diejenigen, welche die Bevölke-
rung auf dem durch die Unterhaltsinittel bestimmten Maass
niederhalten, in moralischer Enthaltsamkeit, Laster und Elend
bestehen." — Darauf folgt noch eine kurze Ausführung, dass
R. Maltbas. 209
im modenien Europa die präventiven Hemmnisse relativ
gegenüber Krieg, Hungersnoth und Pest tiberwiegen, und dass
auch die moralische Enthaltsamkeit, so sehr sie beim männ-
lichen Geschlecht auch zu wünschen übrig lässt, heute schon
mehr beobachtet werde als früher. Wenigstens sei das Hin-
ausschieben des Heirathens aus vorsichtigen Ueberlegungen
bereits heute das wichtigste Hemmniss der Bevölkemngsver-
mehrung in Europa. —
In diesen Auseinandei-setzungen der zwei ei'sten Bücher
mag im Einzelnen in Bezug auf historisches und statistisches
Material Manches auszusetzen sein — vom Standpunkte heu-
tiger Kenntnisse. Auch mag man die Einseitigkeit, mit welcher
der erwähnte Conflict als letzte Ursache der vei'schiedensten
Erscheinungen hervorgehoben wird, tadeln, und die arith-
metische Progression als ein schlecht gewähltes Beispiel be-
zeichnen, weil es leicht die falsche Anschauung von der Noth-
wendigkeit der arithmetischen Progression hervorruft. Dies
alles aber sind höchst unwesentliche Ausstellungen. Die Haupt-
sache, dass zwischen der Neigung und Fähigkeit der Menschen,
sich zu vermehren, und der Möglichkeit, die beliebig sich ver-
mehrenden Menschen zu unterhalten, ein Conflict besteht, und
dass in Folge dessen die Vermehi-ung der Menschen nicht
nach Belieben vor sich geht, sondern durch Leiden oder Ent-
sagung beschränkt wird — diesen Hauptsatz kann nur ein
unverbesserlicher Optimist leugnen ^) , der den Raum auf der
Erde für unendlich gross hält, und auf Grund irgend einer
Willkürlichkfit eine schmerzlose Abnahme des Geschlechts-
triebes bei wachsender Civilisation annimmt. Nicht oft ge-
nug kann man auch gegenüber manchen Gegnern betonen,
dass Malthus nicht beliauptet hat, die Menschenzahl wachse
*j In neuester Zeit wurde die Wahrheit dieses Satzes auch von socia-
listischer Seite anerkannt, während hisher der extreme Socialismus Mal-
thas meist nur bitter angegriffen hatte. S. Kautsky, Einfluss der Volks-
Termehrung, Wien 1880. Leider kann sich der Verfasser, dem Wissen-
Echaitlichkeit nicht abzusprechen ist, zu der sittlichen Höhe von ]\Ialthus
nicht erschwingen, und leitet aus seinem schrofi* utilitarischen Standpunkt
den Rath des präventiven Geschlechtsverkehrs als des geringsten Uebels ab*
Held, Soc. Gesch. Engl. 14
210 Erstes Buch, Cap. 2
wirklich in geometrischer Progression, sondern nur, sie habe
die Tendenz dazu. Nicht einmal dieses kann man Malthus
vorwerfen, dass er die Unterschiede in der praktischen Be-
deutung seines Bevölkerungsgesetzes verkannt habe, die sich
durch Vorhandensein vieles jungfräulichen Bodens, durch plötz-
liche industrielle und merkantile Fortschritte ergeben. Denn
er kennt und erwähnt diese TJntei-schiede wohl, behauptet
nur, dass zuletzt immer wieder in verschiedenem Maasse die
Unmöglichkeit einer Bevölkerungsvennehrung nach natürlichem
Belieben hervortreten müsse. Er hat auch in den späteren
maassgebenden Auflagen die Sache nicht so aufgefasst, als sei
zu gegebener Zeit eine absolute Menge von UnterhaJtsmittelu
vorhanden und diesen entsprechend eine ganz bestimmte
Menge von Menschen möglich, so dass am „Banquet des
Lebens" ein neuer Mensch nur nach dem Abgang eines alten
Platz finden könne. Er erkennt überall, dass die vorhandene
Menge von Unterhaltsmitteln dehnbar sei — nur bildet nicht
jeder neue Mensch eine dem alten äquivalente Productiv-
kraft, und die geringere Vermelirbarkeit der Unterhaltsmittel
gegenüber der grösseren der Menschen bewirkt Fühlbarkeit
der „checks" in verschiedenem Maasse.
Kurz, gegenüber der noch im gauzen 18. Jahrhundert
vorheiTschenden blinden Tendenz nach Bevölkerungsvermehrung
um jeden Preis, von welcher sogar der grosse Süssmilch er-
füllt war, hat Malthus das grosse Verdienst in den politischen
Wissenschaften eine einfache unleugbare Wahrheit zuei-st be-
tont zu haben, die freilich nicht angenehm klingt, die unter
mancherlei Verhältnissen von geringer praktischer Bedeutung
sein und die er sehr einseitig betrachtet haben mag — welche
aber von so grundlegender Bedeutung ist, dass Malthus für
alle Zeiten den Mittelpunkt aller Studien über Bevölkerungs-
lehre bildet, und dass jeder Vorurtheilsfreie ihm den höchsten
Ruhm eines Entdeckers in den socialen Wissenschaften zuge-
stehen muss. Denn derjenige entdeckt eine sociale Wahr-
heit, der seine Zeit und die Zukunft zur Anerkennung ihrer
Bedeutung zwingt.
Die reine Theorie der Bevölkerungslehre kann in der That
R. Malthus. 211
an den Malthus'schen Sätzen^ wenn sie dieselben richtig
versteht, nur unwesentliches durch leichte Einschränkungen
und Zusätze kritisiren. Anders steht die Safche, wenn wir die
gesaminte Weltauffassung betrachten, von der Malthus be-
herrscht war; wenn wir die praktischen politischen und socialen
Zwecke in's Auge fassen, welchen er diente. Wir werden uns
dabei hauptsächlich an das dritte und vierte Buch des Essays
zu halten haben, und dabei mancherlei theoretische Einseitig-
keiten und praktische Inlhümer nicht leugnen können. Wie
schon erwähnt, steht Malthus weit über Ricardo, indem er den
grossen Zusammenhang aller politischen und socialen Fragen
überhaupt im Auge hat, ja er steht in einer Hinsicht auch
über Adam Smith, insofern er die ihn leitende Philosophie
erkennbar in sein Buch verwebt. Aber eben hier sind manche
Unklarkeiten und Lücken nicht zu verkennen.
Schon in den ersten Zeilen des ganzen Werks bekennt
es Malthus als seine Absicht, „die Ursachen, welche bisher
den Fortschritt der Menschheit zum Glück aufgehalten haben,
zu ergi'ünden." Der utilitarische Gedanke , dass der Ein-
floss auf das Glück der menschlichen Gesammtheit der Maass-
stab für die Sittlichkeit einer Handlung sei, tritt dann
später an den vei-schiedensten Stellen deutlich hervor. Im
3. Capitel des IV. Buchs stellt sich Malthus ganz einfach auf
len Standpunct des Utilitariers und sagt: „Ich sehe nicht
in, wie Jemand, der das Ntitzlichkeitsprincip als den grossen
'^aassstab für moralische Regeln betrachtet, sich der Folgerung
itziehen kann, dass moralische Enthaltsamkeit oder die Unter-
;sung des Heirathens, ehe wir eine Familie unterhalten
inen und völlige Keuschheit in dieser Zeit, die genaue Linie
Pflicht ist." — „Das Glück der Gesammtheit ist das
ultat des Glücks der Einzelnen nnd muss bei Letzteren
nnen.*'
Freilich wird gleich dazu gesagt, dass eine richtige Be-
tung der göttlichen Offenbarung zu denselben Resultaten
; häufig wird von „Glück und Tugend'' gesprochen;
icklich wird betont, dass Glück und Reichthum nicht
;ch seien, letzterer vielmehr nur eine Quelle des ersteren.
14*
212 Erstes Buch, Cap. 2.
„Das Glück einer Gesellschaft ist endlich das berechtigte Ziel
ihres Wohlstandes, ihrer Macht und Volkszahl." (B. III, c. 12.)
Kurz, wenn Malthus die Frage nach dem letzten Grunde
der von ihm aufgestellten Menschenpflicht aufwirft und dabei
auf das Wesen und die Ursache moralischer Pflichten über-
haupt kommt — so laufen bei ihm christlich theologische
Ideen, die Nützlichkeitslehre und eine Philosophie, welche die
Tugend und das Sittliche als etwas Selbständiges gegenüber
dem Nützlichen und gegenüber dem von der christlichen OflTen-
barung Gebotenen behandelt, nebeneinander her. Besonders
charakteristisch zeigt dies z. B. folgende Stelle Buch IL Cap. 2:
„Es ist eine erfreuliche Bestätigung für die Wahrheit
und Göttlichkeit der christlichen Religion und ihrer Brauch-
barkeit für einen vorgeschrittenen Zustand der menschlichen
Gesellschaft, dass sie unsere Pflichten in Bezug auf Ehe und
Fortpflanzung in ein anderes Licht stellt als es vorher geschah.
„Ohne uns auf diesen Gegenstand genauer einzulassen,
was zu weit führen würde, so wird man doch zugestehen,
dass, wenn man den Geist von St. Paulus Erklärungen über
die Ehe auf den jetzigen Zustand der Gesellschaft und die
bekannte BeschaflFenheit unserer Natur anwendet, der natür-
liche Schluss folgender zu sein scheint:
„Die Ehe ist recht, wenn sie nicht mit höheren Pflichten
coUidirt, andernfalls ist sie unrecht. 'Nach den allgemeinen
Principien der Moralwissenschaft ist der Weg, vom Licht der
Natur zum Willen Gottes zu gelangen, so zu finden, dass wir
nach der Tendenz der Handlung, das allgemeine Glück zu
vermehren oder zu vermindern, fragen' (Paley). Es giebt viel-
leicht wenige Handlungen, die so direct zur Verminderung
des allgemeinen Glücks beitragen, als Heirath ohne Mittel zur
Kinderunterhaltung.'' ~
Man sieht, Malthus benutzt die Popularität der Nüzlich-
keitvSlehre und nimmt keinen Anstoss an ihr. Er hält sie auf-
richtig und ehrlich für vereinbar mit strengem biblischen
Christenthum — und zwar oftenbar in der Weise, dass die
üebereinstimmung der christlichen Morallehre mit den natür-
R. Malthus. 213
liehen Folgerungen der Nützlichkeitslehre die Wahrheit des
Christen thums beweist, nicht umgekehrt. Diese gewisser-
maassen untergeordnete Stellung des Glaubens gegenüber der
Wissenschaft tritt hier noch weit deutlicher hervor als bei
Süssmilch, der wenigstens äusserlich und fonnell die Noth-
wendigkeit seiner „natürlichen Ordnung" aus dem geoffenbarten
Willen Gottes und nicht aus seiner factisch ganz selbständigen
wissenschaftlichen Beobachtung und Untei*suchung ableitet.
Dies gleichzeitige Benützen verschiedener Standpuncte
rührt nicht etwa davon her, dass Malthus den Anhängern
aller Religionen und aller Philosophien vor Allem nur die
Wahrheit seines Hauptsatzes und der daraus folgenden prak-
tischen Regeln klar machen wollte — vielmehr liegt die
Sache so, dass Malthus zu viel allgemeine Bildung, zu viel
religiöses und sittliches Pathos besitzt, um etwa die Bentha-
mitische Nützlichkeitslehre in ihrer schroffen Ausbildung zum
einzigen Ausgangspunkt zu nehmen^) und dass er doch zu
wenig Drang nach Entwicklung einer geschlossenen philosophi-
schen Weltanschauung hatte, um die Unvereinbai-keit der aus-
scliliesslichen Nützlichkeitslehre mit dem Geiste des Christen-
thums und einer jeden Ethik, in welcher der Begriff von
Tugend und Sittlichkeit als ein selbständiger existirt, zu er-
kennen.
So kam es, dass er die Frage, warum der Einzelne
das allgemeine Glück befördern soll, nicht stellte, ob-
wohl er keineswegs nothwendige Identität oder Harmonie aller
Interessen anerkannte, und dass er somit in Bezug auf die
letzte philosophisch-religiöse Begründung seiner Ansichten un-
klar blieb — obwohl er nicht umhin konnte, stets an die
höchsten Probleme von Religion und Philosophie zu streifen.
^) Die Abweichung von Benthani ohne bewussten Widerspruch gegen
denselben tritt besonders deutlich in den Stellen von Buch lY, Cap. 1
hervor, wo ausgeführt wird, dass die menschlichen Leidenschaften die
Grundlage all unserer Freuden und Leiden, unseres GlQcks und Elends,
unserer Tugenden und Laster sind — während Bentham bekanntlich
die Leidenschaften nicht durch Yernuntt und Pflichtgefühl zähmen, son-
dern geradezu durch Nützlichkeitsspeculationen verdrängen will.
214 Erstes Buch, Cap. 2.
Indessen diese Unklarheit fQhrt nicht zu schwachen,
falschen oder übertriebenen Consequenzen. Besonders muss
heiTorgehoben werden, dass seine Kenntniss der Naturwissen-
schaften ihn nicht zu materialistischen Verallgemeinerungen
führte. Zeuge dafür sind besonders das 1. Capitel des L
und das 1. Capitel des III. Buchs, in denen bekanntlich An-
regungen zu den späteren Darwin'schen Theorien enthalten
sind, aber keinerlei übereilte Verallgemeineiaingen vorkommen,
wie wir sie später bei Quetelet und Anderen finden. — E,benso-
wenig fühlt ihn das Nützlichkeitsprincip bei der Behand-
lung ökonomischer Fragen zum extremen Individualismus,
vielmehr ist eine social-politische Gesammtanschauung zu er-
kennen, die in sich consequent und geschlossen ist, und in
weit höherem Maasse als bei Adam Smith von gleichmässiger
Erfassung ökonomischer, politischer und ethischer Gesichts-
puncte zeugt.
Um mit den ethischen Gesichtspuncten zu beginnen, so
habe ich schon hervorgehoben, dass Malthus an vielen Stellen,
z. B. am Schluss des 3. Cap. des III. Buchs, eine strenge
sittliche Verantwortlichkeit des Individuums verlangt, von
welcher die Pflicht des Einzelnen, sich leichtsinniger Kinder-
erzeugung zu enthalten, nur eine Anwendung ist (Buch IV,
Cap. 1). „Natürliche und moralische Uebel sind, wie es
scheint, die Mittelf welche Gott anwendet, uns zu ermahnen,
jedes Verhalten zu unterlassen, das unserer Natur nicht zu-
sagt und daher uTiser Glück beeinträchtigt. Sind wir un-
mässig im Essen und Trinken, so wird unsere Gesundheit
gestört. Geben wir den Erregungen des Zornes nach, so be-
gehen wir gewöhnlich Handlungen, die wir nachher bereuen.
Vermehren wir uns zu rasch, so sterben wir vor Armuth
oder an Seuchen. Die Gesetze der Natur sind in all' die-
sen Fällen ähnlich und gleichfönnig.'^ „Offenbar ist Regu-
lirung und Leitung, nicht Verminderung oder Aenderung
nöthig in Bezug auf das Gesetz der Bevölkerung. Und wenn
moralische Enthaltsamkeit das einzige tugendhafte Mittel zur
Vermeidung der diesem Gesetz entspringenden Uebel ist, so
beruht unsere Pflicht, dieselbe auszuüben, auf derselben
R. Malthus. 215
Gnindlage, wie die Pflicht zu jeder anderen Tugend." Oder
Cap. 2: „Zu den Christen würde ich sagen, dass die Schrift
es aufs Klai-ste und Bestimmteste als unsere Pflicht hinstellt,
unsere Leidenschaften in den Grenzen der Vernunft zuiück-
zuhalten etc."
Mässigung der natürlichen Triebe erscheint als sittliche
Pflicht des Einzelnen, gemässigter Foitschritt ist das Ideal,
welchem nach Malthus alle politischen und socialen Institu-
tionen dienen sollen. —
Ich werde gleich zeigen, dass und wie er den Einfluss
menschlicher Institutionen zu gering schätzt; indessen er unter-
sucht überhaupt die Frage, wie sich gesellschaftliche Ein-
richtungen und individuelles Thun zu einander verhalten.
Jene Untei-schätznng entsprang nur aus dem Bestreben, vor
übereilter und radicaler Aenderung englischer Institutionen
zu warnen ; und wenn dieselbe im Sinne des einfachen „Laissez
faire" ausgebeutet worden ist, so geschah es gegen den Geist
des Werkes.
Von der französischen Revolution sagt Malthus gelegent-
lich der Besprechung von Condorcet's „Esquisse d*un Tableau
Historique des Progr^s de TEsprit Humain": „Der Anblick
einer der erleuchtetsten Nationen der Welt, welche erniedrigt
ist zu einer gährenden Masse von abschreckenden Leiden-
schaften, Furcht, Grausamkeit, Bosheit, Kachsucht, Ehrgeiz,
Tollheit und Wahnwitz, die selbst den wildesten Nationen in
barbarischer Zeit zur Schande gereichen würden, müsse für
seine Ideen vom nothwendigen und unvermeidlichen Fortschritt
des menschlichen Geistes eine ei-schreckende Erschütterung
sein, der nur die tiefste Ueberzeugung von der Wahrheit
seiner Principien im Gegensatze zu allen äusseren Erschein-
ungen widerstehen könnte" (Buch III, Cap. 1).
Ebenda Cap. 2: „Die W^ahrheit ist, dass, obwohl mensch-
liche Institutionen die offenbare Ursache vieler gesellschaft-
licher Missstände zu sein scheinen, und es in der That oft
sind, sie doch in Wirklichkeit von unerheblicher und ober-
flächlicher Bedeutung sind, im Vergleich mit jenen tiefer
216 ^^tes Bach, Cap. 2.
liegenden Ursachen, die aus den Gesetzen der Natur und den
Leidenschaften der Menschen entspringen/' — Oder Buch IV,
Cap. 6:
„Ein Pöbel — gewöhnlich die Folge zu grosser Bevölke-
rung — gereizt durch das Gefühl wirklicher Leiden, aber in
völliger Unkenntniss von deren Ursprung, ist von allen der
gefährlichste Feind (monster) der Freiheit" — „Paine bemerkt
richtig, dass der wirkliche Grund eines Auflaufs immer der
empfundene Mangel an Glück sei, welches auch der schein-
bare Ginind sein möge; aber wenn er fortfährt, zu sagen,
dass irgend etwas Fehlerhaftes in der Verfassung des Staats
das Glück, durch welches die Gesellschaft erhalten wird, be-
einträchtigt, so verfällt er in den gewöhnlichen Inthum, alles
Unglück der Regierung zuzuschreiben." — Ebenda Cap. 7:
„Die falschen Erwartungen und überschwenglichen For-
derungen der Volksführer vei*schafiFten der Regierung nicht
nur einen leichten Sieg über jeden starken oder massigen
Reform Vorschlag, sondern gaben sogar verhänguissvolle Mittel
zu offensiven Angriffen auf die Verfassung an die Hand." —
Neben solcher Abneigung gegen leidenschaftliche und
radicale Reform- resp. Revolutionspläne und übertriebenen
Glauben an die Bedeutsamkeit von Institutionen wird aber
nicht nur die Wichtigkeit von Ehe und Eigenthum, sowie der
natürliche und nothwendige Zusammenhang beider Institutionen
(Buch III, Cap. 2) erkannt, und die zu erwartende Venneh-
rung der Güter als Rechtfertigungsgruud des Eigenthums an-
geführt (Buch IV, Cap. 1), sondern es erscheint vor Allem der
historisch gewordene Staat als eine der wesentlichsten Be-
dingungen für die Gestaltung aller socialen Verhältnisse.
Buch in, Cap. 4 wird in sehr antimanchesterlicher Weise
ausgeführt, wie das Handelsinteresse eines unabhängigen
Staats ein anderes sei als das einer Provinz, und wie die
Vereinigung von sieben Königreichen zu einem englischen
Reich für die Vertheilung des Reiclithums in England sehr
wichtig sei. Umgekehrt wird an vielen Stellen betont, dass
die Verhinderung übergrosser Bevölkerung ein catilinarisches
Proletariat verhüte, das ganze Volk conservativ mache und
R. Malthus. 217
allniäligen Foitschritt sichere — d. h. Malthus erkennt voll-
ständig die Wechselwirkung socialer und politischer Verhält-
nisse. Besonders wichtig in dieser Hinsicht ist das 6. Cap.
des IV. Buchs. Malthus will die durch Uebervölkerung ent-
stehende Annuth als eine politische Gefahr entfernen, aber
nicht um den besitzenden Classen gesicherten Genuss ihrer
erworbenen Stellung zu garantieren, sondern um diese, und
zwar insbesondere den Grossgrundbesitz, in den Stand zu
setzen, seine Aufgabe, die Freiheit zu hüten und gemässigten
Fortschritt anzubahnen, zu erfüllen. Alles zusammengenommen
ist Malthus ein Conservativer, der nicht nur manche unab-
weisbare Fordeiomgen des modernen Liberalismus acceptirt,
sondern auch seine Gesinnungsgenossen vorwärts treibt, indem
er entschieden von dem Gedanken erfüllt ist, dass höhere
sociale Stellung höhere politische Pflichten auferlege.
„Die Anstrengungen aufgeregter und unzufriedener Männer
aus den Mittelclassen könnten wir ruhig ignoriren, wenn die
Armen über die wahre Natur ihrer Lage soweit aufgeklärt
wären, um zu erkennen, dass sie voraussichtlich nur den ehr-
geizigen Absichten Anderer dienen, ohne irgend welchen eigenen
Gevjinn zu erringen, wenn sie ersteren bei ihren Neuerungs-
plänen helfen. Die Landedelleute und die besitzenden Classen
in England könnten dann ruhig wieder mit heilsamer Eifer-
sucht sich gegen Eingriffe in ihre Macht wehren, und statt
täglich die Freiheiten der Unterthanen auf dem Altar der
öffentlichen Sicherheit zu opfern, könnten sie ohne jede Be-
sorgniss vor dem Volke nicht nur ihre letztgethanen Schritte
rückgängig machen, sondern fest auf jenen schrittweisen
Reformen bestehen, welche der Verlauf der Zeit und dje
Stürme in der politischen Welt nothwendig gemacht haben,
soll eine allmälige Vernichtung der englischen Verfassung
verhütet werden." —
Ich kann mir nicht versagen, eine weitere charakteristische
Stelle anzuführen, welche zeigt, wie Malthus überhaupt über
Constitutionalismus dachte , und wie sein Ideal eine allnullige
Emporhebung Aller zu einer aristokratischeren Stellung war —
im Gegensatze zu einer Alle drückenden Gleichmacherei:
218 Erstes Buch, Cap. 2.
„Man hat oft gesagt, der einzige Grund für eine ge-
wisse Theilnahme des Volkes an der Regierung sei darin
zu suchen, dass eine Volksvertretung die beste Gewähr für
gute und billige Gesetze leistet, dass aber die Sache für
die Gesammtheit gerade so gut stehen würde, falls unter
einem Depotismus dasselbe Ziel en-eicht werden könnte.
Wenn aber das repräsentative System, indem es den niederen
Ständen der Gesellschaft eine billigere und wohlwollendere
Behandlung seitens der Höheren sichert, jedem Individuum
eine grössere pei-sönliche Respectabilität und giössere Furcht
vor persönlicher Eraiedrigung verleiht, so ist es klar, dass
dies System mächtig zur Sicherheit des Eigenthums beitragen
muss, indem es Thätigkeit und Fleiss anspornt, Gewohnheiten
der Vorsicht erzeugt, und so Reichthum und Wohlfahrt der
unteren Glasten stärker befordert, als dies möglich wäre, wenn
dieselben Gesetze unter einem Despotismus beständen."
Was die eigentlich socialen Fragen betrifft, so durchdenkt
diese Malthus — unähnlich Ricardo — in ihrer ganzen Breite.
Seine Darstellung und Kritik des Communismus (Buch III,
Cap. 2 u. 3), sind höchst umsichtig und dabei vorurtheilsfirei
gegen die Personen z. B. Owen. Schon dadurch, dass die
Möglichkeit eines Zustandes ohne Sonderei<ienthum überhaupt
erwogen , die Frage nach der Lebensfähigkeit des Communis-
mus in der Zukunft aufgeworfen, und die Nothwendigkeit resp.
Nützlichkeit des Sondereigenthums bewiesen wird, erhebt sich
Malthus über jene Nationalökonomen, die das Sondereigenthum
ohne Weiteres als naturrechtliche Selbstverständlichkeit hin-
nehmen. Die jetzige Welt mit dem Sondereigenthum und
dem Egoismus als Haupttriebfeder der menschlichen
Handlungen erscheint dabei Malthus nicht als vollkommene,
nur als die relativ beste der Welten, in welcher immer mehr
allmälig und schrittweise gebessert werden könne und solle.
Eine andere Frage, die Malthus aufwirft und sehr eingehend
realistisch untei^sucht, ist die, ob bei zunehmendem Reichthum
der Gesammtheit die Lage der Arbeiter verbessert werde oder
nicht. Malthus wünscht Verbesserung der Lage der arbeiten-
den Classen von Herzen herbei und er beantwortet die Frage
H. Malihas. 219
nicht mit einer abstracten, allgemein gültigen Formel, sondern
indem er ein gewissermaassen ideales Ziel hinstellt, und die
Mittel und Wege sucht, wie man sich allmälig diesem Ziele
nähern könne (Buch IV, Cap. 13):
„Man hat allgemein beobachtet, dass die Mittelclassen
der Gesellschaften am meisten Neigung zu tugendhaften
und fleissigen Gewohnheiten und am meisten Fähigkeit zur
Entwicklung aller Talente besitzen. Aber es ist klar
dass nicht Alle in der Mitte sein können. Obere und untere
Stände sind der Natur der Dinge nach absolut nöthig, ja
sogar sehr heilsam. Wenn Niemand hofFen könnte, in der
Gesellschaft höher zu steigen, Niemand zu ftlrchten brauchte,
zu sinken — wenn Fleiss nicht seinen Lohn, Faulheit nicht
ihre Strafe mit sich brächte, so könnten wir nicht jene
lebendige Thätigkeit zur Verbesserung unserer Lage erwarten,
welche heute die Hauptquelle des öffentlichen Wohls ist.
Allein wenn wir die verschiedenen Staaten Europas betrachten,
entdecken wir beträchtliche Verschiedenheit in dem Ver-
hältniss der höheren, mittleren und unteren Stände, und durch
die Wirkung dieser Verschiedenheiten wird es wahrscheinlich,
dass unsere bestbegründeten Hoffnungen, eine Zunahme des
Glücks der Masse der Menschheit zu erreichen, auf der Aus-
sicht auf eine relative Zunahme der Mittelclassen beruhen.
Und wenn die niederen Volksclassen die Gewohnheit ange-
nommen haben, das Angebot von Arbeit einer stationären
und selbst abnehmenden Nachfrage anzupassen, ohne eine
Zunahme von Elend und Sterblichkeit wie gegenwärtig,
so können wir uns sogar der Hoffnung hingeben, dass der-
einst der Process der Verminderung der menschlichen Arbeit,
welcher in den letzten Jahren so rasch vorgeschritten ist, da-
hin fuhren wird, dass alle Bedürfnisse der reichsten Gesell-
schaft mit weniger persönlicher Anstrengung befriedigt werden
als heute; dass wenigstens die Zahl Derjenigen, die hart
arbeiten müssen, kleiner wird, wenn auch die Härte der
persönlichen Anstrengung nicht vermindert wird. Werden
auf diese Weise die unteren Classen weniger zahlreich und
die mittleren zahlreicher, so kann jeder Arbeiter sich eher
220 £^tes Bach, Gap. 2.
der auf Vernunft begründeten Hoffnung hingeben, durch Fleiss
und Thätigkeit in eine bessere Lage zu kommen; die Be-
lohnung fttr Anstrengung und Tugend würde häufiger wer-
den, die Lotterie der menschlichen Gesellschaft aus weniger
Nieten und mehr Trefl'eni bestehen und die Summe des
socialen Glücks entschieden zunehmen." —
Wir erkennen hieraus die Idee des socialen Fortschritts
durch allmälige Emporhebung eines wachsenden Theils des
Proletariats und Aufhebung des absoluten FJends des letzteren;
das Zugeständniss , dass die gegenwärtige Güter vertheilung
nicht absolut gerecht (wenn auch keine durch Gewalt umzu-
stürzende Ungerechtigkeit) ist: kui*z, das Programm der
socialen Reform im doppelten Gegensatz zu optimistischem
socialem Conservatismus und zu socialer Revolution.
Dieser Glaube an Fortschritt und dieser Wunsch nach
Reform tritt noch an vielen Stellen, besonders auch in den
Schlussworten des ganzen Werks hervor, wobei diese Ansichten
in deutlich erkennbarer Verbindung mit den sonstigen Gmnd-
anschauungen des Verfassers auftreten. (Buch, IV, Cap. 14):
„Alles zusammen genommen sind unsere Aussichten in
Bezug auf Milderung der aus dem Bevölkerungsgesetz hervor-
gehenden Uebel zwar nicht so glänzend als wir wünschen
möchten, aber doch keineswegs ganz entmuthigend und keines-
wegs brauchen wir an jener allmälig fortschreitenden Ver-
besserung der menschlichen Gesellschaft zu verzweifeln, welche
vor den jüngsten wilden Speculationen über diesen Gegenstand
das Ziel vernünftiger Hoffnungen war. Den Gesetzen des
Eigenthums und der Ehe und dem scheinbar onghei-zigea
Princip der Selbstsucht, welches jedes Individuum antreibt,
sich zur Verbessemng seiner Lage anzustrengen, verdanken
wir alle edelsten Bethätigungen des nienschlicken Geistes,
Alles, was die Civilisation von der Barbarei untei^scheidet
Eine genaue Untersuchung des Bevölkerungsgesetzes zwingt
uns zu dem Schluss, dass wir niemals die Leiter, die uns so
hoch hat steigen lassen, umwerfen können; aber keineswegs
beweist es, dass wir durch dieselben Mittel nicht noch höher
steigen können. Die Structur der Gesellschaft in ihren grossen
R. MalthuB. 221
Zügen wird wahrscheinlich immer unverändert bleiben. Wir
haben allen Grund, anzunehmen, dass sie stets aus einer Classe
von Besitzern und Arbeiten! bestehen wird. Aber die Lage
beider und ihr Verhältniss zu einander können sich so ver-
ändem, dass die Harmonie und Schönheit des Ganzen be-
deutend zunehmen.
„Das theilweise Gute, welches erreichbar erecheint, ist
all unserer Anstrengung weilh — und wenn wir auch nicht
hoffen können, dass Tugend und Glück der Menschen mit
dem glänzenden Fortschritt der Entdeckungen in der Natur
Schritt halten werden, — so dürfen wir doch , wenn wir es
an uns nicht fehlen lassen, zuversichtlich annehmen, dass die
ersteren in nicht unbeträchtlicher Ausdehnung durch den Fort-
schritt der letzteren beeinflusst und an ihrem Erfolg theil-
nehmen werden."
Man sieht, Malthus kennt die Naturwissenschaften, ohne
aus ihnen sanguinische und unhaltbare Analogien zu entnehmen;
er hält gleich den andem classischen Nationalökonomen an
den Principien des Sondereigenthums und des Egoismus fest;
aber aus bestimmten Gründen, und weder um zu einem heuch-
lerischen Optimismus, noch zu einem Hohn auf alle Versuche
zur Verbessening des Loosses der Arbeiter zu gelangen, son-
dern aus Gegensatz zu revolutionären Uebertreibungen, und
um seinen Glauben an die Nothwendigkeit allmäliger Aus-
bildung und Vervollkommnung des historisch Gewordenen zu
begi'ünden. — Kurz, in Malthus tritt uns freilich kein schär-
ferer, aber ein minder einseitiger Philosoph entgegen, als in
Bentham (vergl. unten); ein Mann mit umfassender politisch-
socialer und naturwissenschaftlicher Bildung, welche die Bil-
dung Ricardo's unendlich überragt. Die scharfe Vertheidigung
des Sondereigenthums und der Selbstliebe stimmt im Erfolg
mit dem Manchesterthum überein und verräth gelegentlich,
dass Malthus von den Ideen der Zeitgenossen angesteckt war
— aber die Motive sind andere wie bei den Manchestermän-
nem, wie schon der Umstand beweist, dass Ehe und Eigen-
thum gewöhnlich in Verbindung miteinander besprochen wer-
222 Erstes Buch, Cap. 2.
den, und dass die egoistischen Elugheitslehren sich in wahr-
hafte Moralgesetze verwandeln.
Zum Schlüsse müssen nun zwei EigenthQmlichkeiten von
Malthus — seine eigentlichsten Schwächen besprochen werden,
nämlich seine Veilheidigung der EornzöUe, und die Einseitig-
keit, mit der er den Armen allein eine schwere sittliche
Pflicht auflegte, während er die parallelen Pflichten der Reichen
nicht gleichmässig betonte; und mit der er hoffte, diese Pflich-
ten den Almen durch Belehning einleuchtend zu machen und
sie so durchzusetzen. In diesen beiden Lehren zeigt sich
auch Malthus' sociale Parteistellung am deutlichsten; er ver-
tritt das Interesse des aufgeklärten Giamdbesitzers — freilich
bei Weitem nicht in jener nackten Schroffheit, mit der Ricardo
für das Capital in die Schranken tritt.
Die Kornzölle sind die Frage, welche in der ganzen Zeit
bis zu ihrer Abschaffung den sichersten Probstein für die
sociale und socialpolitische Stellung eines praktischen oder
theoretischen Politikers abgiebt.
Im Dienste des Kampfes gegen die Kornzölle entwickelte
Ricardo seine abstracto Grundrententheorie. Malthus ist für
die Erhaltung der Kornzölle, während er im Uebrigen frei-
händlerisch ist wie Ricardo. Man kann Malthus nicht darin
zustimmen, da die Kornzölle gegenüber der unauthaltsamen
industriellen Entwicklung und den Bedürfnissen der wachsen-
den industriellen Bevölkeiamg unhaltbar waren und seine Ar-
gumentationen mussten den Tendenzen derjenigen Landedel-
leute dienen, welche den Geist der neuen Zeit ihren Geld-
interessen zu unterwerfen strebten, gerade so, wie ja auch
Malthus' Rath, die officielle Annenflege abzuschaffen, zuvörderst
den Geldinteressen der Grundbesitzer willkommen war. —
Wir werden öfter sehen, wie der für seine Geldinter-
essen und politischen Privilegien gegen das bewegliche Ca-
pital kämpfende grundbesitzende Adel trotz aller einzelneu
Ausnahmen im Ganzen doch mehr Staatsgefühl bewahrte, als
seine Gegner und in seinem Kampfe manche Institutionen zum
Heile des Ganzen erhielt resp. durchsetzte. Malthus' Buch
ist gewissermaassen ein Vorbild für diesen Entwicklungsgang,
R. Malthus. 223
indem seine Vertheidigung der Kornzölle ihm gerade die
Hauptgelegenheit zur Entwicklung staatsmännischer im Gegen-
satz zu rein manchesterlichen Anschauungen giebt, und indem
sein Kampf gegen die Armengesetze mit dem ernstesten Willen
die Lebenshaltung der Arbeiter zu heben Hand in Hand geht.
Schon in den Untei-suchungen über Armengesetze Buch HI,
Cap. 7 kann man direct herauslesen, dass Koniverbilligung
durch freien Import den Armen nichts nützen könne, weil
sie nicht mit gesteigerter Arbeitsnachfrage zusammenfalle.
Es folgen nun Cap. 8 — 12 Untersuchungen über die Lage
von Ackerbau- und Handelsstaaten und über Konizölle; hier-
bei wird der Segen und die Wichtigkeit des Ackerbaues etwas
übei*schätzt, wenn auch keinenfalls in dem Maasse, wie die
späteren Freihändler Handel und Industrie für die einzige
Quelle alles Heils erklärten. Cap. 8: „Handel und Industrie
sind dem Ackerbau nöthig, der Ackerbau ersteren aber noch
nothwendiger. Es bleibt immer wahr, dass der Uebei-schuss
des Products der Ackerbauer dem Wachsthum des nicht mit
Bodencultur beschäftigten Theils der Bevölkerung Maass und
Grenze setzt." Die Untersuchung der Lage von Ackerbau-
und Handelsstaaten endigt mit dem Resultat (Cap. 10), dass
die Verbindung des Ackerbau- und Handelssystems dem Ge-
meinwohl am förderlichsten sei und zwar sollen sich beide die
Waage halten. Handel und Industrie können nur da auf-
blühen , wo Feudalismus und Sclaverei tiberwunden sind, und
Sicherheit des Eigenthums herrscht; durch ihre Blüthe wird
vorzeitige Stagnation der Arbeitsnachfrage verhütet, beständi-
ger Absatz der Bodenproducte gesichert. Ein üebergewicht
der Industrie dagegen macht das Land vom Ausland abhängig,
und es muss ein Rückschritt in der Entwicklung des National-
wohlstandes eintreten, sobald andere Länder ebenfalls ihre
eigene Industrie entwickelt haben werden. —
Also vornehmlich um die Selbständigkeit des Landes
und einen gleichmässigen Fortschritt des Nationahvohlstandes
zu sicheiTi, werden Kornexportprämien entschuldigt, Kornein-
fuhi*zölle gerechtfertigt — wenigstens für Länder mit vielem
fiiichtbarem Boden und wenig schwankendem Ernteertrag.
224 Erstes ßuch, Cap. 2.
Als Nebengründe ei*scheinen noch die Gleichmässigkeit der
Getreidepreise und die höhere Pi*oductivität des Ackerbaus.
Malthus macht also vom Laissez-faire-Princip eine Aus-
nahme zu Ehren seiner allgemeinen Wünsche für poli-
tischen und socialen Foilschritt. Nicht die Steuerlasten
des Grundbesitzes, nicht die Behauptung, der inländische
Handel würde ohne Komzölle ruinirt werden, machen ihn
zum Vertheidiger dieser Institution, sondern seine Abneigung
gegen den Zustand, demzufolge Handel und Industrie über-
wiegend und allein tonangebend im Lande sind, und die In-
teressen dieser weniger sicheni Quellen des Erwerbs dominirend
werden. Es lässt sich nicht leugnen, dass damit die schwache
Seite der durch freien Kornhandel begünstigten einseitigen
industriellen Entwicklung getroffen ist. Obwohl Malthus etwas
Unmögliches verlangte — wie die Zukunft lehrte — und sich
irrte, weil er zumeist nur Englands Handel mit den andern
europäischen Ländern, nicht mit der ganzen Welt ins Auge
fasste, obwohl er factisch das Interesse eines Standes vertrat
— man darf nicht vergessen, dass er niemals sophistische oder
leidenschaftliche Gründe vorbrachte, wie die meisten Fi*ei-
händler, sondern dass er nur aus seiner Auffassung vom
dauernden Gemeinwohl heraus und mit der grössten Voi"sicht
operirte.
Cap. 12: „Wir haben in den vorangehenden Capiteln
die besonderen Nachtheile eines ausschliesslichen Ackerbau-
oder Handelssystems betrachtet, sowie die besonderen Voi-züge
eines Systems, in welchem beide vereint sind und zusammen
blühen. — Es ist offenbar möglich, durch Korneinfuhr-Beschrän-
kungen ein Gleichgewicht zwischen den Ackerbau und Handel
treibenden Classen zu erhalten. — Das Ziel kann wohl sicher
eiTeicht, aber es kann zu theuer erkauft werden. Und für
diejenigen, die nicht von vornherein alle derartigen Unter-
suchungen als Verstoss gegen ein von ihnen heilig: gehaltenes
Princip verwerfen, muss es als eine höchst wichtige praktische
Frage erscheinen, ob man nicht ein Gleichgewicht zwischen
Ackerbau und Handel unter Umständen künstlich erhalten
solle, wenn es nicht von Natur stattfindet" „Völlige Handels-
R. MalthoB. 225
freiheit ist ein, wie zu befürchten steht, nie ganz en'eichbares
Ideal. Dennoch müssen wir streben, uns derselben so weit
als möglich anzunähern. Sie muss stets als die grosse all-
gemeine Regel betrachtet werden. Und wer eine Abweichung
vorschlägt, muss die Ausnahme klar beweisen." —
Hat sich Malthus hier aus sehr entschuldbaren Gründen
getäuscht, so irrte er in Bezug auf seine Ansichten über die
arbeitenden Classen auch nicht aus verwei-flichen Motiven, wohl
aber in Folge einer nicht zu entschuldigenden Einseitigkeit.
Er will alle officielle Annenpflege abgeschafft wissen
als nutzlos, nur Pnvatwohlthätigkeit für individuelle Fälle soll
geduldet werden; Malthus hält fenier Gewerkvereine nicht
nur für ungesetzlich , sondern auch für unnatürlich und un-
wirksam; er verwirft nicht nur die Vorschläge eines Spence,
Paine und Owen, sondern auch die gesammten Tendenzen von
Cobbett (ohne ihn jedoch zu nennen [Buch III , Cap. 7]) ; er
hält zwar Fabrikgesetze für gut und erkennt die schlimmen
socialen Wirkungen der Grossindustrie vollständig; erwünscht
Hebung der arbeitenden Classen in jeder Hinsicht — aber,
um zu seinem Ziele zu gelangen, verlangt er nur von dem
Proletariat selbst eine strenge sittliche Enthaltsamkeit, wäh-
rend er von der Regierung nur unerhebliche Uebergangs-
maassregeln, von den besitzenden Classen so gut wie nichts
verlangt.
Dieser einseitige Appell an die Selbsthülfe hat nun nicht
nur unleugbar im Effect etwas Halles und Inhumanes, er ist
zugleich evident unpraktisch. Denn es ist mehr als naiv, zu
glauben, dass ein wirkliches Proletariat zu Ehren einer bessern
Zukunft den Malthus'schen Rath befolgen werde. Die Ver-
allgemeinerung, nicht Ausgleichung des Besitzes, oder doch
die Verallgemeinerung der Hoffnung auf Besitz muss erst voll-
zogen sein, ehe an eine Verallgemeinerung der moralischen
Enthaltsamkeit zu denken ist, ^ Jenes oben erwähnte Mal-
*) Dies spricht sehr schroff aus der Zeuge Alexander Richmond im
Second Report on Artizans and Machinery, März 1824:
^In the theory Mr. Malthus has laid down the general proposition
Held, Soc. G«scb. Engl. 15
226 Erstes Buch, Cap. 2.
thus'sche Ideal von der relativen Zunahme der Mittelclassen
muss zuerst, oder doch selbständig, angestrebt werden; es wird
sich niemals aus moralischer Enthaltsamkeit eines hoffnungs-
losen Proletariats entwickeln. Es ist gewiss weise, dass Malthus
gesetzliche Heirathsbeschränkungen verschmäht; dass er aber
alle Verbessei-ung der Lage der untern Classen nur von der
moralischen Enthaltsamkeit und diese nur von wachsender
Einsicht und Belehning durch Schulen erwartet — dies er-
inneit in der That an die Schwäche jener zahlreichen man-
chesterlichen Optimisten und Weltbeglücker, die allen denk-
baren socialen Missständen gegenüber immer wieder nur das
unfehlbare Mittel vermehrter Bildung anzupreisen wissen.
Dies ist die eigentliche Schwäche von Malthus und er hat
im Grunde allein schädlich dadurch gewirkt, dass er in sei-
nem Eifer gegen Communismus die Bedeutung gemässigter
socialer Reform und socialer Organisation durch planmässige
That von Gesellschaft und Staat unterschätzte. Er vergass,
dass unsinnige Vermehrung des Proletariats nur mit der Ab-
nahme des Proletariats selbst abnehmen, nur mit seinem Ver-
schwinden selbst vei-schwinden kann, dass eine gesundere Ver-
theilung — nicht Gleichheit — des Besitzes Voraussetzung,
nicht Folge einer vorsichtigen Bevölkerungsvermehrung ist
Man sieht, nicht nur im Dienste des bürgerlichen und prole-
tarischen Radicalismus , auch im Dienste des altenglischen
Conservatismus erzeugt die Neigung zu den Principien des
Individualismus und des Laissez faire schliesslich unhaltbare
Abstractionen !
Ja , man wird sogar sagen können ; Wenn Malthus gegen-
über den bestehenden Armengesetzen behauptet, kein Indivi-
duum habe der Gesellschaft gegenüber ein Recht auf Exi-
stenz, so ist dies nur insofern wahr, als es keine Einrich-
tungen giebt, die einer beliebigen Menge von Menschen das
Alter des Psalmisten sichern können: aber der menschlichen
is correct. But tbe actual Operation of tbe tbing is in an inverse ratio.
Tbe demoralization of tbe people is keeping pace exactly witb tbe reduc-
tion of tbe price of labour", d. b. bei bobem I^obn entstebt Vorsicht, bei
niedrigem Leicbtsinn in Bezug auf die Fortpflanzung.
R. Malthus. 227
Gesellschaft wird das Bewusstsein nicht zu nehmen sein, dass
es eine grosse letzte Instanz von Versicherung gegen den
Hungertod geben müsse, sei es, dass Kirche, Staat oder Ge-
meinde diese Vei-sicherung tibernehmen. Einen Beweis für die
Wahrheit dieses Bewusstseins kann man freilich nicht andei-s
führen, als indem man die Thatsache seiner Existenz bei allen
civilisirten christlichen Völkern constatirt. Die Ueberzeugung
von der Nothwendigkeit einer solchen Vei-sicherung hat frei-
lich vielfach zu einer unsinnigen schädlichen Armenpflege ge-
führt und dennoch niemals vermocht, das Elend in all seinen
Abstufungen und den indirekten Hungertod, um mich so
auszudrücken, zu verhüten. Aber sie zwingt uns zur Errich-
tung eines Systems öffentlicher Armenpflege zur Ergänzung
der Selbsthilfe wenigstens in den äussersten Nothfällen. Was
aus dem wahren Inhalt von Malthus' Lehren mit Recht ge-
folgert werden kann, ist nicht Abschaffung aller officiellen
Armenpflege, sondern möglichste Einschränkung ihres Gebiets
durch Voracht und Weisheit der Verwaltung einerseits —
durch positive That zur Verminderung des Proletariats und
des Pauperismus andererseits.
Der Vorschlag der Abschaffung aller officiellen Armen-
pflege ist ein höchst radicaler, während sonst doch Malthus
immer gegen radicale Maassregeln stimmt. Es ist nicht wun-
derbar, dass Jemand zu dieser Idee kam , nachdem alle Ver-
suche, die Armenpflege auf eine rationelle Weise zu lösen^
in England seit den Tagen der Elisabeth fehlgeschlagen
hatten. Ja, es ist sogar wahr, dass gar keine Armenpflege
besser ist, als die Armenpflege mit dem Allowance-System zu
Malthus Zeiten war. Dennoch verlangte Malthus hier etwas
Unmögliches, das wohl wesentlich die zahllosen ungerech-
ten Beurtheilungen der Motive des Mannes hervorgerufen hat,
— des Mannes, def trotz seiner Irrthümer au Tiefe des Geistes,
Breite der Bildung und Adel des Charakters so hoch über
Bicardo, dem Propheten der Herrschaft des Kränierthums,
steht.
Buch III cap. 2 führt Malthus aus, dass „aus den Insti-
tutionen von Eigenthum und Ehe Ungleichheit der Lage ent-
15*
228 Erstes Bacb, Gap. 2.
Stehen muss, dass die nach der Theilung des Besitzes Grebo-
renen in eine bereits in Besitz genommene Welt kommen."
Dennoch denkt er nicht an Beeinflussung der sich beständig
neu vollziehenden Besitztheilung, sondein meint, „dass in Folge
der unerbittlichen Gesetze der menschlichen Natur einige
menschliche Wesen dem Mangel ausgesetzt sein müssen/' Im
dritten Capitel werden Owen's Bemühungen für Verküraung der
Arbeitszeit in Fabriken und für Verbreitung von Schulen warm
gelobt, die Irrthümer der Arbeiter als entschuldbar bezeichnet
— allein zu ihrer Hebung giebt es doch kein anderes Mittel,
als „Geduld und schrittweise Verbreitung von Bildung und
Kenntnissen." —
Im fünften Capitel sagt uns Malthus : „Niemand wünscht
wärmer als ich ein reelles Steigen des Preises der Arbeit'*;
er glaubt nicht an einen natürlichen, unveränderlichen Hun-
gerlohn, aber das Steigen des Lohnes köune nur durch Ver-
änderung „des Verhältnisses zwischen der Menge der Con-
sumtionsmittel und der Consumenten" bewirkt werden. In
Theuerungszeiten soll man den Nothleidenden wohl „tempo«
rary aid" gewähren, wie im siebenten Capitel ausgeführt wird,
aber nur nicht durch Lohn- und Preisregulirungen. Das sechste
Capitel sagt; „Ich bin überzeugt, dass wenn die Armengesetze
bei uns nie existirt hätten, die Gesammtsumme von Glück
unter dem niederen Volke weit grösser wäre als jetzt, wenn
auch einige grosse Nothfälle mehr vorgekommen wären. Der
Grundfehler aller dieser Systeme ist der, dass sie die Lage
der nicht Unterstützten vei*schlimmern , und mehr Arme er-
zeugen." Ebenda wird die Niederlassungsgesetzgebung kriti-
sirt, den Annengesetzen Demoralisation der Arbeiter, den
Arbeitshäusern die Wirkung zugeschrieben, dass sie alle Ar-
beiter abhängiger machen — dies Alles ist richtig, nicht aber
die Folgerung, dass die anderweitige Vertheilung des vorhan-
denen Besitzes n i e zu etwas nützen könne, welche Folgei'ung
isich in den Worten ausspricht, womit das Armengesetz der
Elisabeth beurtheilt wird:
„Was heisst dies anders als die Behauptung aufstellen,
dass die Unteihaltsmittel für die Arbeiter in diesem Land
R. Malthus. 229
sich nach Belieben und ohne Schranke durch Befehl der
Regierung oder Umlage der Aufseher veimehren lassen? Ge-
nau genommen ist dies so arrogant und absurd als ein Be-
fehl es wäre, demzufolge zwei Aehren Weizen auf deraelben
Stelle wachsen sollten, wo bisher nur eine wuchs.'*
Das 7. Capitel fQhrt die gleichen Gedanken weiter fort
und sagt: „die Hauptui-sachen der Zunahme des Pauperismus,
unabhängig von der jetzigen Krisis, sind ei-stens in der allge-
meinen Zunahme des Manufactursystems und den unveimeid-
lichen Schwankungen in der industriellen Production und
zweitens insbesondere in der in manchen Ländern angenom-
menen und jetzt in ganz England verbreiteten Praxis, einen
beträchtlichen Theil dessen, was Arbeitslohn sein sollte, aus
Kii'chspielsteuern zu zahlen, zu suchen." —
Daraus wird aber nicht die" Nothwendigkeit von Sanitäts-
und Gewerbegesetzgebung, und die Abschaffung der Auswüchse
der öffentlichen Annenpflege, sondern eben stets die Abschaff-
ung der letzteren selbst gefolgert.
Das 13. Capitel (Buch III) erkennt an, dass die Frage
nach der Vertheilung des Gesammtreichthums unter die ein-
zelnen Stände noch wichtiger ist, als die Frage nach der Zu-
nahme des letzteren — Malthus constatirt, „dass die Mittel
zum Unterhalt von Arbeiten! nicht nothwendig mit dem Ge-
sammtreichthum und selten im Verhältnlss zu letzterem wachsen,"
— und dass „bei einem natürlichen regelmässigen Fortschritt
eines Landes zu einem Zustand grossen Reichthums und gros-
ser Bevölkerung die arbeitenden Klassen nothwendig zwei
Nachtheilen ausgesetzt zu sein scheinen" — nämlich der ab-
nehmenden Möglichkeit, ihre Kinder zu erhalten, ungesunderen
Beschäftigungen , und Schwankungen der Arbeitsnachfrage.
Ausdrücklich wird der letztere Nachtheil als Folge der Fabrik-
und Maschinen- Industrie hingestellt, welche aber ihrerseits
wieder die Freiheit, die Consumtion von Industrieproducten
und den Fleiss unter den niedern Classen begünstigt.
Daraus wird aber nicht die Nothwendigkeit eines be-
sonderen Einschreitens gegen die Nachtheile der Grossindustrie
abgeleitet, sondern, wie namentlich die Schlussworte des 13.
230 Erstes Buch, Cap. 2.
und des 14. Capitel beweisen — Malthus ist im Allgemeinen
der Meinung, dass sich Vortheile und Nachtheile die Waage
halten, und jedenfalls allein die moralische Enthaltsamkeit
der Arbeiter helfen kann. „Nur die Verbindung indivi-
dueller Vorsicht mit der Geschicklichkeit und dem Fleiss,
die den Reichthum erzeugen, kann auf die Dauer den unteren
Classen der Gesellschaft jenen Antheil am allgemeinen Reich-
thum sichern , dessen Besitz in jeder Hinsicht so wünschens-
werth für dieselben ist." —
Im 6. Capitel des IV. Buchs findet Malthus selbst, dasB
es etwas Befremdendes habe, den untern Classen die Ver-
schuldung ihrer Leiden fast ausschliesslich allein zuzuschreiben
— tröstet sich aber völlig damit, dass die Einsicht dieser
Wahrheit derP'reiheit nicht gefährlich, sondern förderlich ist,
ohne sich Ober die Inhumanität des Satzes Gedanken zu
machen. Der Plan zur allmäligen Abschaffung der Armen-
gesetze (Cap. 8), welcher mit der ötfentlichen WideiTufung
des Rechts auf Armenuntei-sttitzung, d. h. mit der Erklärung,
dass Kinder, die nach einem gewissen Zeitpunct geboren wer-
den, kein Recht auf Kirchspieluntersttttzung beanspinichen
dürfen, beginnen soll, ist evident unpraktisch. Noch unprak-
tischer ist offenbar im folgenden Cai)itel der Gedanke, es
müsse die öffentliche Meinung allgemein dahin bearbeitet
werden, einzusehen, dass Niemand eine Familie begründen
solle, ohne gesicherte Unterhaltsmittel dafür zu haben. — Bei
allen Leuten, die nicht geradezu reich sind, macht es einen
gewaltigen Unterschied, ob sie drei, sechs oder zwölf Kinder
zu erhalten haben, und die offenbar aus sittlichen Motiven be-
liebte Beschränkung des Raths zu moralischer Enthaltsamkeit
auf die Zeit vor der Ehe macht diesen Rath selbst ganz illu-
sorisch. Ja selbst dies kann man nicht leugnen, dass Malthus
über die unter den spät heirathenden Männern der besitzen-
den Classe herrschende Prostitution milder denkt — wenig-
stens beweist dies sein Schweigen — als dies gegenüber sei-
nem heiligen Zorn gegen zu frühes Heirathen der Armen ge-
rechtfertigt erscheint.
Im 12. und 13. Capitel gesteht Malthus den Nutzen von
R. Malthus. 231
Sparcassen und anderen Einrichtungen, welche dem Arbeiter
den Eipenthumsei-werb erleichtern sollen, zu — weist aber
sehr gelehrt und theil weise richtig nach, dass kein einzelnes
solches Mittel durchgi-eifend und allgemein zu helfen vermöge.
Aber wainim kommt er nicht auf die Idee, dass viele Ein-
richtungen, welche das Loos des Arbeiters sichern und ihm
Eigenthum zugänglicher machen sollen, zusammengenommen
doch viel bessern können und jedenfalls wirksamer sind als
das Aussprechen von Sätzen, die in der Praxis als Phrase er-
scheinen, wie z. B. die Schlussworte von Buch IV, Cap. 9:
„In den meisten Ländern scheint eine Art „Standard*'
des Elends in den unteren Classen zu existiren, ein gewisser
Punkt, bei welchem das Heirathen und das Sichfortpflanzen
aufhört. Dieser Standard ist nach Ländeni verschieden, —
die Ui-sachen seiner Hebung sind hauptsächlich Freiheit,
Sicherheit des Eigenthums, Verbreitung von Bildung, Geschmack
für Annehmlichkeiten und Bequemlichkeit des Lebens — wäh-
rend Despotismus und Unwissenheit ihn noch herabdrücken.
— "Wollen wir die Lage der arbeitenden Classen verbessern,
so müssen wir diesen Standard so hoch als möglich steigern
durch Pflege eines Geistes der Unabhängigkeit, des anstän-
digen Stolzes, des Sinnes für Reinlichkeit und Bequemlichkeit.
Die Wirkung, welche eine gute Regieiiing auf die vorsich-
tigen Gewohnheiten etc. bei den niederen Ständen hat, wurde
schon betont; sicherlich aber wird diese Wirkung immer un-
vollkommen bleiben ohne ein gutes System des Unterrichts."
Ich habe Malthus vielfach mit seinen eigenen Worten
sprechen lassen, eben weil er verTiältnissmässig wenig genau
gekannt wird. Das Angeführte dürfte genügen, zu zeigen,
dass Malthus, geistesverwandt mit Burke, in der Fülle seiner
socialen und politischen Ideen einen rühmlichen Gegensatz zu
Bentham und Ricardo bildet. Wo er theoretisch zu Letzterem
im Gegensatz steht, müssen wir ihm immer Recht geben; wo
er praktisch von ihm abweicht, wie betreff's der Kornzölle,
freilich nicht. Aber wir finden jedenfalls bei dem Vergleich
der beiden classischen Nationalökonomen die so häufig beobach-
tete Thatsache bestätigt dass diejenigen, welche, wenn auch
232 Erstes Buch, ap. 2-
nur theilweise sich gegen gewisse Zeitideen auflehnen, mehr
Geist und Bildung aufwenden und daher lehiTeicher wirken,
als diejenigen, die voll und unbedingt mit den praktisch
zur Herrschaft gelangenden Ideen marschiren, und mehr durch
einseitige, aber allgemein geglaubte Redensarten und durch
Appell an die Leidenschaften einen grossen Einfluss gewinnen.
Trotz dieser Vorzüge war Malthus kein Reformator, der
etwa in England schöpferische sociale und politische Ideen
vertreten hätte, wie gleichzeitig Stein in Deutschland es that.
Er erkannte den Zusammenhang von Staat und Gesell-
schaft, er wollte allmälige sociale Reform, aber im Grunde
nur durch individuelle Selbsthülfe, wenn er sich diese aach
sittlich, nicht nur durch Speculation bestimmt dachte; die
zwischen der reinen Selbsthülfe und der Revolution liegende
Organisation vei-stand er nicht. Und weil diese Schranke, die
er seinen Refoim-Hoffnungen und -Plänen durch die Aus-
schliesslichkeit der Selbsthülfe auferlegte, praktisch besonders
wirksam w^ar, von Conservativen und bürgerlich Liberalen
gleichmässig gem acceptiit wurde, so kann und muss er zu
den Vertretern der classischen Nationalökonomie gerechnet
werden, obwohl ihm persönlich die Absicht staatsauflösender
Tendenzen ferne lag.
Adam Smith — Ricardo — Malthus mögen hier genügen,
wenn wir die classische Nationalökonomie als ein wichtiges
geistiges Element schildern wollen, das die socialen Bewegun-
gen des englischen Lebens beeinflusst hat.
Doch eine Stelle aus Mac-Culloch sei hier noch mitge-
theilt, weil sie uns in aller Kürze die Grundzüge des oft er-
wähnten Manctesterthums zu enthalten scheint und dadurch
bezeichnend wird für den Geist , der in den Nachfolgeni der
drei grossen classischen Nationalökonomen hen-schte. Wir
lesen im II. Bande des Statistical account, S. 35 und 36:
„Die dem Fortschritte der Manufacturen und der Industrie
günstigen Verhältnisse sind theils moralische, theils physische.
Die wichtigsten der ersteren Art scheinen zu sein: Sicherheit
und freie Verfügung über das Eigenthum; Abwesenheit von
Monopolen und Nichtintervention der Regierung in industrielle
ChalmerB. 233
Unternehmungen ; Verbreitung von Bildung im Volke ; freund-
liche Aufnahme von Fremden ; Wetteifer und Energie, hervor-
gerufen durch Ungleichheit des Besitzes. Es ist sicher,
dass nichts uns in höherem Grade klai*sehend und scharfsinnig
macht als der Wunsch, unsere eigenen Interessen zu verfolgen.
Das Princip, dass die Individuen im Allgemeinen ihren
eigenen Vortheil selbst am besten erkennen, ist jetzt allgemein
als das allein wahre und sichere anerkannt. Kein Schiift-
steller von Autorität hat in der jüngsten Zeit gewagt, die
veraltete und unhaltbare Lehre aufrecht zu erhalten, dass die
Regierung in die Bestrebungen der Unterthanen regulirend
mit gutem Erfolg eingreifen könnte. Ihre Aufgabe ist es,
Ordnung zu halten, zu verhindem, dass die Einen den An-
dern Unrecht thun, kurz, gleiche Rechte und Privilegien Aller
aufrecht zu erhalten. Aber sie kann keinen Schritt weiter-
gehen, ohne das Princip der Niehtintervention zu verlassen
und sich dem Vorwurfe der Parteilichkeit und Ungerechtig-
keit auszusetzen/'
§ 4. Die conservativen Nationalökonomen.
Auf keinem Gebiete feierte der Utilitarianisnms grös-
sere Triumphe als auf dem der Nationalökonomie. Man iso-
lirte die Betrachtung der wirthschaftlichen Erscheinungen und
wendete den utilitarischen Gesichtspunkt auf diesem Ge-
biete dann als etwas ganz Selbstverständliches an. Auch dass
die classische Nationalökonomie auf dem wirthschaftlichen
Gebiete in weitgehendster Weise individuelle Freiheit ver-
langte, en*egte verhältnissmilssig wenig Anstoss, der Zusammen-
hang des Postulats des laissez faire auf wirthschaftlichem Gebiet
mit dem politischen Individualismus wurde weniger bemerkt,
weil weitgehende wirthschaftliche Freiheit in England praktisch
schon weit früher als anderswo bestand.
Wir haben heute erkannt, dass die Nationalökonomie
der Physiokraten, sowie die von Adam Smith und Ricardo
gerade die ausgebildetste Fmcht des Individualismus und
234 E:r8te8 ßuch, Cap. 2.
Rationalismus des vorigen Jahrhunderts ist, und streben da-
nach , sie zu reformiren, soweit sie in Folge dieser Grundlage
auch in ihrem beschränkten Gebiete zu extremen und einseitigen
Folgeinnpen kam.
Anklänge solcher Erkenntniss und Vei-suche solcher Re-
form finden wir auch in England, sie blieben aber noch
schwächer als die Reaction gegen den politischen Radicalismos
und noch mehr wie bei Burke finden wir bei den dem Zeit-
geist gegenüber selbständigeren Nationalökonomen, dass sie
sich inconsequenter Weise dem Utilitätsprincip unbedingt
beugen.
Schon bei Malthus haben wir gesehen, wie er trotz all-
gemeiner philosophischer und historischer Bildung, trotz seines
Appells an die individuelle Sittlichkeit praktisch zumeist als
Bundesgenosse Ricardo's wirkte und wie er sich auf die Nütz-
lichkeit trotz alles Bibelglaubens berief. Eine consequentere
Verwerthung einer höheren Auffassung von Menschen und
Staat finden wir erst später z. B. bei den christlichen Socia-
listen; in unserer Periode traten wohl auch Nationalökono-
men auf, welche sich zu der Lehre Ricardo's in bewuss-
teren und schärferen Gegensatz stellten als Malthus , aber
ihre Forderungen beschränken sich doch nur auf wenige nicht
durchschlagende Puncte und ihre principielle Stellung bleibt
äusserst schwach. Sie wollen einfach auch in wirthschaft-
lichen Dingen ein Festhalten an den conservativ - christlichen
Grundlagen des englischen Volkslebens — ohne aus ihrer
humaneren Auffassung des ganzen Menschen eine Umgestaltung
aller wirthschaftlichen Lehi-sätze, eine principielle Unter-
ordnung der materiellen Interessen unter idealere Be-
strebungen abzuleiten.
Wohl der hervorragendste dieser Nationalökonomen, die
ich conservative nenne, weil sie sich einen gewissen conser-
vativen christlichen Sinn bewahrt haben, ist Thomas Chalmei's.
Von seinen beiden Hauptwerken „The Christian and Civic
Economy in Large Towns" (1821 u. 1823) und „On Political
Economy in connexion with the moral State and moral prospects
of Society" (1832) führt das erstere aus, dass die Thätigkeit
Chalmers. 235
der Geistlichen durch Localisirung in grossen Städten gerade
so wirksam eingerichtet werden müsse wie auf dem platten
Lande, da ohne christliche Erziehung auch auf wiithschaft-
lichem Gebiete kein Heil sei. Chalmei's schildeit des Näheren,
wie die Geistlichen wirken sollen — man erkennt aber leicht,
dass eben der energische Wunsch nach Steigerung des Ein-
flusses der Kirche die beheiTSchende Tendenz ist, nicht die
Durchdringung der wirthschaftlichen Lehren mit christlicher
Humanität. Vielmehr wird ganz im Geiste der individualisti-
schen Nationalökonomie Abschaffung der gesetzlichen Annen-
pflege gefordert und es werden die Einhegungen von Ge-
meindeländereien gebilligt — das Christenthum soll der Wirth-
Schaft vorgehen und dienen, nicht sie umgestalten. In dem
zweiten genannten Werke werden die Grundanschauungen, die
schon in dem ei*sten vorkommen, noch eingehender entwickelt.
Der Zweck der Nationalökonomie, den materiellen Wohlstand
zu fördern, wird als ein Zweck für sich allein ohne Weiteres
anerkannt, und Chalmers fügt nur dazu, dass eben zur Er-
i-eichung materiellen Wohlstands moralische und religiöse Er-
ziehung nöthig sei. Chalmers acceptirt die Ricardo'sche Grund-
rentenlehre, die nur insofern etwas gemildert wird, als hervor-
gehoben wird, dass der Arbeiter sich heute zwar mehr an-
strengen müsse als früher, aber dafür auch mehr geniessen
könne. Auch behauptet er, dass die Entwicklung der Grund-
rente sich je nach dem Charakter des Volks vei-schieden ge-
stalte und er beruft sich manchmal auf R. Thompson statt auf
Ricardo. Besonders aber bekennt sich Chalmers ganz unbe-
dingt zur Malthus'schen Bevölkerungslehre und das Christen-
thum soll den Arbeitern vor Allem deshalb eingeflösst wer-
den, damit sie auch ohne Verständniss der Malthus'schen
Lehre die moralische Enthaltsamkeit in Bezug auf das Hei-
rathen üben — das Christenthum ist ein Mittel zum Zweck
gewisse rationelle Erfolge leichter zu en*eichen. Wenn frei-
geistige Individualisten als einziges Heilmittel für sociale
Leiden intellectuelle Bildung anpreisen, so empfiehlt Chal-
niei*s moralische Erziehung durch die Kirche und beweist da-
durch vielleicht eine grössere Kenntniss der Menschennatur —
236 Erstes Bach, Cap. 2.
an sociale Institutionen von christlich-humanem Geiste aber
denkt er so wenig wie Malthus selbst. Statt eine allgemeine.
Milderung des Kampfes ums Dasein durch christliche Liebe,
statt Aufhebung der socialen Atomisiining durch brüderliches
Zusammenwirken und corporative Gebilde zu verlangen, denkt
unser Conservativer nur an die Erhaltung der Autorität der
Kirche — und des mit der Staatskirche verbündeten alten
Giiindadels.
Adam Smith habe, meint Chalmers (Pol. Ec. c. 2) den
Segen des Freihandels etwas übei*schätzt , da der Ackerbau
doch das Primäre sei und die natürlichen Schranken seiner
Ausdehnungsfähigkeit auch dem Handel indirect Schranken
anflegeln. „Weil die Manufacte in Bezug auf ihre mögliche
Quantität begrenzt sind durch das Product des Bodens, deshalb
haben die Grundeigenthtimer ein natürliches Uebergewicht
über die anderen Classen der Bevölkenmg, das ihnen durch
keine Erfindung der Politik oder des Gesetzes entrissen wer-
den kann — sie sind die natürlichen Herren des Landes ~
weil die Menschen Luxuswaaren (Industrieproducte) aber nicht
Nothwendigkeiten (Nahrangsmittel) entbehren können." —
„Nicht jede beliebige Waarenart reizt zur Production einer
anderen an, sondern der Ackerbau allein bestimmt, wieviel
Menschen leben können ; Zei-störung einzelner Industriezweige
ist für den Nationalreichthum gleichgültig. Nicht auf Ver-
mehrung der Industriezweige, sondern auf Verbreitung von
Tugend und Weisheit im Volke kommt es an, damit das
allein maassgebende Product des Ackerbaus richtig vertheilt
und verwendet wird*' (1. c. S. 69).
In den folgenden Capiteln (3—5) bringt Chalmers nun
eine Polemik gegen die Theorie, dass unbegrenzte Capital-
vermehrung möglich und wünschenswerth sei und dass von
der Capitalmenge die mögliche Zahl von Menschen abhänge.
Man habe früher vor Allem nach Vermehrung der Menschen-
zahl verlangt, Malthus habe gezeigt, welche Grenzen diese
Vermehrung habe. Jetzt sei Capital der grosse Wunsch
von Patrioten und Philanthropen — er (Chalmers) wolle
zeigen, welche Grenzen die Vermehrung des Capitals habe.
Chalmers. 237
Nicht ohne Geschick und theil weise sehr richtig weist Chal-
mers nach, dass man das reelle Capital der Nation nicht be-
liebig durch Sparen steigern könne, sondern dass es auf
wirklich nützliche und productive Anlage der Ersparnisse an-
komme — und dass für das wirkliche Glück der Menschen
moralische und intellectuelle Bildung wichtiger sei als Capital-
vermehnmg. Man sieht, Chalmers macht einen ernsten An-
satz, den Mammonsdienst der Nationalökonomie zu be-
kämpfen; aber er gelangt doch nicht dazu, eine organisirte
Vertheilung des Nationaleinkommens zu verlangen und prin-
cipiell die gesunde Vertheilung für wichtiger* zu erklären als
die einseitige Vermehrung des Reichthums. Er erhebt es
nicht zum Princip, dass der materielle Reichthum bei jedem
Menschen im Dienst idealer Bestrebungen stehen müsse. Die
Hauptsache ist und bleibt, dass moralische Bildung die Ver-
armung, die aus zu grosser Kindermenge folgt, verhindern
solle. Und die Schranke der Capitalvermehrung ist vor Allem
die Productivität des Bodens, d. h. sie wird betont, um die
natürliche Wichtigkeit des Standes der Grundbesitzer gegen-
über dem der Capitalisten hervorzuheben. Die Opposition
gegen Ricardo bleibt parteiisch und ungenügend. Chalmers
schliesst sich der Methode an, eine abgeschlossene Wirthschaft
der ganzen Welt identisch mit der eines Landes zu fingiren
und begeht dabei noch den Fehler, den Getreideimport zu
ignoriren resp. denselben als nothwendig unbedeutend anzu-
nehmen. Wie Riciirdo betrachtet er auch das bestehende
Grundeigenthum als etwas ganz Selbstverständliches — nur
ist ihm die Macht der Gruudeigenthümer nicht etwas hassens-
würdiges, sondern die natürliche Grundlage politischer Herr-
schaft. Die höheren socialen Pflichten aller Herrschenden
aus dem Christenthum abzuleiten fällt dem Anhänger des
grundbesitzenden Adels nicht eiu.
Chalmere verfolgt einfach die Ansichten, durch die Malthus
eine eigenthümliche Stellung unter den classischen National-
ökonomen einnimmt, etwas weiter. In einem praktisch wich-
tigen Punct aber weicht er von Malthus ab und stellt sich
Ricardo näher, nämlich in Bezug auf die Kornzölle. Dies muss
238 Erstes Buch, Cap. 2.
hervorgehoben werden, nicht weil es für Chalmere geistige
Grösse und kritische Schärfe zeugt, wohl aber weil es die
Ehrlichkeit seiner Ueberzeugungen und eine gewisse Unab-
hängigkeit seines Charaktei*s erkennen lässt.
Im 5. Capitel beweist Chalmers nicht ungeschickt die
Möglichkeit allgemeiner Ueberproduction und geht dann im
6. Capitel zur Betrachtung des auswärtigen Handels über.
Dieses Capitel ist verunglückt, insofern bei Entwicklung der
allgemeinen Theorie der Fall des Kornimports einfach als nicht
vorkommend behandelt wird. Demnach erscheint es Chalmers
als ganz gleichgültig für die Nation im Ganzen, welche und
wieviel Zweige des internationalen Handels existiren und
blühen.
Nachträglich wird dann der Fall, dass Manufacte gegen
Korn ausgeführt werden, betrachtet, dabei aber behauptet,
es könne in England nie weiter kommen als dass die Be-
völkerung einen Zuwachs von einem Zehntel erfahre, das
dann von auswärtigem Korn lebe. Chalmers meint, dieses
Zehntel habe eine unsichere Existenz, „diese überschüssige
Bevölkerung sei unerheblich in Bezug auf nationalen Vortheil,
bedenklich in Bezug auf nationale Sicherheit" (1. c S. 237) —
aber dennoch solle man keine Konizölle einführen, da Eng-
land diesen Gefahren gewachsen sei, ebenso wie man wegen
der „Unwichtigkeit" (insignificance) des auswärtigen Handels
keine anderen Schutzzölle einführen solle. Man solle Korn-
import und Manufactenexport nicht künstlich befördern, aber
auch nicht unterdrücken — also laissez faire weil das natür-
liche üebergewicht des nationalen Ackerbaus und Ginind-
besitzes doch die Dinge im wtinschenswerthen Geleise erhalten
wird. Uebrigens wünschten die Grundbesitzer die Kornzölle
nur wegen der Steuern, d. h. der Staatsschuld — man solle
einen Vergleich zwischen Grundbesitzern und Staatsgläubigeni
statt Komzöllen anstreben, welch letztere einen dem Gründ-
besitz schädlichen moralischen Efl'ect hätten (1. c. S. 529).
Noch deutlicher tritt Chalmers' Ehrlichkeit hervor, indem
er im Cap. 8 ganz in physiokratischer Weise — trotz alles
Chalmers. 239
Protests gegen die physiokratische Motivirung — die Ver-
wandlung aller Steuern in eine Steuer auf die Grundrente
verlangt. Und dabei ist er nicht einmal für möglichste Her-
absetzung, sondern klagt in idealistischem Aufschwung, dass
der Zeitgeist höhere Interessen der Erhaltung kleiner Geld-
werthe opfere.
Man braucht heute die Falschheit der Idee einer einzigen
Grundsteuer nicht mehr zu beweisen. Das Postulat wird bei
Chalmei*s nicht durch eine allgemeine Steuerüberwälzungs-
resp. Verjährungstheorie begründet, sondern es entspringt aus
seiner ehrlichen Uebei*schätzung der Macht der Gmndbesitzer,
welche nach seiner Meinung die alleinigen Käufer von Luxus-
waaren sind und so über ein Drittel der Bevölkerung frei ver-
fugen. Sie sollen die alleinige Ginndsteuer übernehmen und
dadurch den Ansturm der Demokratie gegen die Aristokratie
beschwören (S. 301^ 453); dann würde das Grundbesitzer-
interesse im Parlamente wieder genügend vertreten sein.
Solche Postulate beweisen eine ehrliche Ueberzeugung
und reine Gesinnung. Aber es ist klar, dass sich dafür keine
Partei gewinnen lässt und ein über allen Parteien und
Interessengruppen stehendes Programm voll grosser staatlicher
und ethischer Gesichtspunkte stellen solche Postulate auch
nicht dar, weil nur isolirte Acte einsichtiger Noblesse im
Interesse grösseren Einflusses, keine fortgesetzte organisirende
Thätigkeit auf socialem Gebiete verlangt werden. Chalmei-s
verlangt „stufenweise Erniedrigung der Kornzölle oder allmälige
Abschaffung der Steuern, welche die mercantilen und industri-
ellen Stände treffen" (S. 297) aber sein „ceterum censeo"
bleibt: Steigerung des Einflusses der Kirche, damit die mora-
lische Enthaltsamkeit nach Malthus praktisch durchgesetzt
werde. Und dies ist eine beschränkte Fordeining beschränkter
Zweckmässigkeitsideen. Die Kirchenzehnten sollen zwar fallen
aber durch eine Steuer vom Reinertrag der Grundstücke, d. i.
von der Grundrente, auf welche auch die Zehnten fallen, ersetzt
werden, auf dass die Staatskirche um so mehr blühe und den
zei*störenden Einflüssen der nach Impulsen handelnden demo-
kratischen Menge kräftig entgegenwirken könne (Cap. 10).
240 Erstes Bach, Cap. 2.
Der Staat dagegen soll sich nur mit Gerechtigkeit, nicht mit
Humanität befassen (S. 407), die nur schädliche Zwangs-
armenpflege abschaffen und nur pei'sönliche freiwillige Annen-
untei-stützung zulassen. Die Staatskirche selbst ist nicht wegen
ihrer Verbindung mit der Regierung, sondern deshalb nützlich,
weil sie „ausgedehnte Christianisiiiing der Familien des
Landes'* bewirken kann.
Wir haben also in Chalmei*s einen eifrigen Anhänger von
Malthus und noch eifrigeren Ritter der Staatskirche, der die
Nützlichkeit ethisch religiöser Erziehung vertritt, daneben aber
im Allgemeinen im Fahrwasser der landläufigen National-
ökonomie schwimmt. Sein grösstes Verdienst ist, dass er in
sichtlicher Geistesverwandtschaft mit Burke den Gi^undsatz
„noblesse oblige*' überhaupt aufstellt. So will er das eng-
lische Primogeniturgesetz aufrecht erhalten wissen, damit ein
steuerfähiger Grundbesitz und ein kräftiger Adel erhalten
werde : „Lasst uns nur ein Land von Intelligenz und Freiheit
sein und wir meinen, wo es Edelleute giebt, wird auch das
gemeine Volk weniger unedel sein" (S. 369). Der Adel soll
sich seiner höheren Pflichten bewusst bleiben: „Es ist unserer
Ansicht nach weit weniger wichtig, dass der Besitz mehr aus-
geglichen werde, als dass er, womöglicli mehr als jetzt, in
eine Lage versetzt wird, in der ihm öffentliche Pflichten auf-
erlegt werden — und dass folglich weniger Besitz in der Lage
einfachen und unbedingten Eigenthums ist.''
Aber die schöne Idee, dass höhere Stellung höhere Pflichten
auferlege, wird zu einer umfassenden Reglung der schweben-
den socialen Fragen nicht benutzt. Es bleibt bei dem un-
möglichen Voi-schlag der alleinigen Grundsteuer. Die Kirche
soll die nützliche moralische Enthaltsamkeit fördern, nicht die
ganze wirthschaftliche Welt mit dem Geist christlicher Liebe
umgestaltend durchdringen. Der arbeitenden Classe kann
nach Ch^lmers nur durch Lohnerhöhung geholfen werden,
welche durch Befolgung des Malthus'schen Raths und durch
Erhöhung der Lebenshaltung bei guter Erziehung erreicht
werden kann. So bestimme der collective Wille der Arbeiter
den Lohn, gerade wie der collective Wille der Capitalisten
Sadler. 241
den Gewinn bestimme — aber die collectiven Arbeiter und
Capitalisten bleiben doch nur Summen gut erzogener und ver-
ständiger Individuen. — Chalmers zeigt anerkennensweithen
guten Willen, beachtenswei-the Ansätze höherer Einsicht,
zerstreute Anfänge einer Opposition gegen den Geist des
Manchesterthums , aber seine Lehre war kaum mehr als die
von Malthus selbst, im Stande den beherrschenden Einfluss
des Ricardo'schen Geistes zu brechen.
Eigenthümlich steht mit Chalmers in Geistesvei*wandt-
Schaft und zugleich in Widersprach Thomas Sadler ^). Dieser
conservative und waimheraige Freund der Arbeiter hat seine
Hauptwirksamkeit nach 1832 im Parlament entfaltet, wo er
gegen das neue Armengesetz und für die Fabrikgesetze
kämpfte. Doch muss er seiner Ideen halber schon hier er-
wähnt werden, da er schon vorher als Redner und Schrift-
steller seine Gedanken entwickelte.
Sadler war als Theoretiker weniger scharf und klar als
Chalmers, aber er hatte eine bewusste leidenschaftliche Sym-
pathie für die Arbeiter und Armen und einen weit schärferen
Blick für die socialen Gegensätze der Zeit. Er war weniger
ein Vertreter der Staatskirche, aber stark erfüllt von werk-
thätiger christlicher Liebe. Ausgehend von der Bibel, als dem
Worte Gottes, wandte er alle Kraft an, den arbeitenden
Classen praktisches Wohlwollen zu erzeigen und Hoffnung
bei ihnen zu erwecken. Ein zu keinen Compromissen ge-
neigter einseitig vorgehender Enthusiast, setzte er sich in
principiellen Widersprach zu der auf Egoismus basirten Laissez-
faire-Doctrin, um die arbeitenden Classen von der ausbeuten-
den Herrschaft des Capitals zu befreien und sie durch eine
von christlichem Geiste erfüllte positive Hülfe des Staats
zu heben.
^) S. Memoirs of the Life and Writings of M. Thomas Sadler M. P.,
F. R. S. London 1842.
Held, Soc. Gesell. Engl« 16
242 Erstes Bach, Cap. 2.
Er berührt sich mit Chalmers durch das Ausgehen vom
Christenthuin ; in seinem Kampf gegen die classische National-
ökonomie geht er viel weiter als Chalmers und bei*ührt sich
dadurch zugleich mit den Radicalen. Er tritt in positiven
Gegensatz zu Chalmers, indem er dem Freihandel nicht günstig
gesinnt ist und die KomzöUe erhalten will^ aber nicht im
Interesse des Grossgiundbesitzes , sondern im Interesse der
ländlichen Arbeiter und der kleinen gi'undbesitzenden Bauern,
die nur bei geschütztem Getreidebau bestehen und pi-osperiren
können. Dem entspricht es, dass er die ländlichen Armen
durch Ueberlassung von „cottages" und Gartenland heben wollte.
Verallgemeinerung des Besitzes und vor Allem der Hoff-
nung auf Besitz, Beschränkung des ungeordneten Geistes der
freien Concun-enz, namentlich in seinen schlimmen Wirkungen
auf Frauen und Kinder, Kampf gegen die Selbstsucht der
Reichen und geregelte Unterstützung der Annen in altem
christlichen Geiste — das waren die Folgerungen, die Sadler
aus seinem starken christlichen Gefühl ableitete. Weit be-
deutendere Folgerungen, als Chalmei-s sie zog und Folge-
rungen, zu deren praktischer Verwirklichung er erfolgreich
das Seinige that — aber allerdings Folgerungen, die mehr
mit richtigem Gefühl gezogen als durch eine klare Theorie
motivirt wurden.
Sein theoretisches Hauptziel nämlich war die Widerlegung
der Malthus'schen Bevölkerungslehre, welche der kirchliche
Chalmers so warm vertheidigte. Nun kleben ja der Malthus^-
schen Lehre, wie oben ausgeführt, gewisse gefährliche Ein-
seitigkeiten an. Sadler aber verwirft auch den wahren Kern
der Lehre, er giesst das Kind mit dem Bade aus und leugnet
ähnlich wie Godwin den Conflict zwischen der physiologischen
Neigung der Menschen sich zu vermehren und der Möglichkeit
beliebige Menschenmengen zu ernähren gänzlich.
Den Gegenbeweis gegen Malthus ^) führt Sadler zunächst
durch Berufung auf „das Gesetz der Natur oder um deutlicher
^) S. namentlich das Werk: M Th. Sadler, Law of Population-
London 1830.
Sadler. 243
zu Rprechen das Gesetz der Gottheit/' Das Malthas'sche
Gesetz ist eine „Beleidigung Gottes"" (S. 15), der gesagt hat:
„Wachset und mehret Euch". Die Pflanzen undThiere seien
alle ganz glücklich, Gott habe nicht das Unglück der Men-
schen gewollt Malthus' Theorie ist falsch, weil sie der Bibel
widerspricht, „welche richtig verstanden und völlig erfasst,
alle anderen Argumente gegen diese Theorie unnöthig macht''
(Buch IV Cap. 1). Doch begnügt sich Sadler mit diesem
Hauptbeweis nicht, der ja auch selbst bei unbedingter An-
erkennung der Bibel höchst ungenügend ist, da sich ja
Malthus ebenfalls auf die Bibel beinft. Sadler behauptet zu-
gleich, Malthus' Theorie stehe im Widerspruch mit aller bis-
herigen Philosophie und mit den Volksihstincten ; sie sei
überdies äusserst schädlich, weil sie die Glauben an Gottes
Güte und Weisheit störe, weil sie die Menschen lehrt, sich
gegenseitig als Feinde zu betrachten und weil sie die ge-
heiligten Rechte der Aimuth aufhebt (Buch I Cap. 1). Es
bedarf keines Woiles, dass dies nur gefühlvolle Behauptungen,
keine Beweise sind. Aber Sadler erklärt sich in Bezug auf
philosophische Methode für einen Nachfolger Baco's und so
versucht er den Beweis aus den Thatsachen gegen die Theorie,
die er a priori hasst. Der unter Benutzung vieler
Statistik geführte Thatsachenbeweis läuft nur auf die Be-
hauptung hinaus, die natürliche Fmchtbarkeit der Menschen
stehe ceteris paribus in umgekehrtem Verhältniss zu ihrer Zahl.
Man kann zugestehen, dass ganz im Allgemeinen die Ver-
mehioing der Menschen um so langsamer vorwärts schreitet, je
mehr Menschen schon vorhanden sind. Mehr aber kann man
aus der Statistik nicht beweisen und dieser Satz widei-spricht
Malthus keineswegs — die eigentliche Frage, nämlich die, ob
die allmälig langsamer werdende Vermehrung der Menschen
sich durch schmei-zlose Abnahme der natürlichen Fmchtbar-
keit oder durch schmerzlich empfundene „checks" vollzieht,
bleibt völlig unbeantwortet durch die Daten der Bevölkerungs-
statistik.
Sadler's weiches Gefühl will den sehraei-zliehen Conflict,
den Malthus so sehr hervorgehoben hat, nicht anerkennen
ifi*
244 Erstes Buch, Cap. 2.
und deshalb sieht sein Verstand die daraus heiTorgehenden
Wirkungen nicht. Hätte er sich begnügt, die Uebertrei-
bungen von Malthus und dessen einseitige Ansichten über
Annenpflege zuiUckzuweisen , so hätte er etwas Weilhvolles
geleistet. Die Theorie, die er wirklich entwickelt, ist leiden-
schaftlich, blind und total unhaltbar. Sie ist eine Mischung
von Gefühlen eines menschenfreundlichen strengen Christen
und von volksbeglückungslustigem Demagogenthum , ein
Stimmungsausdi-uck des radicalen Toi7thums, weiter Nichts.
So schwach der Nationalökonom Sadler bleibt, er hat
dennoch christlich - humane Ideen mit grösserem Verständniss
socialer Fragen und Bedürfnisse angewendet als Ghalmers.
Allein diesem nicht zu leugnenden grösserem Verdienst gegen*
über steht ausser der nationalökonomischen Schwäche noch
eine allgemeine philosophische Unklarheit.
Chalmers veitritt den Einfluss der Kirche, weil diese
nützlieh gegen Volksvermehrung wirkt. Sadler geht viel
weiter, indem er ganz offen und ausgesprochen die Bentha-
mitische Nützlichkeitslehre mit seinem warmen Christenglauben
verbindet. Schon 1826 (s. Memoirs S. 91) sagte er in einer
Tischrede: „Die Erleichterung, die Interessen und das Glück
der arbeitenden Armen, sei es in England oder Irland, ist
das , was ich während dieser ganzen Discussion im Auge ge-
habt habe." Die Aufgabe der „wahren politischen Philo-
sophie" ist (Law of Pop. S. 9) „den Werth unserer Mitbürger
zu erhöhen und ihre Zahl zu vermehren; das allerhöchste
irgend mögliche Maass von Glück unter der grösst-
möglichen Zahl zu verbreiten." Am Schluss des IV. Buchs
betrachtet es Sadler sogar geradezu als einen Beweis für die '
Richtigkeit seiner Bevölkerungslehre, dass sie mit Bentham's
Formel übereinstimmt :
.,Meine Lehre von der Bevölkerung ist in Uebereinstim-
mung mit der Erfahrung der Menschheit und aus ihr folgt
ein System politischer Philosophie, deren einleuchtende Ten-
denz es ist, das grösstmögliche Maass individuellen Glücks
der gi-össtmöglichen Zahl menschlicher Wesen zu verschaffen."
Sadler. 245
Sadler verwerthet die Bentham'sche Formel im Interesse
der armen Majorität des Volks, aber er führt inconsequenter
Weise sein Christenthum nur in den Kampf gegen das Man-
chesterthum, nicht gegen den individualistischen Kadicalismus
überhaupt. Geradezu in naiver Weise citirt er die Bibel und
Rousseau und benutzt Bentham's Principien. Ein solcher
Mann war befähigt, einzelne nothwendige und heilsame Refoimen
im Interesse der Arbeiter durch die Kraft seiner einseitigen
gefllhlsmässigen Ueberzeugung durchzusetzen — den Geist der
Nation giiindsätzlich von der Weltanschauung des Individualis-
mus abzulenken vermochte er nicht. Nicht nur weil er un-
endlich weniger geistreich und umfassend gebildet war als
Burke, sondern weil er noch mehr als letzterer sich einer
utilitarisch-individualistischen Anschauung gefangen gab.
Blicken wir auf die Nationalökonomen zurück, so ergiebt
sich ein ähnlicher Eindruck wie nach der Betrachtung der
älteren politischen Individualisten: die damals im Aufgang
befindlichen Ideen haben starke Vertreter; die in den Hinter-
grund gedrängten, wenn auch tiefsinnigeren Anschauungen,
mOssen sich mit gutgesinnten, aber schwachen Vertheidigeni
begnügen.
Wir kehren nun zu dem politischen Individualismus zurück,
um ihn in seiner höchsten Vollendung bei Bentham kennen
zu lernen, dem schon so oft gelegentlich genannten merkwür-
digen Schriftsteller, der zwar nicht ganz nach seiner Lebens-
zeit, aber nach der Zeit seines Wirkens unzweifelhaft der
neueren Zeit angehört. Er formulirt jene politischen Theorien
endgültig vor ihrem Uebergang aus der Studierstube ins
Leben; er vermittelt uns das Verständniss für die Parteibil-
dungen, die der Engländer Badicalismus nennt.
Drittes Capitcl.
Die neueren Individnalisten.
§ 1. Jeremias Bentham.
Bentham ist nie im Parlament gewesen. Auch sonst
griff er nie in's praktische Leben ein, nicht einmal besass er
ein Lehramt wie Adam Smith, der zuei-st Professor, später
OberzoUcommissar war. Der seltsame Mann war nur Schrift-
steller, und selbst das von ihm angestrebte Directorium einei'
Privatschule blieb Project. Und doch zielte seine echt eng-
lische Natur stets auf praktische Reformen ab.
Er war lediglich Schriftsteller und nicht einmal ein viel-
gelesener Schriftsteller. Seine Werke erschienen zuei-st ano-
nym. Später wurden sie zunächst in Dumont's französischer
Uebersetzung allgemeiner bekannt. Viele Schriften wurden
nach seinem Tode nach mehr oder minder unfertigen Manu-
scripten ediit; viele Manuscripte aber schlummeni noch im
Britischen Museum. Die Gesammt^iusgabe seiner Werke ist un-
vollständig, die angefügte Biographie unübersichtlich und ein-
seitig verfasst^). Seine Schriften zeichnen sich insgesammt durch
grosse Schärfe der Logik aus, >velche namentlich bei kritischen
Ausfühniugen glänzend heiTortritt. Nichtsdestoweniger sind
sie schwer geniessbar. Unendlich häufige Wiederholungen,
tibeitriebene Spaltung der Begriffe und verhältnissmässige
Seltenheit praktischer Beispiele machen Bentham's Schriften
^) The works of Jeremy Bentham published ander the superintendance
of his executor, John Bowring, 11 Bände, Edinburgh 1848. Ich citire
immer nach dieser Ausgabe.
J. Bentham. 247
ermüdend. Ueberdies ist vieles Detail nur für den Fach-
juristen interessant. So fand Bentham zu seinen Lebzeiten
verhältnissmässig wenig Leser; dennoch war seine Wirksam-
keit eine überaus grosse. Auf Wenige wirkte er direet, allein
indirect auf Millionen. Auch hat ein Theil seiner Schriften
in Uebersetzung bei den romanischen Völkern fast stürmische
Bewunderung gefunden.
Robert von MohP), abgestossen durch die oflfenbare Ein-
seitigkeit von Bentham's Ausgangspunct , ist geneigt, seine
Bedeutung auf Anregung einzelner praktischer Reformen zu
reduciren. Gervinus dagegen hat Bentham als den eigent-
lichen Vater der modernen englischen Demokratie völlig ge-
würdigt, Pauli schliesst sich diesem Urtheil an. In der That
lebte sich in dem Geiste dieses abgeschlossenen Philosophen
die demokratische Idee der Zeit am reinsten und consequen-
testen aus, und Keiner vor oder nach ihm hat das Princip
des Individualismus so vollkommen und bewusst auf die Spitze
getrieben, wie er. Und er bietet nicht nur ein gedräng-
tes Bild, er war die Pei-sonificii-ung einer in England noch
nicht abgeschlossenen Bewegung. Er war auch in der That von
allen intellectuellen Factoren dieser Bewegung der Anregendste.
Wir möchten ihn den Hauptvertreter des Utilitarianismus,
den eigentlichen Propheten des modernen Englands nennen.
Zeuge dafür ist nicht nur Stuart Mill, der in seiner bekannten
Autobiographie schildert, wie er selbst in Bentham'schen Ideen
auferzogen wurde, und als Jüngling Mitglied eines Benthamiti-
schen Clubs war; Zeuge ist nicht nur die politische und
sociale Literatur Englands seit 1820, sondeni vor Allem kann
man nachweisen, wie die grossen Agitatoren, die vor und nach
Bentham's Tode an der Spitze der Mittelclassen und des Prole-
tariats standen, nicht nur dieselben Ideen wie Bentham ver-
fochten, sondeni sich geradezu seiner Worte bedienten.
Bentham war ein frühreifes Kind, der Stolz eines ehr-
geizigen Vaters; er folgte dem Vater so weit, dass er nach
') Geschichte und Literatur der Staatswissenschaften, Bd. III (1858)
Seite 590 ff.
248 Erstes Bach, Cap. 8.
Oxford ging und dann die Laufbahn des praktischen Juristen
beschritt. Bald jedoch zog er sich angewideit zurück und wurde
ein einsamer Philosoph. Zwar hat es ihm Anfangs nicht an
menschlichen Beziehungen zu einem aristokratischen Hause,
später nicht an geschäftlichen zu radicalen Agitatoren ge-
fehlt; auch hat er grosse Beisen untemommen. Aber idle
diese Beziehungen hatten wenig oder gar keinen Einfluss auf
sein inneres Geistesleben. Das Interessanteste, was aus der
Biographie und einem Auszug aus derselben in der West-
minster Review über Bentham's persönliches Leben zu ent-
nehmen ist, besteht in dem Felilschlagen seiner Hoffnung auf
einen Sitz im Parlament, und in seiner eben so treuen als
unglücklichen Liebe zu einer Dame, welche er bei seinen aiisto*
kratischen Freunden kennen gelernt hatte. Der grosse Wort-
führer der Demokratie widerstand nicht dem ästhetischen Reis,
den das zwanglose Selbstbewusstsein vornehm erzogener Frauen
ausübt — und mit pedantischer Treue hielt er bis in's hohe
Greisenalter an der romantischen Regung jüngerer Jahre fest.
Bei beiden Ereignissen erkennen wir Bentham's fast kindliche
Unerfahrenheit, die Absichten anderer Menschen zu verstehen,
sowie seine eigene Wahrheitsliebe und seinen Glauben an sich
selbst. Wir sehen, dass der Mann, welcher als Schriftsteller
vor Allem ein trockener Kritiker war, ein tiefes, weiches und
vor Allem treues Gemtith besass, und dass nicht Zerstörungs-
lust, sondern Wohlwollen gegen die Menschheit das tmbende
Motiv seines Arbeitens war. Auch diese Erlebnisse lehren
uns den grossen Sonderling pei-sönlich hoch achten. Zugleich
aber sind sie von Wichtigkeit, weil sie wesentlich mit die
Ursache von Bentham's Einsamkeit waren.
1748 war Bentham geboren, 1776 trat er zuei-st als
selbständiger Schriftsteller auf, 1832 starb er. In dieser
langen Zeit wurde er um so einsamer, je mehr die Ereignisse
in der Welt zur Ausführung seiner Ideen drängten. Mit
Allem, was politisch sich ereignete, blieb er stets in Ver-
bindung — nur nicht mit den Menschen, die es vollbrachten.
Gervinus meint, dass die Bewunderung des Auslandes und
die Verkennung durch seine Landsleute wesentlich dazu bei-
J. Bentham. 249
getragen haben, dass Bentham schliesslich leidenschaftlicher,
bitterer und immer radicaler wurde. Meines Erachtens ist
die oflfene Vorliebe für die demokratische Republik, welche in
Bentham's letzten Werken hervortritt, die natürliche Conse-
quenz der Principien seiner ei*sten Schriften. Er musste zu
diesen Consequenzen kommen — wenn er nur logisch seine
Principien verfolgte und sie auf grosse Fragen anwendete.
Seine ZuiUckgezogenheit bewahrte ihn vor Inconsequenz —
erkläil die Entwickelung seiner Ideen allein genügend.
Wenn man sieht, wie Bentham, von dem Rechte der indi-
viduellen Vernunft ausgehend, über alle politischen Verhält-
nisse souverän zu richten begann und mit der demokratischen
Republik endete — so ist es schwer, nicht der Analogie von
David Strauss zu gedenken, welcher mit ßibelkritik beginnend,
mit dem ,;alten und neuen Glauben'^ abschloss. Mit um-
fassenderer Bildung, mit feinerer Sprache hat Strauss
grössere Fragen behandelt als Bentham. Dennoch ist die
grosse Aehnlichkeit vorhanden, dass Beide mit kritischen Ge-
danken anfingen, welche sie zunächst im Interesse massiger
Tendenzen verwendeten und — immer einsamer werdend
mit umfassender Negation alles Bestehenden endeten. Beide
uneigennützige, wahrheitsliebende, scharfe Geister, denen
ihre Völker als Bahnbrechern den grössten Dank schulden
und doch in ihren vollen Consequenzen nicht zu folgen ver-
mögen.
Um einen Ueberblick über Bentham's schriftstellerisches
Wirken zu gewinnen, wird es zunächst nöthig sein, den
Hauptgedanken, das Nützlichkeitsprincip, darzustellen, wie
dieser sich in allen seinen Schriften findet. Weiter dürften
für uns seine speciellen Ideen über Verfassungsfragen und
über nationalökonomische Verhältnisse von besonderem In-
teresse sein.
Das Nützlichkeitsprincip tritt gleich in der ersten Schrift:
„Fragment on Government'* als Alles beherrschende Idee
Bentham^s und zwar als ein Axiom hervor. So wenig die
Lehre an sich neu war, ihre einseitige Anwendung durch
Bentham war in England etwas Neues: Sie bedeutete den
250 Erstes Buch, Ci^. 8.
nackten Kationalismus und den völligen Bruch mit den puri-
tanischen Traditionen der englischen Demokratie.
Bei Locke sind die Menschen noch Eigenthum Gottea,
die Worte „göttliches Recht und Natun-echt" kommen ver-
bunden vor. alttestamentliche Stellen werden zum Beweis poli-
tischer Sätze angefühlt. Demzufolge bleibt er auch massig
in seinen Consequenzen aus dem Individualismus und der
Volkssouveränetilt. „Die Gewalt, welche jedes Individuum
der Gesellschaft verlieh, als es in dieselbe eintrat, kann
nie zu dem Individuum zurückkehren, sondern muss immer
bei der Gesellschaft bleiben." Locke befürchtet nichts von
dem Widei-standsrecht des Volkes, will im Grunde nur die
„glorreiche Revolution" rechtfertigen und die ununterbrochene
Heri*schaft des Gesetzes sicheni.
Andere bei Bentham, der die Religion keineswegs leugnet,
aber aus seinem Gedankengang völlig eliminiil und die
innersten Ueberzeugungen des Individuums zur unbedingt
freien, letzten Richterin über alle öffentlichen Fragen einsetzt.
Das „Fragment on Government" war eine kritische Schrift^
gerichtet gegen Blaekstone's Commentare. Nur gegen den
allgemeinen principiellen Theil von Blaekstone's einflussreichem
Buche wendet sich Bentham in seiner „Leidenschaft für
Reform", seiner heftigen Abneigung gegen „Phrasen" und
„Fictionen". Dem Blackstone'schen Satze: „es sei nie ein
Gesetz geändert worden ohne folgende Reue", stellt Bentham
den andern entgegen: „Alles, was heute feststehend ist, war
einst Neuerung." Allein so sehr die Schrift einen beschränkten
kritischen Zweck verfolgt, zwei Eigenthümlichkeiten von all-
gemeinster Bedeutung treten bereits in der Vorrede (zur
ersten Auflage) hervor:
Bentham kritisirt nicht als Jurist, sondern als Reformator,
oder wie er sich ausdrückt, als Censor; er spricht nur de
lege ferenda. Und als Censor geht er von allgemeinsten
Axiomen aus; der Censor muss Weltbürger sein. Das, was
sein soll, ist auf der ganzen Erde nahezu dasselbe. Freilich
hat sich Bentham später scharf gegen Menschenrechte er-
klärt, und ausgesprochen. Recht sei nur das geschriebene
J. Bentham. 251
Gesetz. Aber was ist praktisch eine unbedingte Kritik des
bestehenden Rechts ans Veniunftpostulaten , unter absoluter
Verwerfung des Gewordenen als solchen, anders als das
Postulat eines über dem historischen Recht stehenden Natur-
rechts ?"
Wir begegnen in der Vorrede aber nicht nur dem Stand-
punct der schrankenlosen Kritik der Vernunft, wir begegnen
auch schon dem Gi-undaxiom, aus welchem Bentham seine
Reformpostulate ableitet, und das er in all seinen zahllosen
folgenden Schriften bis zur äussei'Sten Ermüdung wiederholt.
Dies Axiom war nicht etwa eine gleichgültige Verzierung von
Bentham's Schriften, sondeni in der That das A und 0 seiner
gesammten Anschauungswelt, ein einseitiger Satz, in welchen
er sich mit unleugbarer Bornirtheit, aber ebenso unleugbarer
Ehrlichkeit hineinlebte, so dass dieser Satz ihn völlig be-
heiTSchte. Die Triumphe der Naturwissenschaften lassen ihn,
wie so manchen Zeitgenossen und Epigonen, nicht schlummern.
„Was Entdeckung und Verbesserung in der natürlichen Welt,
das ist Reform in der moralischen Welt," aber man kann
noch wirkliche Entdeckungen sogar in der moralischen
Welt machen: weil die Folgen des fundamentalen Axioms,
dass das grösste Glück der grössten Zahl der
Maassstab ist für Recht und Unrecht, bisher mit so
wenig Methode und Schärfe entwickelt worden sind.
Dies also, das Glücks-, oder was identisch damit ist, das
Nützlichkeitsprincip — denn eine Handlung, welche Glück
erzeugt, ist nützlich — ist das Princip von dem Bentham aus-
geht. Noch in der Vorrede lesen wir, dass bei Ausgehen von
einem solchen Princip dieselben Einrichtungen ohne viel
Modification in allen Ländern brauchbar sind, und dass Lust
und Leid (pleasure and pain) die einzigen Consequenzen eines
Gesetzes sind, an denen die Menschen interessirt sind.
In der Schrift selbst lesen wir dann ausser viel scharfer,
oft silbenstecherischer Kritik Blackstone's, dass das Nützlich-
keitsprincip das einzige sei, auf welches sich die Menschen zu
vereinigen vermögen ; man könnte sich dann auch über einzelne
Fragen leichter einigen, weil diese aus Fragen der Leiden-
252 Erstes Buch, Cap. 8.
Schaft zu solchen des Urtheils würden — eine staunenswerthe
Naivität des abgeschlossenen Denkers, der niemals praktisch
an einer gesetzlichen Reform gearbeitet hat. Der Gedanke
an die Naturnoth wendigkeit einer bestehenden Ordnung
unter zusammenlebenden Menschen kommt Bentham nicht.
Ueberall ist die Auffassung die mechanische eines Neben-
einanderseins, nicht eines organischen Zusammen-
lebens von Menschen. Wenn man späterhin den Chartisten
mit Recht vorhielt, das Leben in Staat und Gesellschaft sei
viel complicirter, als dass es in den einfachen Gegensatz
zwischen ünterdiUckem und Unterdrückten aufgelöst werden
könne, so trifft dieser Einwurf schon Bentham, dem alle
staatliche Ordnung bereits in seinem Erstlingswerk als ein
Gegensatz zwischen zwei getrennten Gruppen, Regierenden
und Regierten, ei*scheint.
Das praktisch Wichtigste in dieser Schrift aber ist, dass
Bentham, obwohl nur Kritiker und theoretischer Reformator,
keineswegs praktischer Revolutionär, dennoch auf das Recht
des Volks auf Widei-stand gegen die Regiemng oder auf das
Revolutionsrecht zu sprechen kommt
Bentham ist der Meinung, die Unterthanen sollten nur
gehorchen, „so lange die voraussichtlichen schlimmen Folgen
des Gehorsams geringer sind als die voraussichtlichen schlimmen
Folgen des Widerstands." — „Die Pflicht der Unterthanen
zum Gehorsam geht nur so weit und nicht weiter als ihr
Interesse" — weil „das höchste Princip der Nützlichkeit von
keinem anderen höheren Grunde abhängt, sondern selbst der
einzige allgenQgende Grund für jede Handlung ist."
Ein allgemeines Erkennungszeichen dafür, ob die schlimmen
Folgen des Gehorsams oder des Widerstands überwiegen, an-
zugeben, hält Bentham für unmöglich, aber jede einzelne
Person habe ein specielles Erkennungszeichen, nämlich „ihre
eigene innere Ueberzeugung von dem Uebergewicht des
Nutzens auf Seiten des Widei*stands/'
Das Recht des Widei-stands wird also nicht aus formellem
Rechtsbmch der Regierung, auch nicht aus dem Versprechen
der Unterthanen, zu gehorchen, so lange die Regierung ihre
J. Bentham. 253
Versprechungen hält, abgeleitet, sondeni nur aus dem Ntitz-
lichkeitsprincip , aus welchem ja ebenfalls die Pflicht, Ver-
sprechungen zu halten, ihrerseits erst folgt.
In seiner ersten Schrift bereits stellt Bentham Principien
auf, deren consequente Anwendung zu absolut revolutionären
Folgerungen führen musste. Die Idee der pei*sönlichen Frei-
heit ist schon auf die Spitze getrieben, indem das individuelle
vernünftige Urtheil — die Ueberzeugung, nicht das Gewissen —
durch Nichts, auch nicht durch den eigenen in eine dauenide
Ordnung einwilligenden Entschluss gebunden werden kann.
Dass daraus nur absolute Anarchie folgen kann, das sieht
Bentham nicht, weil er mit seinem Postulat der Souveränetät
der individuellen Vernunft die nicht weiter ausgeführte Fiction
einer sehr grossen Gleichartigkeit dieser Vernunft bei allen
Menschen verbindet, derzufolge sie als leidenschafts- und ge-
fühllose Automaten, die über die gi-össte Nützlichkeit specu^
liren, zu* gleichartigen Resultaten gelangen müssen. Die
Menschheit ist für Bentham nur ein Aggregat , und zwar ein
Aggregat gleichartiger Atome.
Er sagt, ein allgemeines Erkennungszeichen dafür, ob der
giössere Nutzen auf Seiten des Widerstands liege, zu geben,
sei nur derjenige im Stande, der mehr sei als ein Prophet —
und doch übernimmt er unbewusst selbst diese Rolle, die
höher ist als die des Propheten, indem er im Namen aller
Menschen das Princip ausspricht, nach wejchem Alle handeln
sollen und werden, und sich offenbar für fähig hält, die sämmt-
lichen Consequenzen dieses Princips durch eine allgemeine
Codification des Rechts so zu ziehen, dass alle Menschen die-
selben anerkennen werden und müssen.
Noch tritt der Autor pei-sönlich bescheiden auf; und doch
tmbt ihn der blinde Eifer einseitiger Kritik sowohl, wie die
Opposition gegen jede Autorität schonjetzt dazu, seine eigene Mei-
nung mit der Vernunft überhaupt zu verwechseln.
Aufgestellt zum Zwecke specieller Kritik ist das Ginind-
princip dennoch ein umfassendes und rein negatives — der
natürliche Ausgangspunct einer anarchischen Demokratie. In
dem auf die Spitze getriebenen Rationalismus und Individualis-
254 Erstes Bach, Cap. 3.
mus liegt auch schon der ethische Materialismus, denn das
Interesse der ünterthanen begründet ihre Pflicht des Ge-
horsams.
Es ist kaum nöthig zu bemerken, dass das Kützlichkeits-
princip keine originelle Ei-findung Bentham^s ist, dass dasselbe
vielmehr bereits in der griechischen Philosophie als Grund*
lehre der materialistischen Richtungen vorkommt, und dass
Bentham es bei Helvetius und Hume antreffen konnte, und
nach eigenem Geständniss es bei Priestley auch fand. Man
kann auch nicht behaupten, dass dies Princip bei Bentham
in eigenthümlichem Zusammenhang mit einer Uebertragung
der Methode der modernen Natuj-wissenschaften auf die
moralischen Wissenschaften stehe. Denn seine sogenannte
Methode des Specialisirens und Detaillirens hat factiseh gar
keine Verwandtschaft mit der modernen, auf Beobachtung ge-
gründeten Naturwissenschaft, sondern ist immer gänzlich ab-
stract, schöpft lediglich aus der eigenen Vernunft^ und ver-
diente weit eher scholastisch genannt zu werden. Eigen-
thümlich ist bei Bentham in der That nur die bomirte Aus-
schliesslichkeit, mit welcher er dieses Princip an die Spitze
stellt, und dadurch den politischen Individualismus zur
schärfsten Ausbildung entwickelt, die überhaupt nur denk-
bar ist.
Irgend einen Beweis für die ausschliessliche Wahrheit
seines Satzes, oder auch nur den Versuch einer eingehenden
philosophischen Begi-ündung desselben bringt Bentham nie-
mals — das Kützliehkeitsprincip ist einfach Axiom. So er-
scheint es namentlich in einem zweiten Hauptwerk : „Principles
of Morals and Legislation'^ Dieses Buch sollte eine Einleitung
zu einem Strafgesetzbuchentwurf werden, erweiterte sich aber
zu einer allgemeinen philosophischen Gmndlegung der bentha-
mitischen Lehren. Es wurde 1780 gedruckt, 1789 zuerst
veröffentlicht, enthält noch vielfach das Bewusstsein mangel-
hafter Ausführung und manche captatio benevolentiae gegen-
über dem Leser, aber doch schon weit schärferen Ausdruck
des Glaubens des Autors an die eigene Unfehlbarkeit.
Das Nützliclikeitsprincip wird in Lapidai^sätzen als Axiom
J. Bentham. 255
entwickelt, nicht bewiesen; es erecheint in der Natur des
Menschen begittndet. Das Nützliche „soll sein'' und ist
„recht*'. Das Interesse der Gesammtheit ist die Summe des
Interesses der einzelnen Mitglieder, aus denen die Gesammt-
heit zusammengesetzt ist.
Bentham versucht nachträglich eine Art negativen Be-
weises für sein Princip, indem er andere Principien zu wider-
legen trachtet, nämlich den Ascetismus, mit welchem Wort
aach alle Anschauungen, die das honestum statt des Nütz-
lichen zum Princip erheben, bezeichnet werden; das Princip
Yon Sympathie und Antipathie, unter welchem Ausdruck
Bentham auch die Zurückführung der Entscheidung über
Recht und Unrecht auf das Gewissen begreift; endlich theo-
logische Weltanschauungen. Letztere weist Bentham mit den
Worten zurück, was Recht ist, sei sicher Gottes Wille, aber
wir müssten eben zuerst wissen, was Kecht ist, da wir Gottes
Willen nicht direct kennen. So wird die geoffenbarte Religion
zur Seite geschoben, — Dumont schiebt die Gonsequenz ein,
Tugend sei Aufopfeioing eines kleineren für ein grösseres
Interesse.
Die Begriffe von Lust und Leid werden nicht definirt;
dafür entschädigt uns nur eine höchst ermüdende und doctri-
n&i-e Aufeählung aller Arten von Leid und Lust. Es giebt
14 einfache Arten von Lust, 12 einfache Arten von Leid, die
hinwieder in Unterarten zerfallen. Leid- und Lustempfin-
dungen ei-scheinen mit Ausnahme der wenigen, die auf Wohl-
wollen oder Bosheit bemhen, als „selfi'egarding", d. h. aus dem
Egoismus entspringend; und von den vier Quellen von Leid
und Lust, der physischen, politischen, moralischen und
religiösen ist die physische die grundlegende. Die Gründe,
die den Werth einer Art von Lust und Leid für den einzelnen
Menschen bestimmen, werden auch aufgezählt und es werden
32 Umstände nebst Unterarten und secundären Umständen
aufgeführt, die bewirken, dass dieselben Ursachen bei ver-
schiedenen Menschen ein verschiedenes Maass von Lust und
Leid hervoiTufen.
All dies sind Irrgänge eines Geistes, der abstrticte Schemati-
256 Erstes Bach, Cap. 8.
sirung liebt, Ausflüsse der Tendenz, alle Erscheinungen des
Menschenlebens als messbare Wirkungen natürlicher Ursachen
zu erfassen.
Merkwürdigerweise thut Bentham den letzten Schritt, den
raenschlichen Willen selbst zu leugnen und menschliche Hand-
lungen als nothwendiges , unfreies Product äusserer Kräfte
aufzufassen, nicht. Der Reformator des Stmfrechts behandelt
zwar die Strafe lediglich als Mittel, gemeinschädliche Hand-
lungen zu verhüten, setzt aber den durch die vernünftige Er-
wägung des Nutzens bestimmten freien Willen überall voraus.
Das „Ich" bleibt die ürkraft, und deshalb behält der Mensch
einen Willen; nur ethischer Materialismus folgt aus dem
schroffen Rationalismus — den ganzen Menschen als ein von
Naturkräften ])estimmtes Stück Materie aufzufassen, war An-
deren vorbehalten.
Die mittleren Abschnitte des Buchs sind rein crimina-
listisch; am Schlüsse kommt Bentham wieder auf allgemeine
Fragen: er unterscheidet Sittlichkeit und Recht rein ausser-
lieh, indem sittlich jede Handlung ist, welche der Gesammt»
heit (den Einzelnen eingeschlossen) voi-theilhaft ist, das Gesets
aber aus Zweckmässigkeitsgründen nur einen Theil von un-
sittliclien Handlungen mit Strafe bedroht. Recht und Sittlich-
keit haben densel])en Zweck: das Glück aller Glieder der
Gesellschaft; aber es ;giebt Fälle, in denen die Sittlichkeit
gebietet, dass ein Mensch sein und seiner Mitmenschen Glück
befördere, ohne dass das Recht direct eingreift.
Schärfer als im ersten Weik ist hier ausgeführt, dass es
auf das Glück der Summe der Einzelnen ankommt; der
Sprung ^) vom Einzelnen zur Summe der Einzelnen wird aber
\) Guyau in seinem sehr interessanten Buche: „La morale Anglaise
Contemporaine", Paris 1879^ leugnet, dass bei Bentham ein logischer Sprung
vorkomme und erklärt sein System für innerlich völlig consequent Mit
grossem Geschick hat Guynu den innersten Gedankengang Benthams über
das Nützlichkeitsprincip möglichst einfach und präcise wiedergegeben and
auseinandergesetzt, dass und wie bei Bentham das Streben des Individaams
nach dem eignen grössten Glück, und das nach dem grössten Glück der
grössten Zahl zusammenfallen. Der Beweis dieser Behauptung gründet
sich auf viele Sätze bei Bentham, die ausführen, dass das eigne richtig
J. Bentham. 257
durch den Satz, dass ein geordnetes Zusammenleben noth-
wendig sei, nicht erklärt, sondeni als etwas Selbstverständ-
beredmete Interesse zur Sympathie mit den Mitmenschen treibt „La
vertu sociale, dit Bentham, est le sacrifice qa'on homme fait de son propre
plaisir pour obtenir, en servant l'inter^t d'autmi, one plus grande somme
de plaisir ponr lui mSme/* (Guyau 1. c. S. 22, s. audi S. 86, 63.)
Diese Theorie, welche alle moralischen Pflichten aus einem verfeiner-
ten und aufgeklärten Egoismus, als ihrem allein möglichen und allein ge«
nOgenden Grunde ableitet, erkennt Guyau selbst nicht für richtig an —
ich brauche nicht zu sagen , dass nach meiner Auffassung diese Theorie
auf einer künstlich präparirten und unrichtigen Darstellung der Thatsachen
beruht und dass es ein Grundirrthum ist, wenn man überhaupt von dem
nur an sich denkenden Menschen ausgeht, statt den Menschen von vorn-
herein zugleich als Glied der Gattung, der Menschheit aufzufassen, in wel-
cher Eigenschaft ihm die Mitarbeit an der Vervollkommnung der Mensch-
heit zur natürlichen primären Lebensaufgabe wird.
Das warum es sich hier handelt, ist nicht die Frage nach der Wahr-
heit der Lehre, sondern die andere, ob Bentham diese Lehre so ent-
wickelt hatte, dass sie ihm — wenn man von dem falschen Ausgangs-
punct und den nicht erkannten Thatsachen des menschlichen Lebens ab-
sieht — wenigstens zur vollen Consequenz, wenn auch auf einer falschen
und ungenügenden Basis verhalt
Guyau bejaht diese Frage — aber sein ürtheil stützt sich fast aus-
schliesslich auf Bentham's „Deontology", welche weder zu seinen bedeu-
tendsten noch wirksamsten Schriften gehört, und auf Dumont's Ueber-
setznngen. Guyau behandelt Bentham nur als Moralphilosophen, während
er doch in erster Linie als politischer Reformator aufgefasst werden muss.
Nun kann man aus dem Studium der politischen Schriften unbedingt er-
sehen, dass Bentham sich den Menschen fast immer als roh und materiell
egoistisch denkt — so wenig er dies auch selbst war.
Pflichtgefühl und Wohlwollen gegen die entmenschen erscheinen hier
bei Bentham durchaus nicht als ein, {wenn auch abgeleiteter, so doch
xnitbeherrschender und einflussreicher Zug der Menschen. Vielmehr führt
Bentham aus, dass und wie höchst rafOnirte Einrichtungen die Staats-
organe zwingen müssen, das Wohl der Gesammtheit statt ihres eigenen
zu befördern.
Es bleibt femer, — was Guyau gegenüber betont werden muss —
unter aUen umständen der eine grosse innere Widerspruch:
Wenn das individuelle Urtheil des von Natur und mit Recht
im Grunde nur an sein Glück denkenden Menschen die letzte Richtschnur
für alle Handlungen ist, so kann das Individuum jedenfalls immer im
einzelnen Fall urtheilen, dass sein Glück und das der grössten Zahl
differiren, und es giebt keinen allgemein genügenden Grund für das In-
Held, Soc. Gesch. Engl. 17
258 Erstes Buch, Cap. 3.
liches behandelt, da die Gesellschaft oder Gesammtheit eben
lediglich als eine Summe erscheint. Dass das unbedingte
Ausgehen vom Einzelnen, seinem Glück und seinem Interesse,
eine allgemeine Ordnung und ein Recht im Grunde gar nicht
zulässt — ist ein Gedanke, der bei Bentham zwischen all
den Axiomen und Distinctionen nicht aufkommt.
Solches Ignoriren von logischen SpiUngen war nur mög-
lich, indem Bentham in souveräner Abgeschlossenheit sich nie
um die Ansichten Anderer kümmeite.
Dagegen bemüht sich sein bekanntester Schider, J. St
Mill, Einwürfe zu widerlegen. Dieser liebenswürdige Eklektiker
war gleich Bentham ein reiner Stubengelehrter, eine unendlich
wohlwollende Natur und ein Geist, den anerkennenswerthe
Aufiichtigkeit zum Kampf gegen Voruitheile trieb. Gleich
Bentham war er Philosoph, Politiker und Nationalökonom zu-
gleich. Aber nicht nur war Bentham der weita.us schärfere
Kopf: man muss auch sagen, dass Bentham's Ignoriren innerer
Widersprüche lehiToicher wirkt als Mill's Tendenz dordi
optimistische Kedensarten dieselben aus dem Wege zu räumen.
Bentham, einseitig wie er war, inte nur deshalb, weil er
Vieles nicht sah, er war nie zugleich verworren. Aber kOnnen
wir es andei-s als confus nennen, wenn Mill in seinem Büchlein
über Utilitarianismus (5. Angabe, London 1874) die Nützlich-
keitslehre dadurch schmackhafter zu machen sucht, dass er
sagt, es komme nicht allein auf untergeordnete physische Ge-
nüsse an. Glück und Zufriedenheit seien nicht identisch, aber
Glück sei ein Gut, weil es factisch gewünscht wird. Also
dividuum, das GlQck der grössten Zahl als feste Richtschnur für seine
Handlungen anzunehmen.
Bentham war sehr scharf in der Dialektik, sehr logisch und conse-
quent im Einzelnen, sehr aufrichtig und wahr im Ganzen. Wenn man
aber einmal auf Kurzsichtigkeit beruhende, ungenügende und durch ihre
Beschränktheit falsche Ausgangspunkte hat, so ist es unmöglich, bei
deren Anwendung auf das reiche Leben der Menschen im Grossen ab-
solut consequent zu sein. Der Utilitarianismus ist übrigens eine so über-
aus vage Vorstellung, dass man in der That leicht Vieles hinein interpredren
kann. Das Wesentliche von Bentham's Irrthum ist, dass er vom selbst
beurtheilten Glück des Indi\iduums — also vom Individualismus — ausgeht
J. Bentham. 259
Glfick ist das Gewünschte und doch nicht mit Zufriedenheit
identisch. Oder was ist es ändei*s als Confusion, wenn Mill
meint, über den Weith einzelner Genüsse entscheide die
Majorität der Sachkenner, es komme aber auf das Glück der
Gesammtheit an und deshalb sei das Princip der Nützlich-
keit moralisch und verlange Edelmuth. Was aber der Ge-
sammtheit nützlich sei, das sei durch lange Eifahrung der
Menschheit festgestellt. Das heisst also, das Glücksprincip
sei nur ein theoretischer Erkläinngsgrund der anerkannten
Sittengesetze, kein Maassstab für die Entscheidung zur Hand-
lung im einzelnen Fall, und keine Regel, nach der die Sach-
kenner immer neu urtheilen sollen. Und was sollen wir
sagen, wenn Mill nach dem Grunde fragt, warum es auf das
Glück der Gesammtheit ankommt, und als Grund hierfür
das Gewissen angiebt, ein Gefühl in uns, das die Pflicht gegen
die Gesammtheit lehrt und das auf dem gesellschaftlichen
Gefühl, dass Jeder mit seines Gleichen leben muss, beruht.
Diese Theorie des Gewissens kann dann Mill mit dem Princip
individueller Speculation über Glück und Nützlichkeit schliess-
lich nur durch die manchesterliche petitio principii vereinbaren,
dass die letzten Interessen Aller in natürlicher Harmonie stehen,
welches Bewustsein in uns zu einem starken innern Gefühl
wird.
Da ist Bentham consequenter, dem das Gewissen nur die
anerzogene Rücksicht auf das Urtheil Andrer ist, deren Lob uns
Freude, deren Tadel uns Schmerz bereitet ; der die physische
Quelle von Lust als die wichtigste bezeichnet, es für ein Vor-
urtheil ansieht, wenn man Musik und Poesie für etwas Höheres
erklärt als Kegelspiel obwohl doch letzteres mehr Lust bereiten
könne *) und der die Worte „guter und schlechter Geschmack''
als Phrase bezeichnet.
Bentham hatte die Kühnheit einen einzelnen Zug des
Menschen (egoistische Berechnungen über den eignen Vor-
theil die Handlungen bestimmen zu lassen) zur Grundlage
einer Weltanschauung zu machen. Er ignorirte die Gefühle
^) In : The Rationale of Reward, Werke Bd. II, S. 253.
17*
260 Erstes Buch , Gap. 8.
und Leidenschaften der Menschen; er leugnete, dass die
Menschen sich Ober ihren Vortheil irren und darüber mit
einander in Streit gerathen können. Er dachte nie daran,
dass der Mensch nur als Glied eines grösseren Organismiis
verstanden werden kann, dass sein wahres GlQck gar nicht
im Erreichen des Gewünschten, sondern nur im Streben nach
Vervollkommnung, in der Unterordnung unter ein Ideal li^t.
Er ignorirte Alles, was über dem Menschen steht, alle
Mächte, die der Mensch ahnt und deren Wirken er fllhlty
ohne dass er sie klar erkennt. Er fragte nicht nach dem
Grund der menschlichen Existenz, nicht nach dem Zweck
der Menschheit: für ihn existiiten nur die einfachsten Ziele
und Zwecke des einzelnen Menschen, nach deren Erreichung
Jeder mit einfacher Berechnung sti*eben kann. Seine grosse
Entdeckung war eine fast abschreckende Beschränkung des
Gesichtskreises. Aber er besass den Muth alle Consequenzen
dieses ])eschränkten Ausgangspunctes furchtlos zu ziehen; er
beschönigte, er verhüllte nichts. Er konnte Abschreckendes«
Falsches, Einseitiges sagen — aber nichts Abgeschmacktes.
So wenig wir mit ihm übereinstimmen können, dem Manne,
der nur sich selbst genügen wollte, vermögen wir die Aner-
kennung einer gewissen Grösse des Geistes und Charakters
nicht zu versagen, während uns schwächliche Nachfolger, die
mit seinen Waffen klirren und populären Erfolg suchen, ohne
seine Kraft zu besitzen, nur anwideni. - Er kannte das
Schöne, das Sittliche nicht, nur das Nützliche; er besass
wenig Phantasie, nur kritische Logik — er war aber ehrlich
in dieser maasslosen Einseitigkeit, indem er auch seine
eigenen edlen Motive verkannte und immer nur als Kritiker
auftrat.
Es ist unnöthig, die Einseitigkeit und Unbrauchbarkeit
des Nützlichkeitsprincips noch weiter nachzuweisen. Als
Philosoph ist Bentham allgemein als unbedeutend anerkannt
(vergl. Guyau). Ebenso ist es uns unmöglich, hier Bentham's
sämmtliche publicirte Schriften eingehend zu besprechen;
nur in Küi-ze sei erwähnt, dass ein grosser Theil dei-selben,
und gerade der besten und wertlivoUsten, sich auf Justizreform,
J. BenthanL 261
speciell auf Befoim des Strafrechts, des Prozessrechts und
des Gefängnisswesens beziehen. Auch hier geht Bentham vom
Nützlichkeitsprincip aus, hat aber in einer Menge von Detail-
fragen wirklich nützliche Kritik geübt und nothwendige
Beformen angeregt. Kann man auch seine unbedingte An-
preisung allgemeiner Codificationen nicht billigen, so muss
man doch zugestehen, dass gegenüber dem verworrenen,
veralteten , theilweise unmenschlichen englischen Becht und
der allgemeinen Tendenz der Advocaten, die ihnen günstige
Rechtsvei'won'enheit beizubehalten, Bentham's lücksichtsloses
Auftreten ein heilsamer Gegensatz war.
Andere Schriften Bentham^s könnte man zu den vermischten
Schriften rechnen, so den unbedeutenden Vei-such über Logik,
den seltsamen Versuch über Sprache und seine Fragmente
einer univei'sellen Grammatik, welche der beschränkte Logiker
zu entwickeln strebt, obwohl er nur drei Sprachen kennt.
Es ist interessant, dass der kosmopolitische Reformator doch
seine Sprache, die englische, für die vollkommenste erklärt
Beniham's Unfehlbarkeitsglaube spiegelt sich in seiner Schiift
über die Verbindung der Weltmeere. Am interessantesten unter
den veimischten Schriften dürfte die Chrestomathia *) sein.
Wir werden später sehen, wie fast alle socialen und
politischen Reformatoren der Neuzeit in England, soweit
sie von demokratischem Geiste erfüllt waren, zur Auflö-
sung der alten staatlichen Ordnung beitrugen, ohne eine
kräftige neue Ordnung des Staats an die Stelle der alten
setzen zu können. Alle ausnahmslos aber erwarben sich das
Verdienst, dass sie für Volksbildung bemüht waren, indem
sie alle einsahen , dass nach Wegfall alter Autoritäten wenig-
stens die individuelle Kraft der befreiten Individuen gesteigeit
werden müsse. Der Socialist Owen, der Manchestermann
Cobden, der Chartist Lovett — sie alle schwärmten für
Schulen. Und nicht minder Bentham, der Pi-ophet all
dieser Richtungen. Er interessirte sich für Bell und Lancaster
und erbot sich zur En-ichtung einer Schule in seinem Garten,
^) Band VIII der V^erke.
262 Erstes Bach, Cap. 3.
die er selbst leiten wollte; dies kam wegen des beabsichtigten
Ausschlusses der Theologie nicht zu Stande, und so schrieb
Bentham nur ein neues Buch, die Chrestomathia.
Bentham schwäimt für das System , dass die Schüler das
Erlernte selbst wieder anderen Schülern lehi*en, so dass nur
ein dirigirender Lehrer, aber sehr viele Lehrer - schüler
wirken. Der Unterrichtsplan, den Bentham vorschlägt, ist ein
Protest gegen das Vorhen-schen der classischen Bildung.
Auch auf dem Gebiete der Pädagogik zieht er die Conse-
quenzen seines materialistischen Priucips. Er sieht auf das
unmittelbar praktisch Nützliche und verlangt realistische
Bildung in neuen Sprachen, Katurwissenschaften, Technologie,
Buchführung etc. Auch im Rationale of Reward wird der
grössere Werth der Naturwissenschaften gegenüber dem Stu-
dium des Lateinischen und Griechischen hervorgehoben. —
Mehr wie die Schriften über Justizreform und die ver-
mischten Schriften interessiren uns Bentham's nationalökono-
mische und seine eigentlich politischen Werke.
Durch seine materialistische Grundtendenz ist Bentham der
Prophet aller Richtungen geworden, die den Staat zum Diener
wirthschaftlicher Interessen zu degradiren trachten. In seinen
politischen und nationalökonomischen Arbeiten speziell zieht
er der Reihe nach alle denkbaren Consequenzen einer extre-
men Freiheits- und einer extremen Gleichheitslehre.
Dass Freiheit und Gleichheit, extrem gefasst, mit ein-
ander in Widei-spruch kommen müssen, sieht Bentham nicht. So
lange er lebte, zerfiel der Radicalismus noch nicht in einen
Radicalismus der Mittelklassen und der Arbeiter, von denen
der ei-stere die individuelle Freiheit, letzterer politische
Gleichheit forderte. Die Parteischeidungen gegen Ende der
30 er Jahre haben praktisch bewiesen, dass die Freiheitsliebe
der Starken und Besitzenden auf die Dauer mit dem Gleich-
heitsdurst der niederen Massen nicht Hand in Hand gehen
kann. In der Zeit vor der Reformbill aber bestand noch
eine überwiegende Tendenz, welche Alle zusammenhielt, die
überhaupt leidenschaftlich den Wunsch einer Aenderung des
Bestehenden hegten. Wer Befreiung von bestimmten
J. Bentham. 263
Fefcseln, wer Ausgleichung bestimmter Untei*schiede wollte,
sie alle einigten sich noch in der Opposition gegen die alte
Aristokratie und erhoben dieser gegenüber nur gefühlsmässig
den Ruf nach Freiheit und Gleichheit überhaupt.
Kein Wunder, dass Bentham, welcher ja nur von einem
empirischen Satze ausging und dessen praktische und historische
ErfahiTing klein war, nicht über den inneren Widerspruch
der Principien selbst speculirte, und sich mit der Thatsache
ihres gegenwärtigen Bundes begnügte. Dass Freiheit Hen-schaft
über die Schwachen, dass Gleichheit Freiheitsbeschränkung
der Starken ist, dass daher in der Anwendung beider Prin-
cipien Maass herrschen müsse — das waren Gedanken, die
in Bentham's Seele keinen Raum hatten. Und so ist er zugleich
der Prophet des späteren Manchesterthums und des späteren
Chartismus geworden; für Beide lieferte er die Philosophie,
mit der sie später ihre Agitation vei-zierten. Wie diese beiden
Richtungen sich später eigentlich nur praktisch, nicht auch
in theoretischen Principien bekämpften, so sieht auch Bentham
nicht, dass seine allgemeinen depiokra tischen Principien zu
Widersprüchen führen.
In seinen nationalökonomischen Schriften ^) ist Bentham
vorherrschend freiheitsschwärmender Manchestermann, weicht
aber doch vom Manchesterthum aus wohlwollendem Gefühl
gegen die Arbeiter vielfach ab. Diese Inconsequenzen sind
gerade oft Lichtblicke, aber doch Inconsequenzen. —
Bentham schliesst sich als Nationalökonom Adam Smith
an. Gleich Adam Smith ist er Apostel des „laissez faire et
passer", ein Princip für das er seine eignen Formeln hat. Er
') Es gehören hierher besonders folgende Schriften:
„Defence of usury.
„Manual of Political Economy.
„Sapply without Borden.
„Tracts on Poor Law and Pauper Management
„A Plan for Conversion of stock into note annuities.
„Observations on the restrictive and prohibitory commercial System.
Viel speciell Manchesterliches auch im Rationale of Reward und
International Law und in sonstigen Schriften, wo von der Werthbemes-
saug der pleasnres die Rede ist.
264 Erstes Bach, Cap. S.
ruft der Regierung zu: Stillgestanden! („be quiet'') und sagt,
die Industrie verlange von der Regierung nichts Andres, als
was Diogenes von Alexander verlangte: „Geh mir aus 3er
Sonne." (Im Manual, Werke Bd. III. S. 35.)
Der Gesammtreichthum ist bei Bentham die Summe der
Einzelreichthümer ; der Foilischritt des Reichthums häigt
von dem Wachsthum des Capitals ab; daher werden lie
Wuchergesetze bekämpft, Freihandel verlangt; dieser wird wie
bei Adam Smith nicht aus natürlichen Freiheitsrechten be-
wiesen, sondern durch seine Nützlichkeit gerechtfertigt.
Bentham ist gegen Entails und Latifundien ; in der Steuer-
frage geht er so weit, die Gerechtigkeit der Steuervertheilung
gar nicht zu untersuchen, sondern die indirecten Steuern nur
wegen ihrer Bequemlichkeit vorzuziehen. Belohnunges aller
Alt, die der Staat vertheilt, erscheinen lediglich als Kauf von
Diensten. Käuflichkeit der Offiziei*sstellen wird entschuldigt,
weD dies noch besser sei als Willkür der Krone; selbst der
Census der Friedensrichter und der Census beim passiven
Wahlrecht erscheinen als zulässige Mittel, zu billiger Regie-
rung zu gelangen. „Die Interessen der Individuen sind die
einzigen wahren Interessen. Pfleget die Individuen, belästigt
sie nicht, duldet nie, dass sie belästigt werden und ihr habt
genug für das öffentliche Wohl gethan/' (Rationale of
Reward.) Sicherheit ist Gmnd und Zweck der Steuern.
Alle Kolonien sollen befreit, die stehenden Herren sollen durch
inteiTiationale Verträge herabgesetzt , Streitigkeiten unter
Völkern durch internationale Schiedsgerichte geschlichtet
werden.
In der That, man meint schon Cobden zu hören. Aber es
sind die Vorechläge des stillen Gelehrten, der in seinen Princi-
pien über Völkerrecht einen Plan für ewigen und allgemeinen
Frieden entwirft, des Mannes, „der nach dem Erdball als
Herrschaftsgebiet strebt, dessen einzige Waffe die Presse«
dessen Schauplatz der Intrigue das Cabinet der Menschheit
ist." Und fi-agt man nach den Gründen dieser Friedensliebe,
so ist es nicht Humanität oder Widerwille gegen vergossenes
Menschenblut, sondern wieder meint man, Cobden zu hören.
J. Bentham. 265
wenn Bentham sagt: ,, Aller Handel ist seinem Wesen nach
Yortheilhaft, auch für die Partei, für die er es am wenigsten
ist. Aller Krieg ist seinem Wesen nach zerstörend ; und doch
ist es das grosse Geschäft der Regierungen, Gelegenheiten
zum Krieg aufzuspüren/'
All dies ist vollendetes Manchesterthum : Ein freies
wohlhabendes Volk, unbeschränktes Wachsen des Capitals,
— eine schwache, billige Regierung; Unterordnung des
Staats unter die wirthschafUichen Interessen der Ünteithanen.
Der Staat ist nicht Repräsentant von Culturideen , die Ein-
zelnen nicht verpflichtet, diesen zu dienen; der Staat ist eine
Vorrichtung, den wirthsehaftlichen Gewinn zu fördeni,
jedenfalls nicht zu stören. —
Dennoch war Bentham den späteren Manchesteimännern
und den gleichzeitigen classischen Nationalökonomen oft über-
legen, einmal weil er überhaupt zugleich an politische Pro-
bleme dachte, und dann, weil er es mit dem Glück der
grössten Zahl Ernst nahm, ohne dem Schwindel der unbe-
dingten Harmonie der Interessen zu huldigen.
Treu seinem Nützlichkeitsprincip macht er sich kein
Gewissen daraus, das Eigen thum wenigsten in Bezug auf
Vererbung zu beschränken (Supply without Bürden) und
will dem Staat alle Güter Verstorbner überweisen, welche
nur Verwandte von einem Verwandschaftsgrad hinterlassen,
bei dem Heirath gestattet ist. Auch andre Verwandte, wenn
kinderlos, sollen nur Niessbrauch bekommen; von Erb-
schaften, die nicht Eltern, Kindera oder Geschwistern
zufallen, soll der Staat einen Theil erhalten; das Recht des
Testirens soll auf die Hälfte des Vermögens beschränkt
werden, für das es jetzt gilt. Dies sind Anklänge an den
späteren St. Simonismus.
Die Leidenschaft der Arbeiter gegen neue Maschinen
wird entschuldigt; vom Laissez-faire-Princip werden Aus-
nahmen zu Gunsten allgemeiner Verbreitung von nützlichen
Kenntnissen, zu Gunsten öflFentlicher Wege und bei Erfin-
dungspatenten anerkannt. Statistik wird nicht benutzt, jedoch
warm empfohlen. Eifrig beschäftigt sich Bentham mit der
266 Erstes Bach, Cap. 3.
Staatsschuld, die er freilich nicht mit der gemeinen Gehässig-
keit Cobbett's angreift, die aber doch auch ihm ein Dom im
Auge ist Er entwii*ft ein ganz unpraktisches Project, die
Staatsschuld in zinstragende Inhaberpapiere von möglichst
kleinem Betrag zu verwandeln, indem solche Papiere gegen
Sparsummen verkauft und mit dem Erlös Staatsschuld zurück-
gekauft werden soll. Wenn dabei die Rücksicht auf die
Arbeiter, denen Gelegenheit zur Anlage kleiner Ei-spamisse
gegeben werden soll, ausdrücklich betont, wenn dabei gesagt
wird, diese Noten sollten durch die Postbüreaus vertrieben
werden — wer erkennt darin nicht eine Prophezeiung der
späteren Postsparkassen, die das Princip des laissez faire
durchbrochen haben? —
Merkwürdig ist die Verquickung von Manchestei-thum
und Wohlwollen gegen die Massen in Bentham's Ansichten über
die Armenfrage. Er ist nicht Malthusianer, ob er gleich erkennt,
dass die Bevölkerung im Yerhältniss zu dem Unterhaltsmitteln
und ' Bedüi'foissen steht (Manual.) In seinen praktischen
Voi'schlägen ist der Geist des späteren Annengesetzes mit
sanguinischer Weltbeglückungslust verbunden. Eine Actien-
gesellschaft, die „National Charity Company" — nicht der
Staat selbst — soll, mit weitgehenden Zwangsrechten aus-
gelastet, alle die sich nicht über Nahrungsstand ausweisen
können und die Kinder ohne Aussicht auf gute Erziehung, in
grosse Industriehäuser für je etwa 2000 Personen schaffen,
wo sie arbeiten müssen, bis sie den für sie gemachten Auf-
wand abverdient haben. Nüchternheit und Massigkeit sollen
darin gepflegt, die Kinder sollen gut unterrichtet und ei-zogen,
die Familien nicht getrennt werden. Die Gesellschaft soll
strenge überwacht, die Aufseher sollen für jeden Todesfall
bestraft werden etc. etc.
Eine völlig centi'alisirte, die alte Selbstverwaltung durch-
brechende, in socialistische Phalansterien ausartende Armen-
pflege, unter Ausschluss sonstiger Unterstützung, soll die
Steuerzahler erleichtem, zugleich das ganze Volk heben. Die
Industriehäuser sollen die Gefängnisse entbehrlich machen ; an
sie soll sich eine Regulimng der Arbeitsnachfrage im ganzen
J. Bentham. 267
Land durch eine „employing gazette" und eine „fnigality bank",
das ist eine centralisirte Anstalt zum Ersatz der Sparcassen
und der „friendly societies" anschliessen. So borniit Bentham
war, so vielseitig war er doch zugleich; selbst der englische
Socialismus findet in diesen Vorschlägen einen Bundesgenossen.
Aber nicht nur in einzelnen Ansichten weicht Bentham
vom Manchesterthum ab. Er erkennt, dass die National-
ökonomie nicht nur Wissenschaft, sondern auch Kunst sei,
und dass Adam Smith letztere Seite zu wenig beachtet habe
(Manual). Bentham zielt immer bewusst und direct auf ein-
zelne praktische Refoimen ab und er erkennt, dass die .
Thätigkeit der Polizei und Gerichte für die Wirthschaft von
wesentlicher Bedeutung sind. Finanzfragen stehen bei ihm im
Vordei^^rund. Er macht im Gegensatz zu Adam Smith Ver-
suche der Systematisiinng und führt alle Lehren auf ein aus-
gesprochenes Princip, das der Nützlichkeit, zurück.
Die bedeutendste Abweichung vom Manchesterthum be-
steht aber darin, dass die Aufgabe des Staats doch nicht un-
bedingt auf den „Nachtwächterdienst", auf die Herstellung
von Sicherheit beschränkt wird. Das Glücksprincip löst sich
auf in die Aufgabe des Staats, „Sicherheit, Unterhalt, Ueber-
fluss und Gleichheit" zu schaffen (Pan. fragments und sonst
öfter). Und indem die Herstellung der Gleichheit, soweit es die
Sicherheit erlaubt, in die Staatsaufgaben eingeschlossen wird,
kommt Benthan auf die Frage nach der besten Vertheilung
des Reichthums.
Und dabei spricht er die grosse Wahrheit aus, dass es
auf Abschleifen der Gegensätze zwischen Ann und Reich an-
kommt. Da zehntausendmal mehr Reichthum — meint Bent-
ham — nicht zehntausendmal glücklicher macht, so ist das
meiste Gltlck bei gleicher Vertheilung des Reichthums vor-
handen. Dies kann man aber nicht wollen, weil durch abso-
lute Gleichheit die Quelle des Reichthums vei-stopft würde.
Und so ist der beste Zustand der, in dem vom Reichsten
herab die Abstufung am regelmässigsten und unftihlbai'sten
ist. Man sieht, Bentham sucht die Mitte zwischen dem Com-
268 Erstes Buch, Gap. 3.
munismus und dem Zustand, in welchem der König von Eng-
land durch Drehen einer Kurbel allein alle Maschinen in Be-
wegung setzt — und dies ist wohl die erleuchtetste Folgerung,
die sich aus der Tendenz das Glück und seine Bestandtheile
zu messen, ergab.
Einem Manne, der so absolut frei davon war, seine Wis-
senschaft seinen oder seines Standes Interessen zu opfern, der
so unentwegt die Consequenzen seiner Principien zog, konnte
es auch nicht beifallen, gleich Ricardo das allgemeine gleiche
Wahlrecht principiell anzuerkennen und practisch doch nicht
zu wollen.
Damit kommen wir auf Bentham^s politische Schriften.
Wi^ haben schon im „Fragment" und in den „Principles" Bent-
ham's Ansichten über das Revolutionsrecht, seinen Satz vom
grössten Glück der gi-össten Zahl als Princip aller Gesetz-
gebung kennen gelenit. Er blieb sich in seinen Principien
und Tendenzen von 1776 bis zu seinem Tode auch in Bezug
auf Verfassungsfragen getreu; jedoch ist hier eine Entwick-
lung der Consequenzen im Laufe der Zeit nicht zu verkennen,
so dass Beuthem als Greis das aussprach, was er als Mann
noch nicht sagte — nicht, weil ihm der Muth fehlte, sondern
weil auch ihn die Tradition band und weil seine Kritik sich
in ihm erst ausleben musste. Verbitterung gegen Gegner,
die ihn verkannten, Beifall, der ihm aus Spanien und Süd-
amerika entgegen gebracht wurde, mögen ihn zugleich er-
hitzt haben — dennoch musste er zu den letzten revolutio-
nären Consequenzen kommen, weil sein Princip es erheischte.
Dazu führte nicht nur die Behauptung, dass die individu-
elle Ueberzeugung über das Recht des Widei-stands entscheide.
Nachdem Bcntham den Sprung gemacht hatte, dass es auf
das grösstmögliche Glück der grösstmöglichen Zahl ankomme,
musste er unbedingte Demokratie fordern — und wenn er
einsah, dass diese nicht auf friedlichem Wege zu erreichen
war, so musste er auf einem Umweg wieder zur Revolution
zurück kommen.
Schon in den Pannomial Fragments wird ausgesprochen,
dass im Conflictsfall die kleinei*e Zahl der grösseren weichen
J. Bentham. 269
müsse. Und in allen politischen Schiiften kommt Bentham
zu dem Besultat, dass die Majorität unbedingt die Hen*schaft
haben mfisse, da es ja auf das Glück der Majorität ankomme
und diese nur selbst bestimmen könne, was ihr nützlich sei.
Es ist selbstvei*ständlich, dass mit diesen demokratischen
Anschauungen eine grimmige Abneigung gegen jede Aristo-
kratie Hand in Hand ging, dass Whigs und Tones Bentham
gleichmässig verhasst wurden, dass er sieh einfach auf die
Seite der „radicalen Reformer" seiner Zeit stellte. Er spottet
über die „glorreiche Revolution'' (Book of Fallacies) , ist für
Katholikenemancipation, gegen die Staatskirche, eifert gegen
die heilige Allianz etc. etc. — und liefert in all diesen Fragen
den radicalen Agitatoren seiner Zeit die Waffen, wenn er auch
Cobbett fftr einen Schuft erkläi-te, und weder Paine's Schwär-
merei für Menschenrechte noch des Majors Caitwright biblische
Sittenstrenge bei ihm Anklang fand. In dem Hauptpostulat
der radicalen Parlamentsrefonn stimmte er mit allen andern
Radicalen überein, wie er denn gleich den meisten der letz-
teren die Vereinigten Staaten von Nordamerika für das ge-
lobte Land hielt und sogar wähnte, dass dort nie Einzelne
öffentliche Mittel zu ihrem Vortheil vergeudeten!
Mit den Sympathien für Demokratie wuchs Bentham's
Kosmopolitismus. Er war der Ansicht, Ausländer eigneten sich
besonders zu Staatsbeamten, weil man sie besondei-s argwöh-
nisch überwachen würde. Er schrieb nicht nur Gesetzbücher und
Belehrungen für die beliebigsten Nationen, selbst für Tripolis,
sondern verfasste einen Codificationsvorschlag für alle libe-
rale Völker (Codification Proposal).
Bentham verwarf die massige und verlangte unbedingt
die radicale Parlamentsreform. In dem „Parliamentary Reform
Catechism*', geschrieben 1809, veröffentlicht mit Einleitung von
1817 (Bd. ni der Werke), wird die radicale Parlamentsrefonn
bereits nicht nur mit scharfer Kritik des Bestehenden, sondern
entschieden mit glühender Leidenschaft gefordert. Minder-
jährige, auch solche, die nicht lesen können, sollen zwar aus-
geschlossen werden, denn Bentham verlangt verständigerweise
„virtually universal suffrage'*, aber zugleich ganz in der Weise
270 Erstes Buch, Cap. 3.
der Radicalen jährliche Parlamente und geheimes Ballot
In vielen anderen Schriften, z. B. in dem 1819 veröffentlich-
ten Entwurf einer „R&dical Reform Biir' , und in dem Buch
„Radicalism not dangerous^', werden die gleichen Forderungen
immer wieder zusammengestellt.
Dass das Parlamentswahlrecht allein die Demokratie nicht
sichere, sieht Bentham klar ein; deshalb beschränken sich
seine Vorschläge nicht auf die Verfassung, sondern die ganze
Organisation der Verwaltung soll demokratisch eingerichtet
werden, so dass alle Beamten möglichst wenig Macht und Ge-
halt haben, aber der grösstmöglichen Verantwortlichkeit unter-
worfen sein, gewählt und beständig controllirt werden sollen.
Das Postulat ergiebt sich nicht nur aus demokratischem Miss-
trauen gegen jede Autorität, sondeiii auch aus dem Satze,
dass jeder Mensch von Natur egoistisch und nur egoistisch
sei, so dass ein höchst künstlicher Apparat nothwendig wird,
um die Interessen eines einzelnen Regierenden mit dem Inte-
resse der Gesammtheit zusammenfallen zu lassen.
„Lasst immer in der Hand derjenigen, aus deren Glück
sich das allgemeine Glück zusammensetzt, die Wahl jener
Agenten, deren Handlungen dieses Glück befördeni sollen!'*
Das besondere Gewicht, welches Bentham auf die Ohn-
macht und beständige Controllirung aller Staatsdiener legt,
ist eine eigenthümliche, aber nothwendige Folge des Umstands,
dass er Pflicht, Ehre u. s. w. als Motive des Handelns gänz-
lich leugnet. Es zeigt sich dabei, wie die zwei Gedanken,
dass jeder Mensch von Hause aus nur auf sein Glück bedacht
sei und dass öffentliche Institutionen doch dazu da seien, das
Glück der gi'össten Zahl zu befördern, nur durch den künst-
lichsten Zwang vereinbart werden können. Ein trostloser
Mechanismus muss das lebendige Gefühl der Zusammengehörig-
keit und der Verpflichtung gegen das Ganze ei-setzen , durch
welches in Wirklichkeit die Staaten leben und blühen.
Lange, lange gedachte Bentham seine demokratischen
Ideale nur auf dem Wege der friedlichen Reform, ja sogar
auf dem der allmäligen Reform durchzusetzen. Die wilde
Leidenschaft der französischen Revolution stiess ihn ab: als
J. Bentham. 271
er zum französischen Ehrenbürger ernannt wurde, tadelte er
in seiner Antwort die Härte gegen .die verbannten Aristokraten
und in der Schrift ,,Anarchical Fallacies'' lieferte er sogai* eine
scharfe Kritik der „Menschenrechte^'. Freilich wendete er
sich gegen diesen Begiiff zumeist aus dem Grunde, weil der-
selbe nicht mit seinem Nützlichkeitsprincip stimmte ; weil nur
geschriebenes, codificirtes Gesetz seiner Meinung nach Recht
ist, und weil keine Menschenrechte die Zukunft binden könn-
ten-, wohl aber erkannte er, dass die Menschenrechte ein
ewiges Recht auf Revolution consütuiren, jede dauernde Ord-
nung und gesetzliche Entwicklung untergraben.
Im „Pail. Refoim Catechism'' wird die radicale Reform als
einziges Mittel, die Revolution zu verhüten, hingestellt Das
monarchisch-aristokratische Element ruinire zwar das Volk;
Krone und aristokratische Vorrechte seien kein Eigenthum,
sondern nur „trust^': aber doch sollen sie nicht vernichtet, son-
dern zunächst soll nur der Demokratie ein wachsender Antheil
an der Herrschaft gegeben werden (democratical ascendency
and political salvation).
In seinen letzten Schriften aber durchbrach der kosmo-
politische Demokrat diese Schranken des praktischen Eng-
länders. Seit 1830 nahm in ganz England die radicale Agi-
tation einen leidenschaftlicheren Aufschwung, wesentlich an-
geregt durch die Pariser Juli-Revolution. Zwar kam es der
Masse lediglich auf die Durchsetzung der massigen Parlaments-
i*eformen an, aber alle radicalsten Leidenschaften wurden in
den Dienst dieser Agitation gestellt. Und auch hier ist Bent-
ham wiedei-um der treueste Spiegel seiner Zeit. In einem
Brief an die Franzosen von 1830 über Peei*skammern (Werke
Bd. IV, S. 449) spricht Bentham es endlich aus:
„Gut, meine Mitbürger von Frankreich ! Gut, meine Mit-
bürger von England! meine Mitbürger der civilisirten Welt,
meine Mitbürger zukünftiger Weltalter! Wenn Demokratie
nicht identisch ist mit Anarchie, sondern eine bessere Regie-
rungsforra als jede andere, besser als absolute Monarchie,
absolute Aristokratie, oder eine, von der Aristokratie gerittene
Monarchie — warum soll ich den Gegensatz nicht otfen klar-
272 Erstes Buch, Cap. 3.
stellen? Wenn ein Peershaus als nutzlos erscheint, warum
soll ich es nicht sagen? Wenn eine zweite Kammer oder
eine souverän regierende Versammlung nutzlos ist, es sei
denn, dass sie aus Männern bestehe, die das Volk im Ganzen
(at large) gewählt und beauftragt hat, — warum soll ich es
nicht aussprechen ? Wenn ein Functionär wie ein .... König
— nutzlos ist (da, das Wort ist geschrieben und die Welt
doch noch nicht untergegangen), warum soll ich es nicht
sagen? Wenn König und zweite Kammer beide schlimmer
wie nutzlos sind, waioim soll ich es nicht sagen ? Wenn Beide,
oder eins von Beiden zu Etwas nutz ist, so lasst das den, der
das denkt und sagt, beweisen!'^
In der That, es ist kein Grund einzusehen, warum Bent-
ham das nicht sagen sollte. Das schon längst ausgesprochene
als Urwahrheit betrachtete Wort, dass von Natur Niemand
zum Wohl des Volkes heiTSche, sondern nur dann, wenn be-
sondere Einrichtungen sein Interesse und das der Gesammt-
heit zusammen fallen lassen, war ja schon eine unbedingte
Verdammung des Königthums und der Aristokratie. Ich kann
kaum finden, dass der oben citirte Satz viel stärker ist, als
die schon in früheren Schriften so häufigen Auseinandersetzun-
gen daiilber, dass die Regierenden die natürlichen Feinde des
Volkes seien 1).
^) Z. B. in der 1828 gedruckten Vorrede zur 2. Auflage des Frag-
ment: „Of the several particuKor interests of the Aristocrat in all bis
Bhapes, including the fee-fed lawyer and the tax-fed or rcnt-fed priest, all
prostrate at the foot of the throne — is composed the everlastinglj and
unchangeably ruling interest. Opposite to the interest of the greatest
number — opposite through the whole field of govemment — is that
same ruling interest. That which this interest requires, is that the quan-
tity of power , wealth and factitious dignitj in the possession and at the
disposal of the ruling few, should be at all times as great as possible.
That which the interest of the subject many requires is — that the
qoantity of power and wealth at the disposal of the ruling few should
at all times be as small as possible: of these necessary instruments the
smallest quantity : of that worse than useless Instrument — factitious dig-
nity, — not an atom: no such Instrument of comiption and delusion, no
such favoured rival and commodions Substitute to fmeritorious and reaUy
J. Bentham. 278
In der Einleitung zum Reformkatechismus wird zwar nur
Aufsteigen zur Demokratie gewollt, die representative Demo-
kratie aber auch als das noth wendige Ziel hingestellt, und es
heisst, der einzige Rechtfertigungsgrund für die Monarchie sei
die Legitimität, für die Aristokratie der Satz, dass Besitz
Tugend ist.
Nur das anei*zogene englische Geffihl der Hochachtung
Yor dem König scheint bei Bentham selbst eine Art von
Staunen über seine Kühnheit hervorgeinifen zu haben, als er
zuletzt mit düiTen Worten den König als nutzlos bezeichnete.
Der Fortschritt liegt nur in dem leidenschaftlichen Ausdmck.
Die politischen Ideen Bentham's in ihrer letzten Ausbil-
dung liegen uns am deutlichsten vor in seinem letzten unvoll-
endet hinterlassen en Werk, dem „Constitutional Code''. Dieser
Codex soll zunächst für Republiken brauchbar sein, aber
auch in England für diejenigen, die durch allmälige Umbildun-
gen auf Republik zusteuern. Dass wir zunächst wieder das
Nützlichkeits- und das Interessen-Verbindungsprincip und sonst
endlose Wiederholungen finden, ist selbstverständlich.
Ganz bestimmt wird die repräsentative Demokratie als
einzig gute Regierungsform hingestellt. Selbst radicale Par-
lamentsrefonn ist ungenügend (Werke Bd. IX, S. 144), so
lange die Lords und der König bleiben. „Das Ganze (d. h.
usefal Service : no such essentially disproportionate mode of remuneration,
while for really useful Service apt notification would afford the only remu-
neration, which in the shape of honour can be proportionate : can Oppo-
sition be more complete? But to be governed by men, themselves under
the dominion of an iuterest opposite to oue's own, what is it but to be
governed by one's enemies? In or out office; possessors or ezpectants;
Tories or Whigs; leaning most to the monarchical side or most to
another side equally hostile to that of the people — what matter is it,
in which of these situations a man is , if to all the interest he adds
more than the power of an enemy?
Vain therefore, vain for ever will be all hope of relief, unless and
until the form given to the govemment is such that those rulers in chief,
whose particular interests are opposite to the universal interest, shall bave
given place to others, whose particular interests have been brought into
coincidence with that same universal interest/'
Held, Soc. Gesch. Engl. 18
274 Erstes Buch, Gap. 3.
die demokratische Republik) ist sehr einfach, das Halbe (d. i.
die constitutionelle Monarchie) ist sehr complicirt." Selbst
eine Revolution, welche nur die Person des Königs ändeit,
kann nicht helfen, denn ,;Ihr könnt keinen König haben, es
sei denn, Ihr hättet einen Beamten, der nicht Unrecht thun
kann." —
Was hat es zu bedeuten, wenn Bentham's schematischer
Geist die föderative Staatsform zurückweist und bei der cen-
tralisirten Demokratie bleibt; wenn er nicht selbst Revolution
organisirt, sondern nur die Leidenschaften, durch Schilderung
des Bestehenden als absolut verweiflich, anreizt?
Wir werden sehen, wie die eiTegten Arbeiter 1831 und
später zur Zeit der Chartisten in seinen Worten sprechen.
Bentham ist der erste gnindlegende Wortfühi^r all der-
jenigen Richtungen, welche den englischen Staat des 18. Jahr-
hunderts angreifen und dabei die Staatsidee selbst verlieren.
Wenn man vom einzelnen Menschen ausgeht und den Staat
nur als etwas dazu kommendes, Secundäres betrachtet, so
kann man überhaupt nur mehr sociale Beziehungen und In-
teressen verstehen. Das Streben des eretarkten Bürgerthums
nach politischer Macht gegenüber der alten Aristokratie zu
dem Zwecke sich weiter zu bereicheni, und die Feindseligkeit
der Arbeiter gegen die Regiemng in Folge von materiellem
Elend — für diese beiden Empfindungen liefert Bentham die
Formel.
Er bleibt dabei im Wiederspruch stecken und beweist
wider Willen die Verkehrtheit der absoluten Demokratie.
Wenn, wie es in der zweiten Vorrede zum Fragment
(Werke, Bd. I, S. 244) an so vielen Stellen klar ausgespro-
chen ist:
1) das Ziel aller Gesetze u. s. w. das gi-össte Glück der
grössten Zahl sein soll;
2) wenn dem im Wege steht der natürliche Egoismus aller
Menschen, demzufolge sie ihr Interesse dem der Ge-
sammtheit vorziehen;
3) wenn man daher die Interessen der Regierenden und der
Gesammtheit künstlich identisch machen muss durch abso-
J. Bentham. 275
lute, beständige Abhängigkeit der Regierenden von der
Majorität u. s. w:
wenn dies die Hauptsätze aller Politik sind, wie kommt es
denn, dass bei dem natürlichen Egoismus aller Menschen ei n
stiller Gelehrter das Soll des allgemeinen Nutzens aufstellen,
und ohne künstliche Maassregeln und Abhängigkeit in maass-
gebender Weise die Mittel zur Herstellung des allgemeinen
Glückes, statt seines eigenen, entdecken kann?
Die Geschichte lehrt uns, dass und wie reine Demokratie
in Tyrannis und Cäsarismus umschlägt. Bentham lehrt
uns, dass ein Philosoph, der das Evangelium der reinen Demo-
kratie — ausgehend von der Veniunft und den egoistischen
Interessen der Individuen — verkündet, seine Einsicht und
seinen guten Willen als absolute und höchste Autorität hin-
stellen muss. Von dem unbedingten Recht der individuellen
Vernunft zur Kritik ging er aus; es blieb ihm zuletzt nichts
Festes, als eben seine eigene Vernunft. Nicht die Göttin der
Vernunft in Gestalt eines Mädchens, wohl aber seine eigene
Vernunft, setzte er auf den Thron.
Die socialen Mächte des Bürgerthums und des Proleta-
riats haben seit 1776 den alten englischen Staatsbau unter-
wühlt, indem sie nicht nach Heri'schaft einer neuen Idee, son-
deiTi nach Befriedigung ihrer wiilhschaftlichen Interessen, nach
ihrem materiellen Glücke strebten. Die Zeit vor 1830 ist die
Zeit der Gährung, der vorbereitenden Entwicklung dör Ideen.
In Bentham haben sich diese Ideen am reinsten und vollend-
etsten ausgelebt. Er endet in staatlicher Hinsicht mit der
reinen Negation. Und wie steht es mit den Thatsachen,
welche 3ich nach seinem Tode vollzogen?
Gewachsen ist der Reichthum; ft-uchtbar war die Gesetz-
gebung, wirthschaftliche Bedürfnisse der neuei'starkten Stände
zu befriedigen. Allein wenn wir den Staat als solchen, sein
Princip, seinen Zweck, seine Macht ins Auge fassen, so steigen
uns Bedenken auf. Seit der Parlementsreform von 1867
ist kein principieller Grund mehr gegen das allgemeine
gleiche Wahlrecht zu finden; die alte Organisation der Selbst-
verwaltung ist überall durchbrochen. Aber es fehlt die Macht,
18*
276 Erstes Buch, Cap. 3.
welche die nach Glfick strebenden socialen Kräfte zusammen-
fasst unter einer grossen nationalen Idee. Bentham ist der
Prophet der Unterordnung des Staates unter die socialen In-
teressen und die Form dafür ist das Schema der kosmopoli-
tischen Demokratie.
Zu'Bentham's Zeit und leider auch später kämpften gegen
seine Ideen nur Tradition und conservatives Interesse; so
kümmerlich seine Philosophie war, es trat ihr keine von höhe-
. ren Gesichtspuncten ausgehende Philosophie mit Erfolg ent-
gegen; sein systematischer Empirismus hatte leichtes Spiel gegen-
über dem unsystematischen Empirismus der Gegner. Mächtige
Thatsachen und grosse Gefahren allein können die gesunde
Kraft des Volkes gegen Bentham's Leben tödtende Formeln
wachrufen.
Rücksichtslose Kritiker wie Bentham sind nöthig in einer
Zeit, in der es gilt, nach langer Erstarrung überhaupt neue
Bewegungen in Fluss zu bringen. Unleugbar war der alte
englische Staatsbau den neuen socialen Verhältnissen gegen-
über beim Wechsel des Jahrhunderts unhaltbar geworden,
und die socialen Interessen der politisch nicht privilegirten
Classen hatten ein natürliches Recht, sich gegen die regie-
rende Classe aufzulehnen, da diese ihre Herrschaft selbst
theilweise in ihrem wirthschaftlichen Interesse missbrauchte.
Allein was Bentham lehrte und was in seinem Geiste bisher
geschehen ist, ist zumeist nur ein Niederreissen alter Ordnun-
gen und darf daher nicht als eine Vollendung, nur als ein
nothwendiger Uebergang betrachtet werden.
Die Zahl der an der Herrschaft im Staate Betheiligten
musste vergrössert, die auf locale Ehrenämter basirte innere
Verwaltung durch technische Centralbehörden, durch besoldete
und von Wählerschaften controlirte Staatsbeamte durchbrochen
werden. Allein es wäre kein gesunder Fortschritt, wenn die
neuen Wähler und Gewählten des Unterhauses fortgesetzt sich
vorherrschend als Vertreter wirthschaftlicher Interessen be-
trachteten, wenn die neuen Verwaltungsorgane isolirte Werk-
zeuge zur Pflege einzelner socialer Interessen blieben. Eng-
land müsste von seiner Grösse herabsinken und die von Ledra
J. Bentham. 277
Rollin prophezeite „döcadence de TAngleterre" würde sich
in einem andern Sinne verwirklichen, wenn die geistigen und
materiellen Umwälzungen, die seit der Mitte des vorigen Jahr-
hunderts begannen, nicht in n^uen politischen Schöpfungen
von positivem und grossartigem Charakter ihren Abschluss
fänden ; wenn es nicht gelänge, das alte mächtige Staatsgefühl
neuerdings und in neuer Form zu beleben; wenn von dem
Geist der alten Institutionen in der That nur übrig bliebe der
Gedanke der Repräsentation, welchen Bentham als Simon de
Montfort's grösstes Verdienst preist. Im Zeitalter der Eli-
sabeth wurde England reich und politisch mächtig zugleich — was
die Staatsmänner jener Zeit leisteten, bleibt für die Gegenwart
noch zu leisten.
Geistreich und treffend hat Gervinus eine Parallele zwi-
schen Rousseau und Bentham gezogen. Auf dem Continent
hat die französische Philosophie des vorigen Jahrhunderts
stärker und directer politische. Zersetzung vorhareitet, als
Bentham's Lehren. Bentham's beschränkter Ausgangspunct
konnte namentlich bei dem Volke, das Kant und Fichte er-
zeugt hat, weniger Anklang finden. Dennoch sagt derselbe
Gervinus, der Bentham's Einseitigkeit erkennt und tadelt, in
seiner Einleitung zur Geschichte des 19. Jahrhundeits , dass
seit der Reformation eine beständige Kraft dahin wirke, bei
unseren Völkeni die Herrschaft der Wenigen durch die Herr-
schaft der Vielen zu ersetzen und er meint, seit Napoleon I.
sei die Zeit der führenden Geister vorüber und diese würden
durch Massenbewegungen ersetzt.
Und Gervinus, einst ein Führer seines Volkes, verstand
sein Volk nicht mehr, als ein grosser Staatsmann ausführte,
was die Vielen hofften und wollten, und er starb verbittert!
Eine weiter blickende Philosophie mit gi'össeren Gesichts-
puncten und mächtige geschichtliche Ereignisse, vollzogen
durch gewaltige Opfer des ganzen Volkes, wirkten bei uns
den Einseitigkeiten Benthamitischer Demokratie entgegen-
Dennoch entsprachen Bentham's Ideen so sehr einem oppo-
sitionellen Zuge, der in der neuesten Zeit die ganze civili-
siite Welt ergriff, dass auch in dem Lande der allgemeinen
278 Erstes Buch, Cap. 3.
Wehrpflicht und der von Friedrich Wilhelm I. erzogenen
Bureaukratie zeitweilig grosse Massen des Volkes und einzelne
hervoiTagende Denker von radicalen Schwächen ergiiffen wer-
den konnten. Es kann auch, bei uns nicht oft genug gesagt
werden, dass die Herrechaft der Vielen an sich kein goldenes
Zeitalter verbürgt, sondern dass sie nur dann vor Auflösung
des Staates bewahrt, wenn die raitherrschenden Vielen ihrer-
seits beherrscht sind von der Leidenschaft, dem Staate zu
dienen.
§ 2. Die Benthamiten.
Als der Mann, in dessen Kopf jede Art von englischem
Radicalismus vollauf ausgebildet war, ei*sehien uns Bentham.
Benthamist es, wie wir oben (S. 58) gesagt haben, der Kant und
Rousseau an die Seite gesetzt werden muss, wenn man die
nationalen Philosophen aufführt, die ihre Völker in die neueste
Zeit einführten. Tausende, die seinen Lehren folgten, kannten
ihn nicht, wussten nicht dass er lebte oder gelebt habe. Den-
noch lässt sich nachweisen, wie seine Schriften selbst auf die
radicale Tagespresse in den 20er und 30er Jahren wirkten.
Ausser den Nationalökonomen und ihren Anhängern, die
einen Theil der Bentham'schen Anschauung consequent aus-
bildeten und ausser einzelnen Parteiführern, die wir als Bent-
ham's Schüler kennen lernen werden, gab es auch ein kleines
Häuflein reiner und vollkommener Benthamiten, die sich selbst
„philosophische Radicale" nannten, d. h. Männer, die weder
ausschliesslich Nationalökonomie noch politische Agitation trie-
ben, sondern die ganze Weltanschauung Bentham's accep-
tirten und diese in der Literatur wissenschaftlich und popula-
risirend weiter entwickelten.
J. St. Mill erzählt uns in seiner Autobiographie sehr
anschaulich von dieser Gruppe. Die ganze Schrift') ist
höchst charakteristisch, indem sie uns in schlichter und offen-
bar höchst wahrheitsgetreuer Schilderung das Bild einer rein
^) Autobiography by John Stuart Mill. Second edition. London 1873.
Die Benthamiten. 279
rationalistischen Einziehung vorführt, die der junge Mill durch
seinen Vater, Bentham's Freund, genoss — eine höchst ein-
seitige, fast unmenschlich zu nennende Erziehung, deren Spuren
sich bei dem Manne Stuai-t Mill zeigten, indem er als Poli-
tiker höchst unpraktisch y selbst als Schriftsteller stets sehr
einseitig blieb. Dennoch hat die unvei-wtistliche Liebens-
würdigkeit und Menschenfreundlichkeit seiner Natur bewirkt,
dass Derjenige, der nu^ die Schriften des Mannes kennt, die
YOlle Einseitigkeit seiner Erziehung und Entwicklung nicht
leicht sofort durchschaut, die eben erst aus der Autobiographie
klar hervorgeht.
In diesem Buch erzählt Stuart Mill, wie es ein lang ge-
hegter Plan seines Vaters und Bentham's war, ein eigentlich
radicales Organ gegenüber der Edinburgh- und der Quarterly-
Review zu gründen. 1823 kam dann die Westminster-Review
unter Bowring's Redaction wirklich zu Stande.
Der Kreis von Männeni, die dies Organ leiteten und für
dasselbe schrieben, bestand zumeist aus Freunden des älteren
MiU, auf welche dieser persönlichen Einfluss gewann. Sie ver-
traten die sich durchaus innerlich verwandten Principien von
Bentham, Ricardo und Malthus — die des letztern ohne seine
staatsmännischen Ideen. Sie glaubten unbedingt an die Seg-
nungen des Repräsentativsystems und der freien Discussion und
theilten trotz allen Kaoipfs gegen Robert Owen auch die Idee
von der unbedingten Verbesserungsfähigkeit des Menschen
durch „die Umstände". Die Review erregte Aufsehen, gerieth
aber doch 1828 in finanzielle Verlegenheit — Mill zog sich
damals von ihr zurück.
Die Westminster-Review machte aber nicht nur Aufsehen,
sondern gewann auch wachsenden Einfluss. Wie die Agitation
von Burdett und Cobbett kämpfte sie gegen Aristokratie,
Staatskirche und die Politik der heiligen Allianz. Ihr Ein-
fluss, d. h. der Einfluss des Radicalismus überhaupt, zeigte
sich in der allmäligen Bewilligung einzelner wirthschaftlicher
Reformen, besonders darin, dass auch in anderen Organen und
Kreisen die ganze Denkweise des Radicalismus allmälig Ein-
gang fand.
280 fintes Bach, Cap. 8.
Stuart Mill blieb seinen Jugendideen im Grossen und
Ganzen bis an sein Ende treu; er wurde einer der populärsten
Schriftsteller Englands. Es wäre später zu zeigen, wie er
den allmäligen Sieg des Radicalismus i-epräsentiit. Betrachten
wir hier die Zeit vor 1832, so war die Westminster-Review
natürlich kein Werk aus Einem Guss, das lediglich epn scharf
ausgeprägtes Programm vertrat Stuait Mill selbst erzählt
unS; wie viele Artikel den jüngeren Mitarbeitern nicht ge-
fielen ^). Aber alle ihre wichtigen Artikel machten die Prin-
cipien des Radicalismus bekannt und populär , so namentlich
schon die ersten Artikel des älteren Mill, von denen der
Sohn ei-zählt. Sie machte von Anfang an Front gegen die
Whigs, allein es fehlte jener übei-sprudelnd giftig agitatorische
Charakter, den wir in Cobbett's Schriften finden — sie war
geeignet, in dem denkenden Theil der gebildeten Jugend Eng-
lands einen individualistischen Liberalismus zu erzeugen, der
wohl warme Ueberzeugungstreue , aber nicht die gehässige
Leidenschaft eines ökonomisch gediilckten Standes besass. Es
war ein ehrlicher Radicalismus, den die getreuen Benthamiten
der Westminster-Review vertraten — doch ein Bourgeois-
Radicalismus , der noch vieles neu emngen wollte, aber auch
schon Eniingenes zu bewahren hatte.
Greifen wir aus den älteren Jahrgängen der Review
^) Was Stuart MiU über das Yerhältniss von Bentham und der klei-
nen Benthamitiscben Schule zu der Review erzählt, wird durch das Vor-
wort zu einem Artikel October 1826 S. 446 bestätigt und ergänzt Es
ist dies ein Artikel von Bentham selbst über ein Buch von James Hum-
phrej. Im Vorwort der Kedaction heisst es: „Es ist selten, dass unsere
(der Review) Meinungen nicht von unserer ganzen Gesellschaft (corps) ge-
theilt werden, noch seltener, dass ein Artikel veröffentlicht wird, ehe er
nicht mehr als einem Urtheil unterworfen worden ist Der folgende Auf-
satz aber ist anverändert, wie er aus der Feder des Verfassers (Bentham)
kam , veröffentlicht — Wir halten den Geist Benthams in höchster
Achtung und haben die legislativen Gesichtspuncte dieses grossen Rechts-
gelehrten; den wir als Begründer eines neuen und besseren Systems be-
trachten, stets aufrecht erhalten — man wird uns verzeihen, wenn wir in
diesem speciellen Fall von der bewährten Form, die Ansichten eines Re-
viewers zu überliefern, abweichen/^
Die Bentbamiten. 281
Einzelnes heraus, so hat sie den Krieg Englands gegen Frank-
reichbekämpft als einen Eiiegim Interesse der Aristokratie, der
dem Volke zahllose Nachtheile gebracht habe ; sie war gegen poli-
tisch reactionäre Maassregeln, Staatsschuld, verschwenderische
Gewohnheiten in Bezug auf Staatsausgaben. All dies wird ^)
nicht mit der Leidenschaft, aber ganz in dem Sinne Gobbett's
ausgeführt — von dem dann freilich die Reriew erheblich
abweicht, indem ihr Reduction der Zinsen der Staatsschuld
als Vertragsbnich ein höchst verabscheuungswürdiges Ver-
brechen ist — ein Voi-schlag, den nur eine Aristokratie machen
kann, deren Moralität ganz durch die Gewohnheit zu herrschen,
ihr Interesse mit Moral zu verwechseln, ruiniit ist. Die Review
weicht von Cobbett ab, wo es sich um die Interessen des
Gapitals handelt; denn die Mittelclassen sind der Review „der
Buhm Englands*'*), sie allein haben Englands Uebergewicht
über andere Nationen begi-ündet, jener Theil des Volks, von
dem „alles Gute, das wir haben, herrührt."
Solch dithyrambischem Lobe der Mittelclassen, dem ener-
gische Bekämpfung der Kornzölle entspricht % geht dann eine
ernstgemeinte, wenn auch etwas platonische Liebe zu den
arbeitenden Classen zur Seite, und es wird sogar zugestanden,
dass von „den zwei Classen der productiven Bevölkerung" —
die im Gegensatz zu den unproduetiven Landlords gedacht
wird — die Capitalisten trotz aller Schwierigkeit immer reicher
werden, während man dies von den zahlreichen Arbeitern
nicht behaupten könne *) — woraus aber nichts Weiteres ge-
folgeit wird als Anklagen gegen die Aristokratie. Als Haupt-
frage, in der alle anderen eingeschlossen sind, erscheint
schliesslich die Nothwendigkeit , das Parlament dem beheiT-
schenden Einfluss der Grundaristokratie zu entziehen.
Andere Interessen als Cobbett, aber keine höhere Auf-
M 8. Jahrgang 1826 October S. 249 ff.
«) S. 1. c. 269
»).S. auch den Artikel October 1826 S. 373 ff., der die KomzöUe
Tom Standpunct der Gesammtproduction bekämpft und weil sie die ^Pro-
fits^ yermindem.
*) S. 263.
282 Erstes Buch, Cap. 3.
fassung. Der von der Aristokratie angeregte Krieg wird ge-
schmäht wegen seiner Folgen , namentlich der ökonomischen
und mit besonderem Hohn behandelt die Review den Satz^
es sei dies ein Krieg gegen Ideen gewesen. Die Review ver-
steht das einfach nicht und erklärt die Ideen nur als Euphe-
mismus für die Interessen der Aristokratie.
Natürlich : Wenn der Staat und das Recht, wie die Review
sagt, nur da ist, um Person und Eigenthum zu schützen, wenn
der Staat keinen Gulturideen dient, so kann auch der Staat
keinen Krieg mehr führen, um bestimmten Gulturideen das
Leben zu erhalten, den Sieg zu erringen. So sehr sich die
allgemeine Friedensliebe mit dem Scheine der Humanität um-
geben mag, die principielle Abneigung gegen den Krieg, das
Schmähen auf Ursachen und Folgen jedes Kriegs ist und
bleibt ein charakteristischer Ausfluss jener Kurasichtigkeit,
wonach Leben in Wohlstand der Güter höchstes, und der
wirthschaftliche Kampf ums Dasein die einzige menschen-
würdige Kraftbethätigung ist.
Wo die souveränen Gemeinschaften der Menschen, die
Staaten, nicht mehr den Zweck haben, die Menschheit ihren
höchsten Idealen näher zu bringen, da freilich sind auch
Collisionen unter den Völkern über die richtige Auffassung
dieser Ideale unmöglich. Dieser Grundauffassung entspricht
es, class die vorwiegende Tendenz der meist sehr gut ge-
schriebenen Artikel der Review gegen die Aristokratie ge-
richtet ist und dass die Popularisirung der den Mittelclassen
dienenden Nationalökonomie in höherem Maasse den Mit-
arbeitern der Review am Herzen liegt als selbst die politische
Freiheit.
Fast leidenschaftlich werden die Jagdgesetze als eine Ein-
richtung zu Gunsten der Vergnügungssucht des Adels selbst
auf Kosten des Lebens der Ackerbauer angegriffen; offen
wird das Uebergewicht des Grundbesitzes über das Capital
beklagt (Januar 1826, S. 2); die Ehrenämter der Selbstver-
waltung werden ohne Weiteres als Mittel der ClassenheiTschaft
denuncirt (ebenda S. 21, ferner Febr. 1831, S. 168). In der
Vertheidigung der Maschinen geht die Review noch über
Die Benthamiten. 283
Ricardo hinaus und entwickelt die Anfänge einer Lehre der
vollkommenen Harmonie der Interessen zwischen Arbeit und
Capital, indem zwar zugestanden wird, dass Einwandening frem-
der Arbeiter dem Capital nützlich, den Arbeiten! schädlich sein
könne, dass aber jede dem Capitalisten vortheilhafte Capital-
anlage, selbst solche ausser Landes, den Arbeitern vortheil-
haft sein müsse (Januar 1826, S. 130). Der Beweis dieses
Satzes wird abgeleitet aus den bekannten Sätzen, dass Capital-
gewinn identisch sei mit Reineinkommen der Nation; dass
Capital die ersparte Fmcht früherer Arbeit sei und Capital-
vermehrung, das Hauptinteresse der Nation, nur durch Er-
höhung des Capitalgewinns entstehe.
Bei diesen Auseinandersetzungen ist an der bona fides
der Verfasser nicht zu zweifeln. Doch muss darauf hinge-
wiesen werden, dass die Definition des Capitals als ersparter
Arbeit an sich tendenziös ist, wenn auch die Tendenz Vielen,
welche die Definition gebrauchen, keineswegs klar bewusst war.
Man definirt Capital als ersparte Arbeit und versteht
darunter den Besitz von Fabrikanten, Kaufleuten und Pächtern
im Gegensatz zum Grundbesitz. Nun ist heutiger Grundbesitz
ein wirthschaftliches Gut, ebenso wie eine Lokomotive oder
eine andere Maschine; ebensogut wie eiserne Werkzeujje ist
Giund und Boden Gegenstand des Eigenthunis, ein Werth-
object, das dadurch seinen heutigen Werth hat, dass ver-
gangene Arbeit natürliche Stofi'e in eine bestimmte Lage und
Gestalt gebracht hat. Ohne vergangene Culturarbeit wäre
der heutige Grund und Boden Englands kein Gut, ohne den
natürlichen Stoff Eisen würde Arbeit allein eine Maschine
nicht ei-zeugen können. Es ist also falsch, das mobile Capital
allein Frucht der Arbeit zu nennen, den Boden dagegen
Geschenk der Natur; und die Tendenz dieser Falschheit ist
klar: Grundbesitz erscheint dadurch als unverdient, Besitz
mobilen Capitals als verdient. Mobiles Capital und Arbeit
scheinen dadurch gleiche, Giaindbesitz und Arbeit verschiedene
Interessen zu haben. Man kann ja gewiss an sich das Wort
Capital auf die mobilen Besitzthümer beschränken und gewiss
hat der Immobiliarbesitz manche eigenthümlichen Interessen.
284 Erstes Bach, Cap. 8.
Allein die scharfe principielle Trennung zwischen Capital und
Grundbesitz, wie sie die englische Nationalökonomie voinahm,
ist überaus einseitig und tendenziös. Das Capital als Frucht
der Arbeit definiren heisst das Capital, d. h. das mobile Capital,
hinstellen als die höchste Frucht der Arbeit, als natürliche
Spitze und wohlthätige BeheiTScherin der Arbeit — es ist
ganz derselbe Gedanke, wie wenn die Beview die Mittelclassen
(das sind eben die Capitalisten) als die Führer des ganzen Volks
(das sind die Arbeiter) auf dem Wege zum Fortschritt hinstellt.
S. April 1827, S. 270: „Die allmälige Bildung Weniger be-
wirkte für diese im Laufe der Zeit eine gewisse Emancipation,
und in Folge davon Reichthum, Macht und Mittel zum Wider-
stand. So schickte das gemeine Volk einen Schwann aus, der
jene neue Colonie in seiner Mitte, die Mittelclasse , bildete»
und so wurde England schrittweise, was es ist, in Freiheit,
Reichthum und Bildung."
Einen breiten Raum nimmt demzufolge in der Review
der Kampf gegen die Komzölle und für Freihandel überhaupt
ein ; die Review excei-pirt Thompson's Katechismus (Januar 1827
S. 178), tritt für freie Einfuhr von Schiffsbauholz ein, eifert
gegen die Navigationsgesetze (Juli 1831, S. 180), bespricht
und rühmt alle freihändlerischen Leistungen der National-
ökonomie. Gelegentlich der Besprechung von Senior's Intro-
ductory Lecture heisst es (Juli 1825, S. 181):
„Man soll die Menschen frei lassen seitens des Gesetzes,
dass sie alle Waaren pi-oduciren können, wie es ihr Interesse
ist. Nach der Production sollen sie Freiheit haben, ihre
Waaren auszutauschen wo und gegen was immer ihnen passend
erscheint: Das sind die grossen Principien, durch die
nach den Lehren der Nationalökonomie die grösste Summe von
Gütern mit dem geringsten Aufwand von Arbeit erlangt wer-
den kann.'^
Diese rechtgläubigen Nationalökonomen bekämpfen nicht
nur Robert Owen's Theorien, sondern verkennen auch die
Macht der Cooperation — doch weil sie, wie erwähnt, bona
fide agitiren, so warnen sie vor polizeilicher Verfolgung der
Socialisten (April 1832, S. 317). Von Malthus acceptiren sie
Die Benthamiten. 285
mit grossem Eifer die Tendenz gegen Staatsintervention (Januar
1827; Juli 1827, S. 182), erklären Irlands Xoth aus üeber-
völkening etc. — aber für die ethisch - politischen Gedanken
von Malthus haben sie kein Vei-ständniss.
Der Agitation für stempelfreie Presse schloss sich die
Review mit vollstem Eifer an (Juli 1831, S. 238 «.).
Es war jedenfalls gerechtfertigt den damaligen engli-
schen Zeitungsstempel zu bekämpfen, und wenn wir den ein-
seitigen Bildungsfanatismus der Review nicht unbedingt thei-
len können, so müssen wir ihn doch als einen Haupt-
beweis f&r die Ehrlichkeit ihres Radicalismus anerkennen. Die
Review ist der Meinung, Bildung kühle die Leidenschaften,
sei das beste Mittel gegen Aufruhr etc. — kura, sie identi-
ficirt mehr oder minder Bildung und Moral, indem sie in echt
Benthamitischer Weise der Ueberzeugung lebt, dass die Ein-
sicht in den allgemeinen und den damit zusammenfallenden
individuellen Nutzen die Gmndlage der praktischen Moral sei.
Die Review fürchtet in der That von wachsender Volksbildung
Nichts für die begünstigte Stellung des Besitzes, sondern sie
will Bibliotheken, Museen etc. auch den Arbeitern mehr zu-
gänglich machen (Juli 1827), sie erwartet von dem reforniirten
Parlament energischere Befördeiimg der Volksbildung (Juli
1831), Eifer für Bildung" ei-scheint ihr als ernsteste Pflicht
(April 1825). Wenn es ihr dabei zumeist auf naturwissen-
schaftlich-technische Bildung ankommt, so erkennen wir darin
die Schule Bentham's und diejenige Nationalökonomie, welche
die inneren Güter des Menschen über der Sorge um Ver-
mehning der äusseren Güter vergass.
Wenn in der hauptsächlich von Arbeitern gelesenen
radicalen Presse kurz vor der Keformbill die Leidenschaft
sich gewaltig steigert und gleich darauf der offene wilde Kampf
gegen die Mittelclassen ausbricht, so ist auch unser Organ der
radicalen Mittelclassen, das die Reformbill um ihrer selbst
willen, nicht als ersten Schritt zum allgemeinen Wahlrecht
will, bereit zur Durchführung der Bill eventuell Gewalt zu
brauchen und nach ihrer Durchsetzung ei-scheint ihm kein
Mittel zur Abschaffung der Kornzölle unanwendbar.
286 Erstes Bach , Cap. 3.
Im Januar 1832, nachdem die Reformbill im Unterhaus
in zweiter Lesung durchgegangen, sagt die Review, wenn die
Lords die Bill wieder verwerfen, stehe England vor der Alter-
native: Krieg gegen Freiheit oder Revolution — letzteres sei
das weit geringere Uebel — und im October 1832 sagt unser
Organ, die Korngesetze, die einen Theil der Nation verhin-
derten, nach ihrem Interesse zu kaufen und zu verkaufen,
seien ein genügender Grund zur Revolution, wenn kein an-
deres Mittel hilft.
Die Arbeiter hofften von möglichster Ausdehnung des
Wahlrechts für sich Alles und waren daher bereit, an Er-
reichung dieses Ziels Alles zu setzen — doch waren sie aus
praktischen Gillnden zunächst mit einem Anfang zufrieden.
Die Mittelclassen wollten diesen Anfang, d. h. eine massige
Ausdehnung des Wahlrechts zur Befestigung dessen, was sie
bereits errungen hatten, kamen aber in der Hitze des Kampfs
theilweise ganz guten Glaubens zur Anerkennung weitergehen-
der radicaler Theorien.
So spricht die Review von Ausgleichung aller politischen
Rechte als einem Ziel, das aber nur schrittweise zu erreichen
ist; sie behauptet, die beste Wählerschaft würde sich in den
grossen Städten ergeben und von der Reformbill sei vor Allem
Sparsamkeit der Regiei-ung zu erwarten — ihre weiteren
Wünsche beschränken sich zumeist auf Einführung der ge-
heimen Abstimmung, d. h. einer den factischen Einfluss der
GrundheiTn vermindernden Einrichtung (Juli 1831).
Die Review fi'eut sich, dass das Nützlichkeitsprincip in
Amerika zu praktischer Anerkennung gekommen ist (Januar
1826), sie eifert vielfach gegen die Staatskirche und die
Zehnten und ist für volle Trennung von Kirche und Staat
(April 1826 S. 505, October 1831 S. 338, April 1832 S. 390),
sie legt bei Beuilheilung von Canning und Huskinson den
Maassstab der politischen Prineipien Bentham's an (October
1831), sie schwärmt für die Pariser Julirevolution wieder
unter Berufung auf Bentham (October 1831, S. 406), sie höhnt
über die Furcht vor Angriffen des Volks auf das Eigenthum
und glaubt, dass Demokratie gerade die beste Sicherheit ge-
Die Benthamiten. 287
währe (Januar 1832, S. 225), sie nennt Bentham (Juli 1832)
„das führende Werkzeug zur Durchführung des Wechsels der
Ansichten, der die alte Welt zersprengt wie die gefangenen
Wasser der Geologen die Erdrinde." Die Mitarbeiter der Review
haben in der That, wie die Review einmal von Galt (Juli
1832) sagt , selber „das volle Gefühl von der Unterdrückung,
unter welcher die Masse des Talents, der Thätigkeit, der
Nützlichkeit, in einem Wort der Segen von England durch
eine Oligarchie niedergehalten wurde'' — aber diese Oligarchie
ist ihr eben factisch der grundbesitzende Adel und bei „der
Masse von Talent und Thätigkeit" denkt sie vor Allem an die
Mittelclassen — nicht ahnend, dass diese selbst zur Oligarchie
werden könnten.
Man ersieht aus den angeführten Beispielen die ganze
Haltung der Review, des Organs der gelehrten Radicalen:
sie haben sich die Weltanschauung Bentham's angeeignet, sie
haben dieselbe aber, vielleicht unbewusst, ein wenig abge-
dämpft, um sie den Mittelclassen desto annehmbarer zu machen.
In der Betrachtung der Benthamiten, einer kleinen Gruppe
journalistisch wirkender Männer, haben wir etwas vorgreifend
geschildert, wie das Denken und Fühlen des gebildeten Mittel-
standes im Stillen dem Individualismus gewonnen wurde. Nun
treten wir hinaus in das Geräusch des politischen Lebens um
die Radicalen, d. h. die Führer der auf dem Individualismus
beruhenden englischen Parteien, kennen zu lernen.
Viertes Capitel.
1) ic Radicalen.
§ 1. John Cartwright.
Der englische Radicalismus , der hauptsächlich von den
Arbeitern getragen wurde, vereinigte sich im Anfang des
Jahrhunderts und insbesondere seit 1815 unter dem Schlacbt-
i-uf : Allgemeines Wahlrecht. Die En-egung und Bewegung
beioihte zumeist auf dem Gefühle des Drucks, unter dem das
Proletariat seufzte und dem daraus entspringenden allge-
meinen Wunsch nach einer Aenderung der Zustände. So ein-
fach und zugleich so beschränkt dies Postulat war, so waren
es doch vei*schiedene Anschauungskreise, die wirksam waren,
wo immer der Vei*such einer bewussten Formulirung des Postu-
lats gemacht wurde. In Paine's Schriften z. B. spiegelte sich
die Wirkung der amerikanischen und französischen Revolution
und der Ideenwelt der letzteren, eine Wirkung, die in Be-
zug auf die Englischen Arbeiter nur eine indirecte genannt
werden kann. Doch war er nicht fähig, jenen sittlichen
Ernst, der, wie wir aus Bamford's Selbstbiographie entnehmen
können, in einem grossen Theil der en-egten Arbeiter lebte,
zu vertreten. Dieser sittliche Ernst war nicht nur eine
allgemeine Eigenschaft des englischen National-Charaktei*s,
sondern insbesondere ein Erbtheil aus der Zeit der Puritaner
und der Revolution von 1688, das damals noch viel lebendiger
vorhanden war als heute. Puritanische Anschauungen, die
den Geist der Demokratie durch ein schroffes christliches
J. Cartwright 289
Pflichtgefühl bändigten, lebten unter den Dissenters noch
wirksam fort, Hampden blieb ein populärerer Held als
Bobespiene. Politische Umwälzungen Terlangte man noch
immer nicht lediglich auf Gi-undlage rationalistischer
Schemata, sondern unter Berufung auf alte Bechte und zur
Begründung eines neuen dauernden Bechtszustands.
Diese Tendenzen des Arbeiterstands vertrat nun vor Allem
John Cartwright, unbedingt die edelste Gestalt unter den
radicalen Volksführem. Er stammte aus guter Familie ^) und
gehörte doch nicht zu jenen Volksführem, die das Volk für
ihre ehrgeizigen Zwecke missbrauehen ; 1740 geboren, seh wannte
er in seiner Jugend für Friedrich den Grossen und woUte
unter ihm dienen. Da dies verhindert ¥nirde, trat er in die
englische Marine und bewies sich in Gefechten und Seegefahr
ebenso muthig als aufopfenmgsf&hig. Darauf vei'weilte er in
Amerika.
• 1766 machte es gi-ossen Eindruck auf ihn, dass ein von
Bewerbeni um Anstellungen bestörmter Lord schliesslich
ausrief: „Ich habe Euch alle gekauft und werde Euch bei
Gott alle verkaufen."
1774 veröffentlichte der Lieutenant Cartwright seine
ersten Briefe über amerikanische Unabhängigkeit; 1775 be-
antwortete er Burke's Brief über amerikanische Besteuerung;
1777 YHirde er mit Burke persönlich befreundet. Er trat
für die Unabhängigkeit Amerika's energisch ein, blieb aber
dabei nicht stehen, sondern schrieb schon 1776 sein ei-stes
Werk über Parlamentsreform: „The legislative Bights of the
Commonalty vindicated." Er begann also in dem Jahre der
amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, demselben Jahr, in
dem Bentham seine literarische Thätigkeit anfing, seine
Agitation für freiheitliche Eeformen, die er von da ab bis
zu seinem Tode 1824 unermüdlich fortsetzte.
1775, in demselben Jahr, in welchem er Major der
*) Siehe: The life and correspondence of Major Cartwright, by his niece
F. D. Cartwright, London 1826, und
A Memoir of John Cartwright the Reformer. London 183 L
Held, Soc. Gesch. Engl. 19
290 Erstes Buch, Cap. 4.
•
Nottingham Miliz wurde, sagte er in einem Brief: „die
Principien der Politik sind die Principien der Vernunft,
der Sittlichkeit und der Religion, angewendet auf
die Angelegenheit grosser Gemeinschaften. Daher gestehe ich
nicht zu, dass die richtige und redliche Politik Jedermanns
Uilheil entspricht, sondem sie ist bestimmt durch die 6 es et ze
Gottes und der Natur. Die Bibel ist die letzte Richterin
über die Grundsätze des öffentlichen und Privatlebens.*' Diesen
Principien blieb er treu während der langen Zeit seiner
Agitation. Die Inschrift auf seinem am 20. Juli 1831 erach-
teten Monument fasst seine Thätigkeit so zusammen:
„John Gartwright, der feste, standhafte und aushaltende
Vertreter von allgemeinem Wahlrecht, gleicher Verti'etung,
geheimer Abstimmung, jährlichen Parlamenten. ^ Er war
der erste englische Schriftsteller, der offen für die Unab-
hängigkeit der vereinigten Staaten von Amerika eintrat:
obwohl seine ausgezeichneten Verdienste als Marineoffizier seit
1776 die schmeichelhaftesten Aussichten auf Avancement im
Dienste eröffneten, wies er es doch edelmüthig zurück, sein
Schwert gegen die aufstrebende Freiheit eines unterdmckten
und kämpfenden Volks zu ziehen. In dankbarem Andenken
an seine unbeugsame Rechtschaffeüheit , seinen begeisteilen
Patriotismus, seine tiefe Kenntniss der Verfassung und in auf-
richtiger Bewunderung der makellosen Tugend seines Privat-
lebens wurde diese Bildsäule durch öffentliche Subscription
errichtet, nahe dem Platz, wo er seine nützliche uud ver-
dienstreiche Laufbahn beschloss.'*
Sein zweites Buch ,'^Take your choice" machte ihn mit
dem Herzog von Richmond bekannt, der die Parlamentsreform
zuerst im Parlament selbst beantragte. 1777 schrieb er die
„Proposais für saving America", 1780 wurde er Mitgründer
^) Ein Artikel der Westminster Review Nr. 16 S. 253 führt aus, Gart-
wright sei nicht der Vater der Parlamentsreformen. Die einzelnen Postn-
late, jährliche Parlamente, allgemeines Wahlrecht und geheime Abstim-
mung seien schon viel früher aufgestellt worden, z. B. von Burgh. Gart-
wright aber habe all diese Postulate zusammengefasst.
J. Cartwright. 291
der „Society für constitutional Reformation", der auch Price
und verschiedene Mitglieder der Aristokratie angehörten, und
deren erste Adresse Gai-twright verfasste. Auch an anderen
Vereinen betheiligte er sich. In der Gesellschaft „Friends of
the People'^ bekämpfte er 1792 den reinen Republikanismus
Paine's, obwohl er 1789 auch für die französische Revolution
geschwäimt und 1791 den Jahrestag des Bastillesturmes mit-
gefeiert hatte. 1812 trat er auch dem ei'sten Hampdenklub
bei, schied aber bald aus, um nicht den Beitritt anderer
einflussreicher Männer zu verhindern — was jedoch nicht ver-
binderte, dass 1819 der Hampdenklub an Theilnahmslosigkeit
starb. Seine Pflichten als Milizmajor erfüllte er gewissenhaft
und nahm auch trotz mangelnder Befördeining seine Entlassung
nicht, wurde aber 1792 unter Protest unrechtmässiger Weise
entlassen.
Später (1821) wurde er selbst processirt und bestraft; er
vertheidigte sich mit grosser Würde gegen die Anklage der
Conspiration. Wenn er auch die Republik principiell der Monar-
chie vorzog, so hat er doch eben so principiell jede revolutionäre
Gewaltthat verworfen, und er behandelte es geradezu als seine
Hauptaufgabe, Gesetzlichkeit zu predigen. „Hold fast by the
law** war sein Wahlspinich, der, wie wir durch Bamford wissen,
in der That auch von den Arbeitern mit religiösem Ernste
aufgefasst wurde.
Seine Mahnung zur Gesetzlichkeit war nicht ein diplo-
matischer Kunstgriff, um seine Person gegenüber den Ge-
richten zu decken, nicht ein nothwendig erfolgloses Nachwoi-t,
das aufregenden Brandreden zur Salvii-ung des Gewissens an-
gefügt wurde — sondern sie ergab sich mit Nothwendigkeit
aus seiner gesammten Anschauung als ein wichtiger Theil
derselben.
Schon in der Schrift „American Independence" von 1774
sehen wir Cartwright glänzen nicht durch Geist und Witz,
nicht durch gefälligen populären Stil, sondern durch charak-
tervollen Enist. Mit vollem Muth spricht er seine freiheit-
lichen und menschenfreundlichen Ansichten aus und beruft
sich dabei wie Locke, den er citirt, auf das Natuirecht und
19*
292 Erstes Bucb, Cap. 4.
die Bibel. Die Freiheit ist von Gott allen Menschen gegeben
und unveräusserlich. Daher verwirft Cartwright alle Sklavem
und giebt den Engländern den Rath, die Amerikaner nicht
als bevonnundete Kinder, sondeni als Sehwesternation mit
männlicher und unabhängiger Freundschaft zu behandeln:
„Die ursprünglichen und allein wirklichen Grundsteine der
Freiheit sind von dem allmächtigen Baumeister zusammenge-
legt mit den Grundsteinen der •Welt, indem das Recht in
die Natur des Menschen bei seiner Schöpfung eingepfropft
wurde. Deshalb kann es nicht nach der Art äussei'en Besitzes
durch Urkunden und Rechtstitel aus Menschenliand aufrecht
erhalten werden. Wir müssen sorgen, evangelische Reinheit
in unserer bürgerlichen wie religiösen Verfassung zu bewahren,
denn Beide sind auf Gottes Wort gegründet."
Es ist charakteristisch, dass auch Cartwright gleich
anderen Radicalen gegen das stehende Heer ist, aber dass
ihm diese Negation und die dadurch erzielte Geldei*sparniss
keineswegs die Hauptsache ist, Hauptsache ist ihm vielmehr
der positive Vorschlag der Schaffung eines nationalen Ver-
theidigungsheeres, bestehend aus allen waffenfähigen Männern
nach dem Vorbild der Wehr Verfassung des angelsächsischen
Königs Alfred des. Grossen. Dies System, das nachher in
gewisser Weise durch Preussens Landheer und Landsturm
verwirklicht ward, will Cartwright in der ausgesprochenen
Absicht, dass solch starkes Vertheidigungsheer Napoleon von
Angriffen abschrecken würde und er empfiehlt es auch den
deutschen Staaten schon 1806 in seiner Schrift „Englands
Aegis'': „Die deutschen Fürsten sollen sich zu Verbündeten
ihrer Völker machen; sie sollen zur Vertheidigung ihrer
irdischen Throne nichts haben als das Schwert des freien
Mannes. Und nur eines freien Mannes Stimme soll sich zum
himmlischen Throne in Anbetung erheben, denn nur dann
wird Deutschland einer erfolgreichen Vertheidigung sicher
fähig sein.*'
Innige Gottesfurcht, warme Vaterlandsliebe und auf-
richtige Gesetzestreue verbanden sich mit dem Radicalismus
dieses Radicalen , der vor allen den englischen Arbeitern den
Coübctt. 293
Schlachtruf: Allgemeines Wahlrecht, gleichmässige Vertretung,
geheime Abstimmung, jährliche Parlamente gab. Der Geist
von Cromwells gottseligen Regimentern war noch lebendig
bei der in langen Dezennien vollbrachten Formirung der
Arbeiterbataillone, welche die socialen Schlachten dieses Jahr-
hunderts ausfochten und trotz aller Leidenschaft und Unklar-
heit dem Staat und seinem Gesetze treu blieben. Wie die
Revolution von 1688 den Staatsvertrag anfQhile und doch
zugleich an die alten geschiiebenen Verfassungsrechte anknüpfte
und sich darauf berief, so begnügte sich auch Cartwright nicht,
seine vier Postulate in Bezug auf Wahlrecht wie Paine aus
dem Naturrecht abzuleiten, sondern er erklärte sie zugleich
für altes sächsisches Recht, das durch die Normannen dem
Volke unrechtmässiger Weise genommen worden sei. So
überwiegt denn in den Schriften dieses Mannes nicht der
Geist kampflustiger Kntik, sondern der begeisterte Glaube
an positive Ideale. Noch 1823 in seiner Schrift „The english
Constitution" rief der greise Volksführer aus : „Dann (— wenn
die genannten vier Puncto als Programm angenommen sind — )
sollen zustimmende Millionen die Luft mit aus dem Herzen
kommenden Ruf erfüllen. Und ein unwiderstehliches Volk ge-
sammelt um solch ein Banner, und mit solchen Führern, wird
bald seinem theuren England die richtige Stelle geben an
der Spitze eines geheiligten Bundes freier Staaten, zum
Schrecken einer unheiligen Allianz von hassenswürdigen Des-
poten und Feinden des Menschengeschlechts/'
§ 2. Cobbett.
Mit puritanischer Strenge und in würdevoller Haltung
hatte Cartwright die Forderung der Parlamentsreform auf-
gestellt und für dies sein einfaches Glaubensbekenntniss An-
hänger geworben, ohne sich im Uebrigen tief in die politischen
Tagesfragen einzulassen.
Ganz anders Cobbett, dessen Wirksamkeit in England
1802 begann und bis über das Jahr 1832 hinaus andauerte:
er ist ein geistreicher, witziger Journalist, der nicht an religiöse
294 Erstes Buch, Gap. 4.
Stimmungen anknüpft, sondern sich salbungslos an alle Leiden-
schaften wendet, die in der Brust irgend eines unzufriedenen
leben. So ward er der wirksamste Förderer des Radicalismus
und hat vielleicht mehr als irgend ein Einzelner zur Durch-
setzung der Parlamentsrefoim beigetragen. Dabei war sein
grosses Hülfsmittel dies: er kämpfte gegen alle einzelnen
Missstände in England; gegen alle Einrichtungen, von denen
man augenblicklich gerade einen Druck zu vei*spüren glaubte,
und wusste von da aus Uebergänge zu finden zu der Forde-
rung, in die er die Wünsche der Massen zusammenfasste und
die dadurch zum Programm einer politischen Partei erhoben
wurde.
Cobbett organisiite nicht Vereine und Versammlungen,
und als er in spätem Alter endlich nach der Refoiinbill im
Parlament sass, entfaltete er keine nennenswerthe praktische
Wirksamkeit mehr, sondera war ein Mann, der seinen Dienst
gethan hatte und noch mit Neugierde betrachtet wurde.
Aber er sprach 30 Jahre hindurch in zahllosen Ailikeln und
Pamphleten, welche das ganze Volk und auch die Gegner
mit neugierigem Interesse lasen, mit dem ungewöhnlichsten
Talent das aus, was in den Herzen der Millionen empfunden
wurde. Er verwandelte Gefühle in Sätze, dunkle Wünsche
in Postulate, er war der Mund der Arbeiter, die sich langsam
zu einer politischen Partei entwickelten um später eine
sociale Partei zu werden.
War er ein ehrlicher Sohn und Führer des Volks, oder
ein gewissenloser Demagoge?
Es wird behauptet, er sei von der Tories bestochen
worden. Dafür fehlen mir die Beweise und es lässt sich das
gesammte Thun des Mannes ohne solche Annahmen erklären.
Wahr ist, dass er grosse Schulden gemacht hat und plötzlich
ohne Bezahlung dei-selben nach Amerika ging. Wahr ist,
dass er einen ganz eretaunlichen Wechsel seiner Ansichten
durchmachte, aus einem eifrigen Diener des Thrones und
Anhänger der Tories ein wilder Radicaler wurde — und zwar
plötzlich , nicht in Folge langsamer Entwicklung seiner Ideen
und vielfacher Erfahi-ungen. Unleugbar ist sogar, dass dieser
Cobbett. 295
Wechsel die Folge persönlicher Erlebnisse, d. h. verletzter
Eitelkeit war.
AU dies zeugt nicht von sittlicher Grösse — es beweist
aber nicht positive Unaufrichtigkeit. Cobbett kann doch in
jedem Augenblick, das was er sagte und lehile für wahr
gehalten haben und ich möchte sagen, dass man so wirksam
wie Cobett eine Ueberzeugung nur aussprechen kann, die
man selbst hat. Der Glaube an die eigenen Worte ist das
gi*osse Geheimniss populären Erfolgs; er kann Cobbett nicht
gefehlt haben , wenn auch sein jeweiliger Glaube niemals aus
der Entwicklung eines wissenschaftlich geschulten Geistes und
oft theilweise aus Leidenschaften entsprang , die ans Gemeine
grenzen. Wie oft hat man es erlebt, dass erfolgreiche Agi-
tatoren sich fortwährend im feurigen Pathos steigeni, weil
dies Applaus erregt und sie den Applaus nicht missen können
— und schliesslich die extremsten Ansichten wirklich hegen,
weil sie dieselben so oft mit Erfolg ausgesprochen haben?
Wer einmal für die Massen schreibt oder spricht, verliert
im Rausch des Erfolgs stets leicht die Selbstkritik. Ruhige
Beobachter werden an ihm irre, aber er lügt nicht, sondern
er überlegt nicht mehr objectiv, was er sagt.
Was bei Agitatoren, die zum Kampfe in pathetischer
Leidenschaft anfeuern, so oft eintritt, das kann auch bei
einem Agitator eintreten, dessen beste Waffe der Witz war.
Cobbett hatte immer Erfolg, wenn er Personen oder Institu-
tionen mit beissender Kritik angi-iflf. Seine Natur war von
Hause aus streitsüchtig. Intellectuelle Schulung und mora-
lische Zucht hatte er nie erfahren.
Die Eitelkeit des Autodidacten war selbstverständlich
gross in ihm und die daraus entspringende Selbstüberhebung
steigerte noch die natürliche Anlage zum Cynismüs. Natur
und Lebensgang vereinigten sich, einen Mann zu erzeugen,
dessen Lebenselement der publicistische Zank wurde.
Gewiss war Cobbett kein Volk.sheld wie Bamford oder
Lovett, kein edler Volksfreund wie Cartwright oder Owen.
Dennoch war er kein ehrgeiziger Streber, der auf den
Schulten) der missbrauchten Massen empoi'steigen , kein
296 Erstes Buch, Cap. 4.
feiler und feiger Schreiber, der im allgemeinen Trubel nur
seinen Vortheil erreichen wollte. Er freute sich des Erfolgs
seiner Bissigkeit und das Object seiner Angi-ifife bestimmte
nicht heilige Uebei*zeugung, sondern oft persönliche Rancüne,
verletztes Selbstgefühl oder Hofihung auf Befriedigung der
Eitelkeit. Aber wenn ich oben sagte, dass solche Wirksam-
keit, wie Cobbett hatte, eine positive Lüge ausschliesst,
wenn auch ein edler tiefer Glaube der Natur des Agi-
tatoi*s überhaupt fremd sein mochte — so muss noch dazu
gesagt werden, dass neben allem Bedenklichen und Ge-
meinen ein sittlich edler Zug in Gobbett's Wesen lag. Er
war nicht nur ein tadelloser Ehemann und Familienvater, er
besass nicht nur eine sittliche Energie, die ihn selbst aus
dem Gefängniss heraus mit ungetrübter Frische für seine
Wirthschaft, seine Familie und das Volk wirken liess — er
hatte in seiner Weise eine wahrhafte Sympathie mit den
elenden Massen und eine wahrhafte Liebe für das Volk. Er
stand principiell auf Seiten der Unterdrückten, der Schwachen,
der Minorität. Solche Neigung kann statt eines Helden
einen Raufbold erzeugen, sie kann fratzenhaft werden durch
Verbindung mit der Eitelkeit, dass man als eine Pei-son
die Schwachen stark machen werde, ist aber an sich das
Gegentheil des Unedlen und Gemeinen, und war es ganz
besonders in einer Zeit und einem Staate, wo es in der That
galt , vielfachste Unterdrückung aufzuheben , ohne dass man
den Weg dazu schon klar sah.
Auch das beweist, dass der merkwürdige Mann wohl
ein unberechenbarer, zuchtloser und gefährlicher, aber kein
positiv schlechter Charakter war, dass er oft mit Erfolg seine
Autorität anstrengte, um unbesonnene rechtswidrige Schritte
der en*egten Massen zu verhüten. Er trachtete nicht,
gefürchtet zu werden, indem er etwa den Massen das Risico
gefährlicher Thaten zuwälzte.
Jahrzehnte brauchte der engliche Arbeiterstand, bis er
seine Wünsche in ein politisches Programm zusammengefasst
hatte ; weitere Jahi-zehnte waren nöthig, um die Ueberzeugung
allgemein zu machen, dass nicht Aenderungen der Verfassung,
Cobbett. 297
sondern der socialen Zustände die Hauptsache seien. Unter
Cobbett's geistiger Fühining vollzog sich diese erete Fonni-
rung des Arbeitei*standes zur politisch radicalen Partei.
Dies war im Grunde nur eine Negation — worauf es positiv
ankam, das wusste man noch nicht — und so ist es natürlich,
dass die erste, sozusagen provisorische Constituirung des
vierten Standes in England vorzugsweise durch einen Mann
geleitet wurde, dessen natürliche Stärke im Negiren und
Protestiren lag.
Das äussere Leben Cobbett's ist allgemein bekannt.
Auch Bulwer liess es sich nicht entgehen, den psychologisch
merkwürdigen Charakter zu skizziren, fi*eilich nur den Mann
für sich allein, nicht im Zusammenhang mit den von ihm
bewegten und ihn bewegenden Massen. —
William Cobbett wurde 1766 als Sohn eines Aufsehers
und Enkel eines Taglöhners geboren, verliess 17 Jahre alt
seine Heimath und wurde Schreiber in London. 1784 wurde
er Soldat, 1791 in Amerika als Sergeantmajor und als ein
Soldat, der niemals bestraft worden war, vom Regiment
entlassen.
Er blieb in Amerika, heirathete, wurde Sprachlehrer und
Buchhändler. Bald wurde er Schriftsteller und zwar pole-
misirte er gegen Paine und Priestley und veilrat das englische
Torythum gegen die Sympathien der Amerikaner mit der
französischen Republik. Dadurch wurde er trotz der Gewandt-
heit seines Stils in Amerika unpopulär und so^ar wegen
„libel" zu schwerer Geldbusse verurtheilt.
Er verliess deshalb 1800 Amerika und gab in England
selbst seit 1801 ein Blatt heraus, nämlich das Politische
Wochenregister, das Anfangs 10 pence resp. 1 Shilling
kostete, dann nur 2 pence, worauf der Absatz von 2—3000
auf 60—70,000 Exemplare stieg. Da er aber hier mehr
Bewundenmg als persönliche Unterstützung fand, so begann
er im „weekly register" gegen alle Parteien, auch gegen die
Minister zu agitiren, was ihm 1803 einen Pressprocess zuzog.
Dies verbitterte ihn noch mehr : er blieb zwar Zeitlebens den
Whigs noch feindlicher gesinnt als den Tories, aber er wurde
298 Erstes Buch, Cap. 4.
ein erkläi-ter Radiealer im Bunde mit Gaitwright, Burdett,
Hunt etc. und wirkte in der Ton ihm sozusagen begrQndeten
volksthümlichen Presse immer leidenschaftlicher gegen Hof
und Regierung. 0
1809 wurde er zu 1000 Pf. St. und 2 Jahren Gef&ngniss
verurtheilt; er suchte — was ei- allerdings selbst leugnete —
durch Concessionen seine Begnadigung fi-uchtlos zu erkaufen,
benahm sich aber im Grefängniss sehr muthvol].
Wieder frei geworden, gab er kleine Flugschriften
(Twopenny trash) heraus, die weil sie keine Zeitschiift waren,
Steuerfreiheit genossen; die „Six Acts" von 1817 wai-en
hauptsächlich gegen ihn gerichtet, die Reaction machte ihn
zum Märtyrer und Helden; dennoch konnte er seine Position
nicht halten und entzog sich neuer Haft und der Bezahlung
seiner Schulden durch plötzliche Flucht nach Amerika.
Dort schrieb er Artikel für England, und auch seine be-
rühmte Grammatik. Da er aber in Amerika, wo Jedermann
republikanisch und demokratisch gesinnt war, nicht viel Auf-
sehen eiTegte und seine Artikel von dort in Europa stets post
festum kamen, so kehrte er bald wieder mit Paine's Gebeinen
zurück und fing neuerdings als Journalist uneimüdlich zu
wirken an.
So wenig seine Person Respect einflösste, so wirksam,
ja furchtbar war seine Feder. 1820—26 schrieb er seine wich-
tigsten grösseren Brochüren, 1827 agitirte er gegen Canning;
1830 war Cobbett's „Register" das Hauptorgan der für Parla-
mentsreform agitirenden Massen : Er kam dann auch ins Par-
lament.
Sein Register wurde nach seinem Tode 1835 noch kui-ze
Zeit von seinen Söhnen fortgesetzt.
Seine literarische Thätigkeit interessirt uns erst seit der
Zeit, in der er anfing, den Radicalen zu dienen.
Seine (und seiner Söhne und Mitarbeiter) unzählige
Artikel sind das beste Bild der Volksbewegung, die sich vor
^) Im Twopenny Trash rühmt Cobbett selbst den Mtgor Cartwright
als den grossen Vorkämpfer für Reform seit 1770 und erzählt, dass er
sich ihm 1806 angeschlossen habe.
Cobbett. 299
1815 vorbereitete und 1832 in der Parlamentsreform ihren
vorläufigen Abschluss fand. Ich halte mich ausschliesslich
an die politischen Agitationsschriften, ohne die anderen
populären Werke über Landwiilhschaft, Grammatik etc. zu
berühren. Cobbett's Söhne veröffentlichten nach seinem Tode
„Selections from Cobbett's political works" worin namentlich
Auszüge aus dem „weekly political register^^ mit Anmerkungen
enthalten sin^.
Es ist selbstverständlich, dass ein so fnichtbarer Schrift-
steller, wie Cobbett sich in unendlichen Wiederholungen
erging. Diese wirkten aber durch ihr periodisches Erscheinen
und durch die reiche Abwechselung in Angriffen gegen
einzelne Pei-sonen immer frisch. Als Quintessenz all seiner
Tendenzen erscheint der Gedanke : dass er die Leidenschaften
der Massen ausschliesslich gegen die Regieiung und die gel-
tenden Gesetze dirigirte — aber immer wegen des von diesen
auf die Massen geübten ökonomischen Drucks. Das wirth-
schaftliche Interesse, nicht ein natuiTechtliches Princip ist die
Hauptwaffe seiner politischen Agitation.
Paine verlangte Republik und Gewissensfreiheit ohne
Nationalreligion aus Princip; Cobbett verlangt direct „bil-
lige Regierung und billige Religion." Steuerreformpläne
erscheinen bei Paine nebenbei, bei Cobbett ist finanzielle Er-
leichterung der Hauptzweck aller politischen Reform.
Auch er kämpft noch nicht direct gegen die radicalen
Mittelclassen und das Capital , er wirkt sogar für die Reform-
bill als ersten Schritt — aber die ökonomischen Interessen
der steuerzahlenden Massen und besondei-s der Arbeiter werden
von ihm so speciell betont, dass sie den Massen zum Standes-
bewusstsein verhelfen. Am Meisten zeigt sich dies in dem
Kampf gegen die Staatsschuld, betreffs deren die Interessen
des Arbeiterstandes und des mobilen Capitals schon damals
auseinandergingen.
Als die zu bekämpfenden Feinde des Volks erscheinen
bei Cobbett in unendlich häufiger Wiederholung: „Adel, Geist-
lichkeit und Geldhändler."
Das Wahlrecht muss erweitert werden zu dem bestimmten
300 Erstes Bach, Cap. 4.
Zweck eines Wechsels im Regierungssystem, d. h. der Ab-
scbafiung Ton „Sinecuren, Pensionen, Zuwendungen (grants),
Zehnten, Eronländereien und Staatsschuld/' Man soll wählen
nicht reiche, geldgierige und luxuriös lebende, sondern massige,
arbeitsame und kenntnissreiche Männer, welche wirken sollen
fllr Abschaffung der Malz-, Hopfen-, Seifen-Steuer , der Kom-
zölle, Zehnten, aller „assessed taxes'^ und Stempel.
„Wir verdanken die Refoimbill nur uns selbst und
sollten nie vergessen, wieviel wir den ländlichen Arbeitern
und insbesondere denjenigen verdanken, die zuerst beschlossen,
nicht länger von Kartoffeln leben zu wollen." (Twopenny
trash 1832 S. 243). Am 1. Juni 1832 sagt Cobbett nind
heraus: „er und die Seinen haben die Reformbill gewollt^
um diejenigen, welche die Steueiii auflegen, selbst zu wählen,
um zu verhindern, dass unser Verdienst uns ungerecht ge-
nommen werde."
Wie Cobbett zur Zeit der Refonnbill selbst die Parla-
mentsreform als Mittel zur Verbesserung der materiellen Lage
der unteren Classen wollte, so schon im Anfang seiner
Agitation während der Eriegszeit. Cobbett mahnte die
Arbeiter von Fabrikzerstöi-ung und anderer ungesetzlicher
Gewaltthat ab, entschuldigt aber die Ludditen, weil sie durch
Hungerenoth zur Verzweiflung getrieben seien (1812), und
verlangt 1816 in Briefen an Burdett die Parlamentsreform
wegen des Steuerdrucks. Cobbett vei-schmäht nicht Bundes-
genossenschaft und Compromiss mit besitzenden Radicalen,
aber er macht, deutlich ausgesprochen, die Politik für die
Arbeiter zur Magenfrage. 1835 schrieb ihm die Iiische
Anti-Tory-Association einen artigen Brief. Er antwortete
darauf benthamitisch , er gehöre zu keiner Partei, diese seien
nur „eine Täuschung der Vielen zum Gewinn von Wenigen."
Er sei kein Liberaler und hasse die Liberalen, die das
Armengesetz gemacht hätten. Das Organ der Anti-Toiy-
Association klage ihn an , „viel Bier und Speck seien ihm die
einzigen Zeichen guter politischer Zustände." Er antwortet
darauf im Politischen Wochenregister (21. Febiniar 1835):
„Man füge hinzu Brod, gute Kleidung, Hemden für die
Cobbett. 301
Frauen, Schuhe, Strümpfe und Kopfbedeckung, Glasfenster in
den Wohnungen, Betten und Bettzeug: einen Abtritt in jedem
Haus — man füge das Alles hinzu und dann hat das Organ
recht Das sind nach mir die Zeichen guter politischer
Zustände. Und von Herzensgiomd verabscheue ich die Libe-
ralen ^ deren Programme nur von geistigen Freuden reden,
während die elenden Gerippe unter ihrer Hen-schaft vor Hunger
und Elend sterben.*'
So bereitete Cobbett direct die politische Arbeitei-pailei
der Chartisten vor; aber immer erwartete er Besserung der
Lage der Arbeiter nur durch Politik und dachte nicht an
speciellen Krieg gegen die FabrikheiTU. In seinen Angriffen
gegen einzelne staatliche Institutionen übertrieb er entsetzlich,
aber er traf doch immer Puncto , in denen in der That eine
Benachtheiligung der Arbeiter und Armen nachweisbar war,
^enn er denn auch, leidenschaftlich und gemeine Leiden-
schaften schürend, weit über das Ziel hinausschoss.
Der keimende Gegensatz zwischen Arbeit und Capital
tritt besonders deutlich hervor, wenn man Cobbett's Schriften
über Papiergeld und Staatsschuld mit denen von Ricardb
vei-gleicht
1828 erschien Cobbett's Schrift: „Paper against Gold,"
die aus 29 zuerst 1810—1811 erschienenen Briefen besteht,
und Wellington gewidmet ist. In der Vorrede sagt Cobbett
mit unglaublichem Selbstgefühl — das aber nie so theatra-
lisch ist wie später bei O'Connor — er habe schon 1803 er-
kannt, dass das Papiergeld entwerthet sei und Erschütterung
im Lande hervon*ufen müsse, wenn man nicht zur Goldwäh-
rung zurückkehre und gleichzeitig die Staatsschuld
vermindere. Man habe nur das erste, nicht zugleich das
letzte gethan und dadurch das Volk schwer geschädigt; man
hätte das stehende Heer abschaffen, die Hälfte der Steuern
erlassen müssen und solle das noch jetzt thun. Schon 1803
habe er und vorher schon Paine die Nutzlosigkeit des Tilge-
fonds bewiesen.
In den Briefen nun gab Cobbett dem Volke eine vom
Standpunkt seiner Tendenz ausgezeichnet geschriebene Ge-
302 Erstes Buch, Cap. 4.
schichte der englischen Bank und der Staatsschuld. Cobbett
führt aus, dass Staatsschuldentitel keine reellen Werthe,
sondern nur Rechte auf Zinsen sind, dass das Wachsen der
Staatsschuld Steuererhöhung, Elend, Zunahme der Armenlast
bewirke: „die Tendenz der Besteuemng ist, eine Classe von
Leuten zu schaffen, die nicht arbeiten; von denen, die
arbeiten, das Product ihrer Arbeit zu nehmen und es denen
zu geben, die nicht arbeiten.*' («3. Brief) — d. h. also die
Regicrungspolitik , nicht das Capital, steckt den Marx'schen
Mehrwerth ein.
Im ei*sten Brief schon heisst es, die Notenvennehmng
sei geschehen, um die Zinsen der Staatsschuld zu zahlen —
und im 25. Brief heisst es, wenn die Bankrestriction wieder
aufgehoben, die Zinsen der Staatsschuld und alle Gehälter in
Gold bezahlt würden, so bekämen die Gläubiger und Beamten
factisch mehr als bisher — es sei also gleichzeitige Steuer-
emiedrigung nöthig.
Daran ist nun unleugbar viel Wahres. Allein Cobbett
erhebt sich nicht zu Postulaten einer durchdachten socialen
Gerechtigkeit, d. h. er verlangt nicht eine Reform der Ver-
theilung der Steuerlast zu Gunsten der Armen, sondern
einfach Steuerverminderung um jeden Preis; und er ver-
schmäht nicht (29. Brief) das rohe und ungerechte Mittel des
Staatsbankerotts, durch welchen die Zinsen der Staatsschuld
und damit viele Steuern allerdings einfach wegfallen würden.
Die Radicalen seien dann jedenfalls am Staatsbankerott nicht
Schuld, denn sie hätten den Krieg nicht gewollt. Ue!)er den
Papiergeldbankerott spricht er sioh cynisch aus. „Es ist
meine entschiedene Meinung, dass, was immer das Schicksal
des Papiergelds sein möge, dieses Schicksal keineswegs noth-
wendig auch nur die geringste Gefahr für die Unabhängig-
keit Englands, die Sicherheit des Thrones, die Freiheiten und
das Glück des Volkes bringen wird.'' Hat man die Zinsen
der Schuld bisher in Papier statt Gold bezahlt, so kann man,
meint Cobbett, auch ganz bankerott machen. — Wer Geld
ausleiht, läuft ja immer ein Risico !
Solche Brandschriften erregten natürlich Schrecken und
Cobbett. 303
Zorn in anderen Kreisen, und Cobbetts Uebertreibungen
wurden mit eben so grossen uebertreibungen beantwortet.
Eine Schrift von 1826 ^) behauptet, Cobbett und seine SchQler
seien an den Handelskrisen etc. Schuld, und giebt Cobbett
den wohlmeinenden Bath, er solle den etwaigen Verheissungen
„seiner höllischen Majestät'' auf eine wichtige Stelle in der
Hölle nicht trauen, da der Teufel keine guten, sondern nur
ausserordentlich heisse Stellen vergeben könne.
Nächst der Staatsschuld und dem stehenden Heer war
ein Hauptangriffspunct für Cobbett die Staatskirche.
Die arbeitenden Klassen hatten sich längst der vornehmen
Staatskirche abgewendet und ihr religiöses Bedürfniss wurde
insonderheit durch die Secten befriedigt, in denen auch der
demokratische Geist der Puritaner in abgeschwächten Formen
fortlebte.
Cobbett's Agitation gegen die Staatskirche war aber
nicht von strengem puritanischem Geiste ei-füllt, sondern
sie war hauptsächlich hervorgerufen durch Begehrlichkeit
nach deiQ grossen Veimögen der englischen Staatskirche und
kam zumeist dem Katholicismus zu gute, so dass der Ultra-
montanismus aus Cobbetts Schriften grossen Gewinn zog. Es
ist dies eine der merkwürdigsten Seiten des merkwürdigen
Mannes, dass er dem auf die gemeinen Leidenschaften der
Massen speculirenden demokratisirenden Ultramontanismus
der neuesten Zeit ein leuchtendes Vorbild wurde.
In seiner Schrift „Legacy to Parsons, London 1835'* be-
hauptet Cobbett unter vielfacher Benifung auf seine Befor-
mationsgeschichte, die Staatskirche sei nicht von Christus ein-
gesetzt, sondern durch Parlamentsacte gegründet, und häuft
die wüthendsten Schmähungen auf Heinrich's VUL Blutdurst
und Geldgier und bezeichnet es als eine reine Nützlichkeits-
frage, ob das ganze Eürchengut saecularisirt werden solle.
Unchristliche Lehren kommen nicht vor, vielmehr wird der
wahre christliche Sinn der Dissenters weihevoll gepriesen und
^) A general account of Cobbetts Conspiracy against public Confi-
dence, by Richard Brash, London 1826.
304 Erstes Buch, Cap.4.
das in Amerika verwirklichte Prindp der Trennung von Kirche
und Staat ganz im Sinne unserer heutigen Ultramontanen als
das einzig Richtige warm empfohlen. Der Skandal der Staats-
kirche rufe eben den Atheismus hervor, England müsse stre-
ben nach einer ,,billigen Regierung und einer dem Gesetz un-
bekannten Religion. "^
In den Jahren 1824 — 1826 veröffentlichte Cobbett in
fortlaufenden Briefen eine Geschichte der protestantischen
Religion in England und Irland, die (wohl wegen ihi-er Brauch-
barkeit im Interesse des Ultramontanismus) 1828 ins Deutsche
übei-setzt wurde. In dieser Schrift entwickelt Cobbett die
grösste Leidenschaftlichkeit und Einseitigkeit, indem er im
Protestantismus die Quelle aller Uebel erkennt und unter
willkürlichster Entstellung der Thatsachen nicht nur Hein-
rich VIII. als Ungeheuer hinstellt, die Königin Elisabeth mit
giftigem Spott überschüttet — sondern auch unbedenklich
Luther als gemeinen, schlechten Charakter schildert. Im Eifer
den einmal ergriffenen Gedanken zu verfolgen, wird Cobbett
einfach ein Lobredner und Vertreter des Katholicisnius und
verschmäht hier ganz besondei-s nicht die sophistischsten Argu-
mente. Ewig kehrt zu Gunsten des Katholicismus das Argu-
ment wieder, dass Alfred der Grosse, dass die Schöpfer der
Magna Charta, kurz, dass alle grossen Engländer, denen das
Vaterland vor Heinrich VIII. etwas verdankt, Katholiken ge-
wesen seien — wobei der Katholicismus seit dem 16. Jahr-
hundert beständig mit dem Urchristentlmm identificirt wird.
Oft nimmt die Sophistik der Argumente einen komischen
Charakter an — dennoch waren sie auf Cobbett's Leser rich-
tig berechnet: so wenn Cobbett die Behauptung von der geis-
tigen Superiorität des Protestantismus dadurch widerlegt, dass
in dem „Allgemeinen historischen, kritischen und bibliogi-aphi-
schen Lexikon" mehr Namen (katholischer) Franzosen als
(protestantischer) Engländer vorkommen.
Fragt man nach den Gründen dieser seltsamen Parteinahme
für den Katholicismus, so sind diese dieselben wie die leitenden
Motive bei Cobbett's gesammter Agitation. Vor Allem waren
die Katholiken in England eine unterdrückte Minorität und
Cobbett 305
filier solchen nahm sich Cobbett — mit den üblichen einsei-
tigen Uebertreibungen — immer an.
Ferner gab es damals in England eine wachsende Zahl
irischer Arbeiter, die man gewinnen musste. Besonders aber
stimmte es mit Cobbett's gesammten Tendenzen, das Vermögen
der Staatskirche als geraubt hinzustellen, es dadurch gehässig
zu machen, und die alte Armenpflege der katholischen Klöster
der modernen englischen Armenpflege zur Aufregung der
Armen gegenüber zu stellen.
Dazu kam, dass die ^guten alten Zeiten'S in denen die
geistige Suprematie des Papstes ein Gegengewicht gegen die
Macht des Königs bildete, sich zu Gunsten jeder Agitation
gegen die Begierung ausbeuten Hessen.
Auch hier verfolgt Cobbett zunächst politische Ziele, ist
aber geleitet von socialen Motiven^ Der Protestantismus
schafft wirthschaftlich energischere Menschen als der Katho-
licismus, also kann die Armuth in ihrer Auflehnung gegen den
Beichthum mit dem Katholicismus gegen den Protestantismus
sympathisiren.
„Ich wiir*, sagt Cobbett in der Geschichte der Refor-
mation, „die Refonnation durch alle ihre Abstufungen ver-
folgen, bis ich euch ihre natürliche Wirkung in den Entwür-
fen des Pastors Malthus, in dem von Lord John Rüssel em-
pfohlenen Plan, in dem dermaligen unbeschreiblichen Elend der
ackerbauenden Classe in England und Irland und in dem ver-
hassten abscheulichen System zeige, welches Juden und Papier-
geldfabrikanten zu den wirklichen Eigenthümem eines gi'ossen
Theiles der liegenden Gründe des Königi-eichs macht."
Es ist nicht zu leugnen, dass Cobbett in der Geschichte
der Reformation die Gefühle eines warmen Protestanten
oft derb verletzt, aber die Religion überhaupt greift er doch
auch hier nicht an und im Gininde kämpft er auch hier
gegen einzelne gegenwärtige Institutionen: — immer, im
Gegensatz zu Paine, der praktische Engländer.
Die Objecto seiner Leidenschaft sind im Grunde immer
dieselben, doch kommt es dem für den Moment schreibenden
Journalisten natürlich nicht darauf an, gelegentlich eine In-
fi eia, soc Gesch. Engl. 20
306 Erstes Buch , Cap. 4.
stitution, die er sonst giftig angreift, auch gnädiger zu be-
handeln. Im „Legacy to Peel'^ das 1836 ei-schien, wird im
dritten Brief behauptet, die Abschaffung der Staatskirche sei
weniger revolutionär als Manches, das Peel schon vollbracht
habe; im vierten Briefe aber donnert Cobbett gegen das
„money-monster", wobei denn die Kirche zur Abwechselung
vergleichsweise gut behandelt wird.
Von seinen vei-schiedenen Veimächtnissschriften : an die
Geistlichkeit, an Peel, an die Arbeiter, vei*spricht sich der
alternde Cobbett den gi-össten Erfolg. Je länger er schiieb,
desto mehr wurde es bei ihm Gewohnheit, die Worte „Ich''
und „das Volk'' zu verwechseln. „Das müsste eine schwer-
Ällige Nation sein, die sich an diesen diei Vermächtniss-
schriften nicht aufrichten wtlrde", meint er im Legacy to Peel,
„Das Volk'^ mit dem sich Cobbett selbst identificirt, ist ein
niemals scharf präcisirter Begriff — im Allgemeinen umfasst
es alle, die leidenschaftlich Opposition machen. Manch-
mal (z. B. S. 9 im Legacy to Peel) wird der Begriff Volk
angewendet, den niederen Massen zu schmeicheln, indem be-
hauptet wird, die Handarbeiter seien die wahre Intelligenz
des Landes, sie seien das ganze Volk. Wie später die Char-
tisten lieber den Tory-Candidaten als den Whigs und Frei-
händlern ihre Stimmen gaben, so war auch Cobbett, wie schon
erwähnt, nicht am meisten gegen Tories und Grundaristokratie
erbost, denn er ftirchtete das „money-monster'*, das sich an die
Stelle der Aristokratie setzen könnte. Aber der bewusste
Plan eines Bundes zwischen Grossgrundbesitz und Handarbei-
tern gegen das mobile Capital ist noch nicht vorhanden.
Unter dem money-monster werden im Gininde nur die Ban-
quiers und Staatsgläubiger verstanden. Nur ganz gelegent-
lich wird auf „monopolists, paper money millionaire loan Job-
bers etc. etc. und — lords of the loom and spinning-jenny-
baronets" geschimpft. Im Legacy to Peel erscheint zwar das
money-monster, nicht „der Zeitgeist" als eigentlicher Urheber
der Revolution, als Verführer und Verderber der Gentry, als in-
tellectueller Urheber der neuen Armengesetze etc. etc. — aber
Cobbett tastet doch die Vermögensrechtsordnung nicht an, son-
Cobbett 307
dem wendet sich immer wieder in altgewohnter Weise gegen
öfifentlich rechtliche Institutionen, Sinecuristen, Pensionäre etc.
und namentlich gegen die Staatsschuld. Welches die eigent-
lichen Ziele von Cobbett's Agitation waren, geht schon aus
den Ueberschriften der einzelnen Briefe, aus denen das Ver-
mäch tniss an Peel besteht, hervor:
Brief 1 : Was wollen Sie jetzt mit dem Haus der Gemeinen
machen ?
Brief 2: Was wollen Sie mit Irland und besondere mit der
Kirche von Irland thun?
Brief 3 : Was wollen Sie mit der Kirche und den Dissenters
in England thun?
Brief 4: Von den zei-störenden Wirkungen der Staatsschuld
und des Papiergelds in England, Frankreich und
Amerika.
Brief 5 : Was wollen Sie mit den Steuerverzehrem, genannt
Pensionaire, Sinecuristen, grantees, retired allowance
people, Halb-Soldleuten, Geheimdienstleuten etc.
etc. thun?
Brief 6: Was wollen Sie mit den Kronländereien, mit der
Ai-mee und besonders in Bezug auf die Strafen in
der Armee thun?
Politik und Regierung bleiben also die eigentlichen Ge-
biete, innerhalb deren Cobbett aufregt — ohne eigentliche
politische oder sociale Revolution zu predigen. Ausdrücklich
betheuert er im sechsten Brief, er sei kein Republikaner und
werde keiner werden „bis er alle Hoffnung verloren habe auf
die Möglichkeit, dass die Beschwerden gehoben und dem Volk
Gerechtigkeit gethan werde/' Freilich gesteht er, dass ihm
die 3^publik lieber sei, dass der König kein göttliches Recht
habe, und dass es kein Verbrechen sei, totale Aendeining der
Regierungsform zu wünschen.
Klarer ist Cobbett in seiner Abneigung gegen sociale Re-
volution, indem er in der That Heilighaltung des Eigen-
thums predigt, und nur die üblen Folgen concentrirten Be-
sitzes verhüten will. Er bemft sich dabei auf das „Vermächt-
niss an die Arbeiter", das 1834 erschien.
20*
308 Erstes Bach, Cap.4.
Hier wendet sich Cobett zunächst gegen den Grundbesitz,
d. h. dessen Abneigung hohe Armensteuer zu zahlen, und
entwickelt die alte Theorie, dass Arbeit die Grundlage alles
Eigenthums sein solle; das Grundeigenthum in England aber
beruhe auf Erobeixing. Es kommen dabei Sätze vor, die stark
an den bekannten Satz von der Erde als geheiligtem Erbe
der Menschheit anklingen — allein man würde sich sehr
täuschen, wenn man etwa glaubte, Cobbett wolle sagen: „Da
Eigenthum auf Arbeit beruht, Gmndeigenthum nicht, so
ist Sondereigenthum an Grund und Boden an sich naturrechs-
widrig und muss abgeschafft werden."
Grundeigenthum an sich erscheint ihm vielmehr als Noth-
wendigkeit im Interesse des Gemeinwohls (Siehe Brief I),
und nur speciell das englische Grundeigenthum beruht auf
Erobei-ung. Doch auch dieses Grundeigenthum soll wegen
seines Ursprungs aus Gewalt nicht gestürzt werden — Cob-
bett sagt nur, Wilhelm der Eroberer habe seinen Ritteni den
Grund und Boden gegen die Vei-pflichtung des Kriegsdienstes
gegeben, und klagt, dass Crom well diese Verpflichtung auf-
gehoben und dafür das Accisesystem eingeführt habe. Die
Entstehung des englischen Grundeigenthums durch Eroberung
begründet also nicht Abschaffung desselben — sondeni nur
Verpflichtungen der Eigenthümer. ^In echt englischer Weise
beruft sich Cobbett dabei auf den fonnal gültigen Rechtssatz,
dass der König allein oberster GrundheiT, die Landbesitzer
nicht absolute Eigenthümer seien, sondern nur Inhaber, die
gesetzliche Nutzniessung haben und denen das Gesetz daher
jede Beschränkung der Befugnisse ihres sogenannten Eigen-
thums auflegen kann. Auch der Zorn über das Nieder-
legen von Bauernhöfen verschanzt sich wieder hinter ein for-
mal geltendes englisches Recht. Cobbett sagt, die Grund-
besitzer hätten nicht das Recht, ihr Land so zu benutzen,
dass sie die Eingeborenen davon vertreiben, da jeder Englän-
der ein Recht habe, in England zu leben.
All dies läuft nun lediglich darauf hinaus, dass Cobbett
reichliche Annenunterstützung durch Steuern des Grundbe-
sitzes verlangt. Das ganze Vermächtniss an die Arbeiter ist
Cobbett 309
nur eine geschickte Schiift gegen das neue Armengesetz und
wie wenig der Glassengegensatz zwischen Capital und Arbeit
Gobbett eigentlich berührt, geht besonders daraus hervor, dass
gerade in dem Vermächtniss an die Arbeiter das „money-
monster^ kaum erwähnt wird.
Ich habe gerade die letzten, aus der Zeit der Refoimbill
und kurz nachher entstandenen Schriften Cobbett's excerpirt
— eine Beschränkung musste bei der Unmasse seiner Schrif-
ten ja doch stattfinden — d. h. gerade die Schriften aus der
Zeit, in welcher das Hervorheben des Socialen am nächsten
lag und die lange agitatorische Vergangenheit extreme An-
sichten am weitesten ausgebildet haben konnte. Dennoch fin-
den wir selbst da die socialen Gegensätze zwar gefühlt. und
benutzt, wir sehen wirthschaftliche Zwecke als Ziel der
Agitation, aber keine Tendenz socialer Umwälzung oder
principieller Revolution Überhaupt. Der charakteristischste
Führer des Arbeiterradicalismus will weitgehende, aber doch
specielle politische Reformen zu Ehren der Verbesserung der
materiellen Lage des Volks. Sein Gegner ist die Regierung,
und die Hauptforderung, welche er immer und immer wieder
stellt, die „billige Regierung", ist kein Gegensatz zu den
Forderungen der radicalen Bourgeoisie.
Von allen Schriften Cobbett's , die ich las , erschien mir
seine 1831 in Manchester gehaltenen „Six Lectures" als die-
jenige, welche am deutlichsten und schärfsten alles zusammen-
fasst, was Cobbett während seiner ganzen Agitation wollte. Frei-
lich, es waren Wahlreden und sie mögen insofern diploma-
tisch gewesen sein, als der Candidat Cobbett am allerwenig-
sten Grund hatte, die Bourgeoisie vor den Kopf zu stossen.
Allein, wenn man Cobbett's gesammte Thätigkeit überblickt,
so ist kein Zweifel, dass es ihm vollständig ernst war, wenn
er das thätige industrielle Manchester gegenüber dem müssi-
gen Westminster preist und dass es ihm dabei gar keine
Ueberwindung kostete, etwa einen Hieb auf die Schlotjunker
zu unterdrücken. Cobbett war damals schon so eitel, und in
seiner Agitation, d. h. in deren Zielen und Haupttendenzen
so stereotyp geworden, — er hat, seit er überhaupt ein Radi-
810 Erstes Buch, Cap. 4.
caler wurde, zwar in einem Moment mehr diesen, in einem
andern jenen Fun et betont, jedoch nicht eigentlich ^ seine
Meinung gewechselt — dass man die 14 Propositionen dieser
Wahlrede für ein getreues Abbild seiner gesammten politi-
schen Anschauung halten kann. Von Altei*ssch wache zeugen
diese Reden auch nicht, die Kunst der Beredtsamkeit ist so
gi*oss wie in seinen jüngeren Tagen ; selbst die Eitelkeit, mit
der er sagte : „Meine Laufbahn war lang und immer glänzend
— und glänzend soll sie sein bis zuletzt", war längst nichts
Ungewohntes bei ihm.
Die 14 Propositionen nun, welche Cobbett in seiner Wahl-
rede vertheidigt, lauten:
I. Abschaflfung aller Pensionen, Sinecuren etc. etc. und
Herabsetzung aller Gehalte auf den amerikanischen
Maassstab.
II. Abschaffung der stehenden Armee bis auf so viel
Leute, wie nöthig sind, die Arsenale in den Seehäfen
kriegsbereit zu erhalten.
III. Jede Grafschaft soll im Verhältniss zu der von ihr
gestellten Zahl von Parlamentsmitgliedern auf ihre
Kosten Miliz unterhalten, die ähnlich wie in Ame-
rika von Zeit zu Zeit gemustert werden und ein
stets bereites Vertheidigungsheer von 100000 Mann
bilden soll.
IV. Abschaffung aller Zehnten, Unterhaltung der Geist-
lichkeit durch freiwillige Beiträge, abgesehen von
den ihr überlassenen Kirchen, Pfarrhäusern etc.
V. Einziehung alles übrigen Kirchenguts, sowie des
schlecht benutzten Vermögens von Corporationen ; auch
der Kronländereien zum Zweck der Staatsschulden-
tilgung.
VL Einstellung der Zahlung von Staatsschuldzinsen inner-
halb zwei Jahren.
VII. Vertheilung des Verkauferlöses für die Güter (unter
V) unter die Staatsgläubiger, die aber Nichts aus
dem Steuerertrag bekommen sollen.
Cobbett. 311
VIII. Reguliruug aller Privat-Schuld-Contracte nach Maass-
gabe der Aenderungen des Geldwerths.
IX. Abschaffung aller inneren Steuern mit Ausnahme
der vom Boden gezahlten, [inclusive der Stempeltaxen ;
Herabsetzung der Postgebühren, so dass gerade nur
die Kosten der Post gedeckt werden.
X. Auflegung von nur so viel Eingangszöllen als zum
Besten der Schifffahrt, des Handels und der Industrie
im Ganzen erforderlich sind.
XI. Hebung der Marine durch gute Bezahlung der See-
leute und Avancement lediglich nach Verdienst.
XII. Feste und generöse Ausstattung der königlichen
Familie. Freie Wahl der pei-sönlichen Diener und
der Minister durch den König etc. etc., so dass der
König in jeder Hinsicht sei, was das Haupt eines
freien Volkes sein soll, dass sein Name in höchsten
Ehren, seine Person heilig gehalten werde als der
gi-osse Wächter der Volksrechte.
Xni. Allgemeine Steuer von allem realen Veimögen,
deren Ertrag mit den Staatsbedürfnissen wechseln soll.
XIV. Abschaffung der irischen Staatskirche. Alle drei
Jahre sollen Hof und Parlament einmal in Irland
residiren.
Namentlich die Punkte IX und X beweisen, wie wenig
Cobbett den bürgerlichen Radicalismus bekämpft, wenn er
auch sonst hie und da gegen Whigs und Liberale mit Vorliebe
donnert.
Wir schildem nicht, wie er in die praktischen Agitatio-
nen seiner Zeit eingriff. Hier gilt es, die von ihm ver-
tretenen Ideen zu charakterisiren, und diese waren die des
englisch nationalen Arbeiterradicalismus mit wiithschaftlichen
Zielen, allein ohne sociales Hauptprogramm ; die des politischen
Radicalismus ohne höhere Staatsidee, welcher in der Oppo-
sition möglichst weit ging, ohne jedoch principiell revolutionär
zu werden, und in der Zeit der Herrschaft der Reaction sich
vom bürgerlichea Radicalismus in gemeinsamer Opposition gegen
die Regierung noch nicht scharf schied — unmittelbar nach
312 Erstes Buch, Cap. 4.
der Reformbill aber namentlich in Folge des Armengesetzes
anfing, vom socialen Gegensatz zwischen Besitz und Arbeit
behen-scht zu werden. —
Werfen wir nach dieser Schilderung der Stellung Cobbett's
in ihrer letzten Ausbildung noch einen kui'zen Blick auf seine
Entwicklung, die namentlich aus dem Studium der oben er-
wähnten Selections entnommen werden kann, so werden wir
finden, dass er nicht nur in den ' iStsichten über manche
einzelne Puncte sich immer ganz gleich blieb, sondern dass auch,
trotz des Wechsels sginer Parteistellung, gewisse Ginindanschau-
ungen und Gefühle bei ihm von Anfang an vorhanden waren.
Er begann seine schriftstellerische Thätigkeit 1794 in
Amerika und wendete sich zunächst gegen Priestley (vergl.
oben Seite 65). Priestley 's Ansichten und die Sympathie mit
der französischen Revolution hatten in Amerika die Ueber-
macht — Cobbett setzte sich dazu in Opposition und vertrat '
seinen englisch-conservativen Standpunct wenigstens mit keiner
Philosophie, die im Gegensatz zu seinen späteren Anschauungen
stünde. Er eifert gegen Deismus und Atheismus — er ist
auch später nicht antireligiös geworden — allein er bemft
sich bei der Motivirung seiner politischen Ansichten nicht auf
das göttliche Recht, sondern — schon damals ein treuer Sohn
der Zeit Bentham's — auf die praktische Nützliclikeit.
„Glück ist der Zweck jeder guten Regierung, also ist die
beste Regierung diejenige, welche am meisten Glück ei-zeugt.
Vergleichung ist das einzige Mittel, den relativen Werth der
Dinge zu bestimmen und es ist leicht zu ei*sehen, was besser
ist: die Tyrannei, deren sich die Franzosen früher erfreuten,
oder die Freiheit und Gleichheit, unter welcher sie jetzt labo-
riren" (Selections Bd. I. S. 25).
Cobbett war anfangs eonseiTativer Engländer aus National-
gefühl und aus Zweckmässigkeitsgründen zugleich — hierin
dem damals noch von ihm citirten Burke ähnlich; er konnte,
ohne seine Weltanschauung zu ändern, aus Gründen der
Zweckmässigkeit ein radicaler Engländer werden.
In England predigte er anfangs mit einem nicht nur
wirksamen, sondern oft geradezu schönen Pathos den National-
Cobbett 813
krieg gegen Frankreich und Bonaparte und schliesst sich eng
an Pitt an. 1803 predigt er fortwährend den Krieg, jedoch
nun in oppositioneller Weise. Es beginnt der Kampf gegen
das hen-schende Finanzsystem und damit gegen Pitt, mit dem
er dann im September 1804 vollständig brach.
Die Artikel aus den Jahren 1803 und 1804 zeigen uns
den Uebergang Cobbett's aus dem conservativen in das radi-
cale Lager und zwar so, dass er zunächst so zu sagen ein
radicaler Toiy wird und einen Theil seiner alten Sympathien
und Antipathien beibehält.
In seinem energischen nationalen Ehrgefühl empört er
sich (Mai 1803) über die Böi-senleute , welche ihre krämer-
hafte Gesinnung j/i die Politik hineintragen und aus Furcht
vor einem Sinken der Curse der Staatspapiere den Krieg
scheuen. Und so begann er in conservativem National-
gefühl gegen die Staatsschuld als eine den Geist des Volkes
vergiftende Institution zu kämpfen, während er noch die
Parlamentsrefoim als Angriff auf die Institutionen des Landes
ablehnte, welche er später beständig als Mittel zur Abschaffung
der Staatsschuld anpries.
Dieser Hass gegen Staatsschuld und Geldhändler bildet
die Brücke zwischen dem conservativen und radicalen Cobbett,
wenn er auch 1803 und 1804 die Staatsschuld noch wegen
des Staats, später wegen der armen Steuerzahler bekämpfte.
Auch darin blieb er sich consequent, dass der Consei-vative,
welcher ausrief: „Reichthum giebt nicht Macht, sondern
Macht giebt so viel Reichthum als eine Nation braucht"
(Selections Bd. I. S. 323), ebenso wenig wie der spätere
Radicale gegen das Bürgerthum und den mobilen Reichthum
an sich, sondern nur gegen die Jüdischen Speculanten**, näm-
lich die anglogallischen Gläubiger (Februar 1804) und gegen
die „Papieraristokratie", d. h. die ^loan Jobbers, directors,
brokei-s, contractors" etc. vorging, welche dem Grundbesitzer
und dem wahren Kaufmann gleichmässig entgegengesetzte
Interessen vertreten (September 1804). — Der Unterschied
zwischen der späteren und früheren Agitation ist lediglich
der, dass Cobbett später ausgesprochene Opposition gegen die
314 Erstes Buch, Cap.4.
(las Staatsschuldenwesen unterstützende Regierung machte und
dass seine Vorliebe für den alten Adel abnahm ; in Bezug auf
den Gegenstand des Angriffs — und das ist doch bei Cobbett
die Hauptsache — ist seit 1803 ein principieller Wechsel
nicht zu entdecken. Es ist sogar die Gonsequenz in dem
einen IiTthum merkwürdig, dass Gobbett weder als toryisti-
scher Bundesgenosse des grundbesitzenden Adels, noch als
Arbeiterveitreter den Mittelstand als solchen, sondern immer
nur das angiiff, was wir heute haute finance nennen würden.
Er erkennt (Oktober 1804), dass die Zunahme des (mobilen)
Reichthums den militärischen Geist etc. schwäche — und
greift doch nur das Papiergeld eigentlich an; er ist auch
(schon 1804) gegen die Kornzölle, nimmt also auch in dieser
Frage nicht einfach gegen die Mittelclassen Partei. Kurz,
Ende 1804 ist Gobbett ein radicaler Tory, welcher die Be-
deutung socialer und wirthschaftlicher Kräfte erkennt, den
Zusammenhang verschiedener wirthschaftlicher Bewegungen
jedoch nicht ganz versteht — und gedrängt durch seine
zur Opposition neigende Natur auf dem Wege ist, immer mehr
radical als Tory zu werden.
Seit 1805 nun zieht sich das leidenschaftliche Schelten
über Staatsschuld und Papiergeld wie ein rother Faden durch
all seine Artikel hindurch; seit diesem Jahre auch schlug
Cobbett unbedenklich Zinsherabsetzung und schliessliches Ein-
stellen der Zinszahlung, also Staatsbankerott, als einziges
Mittel gegen das nach seiner Meinung grösste Nationalunglück
vor. Im Anfang des Jahres 1806 war er noch gegen Parla-
mentsreform, betrachtete das allgemeine Wahlrecht sogar noch
mit „Ekel" und meinte noch, massige Reform sei nutzlos,
weil sie das Staatsschuldensystem nicht abschaffen wüi-de.
Seit dem Juni 1806 aber — nachdem er als Pari amen tscan-
didat durchgefallen war — gesellte sich zu den alten Objecten
seiner Angriffe als ein neues die Wahlbestechung und sonstige
Gori-uption im öffentlichen Leben.
Die Wahlbestechungen, welche in England ja bereits im
vorigen Jahrhundert zu einem förmlichen System ausgebildet
waren, bildeten den Ginind, weshalb auch namentlich Pitt
Cobbett 315
1782 und sonst noch manche principielle Gegner des allge-
meinen Wahlrechts auf Parlamentsreform drangen. — Indem
Cobbett sich gegen Wahlbestechung wendete, kam neue Variation
in seine journalistische Thätigkeit, und er grifif dabei ein Un-
wesen an, welches in der That dem schon fiiiher bekämpften
Unwesen des- Uebergewichts der Börseninteressen etc. nahe
verwandt war. Cobbett konnte noch immer hauptsächlich als
Patriot und Ehrenmann donnern, und brauchte noch nicht
kurzweg Demokrat zu werden. Freilich wurde er damit aber-
mals einen Schritt weiter in der Bahn der principiellen Oppo-
sition gedrängt. Denn er giifif ja natürlich nicht nur den
Kauf der Stimmen der Wähler durch die Candidaten, sondern
auch den Kauf der Stimmen der Gewählten durch von der
Regieining verliehene Sinecuren, Pensionen etc. an (September
1806, Selections Bd. II. S. 111). Im Jahr 1807 sehen wir
Cobbett bereits gegen das No-Popery-Geschrei eifern und er
erklärt sich gegen alle alte Parteien: Whigs , Tories , Pittites,
Foxites. Man müsse sich nicht nach Namen, sondern nach
Principien entscheiden — welchen Principien er sich inzwischen
angeschlossen hatte, geht aus den vielen Artikeln hervor, in
welchen nunmehr der Führer der Radicalen, Sir Francis
Burdett, gepriesen wird.
Cobbett war also jetzt ein entschiedener Radicaler — die
Schwenkung der Parteistellung war vollzogen; allein die all-
mälige Entwicklung dieser Aenderung ist völlig verständlich
und ohne Annahme von Lüge oder Charakterlosigkeit erklär-
lich. Die wachsende Entrüstung über bestimmte Missstände,
die auch der wärmste Conservative beklagen konnte, trieb ihn
in's radicale Lager, weil er allmälig an der Lösung der Fragen
durch andere Parteien verzweifelte — und in der That unter-
schied er sich noch scharf von jenen aus dem liberalen Lager
hervorgegangenen Radicalen, welche von den Menschenrechten
ausgingen. Nicht in Bezug auf den pereönlichen Charakter,
wohl aber in Bezug auf Grundanschauungen steht Cobbett
Cartwright viel näher als Paine, und noch 1807 spricht Cobbett
so echt englische Sätze aus, dass Burke oder Pitt dieselben
ausgesprochen haben könnten:
816 Erstes Bach, Cap.4.
„Englische Freiheit ist das, was wir brauchen, nicht
französische oder amerikanische Freiheit. Es ist die Freiheit«
fbr welche unsere Yoifahren kämpften und die sie erlangten.
Es ist die Freiheit von jeglicher Unterdrückung, sei es durch
grosse oder kleine Tyrannen" (August 1807, Selections Bd. II,
S. 257) — wobei unter kleinen Tyrannen die schon finher
bekämpften Geldleute verstanden werden , welche bei*eit sind,
die Ehre der Nation ihi*em Geldintei*esse zu opfern.
Wer wie Cobbett sein ganzes Leben hindurch die Geld-
händler am meisten hasst und gegen das ungebührliche
üebergewicht des Handels, d. h. des internationalen Gross-
handels, eifert, kann aus einem Tory ein Radicaler werden
ohne dass dieser Uebergang etwas Gewaltsames und Un-
natürliches hätte. Cobbett sagte (December 1807) nicht der
Handel hätte England frei gemacht, sondern die Könige,
welche sich mit dem Volke gegen den Adel verbündeten,
hätten dem Volke politische Rechte und Eigenthum ge-
geben — diese Ansicht genügt, den Uebßrgang zum Radi-
calismus nicht als Bruch mit alten Ansichten, sondern als
Weiterentwicklung ei^scheinen zu lassen.
Der alte Conservative zeigt sich auch darin, dass Cobbett
(ebenfalls schon 1807) gegen jede auch nur scheinbar in-
humane Armenpolitik eiferte, in vollstem Gegensatz zu Malthus
reichliche Annenuntei-stützung verlangte, während er gegen
jeden Schulzwang war und sogar Lesen und Schreiben als
Künste von zweifelhaftem Werth für Handarbeiter betrachtete
(August 1807, Selections Bd. H. S. 289) -— eine Meinung, die
er auch später beibehielt und die ihn ganz charakteristisch
von allen aus den liberalen Mittelclassen herausgewachsenen
Volksfreunden unterscheidet. Cobbett blieb dieser Ansicht
bis zuletzt trotz seines wachsenden Radicalisraus treu; im
December 1813 bezeichnet er die Kunst des Lesens geradezu
als ein Unglück für annc Leute und noch im März 1834 war
er gegen Zwangsschulen. Mit dieser Eigenthümlichkeit hängt
zusammen, dass er zwar, wie erwähnt, im Lauf der Zeit ein
eifriger Vertreter der Katholiken wurde, jedoch den Dissen-
ters und besonders den Methodisten keineswegs zugeneigt war.
Cobbett. 317
welche bei anderen Radicalen und Liberalen stets in hoher
Gunst standen (Selections Bd. IV. S. 58, Mai 1811).
Ein wirklicher Bmch mit seinen früheren Anschauungen
und Gefühlen, welcher sich aber durch die Noth wendigkeit
erkläi*t; den neuen Bundesgenossen in Manchem nachzugeben,
lässt sich darin erkennen, dass seit 1808 der nationale Eifer
für den Krieg gegen Frankreich bei Cobbett aufhört und er
von da ab beginnt den volksdrückenden steuerverschlingenden
Krieg mit ähnlichen Waffen wie andere Radicale zu bekämpfen.
Von dem Kriege in Spanien sagt Cobbett im Januar 1809:
„Wir machten die Sache Spaniens zur Sache des Königs'';
kurz darauf: man hätte die Franzosen sich selbst überlassen
und in England das Parlament reformiren sollen, anstatt die
englischen Reformer und französischen Republikaner zu identi-
ficiren, ei-stere mit den Jacobinem zu verwechseln und beide
zu bekämpfen man solle England gegen die äusseren
Feinde durch Zufriedenheit im Innern, d. h. durch Parlaments-
reformen sichern (Selections Bd. in. S. 495, 1811). Doch
wird die von nun ab häufiger und eifriger verlangte „radicale
Aendemng des Systems der Corruption" foitgesetzt als Wieder-
herstellung und Reinigung der alten englischen Verfassung be-
zeichnet, so dass bei Motivirung des Postulats der Parlaments-
reform noch immer Reminiscenzen an Pitt deutlich hervor-
treten.
Der wiederherzustellende alte Verfassungsgi-undsatz ist
nun vor Allem der, „dass Niemand besteuert werden soll, der
nicht durch seine Repräsentanten zugestimmt hat" (Mai 1809);
eine Reform in diesem Sinne sei aber zur Erhaltung des
Thrones nöthig. Und dass es Cobbett Einst ist, wenn er sich
nicht auf Menschenrechte, sondern auf die alten Grundsätze
der englischen Verfassung beruft, geht daraus hervor, dass
er nicht nur immer noch mehr gegen die Wahlconuption als
gegen die ungleichmässige ^ Vertretung eifert, sondeni dass er
in der That im Jahre 1809 nur Ausdehnung des Wahh*echts
auf alle Leute von Besitz, welche directe Steuer zahlen,
anstrebte.
Den alten Groll gegen Papiergeld und Staatsschuld und
818 Erstes Buch, Cap.4.
den neuen Eifer für Parlamentsreform brachte Cobbett leicht
miteinander in Verbindung durch die häufig wiederkehrende
Behauptung, der Mangel an Parlamentsreform sei Schuld an
dem Papiergeld; allein das Mittel zum Zweck der Abschaffung
der Staatsschuld wird immer mehr zugleich Selbstzweck, und
je mehr dies der Fall wird, desto weiter wird Cobbett ge-
drängt — allmälig ist vom „allgemeinen Wahlrecht und jähr-
lichen Parlamenten*' kurzweg die Rede, und bereits Ende 1811
wird ihm Amerika „die Heimath politischer und religiöser
Freiheit." —
Wenn aber Cobbett im Laufe der Zeit häufiger mit den von
der französischen Schule beeinflussten Radicalen übereinstimmte
und in seinen Postulaten immer weiter getrieben wurde, so
muss man bedenken, dass dies theilweise nur sehr momentan
geschah, um voillbergehend ein brauchbares und wirksames
Argument zu gewinnen — theilweise lediglich daher rührte,
dass Cobbett auf dem Gebiete praktischer Agitation gelegent-
lich gleich anderen Führern geschoben wurde, statt zu
schieben. Lediglich durch das Drängen seiner Genossen ist
es zu erklären, dass Cobbett im November 1816 ausdrück-
lich nur Ausdehnung des Wahlrechts auf diejenigen ver-
langte, welche directe Steuern bezahlen, und im December des-
selben Jahres sich nicht ohne gewundene Motivirung für das
allgemeine Wahlrecht erklärte — doch immer noch in der
Weise, dass er mit Wahlrecht aller householders und Bailot
auch zufrieden gewesen wäre.
Jedenfalls erkennt man das Ueberhandnehmen des radi-
calen Geistes bei Cobbett ganz vorzugsweise an der zunehmen-
den Bissigkeit seiner Angriffe, an dem leidenschaftlichen
Widerstand gegen die Aufhebung der habeas corpus Acte und
andere reactionäre Maassregeln, an der Begierde, mit welcher
er sich jedes Aufregungsmittels bedient und z. B. für die
Prinzessin von Wales Partei ergreift; d. h. Cobbett wird
immer radicaler, mehr was die Form als was den Inhalt seiner
Artikel betrifft. In Bezug auf letzteren ist in den letzten zwei
Jahrzehnten seines Wirkens sogar eine gewisse Eintönigkeit
zu bemerken. Er eiferte heftiger gegen Malthus als früher,
Cobbett. 319
er verlaDgte Abschaffung des stehenden Heers und Säculari-
sation des Kirchenguts, nahm für die Katholiken Partei
aber immer bleiben Papiergeld, Staatsschuld und Steuern die
eigentlichen Objecte seiner Leidenschaft, worin Cobbett so
einseitig bleibt, dass nach seiner Ansicht nicht die Zehnten
und die Armentaxen, sondern nur die Staatssteuern das Volk
drücken. Letztere sind sogar nach Cobbett allein an den
hohen Brodpreisen und den durch die Grossindustrie hervor-
gerufenen Uebelständen Schuld.
Cobbett war und blieb Radicaler gleichsam von Natur,
weil es ihn innerlich drängte in irgend einer Richtung kämpfend
und mit möglichster Schärfe vorzugehen, und nicht, weil er
fQr die politischen Ziele des damaligen Badicalismus aus Ueber-
zeugung besonders begeistert gewesen wäre. Er hat in Bezug
auf allgemeines Wahlrecht seinen Genossen nachgegeben,
allein er blieb doch unabhängig gegenüber Attwood, dessen
SchwäiTOerei für Papiergeld er entschieden ablehnte. Er Hess
sich auch niemals so weit hinreissen, sich für die Eepublik
zu begeistern, vielmehr war er — ungleich Beniham — noch
1833, wie stets vorher, ein Anhänger der englischen Ver-
fassung mit König, Lords und Gemeinen, ja, trotz aller zu-
nehmender Vorliebe für Amerika blieb er der Ansicht, dass
die dort in der Republik aufwachsende Geldaristokratie die
schlechteste aller Aristokratien sei. Die Leidenschaften des
Volkes und das Verlangen der Armen nach Verbesserung
ihrer materiellen Lage förderte und benutzte er; die aus ver-
'zweifeltem Hunger zu Verbrechen getriebenen Ludditen wusste
er zu entschuldigen, zugleich aber belehrte er dieselben ein-
gehend, dass es unrecht und unsinnig sei, die Maschinen zu
zei-stören (Juli 1812, November 1816, Januar 1817). Den
Spence'schen Communismus perhorrescirte Cobbett ausdrück-
lich und wenn er auch ganz gelegentlich über die „spinning-
lords" höhnte und die Schäden der Grossindustrie anerkannte
(August 1807, November 1824, December 1830), so betrachtete
er die Excesse des industriellen Grosscapitals doch nur als
Folge der hohen Steuern, der Staatsschuld und des Papier-
320 Erstes Bach, Cap. 4.
geldsystems. Unentwegt blieb er bis zuletzt ein streitlustiger
Agitator, der sich niemals gänzlich mit den Leidenschaf-
ten einer Volksclasse identificii-te, sondein als Vertreter der
arbeitenden Massen einzelne finanzielle Missstände mit
aller Kraft und allen denkbaren Mitteln bekämpfte. Noch im
November 1830 bezeichnet er es als seine Aufgabe : „zu zeigen,
wie dieses glückliche Volk elend gemacht wurde durch die
Besteuerung; dass diese Besteuerung, durch die Staatsschuld,
durch das stehende Heer, die Pensionen und Sinecuren her-
vorgeinifen ward; dass diese in Gesetzen ihren Ursprung
haben , welche von einer erblichen Aristokratie und von einem
Haus der Gemeinen gemacht werden, welch letzteres nicht
vom Volk im Ganzen, sondern von der Aristokratie und den
Reichen gewählt wird."
Nach dieser Stelle, in welcher Aristokratie und Reiche
zusammengewoifen sind, scheint es, als sei Cobbett schliesslich
ganz von seinen toryistischen Traditionen abgewichen; an
anderen Stellen (September 1826) schmäht er auch über „die
Unverschämtheit der Aristokraten, welche Konizölle und Er-
haltung der Sinecuren verlangen" — bei genauerer Betrach-
tung jedoch erkennt man, dass Cobbett sich über den Grund-
adel lediglich ärgert, weil dieser sich nicht mit ihm ver-
bündet, dass er aber für diesen Stand doch noch eine nicht
geringe Sympathie gegenüber „den Geldhändlern*' bewahrt.
Interessant ist in dieser Hinsicht namentlich seine Stellung
zu den Kornzöllen (s. die Artikel vom Oktober 1813, von
1814 und 1815, Januar 1820). Cobbett verfangt nämlich
freien Kornhandel, aber nicht weil die Kornzölle das Brod
vertheueni, sondeni weil er doch keinen grossen Komimport
ei'wartet und weil die Kornzölle dem Ackerbau nichts nützen,
wohl aber die Leidenschaften in eine falsche Richtung lenken.
Er schliesst sich also hier den Ansichten der Radicalen aus
den Mittelclassen absolut nicht an. Nach seiner Ansicht ist
es nicht ungerecht, aber eine Dummheit, Kornzölle zu wollen
(s. Mai und Juni 1818). Die Abschaffung der Kornzölle sei
ein von den „Steueressern" erfundenes Beschwichtigungsmittel
für das Volk, gegen welches man nicht aufkommen könne,
Cobbett. 321
. obwohl die Konipreise nicht davon abhingen, sondeni von den
Steuei-n und dem Gelde — selbst bei grösserem Import wür-
den die Komzölle wegen der Möglichkeit der Auswandemng
unwirksam sein — deshalb sei er gegen Komzölle und zu-
gleich für Steuervenninderung. Uebrigens würden die Kom-
zölle gar nicht von den Grundbesitzern, sondern von der
ministeriellen Majorität verlangt.
Cobbett fährt also fort, den grundbesitzenden Adel ver-
gleichsweise in Schutz zu nehmen und bei allem oppositionellem
Radicalismus sagt er noch December 1817 von den Whigs:
„Ich kann nicht umhin, ihnen den Mund zu stopfen, wo immer
sie ihn aufmachen,*' während er im März 1817, unmittelbar
vor seiner Flucht nach Amerika, noch Hoffnungen auf den
Landadel setzt: „die Landedelleute werden den Tag, da die
Arbeiter sich wieder mit ihnen versöhnen, nicht sehen, wenn
sie nicht ehrlich die Führei-schaft der Arbeiter übernehmen" ;
und wenn er auch im August 1821 grimmige Drohungen gegen
die Lande wnei*s ausstösst, für den Fall diese sich fortwährend
g^en Parlamentsreform etc. stemmen sollten, so erhofft er
doch noch (September 1821) eben von dem Interessengegen-
satz zwischen den Grundbesitzem und den Staatsgläubigem
die beständig ei-strebte Abschaffung der Staatsschuld.
Es war seine Lebensaufgabe, die Massen zur leidenschaft-
lichen Opposition — nicht zur Revolution zu erziehen. Diese
Aufgabe hat er besser gelöst als die andern systematischen,
mehr doctrionären Radicalen, indem er an die Interessen der
Massen anknüpfte und dieselben anleitete einzelne Postulate
gegenüber der Regierung zu stellen, namentlich in soweit
diese sich mit den grossen Geldinteressen coalirte. Wenn
auch kein edler Charakter, war er doch nicht charakterlos;
trotz eines Wechsels seiner Genossen, trotz einer beständigen
Weiterentwicklung seines Radicalismus und einer Erweiterung
der von ihm verfolgten Ziele blieb er sich in seinen wich-
tigsten Sympathien und Antipathien treu, und seine kampf-
lustige Originalität bewahrte ihm eine gewisse Selbständigkeit
des Urtheils. Die Borairtheit seines Denkens wurde auf-
gewogen durch die Energie seines Wollens, die schamlose
Held, Soc. Gesch. Engl. 21
322 Erstes Buch, Cap. 4.
Sophistik seiner Argumente beeinträchtigte nicht seinen Er-
folg bei den Massen. Unerreicht blieb er als nationaler
Agitator — und seine damit befriedigte Eitelkeit liess ihn
nach dem Ruhme eines Staatsmannes nicht begehren.
§ 3. Carlile, Attwood, Thompson, Elliot.
Es ist heute schon schwierig, einen üeberblick über die
Literatur an radicalen Flugschriften und Journalen aus der
Zeit 1820 — 1832 zu gewinnen. Ich habe zunächst die
zwei grössten, einflussreichsten und charakteristischen Volks-
fQhrer, Cartwright und Cobbett ausführlich geschildert. Ich
will versuchen, noch Proben aus anderen Schiiftstellem und
aus der anonymen Presse zusammenzustellen. Es wird dar-
aus hervorgehen, dass man in Worten theil weise sehr weit
ging, dass aber der gesammte Radicalismus keine anderen
Ideen hatte als diejenigen, die wir bei Paine und Bentham,
Cai-twright und Cobbett schon gefunden haben. Ebenso wird
sich zeigen, dass eigentlich rein sociale Pläne und Ideen erst
seit 1830 deutlicher in den Vordergiund zu treten beginnen
— abgesehen von den eigentlichen Socialisten, den Owenianern,
welche aber der allgemeinen Bewegung des Radicalismus fenier
standen.
Einer der einflussreicheren radicalen Schriftsteller war
R. Carlile; er war die Seele des Organs „The Republican"
ein Anhänger Paine's, der den Namen „Radicale'' verwarf
und vorschlug sich „Reformer", oder geradezu Republikaner zu
nennen. In einer Schrift von 1821 „A new yeai-s Adress
to the Reformers of Great Britain" begeistert sich Carlile für
die Revolution in Neapel und Spanien, schlägt vor die
Soldaten durch Flugschriften zu bearbeiten und verlangt
allgemeines gleiches Wahlrecht als Ziel, weil wir Alle
gleich geboren sind. Aber er empfiehlt zugleich Massigkeit,
will Jetzt nicht von Insurrection sprechen'* sondern nur
Thätigkeit und Zusammenhalten empfehlen — und er ist
Th. Attwood. 323
bereit, „zusammenzuarbeiten mit den Whigs, mit der Königin
— mit jeder ferson oder Partei, die bereit ist, einen
Theil des richtigen Wegs mit ihm zu gehen,"— welch' ein
Gegensatz gegen die Banikadenlust der Franzosen und
gegen das Zurückweisen jedes Bundes mit Nicht-Proletariern
seitens unserer heutigen Socialdemokraten!
Carlile bekannte sich zum Republikanismus, wenn auch
sozusagen nur theoretisch — er war zugleich wie Paine Deist;
es fehlte ihm Cartwrights Bibelglaube. Das Christenthum
ist ihm „nur eine Mythologie, die Wahrheit kann nur durch
Untereuchung der Naturgesetze gefunden werden."
War der extreme Carlile bereit, mit den Whig's zu-
sammenzugehen, so gab es vor 1832 andere Schiiftsteller , in
deren Werken das Zusammengehen des bürgerlichen und
proletarischen Radicalismus geradezu Princip ist. Hierher
gehört vor Allem Thomas Attwood, der später als Haupt
der Birminghamer Union bekannt wurde. Dieser Radicde
aus den Kreisen der Besitzenden secundirte Cobbett, in-
dem er gegen die Wiederhei-stellung der Baarzahlung und
Wiederemporhebung der Noten auf den Nennwerth war.
Diese Maassregel war, wie wir bei Ricardo gesehen haben,
an sich nothwendig, begünstigte aber, ohne gleichzeitige
Steuerrefoim, die Gläubiger aller Art, insbesondere die Staats-
gläubiger. Attwood ist nur gegen diese Maassregel vom Stand-
punct des Fabrikanten, indem er meint, sie bewirke eine
Verringerung der Circulationsmittel und damit eine Eineng-
ung des Markts — eine dem Fabrikanten und dem Arbeiter
schädliche Verminderung des Absatzes der Industrie. Er
schlägt vor 10 Millionen der fundirten Schuld in Papiergeld
zu vei'wandeln ^) , um so Markt und Absatz zu schaffen.
Attwood's nationalökonomische Anschauungen sind so wenig
durchdacht, dass er keineswegs als ein ebenbüitiger Gegner
^) A letter to the right honorable Nicholas Vansittart on the creation
of Money and on its action upon national prosperity bei Thomas Att-
wood, Birmingham 1817.
21*
824 Erstes Bach, Cap. 4.
Ricardo's ei*scheinen kann. Auch versteht er nicht so geschickt
wie Gobbett die Leidenschaften der Massen ^u eiTegen und
Cobbett traf Ricardo's Schwäche viel richtiger, wenn er
Steuerveiminderung um jeden Preis, auch durch Staatsbanke-
rott verlangte, als Attwood, der im Anschluss an populäre
Vorartheile und in halb mercantilistischer Weise vor Allem
den Segen reichlicher Circulationsmittel pries. Die Argu-
mentation bei Attwood ist überaus schwach; die bekannte
Thatsache, dass grosse Staatsausgaben in Folge von Krieg etc.
sich der Wirthschaft der Nation erst nachher recht fühlbar
machen, erkennt er nicht, sondern hält sich immer an die
äusserliche Ei*scheinung der Geldmenge; interessant ist nur
die ganz naive Tendenz, Fabrikanten und Arbeiter als
thätige Menschen gegen die Müssigen und gegen die Re-
gierung zu führen. Attwood gesteht selbst zu, dass ein
englischer Arbeiter viermal mehr producire, als er an Lohn
erhalte — folgert aber daraus nur, „wie grausam es sei,
einen so nützlichen Menschen durch Geldmangel ganz brodlos
zu machen!"
Noch confuser wird Attwood in seinem optimistischen
Radicalismus , wenn er die Bevölkerungsfrage betrachtet,
Malthus'sche Ansichten ^) mit seinem Mercantilismus verbindet.
Attwood ist nämlich auch gegen die öiTentliche Armenpflege
und mft aus: „Veraichtet das Almosen und ihr werdet die
Armuth vernichten"; er verlangt, dass kein Arbeitsfähiger unter-
stützt werde, ohne in öffentlichen Etablissements Arbeit zu
bekommen, worauf er ein Recht habe — aber die Möglich-
keit der Uebervölkerung bei genügender Geldmenge leugnet
Attwood. Es handle sich nur darum, Nachfrage nach ehrlicher
Arbeit statt nach Armuth und Bettel zu schaffen. Darauf
folgt denn wieder der Satz, der Werth des Geldes dürfe nicht
auf den Stand von 1791, sondern nur auf den von 1810 ge-
setzt werden, die Staatsschuld entspreche einer wirklichen
Vennehrung des Nationalreichthums durch die Erfindungen
^) Observations on Currency, Population and Pauperism in two letters
to Arthur Young by Thomas Attwood. Birmingham 1815.
P. Thompson. 325
und YerbesseiiiDgen der letzten 80 Jahre. Deshalb könne
sie als reelle und bona-fide Schöpfung von Capital im Betrage
ihres Nennweiths betrachtet werden und bedürfe einer Ver-
mehi-ung des Geldes zu ihrer Repräsentation — — es ist
klar, in einer Geschichte der Nationalökonomie dürften
Attwood's confuse Schriften kaum eine Stelle beanspruchen:
nur als Zeichen der Zeit, in der radicale Fabrikanten und
Arbeiter sich noch aufrichtig verbündeten, wagen wir sie zu
erwähnen.
Zu den Radicalen, bei denen die Harmonie von Arbei-
tern und Fabrikanten im Bunde gegen die alte Aristokratie
deutlich hervortretendes Princip ist, gehören auch die älteren
Agitatoren für Freiheit des Kornhandels. Später wurde die
Abschaffung der Kornzölle ausschliessliches Progi'amm der
Mittelclassen, und die Arbeiter verhielten sich misstrauisch
dagegen. Vor 1832 wurden die Koinzölle zwar schon von
Ricardo's Schule bekämpft, in der populären Agitation spielten
sie aber noch keine Rolle. Doch fehlte es nicht an einzelnen
MänneiTi, welche sie im gemeinsamen Interesse der Arbeiter
und Mittelclassen energisch und geschickt angriffen , und auf
welche sich später Cobden und seine Anhänger mit Erfolg
beriefen. Hierher gehören insbesondere Pen-onet Thompson
und Ebenezar Elliot.
Thompson's „Catechism on the Comlaws" ei-schien zuerst
1827; die fünfzehnte Auflage ist von 1831 — Beweis, dass
schon damals seine Worte nicht ohne Eindmck blieben.
Thompson's Katechismus ist vor Allen interessant durch das
ungewöhnliche Geschick der Darstellung und den packenden
Stil. Auf dem Titelblatt ist die Arche Noah's abgebildet und
darunter steht: „Hätte Noah sich in seiner Arche einge-
schlossen und seine Familie nichts essen lassen, als was
auf dem Dach der Arche wachsen konnte, so würde bald ein
Angstschrei über Bevölkerung und ein Auswanderungscommittee
entstanden sein; Sem, Cham und Japhet würden „Manufactu-
risten im Nothstand" geworden sein. Ich kann keinen
326 Erstes Buch, Cap. 4.
Untei*schied darin erkennen, ob Menschen auf das Korn
einer Arche oder einer Insel beschränkt werden," Interessant
ist aber nicht nur die Schreibait, sondern auch die eigen-
thümliche Mittelstellung zwischen Ricardo und Cobbett.
An Ricardo (und Adam Smith) schliesst sich Thompson
schon durch den vorwiegend nationalökonomischen Inhalt
seiner Schrift, dann aber auch durch die durchaus herr-
schende, wenngleich populär gehandhabte Methode der Ab-
straction an, insbesondere durch die scharfe Tendenz gegen
den Grundbesitzei-stand. Thompson polemisirt zwar gegen
Ricardo, aber nur insofern, als er noch schärfer den Inte-
ressengegensatz zwischen den Grundbesitzen! und allen
anderen Menschen betont. Die Rente entsteht nach ihm
lediglich durch den hohen Preis des Kornes — es ist nur
eine Folge hievon, dass schlechteres Land dem Anbau unter-
worfen wird. Deutlicher als bei Ricardo wird ausgesprochen,
dass das Eigenthum nur durch Arbeit entstehe und die
Menschen sich zum gegenseitigen Schutze des Eigenthums
nur verbunden haben, weil ohne solchen Schutz Arbeit und
Production unmöglich würde. Gmndrente aber sei nicht Ent-
gelt fQr Arbeit; „die Gmndbesitzer weben nicht und spinnen
nicht, sie leben vom Spinnlohn Anderer."
Aus diesen Sätzen mttsste nun die volle Abschaffung
aller Grundrente, d. h. alles Grundeigenthums , ja sogar
die Abschaffung alles Einkommens von Besitz gefolgert
werden. Dies aber thut Thompson nicht, sondern er folgert
nur, dass die Grundrente nur beschützt werden dürfe, so
lange sie dem allgemeinen Besten dient und so lange die
Gutsbesitzer Anderen keine Gewalt anthun, d. h. es wird nur
im gemeinsamen Interesse von Fabrikanten und Arbeiten!
Abschaffung der Kornzölle als „allgemeinen Verlustes'' verlangt
und dies verdeutlicht, indem der Kornzoll geniessende Gnind-
besitzer verglichen wird mit einem Mann, dei*, um einen Fisch
zu fangen, zwei Fische im Wasser des Nachbars tödtet.
Da Cobbett immer verhältnissmässig noch mehr Sympathie
mit der Giiindaristokratie und den Tories, als mit den
Banquiei-s und Whigs hatte, so erklärte er 1830 die Korn-
P. Thompson. 327
Zölle als unschuldig an der Theuerung und erwartete nichts
von Ausdehnung des Freihandels. Dagegen polemisirt Thompson
und erwartet von Abschaffung der Koi-nzölle gerade den
grössten Gewinn für die Arbeiter. Aber er tritt dann mit
Cobbett und gegen Ricardo voll und ehrlich für das allge-
meine Wahlrecht ein:
„Unsere Vorfahren nannten einen freien Mann den, der
Wahlrecht hatte — nur wenn Jedermann gleichmässig reprä-
sentii*t ist, hat Besitz aller Art seinen gerechten
Einfluss. Und die Besitzenden unter den industriellen
und handeltreibenden Ständen werden vielleicht einst entdecken,
dass der Widerstand gegen das allgemeine Wahlrecht nichts
ist als ein Kunstgriff, um sie ihres gerechten Einflusses und
ihres Besitzes zu berauben." —
Kui*z Thompson's Katechismus zeigt in charakteristischer
Weise, wie die Ricardo'sche individualistische Nationalökonomie,
consequent ausgebildet, Waffen für den Arbeiterradicalismus
liefern muss und Thompson ist ehrlich genug, wenigstens
einen Theil dieser Consequenzen zu ziehen, indem er noch
völlig an Identität der Interessen von Arbeit und Capital
contra Gnindbesitz glaubt. In der Westminsterreview von
1830 tritt er für Wiederherstellung der Baarzahlung ein und
preist Freihandel als das gemeinsame Interesse von Arbeit
und Capital:
„Dass der Reichthum und das Glück der Nation aus
reichlichem Capitalgewinn und Lohn der Individuen entspringen,
ist an sich eine grosse Wahrheit. Aber dann müssen diese
hohen Gewinne und Löhne aus einem Wachsthum des ge-
sammten Handels (trade) entspringen, das nur das Resultat
von Freiheit sein kann. Der allgemeine Satz von Lohn und
Gewinn hängt von der Schnelligkeit ab, mit der der gesammte
Handel wächst oder abnimmt — — dies beweist die be-
schränkte Nützlichkeit der verschiedenen Palliativmittel, mit
denen sich die Menschen amüsiren, statt ihre Kräfte zur Ent-
fernung des grossen Uebels der Handelsspeire anzuwenden.
Dahin gehören z. B. die vorgeschlagenen Hausmittel der Spar-
828 Entes Bach, Gap. 4
samkeit, der Clubs zur Herabsetzung der Preise noihwendiger
Dinge, der Gooperativgesellsdiaften etc."
Neben Thompson ist vor Allen Ebenezar EUiot zu nennen.
Elliot wurde 1781 als Sohn eines kleinen Eisengiessers, der
Galvinist und Jacobiner war, geboren ^) , empfing wenig Schul-
bildung, diente seinem Vater als Arbeiter und wurde. schliess-
lich selbst kleiner Unternehmer. 1821 trat er als Dichter aul
Er folgte den Ideen von Adam Smith, Bentham und
Thompson. Sein Hauptziel war und blieb Abschaffung der
Eomzölle und die wirksamsten Gedichte dieses titanenhaft
empfindenden Naturkinds, das für Lord Byi*on schwärmte,
waren die Comlaw-Rhymes. Den Mittelclassen angehörig, von
den Interessen der Mittelclassen durchdrungen, daher princi-
piell Freihändler und Gegner des Socialismus und Gommu-
n Ismus, war er doch vor Allem ein ehrlicher Kadicaler und
empfand feurig für die Leiden der Arbeiter, wurde von den
besseren Arbeitem Sheffields hoch verehrt, von den Mittel-
classen nicht immer verstanden. Darum arbeitete er eifrig
für Parlamentsreform und neigte später zu den Chaiüsten,
von denen er sich nur ab wandte, weil sie sich der Anti-
Eomzollagitation nicht anschlössen und weil ihm O'Connor
widei*wärtig war. Den deutlichsten Beweis, wie Ebenezar
Elliot für radical denkende Arbeiter empfand und schrieb,
liefern die Gedichte selbst *) (Comlaw-Rhymes, 3. Aufl., 1838).
^) Siehe Januaiy Seasle, Memoin of Ebenezar Elliot London 1852,
sowie einen Artikel von Bobert Leaser, der in dem erstgenannten Buch
im Aaszug mitgetheilt ist.
*) Eines mag als Probe in der Ursprache folgen:
„Child is thy &ther dead?
Father is gone.
Why did they tax his bread?
6od*s wiU be donel
Mother has sold her bed
Better to die than wed!
Where shall she lay her head?
Home we have none.
Letzte Steigerung des Radicalismus. 329
• Seine Cornlaw-Rhymes dediciile er „Allen, welche das
Andenken von Jeremias Bentham, unserem zweiten Locke,
ehren und welche das grösste Glück der grössten Zahl für
die grösste Zeitdauer zu befördern streben," und spricht in der
Einleitung aus, „dass die gi-osse Frage der Löhne vor Ab-
schaffung der Eornzölle in England nie gelöst werden kann''
und eine Erklärung der ShefiBelder Arbeiter- Anti-Brod-Steuer-
Gesellschaft ist beigedruckt, welche sagt, dass die Arbeiter
allein unabhängig genug sind, den Freihandel durchzusetzen.
In einem voll bevölkerten Lande sei es ein Act nationalen
Selbstmords, den Austausch der Manufacturwaaren gegen Korn
zu beschränken.
• § 4. Letzte Steigerung des Radicalismus.
Der heiTSchende Charakter dieser ganzen Literatur ist
und bleibt ein vorwiegend auf die Arbeiterinteressen ge-
gründeter politischer Radicalismus ohne bewussten und her-
voilretenden Gegensatz zu den Interessen des mobilen Gapitals.
Dieser Radicalismus wuchs von 1815 — 1830 ununterbrochen
an Verbreitung und an Kraft, bis ihn die französische Juli-
revolution zur höchsten Leidenschaft entflammte. Als er in
Father clamm'd thrice a week
God's will be done!
Long for work did he seek
Work he found none.
Tears on his hollow cheek
Told what no tongue could speak.
Why did his master break?
God's wiU be done!
Doctor Said, air was best;
Food we had none;
Father, with panting breast
Groan'd to be gone;
Now he is with the blest!
Mother says death is best!
We have no place of rest,
Yes we have none."
330 Erstes Bach, Cap.4.
diesem Höhepunct seiner Leidenschaft die Refoimbill von 1832
d urchgesetzt hatte, trennte sich sofort der Arbeiterradicalismus
scharf und bewusst von dem der Mittelclassen , die socialen
Ziele und Wege traten in den Vordergrund. Diese Be-
wegung spiegelt sich wieder in der Literatur, indem 1830
die Menge und Leidenschaftlichkeit der radicalen Organe
und Flugschi-iften erstaunlich wuchs, um dann 1832, in An-
fängen theil weise schon vorher, ihren Charakter zu ändern,
insofern sie mehr social, weniger politisch wurde. Die
periodische Presse und Brochtirenliteratur von 1880—1832 ist
gleichsam das extreme Schlussresultat der geistigen Aufregung,
welche Bentham, Cobbett, Paine und ihre Gesinnungsgenossen
in langen Jahrzehnten geschürt hatten. Auch von dieser
Literatur sei es erlaubt, einige Proben zu geben. Man staunt
oft, dass so wilde Aeussemngen in dem monarchischen Eng-
land geduldet wurden — aber man bedenke, dass der Zweck,
zunächst nur die auch von den friedlichen Mittelclassen ge-
wollte Reformbill war und dass in einem freien Lande die
Agitation sich der leidenschaftlichst übertriebenen Worte be-
dienen kann, ohne dass man zu befürchten braucht, es werde
dem Worte gleich die entsprechende That folgen.
1832 existirte ein Blatt, betitelt „the Republican*'. Das-
selbe missbilligt zwar die Blutthaten der ersten französischen
Revolution als unrepublikanisch; denn Republik ist reine Hu-
manität im Gegensatz zu dem „aristocratico-monarchical Eng-
land'', aber es geht doch in Bezug auf Bitterkeit der Leiden-
schaft und hochveiTätherische Ausdrucksweise weit über seine
Hauptautorität Thomas Paine hinaus. Es wird nicht nur ge-
sagt: „der Beamte, den man König nennt, hat keine eigene
Autorität, die gerechten Ansprüche von Jedermann auf
Repräsentation zu verweigern oder zu gewähren," sondern es
ist auch die Rede von „William Guelph or any other gentle-
man called king'*, vom „Bürger Talbot, der auch Earl of
Shrewsbuiy heisst, oder vielmehr dessen Ahn irgend eine
königliche Person in den guten alten Zeiten so zu nennen
beliebte, den aber die Republikaner nicht so zu nennen be-
Letzte Steigerung des Radicaüsmus. 331
lieben etc.*' Doch auch dieses Organ will die Refonnbill als
Abschlagszahlung und denkt nicht an Krieg gegen das Capital.
Verschiedene Brochüren von 1832, so „The Rights of
Nations", „The People's Charter*', „The Refonnei-s Catechism"
sind in demselben Sinne geschrieben.
Letztere Schrift erkennt keine veijähiten Rechte, nur den
von jeder Generation frei und neu schliessbaren Gesellschafts-
vertrag zu dem Endzweck: „des grössten Wohls jedes Ein-
zelnen, das mit dem Wohl der Gesammtheit zusammenfällt.'*
In jeder Verfassung muss das erste eine Erkläi-ung der Rechte
sein. Dann wird geeifert f ü r allgemeines Wahlrecht, geheime
Abstimmung, jährliche Parlamente, für Heiligkeit des Eigen-
thums, für Freihandel, namentlich freien Komhandel, Press-
freiheit, freies Versammlungsrecht, freie confessionslose Schule,
Milizsystem, für ausschliesslich gewählte Beamte, gegen die
Staatskirche, da alle Priesterherrschaft auf Unbildung be-
ruhe kurz, der alte Radicalismus französischen Stils, der
gegen König und Pfaffen wild eifert.
Ganz vorübergehend ist von Schutz der Arbeit gegen
Habsucht der Capitalisten die Rede, aber gewöhnlich wird
factisch unter Eigenthum nur das Gmndeigenthum vei-standen,
so dass die ganze auf leidenschaftliche Arbeiter berechnete
Schrift im Gi-unde doch völlig dem Bunde des capitalistischen
und proletarischen Radicalismus und dem gemeinsamen Ziel
der Parlamentsreform dient. Radicale und Republikaner waren
damals, wie sie sich selbst auch nannten, Reformer, d. h.
Parlamentsreformer und dies Ziel wurde mit übersprudelnder
oft unklarer Begeisterung erstrebt ^).
^) Wie namentlich auch ein den Schluss des Werkchens bildendes
schlechtes Gedicht von sechs Strophen beweist:
A Song for young Reformers.
Glorious Albion! Behold France is free
0! land of the brave! Prepaired Almaine
Down cast the tyrants Up Stands Italy
Unfetter the slavel Rise shall Poland again!
332 Erstes Bach, Cap. 4.
„The Peoples Charter'', von demselben anonymen Verfasser,
enthält noch leidenschaftlichere Sätze. Es wird Byron's Satz
citirt, dass „revolution alone can save from helFs poUution".
Aber es wird doch schliesslich vom Gebrauch der Waffen ab-
gemahnt, man „solle nur geillstet sein, Wafifen haben, und
niemals aufhören, Reform zu verlangen/' Als sofort anzu-
wendendes Gewaltmittel wird nur Steuerverweigerung empfoh-
len, „weil kein Parlament Unvertretene vei-pflichten könne und
alle Unvertretene allzeit ein Recht haben, der Steuerzahlung
Widei-stand zu leisten." Die Zeit wird kommen, wo man
nach Mackintosh's Wort „nichts Altes mehr dulden wird, das
die VeiTiunft nicht billigt, und vor nichts Neuem zurück-
schrecken wird, das die Vernunft empfiehlt.'*
Nach Durchsetzung der Parlamentsreform änderte sich
der Ton der populären Literatur, indem dann sofort die Los-
trennung der Arbeiter von allen Parteien der Besitzenden ge-
predigt und sociale Erörtei-ungen im Gegensatz zu der Zeit
vor der Reform häufiger wurden. Das mit dem 22. November
1832 beginnende Blatt „The working man's friend and Political
Magazine" z. B. folgt Carpenter, Carlile und Cobbett, erklärt
alle alten Parteiunterschiede für Täuschung und sagt mit
Cobbett, es solle nur zwei Parteien geben, die Partei der
billigen und der theuren Regierung. Das von J. Watson
redigiile Blatt diente der „National Union of the working
classes and othei*s" und begnügte sich nicht für gleiche Rechte
zu kämpfen, zu behaupten, dass der „Begriff einer Aristokratie
das Wesen jedes Lasters einschliesse ," sondern brachte auch
schon Artikel über die „Manufacturhöllen'*.
, 0! crouch not to lords: So with devotion
Employ but the wise: Shall nations set free
Burst all their base cords Bend, Queen of Ocean,
Arise! 0 arise! To thee! — but to thee!
Then high in thy band, Thus glorious Albion
Thy bright trident raise; Land of the brave!
And fling o'er each land Down cast the tyrants;
New light from its blaze. Unfetter the slave!
Letzte Steigerung des Radicalismus. 383
Die Flugschrift „The Political Unionist's Catechism —
adressed to the working classes^S London 1833, sagt: Bald
würden Whigs und Tories zusammen Conservative sein gegen-
über dem Volk, das bisher geplündeter Zuschauer sei. Die
Schrift agitirt für weit möglichste Ausdehnung des Wahl-
rechts und will die arbeitenden Classen durch ein ge-
meinsames politisches Glaubensbekenntniss einigen. —
Doch ich will nicht vorgreifen und erwähne die letztgenann-
ten Schriften hier nur deshalb, um zu zeigen, wie der Gedanke
einer radicalen Partei, die principiell nur Arbeiteipartei sein
soll, ei-st nach der Reformbill mit Kraft und Bewusstsein auf-
trat. Von allen mir bekannten Zeitungen , welche dem Radi-
calismus, d. h. besondere dem Arbeiterradicalismus, unmittel-
bar vor und nach der Reformbill dienten, ist die leidenschaft-
lichste und charakteristischste „The Poor Man's Guardian, a
Weekly Newspaper for the people established contraiy to
,Law' to try the power of ,might' against ,right*.*' Das Journal
ei-schien von Juli 1831 bis December 1835 und wurde dann
durch ein anderes ei-setzt. Verleger war Hetherington, Haupt-
zweck die Durchsetzung einer billigen ungestempelten
Presse für die Arbeiter — es war aber zugleich ein Blatt, in
welchem sich alle radicale Aufregung der Arbeiter breit
machte. Redacteur war der spätere Chartist Bronterre O'Brien ^).
Es thaten aber in dieser Zeit allgemeiner Gährung auch
gemässigtere Elemente mit, z. B. Lovett, der spätere Führer
der Partei der moralischen Gewalt unter den Chartisten.
^) Bronterre O^ßrien hat auch selbständige Bücher, so eines über
Baboeuf und eine Biographie von Robespierre geschrieben, in welcher
dieser von aller Blutschuld rein gewaschen und als edler Gleichheits-
hfld hingestellt wird. Der Verfasser skizzirt in der Einleitung des
Buches seine eigene Tendenz nach socialer Gleichheit im Gegensatz zum
^Monopol des Land- und Geldbesitzes der höheren Classen, jedoch ohne
irgend einen commun istischen Ausgleichungsplan zu entwickeln. Derselbe
gab Januar bis März 1837 ein Wochenblatt „National Reformers'^ heraus,
„zur Beförderung einer radicalen Reform in Regierung, Gesetz, Eigenthum,
Religion und Moral zu Gunsten der grossen Masse der Gesammtheit,
welche bewirkt werden soll in der möglichst kurzen Zeit ohne Gewalt-
that durch die Macht der öffentlichen Meinimg und womöglich durch
die legalen Reichsautori täten. "^ In dem Blatt wird das allgemeine Wahl-
334 Erstes Buch, Cap. 4.
Der Poor Man's Guardian zeichnet sich nicht nur durch
die Leistungen der jugendlich aufbrausenden Talente seiner
Mitarbeiter aus, sondern insbesondere dadurch, dass er von
Anfang ab die socialen Interessen der Arbeiter schaif erkannte
und vertrat. Es war kein Journal, das den abseits stehenden
rein wirthschaftlichen Bestrebungen der Gewerkvereine oder
der Cooperation diente — die unpolitische Gesinnung der
Cooperationsfreunde wird sogar heftig getadelt; es war vor
Allem ein politisch - radicales Blatt, aber mit so exceptionell
schai-fer Betonung des speciellen Arbeiterstandpuncts, dass es
weit tlber Cobbett hinausging, der der beste Freund der
Arbeiter genannt wird und Alles zusammen genommen, hatte
das Blatt eine Richtung, welche mit der unserer heutigen Social-
demokratie nahezu zusammenfällt. Es ist mir in der ganzen
englischen Literatur kein Organ und kein Buch vorgekommen,
das man mit Recht eigentlich socialdemokratisch nennen
könnte , ausser diesem Producte einer Zeit allgemeiner Gäh-
rung, das dem späteren Chartismus direct vorarbeitete und
womöglich noch wilder und extremer war als der Chartismus
selbst.
Da das Blatt vor 1832 entstand, so soll es hier besprochen
werden. Es verdient allgemeine Beachtung in Bezug auf den
bekannten Streit, wann und von wem das Programm der
heutigen Socialdemokratie zuei'st formulirt worden ist. Es
schliesst gleichsam den alten englischen Radicalismus der Zeit
vor 1832 ab und begründet zugleich den neuen Radicalismus,
in dem der Streit zwischen Capital und Arbeit die Hauptrolle
spielt.
In der ersten Nummer vom Juli 1831 wird von Gewissens-
freiheit gesprochen, wenn auch die Religion nur vom politi-
schen Standpunkt berührt werden soll. Es wird auch sofort
recht verlangt , das Annenrecht angegriffen, die AntikomzoUagitation ver-
dächtigt, die „Profitmacher'', die schlimmer als die Aristokraten sind, an-
gefochten extreme politische Gleichheitsideen, nicht extrem socia-
listische Pläne herrschen, wenn auch der Gegensatz zwischen Arbeit und
Capital erkannt resp. empfunden ist
Letzte Steigerung des Radicalismus. 335
innere Neigung zur Republik veiTathen. Directe Revolution
wird nicht gepredigt, aber der König wird Mr. William Guelf
genannt, die beabsichtigte Krönung mit wüthendem Hohn be-
sprochen: „Schande tlber solch nutzlose, verkehrte, kindische
Ueppigkeit, während Noth im Lande hen-scht." Ein be-
sonders wilder, aber in der That exceptioneller Aiükel beginnt
sogar mit den Worten: „Nieder mit Königen, Priestern und
Lords'^ und schliesst mit dem Satz, „das Eigenthum müsse
fallen, dann würde das Königthum von selbst fallen/' Es muss
dagegen erwähnt werden, dass zu den Puncten, welche die
National Union of the Working classes in eine Declaration
aufnehmen wollte, auch die Heiligkeit des Eigenthums geholte
und dass stets zu friedlichem Vorgehen ermahnt wurde.
Cailwright und Hunt werden als Gesinnungsgenossen,
Hume und Burdett aber als „Halbe'^ bezeichnet; noch schlechter
kommt O'Gonnell weg; Attwood wird ein gutherziger Mann
genannt, der das Loos der Arbeiter bessern, aber sie doch als
Arbeiter erhalten, nicht sich gleichstellen wolle. Fielden ist
ein „middle man'', der persönlich alle Anerkennung verdient.
Als es mit der Reformbill Ernst wurde, zei*fiel das Blatt ge-
legentlich auch mit Hunt selbst und mit Cai-penter — während
es sehr warm für Sadler eintritt (4. August 1832) — kurz, es
zeigt sich das Misstrauen der Arbeiter gegen die Radicalen
aus den Mittelclassen. Darum wird auch das allgemeine
Wahlrecht unbedingt verlangt, die beabsichtigte Reformbill
wird als ungenügend bezeichnet. Das Wichtigste dabei ist,
dass das allgemeine Wahlrecht nicht einfach deshalb verlangt
wird, weil es allein der radicalen Theorie völlig entspricht,
sondern weil das specielle Interesse der Arbeiter es verlangt.
Mit Genugthuung wird im Juli 1831 über eine Rede referirt,
die ein gewisser Wardel auf einer Vei'sammlung der National
Union of the Working classes hielt und worin dieser sagte:
„dass wir (die Arbeiter) jährlich Reichthum im Gesammt-
werth von 500 Millionen Pfd. Sterl. schaffen und nur ein Achtel
davon consumiren dürfen. Die Reformbill ist nur 5 Schilling
aufs Pfund, wir aber verlangen 15 Schilling mehr und werden
sie bekommen."
336 Erstes Bach, Cap. 4.
Diesen socialdemokratischen Gedanken, dass der Arbeiter
um einen Theil des nur von ihm geschaffenen Pi-oducts be-
raubt und betrogen werde, führt dann der Leitartikel vom
30. Juli näher aus , indem da gesagt wird , dass die Arbeiter
allein den wirklichen Reichthum des Landes produciren, aber
nur einen kleinen Theil davon geniessen. Den anderen ver-
zehren nicht nur König, Priester, Lords, Esquires and Gentle-
men — sondern auf Kosten des Arbeitei-s bereichem sich
auch die „masters and tradei-s", d. h. das Capital. In der
weiteren Ausftlhnmg fällt der Vergleich zwischen alter Aristo-
kratie und Capital (middle men) zu Ungunsten des letz-
teren aus:
„Adelige Adler und kirchliche Geier haben sich bisher von
Euch genährt; sie halten Euch für wahrhaftes Aas, haben
aber nicht verachmäht, sich an Euch zu m«*lsten; wahrhaftig,
sie haben sich gesättigt. Und jetzt zu schwach, ihre aus-
schliessliche Beute zu vertheidigen , machen sie Platz fllr die
hungiigen Raben, deren Zahl sie schreckt, dass sie kommen
und auch nach Euch hacken. Und glaubt uns, was für die
Adler und Geier einfach Nahrung war, wird für diese
schmutzigen Raben ein Leckerbissen sein. „Aas" ist ihre
Wonne und sie werden es bis auf die Knochen auffressen.
Und was anders sind diese vielfrässigen Raben als Eure Leute
von den Mittelclassen , welche mit gierigen Augen die Adler
des Staats und die Geier der Kirche verfolgten, die Euch
verschlangen — welche ihren Ruf mit dem Eurigen nach Ge-
rechtigkeit und Bannherzigkeit verbanden, bis Lords und
Priester ihnen gestatteten, theilzunehmen an der Beute, an
der sie sich selbst übersättigt haben, vor der sie Ekel und
Ueberdruss empfinden/'
Solche Agitation liess sich natürlich nach Durchsetzung
der Reformbill mit ungeschwächter Leidenschaft fortsetzen.
Robespierre wurde als der grosse Mann der französischen
Revolution, als Vertreter der Arbeiter gegenüber der „Bour-
geoisie'' gefeiert, die das Regiment usurpirte, während der
Name Republik blieb (Dezember 1835). Das ausgesprochene
Hauptziel des Blattes wurde, alle Arbeiter zur Durchsetzung
Letzte Steigemng des Radicalismos. 337
des allgemeinen gleichen Wahlrechts zusammenzufassen, denn
es helfe Nichts gegen einzelne Gesetze, wie z. B. die Eom-
zölle^ zu agitiren ; nur das neue Aimengesetz solle womöglich
noch vor der Einführung des allgemeinen Wahlrechts fallen —
das erste aller Dinge sei das allgemeine Wahlrecht, „damit
w i r die Direction aller Reformen in unsere Hand oder besser
in die Hand des ganzen Volks bringen** (31. October 1835).
Das „ganzö Volk'* aber besteht factisch aus den pi-ole-
tarischen Arbeitern. Nach einem Artikel vom 19. Dezember
1835 hat das „Capital menschenmörderische Gewalt"; dass
der Arbeiter aus Hunger für jeden Lohn arbeiten muss, ist
das ungeheuerliche Uebel der Gesellschaft. Und dann folgt
wieder eine Theorie, die in roher und übertriebener Form die-
selben Gedanken enthält, die wir in Marx's Theorie von der
Aneignung des Mehrwerths durch den Capitalisten finden:
„Die Lehre des Capitalisten lautet, dass er ein Recht
habe, vom Product des Arbeiters diesem so viel wegzunehmen
als letzterer aus Furcht vor dem Tode hergeben muss. Wenn
der Arbeiter per Tag einen Werth von 30 Schilling produciren
und von einem Schilling leben kann, so denkt der Capitalist,
er habe ein Recht auf die übrigen 29 Schillinge; weil nur der
eine Schilling nöthig ist für die Existenz des Arbeiters, so
muss dieser aus Furcht vor dem Tode auf den Ueberschuss
zu Gunsten des Capitalisten verzichten. Und das ist britische
Freiheit! Diese Macht grosshändlerischen Raubs und Mordes
in der Hand des Capitalisten nennt man Freiheit und man
sagt , der Arbeiter sei gerade so gut frei wie der Capitalist,
weil er, wenn er will, sich dem Raub entziehen kann — wenn
er sich nur dem Hungertod unterwirft! Bewundernswerthe
Logik, segensreiche Freiheit, glückliches, dreimal glückliches
Land.*'
Wir wissen sehr wohl, wie solche eigentlich social-
demokratische , social- und politisch-revolutionäre Tendenzen
in England zu keiner grossen Bedeutung gelangten und nie
das eigentliche Programm einer grossen Arbeiteipartei wurden.
Aber es bleibt in hohem Maasse charakteristisch und lehr-
reich, dass die von Bentham und Anderen begründete radicale
H.'ld. Soc Gesch. Engl. 22
338 Erstes Buch, Cap. 4.
Literatur im modernen England sich in Leidenschaft und
Gleichheitslust beständig steigernd, schliesslich zu Sätzen ge-
langte, welche heute dem „Vorwärts" zur Zierde gereichen
würden. Auch in England bewährt sich der Satz, dass die
Socialdemokratie die letzte Consequenz nicht des Liberalismus,
aber des extrem-individualistischen Radicalismus ist. —
§ 5. Rückblick.
Von der Entwicklung, die in den vorigen Capiteln ge-
schildert ist, erhalten wir ungefähr folgendes Bild.
Der Individualismus ei-wacht in England zu neuem Leben
durch den Abfall der amerikanischen Colonien und durch die
französische Revolution. Aber es sind vorerst einzelne Schrift-
steller, die entweder ganz als Theoretiker auftreten, oder
deren praktische Thätigkeit — wie die Paine's — nur wenig
bedeutet. Indessen entsteht nach und nach in denjenigen
Classen Englands, die sich als minderberechtigte gegenüber
dem das Parlament beheri-schenden Grundbesitzerstande fühlen,
ein Geist der Verneinung und des Widei'standes , ein Ver-
langen nach Ausdehnung von Reckten, das Streben für das
Individuum als solches gleichen Antheil an der politischen
Macht zu erlangen — wobei man sich bald auf Gründe der
Zweckmässigkeit, bald auf das Naturrecht berief.
Den so emporstrebenden Classen bleibt es vorläufig un-
bewusst, dass sie unter sich keineswegs gleichartig sind; sie
greifen gemeinsam das Bestehende an, bald einzelne Maass-
regeln, bald umfassende Institutionen, und sie finden endlich
im Rufe nach allgemeinem Wahlrecht ihr gemeinsames Feld-
geschrei. Die Lehre des Individualismus gi-eift ein in die
englischen Verfassungskämpfe, sie lehnt sich auf gegen die
bestehende Ordnung und das hergebrachter Weise Geltende,
sie wird zum Radicalismus^
Die Fordeiiing eines allgemeinen gleichen Wahlrechts
stand, trotz des ausdrücklichen Festhaltens Vieler an den
alten Grundlagen der englischen Verfassung, gerade mit dieser
Verfassung in unlösbarem Widei*spi*uch ; denn die Verfassung,
Rückblick. 339
wenn sie auch etwas verknöchert war, beruhte doch auf dem
gesunden Gmndsatze der Vertretung des orgauisiilen , nicht
des atomisirten Volkes und auf der Heii'schaft des dauernden,
entwicklungsfähigen Gesetzes — nicht auf schwankender
Majorität der Massen.
Den Neuerem principiell gegenüber stand noch die Theorie
vom göttlichen Rechte der Krone, welche — so wenig Anklang
sie mehr fand, doch in sich folgerichtig war. Aber sie hatte
nicht mehr die Kraft, dem Anstürme der neuen Ideen zu
widei-stehen.
Den neuen extremen Lehren konnte man nur mit Erfolg
begegnen, wenn man nachwies, dass der „Naturzustand" mit
unbeschränkter individueller Freiheit eine Täuschung ist;
wenn man nachwies, dass das Bedüiiniss nach organischer
staatlicher Gliederung ebenso unabweislich , ursprünglich und
natürlich ist, wie das Bedürfniss nach Entfaltung der indi-
viduellen Kräfte, und dass eine staatliche Gesammtheit nie
eine Summe gleichwerthiger Atome war, nicht ist, und nie
sein kann; und wenn man daraus ableitete, dass der Wille
jeweiliger Majorität nicht das die Gesammtheit zusammen-
haltende Recht sein kann, sondern dass das organische aus
der ^^ewordenen Verfassung heraus sich entwickelnde Recht die
ewig nothwendige Schranke jeder individuellen Willkür ist.
Trat in England eine solche organische Staatslehre als
Gegensatz gegen den Individualismus auf? Wir finden wohl
Anklänge und Ansätze, aber keine durchdachte und dadurch
mächtige Entwicklung solcher Ideen. Denn die Erinnerung
an die „glon-eiche« Revolution", sowie die geringe Neigung
oder Begabung des Engländers zu durchdachter Systemati-
sirung bewirkte, dass man zumeist die Consequenzen des ab-
stracten Individualismus nur gefühlsmässig ablehnte, statt
diese allerdings einfache und klare aber unhaltbare Anschauung
verstandesmässig zu widerlegen.
Der grösste politische Erfolg des geschilderten, noch ein-
heitlich auftretenden Radicalismus war die Parlamentsreform
von 1832; keineswegs eine Neugestaltung des ganzen Wahl-
rechts, sondern nur, wie bekannt, ein principloser Compromiss
22*
340 Erstes Bach, Gap. 4.
zwischen dem alten Herkommen und den neuen Bedürfiiissen ;
immerhin jedoch der Anfang einer immer weiter gehenden
gleichmä8sigei*en Heranziehung bisher unberechtigter Classen
zur Wahl von Vertretern.
Bei den Vorkämpfern des Radicalismus in dieser älteren
Zeit findet man zwar eine warme Liebe für die Masse des
Volks und ein Streben, diese Masse mit in die politische Be-
wegung zu ziehen, aber fast nirgends eine Spur socialer Um-
sturzplänO; etwa zu Ehren factischer Gleichheit. Es herrschte
noch soviel naiver Glaube an die natürliche Gleichheit der
Menschen, dass man vermeinte, durch einige politische Reformen
könne diese Gleichheit in ihrer ursprünglichen Reinheit wieder-
hergestellt und so ein goldenes Zeitalter für Alle begiiindet
werden.
Von der Gleichheitsidee waren sowohl die Nationalökonomen
als die eigentlich politischen Vorkämpfer behen-scht, und zwar
in etwas verschiedener Weise. Die Nationalökonomen dachten
sich die wiithschaftlich freien Individuen als mit gleichen
natürlichen Kräften ausgerüstet. Die radicalen Wortführer
hingegen, welche unmittelbar auf die Massen wirkten, ver-
langten Gleichheit politischer Rechte, ohne irgendwie gegen
die Freiheit der wirthschaftlich Starken zu agitiren, weil sie
zwar den Untei-schied zwischen Starken und Schwachen
kannten, aber die Gefahren untei-schätzten, denen der Schwache
bei Herrschaft der Freiheit ausgesetzt sein musste.
Der sociale Gegensatz zwischen Capital und Arbeit war,
wenn auch vorhanden, doch nicht hinlänglich zum Bewusst-
sein gebracht, und das Capital selbst lag noch zu sehr im
Kampfe mit der Aristokratie, stand also an der Spitze der
Bewegung, die damals den gesammten nicht-aristokratischen
Classen gemeinsam war. Die Zeit war noch nicht gekommen,
in welcher man Gleichheitsideen schon im Sinne des socialen
Umsturzes als Kampfmittel hätte verwerthen können.
Um eine Analogie zu benutzen, die dem deutscheu oder
französischen Betrachter nahe liegt, so begriff man damals den
Classengegensatz noch nicht, der sich in Frankreich durch
Louis Blanc's, in Deutschland durch das Wirken von Marx
RackbUck. 341
und Engels vor 1848 herausbildete, sondern man stand auf
dem Standpuncte St. Simonis, bei welchem die industriellen
Glassen aus Arbeitem und thätigen Capitalisten bestehen,
denen Adlige, Hofbeamte, Staatsdiener, Officiere, Rentner etc.
gegenüber gestellt werden.
Die wirksamsten älteren VolksfOhrer, wie Paine, Cartwright
und sogar Cobbett leisteten also eigentlich nur dies, dass sie
vorläufig überhaupt begeisterte Kampflust für Freiheits- und
Gleichheitsideen erweckten, ohne diesem Kampf vorwiegend
sociale Ziele zu stecken. Wo letzteres versuchsweise geschah,
blieb es zunächst ohne bedeutende Wirkung.
Der Hauptvertreter dieses älteren theoretischen Radicalis-
mus ist, wie wir gesehen haben, Bentham.
Diese ganze geistige Bewegung ist erfüllt von dem einen
grossen Gedanken: Demokratisii-ung des Staats, damit er seinen
einzigen veiiiünftigen Endzweck, dem materiellen Woh
des einzelnen Menschen zu dienen, erfülle.
Die im Einzelnen gewünschten Beformen sind theils nur
negativ — wie die Abschaffung der Schutzzölle — theils
positiv wie das allgemeine Wahlrecht.
Dass das materielle Wohl des Menschen als Endziel aller
Politik nothwendig einen Kampf zwischen Ständen, insbesondere
zwischen Besitz und Nichtbesitz, hervorrufe, wird hie und da
geahnt — doch geht man im Grossen und Ganzen noch ver-
eint gegen den alten aristokratischen Staatsbau vor.
Ei-st nach 1832 spaltete sich der Radicalismus im eng-
lischen Sinne des Wortes in zwei verschiedene Richtungen,
indem die Mittelclassen als Freihändler oder Manchester-
männer, die Arbeit9i*classen als Chartisten auftraten.
Das Manchesterthum ist die Anwendung der Lehren der
classischen Nationalökonomie zur Agitation im Interesse be-
stimmter Zwecke des beweglichen Besitzes. Die praktischen
Vorschläge dieser Richtung erscheinen uns als Caricatur der
Einseitigkeiten, die in den nationalökonomischen Lehren ent-
halten waren. Erst in dieser Caricatur wird die Unterordnung
aller idealer Lebenszwecke und des ganzen Staates unter die
wirthschaftlichen Interessen des Besitzes zum ausschliesslichen
842 Erstes Buch, Cap. 4.
Princip. Der Mittelstand ist von dem politisch Erreichten
befriedigt und will den neuen Zustand für sich ausnutzen.
Die Arbeiterclasse hingegen sieht sich durch die schonende
Parlamentsreform enttäuscht, sie agitirt im Chartismus zunächst
politisch weiter, um wirklich allgemeines Wahlrecht durchzu-
setzen und hat dabei mehr instinctiv die Vorstellung, dass
ein gänzlich reformirtes Parlament dann auch Aenderungen
der socialen Verhältnisse herbeiführen we rde, eine Vorstellung,
die nur ganz vereinzelt hie und da socialdemokratische Ge-
danken in unserem Sinne des Wortes hervorbringt. Der Char-
tismus entspricht also dem, was auf dem Festland, in engerem
Sinne als in England, Radicalismus genannt zu werden pflegt.
So früh demnach in England mit der Grossindustrie das
Proletariat entstand, und so sehr der Fabrikarbeiter sich ge-
drückt fühlte — es blieb zunächst bei Ausbrüchen blinder
Wuth, die zur Zerstörung von Maschinen oder Fabriken fühlte«
Programmgemäss richtete sich die Leidenschaft dieser Classe
nicht gegen das Capital als solches, sondern gegen die be-
stehende Staatsverfassung.
Das noch unentwickelte, erst keimende Classengefühl des
industriellen Proletariats gebrauchte Anfangs zum Ausdruck
seiner Unzufriedenheit eine politische Formel, die es aus dem
Vorkampfe der Mittelclassen entlehnte.
Erst nach und nach rückte es vor zu selbständiger For-
mulirung seiner Wünsche, und hierzu that wohl das Meiste
derjenige, welcher zuerst die sociale Seite der ständischen
Neubildung ganz und gar begriff. Es war Robert Owen, der
die Bestrebungen des Proletariats vom politischen Gebiet ab-
leitete und auf rein socialen Boden hinüber führte.
Fünftes Capitel.
Die Socialisten.
§ 1. Robert Owen.
Der englische Socialismus war principiell unpolitisch.
Dennoch wuchs auch er aus dem eudämonistischen Individua-
lismus heraus und muss als eine eigenthümliche Abart des
Radicalismus betrachtet werden. Er entstand vor 1832 und
entwickelte sich nach der Reformbill weiter, ohne durch die
politischen Aendeiiingen nahmhaft beeinflusst zu werden. Es ist
später die Varietät der „sacred socialists" und es sind die christ-
lichen Socialisten aufgetreten — beide ebenfalls principiell
unpolitisch und daher von unseren Socialdemokraten viel wei-
ter entfernt als die Arbeiter, die Cobbett oder später O'Connor
folgten.
Der eigentliche Vater des englischen Socialismus, dessen
Anhänger sich auch zuerst Socialisten nannten und so genannt
wurden, war Robert Owen ^). Wie Cobbett und Paine war auch
Owen ein Autodidact, der allerdings, ehe er Schriftsteller
^) The Life of Robert Owen written by himself, 2 Bde., London 1857.
W. Lucas Sargant, Robert Owen and bis social Philosophy,
London 1860.
C. J. Holjoake, History of Cooperation, Bd. 1. London 1878.
M. L. Rejbaud, Etudes sur les Reformateors, Paris 1864, Bd. 1.
Life of Robert Owen, Philadelphia 1866.
Meine Aufsätze in der Concordia, Zeitschrift ftlr die Arbeiterfrage
1876. Nr. 5 ff.
344 Erstes Buch, Cap. 5.
wurde, schon eine höhere sociale Stellung als grosser und er-
folgi*eicher Fabrikant errang, der aber niemals irgend eine
regelrechte wissenschaftliche Schule durchmachte. Welche
Schriften und pei-sönlichen Einflüsse ihn ani-egten, ist schwer
nachweisbar, da er zwar bekanntlich Vielerlei gelesen hat
und mit vielen hervorragenden Männern Umgang hatte, In
seinen zahllosen Schriften aber fast niemals citii-t und bei der
überaus starken, wenngleich ehrlichen Illusionsfähigkeit sei-
nes Wesens alle von ihm ausgesprocheneu Gedanken für seine
eigenste Ei*findung hielt. Er gehört zu den utopischen Socia-
listen, welche ohne jede Neigung zur Gewaltthat und zur Ver-
bindung mit der politischen Revolution alle Leiden der Mensch-
heit durch ein von ihnen erfundenes Weltbeglückungssystem
aufheben und dieses lediglich durch die Kraft der üeberzeu-
gung einführen wollen. Solche Schwänuer hat es zu den ver-
schiedensten Zeiten gegeben und kurz vor Owen's Auftreten
schrieb Fourier, mit dessen Ideen Owen's Voi*schläge ver-
gleichsweise am meisten Aehnlichkeit haben, sein grundlegen-
des Werk „Thöorie des quatre mouvements" (1808). Owen hat
aber nie eine andere Sprache als die englische gesprochen
und verstanden und so unterliegt es keinem Zweifel, dass er
eine directe Anregung durch seine zeitgenössischen französi-
schen Gesinnungsgenossen nicht empfing — was auch Rey-
baud zugesteht. Dagegen steht es fest, dass er mit Rousseau
bekannt war und von John Bellers Manches entlehnte. Der
Hauptsache nach gingen seine Ideen hervor aus den durch
die Grossindustrie geschaffenen neuen Verhältnissen, in denen
er lebte, aus seiner Natur, die eine Leidenschaft des Wohl-
thuns besass und aus einer Menge ihm selbst unbewusster
Anregungen des philanthropischen Zeitgeists, die er ohne Kritik
aufnahm und die in ihm eine höchst einseitige warm em-
pfundene und wenig durchdachte Weltanschauung erzeugten.
Ein wichtiger Theil seines praktischen Wirkens filllt ei-st in
die Zeit nach 1832. Lange vorher aber begann er sein agi-
tatorisches Wirken und sprach er die Gmndgedanken aus,
denen er immer treu blieb. So wurde er in derselben Zeit,
in der der alte Radicalismus, der Vorläufer des Chai-tismus,
R. Owen. 345
die englichen Arbeiter ergriff, der eigentliche Begründer des
englischen Socialismus, der in allen Stadien seiner Entwick-
lung, treu den Owen'schen Principien, der rein politischen Agi-
tation fem blieb und schliesslich die praktisch eben so maass-
volle als nützliche Cooperativbewegung erzeugte. Wenn
Owen in seinen Ideen nur auffallend einseitig war, und in
dieser Hinsicht sich nur fälschlich für originell, für den Trä-
ger einer ganz neuen Offenbarung hielt, so war er in der
Anwendung seiner Gedanken zum Besten der von ihm geführ-
ten Arbeiter in der That originell. Er flösste den Schaaren
seiner Anhänger in der That diese bisher unbekannten Ten-
denzen selbständig ein. Wenn Burdett, Hunt, Cartwright,
Paine und Cobbett für die Arbeiter aussprachen, was diese
empfanden, so lehrte Owen seine Arbeiter etwas, worauf
diese vor Owen noch ganz unvorbereitet waren. Er hatte
eine sehr confuse und ungenügende Bildung, sein kritischer
Verstand war von Natur sehr beschränkt , aber er besass die
schöpferische Kraft des von reinster Menschenliebe erfüllten
Herzens. Die Geschichte seines Lebens hat trotz seiner ex-
centrischen und oft geradezu lächerlichen Veriirungen den
grossen Werth zu zeigen, dass ein unbedingt reiner und edler
Wille, trotz aller falschen Begriffe, trotz aller unmöglichen
directen Ziele im letzten Erfolge Gutes erzeugen muss.
Robeil Owen wurde 1771 in Newtown in Wales geboren
und bald einem Kaufmann in die Lehre gegeben. Das Lesen
religiöser Bücher ohne jegliche Anleitung und die frühzeitige
Bertihi-ung mit Angehörigen verechiedener Confessionen, die
alle die volle Wahrheit ausschliesslich zu besitzen glaubten,
erweckten schon in dem zehnjährigen Knaben Zweifel an der
Wahrheit aller kirchlichen Dogmen. Er kann dann als Com-
mis nach Manchester, wo er durch seine ungewöhnliche Energie,
seine Kunst Menschen zu behandeln und sein grosses natür-
liches Talent für Technik vor erreichter Volljährigkeit Director
der ersten grossen Feingarn-Fabrik wurde.
Aber nicht nur ein gewisse praktische Genialität und eine
selbst unter den rauhen erwerbsinnigen Männem Lancashire's
ungewöhnliche Arbeitskraft zeichneten ihn aus, sondern schon
340 Erstes Buch, Gap. 5.
damals war er erfüllt vom Drange zu lernen — und noch
mehr zu lehren. In seinen Mussestunden beschäftigte er sich
in autodidaktischer Weise mit wissenschaftlichen Studien und
entwickelte bereits die Tendenz aus höchst beschränkten Kennt-
nissen und Erfahrungen heraus allgemeine Sätze zu entwickeln.
Er verkehrte mit Aerzten und Technikera und hatte unter
Andern nahe Berahrungen mit dem Vervollkommner des
Dampfboots, Robert Fulton.
Der Mann, der an der Theologie bereits in*e geworden
War, in dessen Herzen aber die zeitgenössische Idee von dem
gleichen Anrecht aller Menschen auf Glück den wärmsten An-
klang fand, der Mann, der in frühester Jugend gegenüber
seinen Arbeitern ein natürliches Talent patriarchalischer
HeiTSchaft entwickelte und als Techniker sich in der BeheiT-
*
schung der natürlichen Stoffe übte, betrachtete schon damals
„die ganze Welt als ein grosses Laboratorium, und den Men-
schen als ein complicirtes chemisches Product." Seine Freunde
nannten ihn schei*zend den „Philosophen, der Menschen auf
chemischen Wege machen will."
Und in der That lebte er dem Wahne, dass durch rich-
tige Einrichtung der Verhältnisse nach seinem Plan und unter
seiner Direction alle Menschen sittlich und glücklich gemacht
werden könnten und müssten. Eine rein materialistische und
mechanische Auffassung vom Menschen ergriff er mit heili^^er
Begeisteiiing und mit einer Art von religiöser Wärme, indem
er an seinen Prophetenberuf zum Heile aller Menschen
glaubte — er dachte sich als die Kraft, welche die chemischen
Menschenstoffe in die richtigen Verbindungen bringen konnte
und sollte. Die französischen Ideen unbedingter Volksbe-
glückung durch eine allein denkende und verantwortliche
Regierung und die materialistische Auffassung vom Menschen
gestalteten sich in der Seele des Mannes, der von Natur ein
unbegrenztes Wohlwollen für die Gefühle, Gedanken und Thaten
seiner Mitmenschen hatte, zu dem unverwüstlichen, trotz aller
Misserfolge stets freundlichen hoffnungs- und liebevollen
Glauben an den eigenen Beruf des Weltheilands.
Seine Stellung als Fabrikdirector verliess er aus überaus
R. Owen. 347
ehrenwerthen Motiven und trat in ein anderes Geschäft ein,
das ihn oft nach Glasgow führte, wo Arkwright selbst den
zweiten Hauptsitz der britischen Textilindustrie begründet
hatte. Dort hatte in Verbindung mit Arkwright ein gewisser
Dale Fabriken en-ichtet und als einer der ersten philanthropi-
schen Arbeitgeber durch Arbeiterhäuser, Schulen etc. seiner
Zeit Bedeutendes geleistet. Owen heirathete Dale's Tochter,
der er zeitlebens ein treuer und liebender Gatte blieb, ohne
sie jedoch in seine agitatorischen Bestrebungen hinein zu
ziehen. Er kaufte mit seinen Compagnons Dale's Fabriken
und siedelte 1800 als Director derselben nach Lanark über.
Er verfolgte alsbald grössere Pläne als sein Schwiegervater,
der ihm trefflich vorgearbeitet hatte und mit dem er, so lange
er lebte, in herzlichem Einvernehmen blieb, obwohl Dale
über Owen's hochfliegende Gedanken und seinen überaus festen
Glauben an sich selbst nicht wenig staunte. Er war aber vor-
sichtig in der Ausführung, fing ohne seine Ziele auszusprechen
mit kleinen Verbesserungen an und gewann sich die misstrau-
ischen schottischen Arbeiter durch unerhörten Edelmuth, in-
dem er während einer Krisis 7000 Pfd. Sterl. ausgab, um den
Beschäftigungslosen die vollen Löhne auszuzahlen. Nach Dale's
Tode musste er sich, da die andera Partner gleiche Milde
gegenüber seinen nun ausgesprochenen Ideen nicht entwickelten,
neue Partner suchen, was auch 1809 gelang. Nun begann er
gleichzeitig in Lanark seine Pläne in ausgedehntem Maasse
zu verwirklichen und zugleich seine Ideen zu verbreiten.
Owen's Thätigkeit in Lanark , die er später zu Ehren
seines Weltbeglückungsfanatismus aufgab, war nicht nur die
schönste erfolgreichste Periode seines Wirkens, sondera über-
haupt eine der schönsten Leistungen weiser Philanthropie.
Gerechten grossen Ruhm erwarb er sich hierdurch und das
Mustergültige, das er hier in engem Kreise vollbrachte, war
das gi'össte Verdienst, das er sich um sein Land und die
Menschheit erwerben konnte — hier reichte seine Kraft aus.
Seinen Ideen die Welt zu erobern vermochte er nicht, und
dass er es später versuchte, war der Grund, dass er schliess-
lich als halbvergessener Greis ruhmlos ins Grab sank, wenn
348 Erstes Bach, Cap. 5.
auch aus seiner Agitation wohlthätige Erfolge — andere aber,
als er selbst im Auge gehabt hatte, — hei'vorgingen.
Owen's Leistungen in Lanark beinihten auf seiner unbe-
dingten geistigen Superiorität über die Arbeiter, sowie auf dem
innigen Vertrauen zu seiner Pei-son, das seine unerschütter-
liche stets milde und zu grossmüthigem Verzeihen bereite
Menschenliebe bei den Arbeiteni hervorrief. Eine Arbeiter-
bevölkeiTing von 2 — 3000 Seelen hob er aus dem Zustand
tiefster Verwahrlosung zu einem gebildeten, sittlichen und
glücklichen Dasein empor. Das Gleiche konnte ein minder
eifriger und wohlwollender Charakter nirgends leisten und
selbst ein gleichartiger Charakter würde dasselbe nicht selbst-
bewussten, schon höher stehenden Arbeitern gegenüber voll-
bringen können. Aber Owen stellte damit noch kein Programm
auf, das er ohne Rücksicht auf praktische Verhältnisse des
Einzelfalls durchsetzen wollte, sondern er ging allmälig und
ausserordentlich praktisch vor und gab so in der That ein
Beispiel, wie ein wohlwollender FabrikheiT zu seinem und
der Arbeiter Vortheil handeln soll — ein Beispiel, das sei-
ner ganzen Natur nach mutatis mutandis allgemein nachge-
ahmt werden konnte. Er sorgte für gesunde und reinliche
Wohnungen, er verkaufte den Arbeitern gegen billige Preise
Alles, was sie brauchten, in guter Qualität, er legte Spazier-
gänge an, sorgte für ärztliche Behandlung etc. etc. Vor
Allem aber leitete er seine Arbeiter zu geordneter und sitt-
licher Lebensweise an, ohne Aussetzung von Belohnungen und
ohne Auflegung von Strafen — sondeni lediglich dadurch,
dass sein liebend sorgendes Auge überall hindrang und dass
er eine gegenseitige moralische Controle der Arbeiter einrich-
tete, so dass das Ehrgefühl gehoben wurde und allein wirkte.
Für die Kinder unter 10 Jahren richtete er Schulen ein, in
denen der Anschauungsunterricht heri-schte. Confessioneller
ReligionsunteiTicht war ausgeschlossen, aber die Bibel wurde
gelesen und jede einzelne Familie war in der Pflege ihres
confessionellen Glaubens völlig ungehemmt.
Bei all dem war Owen von der Idee erfüllt, dass der
Mensch nicht selbst verantwortlich sei, sondern durch die Ver-
R. OwAD. 349
hältnisse, in denen er lebt, gut oder böse werde und er wollte
solche Verhältnisse, die den Menschen gut und glücklich machen,
einführen. Während seines Schaffens befestigte sich diese Idee
immer mehr in ihm, aber noch handelte er factisch nicht als
Doctrinär, sondeiii was er that war an sich praktisch. Seine
Schuleinrichtungen waren dabei ein ganz besonderes Verdienst ;
er gehört zu den Ersten, die in England die Bewegung für
allgemeine Einrichtung von Schulen in Gang brachten. Bell
und Lancaster hat er beide grossartig unterstützt. Wie prak-
tisch und erfolgreich er in New-Lanark wirkte, geht daraus
heiTor, dass ein wahrer Sturm des Jubels unter den Arbei-
tern ausbrach, als er nach einer abermaligen Erisis unter den
Pai-tnem 1813 mit neuen Genossen — daninter Bentham und
Allen — die Fabriken erwarb und Hen- von Lanark blieb.
Sein Buhm wuchs immer höher, Fürsten und andere ein«
flussreiche Männer wallfahrteten nach Lanark. Im Jahre
1815 war Robert Owen der verdienteste und berühmteste
FabrikheiT in England, der in einem technisch und mercantil
ungewöhnlich blühenden Etablissement durch seine Humanität
und patriarchalische Herrschaft die prosperirendste Arbeiter-
colonie geschaffen hatte. Schon hatte er auch daiilber hin-
aus zu wirken begonnen , aber auch nur in einer praktisch
anerkennenswerthen Weise, indem er Gründung von Schulen
beförderte und mit dem älteren Peel für gesetzliche Be-
schützung der Fabrikkinder arbeitete. Dieselbe natürliche Lie-
benswürdigkeit und wohlwollend imponirende Haltung, die ihn
zum Abgott seiner Arbeiter machte, verechaffte ihm in den
weitesten Kreisen Anerkennung und Einfluss.
Doch hier bekümmern uns mehr seine Ideen als seine
Thaten. Im Jahre 1812 *), als er noch von den Erfolgen
seiner kleinen Welt in New-Lanark ganz beherrscht war, ver-
fasste er seine ei*sten Schriften, deren Hauptgedanke ist, dass
durch rationelle Erziehung die ganze Menschheit
glücklich gemacht werden könne und müsse.
*) Ein älterer Bericht über Baumwollhandcl , d. h. gegen Zölle auf
Rohbaumwolle von 1803, idt von keiner socialen Bedeutung.
350 Erstes Buch, Cap. 5.
Was er in Lanark praktisch schuf, war nach seiner Mei-
nung nur der ei*ste Schritt, der gethan werden musste — die
Bildung eines neuen vollkommneren Charakters bei den
Kindern, die Umformung des Charaktere der Eltern. — Seine
Idee war, dass daraus ^^reichlicher Wohlstand für Alle und
Basirung der Gesellschaft auf ihre einfachsten Grundlagen'^
folgen solle. ^) Schon damals hatte er übertriebene, einseitige,
utopische Gedanken; dennoch herrschte in seinen Schriften
ein gewisses Maass, sie enthielten — namentlich in damaliger
Zeit — noch wenig allzu Excentrisches oder gar Abstossendes,
Erst allmälig entwickelte sich bei dem durch Erfolg und An-
erkennung berauschten Autodidakten jener Glaube an die
eigene Unfehlbarkeit, der ihn zu praktischen Missei-folgen und
schliesslich zur Lächerlichkeit führte. Anfangs hielt er glück-
lich noch mit den einfachsten Principien, auf welche die Ge-
sellschaft basirt werden soll, zurück.
Im Jahre 1812 präsidirte Owen einem Diner zu Ehren
von Joseph Lancaster in Glasgow. Owen verstand unter Er-
ziehung „alle Belehrung, die wir von Kindheit an bis zur
endgültigen Bildung unseres Charakters empfangen*' und ist
der Meinung, dass diese Erziehung „die Hauptquelle von
allem Guten und Schlimmen, allem Elend und Glück in der
Welt ist, soweit diese von unseru Thaten abhänge".
Für die ganze Gesellschaft sei es vor Allem wichtig, dass die
Arbeiterkinder gut erzogen werden.
Die Rede enthält nicht mehr sanguinischen und einsei-
tigen Eifer für Bildung, als bei einer ersten Anregung unver-
meidlich ist. Es verräth sogar hohe Einsicht, dass Owen
nicht für einseitig intellectuelle, sondern für moralische Bil-
dung war und dass er die herrschenden Classen auf die Zu-
stände der Arbeiter aufmerksam machte, — das Feuer der
Begeisterung war sogar durch einen mässigenden Zusatz, dass
unsere Thaten nicht Alles leisten können, gedämpft.
Im Jahre 1813 und 1816 veröflfentlichte Owen sodann vier
Aufsätze, von denen auch die 1816 veröffentlichten schon 1813
*) Siehe Life of Robert Owen, written by himself Bd. 1. S. 243.
R. Owen. 351
geschrieben waren : „A New View of Society or Essays on
the Principle of the Fonnation of the Human Character and
the Application of the Principle to Practice.** Auch in
diesen Schriften zeigt der Herr von Lanark noch eine gewisse
Bescheidenheit. Das grösste und eigenthümlichste Verdienst
derselben ist, dass der durch eigene Kraft emporgekommene
Fabrikant seinen Landsleuten das Wesen der durch die Gross-
industrie bedingten socialen Frage der Neuzeit klar macht,
welches den zeitgenössischen radicalen Volksführern bekannt-
lich noch ganz unklar war. In der an die Fabrikanten etc.
adressirten Von-ede des 3. Essay's heisst es: „Seit der all-
gemeinen Einfuhrung eines leblosen Mechanismus in die bri-
tische Manufactur wurde der Mensch mit wenigen Ausnahmen
als eine niedere Maschine zweiten Ranges behandelt; und
man hat vielmehr Sorgfalt verwendet, die Rohmaterialien von
Holz und Eisen, als die von Leib und Seele zu veiToUkommnen.
Widmet der Frage nur die gebührende Aufmerksamkeit und
Ihr werdet sehen, dass der Mensch, selbst in seiner Eigen-
schaft als Werkzeug der Pi-oduction von Reichthum, noch
bedeutend vervollkommnet werden kann. Aber es erübrigt
noch eine viel interessantere und dankbarere Betrachtung.
Benutzet die Mittel, die bald Jedermann verständlich sein
werden, und Ihr werdet nicht nur diese lebenden Werkzeuge
vervollkommnen, sondern Ihr werdet lernen, sie solcher Vor-
trefflichkeit theilhaftig zu machen, dass sie die der Gegen-
wart und aller Vergangenheit unendlich übertreffen.'' Owens
unendlich friedliebender Character, der mit Leidenschaft überall
Harmonie der Interessen hei-zustellen trachtete, konnte nicht
dazu gelangen, den Classenkampf zu predigen. Aber er sah
den Gegensatz zwischen Capital und Arbeit und er pre-
digte die höheren socialen Pflichten der Besitzenden gegen-
über den Arbeitenden. Er war überzeugt, dass die Erfüllung
dieser Pflichten im wahren Interesse der Arbeitgeber selbst
liege und er erwartete daher von der durch ihn zu verbrei-
tenden Aufklärung den unbedingten socialen Frieden. Dadurch,
dass er praktisch eine Pflichtenlehre fornmlirte, stand er
in der That über seinen Zeitgenossen unter den radicalen
352 Erstes Bach, Gap. 5.
Politikeiii, gerade so wie er Malthus gegenüber im Bechte
war, wenn er ein gewisses Maass von Wohlstand als uner-
lässliche Vorbedingung von sittlichem Lebenswandel betrachtete
und eine nicht geringe Steigerung der menschlichen Produc-
tivität für möglich hielt.
Sein gutes Herz und seine praktische Erfahrung ver-
schafften ihm manche überlegene, zu seiner Zeit neue Ein-
sicht Seine theoretischen Ansichten über Mensch und Staat
waren dabei freilich ganz von dem durch Bentham repräsen-
tirten Zeitgeist erfüllt, was nicht fUr die Selbständigkeit seiner
wissenschaftlichen Fähigkeiten zeugt, aber die ihm von den Zeit-
genossen gewidmete Anerkennung nicht vermindern konnte.
Der Mensch ist mit einem natürlichen Streben nach Glück
ausgestattet, „die Begierung hat den Zweck, Begierte und
Begierende glücklich zu machen ; die beste Begierung ist die-
jenige, welche in der Praxis das grösste Glück der giössten
Zahl bewirkt, wobei Alle, die regieren und die gehorchen,
mitgerechnet werden müssen." (4. Essay.)
Das ist Bentham unter ausdiilcklicher Abweisung aller
Aufhetzung gegen die Begierung und mit der ausschliesslichen
Tendenz, die Begierung, deren Form und Art Owen gleich-
gültig war, belehrend zu beeinflussen. Der bei weitem grösste
Theil der Bevölkerung gehört zu den arbeitenden Classen oder
ist aus diesen emporgestiegen; und durch sie ist Glück und
Wohlsein aller Stände inclusive der höchsten, sehr wesentlich
beeinflusst (3. Essay) — das heisst die Bentham'sche Glück-
seligkeitslehre wird in bewusster Weise vorzüglich den Ten-
denzen der Arbeiter dienstbar gemacht, — jedoch ohne Auf-
reizung dieser gegen die Beichen. Zu der Benthamitischen
Lehre wird principiell und immer ein starker Glaube an die
natürliche Harmonie aller Interessen gefügt, der keineswegs
ein das Laissez faire motivirendes Sophisma, sondern der
Ausdruck des starken Wunsches nach gemeinnützigem Thun
ist; man kann sagen, Owen besitzt Bentham's Beschränktheit
der Gesichtspuncte und seine Tendenz, den Menschen zu
nützen, ohne sein Misstrauen gegen die Menschen und die
Herrschenden insbesondere.
R. Owen. 353
»Alle complicirten und widersprechenden Motive fbr gutes
Verhalten werden auf ein einziges Princip der Handlungen
(natQrlich durch Owen) zurückgeführt, welches durch seine
einleuchtende Wirksamkeit und Zulftnglichkeit jenes (das alte)
verworrene System unnöthig machen und schliesslich in allen
Theilen der Welt ersetzen wird. Dies Princip ist das Glück
des eigenen Ich's, klar verstanden und gleichf&imig verwirk-
licht, das nur eiTcicht werden kann durch ein Verhalten,
welches das Glück der Gesammtheit befördeiTi muss. Denn
jene Macht, welche das Weltall behen-scht und durchdringt,
hat ersichtlicher Weise den Menschen so gebildet, dass er
progressiv aus einem Zustand der Unwissenheit zu dem einer
Intelligenz übergehen muss, deren Grenzen die Menschen nicht
bestimmen können, und dass er bei diesem Fortschritt ent-
decken muss, dass sein individuelles Glück nur durch Wachsen
und Ausdehnung des Glücks aller ihn Umgebenden wachsen
und zunehmen kann." Es ist daher die Quintessenz
aller Weisheit für die privilegirten Glassen, ehrlich und von
Herzen mit Denjenigen zusammen zu wirken, die nicht ein
Titelchen ihrer jetzt besessenen Vortheile ihnen zu nehmen
gedenken und deren ei*ster und letzter Gedanke ist, das spe-
cielle Glück dieser Classen zugleich mit dem allgemeinen Glück
der Gesellschaft zu befördern (1. Essay).
In Bentham's Schriften bleibt es ein unaufgeklärter Wider-
sprach, wie er im Stande ist, alle Menschen für nothwendig
egoistisch zu erklären, so dass sie nicht aus Pflichtgefühl oder
Instinct das gemeine Wohl befordern und dass er doch
sich für berufen und befähigt hielt, die Regeln zu verkün-
den, welche das allgemeine Wohl begiünden. Bentham er-
kennt diesen Widerspruch nicht, weil er an die berechtigte
AUeinheiTSchaft seiner pei-sönlichen Vernunft unentwegt und
ohne den leisesten Zweifel glaubt.
Ebenso ist Owen der unbedingten Ueberzeugung, dass die
Welt allein durch richtige Erkenntniss gebessert werden
könne, „dass nur in dem Verhältniss, als des Menschen Streben
nach eigenem Glück oder seine Selbstliebe durch wahre Er-
kenntniss geleitet werde, tugendhafte und segensreiche Hand-
Held, Soc. Gesch. Engl. 23
354 Erstes Bach, Gap. 5.
langen überwiegen werden^, und seine Gha r akter erziehang
beruht auf dem Erkennen der Wahrheit. Er ist der üebcr-
zeugung, dass bisher alle Menschen „falsch erzogen und ge-
bildet worden sind und daher alles Elend in der Welt stammt''
— und glaubt doch ganz naiv, dass er allein der bisher in
Irrthum befangenen Welt die volle Wahrheit bringe, obwohl er
doch selbst auch falsch erzogen worden sein muss. Bescheidener
Weise meint Owen (s. die Adresse von 1816, Life Bd. I, S.
850), dies sei kein Verdienst von ihm, aber er freut sich ohne
Bedenken seiner allen anderen Menschen überlegenen Einsicht,
die, gewissermaassen zufällig oder durch Wunder entstanden,
ihm die Pflicht auflege, für seine Mitmenschen zu sorgen —
er sprach auch später selbst von einer ihm gewordenen
Offenbarung.
Dieser auf Selbstüberschätzung beruhende Widersprach
war nicht grösser als der ähnliche Widerspruch bei Bentham
und that seinem Einfluss vor der Hand um so weniger Ein-
trag, als Owen damals noch zur Durchsetzung der von ihm
erkannten Wahrheiten ein allmäliges Vorgehen und Compro-
mittiren mit der verderbten thörichten Welt für räthlich hielt.
Man ist überdies Selbstüberschätzung bei Autodidakten und
Neuerem gewöhnt und erträgt sie, weil einseitiger übeitrie-
bener Glaube an die Wahrheit der eigenen Principien die
praktische Energie wohlthätig fördert. Owen's Ansehen und
Ruhm wurde durch diese Selbstüberschätzung damals noch
nicht beeinträchtigt, so wenig wie durch die unleugbare schlep-
pende Breite und das ermüdend Didaktische seines Stils, der
sich durch einen gänzlichen Mangel packender Bilder, geist-
reicher und abwechselnder Wendungen auszeichnet. Durch-
schlagend war, dass er sich in seinen ersten Essays an alle
denkenden Menschen jedes Stands und jeder Partei in ten-
denzloser friedlicher Menschenliebe wandte und dass die ein-
zelnen praktischen Postulate, die er aufstellte, durchaus mas-
sig und veretändig waren. Er verlangte (Siehe Life S. 312)
eine erfolgreiche Bekämpfung des übermässigen Genusses
starker Spirituosen durch allmälige starke Erhöhung der
Branntwein- und Erniedrigung der Biersteuer; er verlangte
R. Owen. 355
AbschaffÜDg der Lotterie, £i*8etzung der die Armuth beför-
dernden Armengesetze durch rationelle £rziehung der Armen,
die Errichtung eines staatlichen Schulamts (ä. 224), Lehrer-
seminarien und Schulen (S. 324), endlich ein Staatsamt zur
Erhebung einer Ärbeitsstatistik und zur Arbeitsvermittlung —
zu dessen Ergänzung nur der Staat diejenigen, die keine Ar-
beit in Privatgeschäften finden können, durch Wegebau und
dergleichen beschäftigen soll.
Owen verlangte also von der Regierung durchaus nichts
Ungeheuerliches. Seine Hoffnung, dass durch rationelle Er-
ziehung der Menschen der Krieg aufhören würde, dass in den
Erziehungsanstalten aber die Kinder soweit einexercirt wer-
den sollten, dass sie zur Landesvertheidigung fähig werden,
war zu seiner Zeit auch nichts sehr Auffallendes und Owen's
Idee, mit der Heranbildung der Arbeiter Altersversorgungs-
anstalten zu verbinden (S. 303) war sogar eine sehr verstän-
dige und heilsame Anregung. Freilich lag diesen praktisch
massigen Vorschlägen ein übertriebener Gedanke zu Grunde,
den Owen schon in den Essay's ausspricht, der aber hier
noch mehr eine nur theoretische Bedeutung hat. Owen glaubt
die Einrichtung des menschlichen Lebens auf einfache abso-
lute Wahrheiten begründen zu können, die er entdeckt hat
und die zweifellos sind, weil sie in sich selbst consequent und
auf Thatsachen begründet sind und er glaubt, dass durch
Belehrung über diese Thatsachen und Wahrheiten alle
Menschen unbedingt weise, tugendhaft und glücklich werden
müssten. Die Thatsachen, auf deren Erkenntniss alle Wahr-
heit und alles Glück beruhen, sind nun theils Gemeinplätze,
aus denen allein sich nichts folgern lässt, so der Satz, dass
alle Menschen von Natur nach Glück streben — theils aber
unbewiesen und unbeweisbar einseitige Behauptungen (S. 300).
Die beständige Beinifuug auf Thatsachen, der Satz, dass alles
Wissen auf Erfahrung beruhe etc., ist bei Owen offenbar ein
unbewusstes und unverstandenes Anschliessen an die Philo-
sophie von Baco und Locke, mit deren in England weithin
anerkannten Grundsätzen Owen seine fixen Ideen in Einklang
zu bringen suchte.
23*
356 Erstes Bach, Cap. 5.
Die wichtigste dieser Behauptungen, die eigentliche immer
wiederkehrende^ Grundidee Owen's ist die, dass der Mensch
selbst an seinem Charakter gänzlich unschuldig ist, dass er in
seinem ganzen Wesen und in Folge davon in all seinen Hand-
lungen lediglich durch ausser ihm selbst liegende Verhältnisse
bestimmt werde. Der Mensch werde ohne seine Schuld im
Mutterleib mit gewissen Anlagen ausgerüstet und diese dann
durch äussere Eindillcke der Erziehung und Bildung in ge-
wisser Weise entwickelt und Alles hänge davon ab, dass ihm
richtige Begriffe beigebracht werden. Sind die ihm beige-
brachten Kenntnisse wahr und nicht irrthümlich, so wird und
muss er glücklich werden. Der Mensch ist für Owen ein
willenloses bildsames Material, das durch Einwirkung der
von Owen entdeckten Wahrheit zur absoluten Vollkommenheit
gebracht werden kann. „Jeder allgemeine Character vom
besten bis zum schlechtesten, vom unwissendsten bis zum
aufgekläi-testen kann jeder Gesammtheit, ja der ganzen Welt,
durch Anwendung geeigneter Mittel gegeben werden; welche
Mittel in gi*ossem Maass unter der Verfügung und Controle
deijenigen stehen, welche Einfluss auf die Angelegenheiten
der Menschen haben" (S. 266). „Ich zaudere nicht, zu sagen,
dass die Glieder jeder Gemeinschaft allmälig dazu erzogen
werden können, ohne Trägheit, Armuth, Verbrechen und Krieg
zu leben, da all dies nur Folge von Irrthum, noth wendige
Consequenz von Unwissenheit ist (285). „Der Charakter des
Mensehen wird ohne eine einzige Ausnahme für ihn gebildet,
d. h. durch seine Vorgänger erzeugt — der Mensch kann aber
nie und wird nie seinen eigenen Charakter bilden" (S. 292).
„Der Wille des Menschen hat keine Macht über seine Mei-
nungen; er muss immer glauben und hat immer geglaubt,
was ihm von seinen Vorgängern und den ihn umgebenden Ver-
hältnissen als Eindinick zugeführt wurde oder wird."
Owen leugnet den freien Willen vollständig und erklärt
den einzelnen Menschen für moralisch unverantwortlich. Dass
die Leugnung der Willensfreiheit, die schon bei Priestley vor-
kommt, im Grunde zu der materialistischen Glückseligkeits-
lehre passt, wird von ihm nicht besprochen. Jede philoso-
R Owen. 857
phische Untersuchung über das gi*osse Problem von Freiheit
und Nothwendigkeit und die Beantwortung dieser Frage vom
Standpunct materialistischer oder idealistischer Weltanschau-
ung fehlt vollständig. Nirgends auch ist eine Andeutung zu
finden^ ob und wie etwa die calvinistische Prädestinationslehre,
schon vor Owen's Beschäftigung mit den Naturwissenschaften
bei ihm ähnliche Gedanken angeregt hat Owen denkt über
diese Frage absolut nicht nach. Er spricht nur immer wie-
der und wieder das Axiom als seine Entdeckung aus, wobei
ihm die Frage, wie denn ihm trotz Aufwachsens in der irren-
den Welt diese Erkenntniss geworden sei, gar nicht au&tösst
Der Satz ist einfach ein Ausfluss des Selbstvertrauens in seine
zui* Lenkung der Menschen beioifene Pei*son, ein starker Aus-
druck seines heissen Wunsches, alle Menschen glücklich zu
machen und befindet sich in Harmonie mit seinem milden
Charakter, der jeden Fehltritt eines Menschen zu vergeben
geneigt ist.
Der wahre Gedanke, dass an dem moralischen Zustand der
Einzelnen die Gesellschaft eine Mitschuld habe, wird zu dem
falschen verkehrt, dass richtige Bildung Alles vermöge.
Er war vergleichsweise haniilos, so lange ihn Owen nur zur
Motiviining eines zeitgemässen Bildungsfanatismus verwendete
— er erzeugte aber im Laufe der Zeit die natürliche Ten-
denz das ganze Menschenleben in eine alle Freiheit er-
tödtende Schablone einzuzwängen. In diesen ersten Schriften
geht Owen noch nicht soweit, ja selbst im Kampf gegen die
Vertreter anderer Anschauungen bleibt er noch massig.
Die Haupt Vertreter des Irrthums sind ihm die Kirche,
die einen dem Wesen aller wahren Religion unnöthigen und
störenden Dogmaglauben hinzugefügt habe (S. 281). Die
Doctrinen der Secten haben die Liebe der Menschen zu ein-
ander getödet, haben Aberglauben, Bigotterie, Heuchelei, Hass,
Rachsucht und Krieg hervorgeinifen (S. 299). Dennoch soll
die Staatskirche nicht zerstört und abgeschafft, sondern sie soll
nur reformirt, auf den Grundsatz der Liebe basirt und zur
Einrichtung eines segensreichen nationalen Schulwesens ver-
wendet werden (S. 321).
858 Erstes Buch, Cap. 5.
Das waren Owen's Ansichten im Jahre 1813. Geändert
hat er sie in seinem Leben im Grunde nie. Noch in seinen
letzten Ergüssen von 1858 finden wir dieselben Gedanken, ja
dieselben Worte. Er hat sie nur erweitert und radicaler
ausgebildet. Die entscheidende Wendung zur Vertretung
extremer Gonsequenzen s6iner Grundgedanken fand 1817 statt.
In der Zwischenzeit (zwischen 1813 und 1817) beschränkte sich
Owen's öffentliche Wirksamkeit noch auf die Agitation zu
Gunsten der Abschaffung von Baumwollzöllen und der ersten
Anfänge einer die Kinder schützenden Fabrikgesetzgebung.^)
Owen erkennt sehr richtig, dass die Baum Wollindustrie fQr
England unendlich vortheilhaft sei und nicht durch Zölle ge-
drückt werden dürfe — dass aber gerade diese Industrie eine
bisher unbekannte Ausbeutung der Kinderarbeitskraft hervor-
gerufen habe. Daher solle durch Gesetz alle Fabrikarbeit von
Kindern unter zwölf Jahren verboten, die allgemeine Arbeits-
zeit in Fabriken auf zwölf Stunden in maximo inclusive
IVs Stunden Pause festgesetzt, nach einer bestimmten Zeit
kein Kind in Fabriken angenommen werden, wenn es nicht
lesen und schreiben kann und die Elemente der Arithmetik
versteht. Diese Owen'schen Vorschläge vom Januar 1815
enthielten in der That die Giiindzüge der heutigen englischen
Fabrikgesetzgebung, wenn diese den Normalarbeitstag für Er-
wachsene auch nicht formell eingeführt hat. Im Juni 1815
war er an der Ausarbeitung eines Gesetzesvorschlags bethei-
ligt, der nicht durchging, sondern an dessen Stelle sp<äter 1819
ein weniger weitgehendes Gesetz gegeben wurde. Der Vor-
schlag von 1815 verbot nur die Fabrikarbeit der unter zehn-
jährigen, setzte einen Normalarbeitstag nur für die unter 18 jäh-
rigen fest, verlangte Fabrikschulen und Fabrikinspectoren.
Owen erkannte völlig die gewaltige Revolution der socialen
Verhältnisse durch die Grossindustrie, er sprach es aus, Eng-
land sei ein vorwiegend industrielles und mercantiles Land
geworden; er wollte die Schäden, die daraus, sowie aus dem
durch die Concurrenz genährten kurzsichtigen Egoismus her-
') Siehe Life Vol. I. A, die Schriften S. 13, S. 23, S. 37.
R. Owen. 359
vorgehen, durch einschränkende Intervention der Staatsgewalt
corrigiren — er war der ei-ste sociale Refoimator in England,
noch kein utopischer Weltbeglücker und nur von theoretischen,
nicht praktischen Irrthümem erfüllt. Noch 1816, als Owen
eine sehr schwülstige und weitschweifige Adresse (s. Life Bd. I.
S. 337) an die Bewohner von New Lanark bei Eröffnung der
„Institution for the Foimation of Character'' erliess, sprach
er zwar sehr weitgehende Hoffnungen von künftiger allgemeiner
Weltbeglückung aus und schon ist von dem „Millennium'' die
Rede. Allein die Gesetze, die er verlangt, stellen nur eine
massige, heute so ziemlich allgemein anerkannte Staatsinter-
vention, keine Aufhebung der freien individuellen Thätigkeit
auf wirthschafüichem Gebiete dar (S. 348). Er deutet zwar
ganz vorübergehend an, seine jetzt begillndeten Schulen seien
nur eine ei'ste Schule zur Herstellung des Lebens in „Com-
munitäten'S aber er verzichtet noch darauf, diese Communi-
täten auch nur zu schildern und bleibt dabei, die Umgestal-
tung der Welt zu allgemeinem Glück nach seinem Recept
müsse schrittweise, vorsichtig und durch Gompromisse mit den
bish^igen Zuständen angestrebt werden. Sein kritikloses
Selbstvertrauen und seine phantastische Schwärmerei gaben
ihm damals noch die nöthige Begeisterung, Mögliches zu ver-
suchen, sie steigerten noch seine Thatkraft, ohne sie positiv
irre zu leiten.
Im Mära 1817 nun reichte Owen bei dem ^Committee of
the Association for the Relief of the Manufacturing and
Labouring Poor" einen Bericht ein, in welchem er ausführte, dass
man die unbeschäftigten Armen in grossen Etablissements
vereinigen solle, die am besten vom Staate selbst gegründet
und geleitet würden. 500—1500 Menschen sollten da in
„mutual Cooperation" Ackerbau und Industrie treiben, die
Kinder sollten da erzogen werden. Jeder solle nach seinen
Kräften und keiner zu viel arbeiten, die Mahlzeiten sollten
gemeinsam sein etc. etc. Kurz, Owen ersann ein Arbeitshaus
voll angenehmster und zugleich erfolgreichster Arbeit, in
welchem jeder, für die Gesammtheit arbeitend, zugleich für
sich allein gewaltig gewinnen müsse. Ilationelle Direction
360 BnteB Bach, Gap. 5.
der Arbeit moss die grOsste Prodacti?itftt erzeugen; da alles
Nöthige in den Etablissements selbst gemacht wird, so sind
sie gegen jeden Mangel und die Noih der Gonjunctoren ge-
sichert. Die Einsieht von der Richtigkeit und Natzlichkeii
des Systems muss den Sporn, den die Aussicht auf indivH
duellen Gewinn giebt, reichlich ersetzen — — es ist klar,
dass solche Etablissements für die unbeschäftigten Armen nicht
nur die Kosten der Armenpflege und die anderen Nachtheile
des jetzigen Armenwesens aufheben mOssen, sondern dass sieb
wegen des gewaltigen Vortheils, den sie darbieten, ihre Ein-
fblming auch fbr alle anderen Menschen empfiehlt Ganz
allgemein sprach Owen bereits in einem Brief vom 25. Juli
1817 aus, dass in einer „Community of mutual and combined
interests'^ die Arbeit gemässigt aber erfolgreich, leicht zu
reguliren und zu beaidsichtigen sein würde — erfolgreicher
als bei Taglohn, der zur Trägheit reizt oder bei Stäcklohn,
der Überarbeit anregt. Die Frage, wie der Streit über die Ver-
theilung des gemeinschaftlichen Products geschlichtet werden
soll, macht sich Owen leicht durch die feste Hoffnung, dass
solcher Streit in Folge der Zufriedenheit Aller gar nicht ent-
stehen würde.
Dem (gedruckten) Brief vom 25. Juli 1817 folgten nun
rasch im August und September weitere Reden, Adressen und
Briefe Owens über dasselbe Thema. Sie alle sind angere^
durch die eben wieder lebhaft ventilirte Frage der Noth der
unteren Classen und der öffentlichen Aimenpilege. Sie be-
schäftigen sich damit, die nähere Einrichtung der Armen-
colonien auszuführen, weitei*e Argumente für ihren unend-
lichen Nutzen beizubringen — und von ihrer Verallgemeinerung
einen ganz neuen Zustand der menschlichen Gesellschaft zu
prophezeien. Dazwischen kommen die alten Ideen von dem
Glück als Leben^weck des Menschen, von der Unverantwort-
lichkeit des Menschen, der Allmacht der Wahrheit und der
Erziehung etc. Das Wesentliche ist, dass Owen zwar auch
jetzt noch eine langsame allmälige Verwirklichung seiner
Pläne will, diese selbst aber ausführlich entwickelt und als
die einzige und zugleich vollkommene Rettung aus aller Noth
R. Owen. 861
der Menschheit anpreist Es sollen Dörfer gegründet werden,
in denen znnächst die Armen nnd unbeschäftigten Arbeiter
Aufnahme finden. Die Dörfer sollen nicht aus Einzelhäusern,
sondern aus gi*ossen Gebäuden in Mitten von Gärten bestehen ;
da sollen die Erwachsenen in 8 Stunden täglich Uebei-fluss
an Allem, was sie brauchen selbst erzeugen, die Kinder aber
sollen erzogen und gebildet werden, — wobei sie charakte-
ristischer Weise Geschichte nur lernen sollen, um ihr GlQck
mit den Missständen der Vergangenheit zu vergleichen. Ein
gewählter Ausschuss soll ohne Strenge und Strafen die Direc-
tion in der Hand haben. Wenn einmal der Vei-such gemacht
sei, sei es, dass der Staat oder ein Privater den nöthigen
Vorschuss leiste, sei es dass sich Leute mit einigem Ver-
mögen zur Gründung solch eines Etablissements zusammenthun,
so würde der Erfolg die Verallgemeinung des Systems ganz
von selbst herbeiführen.
Owen ist also jetzt extrem socialisüscher Weltverbesserer
geworden; er giündet ein „New State of Society Eni-olment
Office'^ und bezeichnet ausdrücklich das System individualisirtor
Thätigkeit, also den Individualismus als den Gegensatz zu
seinem System der Liebe und gegenseitigen Cooperation.
So sehr wir Owen's Vorschläge als Utopien und Illu-
sionen zurückweisen müssen, so sehr die ewigen Wieder-
holungen in seinen Schriften und Reden anwidern, sein
Selbstvertrauen lächerlich ist — dennoch ist es noch heute
unendlich lehrreich, seine Ideen genau zu verfolgen. Denn
keiner der sogenannten Socialisten zeigt so deutlich wie
Owen, dass Socialismus und Socialdemokratie nicht iden-
tisch sind.
Owen erkennt die Leiden des grossindustriellen Pro-
letariats — aber er predigt keinen Classeuhass, sondern
er will Alle vei*söhnen und Allen Gewinn bringen. Er spricht
nicht von gerechter Güterveilheilung , von dem Recht des
Arbeiters auf den vollen Ertrag seiner Arbeit, sondern er
preist nur die Ueberlegenheit der collectiven Production
über die individualisirte, er will, dass die Menschen aufhören,
sich gegenseitig als Feinde zu betrachten und dass sie sich
362 Erstes Bach, Cap. 5.
gegenseitig helfen. Er yerlangt für alle Zeiten geistige
Freiheit und unbedingte Toleranz. Er will Niemanden zum
Eintritt in seine Organisation zwingen und ist im Gegensatz
zu Anderen der eifrigste Apostel der SelbsthQlfe, d. h. des
fi-eiwilligen Eintritts in eine als gut erkannte, unter dem be-
stehenden Gesetz mögliche socialistische Organisation. Vor
Allem weist er jede Verbindung mit politischer Agitation
principiell zurQck und nimmt Stellung gegen die Radicalen
seiner Zeit. Die Nationalökonomen seiner Zeit, zu denen er
auch Malthus und Bentham rechnet, sind ihm wohlwollende
Männer, die belehi*t werden mQssen, die radicalen Volks-
führer Männer ; die im Jrrthum sind. Ein grösseres Maass
Ton politischer Freiheit hält er bei dem gegenwäi*tigen
Stande der Bildung für geradezu gefährlich, Steuererleichte-
rung für nutzlos. Es sei nur zu helfen durch freiwillige und
friedliche Giiindung von Dorfcommunitäten unter dem Gesetz.
Er steht freilich selbst auf dem Boden des Individualismus^
weil das irdische Glück der einzelnen Menschen sein Lebens-
ziel ist, aber er weist jede daraus folgende Tendenz nach
gewaltsamer Umwälzung zurück, weil seine absolut friedliche
und liebevolle Natur fest daran glaubt, dass bei richtiger
Einsicht der von ihm gewünschte Umschwung zu Aller Be-
friedigung sich vollziehen müsse. Wenn er von den Vorur-
theilen der Stände, Parteien und Nationen spricht, so ist das
mehr eine gefühlvolle Phrase als dass er daran dächte, die
kosmopolitische Herrschaft des Proletariats und gewaltsame
Aufhebung aller Standesunterschiede zu erstreben. Nur in
einem Puncto ist er auch praktisch radical: Schon in den
ersten vier Essays eiferte er gegen den Intoleranz der Con-
fessionen. Jetzt bezeichnet er die „Vorurtheile der Secten''
als die Hauptquelle aller Irrthümer und Uebel und verlangt
geradezu eine Religion ohne Glauben, eine reine Religion der
Liebe.
Dieser Angriff auf die bestehenden Kirchen hat Owen
Feinde gemacht und noch mehr als das otfene Aussprechen
seiner socialen Utopien bewirkt, dass er seit 1817 aufliörte
ein von Allen anerkannter Refoimator zu sein. Freilich sagt
R. Owen. 863
er, er sei nicht irreligiös, er wolle nicht einmal aufhören,
Christ zu sein — aber er will aber nur sein Ghristenthum
ohne Dogmen. Er citii-t Bibelstellen und bedient sich eines
salbungsvollen Predigertons, aber er hat in der That aufge-
hört, an die bestehenden Institutionen anzuknüpfen und mit
den vorhandenen Kräften zu rechnen. Er träumt von einem
Menschen, in dem der Trieb, für sich zu sorgen und für sich
allein zu handeln, ganz erstorben ist und seine Lehre der
Liebe soll die ererbten Giiindlagen sittlicher Zucht bei den
Menschen völlig ersetzen.
Er hatte vorher viele Verbindungen mit hochgestellten
Personen in Staat und Kirche. Auch von jetzt an blieben
viele in Anbetracht seiner absolut uninteressirten Natur, sogar
Geistliche, seine pei*sönlichen Freunde. Aber nachdem der
grosse Schritt 1817 gethan war, sank er doch mehr und mehr
zum Haupt einer Secte von Schwänneni herab, die sich fort-
während in einem wohlthätigen Gegensatz zu den politisch
erregten Parteien befand, aus der aber ei*st langsam und nicht
in voller Uebereinstimmung mit Owen's eigenen Ideen etwas
dauernd Lebensfähiges und Segenbringendes sich entwickelte.
Socialistisehe Schwärmer sind im Laufe der Zeit oft er-
nüchtert und dann gemässigte, praktische Männer geworden.
Andere wurden erbittert und zur Revolution gedrängt.
Owen ging keinen dieser beiden Wege; seine maasslose Illu-
sions&higkeit bewirkte einen unverwüstlichen Glauben an
seine Utopien zugleich mit unverwüstlicher Liebe, Friedlich-
keit und Älilde. Noch als Greis, als er schon die Welt für
ein „Narrenhaus" hielt, bewarb er sich um einem Parla-
mentssitz und glaubte felsenfest an das unbedingte Durch-
dringen seiner Voi-schläge in nächster Zeit.
Owen hatte sich an die Einsichtigen und Wohlwollenden
in allen Ständen, besonders an die Einflussreichen und Hoch-
stehenden gewendet; er hörte auch bis zu seinem Tode nicht
auf, es zu thun und konnte dies bei seiner allgemeinen
Menschenliebe ohne Inconsequenz. Seit 1819 \) begann er
*) Siehe An Adress to the Working Classes, April 1819. Life
Vol. I A S. 225.
364 Erstes Bach, Cap. 5.
aber zugleich sich an die Arbeiter zu wenden und sich unter
den Arbeitern eine Schule zu gründen. Doch war darin bis
zum Jahre 1830 wenig System, da Owen viele und lange
Reisen machte. Er besuchte den Continent und apostrophirte
den Aachener Gongress, weil jetzt „die Periode gekommen
sei, in der die Mittel, ohne Gewalt und Betrug oder Unord-
nung Reicbthum in solchem Uebei-fluss zu schaffen, gegeben
seien, dass die B edürfhisse und Wünsche jedes Menschen mehi:
als befriedigt werden können/' Bei dieser Gelegenheit erfuhr er
von Gentz eine witzige Abfertigung^). Dann reiste er in
Irland und machte in Motherwell den eifolglosen Versuch einer
Community, welche ebenso bald zei*fiel wie eine von seinem
Schüler Abraham Gombe gegründete Colonie in Orbiston. 1825
wanderte er nach Amerika und gründete dort eine neue
Colonie New Harmony. Sie blühte, so lange das System
nicht völlig durchgefühlt war; schliesslich musste er
selbst zugestehen, dass die jetzigen Menschen für den wahren
Communismus nicht reif seien und übergab das gekaufte Land
an zei*splitterte communistische Gesellschaften. Darauf war
er in Mexico, entwari Colonisationspläne und wirkte nebenbei für
Erhaltung des Friedens mit England. Charakteristich für
Owens beschränkte Weltanschauung war, dass er in Amerika
das Loos der Sklaven gegenüber dem der freien Arbeiter
pries, weil die Sklaven zwar keinen selbst gewählten Herni
aber Uebei-fluss an irdischen Gütern hätten, also glücklich
seien. 1830 hatte sich Owen nicht nur von New Harmony,
sondeiTi auch von New Lanark völlig losgelöst, nachdem
Schon lange vorher mancherlei Differenzen mit den Partnern
namentlich dem streng religiösen Allen vorgekommen waren; für
seine Familie hatte er gesorgt und wurde nun ausschliesslich
Arbeiter- Agitator und Arbeiter - Schriftsteller. Er redete
und schrieb in unendlichen Wiederholungen, betheiligte sich
— immer in friedlicher Gesinnung — an den verechiedensten
Agitationen um schliesslich seit 1835 nach neuen Fehl-
schlägen mit der Arbeitsbörse unter beständiger Fortsetzung
M S. Sargant 1. c. S. 140.
R. Owen. S65
seiner schriftstellerischen Thätigkeit in relative Vergessenheit
EU vei*sinken. Beybaud zählt, dass Owen 1826 —1837 tausend
öffentliche Reden gehalten, f&nfhundert Adressen erlassen,
zweitausend Zeitungsartikel geschrieben und di-eihundert
Reisen gemacht hat
Die gescheiterten Vei-suche in Motherwell, Orbiston und
New Harmony sind ein Stück von Owen's Lebensgeschichte,
für die sociale Geschichte Englands haben sie nur die Be-
deutung von Symptomen schwärmerischer Begeisteriing , die
sich aus der beginnenden Erkenntniss der Leiden des Pro-
letariats entwickelten. Wichtiger als diese Versuche sind
eine Beihe philanthropischer Gesellschaften, die 1820 — 30 in
England entstanden und mehr oder weniger ausschliesslich fQr
Owen's Ideen Propaganda machten. Demselben Zwecke dienten
verschiedene Jouraale, deren ältestes der Economist von
1821 war. 1825 und 1826 begann dann die praktische Coo-
perativbewegung , die 1830, als Owen definitiv nach England
zurückkehi-te, schon eine gewisse Stärke hatte.
Diese Bewegung kann hier nicht eingehend geschil-
dert werden; es sei nur das Eine hervorgehoben, dass Owen
unbedingt der Schöpfer dieser Bewegung war. So viele Englän-
der vor Owen und so viele Franzosen gleichzeitig mit ihm die
Idee der cooperativen Production und des Gesammteigen thums
gegenüber Individualismus und Privateigenthum vertreten hat-
ten, so war es doch die von Owen entzündete Begeisterung allein,
welche in England praktische Vereuche anregte. New Lanark,
wo die Partner des Geschäfts den Gewinn theilweise zur Ver-
besserung des Looses der Arbeiter verwendeten, war das grossS
Vorbild und alle älteren Cooperatoi-s in England betrachteten
ihre Schöpfung als einen ersten Schritt zur Verwirklichung
der vollen Cooperation, welche ihnen identisch war mit dem
fiiedlichen Communismus von Owen. Auch behielt diese
Cooperativ - Bewegung stets im Geiste Owen's einen unpoli-
tischen Charakter und blieb den Grundsätzen treu, die Owen
schon 1819 den Arbeitern predigte, ;,dass Arme und Reiche,
Regierte und Regierende im Giiinde nur ein Interesse
866 EnteB Boch, Cap. 5.
haben und dass die Arbeiter alle Mittel zu ihrer Erleichterang
selbst besitzen mit Ausnahme der Kenntnisse, diese Mittel
anzuwenden.''
Als Owen 1830 wieder in England war, nahm er sich der
cooperativen Vereine bald an, namentlich als sie Congi'esse ab-
hielten und eifng Propaganda machten — obwohl er sie zuerst als
wenig mit seinen Idealen übereinstimmend betrachtete. Mit
dieser neuen Agitation, die trotz der allgemeinen Aufregung
wegen der Befoimbill eine wachsende Zahl von Philanthropen
und Arbeitern erfasste , verband aber Owen eine weitere
Idee, die an sich mit dem Gedanken der Cooperation nichts
zu thun hatte.
Eine Frage des öflFentlichen Lebens, welche grosse Auf-
regung in allen Ständen hervorrief, war die Währungsfrage.
Wir haben schon die Ansichten von Ricardo, Cobbett und
Attwood über diese Frage kennen gelernt. Es scheint, dass
Owen durch seine Verbindung mit dem älteren Peel auf diese
Fragen kam. Ferner wurde auch schon erwähnt, dass die
Idee von der Arbeit als dem einzigen Werthmaass im Anfang
der dreissiger Jahi*e in den Köpfen englischer Arbeiter spuckte.
Es lag nahe das Geld, das als eine Quelle von Benachtheili-
gung der Arbeiter erschien, praktisch ersetzen zu wollen durch
ein Werthmaass, das in der That alle Waaren nach der Pro-
ductionsarbeit misst und umsetzt. Es entstand so die Idee
der Arbeitsbörse — das letzte grössere praktische Experiment,
das unter Owen's eigener Leitung gemacht wurde und noch kläg-
licher enden musste als die früheren Versuche der GiUndung com-
munistischer Genossenschaften. Schon in dem Report to the
County of Lanark vom Jahre 1820 entwickelt Owen den Ge-
danken, dass die Arbeit allein der natürliche Werthmesser
sei ^) und auch zum wirklichen Werthmesser gemacht werden
^) Marx gilt bekanntlich als derjenige Schriftsteller, welcher zuerst
die Lehre von der Productionsarbeit als Werthmaass dazu benutzte, um
daraus principiell das Postulat abzuleiten, dass das gesammte National-
einkommen allein unter die Arbeiter und nach Maassgabe der Leistung
jedes Einzelnen vertheilt werden müsse. Meyer und Andere wiesen nach,
dass diese Theorie schon vor Marx in vollendeter Weise von Rodbertos
R. Owen. 3g7
mttsse. Ein irgend notbwendiger Zusammenhang zwischen
dieser Theorie und den eigentlichen Hauptgedanken Owens,
nämlich dem Eifer für Erziehung und Cooperation, ist nicht
zu entdecken. Denn in den cooperativen Communitäten , in
entwickelt worden ist Nachdem ich dies in meiner Schrift „Socialismus,
Socialdemokratie und Sodalpolitik" von 1878 bestritten, wies A. Wagner
auf die unbekannteren älteren Schriften von Rodbertus aus den Vierziger
Jahren im ersten Heft der Zeitschrift ftir die gesammte Staatswissenschaft
1878 hin. — Er widerlegte dadurch nicht meinen Nachweis, dass die Idee
jedenfalls schon in den 80er Jahren in England vorkommt Das im Texte
ftber Owen's Ansichten von 1820 Angeführte ist ein neuer Beweis, wie
lange die von Rodbertus und Marx formulirten Ideen schon vorher be-
kannt waren, wo immer die sociale Frage der Neuzeit ernstlich in Flnss ge-
kommen war. — Interessant erscheint mir besonders die Verwandtschaft von
Owen's Ideen mit dem Rodbertus'schen Normalarbeitswerktag. — Freilich
hat Owen noch nicht die Lehre von der Arbeit als Werthmaass benutzt,
tun unbedingt die Berechtigung alles Einkommens von Besitz zu leugnen,
aber es ist lediglich eine aus seinem menschenfreundlichen, Allen Vortheil
wünschenden Herzen hervorgehende Inconisequenz, dass er dies nicht thut
AUe theoretischen Voraussetzungen dieses Postulats enthält seine Werth-
theorie bereits. Für verschiedene an'dere Schriftsteller, z. B. Thomas
Spence und Gray, geben wir in diesem Buch die Nachweise, dass die Idee
von der Arbeit als alleiniger Quelle und Maass der Werthe mehr oder
minder ausgebildet vorkommt — Kommt doch auch bei Fichte, der gänz-
lich ohne Zusammenhang mit den socialen Kämpfen der Zeit war, schon
1800 im „Geschlossenen Handelsstaat^ der Gedanke vor, dass der Umsatz
nach Arbeitsquanten geregelt werden soll. Diese merkwürdige Schrift
unseres grossen Philosophen ist in jüngerer Zeit mehrfach neu der Be-
trachtung unterworfen worden — man kann darin allerlei Gedanken finden,
die als Vorläufer späterer socialistischer Ideen erscheinen: Das Inter-
essante dabei ist, dass Fichte von der Vertragstheorie ausgeht, schliesslich
aber eine höchst weitgehende Unterdrückung der individuellen Freiheit
verlangt Das treibende Motiv dabei ist aber nicht Sympathie mit den
ärmeren Classen oder Feindschaft gegen die bestehende Ordnung — son-
dern die Sehnsucht nach einem grossen kräftigen Staat, die sich in ein^
vornehmen Gelehrtennatur entwickelt, deren Gleichheitslust auf relativer
Verachtung des materiellen Besitzes beruht So ist Fichte trotz aller
einzebien utopischen Zwangsvorschläge im Grunde kein Vorbote des Com-
munismus oder der Socialdemokratie, sondern ein extrem unpraktischer
Vorläufer jener Richtung, die in dem Dienste der idealen Aufgaben der
Oesammtheit ein wichtiges Gegengewicht gegen materialistischen Individua-
lismus suchen.
S68 Erstes Buch, Cap. 5.
denen Ajles in Liebe und Freundschaft veilheilt wird, biuacfat
man überhaupt kein Werthmaass. Dieses ist nur für den
Verkehr, den die Communitäten unter einander behufs Aus-
tauschs ihres Ueberflusses tmben, nöthig, allein es ist klar,
dass fQr diesen in dem Leben der Communitäten nur secun-
dären Zweck die Ei-findung einer besonderen Werththeorie nicht
nöthig war. Es scheint, dass Owen die Lehre von der Arbeit
als alleinigem Weithmaass annahm und lehrte aus allgemeiner
Arbeiterfieundlichkeit und weil trotz seiner autodidaktischen
Einseitigkeit Berührungen mit anderen (radicalen) Volks-
freunden nicht ausbleiben konnten und wünschensweith waren.
So steht diese Theorie, wenn nicht in nothwendigem, so doch
in natürlicherem Zusammenhang mit der Idee der Cooperation
als die von Owen ebenfalls 1820 proclamiite Idee, dass die
Spatencultur den Pflug verdrängen solle.
Die Theorie von 1820 hat Owen später als er das
Expeiiment der Arbeitsbörse machte, in der „Crisis" wieder
abgedi-uckt. Obwohl es zum praktischen Vei-such erst 1882
kam , so ist es doch interessant , dass diese Ideen, wie alle
Ideen Owens schon 1820 vorhanden war. Owen war damals
gegen die Wiederherstellung der Baarzahlung, allein auch
die Papiergeldvaluta erschien ihm als ungenügend. Geld,
ein künstlicher Werthmesser, sei die Ursache alles Uebels;
man müsse zum inneren Werth aller Dinge zurückkehren.
„Das natürliche Werthmaass sei im Princip die menschliche
Arbeit, oder die combinii-ten in Thätigkeit versetzten, körper-
lichen und geistigen Kräfte der Menschen ; die d u r c h s c h n i 1 1-
liche menschliche Arbeit und ihr in jedem Product enthalte-
nes Quantum könnten und müssten constatirt und danach alle
Werthe immer für eine gegebene Periode tixirt werden.
Dadurch würde erreicht, dass der Unterhalt der Menschen
kein Handelsartikel, d. h. die Arbeit keine Waare mehr wäre.
Dann würden die Arbeiter nicht mehr die Sklaven eines künst-
lichen Lohnsystems sein, das in seinen Wirkungen grausamer
ist als irgend welche Sklaverei.'* Es würde damit auch eine
unbeschränkt wachsende Kaufkraft entstehen und alle Absatz-
stockungen würden aufhören. Alle Waaren sollen also lediglich
i
R. Owen» 369
■
nach den in ihnen enthaltenen Arbeitsmengen umgesetzt
werden. Dass dennoch das Einkommen von Besitz nicht auf-
hören soll, ist eine einfache Inconsequenz , die sich lediglich
aus Owens wohlwollender Confusion erkläi*t und durch die
bombastische Berufung auf ein tiefes nationalökonomisches
Studium nicht verhüllt wird. Folgende Stellen mögen die
Inconsequenz beweisen.
„Das, was neuen Reichthum schaffen kann, ist selbst-
verständlich diesen geschaffenen Reichthum werth. Die mensch-
liche Arbeit kann, wann immer den Menschen allgemeine Ge-
rechtigkeit erwiesen werden soll, jetzt verwendet werden, um
mit Vortheil für alle Stände ein Mehrfaches des Werths zu
produciren, der nöthig ist, das Individuum in beträchtlichem
Wohlstand zu erhalten. Der Arbeiter, der diesen neuge-
schaffenen Werth eraeugt, hat gerechten Anspruch auf einen
billigen Antheil daran und die besten Interessen jeder Gemein-
schaft verlangen, dass der Producent einen billigen, festen
Antheil an all seinem Product habe. Dieser kann ihm nur
dadurch gewährt werden, dass man Einrichtungen tiifft, welche
das natürliche Werthmaass zum praktischen machen. Um
Arbeit zum Werthmaass zu machen, muss man die in allen
verkäuflichen Waaren enthaltene Arbeitsmenge constatiren.
Dies ist schon vollbracht und bezeichnet durch das, was man
im Handel technisch die „Selbstkosten" nennt oder der reine
Werth aller in irgend einer Waare enthaltenen Arbeit und
aller darin enthaltenen oder bei der Production verbrauchten
Rohstoffe, welche auch einen Theil der ganzen Arbeit aus-
machen. — Der grosse Zweck der Gesellschaft ist, Reichthum
zu erwerben und zu gemessen.'' „Der Grundbesitzer
und Capitalist würde von diesem System ebenso viel Vortheil
haben wie der Arbeiter, weil Arbeit die Ginindlage aller
Weithe ist und nur von reichlich bezahlter Arbeit hohe Ge-
winne für Agiicultur- und Manufacturproducte gezahlt werden
können." — Man sieht, Arbeit schafft allein die Werthe und
ist des ganzen Products werth — dass sie doch nur einen
billigen Antheil habensoll, ist einfach eine Inconsequenz.
Die Arbeitsbörse vom Jahre 1832 entsprach den Ideen
H .• 1 d , Soc. «esch. Engl . 24
370 Erstes Buch, Cap. 5.
von 1820, Owen wurde aber zu ihrer Gründung mehr ge-
drängt, als er selbst wünschte. Auch zum Yerauch von
Motherwell mit ungenügenden Mitteln trieben ihn mehr seine
Anhänger als er sie — und jetzt war er im Berufe des
Agitators bereits so sehr aufgegangen, dass umständliche
praktische Giiindungen wenig Reiz mehr für ihn hatten. Die
Arbeitsbörse war einfach ein Depot, in welches Jedermann
seine Producte bringen sollte, um dafür Noten zu empfangen,
welche auf den Werth der abgeschätzten in dem Producte
steckenden Arbeit lauteten. Die Producte sollten in der 6öi*se
direct umgetauscht werden und jeder Producent sollte auch
ohne sofortigen Austausch wenigstens in der Note gleich einen
Werthrepräsentanten erhalten.
Die Idee der Werthmessung nach der Productionsarbeit allein
ist als eine für die gegenwärtigen Zustände geltende Behaup-
tung unbedingt unwahr, da die einzige concreto Erscheinung,
die man meinen kann, nämlich die Preise, sich nachweislich
nicht, auch nicht im Durchschnitt, nach der Hervorbringungs-
arbeit allein richten. Die Idee tritt aber bei Owen offen als
Postulat auf^) und als Postulat allein kann die eiiiste
Wissenschaft sie betrachten, wenn auch nicht nur Ricardo,
sondern namentlich Marx und selbst Rodbertus gelegentlich
das Postulat für die Zukunft als allgemeine Behauptung auf-
treten lassen. Als Postulat ist die Lehre eine Utopie, weil
die Abschätzung der qualitativ verschiedenen Arbeiten stets
willkürlich, die auf ein Product verwendeten Arbeitsmengen
nie ausscheidbar sein werden. Es ist zugleich eine bedenk-
liche Utopie, weil ihr die Anschauung zu Grunde liegt, dass
die gleichmässige Veilheilung der materiellen Genüsse unter
alle Individuen der einzige Zweck des Staats und der Gesell-
schaft sei.
Die gefährliche Utopie wird aber zum einfachen Unsinn,
wenn Jemand die Bestimmung und Vertheilung aller Werthe
^) Aehnlich wie später bei Proudbon am Schluss der Contradictions
economiques.
R. Owen. 371
nach Arbeitsmengen ohne Zwangsgewalt und ohne abgeschlossenes
Verkehrsgebiet durchsetzen will.
In Owen's Börse wurde natürlich an eine genaue Ab-
schätzung der Arbeitsmengen nicht gedacht, sondern man
schloss sich factisch an die Marktpreise an. Was sollte und
konnte nun diese Börse leisten, da doch Niemand zur Annahme
der Arbeitsnoten und der Producte in dem Depot gezwungen
werden konnte. Owen antwortete: die Börse leistet Ab-
schätzung des Wei-ths durch Unparteiische, giebt jedem Produ-
centen ein Aequivalent seines Products und erspart dem Consu-
menten den an den Mittelsmann zu zahlenden Aufschlag.
Letzteres aber leisten decentralisirte Consumvereine oflfen-
bar besser als ein Rlesen-Gonsum- und Magazinverein und
jedenfalls war klar, dass die Gewinne des Mittelmanns durch
die Kosten der Depotunterhaltung aufgewogen werden müssten,
wenn dauernd in die Börse mehr Waaren eingingen als daraus
ausgingen.
Dies trat natürlich ein; Bromley, der Owen das Geld ge-
liehen und die ganze Sache angeregt hatte, verlangte Zinsen;
es gab Streit, die Arbeiter nahmen Owen die Verwaltung ab
und das ganze Experiment endete mit einem namhaften Geld-
verlust, den Owen freudig trug — zugleich hatte die ganze
Cooperativbewegung einen schweren Schlag erlitten und
Owen's Autorität war dauernd geschädigt.
Das Nähere über diesen Vorgang ist in Owen's damaligem
Leiborgan, der „Crisis", welche von April 1832 ab ei*schien,
nachzulesen. Als die Börse fehlschlug, verlor er auch den
beherrschenden Einfluss auf dieses Blatt. Von 1835 — 1841
betheiligte er sich an einem andern Blatt „The New Moral
World". Auch selbständige Bücher von ihm sind noch er-
schienen, so die „Six Lectures" von 1839 und die „Revolution
in the Mind" von 1849, abgesehen von Zeitungsartikeln etc.
Obwohl diese Literatur in eine spätere Zeit fällt, so sei
doch hier noch ein kurzer Blick darauf geworfen, da sie doch
nur Anhang und Nachklang von Owen's älteren Schriften ist.
Wir erkennen daraus, dass Owen sich immer consequent blieb
und können daraus über mancherlei Bewegungen, an denen
24*
372 Erstes Buch, Cap. 5.
Owen sich betheiligte, interessante Notizen entnehmen. Dies
gehört freilich, wie die Cooperativbewegung selbst, eigentlich
nicht hierher, doch mögen einige Bemerkungen hier Platz
finden, damit das Bild des Menschen Owen und seiner Ideen
ein vollständiges sei.
Die Crisis hatte das Motto : „Wenn wir nicht alle Ansichten
vei'söhnen können, so lasst uns doch streben, alle Herzen zu
einigen." Bald wurde Owen's Sohn, Robert Dale Owen,
Mitredacteur; der Titel des Blattes wurde im April 1833 er-
weitert und lautete: „The Crisis and National Cooperative
Trades Union and Equitable Labour Exchange Gazette".
April 1834 fiel der Zusatz „Labour Exchange" wieder weg.
Aus der „Crisis" kann man vor Allem die Geschichte der
Arbeitsböree entnehmen; ausserdem wird von verschiedenen
Vereinen berichtet, die unter Owen's Einfluss entstanden, so
die Institution of the Industrial Classes, eine Missionary society
zur Ausbreitung der Cooperativbewegung, eine Nationale Gesell-
schaft zur Erziehung der Kinder und für Frauenarbeit, ein
Cooperative College, eine National Redemption Society und
schliesslich die Regeneration Society, welche hauptsächlich da-
hin strebte, Achtstundenarbeit einzuführen und Gewerkvereine
zu gründen, welche auch die Heirn umfassen.
Man sieht aus der Crisis, dass die cooperativen Vereine
und Congresse Owen trotz religiöser Differenzen als ihren
Vater verehrten und dass Owen, um seine Anhänger zusammen-
zuhalten, auch seinerseits tolerant gegen strenggläubige Freunde
war. Owen selbst predigt fortwährend seine alten Grundsätze
und fährt vor Allem fort, den politischen Radicalismus der
Arbeiter als nutzlos zu verwerfen, nicht nur das Streben nach
Republik, sondern auch das nach Wahlreform zu bekämpfen,
während er für Abschaffung der Kinderarbeit agitirt und den
Arbeiteni seine Communitäten in Wort und Bild vorführt. Mehr
als zu den politischen Radicalen fühlt er sich zu den Trades
Unions hingezogen, die er für seine Cooperativideen zu ge-
winnen sucht, indem er für unterdrückte Gewerk vereinler
(Dorchester Affaire) Partei nimmt und beständig auf Ver-
bindung mit den Arbeitgebern hindrängt.
R. Owen 373
Die New Moral World zeigt uns die Partei der eng-
lischen Socialisten unter Owen's Führung fest normirt gegen-
über den Radicalen und Chai-tisten und berichtet von neuen
Vereinen, so der Manchester Association for the Promotioü of
social happiness, der Philanthropie Society, Labourere friends
Society etc. Die wichtigste dieser Gesellschaften , der eigent-
liche Hauptverein des englischen Socialismus, war die Asso-
ciation of All Classes of All Nations, die schliesslich in vielen
Zweigvereinen über das ganze Land verbreitet war. Neben
ihr wirkte die Social Missionary and Tract-Society und die
Community Society, welche Vei-suche mit eigentlichen Owen'-
schen Communitäten machen sollte. Letztere wurde nach Be-
schluss eines Congresses von 1839 mit der Association of All
Nations zu einer Univei-sal Community Society of Rational
Religionists verschmolzen. Auch in der New Moral World
sehen wir die Oweniten und Socialisten beständig bestrebt, die
Trades Unions für sich zu gewinnen, namentlich dazu, dass
sie ihre Fonds zur Gründung cooperativer Etablissements ver-
wenden sollen. Irgend welche neue Ideen gegenüber den-
jenigen, die Owen bis 1820 schon ausgesprochen hatte', sind
weder in seinen noch seiner Anhänger Reden und Schriften
zu entdecken, es sei denn dass die Nothwendigkeit einer
Reform des Eherechts und des geschlechtlichen Verkehi*s im
Sinne grösserer Gleichberechtigung der Frauen gelegentlich
erwähnt wird und dass in dem steigenden Bombast der Ver-
treter einer weltbeglückenden Idee kosmopolitische Träu-
mereien etwas mehr hervortreten, so dass z. B. Verschwinden
der Unterschiede der Sprachen etc. verheissen wird. Im Grunde
haben wir nur Wiederholungen der alten Gedanken mit
wachsender Ueberspanntheit vorgetragen und nunmehr als
Evangelium einer reinen Arbeiterpartei benutzt. Owen und
seine Anhänger treten in Verbindung mit Oastier, Stephens
und Fielden und versprechen dem Arbeiterstande Erlösung
von allen Leiden, in die ihn das System des Lohns und der
freien Concurrenz gestürzt haben — aber nur durch Bildung
und cooperative Selbsthülfe. Dass die Radicalen resp. Char-
tisten von dem Gmndsatz gleicher Rechte und Pflichten aus-
374 Erstes Buch, Cap. 5.
gingen, sei richtig; aber das Ziel könne nur langsam und
nicht durch politische Institutionen eiToicht werden. Kurz, die
nächsten Genossen der Socialisten sind die Gewerkvereinler ;
die Chartisten sind irrende Fi*eunde, die durch Belehrung von
ihren politisch-revolutionären Bahnen abgebracht werden sollen
und denen man sich in dieser Absicht nähert — während die
Freihändler und Leaguisten als Vertreter des Princips der
freien ConcuiTenz zurückgewiesen werden.
Die späteren selbständigen Schriften Owen's haben noch
weniger Bedeutung als diese Periodica, in denen wir Owen
mit Anderen im Bunde praktisch agitiren sehen. Sie sind
wegen der unglaublichen Wiederholungen höchst ermüdend«
Der einzige Unterschied gegenüber den älteren ist der, dass
sie ein noch grösseres Maass fiiedlicher Ueberspanntheit ent-
halten und dass gelegentlich der innere nothwendige Zu-
sammenhang von Owen's Hauptideen besondei*s klar und deut-
lich hervortritt.
Die beiden Hauptpostulate des radicalen Individualismus
der Neuzeit sind möglichste individuelle Freiheit und mög-
lichste Gleichstellung der Individuen. Owen, selbst aus dem
Arbeiterstand heiTorgegangen und stets ein wahrer, warmer
Freund der Arbeiter, hält von der Gleichheit der politischen
Rechte, also namentlich von Abschaffung der Monarchie und
Aristokratie und allgemeinem Wahlrecht Nichts. Fir nimmt
die Gleichheitsidee ernst und verlangt, da Glück der Zweck
des Menschen ist, Institutionen, die wirklich Allen gleiches
Glück garantiren. Dem Zwecke der Ausgleichung des Glücks,
d. h. der materiellen Consumtion, opfert er unbedingt die
Freiheit der Individuen — einseitiger, überspannter. Un-
möglicheres wollend als seine vorzugsweise freiheitsdurstigen
Zeitgenossen unter den Radicalen, aber doch zuerst die volle
Wichtigkeit der socialen und wirthschaftlichen Fragen er-
kennend.
Es liegt eine tiefe, Owen wohl selbst wenig bewusste
Consequenz darin, dass der Mann, der für wirthschaftliche
Ausgleichung schwännt und ihr gegenüber die Freiheit der
R Owen. 375
Individuen für sich allein zu wirthschaften, für werthlos hält,
die Freiheit des menschlichen Willens überhaupt leugnet.
Die Lehre, dass der Mensch keinen fi*eien Willen habe,
dass sein Charakter nicht durch ihn, sondern für ihn gebildet
werde, betrachtet den Menschen als vollständig geleitet durch
äussere, gleichsam mechanisch wirkende Einflüsse — als
Materie, die völlig passiv von bestimmten Kräften bewegt
wird. Das Postulat, dass der Mensch seine Freiheit des
Handelns aufgebe und dafür in genossenschaftlichem Leben
gleichen Antheil am materiellen Genuss erwerbe, ignorirt die
inneren idealen Güter des Menschen und sieht im Sinnen-
genuss den Zweck des Lebens allein. Es ist ganz richtig,
dass die Bethätigung der eigenen freien Kräfte im Dienste
selbst gewählter Bestrebungen nicht mehr Lebenszweck sein
kann, wenn es überhaupt keinen freien Willen giebt. Mit
der Lehre von den Verhältnissen und der Unverantwortlichkeit
des Menschen gab Owen in der That seinen materialistischen
Gleichheitspostulaten die allein mögliche Grundlage — darin
coDsequenter als Andere, die die Gleichheit von Besitz und
Genuss vollständiger und mit schärferen Mitteln anstrebten als
Owen und doch den freien Willen des Menschen nicht oflFen
und unbedingt leugneten. Wer den Individualismus in den
menschlichen Einrichtungen absolut vernichten will, muss den
BegiiflF der menschlichen Freiheit als Wahn bezeichnen.
Owen that dies und der Zusammenhang beider Anschauungen
tritt deutlich hervor, wenn er in den Six Lectures (S. 28)
sagt: „die kleinlichen Unterscheidungen von Ländern würden
verschwinden — — es würde nur eine Nation und ein Volk
existiren, zusammengesetzt aus Familien von je 500—2000
Menschen und diese Familien würden in der zweiten Gene-
ration alle eine Sprache reden und nur ein Interesse haben,
nämlich den beständigen Fortschritt und das beständig
wachsende Glück des Ganzen ; gi-osse Städte würden verlassen
werden*' in den Familiensitzen auf dem Lande sei es
schöner und besser als in den jetzigen Städten , deren Ein-
richtungen basiit sind auf „der iri-thümlichen Annahme,
dass der Mensch in seinen Gedanken, Gefühlen und Hand-
376 Erstes Buch, Cap. 5.
luDgen ein freies Agens sei. In dem Maasse, als die wahre
Kenntniss von der Natur des Menschen vorwärts schreitet,
wird das Privateigenthum aufhören geschätzt zu
sein. Es wird von Allen als das erkannt werden, was es
längst ist, als der dämonische Gott des Systems des freien
Willens, dessen eingebildeter Macht täglich Gesundheit und
Seelenfreude und Leben in erschreckend wachsendem Maasse
geopfert werden. Das Privateigenthum verhärtet die Herzen
— - und was es in der Vergangenheit geleistet haben
mag, so ist es jetzt eines der gi'össten Hemmnisse für die
Pi-oduction."
Der Gleichheitsfanatismus als Giiindtendenz kommt in
den Six Lectures selbst deutlicher zum Vorschein als in den
älteren Schriften, in denen oft die Beglückung der Welt Ober-
haupt wichtiger erschien als die gleiche Beglückung der-
jenigen, die jetzt arm und reich sind. Der Umgang mit
anderen Agitatoren — man denke nur an die vielen Be-
rühiiingen mit Cai'penter zum Beispiel, der damals Cooperations-
apostel war — drängte dasjenige an Owen's Anschauungen,
was er mit anderen Arbeiterfreunden gemeinsam hatte, mehr
in den Vordergrund. Kaiser, Könige, Fürsten, Richter und
Magistrate und alle Aristokratien leiden selbst unter ihrer
Unwissenheit, ebenso die Mittelclassen, ,,die Diener der höheren
und Unterdrücker der niederen Stände'' müssen als Personen
bemitleidet und belehrt werden. Ebenso die Fabrikherren,
die auch nicht persönlich an der Unterdrückung der kleinen
Meister und dem Elend der Arbeiter schuld sind — welcher
traurige Zustand der Capitalherrschaft ein nothwendiger vor-
bereitender Schritt zu der grossen im Anzug ])efin(llichen
socialen Revolution ist etc. M. Unter diesen ständischen Unter-
schieden leiden Alle, Besitzende und Arbeiter; letztere wer-
den nicht ruhen, „bis die Standesunterschiede aufgehoben sind
und es verwirklicht ist, dass jedes Individuum ein gleiches
Recht auf die Erde und die Dienste der Anderen hat im
h Das erinnert wieder an Marx's Lehre, dass die weitere Entwick-
lung des Grosscapitals von selbst die freie Concurrenz vernichten müsse.
R. Owen. 377
Austausch einzig gegen Dienste. Es giebt kein anderes
Recht für das menschliche Geschlecht" „Alle Menschen
haben von Natur gleiche Rechte." Diese werden
ihnen gewährt durch die allgemeine Einführung der Com-
munities, deren Nutzen bekannt gemacht werden muss und
die dann entweder von den Regierungen oder zuerat von
Privaten, namentlich Arbeitern, natürlich auf friedlichem Wege,
eingeftthi-t werden müssen.
In der Schrift „The Revolution in the Mind and Practice
of the human race or Coming change fi-om iiTationality to ratio-
nality" von 1849 enthält noch wärmer und leidenschaftlicher
ganz dieselben Gedanken: Herstellung allgemein gleichen
Glücks durch die Communities, aber ohne Revolution, nur
durch die Macht der üeberzeugung. Und kui'z vor seinem
Tode, im März 1858, leitete er seine bis 1820 reichende Auto-
biographie mit Worten ein, die noch einmal den unverwüst-
lichen Glauben des alten liebenswürdigen Sanguinikei*s ver-
riethen :
„Diese Schriften haben den Zweck, eine vollständige Revo-
lution in der Denkweise, dem Geist, den Sitten, den Gewohn-
heiten und dem Verhalten des Menschengeschlechts hervorzu-
bringen — eine rationelle praktische Revolution, die schritt-
weise durchgeführt werden muss in Frieden und mit weiser
Vorsicht und die für Alle in Zukunft höchst segensreich sein
wird; eine Revolution, welche ein System von individuellem,
unwissendem Eigennutz, das basirt ist auf der Gi'undlage von
Lüge und Uebel und das nur erhalten werden kann durch
Gewalt, Furcht, Betrug und Lüge, ersetzen soll durch ein
System, das auf der Grundlage von Wahrheit und Heil
basirt ist, das allein den Geist, das Wissen und die Weisheit
erzeugen wird, wodurch die Gesellschaft beständig nach
socialen Principien geleitet werden kann — lediglich durch
Liebe; — ein System, welches jedes unwissende I selbst-
süchtige Gefühl vernichten, den Menschen mit dem Menschen
vereinigen und das dann mit Gott und der Natur hannoniren
wird, indem es unsere Erde in ein stets sich vervollkommnen-
des irdisches Paradies verwandelt, was sichtlich die Absicht
378 Erstes Bach, Cap. 5.
sieht unseres Schöpfers ist. Diese allgemeine Revolution wird
durch die natürlichsten Mittel bewirkt werden; einfach durch
Basirung der Gesellschaft auf ihre allein wahre Grundlage
in Uebereinstimmung mit allen Thatsachen, und dadurch,
dass man die äussere Umgebung, in die das Menschen-
geschlecht versetzt wird, vervollkommnet und mit dieser
Grundlage und diesen Thatsachen in Harmonie bringt Die
Mittel, dies Ziel zu erreichen, sind reichlich vorhanden und
können durch Einigung der Regierungen leicht ausgeführt
werden."
§ 2. Owen's Schüler.
Robert Owen ist unbedingt der Schöpfer des englischen
Socialismus. Es mag nun, um Owen's Wirksamkeit zu
illustriren, am Platze sein, noch einige mit ihm gleichzeitige
Gesinnungsgenossen zu erwähnen.
Abram Combe war ein begeisterter Anhänger Owen's,
der, wie erwähnt, auch einen praktischen Versuch zur Her-
stellung einer Community machte. Auskunft über diesen
Versuch giebt das vom 10. November 1825 bis 19. Sept. 1827
in 34 Nummern erschienene Journal: „The Register for the
filmst Society of Adherents to divine Revelation at Orbiston.**
Combe hat auch „Metaphysical Sketches of the Old and New
Systems*', Edinburgh 1823, geschrieben. Beide Schriften ent-
halten lediglich Owen entnommene Gedanken; abgesehen von
den über Orbiston mitgetheilten Thatsachen liegt ihr Interesse
lediglich darin, dass sie beweisen, wie sehr Owen im Stande
war, andere Geister vollständig einzunehmen und zu be-
herrschen.
Etwas eigenthümlicher ist William Thompson. Dieser
begeisterte Anhänger von Owen ist seinem Meister an allge-
meiner wissenschaftlicher Bildung und an national ökonomischen
Kenntnissen überlegen. Er ist zugleich den philosophischen
und politischen Anschauungen Bentham's ergeben und stellt
so eine Verbindung von Radicalismus und Socialismus dar,
W. Thompson. 379
welche sieh unter den Arbeitei-n, die Owen's Fahnen folgten
(z. B. auch bei Lovett), vielfach zeigte, in Owen'« Geist aber,
der dem eigentlich Politischen abgeneigt war, nur unbewusst
vorlag.
In seinem Buche „An Inquiry into the principles of the
Distribution of Wealth most conducive to Human Happiness
applied to the newly proposed System of voluntaiy equality
of Wealth'^^ London 1824, geht Thompson unbedingt von dem
Ntttzlichkeitsprincip aus, indem er aber sofort betont, der
Mensch sei ein complicirtes, zugleich geistiges und materielles
Wesen. Er sucht eine Mitte zwischen dem die intellectuellen
und moralischen Kräfte einseitig überschätzenden Godwin und
den materialistischen Nationalökonomen, denen gegenüber er
besondei*s betont, dass für das wahre Glück der Menschen
die Vertheilung der Güter wichtiger sei als die Zunahme ihrer
Gesammtmenge ; der Grund hiervon liege hauptsächlich darin,
dass eine gesunde Vertheilung die Moralität hebe.
Gewaltsame gleiche Vertheilung sei verfehlt ; das Problem
sei Gleichheit und Sicherheit, gerechte Vertheilung und
fortgesetzte Production miteinander zu versöhnen.
Die Begriffe von Glück und Gerechtigkeit sind zwar
nicht eingehend untersucht; doch zeugt die Stellung des
Problems von Geist und Studium. Sie erinnert stark an
Bentham, dem Thompson wörtlich folgt, indem er (Cap. 1)
jene Vertheilung verlangt, welche das grösste Glück der
grössten Zahl eraeugt. Er fügt aber — sich über den rein
individualistischen Standpunct erhebend — hinzu, die „grösste
Zahl" dürfe nicht eine Majorität^ sondern müsse „das Ganze",
die „Gesammtheit" sein. Dies Glück der Gesammtheit werde
nicht durch gezwungene Arbeit oder unbeschränkte individuelle
Concurrenz, sondern durch „mutual Cooperation" begründet.
Darauf entwickelt Thompson noch im ereten Capitel ein
Programm von 15 Sätzen, deren näherer Ausführung dann*
das ganze Buch gewidmet ist. Das Programm beginnt mit
einigen Allgemeinheiten wie: die Arbeit sei die einzige
Schöpferin und das einzige allgemeine Maass der werth-
habenden Güter (wealth); diese müssten so vertheilt werden.
380 Erstes Buch, Cap 5.
dass die grösste Summe von menschlichem Glück entstehe;
alle Menschen (mit Ausnahme von Abnormitäten) seien physisch
ähnlich constituirt und daher bei gleicher Behandlung gleichen
Glückes fähig; das Glück der Majorität ginge dem der
Minorität vor.
Man erkennt in diesen Ausgangspuncten die bei allen
socialistisch gefärbten Schriftstellem irgendwie auftauchende
Lehre von der Arbeit als Werthmaass, eine extreme Gleich-
heitsliebe und einen Rückfall in den Individualismus, indem
doch die Majorität der Individuen wieder an Stelle der Ge-
sammtheit tritt.
Thompson führt in dem Programm (Satz 5—10) weiter
aus, zur Steigerung der Production sei volle Sicherheit der
Producenten, ihr Product unbeschränkt gemessen zu können,
nöthig. Jede gewaltsame Wegnahme schade dem Benach-
theiligten mehr als es Anderen nützen könne und es dürfe
daher keinem Arbeitenden von seinem Product oder seiner
Arbeit das Geringste genommen werden, es sei denn gegen,
ein von ihm selbst als genügend anerkanntes Aequivalent
Daraus werden dann einige rein freihändlerische Consequenzen
gezogen, zugleich aber wird, soweit es die „Sicherheit" zu-
lässt, gi'össtmögliche wirthschaftliche Gleichheit verlangt.
Wie dies miteinander vereinigt werden soll, erhellt noch
nicht aus den Sätzen des Programms selbst, wohl aber aus
den folgenden Erklärungen, denenzufolge sich Thompson's Idee
kurz dahin zusammenfassen lässt, dass jedem Arbeitenden
der volle Ertrag seiner Arbeit durch freiwillige Asso-
ciation gesichert werden soll, wobei dann factisch ziemlich
grosse Gleichheit entstehen wird.
Was nun zunächst diese Idee der annähernden Gleich-
heit betrifft, so giebt es gewiss ein ungesundes Maass von
Ungleichheit. Im Eifer dagegen vergisst aber Thompson
"unbedingt, dass ein grosses Maass von Ungleichheit
eine Culturnothwendigkeit ist. FAii solches wird nothwendig
durch die Arbeitstheilung , welche zugleich dem Aermsten
mehr bietet, als er ohne Arbeitstheilung haben könnte. Es
ist unentbehrlich, um ungewöhnliche Talente zur Entfaltung
W. Thompson. 381
ZU bringen und schliesst sich naturgemäss an an die hen-schende '
Stellung der begünstigten Minorität, welche die Arbeit Aller
leitet, organisirt und dadurch fruchtbar macht. Es ist un-
schädlich, weil es ein unvertilgbarer Trieb jedes Menschen ist,
mehr haben zu wollen als Andere und weil ein Theil der
Menschen diesen Trieb mehr zur Aneiferung als auf Kosten
Anderer befriedigen kann; es ist segensreich, weil nur her-
vorragende Individuen eifolgreich jene Entfaltung von Herrlich-
keit und ästhetischer Pracht leisten können, welche auch von
Anderen mitgenossen wird und als leuchtendes Vorbild mensch-
licher Macht, Grösse und Schönheit Alle hebt.
Der Uebereifer für Gleichheit bei Thompson beruht zu-
meist darauf, dass er constant die Ungleichheit der mensch-
lichen Anlagen ignorirt (s. z. B. S. 21), womit es zusammen-
hängt, dass er mit Owen von richtiger Bildung und Erziehung
der Menschen die höchsten Erwartungen hegt und die mensch-
liche Willensfreiheit leugnet (S. 339—491, 579).
Eine Abschwächung oder Modification der Schwärmerei
für Gleichheit ist die Idee, alle Güter nur nach Gerechtig-
keit zu veilheilen, so dass nur die Arbeitenden je nach ihren
Leistungen Einkommen beziehen. Um dies durchzusetzen,
schlagen die eigentlichen Socialdemokraten völlig consequent
gewaltsame Abschaffung alles individuellen Capitalbesitzes vor.
Es ist nun sehr interessant zu sehen, wie Thompson diese
Idee als Ideal vollständig ausgebildet und die späteren Marx'-
schen Sätze vielfach der Sache nach schon entwickelt hat —
die revolutionäre Consequenz der Abschaffung des Capital-
besitzes aber nicht zieht, weil er zu viel von Benthamitischer
Freiheitsliebe in sich hat und noch tief in dem regierungs-
feindlichen Radicalismus Cobbetts steckt. Er ist ja Cobbett
tiberlegen, indem er die socialen Probleme der Zeit über-
haupt erfasst. Aber er kommt weder dazu, seine extremen
Vordersätze über ökonomische Gleichheit zu modificiren, noch
dazu, die richtigen extremen Consequenzen daraus zu ziehen.
Seite 15 — 16 ist ähnlich wie später bei Marx ausgeführt,
dass das Durchschnittsmaass der Leistung gewöhnlicher Ar-
beit, auf welches anders geartete Arbeit reducirt werden müsse.
382 Erstes Buch, Cap. 5.
zu gegebener Zeit das einzige und genaue Maass aller Werthe
sei. An vielen Stellen (z. B. S. 581) spricht Thompson es
aus, dass das Ideal die vollständige Yemnigung von Arbeiter
und Capitalist in einer Person, die Aufhebung einer besonderen
Capitalistenclasse sei, worauf der Arbeiter dann wirklich sein
ganzes Product gemessen könne.
Er will aber nicht, dass dies gewaltsam eiToicht werde,
weil solche Gewalt die Freiheit und Sicherheit beeinträchtige
und GS nöthig sei, dass Jedeimann die Früchte seiner Arbeit
gegen Entgelt nach freiem Vertrag Anderen zur Verfügung
stellen könne.
Diese Tendenz, die Gleichheit nicht ausschliesslich auf
Kosten der Freiheit zur Geltung bringen zu wollen, ist gewiss
richtig. Auch in den Einzelausführungen zeigt sich Thompson
oft erleuchtet. Gut ist z. B. S. 241 seine Definition von
Capital als „demjenigen Theil der Producte der Arbeit, der,
mag er von dauernder Natur sein oder nicht, zu einem Mittel
des Gewinnmachens werden kann;" gut seine Auseinander-
setzung S. 165, dass der Kampf zwischen Arbeit und Capital
um den höchsten Antheil am Gesammtproduct um so mehr zu
Ungunsten des Arbeitei-s ausschlage, nicht je weniger Capital
da ist, sondern je ungleichmässiger es vertheilt ist.
Aber mit dieser berechtigten Anerkennung der Freiheit
und des Eigenthums verträgt sich nicht der Satz, „dass die
volle ökonomische Gleichheit das grösste Glück der Gesammt-
heit erzeuge" (S. 381), denn solche Gleichheit ist nur bei Un-
freiheit, d. h. Unmenschlichkeit, möglich. Die Verbindung
der Tendenz nach grösstmöglicher Gleichheit mit der nach
individueller Freiheit beruht nun bei Thompson auf dem
Wahn, dass die ökonomische Ungleichheit zumeist aus poli-
tischer Unfreiheit erwachse. Durch diesen Wahn unter-
scheidet sich Thompson zu seinem Nachtheil von Owen, den
er sonst an Scharfsinn vielfach übertrifft.
S. 172 spricht Thompson aus, dass gewaltsame Be-
kämpfung von überhohem Capitalgewinn ein Uebel sei, und
dass die einfache Aufhebung von Zwangseinrichtungen und
W. Thompson. 388
Verbreitung von Bildung genüge, den Tribut der Arbeit an
das Capital auf den niedrigsten mit den Interessen der Repro-
duction verträglichen Stand zu bringen. Ein massiger Capital-
gewinn und massige Ginindrente, hergestellt durch ganz
freien Vertrag, seien zu dulden (S. 163 flf.). Jetzt aber
herrsche erzwungene Ungleichheit in der Lage beider
Parteien und die Löhne würden durch alle erdenklichen Mittel
politischer Gewalt künstlich niedergehalten (S. 241). Der
Gegensatz dazu sei wahres Repräsentativsystem, das
alle Steuern zu einer Sache des freien Vertrags macht
(S. 178 ff., 225) und gleiche Sicherheit verbürgt (S. 267).
„Das Princip der Unsicherheit, Unfreiwilligkeit und Beraubung
ist wesentlich für Monarchie, Aristokratie und jede Mischung
von beiden" und es ist die wahre Ursache der zu niedrigen
Löhne. Es handelt sich vor Allem darum, die Jagdgesetze,
Schutzzölle, Beschränkungen der Gewerbefreiheit und Frei-
zügigkeit, die Gebote der Sonntagsheiligung, die Coalitions-
verbote. Zehnten, die Entails etc. abzuschaffen (S. 363). Hier-
durch schützt die Staatsgewalt ihren Besitz und den der be-
günstigten Minorität (S. 381).
Es ist kaum nöthig, diesen naiven Radicalismus zu wider-
legen durch Hinweis auf die einfache Thatsache, dass gerade
bei grösster Freiheit von Pei-son und Eigenthum die Stärksten,
d. h. die Reichsten, am meisten pi*ofitiren. Es ist auch bei
Thompson selbst kein nothwendiger Causalzusammenhang zu
entdecken zwischen diesem politischen Radicalismus und dem
Satze, dass die unbeschränkte freie Concurrenz nicht das Heil
bringe, sondern dass Owen's System der „mutual Cooperation"
das Problem der Versöhnung von Sicherheit und Gleichheit
völlig löse (S. 367, 334).
Auch hier kommen theilweise schöne Auseinandei*setzungen
über die Schattenseiten der Concurrenz, über Egoismus u. dgl.
vor und anzuerkennen ist, dass Thompson stets mit beson-
derem Eifer betont, der Eintritt in die Owen'schen Compau-
nitäten müsse freiwillig sein.
Das Buch von Thompson enthält, wie man sieht, viele
384 Erstes Bach, Cap. 5.
bedeutende Ansätze richtiger Erkenntniss, leidet aber an
mannigfachen groben Inconsequenzen , sowie an übertriebener
Gleichheitsliebe, verfehlter Einmischung von politischem Radi-
calismus und an utopischen Hoffnungen, die auf Owen's Pläne
gesetzt werden.
In einem späteren Buche: „Practical Directions for the
speedy and economical Establishment of Communities on the
Principles of Mutual Cooperation, united possessions, Equality
of exertions and of the means of Enjoyments", London 1830,
sehen wir Thompson schon weiter und unbedingter im Owen'-
sohen Socialismus vorgeschritten.
Auch hier wird der freiwillige Eintritt in die Gommuni-
täten noch vorausgesetzt, im Uebrigen aber ist die Freiheit
der Gleichheit völlig geopfert. Das Buch giebt Auskunft über
die Versuche in New Harmony und Orbiston, sowie über die
1830 schon auf 300 angewachsenen Cooperativgenossenschaften,
welche William Brien zuerst in Brighton als„Anfangsmodification
der cooperativen Production" in's Leben führte, hauptsächlich
aber wird geschildert, wie eine wirkliche Communität einge-
richtet sein müsse. Danach soll völlige Gleichheit in der
Communität heri'schen. Die Eintretenden bringen in die
Communität entweder gleich viel mit oder ersetzen ein ge-
ringeres mitgebrachtes Vermögen durch Extraanstrengungen
während der ersten Jahre. Alle Mitglieder arbeiten gleich
viel, indem die minder Begabten durch Uebernahme besonders
unangenehmer Arbeiten sich ein Anrecht auf gleiche Be-
lohnung erwerben. Die verschiedenen Arbeiten werden den
Einzelnen durch die allgemeine Stimme (d.h. durch die
gewählte Direction) auferlegt. Das Gesellschaftscapital geholt
allen Erwachsenen gemeinsam und seine Benutzung wird wie-
der durch die „allgemeine Stimme'' geregelt. Jeder erhält dann
vom Product gleich viel im Verhältniss zu seinen physischen
Bedürfnissen.
Wo bleibt da die Sicherheit, das eigene Product geniessen
zu können als unentbehrlicher Antrieb zur Production? Das
Buch hat seine Bedeutung lediglich darin, dass es concreter
R. Owen. 385
und praktischer als Owen selbst schildert, wie eigentlich die
wahren Gommunitäten organisirt sein sollen^). —
Doch wenden wir uns von den Schülern zum Meister
zui'ück.
Owen, der nur von Thatsachen auszugehen behauptete
und die Kirchen bekämpfte, vei*fiel schliesslich in Spiritismus —
Aberglaube und aufklärungssüchtige Halbbildung liegen ja
immer nahe beisammen. Dies machte ihn zum Schlüsse noch
mehr als seine verfehlten Experimente lächerlich. Dennoch
hat es ihm bis zuletzt an Anerkennung nicht gefehlt, nament-
lich sein alter Freund Brougham blieb ihm persönlich treu
ergeben. Man darf nie vergessen, dass er in seinen guten
Jahren eine überaus energische, zum Schaffen und erfolg-
^) Combe und Thompson waren Anhänger und Schüler von Owen.
Es kam aber in dieser gährenden an Problemen und Lösungsversuchen
reichen Zeit auch vereinzelt vor, dass weltverbesserungsdurstige Schrift-
steller selbständig auf Ideen geriethen, die mit denen von Owen verwandt
waren. Hierher gehört der wenig bedeutende Autodidakt John Gray, der
1831 in Edinburgh ein Buch „The Social System** als Ueberarbeitung eines
älteren aber ungedruckt gebliebenen Manuscripts herausgab.
Gray appellirt nicht agitatorisch an Leidenschaften und ist ferne
von neidischer Sucht nach roher Gleichmacherei. Aber er ist durch-
drungen davon, dass das bestehende System des Absatzes und Handels
absolut schlecht sei , dass die Nachfrage aufhören müsse , das Angebot
zu beherrschen und jeder Producent einen sofortigen sicheren Markt
finden müsse.
Owen's Pläne, die Gray erst nach Fassung seiner eigenen Ideen
kennen lernte, erscheinen ihm unpraktisch, obwohl er sich freut, dass noch
Andere als er gründliche Organisationspläne der ganzen Wirthschaft auf-
stellen. Er bleibt bei seinem Vorschlag, demzufolge alle Production und
aller Absatz durch eine einzige, nicht in Gommunitäten zerfallende Orga-
nisation zwangsweise geregelt werden soll. Eine gewählte Handelskam-
mer, die sich der staatlichen Obrigkeit unbedingt unterwirft und um Po-
litik und Religion nicht kümmert, soll mit absoluter Machtvollkommen-
heit alle wirthschaftliche Thätigkeit der Gesellschaft, d. h. jeder Anzahl
von Menschen, die sich zu einer vernünftigen Wirthschaftsweise verbinden,
bestimmen.
Das Buch von Gray ist ein Symptom, dass gewisse aus unserer be-
stehenden Wirthschaftsordnung resultirende Missstände von Einzelnen stark
empfunden wurden und daher extreme Vorschläge erzeugten.
Held, Soc. Gesch. Engl. 25
886 E^tes Bach, Cap. 5.
rdchen Herrschen geeignete Person war; dass er zwar eitel
war, aber mehr auf seine Oedanken als auf seine Person und
dass er seine Person völlig in seinen selbstlosen Lebenszwecken
aufgehen liess ; dass er voll ungebildeter, einseitiger Gedanken
und voll Illusionen war, aber doch die socialen Uebel der
Zeit klar sah und nur Gutes wollte. Er sah Vieles, was
Niemand sonst erkannte, wenn er auch oft nicht erkannte,
was Jedermann sah. Er hat viel Unmögliches versucht, aber
doch mehr Heilsames angeregt. Ein seltsames Original, wuchs
er heraus aus einer Zeit, deren Streben es war, alle Einzelnen
möglichst glQcklich zu machen, frei von der zeitgenössischen
Neigung zu anarchischer Gewaltthat, aber aufs Stärkste be-
haftet mit den Mängeln einer bomirten Weltanschauung, die
damals geläufig war.
England wird ihm ewig zu danken haben, dass der
ökonomische Socialismus den Bund mit der politischen Be-
voIuUon prindpiell ablehnte. So wurde England vor dtti
heftigsten Erschfitterungen bewahrt und es gewann leben»»
fähige Genossenschaften. Dass Owen und Cobbett, dass die
Socialisten und Chartisten nicht zusammengingen, sondern jede
dieser Richtungen einseitig sich in ein Ziel verrannte, diese
gleichsam aus der natürlichen Neigung des Engländers zur
Arbeitstheilung hervorgehende Thatsache hat es bewirkt, dass
der Geist des BenthamitLschen Zeitalters England nicht in
Anarchie gestürzt, nicht alles Bestehende zerstört und keine
Schlachten zwischen Besitz und Arbeit wie in Frankreich er-
zeugt hat.
Zweites Buch.
Entwicklung der Grossindustrie.
25
Vorbemerkung
über Quellen und Literatur.
In der Einleitung wurde geschildert, wie die sociale Ge-
setzgebung der Tudors allmälig verknöcherte und zerfiel. Es
wurde angedeutet, wie namentlich seit der Mitte des 18. Jahr-
hunderts neue Elemente in das Leben des englischen Volkes
eintraten, welche zwar keine Revolution, aber eine, wenn auch
allmälige, so doch sehr gewaltige Umgestaltung aller poli-
tischen Institutionen und socialen Zustände hervorriefen —
welche Umgestaltung in ihrem ganzen Umfang durch das innere
Absterben der alten Institutionen allein keineswegs hervor-
gerufen worden wäre. Diese zwei umgestaltenden Elemente
sind einerseits die im vorigen Abschnitt geschilderten neuen
Ideen, andrerseits die Grossindustrie.
Im 16. Jahrhundei-t trafen bei den europäischen Völkern
auch eine geistige und eine materielle Bewegung zusammen,
welche den Uebergang des Mittelalters zur Neuzeit be-
wirkten — die Reformation und die damaligen Entdeckungen
und Ei-findungen. Beide Bewegungen standen miteinander in
Zusammenhang und trafen keineswegs zufällig zusammen.
Beide waren Aeusserungen eines neuen Geistes selbständiger
Kraft, der alte Bande sprengte; die fi*eieren Regungen des
Geistes begünstigten die Entstehnung und Benutzung geo-
graphischer und technischer Neuerungen, welche der Bethäti-
gung kraftvoller Charaktere neuen Spielraum gewährten.
Beide zusammen verhalfen dem monarchischen Absolutismus
zum definitiven Sieg über den mittelalterlichen Feudalismus.
890 Zweites Buch, Vorbemerkung.
Nun sehen wir in der zweiten Hälfte des 18. Jahr-
hunderts abermals neue Ideen und neue Erfindungen und
abermals bewirken beide eine neue Veränderung in der
herrschenden Staatsform — den allmäligen Umschwung zum
demokratisirenden Gonstitutionalismus. Abermals ist das Zu-
sammentreffen kein zufälliges, denn nur die ungewöhnliche
Energie und der Trieb nach selbständiger Kraftentwicklung
in einer neu nach Freiheit und Gleichheit strebenden Classe
machen es möglich, dass die neuen Ei*findungen durch neue
sociale Einrichtungen ausgenutzt werden. Wenn Frankreich
das Land ist, dessen Schriftsteller und Politiker am meisten
direct auf die ganze Gulturwelt gewirkt haben, so ist dagegen
England das Land, in dem das Zusammenwirken der neuen
geistigen und materiellen Bewegung am stärksten und deut-
lichsten hervortritt. Denn England ist die eigentliche Heimath
der modernen Grossindustrie und darum kann man hier am
besten erkennen, was Wahres und was Falsches an den neuen
Ideen ist, welche Licht- und Schattenseiten die in ihrer Ent-
wicklung noch keineswegs abgeschlossenen moderaen Verhält-
nisse haben. —
Wenn ich es mm untornehme, eine kurze Geschichte der
Entwicklun<i; der englischen Grossindustrie zu schreiben, so versteht
es sich von selbst, dass ich nur die socialen und politischen Ur-
sachen und Wirkungen der Grossindustrie schildern kann und will,
nicht die technischen Fortschritte vom Standpuncte des Technikers
beschreiben werde. Dies bleibe dazu berufenen Federn überlassen.
Die allgemeinsten Thatsachen der Entstellung und Entwick-
lung der Grossindustrie sind sattsam bekannt. Die namentlich von
Arkwright begründete Baumwollengrossindustrie schuf zuerst eine
Oasse grosser Fabrikanten und besitzlose Lohnarbeiter, darunter
Frauen und Kinder, an Stelle ländlicher Arbeiterfamilien. Die
übiigen Zweige der Textilindustrie folgten nach, es ergab sich eine
gewaltige indirecte Wirkung auf alle anderen Gewerbe, namentlich
Metallindustrie und Bergbau. ZuglcMch begünstigte diese Entwick-
lung das Absterben der kleinen Grundbesitzer. Es entstiind das
Grosscapital und das Proletariat , beide abhängig von den Schwan-
kungen des grossen Handels. Der zünftige Meister und Lehrling,
sowie die ländliche Hausindustrie starben aus oder wurden in eine
elende Lage gedruckt, oder mussten sich durch veränderten Betrieb
Literatur. 391
dem Siegeslauf der Grossindustrie anschliessen. Neue Macht und
neue Abhängigkeit, neuer Reichtbum und neues Elend, neue Stände
und neue Bedürfnisse entwickelten sich an Stelle der vergleichs-
weise patriarchalischen Zustände, deren vollkommenstes Bild uns die
Gesetze der Elisabeth darbieten.
So bekannt diese allgemeine Entwicklung ist, so schwierig ist
es, sie im Detail unparteiisch zu schildern, Ursache und Wirkung
im Einzelnen nachzuweisen, den Kampf des Neuen mit dem Alten
in seinen «einzelnen Stadien zu beschreiben. Man kann wohl sagen,
dass die gebildete Welt im Allgemeinen erst nach 1832 auf die
grosse sociale Umänderung und ihre Bedeutung aufmerksam wurde,
wie ja auch auffallender Weise die socialen und politischen Denker
vor 1832 meistens über diese neuen socialen Thatsachen hinweg-
gingen.
Die officiellen Quellen , auf welche ich mich hauptsächlich
sttltze, und namentlich diejenigen Bücher, welche die sociale Um-
wälzung wissenschafUich behandeln, stammen auch zum grossen
Theile aus der Zeit nach 1830 oder 1840. Was diese Quellen
betrifil, so sind sie werthvoU, weil sie uns die Folgen der älteren
Entwicklung schildern, die ja noch nicht abgeschlossen war.
Uebrigens werde ich selbstverständlich, so weit es möglich ist,
die gleichzeitigen Quellen besonders benutzen.
In seinen Parlamentspapieren besitzt England ein unvergleich-
liches Quellenmaterial. Mit Bearbeitungen desselben, die dem neuen
Schriilsteller die Arbeit erleichtern könnten, sieht es aber schlecht
aus, indem solche von dauerndem wissenschattlichem Werth zumeist
nur für einzelnen Zweige der ganzen Frage existiren.
Es mag in dieser Vorbemerkung erlaubt sein, einige weit be-
kannte und viel benützte Bücher kurz zu charakterisiren. Die-
selben haben auch mir zur Anregung und Belehrung gedient; die
folgende Darstellung konnte sich aber keinem derselben anschliessen,
sondern musste auf die Quellen zurückgehen.
Zunächst müssen zwei Werke erwähnt werden, welche sich
zwar nicht ex professo mit gewerblichen und socialen Verhältnissen,
sondern mit dem Handel beschäftigen, welche aber durch den
grossen Fleiss, mit dem Gesetze, Handelsverträge etc., die sich auf
wirthschaftliche Verhältnisse beziehen, zusammengestellt sind, auch
bei social-geschichtlichen Studien eine sehr bequeme Hülfe gewäh-
ren. Diese beiden Bücher, je vier Quartbände enthaltend, nämlich :
Anderson, Deduction of the origin of commerce, containing a history
of the great commercial interests of the Britisch empire (ich be-
nützte eine posthume Ausgabe, London 1801); und Macpherson,
Annais of commerce, London 1805 sind, nebenbei bemerkt, sehr
892 Zweites Buch, Vorbemerirang.
stark ausgezogen und abgeschrieben, ÜBist so wie Eden's oft er-
wähntes Werk. Uebrigens beruht das Werk von Maephenon
für die Zeit von 1492 bis 1760 fiast ganz auf Anderson. Vmk
dem Werke Andersons erschien bereits 1773 bis 1779 eine deotaehe
Uebersetzung in Riga, 7 Bttnde in 8®.
Ein fiut unentbehrliches Buch, wegen des fleissig zusammen-
getragenen statistischen Materials , ist fttr die neuere Zeit Porler't
Progress of the Nation, das idi nach der Ausgabe von 1851
citiren werde. •
Ein überaus fruchtbarer Schriftsteller, weithin bekannter
Epigone der classischen Nationalökonomie und typischer Man-
chestermann ist Mac-Culloch. Nicht wegen seiner theoretisclien
Schriften, auch nicht wegen seiner dankenswerthen Ausgaben
iüterer Schriftsteller, sondern wegen seiner statistischen Arbeiten
erwähnen wir ihn, die als Nachschlagebücher und kurze Zusammen-
stellungen von Thatsachen durchaus brauchbar sind. Hierher
gehört sein Dictionary of commerce und sein Statistical aocoimt
of the Britisch empire, London* 1837. Letzteres Werk enthSlt
unter Anderem auch gedrängte Zusammenstellungen der Hanpt-
etappen der Entwicklung von Industrie und Handel, die, wenn-
gleich nur Aeusserliches darbietend, gelegentlich bequem neben
Anderem benutzt werden können, ohne dass dabei das reine Man-
chestertbum (vergl oben Seite 232 — 233) des Vertisussers stört
Einige ftlr die Geschichte der Grossindustrio wichtige That-
sachen enthält L A. Langford, a Century of Birmingham life
1741 — 1841, Birmingham und London 1S61, ein Buch, das
zunächst nur eine trockene und gewissen! lafte locale Chronik ist.
Ein älteres Werk ähnlicher Art ist Aikin, a description of the
country round Manchester, Jjondon 1795: ein äussert fleissiges
geographisch-statistisches Handbuch mit viel(>n historischen Notizen,
sehr werthvoll nicht nur als Zustandsbeschreibung für das Ende
des vorigen Jahrhunderts, sondern insbesondere auch dadurch, dass
es über die ^Entwicklung der grossen Industrie äusserst brauchbares
Material enthält. p]s ergänzt das oft erwähnte Werk von Eden,
welches mehr von der Lebensweise der Arbeiter und vom Armen-
wesen handelt, indem es mehr die Aenderungen der gewerblichen
Verhältnisse besclireibt, allerdings nicht überall gleichmässig.
Hervorzuheben sind seine Darstellung der Entwicklung des Canal-
Wesens, der Baumwollenindustrie in Manchester und der Wollen-
industrie in Leeds, woraus ich verhältuissmässig viel Bedeutsames
entnehmen konnte.
Von der Wollenindustrie handeln folgende Werke: Jolin
Smith, memoirs of Wool, 2te Auflage, London 1757, eine reich-
haltige, nicht gerade gut geschriebene Materialsammlung , die sich
Literatur. 393
in erster Linie mit der Frage beschäftigt, wann und wie das
Verbot des Exports von Rohwolle entstanden ist und das femer
grosse Ausbeute gewährt in Bezug auf die Geschichte des Protec-
tivsTstems und der Zünfte, sowie in Bezug auf die Interessenkriege
der verschiedenen Zweige der Textilindustrie untereinander.
Ein gutes Nachschlagebuch zur Geschichte der Wollindustrie
ist auch Moreau, Wollhandel und Wollmannfkctur, aus dem Eng-
lischen, Berlin 1829; umfangreicher ist John James, historj of
the worsted manufacture, London 1857.
EndHch sind von mir benutzt worden viele Streitschriften aus
der zweiten Hälfte des 1 8. Jahrhunderts , namentlich aus den
Jahren 1781 und 1782, über die Zollgeset^ebung in Bezug auf
Wolle, welche viel Aufklärung über die damaligen Zustände ver-
breiten. —
Von ausschlaggebendem Einfluss auf die ganze industrielle
Entwicklung Englands ist jedoch nicht die Wollen- sondern
die Baumwollenindustrie, sodass die ihr gewidmeten Werke gelegent-
lich auch eine allgemeine Bedeutung haben. Natürlicherweise ist
die hieher gehörige überaus reichhaltige Literatur vorzugsweise
technischen Inlialts, und streift meist nur nebenbei die fllr uns
wichtigeren Vorgänge.
p]rwähnung verdient z. B. William Felkin, a history of the
machine wrought hosiery and lace manufactures , London 1867,
worin manches Interessante über die Geschichte der Londoner
Framework-knitters-Zunft und über die Unruhen der Ludditen,
sowie über die häufigen Ej-isen und Nothstände dieses Gewerbes
erzählt wird. — Ein neueres , zunächst auch nur technisches aber
durch seinen reichen Inhalt auch sonst brauchbares Buch ist:
Evan Leigh, the science of modern cotton spinnery, 2 Bände,
London 1877.
Die Memoirs of the literary and philosophical society of
Manchester enthalten zumeist Artikel naturwissenschaftlichen Inhalts,
doch fehlt es nicht an socialgCvSchicht liehen Arbt3iten. Dahin
gehören die Aufsätze von John Kennedy in Bände III und V der
zweiten Serie, 1819 und 1831, die Einiges von Interesse über die
Geschichte der Erfindungen in der Spinnerei und Weberei enthalten.
Die oft citirten Schriften von Henry Ashwortli : Cotton, its
cultivation, manufacture and uses, Manchester 1858; und Statistical
illustrations of the past and present of Lancashire, London 1842,
sind klein und unerheblich und enthalten kaum Thatsachen, die
nicht auch anderwärts zu finden wären.
W. Rashleigh , stubbom facts from the factories, by a Man-
chester operative, London 1844, ist eine chartistische Flugsclurift,
welche die Arbeiter vor den Antikornzoll-Leaguisten warnt, aber
394 Zweites Buch, Vorbemerkung.
über die Entstebung nnd das Wesen der Grossindustrie nichti
beibringt.
Philips Bevan, British maDufacturing industri es, London 1877|
enthält nur eine dürftige und kurze Zusammenstellung der ttnsser-
lichsten Thatsachen in Bezug auf Entwicklung und gegenwärtigiea
Zustand der Hauptindustrien. Das was es leisten will, wixd
jedenfalls von dem jüngst erschienenen Buch von Scherzer, Welt-
induslrien, 1880 besser geleistet. Uebrigens enthält auch dies
Buch keine Geschichte der Umwälzungen im Gewerbewesen und
leidet an dem Fehler, viel Statistik ohne Quellenangabe und
Kritik zu bringen.
Wir wenden uns nun zu bedeutenderen Werken über die
Grossindustrie und betrachten dieselben nach der Reihenfolge des
Erscheinens. Brauchbar und lehrreich ist das kleine Bach:
Richard Guest, a compendious history of the cotton-manufkcture,
Manchester 1823. Der Hauptzweck desselben ist, die Verdienate
von Arkwright als technischem Erfinder auf ihr richtigf"« Maass za
reduciren; es enthält aber zugleich eine ungewöhnliche klare und
einfache Schilderung aller Aenderungen der Technik und ihrer
socialen Wirkung, beschreibt sehr gut, wie die einzelnen Erfindun-
gen sich gegenseitig bedingten und erzeugten, wie die Entwick-
lung der Weberei erst auf die der Spinnerei folgte, wie zuerst
Spinnerei und Weberei sich trennten, bis sie zuletzt unter dem
Dach der Fabrik, statt des Cottages, wieder vereinigt wurden.
Guest erkennt S(».hr genau wie die mme Abliängigkeit des Fabrik-
arbeiterstandes entstand. Von ihren schlimmen Seiten spricht er
nicht und am melBten bescliHftigt ihn, wie der drohenden C^oncur-
renz des Auslandes zu entgehen sei.
P^in viel benutztes Buch ist Babbage, on the economy of
macliinery and manufactnres , erste iVuflafce 1832. Es gibt keine
Entwicklungsgeschichte der Industrie und ist nicht auf einer grossen
socialen Auffassung!: auffji;ebaut. Es entiiUlt eine Verbindung tech-
nischer und ökonomischer Erörterungen, wobei die letzteren vor-
herrschen : überall blickt der privatwirthsc haftliche Standpunct
durch. Doch ist es ein durchdachtes Buch und vernüntlige ge-
mässigte Ansichten haben das Ueberge wicht Gut ist die Dar-
stellung, wie vor Allem Billigkeit der Production ein Hauptinteresse
sei ; wie die Uebermacht grosser Anstalten stark auf Arbeitstheilung
beruhe, welche durch wagende Intelligenz organisirender Unter-
nehmer bei vorhandenem grossem Absatz ausgebildet werde, sodass
dadurch technische P]rfindungen erst Wurzel lassen. Das Truck-
system und übermässige Kinderarbeit zu verbieten ist nach Babbage
kein verwerflicher Verstoss gegen das IVincip der Nichteinmischung
Literatur. 395
des Staates. Doch ist er der Meinung, im Grunde seien die
Interessen der Arbeiter und der Arbeitgeber identisch, nur sei es
jptir den einzelnen Arbeiter schwer, dies zu erkennen — daher
seien Productivassociationen , resp. „industrial partnerships^, als
Einrichtungen, die den Arbeiter am Gewinn des Geschäfts bethei-
ligen, empfehlenswerth : ein Vorschlag der tttr die damalige Zeit
ein objectives Nachdenken über die sociale Frage verräth.
Gaskell, the mauufacturing population of England, London
1833, nimmt oft Bezug auf Babbage; das Werk hat aber mehr
zum Zweck, die menschliche Seite der Industrie- Entwicklung klar
zu legen. Es ist eines der ältesten Bücher, die Überhaupt die
sociale Lage der Arbeiter der Grossindustrie darstellen. Das Buch
enthält zumeist allgemeine Schilderungen der damaligen Verhält-
nisse, nebst Betrachtungen darüber. Die Schilderungen sind
anschaulich , die Betrachtungen maassvoll, frei von einseitiger Partei-
nahme für die Arbeiter. Als grösstes Uebel erscheint immer die
sittliche . Verwilderung in den Bezirken der Grossindustrie ; die
Auflösung der Familienbande, sowie das Leben in den grossen
Städten sind es, worauf der Verfasser hauptsächlich das Augenmerk
richtet Die Entstehung der Grossindustrie ist etwas einseitig auf
die Anwendung des Dampfes zurückgeführt; die Geschichte ihrer
Entwicklung ist kurz und ohne Anführung von Einzelheiten erzählt
(aus ihr hat F. Engels manches Gute entnommen) und man hat
den Eindruck, dass der Verfasser unparteilich und von guter
Gesinnung ist.
Als die eigentlichen Lobredner der Grossindustrie erscheinen
Baines und Ure.
E. Baines jr., history of the cotton manufacture in Great
Britain, 1835, ist ein sehr viel benutztes, resp. abgeschriebenes
Buch, welches die wichtigsten Daten in der Entwicklung dieses
Industriezweiges übersichtlich zusammenstellt. Der Verfasser macht
den Eindruck eines durchaus ehrlichen aber mehr oder minder
beschränkten politischen Liberalen und religiösen Dissenters, der
in Bezug auf die allgemeine culturf ordernde Wirkung der Gross-
industrie viel Wahres beibringt, viel Gutes ernstlich will imd viele
Schattenseiten — nicht sieht.
Ure's Philosophy of manufactures (wovon ich die dritte Auf-
lage von 1861 benützte; die Vorrede des Verfassers ist von 1835)
enthält ebenfalls viel brauchbare Zusammenstellungen von That-
sachen. Der Titel „Philosophy** ist im englischen Sinne zu nehmen,
bedeutet also etwa, was wir Theorie nennen. Ure ist vor Allem
Technologe und schildert die fortschreitende Technik in Wort und
Bild. Damit sind dann verschiedene historische Bemerkungen und
Betrachtungen über die socialen Wirkungen der Grossindustrie ver-
396 Zweites Buch, yoii>emerkiiiig.
banden, welch letztere theilweise auf Aussagen von Fabrikuiten
vor den Enqu^tecommissionen basirt sind. In diesen Betxachtongeo wt
eine sehr eigenthttmliche Art von Philosophie enthalten. Ure ist
von der Wirkung vervollkommneter Maschinen, von der Ordnnqg
und Disciplin in den Fabriken und von ihrer gewaltigen Productioii
so berauscht, dass er die arbeitenden Menschen darin nur mehr mit
Entzücken (delight) betrachten kann. Dass die vervollkcmmm^
ten Maschinen eine abgestufte Arbeitstheilung mehr und mehr mi-
nöthig machen, ist ihm einfach ein Triumph des Fortschritts. Die
Arbeit von Frauen und Kindern wird in geradezu widerlicher
Weise gerühmt. Die Leiden der Arbeiter rtlhren, wo sie eintreten,
nur von ihren Strikes her, welche Verschwörungen der Arbeitor
gegen ihre eigenen Interessen sind, „da die Wissenschaft auf den
Buf des Oapitab jede ungerechtfertigte Arbeiterverbindung nieder-
werfen wird (S. 40)". Der Arbeitgeber ist ein unbedingter Segea-
Bpender — nicht nur die Chefs einiger Musterfabriken , von denen
Ure lehrreiche Beispiele bringt, sondern die Arbeitgeber überhaupt,
welche keine Lohnherabsetzung und Kinderausbeutung wollen können.
12 — 14 stündige Fabrikarbeit ist nicht ungesund, die Fabrikarbeiter
sind gestlnder als andere Handarbeiter, „das Factoiysystem ist das
grosse PaUadium der arbeitenden Bevölkerung^.' (8. 329). £2s muas
nur gestrebt werden, dass die Arbeiterjugend in freiwilligen (kirch*
liehen) Sonntagsschulen (nicht in andern Schulen) Cliristentham
und damit Ordnungssinn und Gehorsam lernt. — In aU
diesem steckt einige Wahrheit. Es gab gewiss auch damals humane
Fabrikanten und gilt ventilirte Fabriken; die Rohheit, Trunksacht
etc. der Arbeiter that diesen selbst p*08Acn Schaden. Die Lage
der ländlichen Arbeiter und der Hausindustriellen war vielfach noch
kläglicher als die der Fabrikarbeiter, aber eben weil die Grossin-
dustrie die letzten lieste eines freien Bauernstands vernichtete und
der Hausindustrie durch ihre Coneurrenz das Dasein allmälig un-
möglich machte. Dennoch liegt die Sache nicht etwa so, dass Ure
die eine Seite der Medaille schildert , deren andere uns dann
Engels zeigt; oder so, dass die Wahrheit in der Mitte zwischen
diesen beiden extrem einseitigen Darstellungen läge, sondern Ure
ist nicht nur namenlos sophistisch (z. B. iu dem Beweis, dass die
Fabrikkinder besonders gesund seien) und absolut blind gegen alle
Jjeiden der Arbeiter: er hat sogar überhaupt keine Ahnung von
der grossen Wahrheit, welche doch ein „Philosoph" des Fabrik-
wesens vor Allem ins Auge fassen miisste — nämlich von der
Wahrheit, dass das Umsichgreifen der Fabrikindustrie die Arbeiter
gewaltsam aus altgewohnten Verhältnissen riss, sie zunächst nur be-
nützte, nicht schützte und leitete, sie in neue unsichere und unge-
sunde Verhältnisse zwang, in denen sie bei ilu-em unverschuldeten
Literatur. 397
Mangel an Besitz nnd Bildung moraliscben und physisclien Schaden
leiden mussten.
Noch jede grosse Umwälzung in menschlichen Verhältnissen
hat ihre Opfer gefordert. Diese Opfer leugnen, heisst die Um-
wälzung selbst nicht verstehen. Der Fortschritt der Grossindustrie
hat „Menschenopfer unerhört" gekostet. Wir können heute
sagen, dass *die Cultur des Alterthums die Sclaverei, das Mittelalter
die Leibeigenschaft — die neueste Zeit das Proletariat erzeugt,
resp. gebraucht hat; dass die physischen und moralischen Leiden
des Proletariats die grössten waren, indem es zwar nicht ärmer
ist als Sclaven und Hörige waren; aber ihm als einem grossen
Stande wurde die härteste, d. h. mit wahrem Lebensgenuss uner-
träglichste Arbeit und die unsicherste Existenz auferlegt Wir können
und müssen das zugestehen, indem wir uns zugleich bewusst sind,
dass diese Leiden weniger lange dauern, weil die Proletarier frei
blieben und ihnen die Bildung der Zeit zugänglich blieb, sie also
mit Erfolg nach Verbesserung ihres Looses streben konnten. ' Es
sind grosse Missstände — denen aber abgeholfen werden konnte
und an denen das System der Grossindustrie selbst nicht zu Grunde
zu gehen braucht. Wir können die grossen Leiden eines Ueber-
gangsstadiums erkennen, ohne am Fortschritt der Menschheit zu
verzweifeln. So enthält Ure*s „Philosophie" einiges Wahre, und
ist doch in der Hauptsache unbedingt ^sch.
Ure hat auch eine History of Cotton Manufacture geschrieben,
2 Bde. London 1836. In diesem Buche überwiegen die Ausfüh-
rungen über Naturgeschichte der Baumwolle, über Geschichte und
gegenwärtigen Stand der Technik noch mehr. Die Gesinnungen
sind dieselben wie in der Philosopby. Ure's grosser Heros ist Ark-
wright, der mit Newton und Napoleon verglichen wird. Es fehlt
nicht an Statistik über Productiou, Preise, Löhne etc. in der
Baumwollindustrie, wohl aber vollständig an einer eingehenden und
objektiven Würdigung der grossen socialen Veränderungen, die
durch die Grossindustrie eintraten und an einem genauen Nachweis
der einzelnen Gründe dieser Aenderungen. Wozu auch? Es ist
ja der Zweck der Menschheit und die Aufgabe unserer Zeit, durch
technische Fortschritte die Menge der Producte zu steigern. In
früheren Zeiten „war die Arbeit der Industriellen (artizans) isolirt
und bestand aus einseitigen Anstrengungen in Folge von unmittel-
barer Noth und war jederzeit der Gefahr ausgesetzt durch kriege-
rische Herren ohne Rücksicht auf Wünsche und Interessen der
Gesammtheit unterbrochen oder in eine neue Richtung gedrängt zu
werden. Mittlerweile aber bereitete die Vorsehung eine grosse
Revolution im socialen System vor, welche in den jüngsten Tagen
zur Reife gelangte, indem sie die Menschheit durch eine Reihe
398 Zweites Bach, Vorbemerkung.
ernster Lectionen lehrte, dass Armuth und Elend die unvenneidlichen
Folgen von kriegerischem Ruhm und Stolz sind; und dass natio-
naie Würde und Glück lediglich in der freundlichen ConcurreDs
verschiedener Reiche in der Schöpfung, dem Austausch und der Va>
theilung jener verschiedenen materiellen und intellectuoUen Gegen-
stände gefunden werden kann, welche das Wohlsein unseres Gre-
schlechts befördern/* (1. c. Bd. I, S. 169.)
Ohne jedes Verdienst der Selbständigkeit ist Wade, histoiy of
the middle and working classes, 3. Auflage, London 1835 — ein
Buch, das nur einige brauchbare kurze Uebersichten enthält.
Ganz in demselben Geist wie üre schreibt Cooke Taylor ; nur
bringt er weit weniger Thatsachen und weit mehr Polemik g^en
Fabrikgesetze — entsprechend der etwas späteren Zeit, in der er
schrieb. In dem Buche: Notes of a tour in the manu&cturing dis-
tricts of Lancashire, London 1842, wird das System der Grossin-
dustrie als eine nicht zu ändernde Thatsache betrachtet — was
ganz richtig ist insofern, als kein Vernünftiger daran denken wird,
eine vollzogene Steigerung unserer Productivkraft rückgängig machen
zu wollen. Dass die plötzliche EinfÜlining dieses Systems in Folge
neuer Lebensgewohnheiteu etc. gewisse störende Wirkungen hervor-
gebracht habe, gesteht Talyor zu, ja er übertreibt sogar in Folge
geschichtlicher Unkenntniss die Plötzlichkeit des Umschwungs.
Er weiss hübsch zu schildern das erstaunlich geschäftliche Ansehn
der Stadt Manchester, die traurige Trennung der Arbeiter nnd
Arbeitgeber, die, in getrennten Stadtvierteln wohnend, von ihren
menschlichen Verhältnissen gegenseitig nichts wissen. Besonders
schildert er höchst beweglich das grausame Elend der Arbeiter
während der Geschäftsstockung und die erstaunlich würdige Hal-
tung der Arbeiter in ihrer Noth.
Aber es kommt ihm nicht der Gedanke, dass solches periodisches
Massenelend die natürliche Folge einer auf weiten Absatz speculiren-
den Industrie ist, sondern er ist ganz überzeugt, dass Krisen bei
Freihandel nicht vorkommen würden — als ob in der Zeit der
vorangegangenen Ueberspeculation nicht ebenfalls Kornzölle bestan-
den hätten, und als ob überhaupt Zollverhältnisse das Schwan-
ken des Absatzes verhindern könnten. Er pllidirt für den Frei-
handel während einer Krise, gerade so und mit gerade so viel
Recht, wie heute die deutschen Fabrikanten während der Krise
Schutzzölle verlangen. Freihandel konnte damals die englische In-
dustrie überhaupt befördern und die Gefahr der Korntheuerung ver-
mindern — nicht Absatzschwankungen verhüten.
Demgemftss ist Taylor ein Lobredner der Grossindustrie, die
an sieh die Arbeiter in die denkbar besten Verhältnisse versetze;
nicht die iVrbeiter, sondern die Vagabunden in den grossen Städten
Literatur. 399
seien elend und unmoralisch — wobei vergessen wird, dass die
rapide wachsenden Grossstftdte ihrerseits das Prodact der Grossin-
dostrie sind. Besonders die Ackerbauarbeiter seien schlimmer daran
ab die industriellen — letztere wollten nicht auf das Land zurtLck.
Taylor gesteht zu, dass Fabriken auf dem Lande besser sind als
in den Städten und dass die Arbeitgeber meist zu wenig von den
Arbeitern wissen. Aber sein allgemeines Heilmittel gegen alle
Uebel ist doch nur Abschaffung der Kornzölle und sein Manchester-
thuro zeigt sich überall deutlich, wenn er z. B. triumphirend fol-
gende Aeusserung eines Arbeiters referirt: „Mein Vater fiel bei
Waterloo. Eines Tages war ein kirchliches Dankfest Der Pfarrer
sagte mir : Wollen Sie nicht in die Kirche gehen und Gott danken
ftlr den grossen Sieg des Vaterlands? Ich sagte: Wofür soll ich
danken — vielleicht daftir, dass mein Vater fiel?" Besonders zeigt
sich das Manchesterthum in dem Eifer gegen die Zehnstundenbill,
wobei der Hauptgrund ist, dass der Lohn der Kinder zur Unter-
haltung der Familien unentbehrlich sei. Die Frage, woher es
komme, dass trotz enorm gesteigerter Produktivkraft vermehrte An-
strengung der Arbeiterfamilien zur Gewinnung des Unterhalts nöthig
ist, wird nicht gestellt
Gleiche Gesinnungen finden wir in dem späteren Buche des-
selben Verfassers : Factories und the Factory System, London 1844.
Es ist freilich manches Wahre darin gesagt, so dass die Arbeit der
Fabrikarbeiter selbst nicht das grösste Uebel ist, sondern die Woh-
nungsverbältnisse in den Grossstädten etc. ; dass viele Vertreter der
Zehnstunden bill nur aus Neid und Eifersucht auf die Industrie
handeln, resp. die Arbeiter davon höhere Löhne erhoffen; dass in
der Grossindustrie Fabriken mit guten Verhältnissen vorkommen;
dass short-time bills, die sich nur auf einzelne Arten von Fabriken
beziehen, verfehlt sind. Aber das Lob der nützlichen Wirkungen
der Frauen- und Kinderarbeit ist oft geradezu haarsträubend und
es fehlt jeder Ansatz das Phänomen der Grossindustrie nach seinem
ganzen Umfang , nach seiner Entstehung und nach seinen ge-
sammten Wirkungen zu begreifen. Nirgends eine Idee, dass diese
Erscheinung, Wirkung und Ursache zugleich der Auflösung alter
Ordnungen, zu ihrer allseits gedeihlichen Entwicklung selbst neuer
Ordnungen bedarf.
Viel mehr thatsächliches Material und objective Betrachtung
enthält das Buch von J. D. Tuckett, A History of the Past und
Present State of the Labouring population London 1846. Dies
Buch enthält, wenn auch ungeordnet, die Geschichte vieler Industrie-
zweige von der socialen Seite, ausserdem viel Statistik über Pro-
duction und Consumtion, jedoch nicht immer mit genügender Quel-
lenangabe. Es enthält Viel und Vielerlei, und manches Lehrreiche
400 Zweites Buch, Vorbemerkung.
kanu daraus entnommen werden. Auch ist der Verfasser nicht ge-
blendet von den Erfolgen der Gegenwart und stimmt kein Loblied
anf die erreichte beste der Welten an — sondern entwickelt mis-
sige und durchdachte ReformvorschlSge, unter denen das „allotmeot
System^* eine grosse Rolle spielt
Es fehlt auch nicht an Schriften, welche ohne leidenschaftliche
und gehfissige Parteinahme fUr den Arbeiterstand gegen das herr-
schende Manchesterthum Front machen und von höheren Gresichts-
puncten als dem des privaten Interesses aus den Leiden der Ar-
beiter abzuhelfen trachten. So das annonyme Buch „Claims of labonr",
1. Ausgabe 1844, welches sich auf Dr. Arnold bezieht, und einen
ernsten scliöncn Autruf an llumanität und Pflichtgefllhl erlttsst und
behauptet, die Regierung könne nicht inactiv bleiben. Der ;Ver-
fisusser beruft sich auch auf Thatsachen nach of)iciollen Quellen sei-
ner Zeit — statt einer allgemeinen historischen Entwicklung von
Thatsachen wird ims aber zumeist nur eine wolügemeinte Predigt
geboten.
In diese Zeit fUllt ein Werk von grosser allgemeiner Bedeu-
tung : Thomas Carlylc, Cliartism. Past and Present, wovon mir nur
die spätere Ausgabe von 1870 zu Gebote stand. Es zeichnet sich
aus durch die schneidende Kritik, welche an dem damals herrschen-
den Geiste des Manchesterthums geübt wird, und durch den Ernst,
mit dem der Verfasser seinen Landsleuten die Pflichten gegen die
unteren Classen ins Gedächtniss ruft.
Offenbar von Carlyle vielfach angeregt und auf Gaskell ge-
stützt liess Friedrich Engels im Jahre 1845 sein Werk über die
Lage der arbeitenden (fassen in England erscheinen, das im Jahre
1848 mit neuem Titel, aber unverändertem Text nochmals auf den
Markt gebracht wurde. Es ist das erste Buch, welches deutschen
Lesern über die Gefahren und Leiden eines Fabrikproletariats, wie
es in England existirte, die Augen öfluete und schon deshalb kann
dem Buche ein grosses Verdienst nicht abgesprochen werden. Es
ist freilich ein höchst tendenziöses Buch. Nicht dass es schwarz in
schwarz malt — denn die behaupteten Thatsachen sind theils
officiellen (Quellen entnommen, theils (und zwar vorwieg^end) beruhen
sie auf zuverlässiger eigener Anschauung. Wenn fast nur solche
Thatsachen aufgeführt sind, welche die Zustände absolut trostlos
erscheinen lassen, so muss mau bedenken, dass Engels zu einer
Zeit schrieb, in der zwar mit der Fabrikgesetz^i^ebung schon ein
Anfang gemacht, diese aber noch zu keinerlei wirksamem Abschluss
gelangt war; Vielmehr war es die Zeit, in welcher gerade Arbeit
und Capital sich in leidenschaftliclier Weise kllm[)fend gegenüber-
standen, die Leiden der Arbeiter durch Theuerung noch besonders
gesteigert waren. Bedenkt man, wie häufig Techniker und Kauf-
Literatur. 401
leute in der Bewundening der Erfolge der Grossindustrie, ohne be-
sonders böse Absicht, gegen die Leiden der Arbeiter einfach blind
werden, so ist eine einseitige Darstellung der letzteren, ausgehend
von einem Beobachter, der mit dem Auge des Menschen sieht, noch
keineswegs das Product einer unwissenschaftlichen Tendenz. Was
bei Engels' Ausführungen wirklich und in zu bekämpfender Weise
tendenziös genannt werden muss, das ist, dass er die Jjeiden der
Arbeiter nicht als die traurigen aber aufhebbaren Folgen eines
Uebergangsstadiums, sondern als die nothwendig wirkenden Ursachen
einer von ihm gehofffcen Alles umgestaltenden Revolution betrach-
tete, welche er bekanntlich fälschlich als nahe bevorstehend pro-
phezeite. Den Hass der Arbeiter gegen das Capital will Engels
nicht durch Reformen beschwören, sondern nur zur Revolution be-
nutzen.
Trotz dieser Tendenz kann man aus Engels Buch sehr viel
lernen ; seine Scliildenmg der Fabrikgrossstädte , namentlich von
Manchester, seine zusammenfassende Darstellung der Eigenschaften,
welche das heutige Proletariat charakterisiren, war seinerzeit eine
bedeutende Leistung. Der Hauptsache nach giebt er eine Schilde-
rung der Verhältnisse, wie sie im Anfang der Vierziger Jahre stan-
den. Aus dieser Zeit stammendes Quellenmaterial wird auch von
Engels neben verschiedenen (wenig älteren) Büchern benutzt Was
die lange Entwicklung der Dinge seit Arkwright und Watt be-
trifft, so ist diese relativ kürzer und zumeist im Anschluss au
Porter, Kay, Gaskell etc. bearbeitet. Das Wesentlichste ist hervor-
gehoben — doch kann man nicht sagen, dass eine eingehende Ge-
schichte der Entwicklung gegeben ist, was ja auch gar nicht beab-
sichtigt war.
Ein seiner Zeit höchst verdienstvolles und noch immer brauch-
bares und lehrreiches Buch ist das schon früher erwähnte von Klein-
schrod: Grossbritanniens Gesetzgebung über Gewerbe, Handel etc.
Stuttgart und Tübingen, 1836. Eine gründliche Geschichte der
Gewerbegesetzgebung muss eo ipso eine objective Geschichte der
gewerblichen Zustände werden. Statistisches Material ist übrigens
bei Kleinschrod ebenfalls reichlich benutzt. Der Uebergang zur
herrschenden Grossindustrie ist namentlich S. 160 ff. behandelt.
Kleinschrod schreibt nicht als Arbeiteradvocat, sondern als Verwal-
tungsbeamter, und so herrscht ein Geist wohlthuender Objectivität.
Da das Buch den Versuch einer Darstellung der Gewerbegesetz-
gebung enthält, so bietet es für die Kenntniss der früheren ge-
schichtlichen Entwicklung bis 1832 mehr als Engels — doch fehlt
die Benutzung des Materials an älteren Parlamentspapieren über
die factischen Zustände.
Weniger ergiebig für unsere Fragen ist das fünf bändige Werk
Held, Soc. Gesch. Engl. 26
402 Zweites Buch, Vorbemerkung.
von ▼. GUlich, Geschichtliche Darstellung des Handels, der Gewerbe
und des Ackerbaus, Jena 1830 bis 1845, das im 1. und 3. Bande
von England handelt. Darin sind manche werthvolle ältere eng-
lische Schriften benutzt und brauchbare Uebersichten über die
wirthschafUiche Thätigkeit zu verschiedenen Zeiten gegeben. Doch
von dem inneren Umschwung der Industrie ist wenig die Rede,
wenn auch das Aufkommen der Maschinen erwälmt wird. Das
eigentlich sociale tritt in diesem Buche in den Hintergrund gegenüber
der Frage nach der Ausdehnung von Production und Handel in ver-
schiedenen Zeiten.
Als ein nicht uninteressantes gleichzeitig mit Engels erschiene-
nes deutschem Buch muss noch Venedey's England, 3 Bände, Leipzig
1845 erwähnt werden. Der erste Band, der die (politische) Ge-
schichte Englands bis 1G88 enthält, berührt uns hier weniger. Die
zwei anderen Bände, namentlich der dritte, enthalten durchaus
feuilletonis tische Schildeningen gegenwärtiger englischer Verhältnisse.
Eine Geschichte der socialen Entwicklung darf man nicht erwarten.
Der Mangel gründlicher Studien bewirkt sogar , dass euizelne Schil-
derungen, z. B. die des englischen Socialismus, durch Lückenliaftig-
keit und falsche Generalisirimgen ein nicht richtiges Bild der
Gegenwart geben. Dem deutschen Flüchtling, der England be-
obachtend durchwandert, bleibt der englische „Aristokratismus von
Unten" stets etwas Fremdartiges und Unsympathisches; er erkennt
richtig, dass zwischen den unausrottbaren aristokratischen Instincten
des englischen Volks und den neuen demokratischen Ideen ein
unlösbarer Widerspruch besteht, kann aber nicht begreifen, dass
in diesen Instincten ein bedeutendes Element consorvativer Kraft
liegt, das, richtig geleitet und benutzt, England zu grossem Segen
gereichen muss. Trotz dieser und anderer Schwächen bleibt es
interessant bei Venedey zu sehen, welchen Eindruck auf einen
verhöltnissmiissig un[)arteiischen Beobachter die damaligen Zustände
in Englands grossen Fabrikstiidten maclitcu. Und wenn Venedey
an einer gewissen ])nlitisclien Voreingenommcnlieit leidet, so muss
man zugestehen, dass er in den oigontlicli socialen Fragen, die
ihm über aller Partei standen, sehr klar und richtig sali. Er war
weder C-ommunist oder Socialist im gewöhnlichen Sinn des Worts,
noch blinder Bewimderer der industriellen Fortschritte, sondern
er verlangte, dass die socialen Schäden durch praktische Anwen-
dung der Principien der Nächstenliebe geheilt werden. Ein
Freund der nothweudigen Freiheit und (Gegner des rohen in
der Wirthschatl alleinherrschendeu Egoismus war er in der That
ein interessanter Vorläufer des späteren sogenannten Katheder-
socialismus. Wie richtig er otl zu urtheilen verstand, erkennt man
nicht nur aus seiner Schildenmg des Gegensatzes zwischen den
Literatur. 403
damals kämpfenden drei grossen Ständen, Grundbesitzern, Capitalisten
und Arbeitern, sondern insbesondere z. B. auch aus seiner Ansiclit
über den Chartismus, dem er keinen Erfolg prophezeite, sondern
indem er nur ein weiteres Element der Auflösung erkannte.
Mehr als bei Engels überwiegt die Schilderung persönlicher
Eindrücke die Verarbeitung von Quellenmaterial. Man erfährt
daher selbstverständlich relativ wenig über die Zeit vor 1832.
Doch bleibt das Buch interessant, weil ja in den vierziger Jahren
die Entwicklung seit 1760 gewissennassen zu einem kritischen
Wendepunkt gekommen war.
Verwandt mit dem Venedey'schen Buch sind die Etudes sur
TAngleterre von Leon Faucher, 2. Auflage, Paris 1856. Auch
Faucher kommt als fremdländischer Beobachter nach England und
schildert in feuilletonistischer Weise seine eigenen Eindrücke, die
dann mit der Frucht verschiedener gelehrter Studien verbunden
veröffentlicht werden. Es werden etwas mehr allgemeine Bilder
und etwas weniger zufällige persönliche Erlebnisse gegeben als bei
Venedey und Faucher schreibt weit glänzender. Es kommen wirk-
lich schöne Stellen vor, wenn z. B. Faucher seine eigene Bewunderung
der Leistungen der englischen Grossindustrie mit dem Gefühl des
Engländers vergleicht, der die französischen Cürassiere in der Schlacht
bei Borodino applaudirte, oder Y^eim er die Stellung der Arbeiter
zu den Mittelclassen in England vor der Reformbill mit der der
Bogenschützen zu den Rittern im Mittelalter vergleicht. Das
Buch muss hier erwähnt werden, weil die Schilderung der Lage
der Arbeiter und Armen in den grossen Städten und der Wirkun-
gen der Grossindustrie entschieden darin die Hauptsache sind, die
Beschreibung einzelner Fabrikstädte, ihrer gemeinsamen und be-
sonderen Eigenthümlichkeiten in der That überaus lebendig und
gut ist. Vielfach malt dabei Faucher nicht minder schwarz als
Engels ; er geht dabei selbstverständlich nicht auf Revolution alis ;
in seinen Andeutungen über die Mittel zur Hebung der Missstände
bleibt er aber schwach. Ein gewisses Behagen bei der Schilderung
englischer MissverhUltnisse ist nicht zu verkennen, wobei als
leitendes Motiv ausser einer anerkennenswerthen allgemeinen Huma-
nität unleugbar ein tüchtiges Quantum französischer Nationaleitel-
keit wirkt. Der wahre Führer der Menschheit auf dem Wege fort-
schreitender Oivilisation ist f\lr Faucher nicht das aristokratische
rauh energische England, sondern das demokratische Frankreich.
— Einzelne Kapitel bei Faucher sind von besonderem Werth,
so die Beschreibung von Manchester und Liverpool, die Abhand-
lung über Statistik der Verbrechen etc. —
In den vierziger und f\hifziger Jahren unseres Jahrhunderts hat
man sich in Frankreich viel mit der socialen Frage beschäftigt und
26*
404 Zweites Buch, Vorbemerkung.
zwar nicht nur in einseitig manchesterlichem oder extrem socia-
listischem Sinne. Es machte sich namentlich in der Literatur eine
starke Tendenz nach objectiver detaillirter Erforschung der That-
Sachen und nach walirhaR; humaner Keform geltend. Zenge
hiervon ist unter Anderen das Buch: Les ouvriers europ^ens von
Le Play, welches detaillirte Schilderungen der gesaromten Lebeifb-
bedingungen verschiedener l^pen von Arbeitern aus allen Län-
dern enthält. Darunter kommen auch englische Arbeiter vor.
Indessen ist der Werth des Buchs ganz vorherrschend ein metho-
dologischer und gescliichtliche Schilderungen der Entwicklung der
Grossindustrie fUr England von Bedeutung kommen darin nicht
vor. Noch reichhaltiger und werthvoller ist Villerme's bekanntes
Buch: Tableau de T^tat physique et moral des ouvriers etc., 1840;
die eigenen Beobachtungen des Verl'assers beziehen sich aber der
Hauptsache nach nur auf französische Verhültuisse.
Von allgemeinen Geschichtswerken, worin sociale Verhältnisse
eingehend berührt werden, ist zu erwähnen: Washington Wilts,
the half Century, London 1S53; und die bekannte Schrift der
Miss Martineau, history of p]nglaud during tho thirty years' peaee,
1816 — 1846, 2 Bände, London 1849 und 1S50, wovon auch ein
deutscher Auszug erschienen ist. Die Verlasserin ist wohlmeinend,
aber manchesterlich beschränkt.
Die kurze Schrift von Ludlow und Jones, progress of the
working class 1832 — 1867, London 1867, ist bedeutend durch
ihre Wirkung. Sie behandelt eigentlich nur die Zeit nach 1832,
ist aber für unsem Zweck in sofern doch wichtig, weil die Zustünde
des Ausgangsjahres IS 32 gut geschildert sind, melir mit Worten
als mit Zahlen.
Marx in seinem Buche „das Capital" (erste Auflage 1867)
venveist betreffs der älteren Zeiten auf Engels. Das Buch ist
bekanntlich kein historisches, sondern ein dogmatisches; es dominirt
die Entwicklung der B(;griffe und ihrer Gegensätze, d. h. dass und
wie das Capital die Arbeit unterjoclit und ausbeutet und dadurch
schliesslich sich selbst vcmiclitet. i)iesen dialektischen Unter-
suchungen, die hier zu kritisiren nicht der ( )rt ist, ist dann nament-
lich in den Noten eine gewaltige Gelehrsaiiikeit angefügt. Be-
sonders werthvoU dabei ist die Kemitniss der älteren , namentlich
vor A. Smith'schen nationalökonomischen Literatur, aus der be-
deutsame Folgenmgen über die gleichzeitigen socialen Zustünde
gezogen werden. Ferner ist die Benutzung einer Keihe minder
bekannter Schriften aus der Mitte des IS ton Jahrhunderts über
damalige Arbeiten- erhältnisse , sowie die Benutzung des (^uellon-
matorials an Parlamentspapieren seit 1845 und namentlich seit
1S4S hervorzuheben, welche wohl bis jetzt in keinem anderen
Literatur. 405
Werke so umfietssend verarbeitet sind. Eine zusammenhängende
historische Schilderung wird von der Fabrikgesetzgebung seit 1S33
gegeben. Was sonst die gesammte Entwicklung bis 1848 betrifft,
so enthält das Werk sehr viel werthvolle einzelne Notizen und
gelegentliche Ausführungen, es liegt aber nicht im Plane des
Werks, dass diese Geschichte ex professo gegeben wird. Dass die
Tendenz bei Marx nach stärker und beherrschender hervortritt als
bei Engels braucht kaum erwähnt zu werden. Dies hindert aber
nicht, dass eine kritische Behandlung der Marx^schen Dialectik
von hohem theoretischen Werthe ist — und dass das Studium
seiner Verarbeitung von gelehrtem Material fllr Jedermann höchst
lehrreich bleibt.
Brentano* s bekanntes Buch, die Arbeitergilden der Gegen-
wart, 2 Bände, 1871 — 1872, enthält einen bedeutungsvollen Bei-
trag zur Beantwortung unserer Frage. Brentano bearbeitet zwar
nur die Gewerkvereine und deren geschichtliche Entwicklung.
Zu diesem Behufe aber schildert er Bd. I. S. 57 — 123 in wissen-
schaftlich gründlicher Weise imd unter Benutzung eines reichen
Quellenmaterials die alten Zünfte in ihrer Blüthe und Entartung,
sowie die Gesetzgebung der Elisabeth. Er zeigt, wie schon vor
den neuen Erfindungen in der Baumwollenindustrie die alte Ord-
nung des zünftigen Kleingewerbes m einzelnen Productionszweigen
namentlich im Tuchmacher- und Baugewerbe aufgelöst wifrde und
sich da schon im Mittelalter ein Gegensatz zwischen Arbeit-
gebern und Arbeitern entwickelte; dass dann später die Gewerbe
sich immer mehr an Orte zogen, wo sie von der zünftigen Auf-
sicht und den Gesetzen der Elisabeth frei waren imd dass diese
schon vor der neuen Grossindustrie abstarben. Die Eutstehung und
Entwicklung der lezteren behandelt Brentano nicht eingehend, ins-
besondere spricht er nicht von der Baumwollindustrie und dem
Bergbau. Aber er zeigt doch, wie seit der Grossindustrie die alte
Ordnung dreier Hauptarten von Gewerben, die verschiedener
Gesetzgebung unterlagen, zerfiel, bis dieser Verfall durch die formale
Abschaffung des Lehrlingsgesetzes besi^elt wurde. Es versteht
sich von selbst, dass der Schwerpunct der Darstellung stets in der
Betrachtung selbständiger Arbeitercoalitionen liegt; insofern diese
aber ein bedeutsames Symptom der Auflösung alter Ordnungen
sind, müssen Brentano's historische Untersuchungen, die ich im
Einzelnen ergänzen werde, hier erwähnt werden. —
Ich wiederhole am Schluss dieser Vorbemerkung, dass dieselbe
in keiner Weise auf systematische Vollständigkeit Anspruch erhebt.
Eine diesen Anspruch ertüUende Literaturgeschichte zu geben
406 Zweites Buch, Vorbemerkong.
würde nnmöglicb sein, da das Material za sehr in der tech-
nischen Literatur und der Localgeschichte , der Tagespresse etc.
zerstreut ist. Sie zu versuchen, wUrde ausserhalb unseres Zwecks
liegen, da die in diesem Abschnitt zu gebende Geschichte doch
in erster Linie auf officiellem Quellenmaterial aufgebaut werden muss.
Auch ist zu bemerken, dass die Schriftsteller in der Zeit
der grossen gewerblichen Umwälzung selbst das Wesen der unter
ihren Augen vorgehenden Thatsachen nicht erkannt, ja selten
geahnt haben. Man stritt sich über momentane Interessen, man
sah später nur die Fortschritte der Technik. Nicht die Zeit-
genossen, sondern erst die folgenden Generationen haben erkannt,
dass eine neue sociale Macht, die des Capitals, zur Herrschaft ge-
langte, während die Gesetzgebung der Elisabeth zerfiel. In der
Literatur, welche in der von uns zu beschreibenden Zeit selbst
entstand, sucht man völlig vergebens nach directer und genügender
Aufklärung über . die socialen Gründe und Bedeutung der Vor-
gänge im gewerblichen Leben. —
Erstes Capitel.
Verfall der alten Handwerksordnung.
§ 1. Die alten Ordnungen.
Langsam und nur durch mühevolle Kämpfe entwickeln
sich die herrschenden Ordnungen, unter denen die Menschen
leben und arbeiten. Nach langem Ringen, häutigen Rück-
schlägen, falschen Vei-suchen und übertriebenem Vorwärtsstreben
gelingt es schliesslich, eine Ordnung zu consolidiren , welche
nach den Erfahiiingen der Vergangenheit den Bedürfnissen
der Gegenwart entspricht und unter deren Schutz die indi-
viduellen Kräfte sich in der bestmöglichen Weise zum Wohle
der Gesammtheit entwickeln können. Aber kaum ist man zu
solch befriedigendem Abschluss gelangt, so machen sich schon
neue Bedürfnisse geltend, die nicht vorgesehen waren. Es be-
ginnt ein Drang , die bestehende Ordnung zu modificiren und
allmälig umzugestalten. Und diesem Drang gegenüber ent-
wickelt sich anderseits ein einseitiges Streben, die alte Ord-
nung aufrecht zu erhalten. Was im allgemeinen Interesse ein-
geführt war, daran klammern sich schliesslich individuelle,
egoistische Interessen eigensinnig fest. Schliesslich sind es
nur vermeintliche Interessen, welche die alte Form unver-
ändeil erhalten wollen, ohne den Geist zu verstehen, in dem
sie einst eingeführt ward. Und zu allerletzt bleibt oft nur
eine ganz leblose Form übrig, neben der sich ein neues
frisches Leben in ganz anderen Formen geltend macht, bis
eines Tags die alte Foim auch in ihrer äusseren Erscheinung
völlig zusammenbricht.
408 Zweites Buch, Cap. 1. **
Religiöse und rein politische Ordnungen zeigen eine
relativ grössere Lebensfähigkeit bei gesunden Völkern ; auch sie
sind zwar dem ewigen Gesetz wechselvoller Entwicklung unter-
worfen; aber die Grundzüge einmal errungener Ordnung sind
langer, segensreicher Lebensdauer fähig. So auch ist es mit
dem reinen Privatvermögensrecht. Anders jedoch ist es bei
unseren Völkern mit demjenigen Theil des öffentiichen Rechts,
welcher die Ordnung der Erwerbsthätigkeit des Volkes r^elL
Langsam wohl entwickelt sich der Werdepi*oce8s. Aber der
Anfang des Vergehens folgt i*asch auf den Höhepunkt ge-
staltender Entwicklung. Vorzüglich hat dies Werden und Ver-
gehen Schmoller an der Geschichte der deutschen ZQnfte
nachgewiesen ^). Aehnlich ging es mit den mercantilisüschen
Ordnungen, welche der aufgeklärte Absolutismus einführte, um
eine nationale Wirthschaft zu ermöglichen und zur Blüthe zu
bringen. Die Manufacturreglements, Schififahrtsgesetze, Han-
delsmonopole und Schutzzölle waren ui-sprünglich bestimmt
und geeignet, einen Handel und eine Industrie heranzuziehen,
welche die Interessen grosser Nationen befriedigten und die
Glieder derselben zu lebensvollen Einheiten zusammenfassen
konnten, indem sie Einzelnen den Muth und die Anleitung
gaben, gewerbliche Unternehmungen grösseren Maassstabs an-
zufangen. Sie wurden allmälig ein Spielzeug eigensinniger
Bureaukratenlaune und eine Einrichtung, welche einzelne
Privilegirte , die schon reich und mächtig waren, in ihrem
Interesse und auf Kosten der Gesammtheit zu bewahren
suchten. Und deshalb erscholl der Ruf nach unbedingter
wirthschaftlichjBr Freiheit, nach Wegfall aller wirthschaftlichen
Ordnungen, während doch nur eine neue Zeit neuer Ordnungen
beduifte. Auf die Zeit, in der ein grossartigerer Sinn der Specu-
lation herangezogen werden musste, folgt die Zeit, in der es
gilt, den erworbenen mobilen Reichthum zu humaner Pflege
der Gesammtinteressen zu eraehen — auf die Zeit der Fabrik-
reglements folgt die der Fabrikgesetze, auf die Zeit der privi-
legirten Handelsgesellschaften die der allgemeinen Gesetze für
^) Geschichte der Strassburger Tücher- und Weberzunft 1879.
Die alten Ordnungen. 409
Actiengesellschaften und Genossenschaften; auf die Zeit der
Schutzzölle, welche die Consumenten besteuern, die der Einkom-
mensteuer, welche den mobilen Reichthum den Staatsinteressen
dienstbar macht. Das Mittelalter hatte eine Wirthschaftsordnung
ei75eugt,die auf mehr oder minder abgeschlossene kleinere Wirth-
schaftskreise berechnet war und auf dem Continent wenigstens
vielfach von kleineren autonomen Gemeinschaften getragen wurde.
Der Absolutismus der Neuzeit schuf eine nationale Wirthschafts-
ordnung, in der der inteniationale Verkehr hauptsächlich be-
rücksichtigt wurde. Der Kosmopolitismus des Revolutionszeit-
alters opponirte dagegen mit dem reinen laissez faire; der
extreme Socialismus strebt dagegen eine von nationalen Grenzen
und Interessen emancipirte allgemeine Zwangsordnung an. Für
uns handelt es sich darum, dass der moderne Staat eine den
heutigen Culturinteressen entsprechende nationale und inter-
nationale neue Ordnung schafft.
Auf dem Continent gelang es dem Absolutismus nicht,
die alten Zunftordnungen durch seine neuen auf eine Wiilh-
schaft in grösserem Maassstab angelegten Einrichtungen voll-
ständig zu verdrängen. Die alte Mühle klapperte noch fort,
wie Schmoller sagt, bis die französische Revolution und das
19. Jahrhundert die Reste der älteren und die mercantilisti-
schen Ordnungen zugleich wegspülte. Nicht ganz identisch
verlief die Entwicklung in England. Dort wurde der Mer-
cantilismus zwar in Bezug auf die den auswärtigen Handel
betreffenden und vom Geiste nationaler Eifersucht beeinflussten
Maasregeln auf die höchste Spitze getrieben, in Bezug auf rein
interne Einrichtungen aber z. B. Fabrikreglements und Handels-
monopole konnte er sich nicht so ungestört und rein ent-
wickeln, sondern begegnete einer starken Opposition, wie
ja auch der politische Absolutismus selbst nie zur unbedingten
Entwicklung gelangte und schon 1688 definitiv gestürzt wurde.
Besonders untei-scheidet sich die englische von der continen-
talen und insbesondere der deutschen Entwicklung dadurch,
dass der Mercantilismus, so weit er überhaupt zur Geltung
kam, gar nicht in so schroffem und klar bewusstem Gegensatz
zu der älteren dem Mittelalter entstammenden Ordnung stand
410 Zweites Buch, Cap. 1.
wie bei uns. Vielmehr gingen beide Ch'dnungen stark in ein-
ander über und dies hat seinen Hauptgrund darin, dass in
England die Beichseinheit schon im Mittelalter unbedingt fest-
stand und daher schon die ältere Wirthschaftsordnung unbe-
dingt auf Reichsgesetzen beruhte, welche schliesslich durch
die berühmte Gesetzgebung der Elisabeth codificirt wurden ^).
Alle öffentlich rechtliche Ordnung des wiilhschaftlichen
Lebens knüpft naturgemäss an die Arbeitstheilung und den
sich daraus entwickelnden Verkehr an. Die Arbeitstheilung
ist die Giiindlage alles wiithschaftlichen Fortschritts. Je mehr
sie entwickelt ist, desto abhängiger wird aber der Einzelne
von seiner Umgebung, der Einzelne kann nicht mehr durch
seine Arbeit direct seine Bedürfnisse befriedigen und so wird
es zur stark, ja geradezu leidenschaftlich empfundenen Sorge
jedes Einzelnen, dass er für seine Leistungen und Producte
sicheren, befriedigenden Absatz finde.
Die Sichei-ung des Absatzes ist ein unentbehrlicher, un-
ereetzlicher Sponi der Energie arbeitsgetheilter Producenten
und es gehört zu den erheblichsten Plinseitigkeiten der
classischen Nationalökonomie und des Manchesterthums, dass
sie die selbständige Bedeutung einer befriedigenden Organi-
sation des Absatzes und Verkehrs unterschätzten. Gewiss
können und müssen zu solcher Organisation die Einzelnen
durch freie Thätigkeit und Speculation Erhebliches beitragen.
Ebenso gewiss aber ist zu diesem Zweck auch ein zwangs-
weises Zusammenfassen der individuellen Kräfte nöthig, das
^) Ochcnkowski, Englands wirthschaftlichc Entwicklung im Ausgange
des Mittelalters, Jena 1879, z. B. S. 80, wo ausgeführt ist, dass die Zünfte
in England der obrigkeitlichen Genehmigung durchaus bedurften und sich
überall der starken Staatsgewalt fügen mussten. Aus den Quellen späterer
Zeit, in welcluT die Zünfte um ihre angegriffene Fortexistenz kämpfen,
geht auch aufs deutlichste hervor, dass dieselben ihren Ursprung und ihr
Recht der Existenz immer durchaus von einem Staatsgesetz oder könig-
lichem Privileg ableiten. Es kam freilich, wie Brentano anführt, vor, dass
die Zünfte rechtswidriger Weise selbständige Bestimmungen erliessen —
aber ihre ganze Existenz beruhte auf dem Willen der Staatsgewalt, sie
konnten nicht selbst das Princip ihrer J[!ompotenz feststellen und sie
waren gar nicht überall gleichmässig verbreitet.
Die alten Ordnungen. 411
ZU vei'schiedenen Zeiten sehr verschiedene Fonnen haben kann
und muss, das aber zu allen Zeiten nothwendig über den ge-
richtlichen und polizeilichen Schutz der Privatrechte hinaus-
ging und immer — man denke nur an die öffentlichen Ver-
kehrswege — hinausgehen wird.
Schon Karl der Grosse^) führte nicht nur auf seinen
Villen eine mustergültige Arbeitstheilung durch, sondeni er
trachtete den Verkehr durch Anknüpfen von Handelsbeziehungen,
Ordnung des Münzwesens, Marktpolizei u. dgl. zu heben. Die
von ihm ausgehende Wii-thschaftsordnung des Mittelaltei-s zerfiel
in zwei Hauptgebiete: die Ordnung des landwirthschaftlichen
Betriebs auf den Ginndheri-schaften , welche auf einer ge-
regelten, erblichen Arbeitstheilung beruhte, die dem HeiTU
Arbeitskräfte, den Dienenden Unterhalt und Schutz sicherte —
und die Ordnung des städtischen Gewerbes, welche sich all-
mälig in der Zunftverfassung consolidirte. Sie bestand vor
Allem aus marktpolizeilichen Bestimmungen, dann aus solchen,
welche die Competenz zwischen verschiedenen Gewerben, die
Rechte der Meister desselben Gewerbes untereinander und die
der Meister gegenüber Gesellen und Lehrlingen regelten. Sie
war durchzogen von dei* Tendenz, dass der Absatz des ganzen
Gewerbes durch Aufrechterhaltung einer technisch guten Pro-
duction gesichert bleibe und dass Jeder, der das Gewerbe
ordnungsgemäss betrieb, an seiner Stelle sein gesichertes Aus-
kommen finden solle, ohne dass unberechenbare Concun-enz
ihn vernichten kann. Der Abschluss der Zünfte zu monopoli-
sirten Zünften, die Zwangs- und Bannrechte, Realgerechtig-
keiten, etc. sind wohl eine Entartung dieser Tendenz, weil sie
nicht mehr unbedingt im allgemeinen Interesse lagen, aber
kein Verlassen dei-selben, indem ja gerade die Absicht, den
Absatz Einzelner zu sichern, dabei recht deutlich hervortritt.
Betrachten wir die Ordnung der Gewerbe ausschliesslich,
so kann man die im Mittelalter entwickelte, in der Gesetz-
gebung der Elisabeth codificirte und weit in die Jahrhunderte
der Neuzeit hereinragende alte Ordnung passend die hand-
^) Siehe Inama-Sternegg, Deutsche Wirthschaftsgeschichte Bd. I.
412 Zweites Buch, Gi^. 1.
werksmässige nennen. Dieser Ausdruck ist richtiger als
der Name Zunftordnung, weil fbr England die ZQnfte nicht
die primäre Bedeutung hatten wie bei uns. Ihr Wesen ist
Regelung der Arbeitstheilung und des Absatzes in kleineren
localen Kreisen mit stätigen Verhältnissen.
Es gab wohl auch im Mittelalter schon einen Welthandel,
und wo er sich kräftig entwickelte, strebte er über die alten
Formen hinaus. Allein der Absatz auf dem Weltmarkt war
absolut nicht von beherrschendem Einfluss für die grosse
Mehrzahl der Gewerbtreibenden, die auf den Absatz in der
ihnen bekannten nächsten Umgebung angewiesen waren ; und
soweit Industrieproducte in weite Entfernung abgesetzt wur-
den, handelte es sich um gewohnte Handelsbeziehungen, die
man durch alle Mittel, namentlich auch der politischen Macht,
aufrecht zu erhalten suchte — nicht um ein durch freie
Speculation stets wechselndes Absatzgebiet
Diese Ordnung schuf nicht etwa allein die Handwerks*
meister, sondern sie wuchs mit diesen zugleich heran. Das
städtische und vielfach zünftige Handwerk schwang sich empor
aber die ältere Industrie, die auf Herrenhöfen und in Klöstern
direct für den Gebrauch des bestellenden Herrn oder in der
Familie direct für den Gebrauch ihrer Mitglieder arbeitete.
Es verdrängte die ganz patriarchalische Industrie innerhalb
einer geschlossenen Familienwirthschaft nicht, wurde aber ton-
angebend und trat in den Vordergrund, indem die Meister
selbständig RohstofTe einkauften und auch ohne vorangehende
Bestellung für ein (noch beschränktes) Absatzgebiet produ-
cirten. Nur umlaufendes Capital und dieses nicht in grosser
Quantität war die Grundlage ihrer geschickten, gelernten
Thätigkeit; aber sie llbemahmen ein Risico des Absatzes und
gewannen dadurch Herrschaft ^) — gleich den modernen grossen
Capitalisten. Natürlich suchten sie, indem sie Macht und Ein-
^) Sehr charakteristisch ist (wie Schmoller a. a. 0. ausführt), dass in
Strassburg die Wollschläger eher als die Weber ein aus den Formen
der Hausindustrie heraustretendes selbständiges Gewerbe wurden, weil sie
eher Wolle einkauften und kaufmännische Unternehmer wurden.
Die alten Ordnungen. 413
fluss gewonnen hatten, dies Risico durch Ordnung des Absatzes
möglichst zu vemngern.
Das Mercantilsy$tem, dessen Herrschaft auf dem Continent
mit der Ei-starkung nationaler Staaten unter absoluten Fürsten
zusammenfällt, in England einen festen Staat schon vorfand,
dachte sich nun die gesammte Wirthschaft der Nation vor
Allem abhängig von dem Aufschwung des inteiiiationalen und
des Colonialhandels. Es hatte die natürliche Tendenz, die
Grenzen zwischen den localen Wirthschaftskreisen der älteren
Zeit zu verwischen, die wirthschaftlichen Kräfte des ganzen
Volks einheitlich zusammengefasst zum Wettkampf mit dem
Ausland in's Feld zu führen. Seine auf eine Wirthschaft von
grösserem Maassstab angelegte Politik gi-iff aber wieder vor
Allem in die Absatzverhältnisse durch Navigations- und Zoll-
gesetze ein.
Das Mercantilsystem vernichtete das Handwerk so wenig
mit einem Schlag als dies seinerzeit • die Familienindustrie
vernichtet hatte. Indem es aber die den gi-ossen Handel be-
treibenden Kaufleute begünstigte, beförderte es die Entwick-
lung einer neuen herrschenden Classe von grösseren Capita-
listen, die allmälig mehr und mehr die Industriellen von
kleinem Betrieb in Abhängigkeit von sich brachten und welche
die Entstehung übermächtiger gi-ossindustrieller Etablissements,
die von vornherein auf grossen Absatz speculirten, möglich
machten. Weniger als auf dem Continent hat die vom Geiste
des Mercantilsystems erfüllte Staatsgewalt in England grössere
mercantile und industrielle Unternehmungen geradezu allein
geschaffen. Weniger hat sie die bewusste Tendenz verfolgt,
die alten Ordnungen zu durchbrechen. Der Gegensatz zwischen
Zünftlerischen Productionsvorschriften und staatlichen Fabrik-
reglements verwischt sich oft , weil auch die Zunft auf Staats-
gesetz beiiihte. Ebenso der Unterschied zwischen einer alten
mit gewerbepolizeilichen Befugnissen ausgestatteten Zunft und
einer modernen privilegirten Handelsgesellschaft. Die Schutz-
zölle der neueren Zeit selbst knüpfen an ältere Beeinflussungen
des Woll- und Tuchhandels an, der schon im Mittelalter seine
internationale Seite hatte.
414 Zweitee Bach, C19. 1.
Allein der minder antokratisch und systematisch auf-
tretende, der Autonomie des Mittelalters weniger bewuaBt
entgegengesetzte Mercantilismus in England leistete doch,
und zwar gerade hier mit stärkstem Erfolg, eines: die Heran»
Ziehung der Uebermacht des gi-ossen Capitals, that also das
Seinige zur Vernichtung — nicht des Handwerks, aber smner
Herrschaft und tonangebenden Stellung. Und er erlebte in
England besonders stark und frühzeitig das Schicksal, dasB
das von ihm herangezogene Kind — das grosse Capital —
schliesslich ihn und die Reste der ältei*en Ordnung zusammen
bekämpfte und stürzte.
Das wirthschaftliche England des 18. Jahrhunderts zdgt
uns so das eigenthümliche Bild,, dass die Handwerksordnnng
und Gesetzgebung der Elisabeth zwar noch grossentheils in
formaler Geltung steht, factisch aber vollständig zerfällt; und
dass die damit vermischten mercantilistischen Ordnungen auch
schon anfangen, sich als unzeitgemäss und undurchfohrbar zn
ei'weisen. An beiden halten Gruppen von Interessenten mit
überaus grosser Zähigkeit und Leidenschaft fest, der Glaube
an die Schutzzölle an sich findet sogar zeitweilig kaum Gegner.
Aber es bekämpfen sich wenigstens die Kämpfer für Schute-
zoll untereinander. Der überspannte Egoismus der lntei*essenten
thut das Beste, die von ihm gewollten Einrichtungen zu ver-
nichten. Schliesslich macht das erstarkte grosse Capital die
alte Handwerksordnung ganz unmöglich und die mercantilisti-
schen Stützen seiner Macht überflüssig. Es ei*wächst aus den
erweiteiten Absatzverhältnissen heraus und schmiedet sich zu-
letzt in der Maschine die stärkste Waffe zur Consolidirung
seiner HeiTschaft — die dann die Staatsgewalt herausfordert,
wieder eine neue Ordnung zum Schutz der allgemeinen Inte-
ressen zu begründen.
§ 2. Lehrlingswesen.
Nach dem Gesetz der Elisabeth musste jeder Gewerbs-
meister auf drei Lehrlinge einen Gesellen und auf jeden Lehr-
ling mehr einen Gesellen mehr halten. Siebenjährige Lehr-
LehrliDgswesen. 415
liDgszeit war die allgemeine Vorbedingung für selbständigen
Gewerbebetrieb und für Gesellendienst. Für einzelne Gewerbe
galten noch besondere Vorschriften.
Diese Bestimmungen, welche jedem Gewerbe einen tüch-
tigen Nachwuchs und jedem gelernten Arbeiter sein Auskommen
sichern sollten, passten natürlich nur in ein System kleiner,
für sichern, stätigen Absatz producirender Unternehmungen,
nicht für grössere Speculationsunternehmungen, in denen man
grösserer Beweglichkeit in der Wahl der Arbeitskräfte be-
duiite. Sie wurden bald nur auf die zur Zeit des Erlasses
des Gesetzes der Elisabeth bekannten Gewerbe und in den
demselben unterworfenen Orten angewendet; in unserer Zeit
waren sie aber auch da, wo das Gesetz galt und wo besondere
Bestimmungen von gleichem Geiste eingeführt waren, ausser
Gebrauch. Wenn dann Nothstände der Arbeiter oder der
ganzen Industrie entstanden, erinneite man sich der alten
Gesetze, die, erst unter allgemeinem Stillschweigen ausser
Gebrauch gekommen, nun als Schutzwehr gegen allerlei Uebel
wieder laut gepriesen wurden. Die Lässigkeit der Behörden
und der Freiheitsdrang der Interessenten liess vielfach lange
Zeit das Absterben der alten Ordnung als allgemein erwünscht
erscheinen — als die entstehenden neuen Verhältnisse ihre
Schattenseiten zu zeigen begannen, wollte man wieder aus der
Anarchie herauskommen und weil man sich nach Ordnung
überhaupt sehnte, verlangte man die alte Ordnung, die
einzige, die man kannte. Die Klagen in Bezug auf Vei'wilde-
rung des Lehrlingswesens wurden ei*st Ende des vorigen und
namentlich im Anfang dieses Jahrhunderts häufig und laut.
Bei den Untersuchungen, die dann gepflogen wurden, trat aber
deutlich hervor, dass die alte Ordnung längst nicht mehr in
Kraft war — nur hatte man dies lange nicht schmerzlich
empfunden. Das Gesetz von 1814, 54. Georg III c. 96,
welches das alte Gesetz 5. Eliz. c. 4 abschaffte, soweit es sich
wirklich auf Lehrlinge bezog, d. h. welches das allgemeine
Gebot der siebenjährigen Lehrlingszeit, die Vorbedingungen
für den Eintritt in ein Lehrlingsverhältniss und die alten
Formen der Lehrlingsvertrilge abschaffte, wurde zwar nur
416 Zweites Buch , Ciq). 1.
gegen stärksten Widerspruch durchgesetzt — - es erkannte aber
doch in der Hauptsache nur an, was praktisch bereits voll-
zogen war. Uebrigens Hess dies Gesetz die Jurisdiction der
Friedensrichter in Streitigkeiten über LehrlingsverhSltniase
unberührt, liess alle Lehrlingsverträge , die nach sonstigem
Recht gültig wai-en, als klagbar bestehen; auch blieben die
Specialgesetze und Customs von London und andern Städten,
sowie 6ie Statuten aller legalen Zünfte etc. davon unberührt
Formell also bestanden Ordnungen im Geiste des G^esetKes
der Elisabeth noch vielfach fort, auch hinderte die formale
Abschaffung des letzteren nicht, dass noch immer Lehrlings-
verträge auf sieben Jahre überhaupt abgeschlossen wurden.
Nach 1814 wurde also promiscue um Erhaltung und Wieder-
einfühiung der alten Ordnung gekämpft, die schon vorher all-
gemein factisch obsolet war. —
Einige officiell beglaubigte Thatsachen mögen in Folgen-
dem ein Bild davon geben, wie die Zustände der Lehrlinge
in unserer Periode wirklich waren und wie man sie — frucht*
los — zu verbessern anstrebte:
Das Gebot der siebenjährigen Lehrzeit galt für die Bay-
makers in Colchester erst seit 1707; 1716 1) aber wui'de schon
geklagt, dass viele Meister mehr Lehrlinge und überhaupt
andere Hülfskräfte anwenden, als das Gesetz gestattet. La
Gloucester galt, wie 1728 constatirt wurde, kein die Zahl der
Lehrlinge beschränkendes Gesetz*).
Im Jahre 1742 ^) wurde von Clothiers über die Concui--
renz unbefugter Leute ohne siebenjährige Lehraeit geklagt,
welche ungelenite Arbeiter gegen wechselnden Lohn beschäftig-
ten und oft auf dem Wege des Truck bezahlten.
Die Hutmacher aus Lancaster petitionirten schon 1777*)
gegen Petitionen der Meister, welche Abschaffung der Be-
schränkung der Lehrlingszahl auf zwei verlangten — während
^) Journals of the Housc of Commons, Vol. 18, S. 171.
«) Journals Vol. 21, S. 153.
') Journals Vol. 24, S. 117 und 124.
♦) Journals Vol. 36. o. u. 18. Febr., 14., 17., 18., 24. März und
9. April 1777.
Lehrlingswesen. 417
gleichzeitig unter den Färbera Meister und Arbeiter für resp.
gegen Zulassung von Arbeitern ohne siebenjährige Lehi'zeit
petitionirten. Mit den Arbeitern verbanden sich unter den
Hutmachem die kleinen Meister, die bereits anfingen, mit
den Arbeiteni dem grösseren Capital gegenüberzustehen. Im
Hutmachergewerbe hatte 8. Eliz. c. 2 die siebenjährige Lehr-
lingszeit und das Verbot, mehr als zwei Lehrlinge zu halten,
besondei*s festgesetzt. Dieses Gesetz nebst einem dasselbe
einschärfenden von Jacob L wurde auch durch 17. Georg HL c. 55
abgeschafft, welches Gesetz gestattete, auf jeden Gesellen einen
Lehrling zu halten — und ausserdem sich mit Unterdrückung
von Combinationen befasste.
Im Jahre 1779 wurde die Abschaffung der siebenjährigen
Lehrlingszeit bei den Bäckern und Metzgern angestrebt ^).
Ein Committee-Bericht vom 27. Mai 1789 *) coustatirt, dass
bei den Messerschmieden in Hallamshire den Arbeitern das
Halten von Lehrlingen verboten ist, während die Meister sie
in Uebei-zahl halten.
1790 petitionirten^) Seidenweberarbeiter aus Coventry
und Warwick um Beschränkung der Zahl der Lehrlinge, ähn-
lich wie das in London duixji 13. Georg III. c. 68 geschehen sei
und es wird anerkannt, dass in Coventiy Ueberzahl von Lehr-
lingen und niedriger Lohn hen*schte. Das Gesetz für London,
das sich" hauptsächlich mit Lohnregulirung befasste, be-
schränkte die Zahl der Lehrlinge bei einem Meister auf zwei.
Bei den Handwebern, deren Lage seit dem Aufkommen
der Maschinenweberei eine sehr trostlose war und die längst
ihre Stellung als selbständige kleine ünteniehmer verloren
hatten, gab es am Ende unserer Periode noch viele Lehrlinge.
Die Handweber selbst und andere aime Leute gaben ihre
Kinder den Handwebern als Lehrlinge, weil es ihnen zu theuer
gewesen wäre, sie einem andern Bemf zuzuschicken. Eben
^) Journals Vol. 37. 26. Febr., 17. und 24. März, 15. und 28. April
1779.
*) Journals Vol. 44.
^) Journals Vol 45. 5. u. 12. März.
Held, Soc. Gesch. Engl. 27
418 ZweiteB Buch, Cap. 1.
in Folge ihrer Armuth unterblieb aber das Abschliessen eines
gestempelten, schriftlichen Lehrlingsvertrags, so dass z. B. in
Paisley von 800 Lehrlingen nur vier regelmässige „indentnres**
hatten. Die Lehrlinge standen übrigens zu den sogen. Meistern
in dem Verh<niss, dass sie die Hälfte ihres Verdienstes als
Lohn bekamen. Die Armuth der aus ihrer MeistersteUnng
factisch zu Arbeitern herabgedrückten Handweber machte tm
geordnetes Lehrlingswesen bei ihnen unmöglich und Sachvei^
ständige erklärten, alle etwaigen neuen schärferen G^esetse
würden bei der Armuth der Weber unausgeführt bldben«
Diese unregelmässigen auf Halblohn gesetzten Lehrlinge dienten
natürlich nicht 7 Jahre, sondern nur 2—3 Jahre lang^).
Soweit noch ein Theil der alten Lehrlingsgesetze, nament-
lich in Bezug auf die Dauer der Lehi*lingszeit, fieu!tisch durch
die Sitte befolgt wurde, wurde er oft nur zur UnterdiUckung
und Ausbeutung der Lehrlinge als jugendlicher Arbeiter be-
nutzt, z. B. in Birmingham, wo die Unternehmungen in kleinem
Maassstab noch immer vorherrschend blieben. Ich kann zwar
hier nur Zeugnisse aus späterer Zeit anführen, die aber be-
weisend sind, weil es sich um seit längei-er Zeit eingewurzelte
üebelstände handelt >).
>) Siehe Handloom weavers Report von 1884; Qu. 2906 ^., 292K)
4872, 5687. •
>) Der Children Employments Report II , 1848 S. 80 sagt über die
Zustände der Lehrlinge in Birmingham:
Die am meisten missbrauchte und unterdrückte Classe von ELindem
in diesem District sind die Lehrlinge und zwar am meisten di^'enigen,
die an die kleinen Meister unter den Schlossern, Schlüssel- und Schnta-
benmachem etc. gebunden sind. Auch unter diesen kleinen Meistern
giebt es ehrenwerthe und humane Männer, die auch durch die grösste Ar-
muth nicht brutal werden. Aber Viele darunter behandeln ihre Lehrlinge
nicht sowohl mit Gleichgültigkeit und Strenge, als mit roher GewaltthiO»
die aus ungezügelter oft durch hitzige Getränke gesteigerter Leidenschaft
hervorgeht und sich an durch Ueberarbcit erschöpften Körpern, an Ge-
müthem ohne jede moralische oder religiöse Bildung äussert. Das wird
unter Anderen durch folgenden Zeugnisse belegt:
* * * Zwölf Jahre alt, Schlüsselmacher; wohnt beim Meister*
hat nicht genug zu essen: geht oft ohne Frühstück, weil er seine Arbeit
vor dem Frühstück nicht fertig bringen kann. Geht oft ohne ^littag-
Lehrlingswesen. 419
In anderen Gewerben wurde das Institut der Lehrlinge
offenbar nur beibehalten, um arme Kinder unter dem Namen
von Lehrlingen im schroffsten Gegensatz zu dem Geist der
alten Gesetze auszubeuten, z. B. in den Kohlenbergwerken,
von denen der Children Employments Report I. 1842 (S. 255,
No. 5) sagt:
„In einigen Distrieten befindet sich eine kleine Zahl von
Kirchspiel - Lehrlingen , die bei ihren Meistern bis zum
21. Lebensjahr aushalten müssen, in einer Thätigkeit, zu der
man durchaus keiner Geschicklichkeit bedarf; oft werden sie
sehr schlecht behandelt und haben das bediückende Bewusst-
«
sein, dass, während ihre freien Altersgenossen schon so viel
wie ein Erwachsener verdienen können, sie nur Kost und Be-
kleidung erhalten."
Die Kirchspiellehrlinge waren Armenkinder, welche durch
die Aimenbehörden zwangsweise in Lehrlingschaft gegeben
wurden.
Das erwähnte Recht der Armenbehörden gegenüber den
essen, aus dem gleichen Grund. Der Meister schlägt ihn oft mit einem
Stock auf die Hand.
* * * Zwölf Jahre alt, Elinkenmacher; hat nicht genug zu essen;
der Meister flucht ihm alle Tage. Der Meister schlug ihn einmal mit der
Faust nieder; hieb ihn über das Gesicht und stiess ihn mit den Füssen,
als er hinfiel ; stiess ihm den Kopf an den Holzklotz, dass er einige Minu-
ten nicht wusste, wo er war. Als er wieder zu sich kam, fluchte der
Meister.
* * Zwölf Jahre; der Meister schlägt ihn mit einem fingerdicken
Stock jede Woche recht oft, weil er manchmal nicht so gut arbeitet wie
gewöhnlich, was daher kommt, dass er oft arg Kopf- und Magen weh hat.
* * Sechzehn Jahre alt; der Meister lässt ihn arbeiten von 6 Uhr
morgens bis 10 oder 11 in der Nacht so viel er kann. Und wenn er*s
nicht thut, bekommt er kein Nachtessen. Haut ihn mit einem dicken
Riemen oder Stock. Hat ihm den Kopf fünf Mal aufgeschlagen, einmal
mit einem Schlüssel, zweimal mit einem Haken. Trieb ihm die Spitze
eines Ilakens zweimal in den Kopf mit einem Riegel oder Schloss.
* * Vierzehn Jahre alt; war 3 Jahre im Hause des Meisters. Hat
keinen Lohn; hat bis zum 21. Jahr zu dienen. Der Kleister behandelt
ihn schlecht, die ^leisterin noch schlechter, ist ein Teufel, schlägt ihn
und stösst ihm den Kopf an die Wand. —
27*
420 Zweites Bach, C^>. 1.
Kirchspiellehrlingen ^) war ursprttnglich gegeben in der dop-
pelten Absicht, Armenkinder zu tüchtigen Leuten heranzii-
bilden und der Industrie Arbeitskräfte zuzuführen. Diese
Institution war aber jetzt durchaus verwildert Selbst wenn
die Armenkinder nicht einfach an Spinnereien abgesetzt wur-
den, sondern in kleinere Gewerbe^), die Marine oder Land-
wirthschaft kamen, war von einer wirklichen Sorge um ihr
Wohl nicht mehr die Rede. Man suchte sich ihrer zu ent-
ledigen, verkaufte sie gleichsam als billige Arbeitskraft und
zwang sie zu überiangem Lehrlingsdienste, der einen verwalir-
losten Zustand doch nicht hinderte. Namentlich die Londoner
Magistrate, die allerdings es schwer hatten, ihre Aimenkinder
alle passend in der Nähe unteraubringen , gaben sie ohne
weitere Untersuchung des einzelnen Falls schon im Alter von
6 oder 7 Jahren ab und banden sie bis zum 21. Lebens-
jahr. Es wurde daher 1815 verlangt, es solle verboten wer-
den, Eirchspiellehrlinge über eine gewisse Entfernung von
ihrer Heimath abzugeben % da die Bestimmung von 7. Georg IIL
c. 39, XIV u. XV, wonach unter Anderem die Meister durch
gutes Lehrgeld zur Sorgfalt und guten Behandlung veranlasst
werden sollten, sich als ungenügend erwiesen hatte.
Auch wo es sich nifht um Kirchspiellehrlinge, sondern um
solche handelte, die von ihren Eltern durch Vertrag in die
Lehre gegeben waren, wurde in Grossindustrien das Wort
Lehrling zu einem täuschenden Namen für gemissbrauchte
jugendliche Arbeiter. In den Calieodruckereien von Lancashire
kamen seit 17U0 Geschäfte vor, die 60 Lehrlinge auf zwei
^) Das natürlich auch durch 54. Georg III. c. 96 nicht berührt
wurde.
^ Report on the State of the Children employed in Manufactories
1816. S. 312 constatirt ein magistrate aus Manchester, dass die Kirch*
Spiellehrlinge immer zu kleinen Meistern, nicht in Fabriken gegeben wer-
den. Der Report on Parish Apprentices von 1815 führt aus, dass 1802
bis 1811 aus London 5815 Kinder als Kirchspiellehrlinge gebunden wur-
den, davon 2026 in verschiedene Manufacturen auf das Land. Unter den
letzteren waren 58 unter acht Jahre alt. Die Mehrzahl von 3789 Kindern
kamen in kleine Gewerbe, häusliche Dienste oder auf die See.
') Siehe den letzterwähnten Report von 1815.
Lehrlingswesen. 421
Arbeiter hatten i). Die Lehrlinge wurden durch freie unge-
stempelte Verträge statt zu Tjähriger zu 8 — lOjähriger Arbeit
vei-pflichtet, während der Arbeitgeber das Recht zu beliebiger
Entlassung hatte und den Lehrling oft im Moment des Ab-
laufs der Lehrlingszeit entliess, um ihm selbst für Vollendung
angefangener Arbeit nicht den höheren Arbeiterlohn zahlen zu
müssen. Das Parlamentscommittee schöpft einige tröstliche,
Hoffnung aus der Thatsache, dass in anderen Gewerben durch
friedliche Abmachung zwischen Arbeitgebern und Arbeitern
eine beschränkte Lehrlingszahl als Regel durchgesetzt sei*),
denkt auch an Herabsetzung der Lehrlingszeit auf 4 Jahre .
und schildert den Zustand des Gewerbes, d. h. die Bedeutung,
welche das Lehrlingsgesetz in demselben noch hat, folgender-
maassen : „Das Gesetz der Elisabeth ist, soweit es sich auf die
Meister bezieht, in diesem Gewerbe nie angewendet worden,
da die Arbeiter nie auf Grund des Gesetzes zu klagen ver-
sucht haben. Die Meister dagegen thun Alles, das Gesetz
streng durchzuführen, da sie keine Arbeiter beschäftigen,
welche die Lehrlingszeit nicht regelmässig abgedient haben.
So wird Alles den Interessen der Meister und zwar aus-
schliesslich dienstbar gemacht. Denn die erhebliche Kosten -
Verminderung, welche aus der Vennehi-ung schlecht gezahlter
Lehrlinge und der Vei-wendung von Maschinen erfolgt, hat
wie es scheint, dem Consumenten keine Verbilligung des Pro-
ducts eingetragen."
Die Einführung von Maschinen, an denen man die nöthige
Arbeit leicht und schnell erlernen kann, machte natürlich im
Laufe der Zeit eine 7jährige Lehrlingszeit vielfach ganz un-
möglich. So geht aus dem Report on Woollen Clothiers
Petition 1802—1803^) hervor, dass die neu eingeführten
Spring-looms die Anwendung von Arbeitern, die nicht sieben
Jahre gedient haben, in der Tuchindustrie sehr befördert
^) Siehe Report respecting Calico Printers von 1806. Die Minutes of
Evidence dazu von 1804.
«) S. a. a. 0. S. 7.
^ Siehe S. 1 flf. Die Aussagen von Thomas King S. 9 flF. Die von
John Clayfield ; lerner S. 228 ff. und das angefügte Schriftst&ck von lb04.
422 Zweites Buch, Cap. 1.
haben. Indessen schon vorher nannte man einen legalen
Weber denjenigen, der sieben Jahre überhaupt gedient hatte,
nicht nur denjenigen, der sieben Jahre als Lehrling nach dem
Gesetz gedient hatte ^). Und es wird constatirt, dass von
jeher (S. 383) Männer und Weiber ohne üntei'schied nach ihrer
Geschicklichkeit verwendet wurden. Der Zeuge Robert Cookson
führt aus, dass zwar die Geldstrafen auf Verwendung von
Arbeitei-n, die keine gesetzliche Lehrlingszeit hinter sich haben,
erhöht werden sollen, um die selbständigen kleinen Weber-
meister gegen die ConcuiTonz von grossen Fabrikanten zu
schützen, dass aber die kleinen Webermeister selbst von den
alten Vorschriften befreit werden mtissten, denenzufolge nur
ElteiTi von einem gewissen Einkommen ihre Kinder als Lehr-
linge in die Tuchindustrie geben dürfen. Die alten Gesetze
würden also nicht nur nicht mehr beobachtet, sondern Niemand
konnte mehr ihre volle Aufrechterhaltung wünschen.
Der Report on the Woollen Manufacture of England von
1806 constatirt, dass das Lehrlingssystem der Elisabeth zur
eigentlichen Fabrikindustrie überhaupt nicht mehr passe, dass
es aber auch da, wo Hausindustrie noch heri*sche, nicht mehr
in Geltung sei. In Leeds hätten die Tmstees der Tuchhallen
das Gebot der 7jährigen Lehrlingszeit 1797 selbst abgeschafft *)
ohne dass daraus irgend eine Verschlechterung des Tuchs
hervorgegangen sei. Auch sonst sei das Lehrlingsgesetz trotz
aller Gegenagitation seit einigen Jahren in Leeds ausser Ge-
brauch. Es habe auch keinen Sinn mehr, da die Lehrlinge
doch nicht mehr im Hause des Meisters ^Yohnen und arbeiten
und das Sul)ordinationsgefühl verloren hätten ; da der Export-
handel mit seinen Schwankungen zu Weclisel der Beschäftigung
zwinge und Tuchmacher in grosser Anzahl in die Baumwoll-
industrie treibe, für die das Gesetz nicht gilt. Das Committee
von 1806 schlägt daher nur vor — ähnlich wie man jetzt bei
uns von schriftlichen Lehrlingsverträgen etwas erwartet —
^) Siebe auch den unten 8. 424 erwähnten Report von 1818, S. 122.
Es konnte also das Recht des legalen Webers sozusagen auch durch
Ersitzung erworben werden.
*) S. Report on the Woollen Manufacture von 1806, S. 18.
Lehrlingswesen. 423
dass überhaupt Lehrlingsverträge auf nicht über 7 Jahre
klagbar und vollstreckbar sein sollen, ohne dass von solchem
Lehrlingsverhältniss das Recht, Meister oder Arbeiter zu wer-
den, abhängen soll.
Wie sehr die alte Ordnung vergessen war, geht auch
daraus hervor, dass nach der Vonede zu den Statuten der
Clothiei-s Community in Leeds von 1803 ') die Leute gestehen,
dass sie das Gesetz nicht recht kennen ; sie kennen und lieben
nur seine Tendenz und wollen sogar, über das Gesetz hinaus-
gehend, dass kein qualificirter Arbeiter mehr als einen Sohn
ohne gesetzliches Lehrlingsverhältniss im Gewerbe aufziehen
dürfe, während die Kinder der legalen Arbeiter und Meister
nach d^r alten Ornnung begünstigt waren.
Man sieht, wie der Drang nach Beschränkung der lohn-
drückenden Concurrenz es war, der die Liebe zu den alten
Gesetzen entflammte!
Zahlreiche Zeugenaussagen beweisen, dass das jetzt wie-
der angei-ufene Gesetz seit Langem durch allgemeine Ueber-
einstimmung seine Geltung verloren hatte und die Erklärung,
nur wegen der Kosten des Processes hätte man sich bisher
gescheut'2) ß^ch dem Gesetz vor Gericht zu klagen, ist off'en-
bar ungenügend.
Man stritt sich darüber, ob zur Ausbildung eines tüchtigen
Arbeiters wirklich noch 7 Jahre Lehrzeit nöthig seien*) —
die grösseren Kaufleute, welche Hausindustrielle beschäftigten,
begnügten sich jedenfalls factisch mit 3 Jahren^); man
wünschte allerlei Beschränkungen der Concurrenz, wurde aber
nicht einig über ihr Maass^). Offenbar erkannte Peel die
Bedüi-fhisse der Zeit am besten, der da meinte^), das Ver-
langen einer mehr als 2jährigen Lehrzeit sei nur ein Vor-
urtheil der älteren Arbeiter: da man doch nicht mehr alle
^) S. a. a. 0. S. 36.
2) S. a. a. 0. S. 135.
») S. a. a. 0. S. 303, 440.
♦) S. a. a. 0. S. 171.
^) Siehe verschiedene Resolutionen von Meetings a. a. 0. S. 135 ff.
^ S. a. a. S. 440 ff.
424 Zwdtes Bach, Cap. 1.
Lehrlinge im Hause des Meisters haben könne, so sei
besser, sie überhaupt zu nützlichen Arbeitern zu machen,
statt sie als Bettelkinder umherlaufen zu lassen. NtttsUch
aber sei es, die JMeister von mehr als 3 Lehrlingen zur Sorge
für religiöse Bildung derselben zu zwingen. Peel erkannte,
dass es sich um Einführung neuer Pflichten, nicht um Wieder-
einführung der alten handelte. Die alte Lehrlingsordnung
war unrettbar todt und diejenigen, welche sie plötzlich wieder
lebendig machen wollten, hatten die Absicht, damit die Ent-
wicklung der grossen Fabiiken zu hemmen — Beweis dafür
ist unter Anderem, dass die Agitatoren für die alte 7jährige
Lehi-lingszeit dieselbe grossentheils selbst nicht durchgemacht
hatten ^). Im Januar 1804 richteten die Weber von Glotucester-
shire an 4ie Clothiers Propositionen in Bezug auf eine neue
amicable Ordnung des Gewerbes^), in denen sie wohlweislich
voi*schlugen , dass erst von nun ab das Recht des Gewerbe-
betriebes von einer gesetzlichen Lehrlingszeit abhängen solle,
während Alle, äie jetzt schon Weber seien, unbehelligt bleiben
sollten. ~
Die Arbeiter erinnei-ten sich der alten Lehrlingsbeschrän-
kungen als eines letzten Mittels in ihrer Noth, nachdem Com-
binationen, Vei'suche zu Einigungsämtern u. dgl. ihnen Nichts
geholfen hatten. Aehnlich wie hier die Tuchweber verlangten
auch die Sti-umpfwirker ^) , dass die 7jährige Lehrzeit in Zu-
kunft durchgesetzt, aber Niemand, der schon im Gewerbe sei,
hinausgeworfen werden solle. In diesem Gewerbe waren zwei
Dritttheile der Arbeiter ohne regelmässige Lehrzeit und der
Voi-stand der heri-schenden Company Hess seit Langem Leute,
welche keine 7jährige Lehrzeit hinter sich hatten, als Mit-
glieder zu.
1809 und 1811 agitirten die schottischen Arbeiter stark
um ein neues Lehrlingsgesetz — natürlich fruchtlos. Ein
sachverständiger Zeuge sagte 1824 offenbar nicht mit Unrecht
aus, die Abschaffung des Lehrlingsgesetzes habe, weil jetzt
') S. die Aussage von Stanhope a. a. 0. S. 447.
«) S. a. a. 0. S. 342.
•'') Report on The Framework-knitters 1818 S. 43 u. 49.
Lehrlingswesen. 425
mehr Auswahl sej, die Moralität und Tüchtigkeit der Arbeiter
nur gehoben^). Dennoch hielten die Arbeiter noch lange an
der Tendenz, Beschränkungen der Lehrlingszahl durch Gesetz
oder Gewalt durchzusetzen, fest, da sie dies als ein Mittel
zur Verbesserung ihrer Löhne ansahen^). Sie hatten und
haben darin auch in gewissem Sinne völlig recht — nur be-
weist der Erfolg ihrer Bestrebungen erst recht, dass die Zeit
vorbei war, in der allgemeine gesetzliche Regulining
des Lehrlingswesens als Theil einer hen*schenden Handwerker-
ordnung noch möglich war. Bei den Combinationen und
Arbeitseinstellungen im Anfang des Jahrhunderts spielte die
Lehrlingsfrage oft, aber nicht immer, eine grosse Rolle. So
z. B. nicht bei den Zimmerleuten*), bei denen Lehrlinge
überhaupt selten waren, wohl aber bei den Hutmachern*),
welche von den neuen erleichteniden Gesetzen Nichts wussten,
aber ihrei-seits daran festhielten, dass kein Meister mehr als
zwei Lehrlinge haben sollte. Mit „foolmen", d. h. Leuten
ohne regelrechte Lehrlingszeit, dienten sie nicht in derselben
Werkstatt und nahmen sie in ihren Club nur gegen besondere
Gebühr auf. Aehnlich verlangte der Club der Schiffszimmer-
leute in Liveipool 7jährige Lehi-zeit für seine Mitglieder und
1817 halfen dort die Kaufleute den Arbeitern gegenüber ihren
Meistern dazu, dass bei Reparaturarbeit auf drei Arbeiter nur
ein Lehrling kommen solle. Dagegen kümmerten sich die
Arbeiter Nichts um einen Beschluss der Meisterassociation
von 1823, der sich in ganz ähnlicher Richtung bewegte wie
der Ausschluss der foolmen durch die Arbeiter und der dahin
ging, es solle kein Arbeiter angenommen werden, der in einer
Firma ohne „regulär establishment" gedient hat.
Es kam auch vor, dass man zwar von der sieben-
jährigen Lehrzeit abliess, aber das Princip um so strammer
^) Second Report on Artizans and Machinery 1824 S. 55.
*) Nach dem Fifth Report on Artizans and Machinery S. 461 war die
Aufrecbterhaltung einer 7jährigen Lehrlingszeit der allgemeine Haupt-
zweck aller Gewerk vereine in Dublin.
^) Third Report on Artizans and Machinery 1824 S. 181.
♦) S. a. a. 0. S. 99 u. 152. Vgl. das oben von 1777 Angeführte.
426 Zweites Bach, Cap. 1.
festhielt; so bei den Maschinenbauern in Manchester, welche
nur Leute zuliessen, die fünf Jahre im Geschäft, in einer
Fabrik oder Werkstätte gedient hatten. Unter Geschäft wurde
nur die Production von Maschinen für Baumwoll-, Flache-
oder Wollindustrie verstanden.
Der Concurrenzneid als Motiv zeigte sich auch biswefleo
daiin , dass fremde Arbeiter strenger behandelt wurden ab
einheimische. Fremde Arbeiter ohne Lehrzeit wurden Ten
den Tuchmachern misshandelt, solche mit Lehrzeit gegen Zah-
lung einer Gebühr zugelassen^).
Für die Bandweber galt in London die sogenannte Spital-
fieldsacte, welche hier ausnahmsweise Lohnregulirung aofirecht
erhielt. In anderen Districten, wo dieses Gesetz nicht galti
war die Noth der Arbeiter gross und hing mit dem yerwfl-
derten Lehrlingswesen zusammen. Im schärfsten Gegensati
zum Geist der alten Gesetze herrschte in Coventry, Nuneatoa
etc. unter den Bandwebem das Halblohn-Lehrlings-System %
demzufolge die Meister Lehrlinge auf 2 bis 5 Jahre ver^
mittelst ungestempelten oder nur mündlichen Vertrags an-
nahmen. Der Preis, den das Product des Lehrlings im
Waarenhaus ei-zielte, wurde ebenso wie die Kosten für Licht etc.
zwischen Meister und Lehrling zu gleichen Hälften getheilt,
oder der Lehrling bekam die Hälfte des Lohnes eines Arbei-
ters. Nach Ablauf der Lehrlingszeit wurde der Lehrling
Arbeiter*), ting alle Kosten selbst und bekam Lohn nach
einem Mustervertrag. Der Lehrling aber konnte von dem
Halblohn nicht leben und bedurfte der Armenunterstüt^ung, zu
welcher der meist in London lebende mit seinen Lehrlingen
durch Agenten in Coventry verhandelnde Meister so gut wie
Nichts beiting. Es befanden sich zumeist Mädchen in diesem
traurigen Zustand, da die männlichen Arbeiter ohne 7 jährige
Lehrzeit kein Wahlrecht erwerben konnten*). Veranlassung
^) Fourth Report on Artizans and Machincry 1824 S. 293.
«) Report on Silk Ribbon Weavers 1818 S. 4 und 17.
*) Das englische Wort Joameyman'* kann auch mit „GeseUe'' über-
setzt werden.
*) Solche stadtrechtl. Bestimmungen scha£ft 54. Georg III c 96 nich t ab.
Lehrlingswesen. 427
zur Einfühi-ung dieses Systems gaben Welthandelsconjuncturen,
indem vorübergehend in Europa und Amerika sich der Markt
für englische Bänder erweiterte, während viele erwachsene
Weber Soldaten wurden. Regelmässige, gesetzliche Lehrlings-
verträge hörten dem gegenüber seit 1815 auf ^).
In Macclesfield gab es Halblohn-Lehrlinge, die man auch
schon kurzweg Weber nannte und deren Verhältniss noch un-
regelmässiger war als in Coventiy. Unei'wachsene Hessen sich
einfach wochenweise bei verschiedenen Meisten! gegen mög-
lichst hohen Lohn engagiren*). Ein Zeuge von dort gestand,
er sei so ziemlich der einzige Fabrikant, der durch 7jährige
Lehrlingszeit und Arbeiterstand hindurchgegangen sei*). In
Leek gab es zwar nur wenige Halblohn-Lehrlinge, dafür aber
hatte es nie irgend eine Ordnung im Lehrlingswesen gegeben *).
Wir sehen also in diesem Industriezweig das Lehrlings-
verhältniss völlig aufgelöst. Gleichzeitig litten die Arbeiter
schwere Noth und strebten nach Lohnregulirung , wovon im
nächsten Paragraph die Rede sein wird. Ebenso soll später
ausgeführt werden, dass in diesem Göwerbe 1818 kein eigent-
licher Handwerksbetrieb mehr hen*schend war. Hier sei nur
noch als Beweis, wie obsolet die alten Gesetze waren, ei^wähnt,
dass in Macclesfield vertragsmässige Abmachungen zwischen
Arbeitern und Arbeitgebeni vei-sucht wurden, die an Stelle
der alten Gesetze treten sollten. Sie wurden 1807 gedmckt,
galten aber nur bis 1815. Danach durfte kein ünteniehmer
mehr als zwei Lehrlinge gleichzeitig halten, abgesehen von
Ausnahmen betreffs der eigenen Kinder; Arbeiter durften gar
keine Lehrlinge annehmen. Die Lehrlingszeit war sieben Jahre.
Die Probezeit dauerte nur einen Monat. Spätestens nach Ab-
lauf dieser Zeit werden durch gestempelten Lehrlingsvertrag
die gegenseitigen Pflichten festgestellt. Die Auflösung eines
Lehrlingsverhältnisses war aufs Aeusserste erschwert etc. ^).
^) S. Second Report on Ribbon weavers 1818 S. 68.
«) S. a. a. S. 99.
') 8. a. a. 0. S. 111.
*) 8. a. a. 0. 8. 135.
*) 8. a. a. 0. S. 90 — 92: „Rules and ordere to be observed in the
silk weaying trade,*^ die wir im Anhang unter A abdrucken.
428 Zweites Bach, Cap. 1.
Diese Abmachungen sind einer der interessantesten FäUe, in
denen es der Selbsthttife gelang, vorübergehend den G^eirt
der alten (besetze wieder zu beleben. Natürlich war aber
dieser Erfolg eben so wie bei den Versuchen vertragsmässiger
Lohnregulirungen nur von kurzer Dauer, da die alte Lehr-
lingsordnung einmal nicht mehr in die neuen Verhältnisse
passte.
Zu den Gewerben, in denen das Lehrlingswesen nicht
durch das allgemeine Gesetz der Elisabeth, sondern durch
specielle Bestimmungen geregelt war, gehörte auch das ühr-
machergewerbe, das in London durch einen Charter von 1681
zu einer Zunft zusammengefasst war. Dieser Charter gebot»
dass kein Meister mehr als zwei Lehrlinge haben durfte —
er war aber^) im Anfang dieses Jahrhundeits schon seit
Langem factisch nicht mehr in Kraft.
Es handelt sich um ein Gewerbe, in dem vor Allem
gelernte Arbeit nöthig erscheint und in welchem die
Dampfmaschine keine Umwälzungen hervorbringen konnte.
Aber die wachsende Arbeitstheilung allein bewirkte, dass man
Lehrlinge in Unzahl zu einzelnen Functionen annahm —
Leute, aus denen nach der Lehrlingszeit nichts Rechtes werden
konnte. Einzelne Fabrikanten beschäftigten statt zwei Lehr*
lingen deren zwanzig bis dreissig^). Nach der Aussage von
Keene war dieses Unwesen seit etwa 40 Jahren ^) im Schwung ;
die Lehrlinge arbeiteten theils im Hause des Arbeitgebere, theils
ausserhalb desselben mit 14 stündiger täglicher Arbeitszeit
und bedurften überdies der Armencassenzuschüsse. Die
Uhren wurden Anfangs dadurch billiger, nach UeberfüUung
des Markts war aber seit 6 Jahren da^durch Noth der Ar-
beiter und Verlegenheit der Unternehmer entstanden.
Man sah den Schaden — und suchte zunächst Heil in
Rückkehr zu der alten Ordnung, wobei man, wie so oft, tlber-
^) S. Report on the Petitions of Watchmakers of Coventry 1817 S. 71.
^) S. a. a. 0. S. 93; nach dem Keport on the Laws relating to
watchn>akers 1818 hatten einzelne Fabnkanten sogar bis 40 outdoor ap-
prentices.
•'') S. a. a. 0. S. 73.
(
Lehrlingswesen. 429
sah, dass man auf den Vortheil der Verbilligung der Waare
durch gi-össere Arbeitstheilung nicht verzichten könne. Die
Fabrikanten und Meister von London und Westminster er-
liessen höchst reactionäre Resolutionen^). Die Unterzeichner
dieser Resolutionen erkannten wohl alle guten Folgen, welche
das alte Gesetz für Erhaltung technischer Geschicklichkeit,
für die Sittlichkeit der Gewerbsgenossen, für die Sicherheit ihres
Erwerbs etc. hatte, sie erkannten richtig die Schäden des
reinen Laissez faire — aber sie wollten oder konnten
nicht erkennen, dass die neuen Marktverhältnisse die
Aufi-echterhaltung der alten Ordnung unmöglich machten.
Die beiden Reports von 1817 und 1818 lassen daher die eigent-
liche Ursache, waiiim gerade dieses Gewerbe so sehr seit
1796 darniederlag, unerklärt. Sie schildern das Unheil und
sagen, dass es früher besser war — die Commission von
1818 begnügt sich, überhaupt „some Parliamentary Regula-
tions" zu verlangen.
Ein Gewerbe, in welchem von grossem Fabrikbetrieb
gar nicht die Rede sein kann, ist das Kaminfegergewerbe.
Dennoch finden wir gerade hier die empörendste Verwilde-
iiing in Bezug auf Missbrauch jugendlicher Arbeitskräfte.
Der Geist der alten Gesetze, demzufolge tüchtige gesunde
Meister herangezogen werden sollten, wurde hier geradezu
auf den Kopf gestellt.
Am 22. Mai 1788 2) petitionirte ein Meister aus Mary
le Bone ans Parlament um Regulirung des Verhältnisses der
Kaminfegerlehrlinge und constatirte namenlose Grausamkeiten
in der Behandlung dieser armen Kinder. FiHhere private
Vei'suche zur Reform waren fruchtlos gewesen. Der Committee-
bericht von 1788 wies Fälle nach, in denen 4jährige Kinder
durch Kamine von unglaublicher Enge hinaufgeprtigelt wurden,
während die Kamine geheizt waren. Die Kinder wurden
sogar an Sonntagen ausgeliehen, sie wurden nie gewaschen
^) Im Anhang unter B geben wir einen Auszug aus diesen a. a. 0.
S. 46 abgedruckten Resolutionen , die wegen ihrer Aehnlichkeit mit deut-
schen zQnftlerischen Kundgebungen der neuesten Zeit von Interesse sein
dürften.
") Journals of the House of Commons vol. 43.
48<^ Zweites Bach, Gap.l.
und entsetzlich vernachlässigt. Darauf wurde ein Gesetz 28.
Georg III c. 48 erlassen, das verbot, Kinder unter 8 Jahren als
Lehrlinge im Eaminfegergewerbe anzunehmen, das nicht mebr
als 6 Lehrlinge bei einem Meister erlaubte, das Ausleihen
der Kinder verbot, die Arbeitszeit begrenzte etc. Dieses Ge-
setz wirkte aber offenbar wenig, denn 1817^) wurde wieder
constatirt, dass 4jährige Kinder verwendet wurden, indem
arme Eltern ihre Kinder förmlich verkauften; auch gestohlene
Kinder wurden verwendet, selbst Mädchen. Sie vnirden
durch angezündetes Stroh und Nadelstiche in die Fttsse die
Kamine hinau^etrieben und es entwickelten sich bei ihnen
eigenthOmliche Krebskrankheiten — schlimmer als das be-
rüchtigte Fabrikbein in der Textilindustrie. Wurden die
Kinder zu gross, um die engen Kamine zu erklettern, so waif
man sie auf die Strasse, nachdem man sie schlecht ernährt
und ohne alle Bildung gelassen hatte. Je ärmer die Meister,
desto schlechter beh$indelten sie die Kinder — es kam vor,
dass sie förmlich zu Tode gequält wurden. Man ninging
das Gesetz, indem man die Kinder als Arbeiter, statt als
Lehrlinge annahm.
1800 suchte die Gesellschaft zur Besserung des Looees
der Aimen, 1803 eine eigene Gesellschaft zu dem Zweck die
kaminklettemden Kinder unnöthig zu machen, einzugreifen.
DasCommittee von 1817 wollte die Kinderarbeit in den Kaminen
und die zu engen Kamine ganz verbieten. Nicht so weit war
eine Meisterversammlung von 1816 gegangen, die zwar auch
die allzu engen Kamine verbieten, aber die Kinderarbeit nicht
ganz abschaffen wollte. Dieselbe Versammlung wollte nur
Lehrlinge, keine Kinderarbeiter dulden, jedem Meister nur
4 Lehriinge gestatten und das Ausleihen der Kinder verbieten.
Vor Allem war diese Versammlung der Meinung, dass eine
dauernde Gesellschaft der Meister gegillndet werden mtlsse,
damit das Gesetz wirklich durchgefühlt werde. Gewiss ein
richtiger Gedanke, dass jede wirklich lebendige Ordnung der
Gewerbe in unserer Zeit auf Corporationen der Betheiligten
^) S. Report on Employment of boys in sweeping of chimnies. 1817.
Lehrlingswesen. 431
beruhen muss — ein Gedanke, der uns bei der Frage der
Lohnfeststellung noch öfter begegnen wird — und dessen all-
gemeine Ausführung selbst heute noch zu den unerfüllten Wün-
schen gehört!
Deutschland hat in der Zeit des definitiven Untergangs
der alten Handwerks- resp. Zunft-Ordnung und des Sieges der
Grossindustrie solche wahrhaft haarsträubende Zustände, wie
sie uns vom englischen Kaminfegergewerbe, von den Lehr-
lingen in Birmingham und den Kirchspiellehrlingen berichtet
sind, nicht erlebt Wohl aber kennen auch wir den Miss-
brauch jugendlicher Arbeitskräfte, die nach abgelaufener so-
genannter Lehrzeit zu nichts zu brauchen sind; wir erleben
die allgemeinen Klagen über sittliche Verwildeining der Lehr-
linge, über ungenügende technische Ausbildung der Arbeiter
bei dem System der freien Concurrenz, über Druck der Löhne
durch herbeiströmende ungelenite Arbeiter, Und wie in
England die Wiedereinführung des Gesetzes der Elisabeth
verlangt wurde, so strebt man bei uns nach Wiederherstellung
zünftischen Lehrlingszwangs. Hier wie dort ist es insbesondere
die kleine Industrie, welche sich durch die alte Handwerks-
ordnung gegen die Wucht der concurrirenden Grossindustrie
zu schützen sucht und es sind Arbeiterverbände, welche in
ihrem Streben nach Vemngeiiing des Arbeitsangebots Sehn-
sucht nach alten Beschränkungen der Arbeiterconcurrenz ver-
rathen.
Es haben im Lehrlingswesen in England zu Anfang des
Jahrhunderts schwere Missstände geheri-scht — ein allge-
meines Zwangsgesetz zu ihrer Hebung wurde nicht gegeben
und konnte nicht gegeben werden, sondern langsam nur haben
die Sitten und die Energie freier Corporationen vieles gebessert.
Gewiss können bei uns der Staat, die Städte und die
grossen Arbeitgeberverbände mehr thun, als in England ge-
schah z. B. durch Errichtung von Schulen für Lehrlinge und
jugendliche Arbeiter. Es braucht nicht Alles dem natürlichen
Drang der Verhältnisse, ein neues Gleichgewicht zu finden und
dem kämpfenden Streben der Arbeiterverbände überlassen zu
werden — das aber lehren wohl die englischen Vorgänge
432 Zweites Buch, Cap. 1.
auch für uns, dass die Lehrlingsordnung des alten Handwerks
nicht durch Willkür und Bosheit einzelner Menschen oder
Gruppen von Menschen unterging, sondern dass sie verschwand,
weil sie unmöglich geworden war. Die einfache zwangsweise
Wiederhei-stellung auch nur eines Theils der alten Handwerks-
ordnung im Zeitalter der 6i*ossindustrie und des Welthandels
ist ein utopischer Wunsch.
§ 3. Lohnregulirungen.
Nach der alten Ordnung wurden die Löhne der Arbeiter
durch Gesetz oder periodischen Spruch der Behörden festge-
setzt. Auch dies kam ausser Gebrauch oder wui'de gemiss-
braucht und natürlich rief das Absterben dieses Theils der
alten Ordnung, sobald die Löhne niedrig wurden, noch grössere
Erregung hervor als das Absterben der Lehrlingsordnung,
weil der Lohn das Wohl und Wehe des Arbeiten am un-
mittelbarsten beeinflusst. W^ie aus dem vorigen Paragi*aph her-
vorgeht, hingen übrigens natürlicher W^eise die Bestrebungen
nach Beschränkung der Lehrlingszahl und nach Erhöhung
gedrückter Löhne praktisch sehr enge zusammen; beide
Zwecke wurden von Arbeitercoalitionen zup:leich verfolgt.
Es gehört zu den interessantesten Resultaten des bekannten
Buches von Brentano M, dass er ausführt, wie Verbände von Ar-
beitern zur Vertretung ihrer Interessen allenthalben mit der
Auflösung der alten Ordnung entstanden. „Sobald Versuche zur
Beseitigung dieser Ordnung gemacht werden, sehen wir sie
(die Arbeiter und kleinen Meister), wo gesetzliche Abhülfe
verweigert wird, zu deren Aufreehterhaltung coaliren ^)."
Im Einzelnen bedaif aber die Brentano'sche Darstellung
des historischen Hergangs der Ergänzung und Berichtigung.
Jedenfalls darf man sich die Sache nicht so vorstellen, als
wären allgemein in jedem Gewerbe unmittelbar nach Auflö-
^) r>ie Arbeitergilden der (legenwart Bd. 1 Cap. 1.
2) Brentano a. a. 0. S. 131.
Lohnregulinmgen. 433
sung der alten Oidnunf^, d. h. nach factischem Wegfall der
Lohnregulirung, sofort Goalitionen entstanden, deren nächster
und erster Zweck die Wiedereinführung der Lohnregulirung
gewesen wäre. Vielmehr verlief es meistens so, dass die
Lohnregulirung schon lange Zeit ausser Gebrauch war oder
schlecht gehandhabt wurde. Goalitionen bildeten sich in ver-
schiedenen Formen zur allgemeinen Interessenvertretung der
Arbeiter und diese geriethen dann meist erst im Laufe der
Zeit darauf, Lohnregulirung als ein Mittel zur Besserung ihi*er
Lage zu verlangen, wenn die längst nicht mehr regulirten
Löhne durch Conjuncturen schlecht geworden waren. Es
ging wie bei der Frage der Beschränkung der Lehrlingszahl
— man erinnerte sich der alten Ordnung erst im Laufe der
Zeit. Besonders interessant dabei ist, dass in vielen Fällen
nicht einfach Lohnregulirung durch die Magistrate verlangt
wurde, sondern dass man staatlich anerkannte Einigungsämter
anstrebte d. h. es herrschte die Idee , die Löhne sollten durch
Vertrag zwischen Vertretern beider Parteien festgestellt
werden, so dass diese Verträge durch Schutz der Staatsge-
walt bindende Kraft hätten. Es ist in der That auffallend,
dass die Bewegung zu Gunsten von Einigungsämtein im An-
fang des Jahrhunderts stärker war und zeitweilig auch sogar
gi'össere Erfolge hatte als heute seit Mundella's und Kettle's
Versuchen. —
Die Geschichte der Goalitionen als solcher soll uns hier
nicht beschäftigen. Hier müssen nur die Bestrebungen, eine
obrigkeitliche oder sonst organisiite Lohnreguliiiing an Stelle
der untergegangenen alten Ordnung einzuführen, besprochen
werden. Diese alte Ordnung selbst beruhte nicht nur auf
dem allgemeinen Gesetze, das den Magistraten die Pflicht zur
periodischen Feststellung aller Löhne auflegte, sondeni es
existirten — wie in England gewöhnlich — eine grosse Zahl
von öpecialgesetzen, welche für besondere Gewerbe und Orte
die Löhne theils durch Gesetz ohne Weiteres fixirten, theils
ihre Regulirung besonderen Organen und Behörden zur Pflicht
machten.
Held, Soc. Gesch. Engl. 28
434 Zweites Buch, Cap. 1.
Schon 1721 ^ fanden Uniiihen unter den Schneidern in
London statt, welche zwar nicht gewaltthätig auftraten, aber
behufs Lohnerhöhung und Verkürzung der Arbeitszeit coalirten.
In diesem nicht der Grossindustrie angehörigen Gewerbe
waren also anarchische Zustände vorhanden. Im Jahre 1745
petitionirten die Schneidergesellen wieder an das Parlament *).
Es wurden nämlich inzwischen die Arbeiterverhältnisse im
Schneidergewerbe durch Specialgesetze geregelt, diese aber
erwiesen sich als gänzlich ungenügend und bedrückten die
Arbeiter factisch hart. Es liegt also ein Fall vor, in dem die
alte Ordnung foimell bestand, aber in einem dem Geiste der
alten Gesetzgebung widei-sprechenden Sinne wirkte. Es galt
nämlich ein Gesetz 7. Georg I. stat. 1, c. 13 „for regulating the
jouiTieymen tailoi-s within the weekly bills of mortality",
welches vom 1. Mai 1721 ab Coalitionen behufs Lohnerhöhung
und Arbeitszeitverkürzung für nichtig und strafbar erklärte. Das
Gesetz fixirte zugleich die tägliche Arbeitszeit auf die Stunden
von 6 Uhr Morgens bis 8 Uhr Abends incl. einer Stunde
Essenspause und stellte den Lohn auf 2 Schilling täglich
zwischen den 25. März und 24. Juni und auf 1 Schilling
8 pence im übrigen Theil des Jahres fest. Den Friedens-
richtem wurde das Recht gegeben, Lohn und Arbeitszeit in
den allgemeinen Vierteljahrssitzungen nach Maassgabe der
Verhältnisse zu ändern. Ueberschreitung der gesetzlichen
Löhne wurde bei beiden Parteien« mit Strafe bedroht;
Contractbruch der Arbeiter noch schärfer, ebenso das Ver-
weigern des Eintritts zum Dienst unter den gesetzlichen
Bedingun^^en. Extrastunden gegen Extralohn waren erlaubt,
der Normallohn galt nur für die Normalarbeitszeit.
Die Arbeiter beklagten sich nun, dass sie wegen ver-
weigerten Diensteintrittes ins Correctionshaus geschickt und
zu Soldaten gepresst wurden, ^Yährend factisch ihre Löhne
nur 14 pence täglich betrugen, da sie durchschnittlich nur
die Hälfte oder zwei Dritttheile des Jahres bei den Meisteni
^) Journals of the House of Coinmous Vol. 19 S. 416.
'^) Journals Vol. 24 S. 733.
Lohnregalirungen. 435
Beschäftigung hatten. Sie verlangten aber noch nicht bessere
Lohnregulii-ung, sondem Abschafbng des Gesetzes und Frei-
heit: ,,das Haus möge ihre unglückliche Lage in Er-
wägung ziehen und ihnen helfen durch; Zurückei-stattung der-
jenigen Freiheit, welche sie, eine Köipei-schaft von armen
aber unschuldigen und ntltzlichen Leuten, vor dem erwähnten
Gesetz als anerkanntes angeborenes und durch die Magna
Charta und alte Beichsverfassung gesichertes liecht besassen/'
Das Parlament ging auf diese Klagen nicht ein und
das Gesetz bestand fort. Die Schneider wurden daher aufge-
regter. 1752 ^) beklagten sich die Meister tlber gewaltthätiges
und tumultuarisches Benehmen der Arbeiter, worauf diese
antworteten, sie seien ruhige Leute, die ehrlich ihr Brod ver-
dienen wollten und es sei nicht recht von den Meistem, „dass
diese einen exorbitanten Gewinn aus ihrer ehrlichen Arbeit
ziehen wollten." 1767*) verlangten die Meister neue Re-
guliining des Gewerbes, namentlich zur Entscheidung von
Streitigkeiten zwischen Meistem und Gesellen — das bishe-
rige Gesetz sei ungenügend, weil man es durch Wegzug in
die Umgebung von London umgehen könne. Darauf wurde
ein Gesetz 8. Georg lU. c. 17 (1768) erlassen, das in den
Einleitungsworten constatiil, dass die Friedensrichter in der
That seit dem Gesetz 7. Georg I. von Zeit zu Zeit die Löhne
regulirt haben, dass es aber Mittel gebe, dem Gesetz zu ent-
schlüpfen — womit wohl das Wegziehen aus dem Geltungs-
bereich des Gesetzes gemeint ist. Dieses Gesetz ei-streckte
sich auf die City of London und den fünfmeiligen Umkreis,
setzte die Arbeitszeit auf 6 Uhr Morgens bis 7 Uhr Abends
fest (wieder incl. 1 Stunde Essenspause) und erhöhte den
Tageslohn auf 2 Schilling 7^l2 pence. Wer ausserhalb der
Grenzen der Geltung des Gesetzes Arbeiter mit der Absicht
der Gesetzesumgehung beschäftigt, wurde mit Geldstrafe
bedroht. Im Uebrigen enthielt das Gesetz Process- und
Strafbestimmungen und gestattete wieder die periodische
Revision der Lohnsätze.
') Journals Vol. 26 S. 407.
«) Journals Vol. 31 S. 483.
28*
436 Zweites Bach, Cap. 1.
Gegen dieses Gesetz aber petitionii-ten die Arbeiter
neuerdings 0, weil die Gleichheit der Löhne Ar alle
Arbeiter sowohl die Meister als die besseren Arbeiter be-
schwere. — Man sieht, die Lohnreguliiiing durch Gesetz und
Obrigkeit wurde versucht, erwies sich aber als imgenQgend
und wurde gerade von den Arbeitern nicht gewollt. Sie
wollten nicht eine für sie günstigere, sondern gar keine Lohn-
regulimng -).
In der ei'sten Hälfte des vorigen Jahrhunderts spielt die
Frage der Lohnregulirung im Parlament überhaupt eine sehr
geringe Rolle. Dasselbe beschäftigte sich dafür um so mehr mit
Schutzzöllen, technischen Productionsvoi'schriften, Zunftprivi-
legien und Competenzstreitigkeiten zwischen verschiedenen
Gewerben. Offenbar war man noch im Allgemeinen mit dem
factischen Wegfall der Lohnregulirung zufrieden.
Dies wird auch bewiesen durch ein Gesetz 20. Georg II.
c. 19 (1747) „for the better adjusting and moie easy recovery
of the wages of certain servants, and for the better regulation
of such servants and of certain apprentices." Dieses Gesetz
regelt die Competenz der Friedensrichter und anderer Be-
hörden in Streitigkeiten zwischen Arbeitern und Arbeitgebern
imd giebt diesen das Recht, in solchen Streitigkeiten zu ent-
scheiden, „auch wenn in diesem Jahre keine Lohnregulirung
durch die Friedensrichter stattgefunden hat.''
Das Gesetz bezog sich auf die meisten , aber nicht auf
alle Arbeiter und Lehrlinge; so nicht auf landwiilhschaftliche
Arbeiter, die auf kürzer als ein Jahr gedungen waren; speciell
waren die Zinngi-uben von Comwall ausgenommen. Die dor-
tigen Zinngi'äber petitionirten nun 1754^), dass das Gesetz
auf sie ausgedehnt werde und zwar mit Firfolg — wohlgemerkt
verlangten sie aber nicht Lohnregulirung, sondem nur schnelle
und sichere Justiz im Falle von Streitigkeiten.
In der zweiten Hälfte des vorifren Jahrhunderts aber
M Journals Vol. 32 S. 14.
') Eine unvollständigere Darstellung dieses Falls s. bei Ikentano a. a. 0.
S. 106.
^) Journals Vol. 26 S. 509.
Lohnregulirungen. 437
traten mehr und bedeutendere Fälle auf, in denen die Lohn-
regulirung namentlich von den Arbeitern verlangt wurde, bei
denen aber nachweislich ist, dass diese schon sehr lange Zeit
ausser Gebrauch war.
Nach einem Committeebericht von 1757 ^) war die friedens-
richterliche Lohnregulimng bei den Wollwebern in Gloucester
vor 1756 längst ziemlich ausser Gebrauch gekommen. Combi-
nationen und Unmhen unter den Arbeitern kamen schon frtlh-
zeitig vor, denn 1725 bedrohte ein Gesetz 12. Georg I. c. 34
Combinationen behufs Lohnerhöhung, Contractbruch und Ge-
waltthat der Arbeiter, sowie die Lohnzahlung durch Waaren
seitens der Arbeitgeber in der gesammten Wollindustrie mit
Strafe. Das Gesetz spricht ausdrücklich, wo es Truck er-
wähnt, von vertragsmässigen, nicht von obrigkeitlich
festgesetzten Geldlöhnen. Auch das vei-schärfende Gesetz von
1726, 13. Georg 1. c. 23 stellte nur die Jurisdiction in Lohn-
streitigkeiten fest und gab Voi-schiiften tlber die Methoden
und den Maassstab für die Berechnung des Stücklohns und
veifügte Nichts über die Bestimmung seiner Höhe. Es fanden
in diesen Jahren (s. Journals Vol. 20, S. 598) auch gewalt-
thätige Auftritte statt, indem die Arbeiter sowohl auf Fabri-
kanten als auf Mitarbeiter und selbst Magistrate losgingen.
Beide Parteien petitionirten schon damals ans Parlament, aber
beide dachten dabei nicht an Lohnregulirung, sondern nur an
Verbot des Tnicks resp. der Combinationen.
1756 petionirten nun wieder die Weber aus Gloucester *),
weil das Gesetz von 1726 in Folge des Umstands, dass nicht
summarisch gestraft wurde und die Geldstrafen zu niedrig
seien, dem Truck nicht genügend vorbeuge. Darauf wurde
1756 das Gesetz 29. Georg 11. c. 33 erlassen, welches Gesetz
nicht nur die Strafen und den Process im Falle von Truck
neu regelte, sondern nun zuerst auch den Friedensrichtern
jährliche Festsetzung der Löhne der Weber und anderer
Arbeiter in der Wollindustrie auflegte — was die Gesetze
») Journals Vol. 27 S. 730 flf.
«) Journals VoL 27 S. 468.
438 Zweites Bach, Cap. 1.
von 1725 und 1726 noch nicht gethan hatten. Dabei berief
man sieh gar nicht auf die allgemeinen Gesetze von Elisabeth
und Jacob I., welche offenbar völlig vergessen waren ^).
Gegen diese neu eingeführte amtliche Lohnregulinmg
petitionirten nun 1757 *) die Tucher (Clothiers) aus Gloucester,
da die Lohnfeststellung sie „bei dem melancholischen Zustand
des Gewerbes bedrücke: man könne die Löhne der Arbeiter
jetzt nicht erhöhen und die Lohnreguliiiingsrechte der Frie-
densrichter sollten wieder abgeschafft werden."
Bei der darauf folgenden Untersuchung stellte sich nun
heraus, dass die Friedensrichter zunächst den Webern die
Lohnreguliining, welche sie nach dem neuen Gesetze verlangen
konnten, verweigerten, weil sich kein billiger Lohnsatz nach
dem vom Gesetz verlangten Maassstab der Ellenzahl feststellen
Hesse. Es entstanden nun Unnihen und es wurde endlich der
Lohn von den Friedensrichtera festgestellt. Allein sachver-
ständige Zeugen sagten aus, der Lohnsatz sei einseitig und
unbillig festgestellt und selbst Arbeiter meinten, man solle die
Feststellung der Löhne lieber den Tucheni überlassen, da die
Differenzen in der Breite des Tuchs und dem Gewicht des
GaiTis zu gross seien.
Das war unzweifelhaft richtig. Amtliche Lohnreguliiiing
passt eben nur für einfache leicht übei-sichtliche VeriuUtnisse,
in denen weder Conjuncturen des Markts noch Qualitätsunter-
schiede der Arbeit und des Products von grosser Bedeutung
sind. Sie passt zu dem alten localen, stätigen Handwerk und
war jetzt unmöglich geworden.
Das Committee trat auch auf Seite der Tucher und
empfahl Amendirung des Gesetzes von 1756, obwohl die Löhne
offenbar sehr niedrig waren. Ein Weber konnte bei 14 stün-
diger Arbeit täglich 1 Schilling verdienen. Gegenüber diesem
Committeebeschluss baten die Weber, dass, wenn auch das Ge-
setz von 1756 amendirt werde, man doch die Competenz der
Friedensrichter belassen und die Lohnfeststellung nicht rein
^) Anders dargestellt bei Brentano a. a. 0. S. 93.
2) Journals Vol. 27 S. 703.
Lohnregolirungen. 439
in die Willkür der Tucher stellen solle. Das Resultat war
das Gesetz 30. Georg II. c. 12 (1757), welches die Lohn-
regulirung durch die Friedensrichter einfach abschaffte und
die völlige Veilragsfreiheit wieder herstellte^). Das Gesetz
schaffte sogar implicite das nach älteren allgemeinen Gesetzen
bestehende Recht der Friedensrichter, die Löhne zu regu-
liren, ab, indem es einfach den Veitrag zwischen Arbeiter
und Arbeitgeber als einzige Nonn für die Lohnhöhe hin-
stellte. Nur der Truck wurde wiederholt verboten.
Das Verlangen nach Lohnreguliiiing hatte hier also sehr
kurzen Erfolg. Es trat dasselbe in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts noch in einer Reihe von anderen Fällen auf:
So petitionirten die Kohlenträger an den Kohlenschiffen
am 30. Mai 1758 2) um obrigkeitliche Lohnreguliiimg gegen-
über dem Monopol ihrer Lohnhen'u. Diese Leute, deren
Streitigkeiten mit den Hen'u uns noch an anderen Stellen
besch^igen werden, baten zugleich, dass Vorsorge für ihre
Kranken, Invaliden, Wittwen und Waisen getroffen werde.
Die Kohlenträger eiTeichten ihrer Petition entsprechend ein
Gesetz 31. Georg II. c. 7G, welches später (1770) durch
10. Georg lü. c. 53 abgeschafft wurde, weil es unwirksam war.
Die nunmehr ganz schutzlosen Arbeiter petitionirten am
11. Februar 1796 3) wiederholt um Lohnregulirung.
1776 lehnte das Unterhaus eine Petition von Maurern
ab*), welche klagten, dass ihre Löhne seit 70 Jahren nicht
mehr regulirt worden seien und welche Erhöhung ihres Wochen-
lohns von 15 auf 18 Schilling verlangten.
1778 baten Strumpfwirker aus London und Nottingham
fruchtlos um Reguliiiing ihrer Hungerlöhne*) — die Fabri-
kanten widei-sprachen im Hinblick auf die Vei-schiedenheit
und Mannigfaltigkeit der Producte, sowie auf die Conjuneturen
^) Dies Gesetz erwähnt Brentaoo nicht. S. a. a. 0. S. 107.
«) Journals Vol. 28 S. 259.
^) Journals Vol. 51.
*) Journals 35. 20. Dcbr. 1775 u. 1. April 1776.
^) Journals Vol. 36. 28. Januar, 23. u. 25. Febr. 1778.
440 Zweites Buch, Cap. 1.
des Expoi-tgeschäfts. Von Februar bis Mai 1779^) wieder-
holten sich ähnliche Petitionen und Gegenpetitionen beider
Parteien aus demselben Gewerbe.
1799 petitionirten *) Mühlenbauer gegen Combinationeii
der Arbeiter und zugleich um Lohnregulimng. In demselben
Jahre verlangten Bandweber Lohnregulirung (25. Februar).
Auch wurde nach mannigfachen Petitionen und Gegenpetitionen
verfügt, dass die Magistrate die Löhne der Arbeiter in den
schottischen Steinkohlengruben reguliren sollten (39. Georg III.
c. 56). Diese Arbeiter hatten sich bis 15. Georg III. c. 28 im
Zustand absoluter Leibeigenschaft befunden, der noch nicht völlig
überwunden war ^). Auch die Bandweber erreichten vor dem
Ende des Jahrhunderts die gewünschte Lohnregulirung — jedoch
nicht allgemein. Es soll davon im Zusammenhang mit den
Bewegungen, welche dieses Gewerbe im 10. Jahrhundert dui*ch-
gemacht hat, gesprochen werden.
Das vorige Jahrhundert zeigt im Allgemeinen, dass die
Lohnregulirung längst obsolet geworden war. Sporadisch
wurde ihre Wiedereinführung noch, vereinzelter und unge-
nügender Weise, angestrebt und in der zweiten Hälfte des
Jahrhunderts en-eicht. Im 19. Jahrhundert wurde in Folge
des stärkeren Wechsels der Conjuncturen und des mehr be-
festigten Uebergewichts der grossen Unternehnmugen die Noth
der Arbeiter in vielen Gewerben grösser und nun wurde die
Frage der Regulirung der Löhne an einzelnen Punkten bren-
nender.
\Vas zunächst die W^ollindustrie betrifl't, so warfen sich
die Arbeiter nicht direct auf die Lohnregulirung, sondern sie
strebten durch Aufrechtorhaltung verschiedener alter Gesetze
ihre Löhne auf mittelbarem Wege hoch zu halten. Dieser
Industriezweig, der schon im Mittelalter von grösster Bedeu-
tung war und sich theilweise zur W'eltindustrie entwickelt
hatte, machte im 18. Jahrhundert eine schwere Krisis durch.
^) Journals Vol. 37.
") Journals Vol. 54. 5. April.
") Diese merkwürdige Anomalie in den Eingangsworten von 39. Georg
111. c. 56 selbst bezeugt.
Lohnregulirangen. 441
die von veränderten Verbältnissen der Nachfrage henühi-te
und befand sieb im Anfang unseres Jabrbunderts neuerdings in
einem Uebergangsstadium in Folge von inneren Verändeningen
der Productionsweise. Einblick in diese Verbältnisse gewäbrt
vor Allem der Report on tbe Woollen Manufacture, den aucb
Brentano als besonders lehrreich bei-vorbebt. An anderen
Orten wird zur Sprache kommen, welche Rolle in diesem
Gewerbe die Schutzzölle und technischen Productionsvor-
schiiften spielten. Von den Lehrlingsverhältnissen habe
ich schon gesprochen. Auch den Kampf, den damals die drei
Productionsformen des Handwerks, der Hausindustrie und der
Fabrik miteinander führten, kann ich erst später schildern.
Hier genügt es, zu bemerken, dass in der Wollindustrie sieh
allmälig trotz entgegenstehenden Verbots verschiedene Ma-
schinen eingebürgert und dass sich Fabriken etablirt hatten
trotz der Gesetze , welche die Zahl der Webstühle in jedem
Hause beschränkten. In keinem Industriezweig tritt der Kampf
zwischen der alten und neuen Zeit deutlicher hervor, da
andere entweder nicht so bedeutend waren oder, wie die Baum-
wollindustrie, nie unter der alten Ordnung gestanden hatten.
Während dieses Kampfes strebten die Arbeiter natürlich auch
nach Aufrechterhaltung höherer Löhne und bildeten zu diesem
Zweck Verbände, ohne jedoch dieses Ziel in erste Linie zu
stellen und direct anzustreben.
Schon 17801) und 1802 waren Unruhen über Einführung
von Maschinen ausgebrochen^), 1803 begann eine systematische
Opposition gegen die Fabriken^) und es bildete sich eine
grosse verzweigte Arbeitergesellschaft, welche die zwei Haupt-
Wolldistrikte durch Agenten verband^) und welche zugleich
Hülfscasse war, nun aber vor Allem die Interessen der Arbeiter
in jeder Richtung vertrat und eine drohende Haltung annahm.
Es war dies die „Clothiers Institution'* von 1805, welche vor
Allem ans Parlament petitionirte , aber zugleich Feuerver-
^) Report on the Woollen Manufacture von 1806. Minutes S. 81.
«) S. Report on Woollen Clothiers Petition 1803.
•") Report von 1806. Minutes S. 25.
*) Report von 1806. S. 353.
442 Zweites Bach, Cap. 1.
Sicherungsgesellschaften in gewaltthätiger Weise warnte, Fa-
briken zu versichern, da man dieselben, wenn das Parlament sie
nicht verböte, verbrennen würde. Nach den officiellen Statu-
ten *) strebte die Gesellschaft, der Anfangs auch Meister ange-
hörten, ausser Gillndung von Hülfscassen und Schiedsgerichten
allerdings in erster Linie die Aufrechterhaltung der alten Ge-
setze an. Dies war offenbar der Grund, waiiim auch (kleine)
Meister mitthaten. Indessen ist trotz des Widerspruchs einzelner
Zeugen unzweifelhaft, dass die Gesellschaft auch Arbeitsein-
stellungen (Strikes) betrieb^), dass die Mitglieder sich wei-
gerten , mit Nichtmitgliedern zusammen zu arbeiten und Aus-
getretene (Snakes) verfolgte.
Die Agitation für das alte Recht scheint 1796 begonnen
zu haben, wo schon eine ähnliche „Institution" bestand *), Es
wurde aber constatirt, dass die Masse der Arbeiter weder da-
mals noch jetzt das alte Recht wirklich kannte, dass es also
längst vergessen war. Die Arbeiter fingen an dafür zu agi
tiren, nachdem der Umschwung zur Grossindustrie schon
längere Zeit im Gange war und sie zu bedrücken begann/
Dabei war ihr Hauptzweck immer die Vernichtung der Fabriken^
wie unter Anderem aus einer Adresse der Weber von Glou-
cestershire an ihre Arbeitgeber vom Januar 1804 hervorgeht,
die sehr milde in der Form gehalten war, die Absichten der
Arbeiter aber doch deutlich erkennen lässt^). Noch deutlicher
') Report von 1806. Minutes S. 36.
'-) Report von 1806 S. 367.
«) Report von 1806 S. 231.
*) Report von 1800 S. 342:
„Wir, die Weber besagter County, erklären l'eierlich, dass wir zu
keiner Zeit in irgend einem Zusammenhange mit den Arbeitern aus irgend
anderen Zweigen der Wollmanufactur gestanden haben, noch jemals stehen
werden, und wir beklagen es aufrichtig, dass jemals irgend welche Un-
annehmlichkeit zwischen Sie, unsere Arbeitgeber, und uns, Ihre Unter-
gebenen (servants) getreten ist. Wir sind überzeugt, dass dies von einem
Missverstehen unserer Absichten Ihrerseits herrührt, und sollte dem nicht
so sein, so würden wir, was auch immer die Veranlassung zu einer unse-
ren W'ünschen so fem liegenden Bestrebung (effort) gegeben hat, gerne
LohnreguliruDgen. 443
zeigt sich diese Absicht , die Fabriken zu verhindern in den
jede unsere Personen und Familien, unser Gewerbe und die WoUmanufactur
im Allgemeinen nicht beeinträchtigende Maassregel ergreifen, um jene
Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu räumen; und da wir überzeugt
sind, dass es möglich ist, eine richtige Verständigung zwischen uns hef-
zustelleUf ohne zu Mitteln zu greifen, die für Sie feindseliger oder für uns
beeinträchtigender Natur wären, so bitten wir um die Erlaubniss, die fol-
genden Vorschläge und Verfugungen Ihrer Erwägung vorzulegen:
1. Dass es unser Wunsch ist, dass die in Dörfern sowohl wie in
Städten wohnenden Tucher und Weber wechselweise die gleichen
Rechte und Privilegien ausüben und besitzen sollen.
2. Dass alle diejenigen, welche von früher her das Webergewerbe
treiben, dasselbe unbehindert forttreiben sollen.
8. Dass nach Bestätigung dieser Verfügungen Niemand das Gewerbe
eines Webers treiben darf, ohne dass er oder sie eine gesetzliche
Lehrzeit durchgemacht habe (ausgenommen davon sind Kinder,
die unter ihren Eltern arbeiten), um künftigen Streitigkeiten vorzu-
beugen, welche diese unangenehmen Reibereien und unnöthigen
Kosten in jüngster Zeit verursacht haben.
4. Dass es unser Wunsch ist, dass kein Tucher eine Manufactur
errichten oder besitzen solle mit dem Zwecke, dort eine den Sta-
tuten zuwiderlaufende Weberei zu treiben; dass wir hingegen in
unsem eigenen Wohnungen die Arbeit zu den üblichen und ge-
gewöhnlichen Preisen verrichten können (may), welche Arbeit im
eigenen Hause uns und unseren Familien zum Unterhalt und dem
Gewerbe im allgemeinen zum Nutzen gereicht.
5. Dass wir den Wunsch hegen, die Zahl der Webstühle, die zu glei-
cher Zeit von irgend einer Person benutzt werden, einzuschränken,
um das Webergewerbe so weit als möglich nutzbar zu machen und
dem Geist des Monopols unter uns Einhalt zu gebieten ; man sagt
uns, dass das Statut von Philipp und Mary diesen Zweck verfolgt,
allein wir wissen, dass die in genanntem Statut angegebene Zahl
für die Beschäftigung und den Unterhalt vieler grosser Familien
nicht genügend ist; aus diesem Grunde bedürfen wir in diesem
Fall einer neuen Verfügung, und wir wünschen, dass anstatt zwei
Stühle, wie genanntes Statut es angiebt, es einem jeden Weber ge-
stattet werde, zu gleicher Zeit, je nach Belieben, drei breite oder
sechs schmale, oder einen breiten und vier schmale, oder zwei
breite und zwei schmale Stühle zu haben.
6. Schliesslich wünschen wir, dass alle anderen uns zukommenden
Rechte und Privilegien nach den verschiedenen Statuten bestehen
bleiben mögen.
Die Weber der County of Gloucester.
444 Zweites Buch, Cap. 1.
Resolutionen einer am 28. Mai 1806 in Honley abgehaltenen
Vei*sammlung ^). Die Absicht, das hausindustrielle System zu
erhalten, wird gleich vorangestellt und die gewünschten Maass-
regeln beziehen sich alle auf das Unmöglichmachen der Fa-
briken.
Dieser Anstuim gegen die Fabriken blieb natürlich er-
folglos — und nachdem dieselben eine unangefochtene Stellung
erningen hatten, dann ei-st vei*fielen die Arbeiter wieder auf
den Gedanken, es müsse ihnen durch Lohnre^ulirung geholfen
werden.
Von mehr directem Interesse für die Lohnregulirungsfrage
sind die Vorgänge in der Seidenbandweberei.
Wir haben schon gesehen, wie in dieser Industrie das
System der Halblohnlehrlinge die Arbeiter bedrückte. Dieses
System existiile aber nicht, wo die sogenannten Spitalfields-
gesetze galten, welche nach langen Streitigkeiten und Un-
ordnungen für London gegeben wurden.
Das Hauptgesetz ist 13. Georg HI. c. 68 (1773), welches
für alle Seidenweber in der City of London, City of West-
minster, in der Liberty of the Tower of London und der
County of Middlesex amtliche Lohnreguliruug und das Verbot
des Haltens von mehr als zwei Lelirlingen verfügte. Ueberall
waren Combinationen verboten und es war mit Strafe bedroht,
Weber ausserhalb des Districts, für die das Gesetz galt,
behufs Umgeliung desselben zu beschäftigen. Die Strafgelder
flössen in die Casse der „Weavers Company''. Das Gesetz
wurde durch 32. Georg 111. c. 44 aucli auf die Weberei ge-
mischter Seidenstoffe und durch 51. Georg lU. c. 7 auf weib-
liche Arbeiter ausgedehnt.
Das Gesetz geborte zu denjenigen, die in der Haupt-
sache wirklich ausgeführt wurden und zwar setzten die Be-
hörden die Löhne fest, nachdem vorher gewöhnlich beide Par-
teien mit den Behörden und untereinander verhandelt resp. sich
verständigt hatten.
^) Report von 1806, am Schluss; wir lassen im Anhang die sehr
lehrreichen Beschlüsse unter C. abdrucken.
Lohnregulirungen. 445
In Coventry, Leek und Macclesfield aber galten diese
Gesetze nicht ; und es stellte sich daselbst durch die Halblohn-
lehrlinge seit 1815 Depression der Löhne ein. Es wurde
1816^) auf Bitten der Weber in Coventry ein Einigungsamt
gegiilndet, d. h. die Löhne wurden durch drei gewählte Depu-
tirte der Meister und Unternehmer bestimmt — was aber nur
ein Jahr in Geltung blieb. Die „undertakerä" waren eine Art
Mittelspersonen zwischen Herren und Arbeitern. Es entstand
nun der Wunsch nach amtlicher Lohnregulirung — erat nach
langer Aufregung und anderen finichtlosen Vei*suchen kamen
einzelne Arbeiter darauf, die alten Gesetze nachzusehen und
für sich zu benutzen, wobei sie aber oft genug die wenig be-
kannten Gesetze missvei*standen *).
Bei dem Streben nach amtlicher Lohnregulirung halfen
den Arbeitern theilweise die Ladeninhaber der Stadt und auch
eine Minorität der Meister selbst*).
Auch' in Macclesfield bestand 1814 ein Einigungsamt,
d. h. es fand Lohnfeststellung durch „agreement" zwischen
beiden Parteien statt, aber 1815 waren die Meister unbedingte
HeiTen der Situation und von Vereinbarung war nicht mehr die
Rede^). Die Lohnfeststellung durch organisirten CoUectiv-
vertrag bestand hier von 1796 bis 1815^), indem Meister und
Arbeiter sich gegenseitig schriftlich auf bestimmte Lohnsätze
veipflichteten. 1810 und 1813 wurden die Lohnsätze von
1797 erhöht 1815 aber verlangten die Meister Lohnreduction
von 25% und blieben nach einem fmchtlosen Strike Sieger.
In Leek dagegen existirte eine solche Institution nicht, sondern
die Meister zahlten nur factisch lange Zeit gleiche Preise. In
Manchester bestand eine auf Vereinbarung beinihende Preis-
liste, die aber 1812 und 1813 in Wegfall kam, worauf dann
die Löhne erheblich sanken.
Diese Concurrenz von Manchester wurde von den Meistern
') First Report on Silk Ribbon Weavers 1818.
') S. a. a. 0. S. 11, die Erzählung eines Zeugen aus Arbeiterkreisen.
T S. a. a. 0. S. 27, 34, 35.
*) Second Report on Ribbon Weavers 1818, S. 63, 99.
0 S. a. a. 0. S. 113.
446 Zweites Buch, Cap. 1.
bei der Lohnreduction von 1815 in Macclesfield als Grund
ihres Verhaltens angefühlt. Jedenfalls benutzten sie selbst
gegenüber ihi'en feiernden Arbeitern Leute aus andei-en Ge-
werben und Orten und ihr Sieg 1815 war so vollständig, dass
sie von Jedem, der bei ihnen Arbeit wollte, einen Revers ver-
langen konnten, dass man nicht Mitglied eines Gewerkvereins
sei ^). Die Löhne sanken nunmehr unleugbar stark ^) und die
Armenlast in Macclesfield wuchs — es gab aber vorläufig
keinen Streit mehr, weil die Hen-en die Uebennacht hatten
und sogar Klagen und MuiTon mit Dienstentlassung bestraften*).
^) S. Second Report on ribbon weavers 1818.
8) S. a. a. 0. S. 86, 93, 96.
^) S. a. a. 0. S. 89. — 1817 wurde ein Arbeiter wegen Theilnahme an
einer Adresse entlassen, die ich, weil sie sehr charakteristisch ist, im
Wortlaut folgen lasse:
Adresse der Seidenweber
des Borough of Macclesfield an die Master ManufiEu:tarer8.
„nur Herren, was recht and gleich ifft, das K* weiset deo
Knochten und wisset, dass Ihr auch einen Herrn ' im Hinmel
habt!** CoL 4, 1.
Geehrte Herren!
Wir sind tief durchdrungen von dem Ernste der sich uns täglich dar-
stellenden Thatsachen, und halten es zugleich für absolut nothwendig, dass
Sie in Ihrer Stellung als Meister durch Einschreiten (iuterference) und wir
als Lohnarbeiter (joumeymcn) durch richtiges und gesetzmässiges Aus-
harren es versuchen, ernsthaft auf Mittel zur Besserung der jetzigen Miss-
stände zu sinnen; denn diese Missstände sind der Art, dass sie sicher-
lich und unausbleiblich den vollständigen Ruin der Scidenmanufactur der
•Stadt nach sich ziehen müssen, wenn ihnen nicht rechtzeitig und wirksam
entgegengearbeitet wird. Wir bitten bei diesem Anlass um Erlaubniss,
Ihre Aufmerksamkeit auf die wahrlich beklagenswerthe LcOge zu lenken«
in welche das Gewerk versetzt und herabgewürdigt worden ist, seit unsere
Löhne in einer noch nie dagewesenen Weise vermindert worden sind;
auch der sich Ihren Augen täglich darbietenden erschreckenden Zunahme
der Armen, welche den Bewohnern der Stadt im Allgemeinen erwiesenei^
maassen verderblich ist, bitten wir Sic, Ihre r)eachtung zu schenken. Wir
hegen zu Ihnen als Meistern und Mitbürgern derselben Stadt die feste
Hoffnung, dass Sie das jetzige System der Hinge einer ernsthaften Er-
wägung unterziehen werden, um das Volk dem drohenden Ruin zu ent-
reissen, dessen wirkliche Interessen zu fördern stürmisch von Ihnen ver-
Lohnregulimngen. 447
Die Sachlage in unserem Gewerbe war also die, dass
in London ausnahmsweise die amtliche Lohnreguliiimg be-
stand, in den anderen Sitzen der Industiie aber nicht und
dass in London im allgemeinen Friede zwischen den Parteien
herrschte, während in Coventiy etc. seit 1815 Noth ausge-
brochen war und damit Unruhe und Unzufidedenheit, die den
Wunsch nach Lohnregulirung auch an den anderen Orten
erzeugte.
Dabei ist vor Allem auffallend, dass man vor 1815 mit
der Freiheit an den anderen Orten zufrieden war — wieder
ein Beweis, wie nicht der Wegfall der alten Ordnung sofort
die Arbeiter veranlasst, diese wieder zu verlangen, sondern
dass sie sich derselben erst nach ausgebrochener Noth er-
innern. Dass die Verhältnisse bis 1815 besser waren, erklärt
sich zunächst daraus, dass ja nach 1815 überhaupt in vielen
Gewerben nach kurzer Ueberspeculation eine Erisis ausbrach.
Es war übrigens an diesem Umschwung der Verhältnisse im
Seidengewerbe nicht nur der allgemeine Wechsel der Conjunc-
turen schuld (Second Report S. 106); vielmehr ist deutlich,
dass auch hier der Uebergang von der Hausindustrie zum
Fabriksystem begann, ein Uebergang, der so oft mit Lohn-
reduciiiing verbunden war und es naturgemäss ist, wenn nicht
gleichzeitig bedeutende Steigei-ung der Nachfrage eintritt.
Wirksam war noch wie es scheint die Concurrenz von Fabrik-
laDgt wird; ein Volk, dessen Fleiss und nie nachlassende Bemühun-
gen so viel zu der Verschönerung und Verfeinerung der Seidenmanu-
factur, wie zu dem Aufblühen der Stadt im Ganzen beigetragen haben.
Auch auf die so gar nicht übereinstimmende Art, in welcher die für ver-
schiedene Magazine arbeitenden Weber bezahlt werden, wünschten wir
Ihre Aufinerksamkeit zu richten, wodurch dieselben, allgemein zu
sprechen, nicht genug erwerben können, um davon zu leben und folglich
aller Behaglichkeit des Daseins entbehren müssen; und zugleich sind
wir überzeugt davon, dass Sie als Meister mit vielen Unannehm-
lichkeiten zu kämpfen haben , die Ihnen als Solchen eigenthümlich
sind, durch welche unser Gewerbe sehr muthlos gemacht, und Ihr Ge-
winn und wahres Interesse vielfach benachtheiligt wird. Dann bitten wir
Sie, Ihr Augenmerk darauf zu richten, wie sehr unglückliche Folgen es
hat, wenn unser Gewerbe dem willkürlichen Eindringen aller Arten wan-
448 Zweites Buch, Cap. 1.
arbeitern aus anderen Zweigen der Textilindustrie ^ , die sich
billig anboten.
In Coventry gab es*) damals 13346 Seidenweber, unge-
rechnet viele Hunderte von unter 10jährigen Kindem. Diese
arbeiteten an 3008 Maschinenwebstühlen und 5483 Handweb-
stühlen. Die Maschinenweber verdienten wöchentlich 10 Sh.,
die Handweber bei 14 stündiger täglicher Arbeit nur 5 Sh.
6 pence — während sie 20 Jahre fiHher 1 Pfd St. 10 Sh.
verdient hatten. Weit weniger verdienten noch diejenigen,
die Vor- und Hülfsarbeiten leisteten. Die Maschinenwebstühle
standen durchaus nicht nothwendig in den Fabriken, sie waren
aber theurer und gehörten vielfach den Unternehmern, welche
Halblohnlehrlinge daran beschäftigten^), gegen einen Lohn
von 3 Sh. die Woche. So war es in Nuneaton. Es konnten
dernder Flüchtlinge offen steht, deren Hauptzweck darin besteht, die bei
uns gebräuchlichen Kunstgriffe und Geheimnisse zu erlernen, am bei der
günstigsten Gelegenheit sich mit der sehnlichst erwünschten Beute in ihre
Lieblingsstädte und Wohnsitze zurück zu ziehen, wodurch sie sowohl Sie
als Meister wie uns als Arbeiter empfindlich s(!hädigen; denn es ist uns
bcwusst, dass die Interessen unserer Meister mit unsem eigenen antrenn*
bar verbunden sind, und wir glauben, dass diese beklagenswerthen Miss-
stände ihren Grund in dem Mangel einer fortdauernden Regulirung haben;
wir sprechen hiermit die ergebene HoftnuDg aus, dass Sie sich gütigst mit
uns vereinigen möchten, in dem Bestreben, die jetzt vorhandenen Uebel-
stände aus dem Wege zu räumen, indem Sie uns ihren Beistand und Ihre
Unterstützung zu Tlieil werden lassen, um das zu erreichen, dessen wir
so sehr bedürfen, nämlich eine Regulirung, welche für Meister und Ar-
beiter gleich bindend ist, wodurch die jetzigen ^lissbräuche abgestellt und
unserem Gewerbe wieder zu einer dauernden Festigkeit verholfen würde.
Geehrte Herren! Wir verharren mit ausgezeichneter
Hochachtung
Novbr. 8, 1817. Ihre ergebenen Diener
die Seidenweber von Macclesfield.
NB. Wir erwarten bis Montag, den 17. dieses, Antwort.
1) Second Report S. 108.
-) First Report S. 0—8.
• ) S. a. a. 0. S. 8, 18.
LohnreguliruDgen. 449
zwar auf den Maschinenstühlen nicht dieselben Producte wie
auf den Handstühlen gemacht werden ^), immerhin aber wurde
dadurch die Gesammtnachfi-age nach Arbeit gedrückt. Die
Mehrzahl der Arbeiter waren noch Hausindustrielle, aber die
Fabriken kamen doch empor und es war ein häufiger Fall,
dass dei*selbe Fabrikant zugleich eine Fabrik hatte und noch
eine grössere Anzahl Weber in ihren Wohnungen beschäftigte *).
Conjuncturen und Aenderungen der Technik drückten seit
1815 die Löhne. Auch in London selbst standen dieselben
nicht hoch ^) und sanken in den schlechten Zeiten. Der Unter-
schied zwischen London, wo die Spitalfieldsgesetze bestanden
und den anderen Orten war vor 1815 factisch nicht so gross.
In London selbst bestand unter der HeiTschaft des Gesetzes
ein Arbeiterverein, welcher seinen Mitgliedern half, wenn
Streit darüber ausbrach, ob der Lohn nach der Vorachrift ge-
zahlt werde oder nicht; und ein Arbeitgeberverein, der zu-
nächst Untei*schlagungen von Material verfolgte, zugleich aber
auch seinen Mitgliedern half, wenn diese von den Arbeitern
verklagt wurden *). Da nun zugleich die Friedensrichter ihre
Lohnfestsetzungen nach den Abmachungen zwischen den bei-
den organisirten Parteien richteten, so bestand im Bereich der
Spitalfieldsgesetze ein Einigungsamt und Schiedsgericht unter
obrigkeitlichem Schutz, während an den anderen Oiten die
organisirten Parteien die Lohnverhältnisse ohne Hülfe und
Autorität der Obrigkeit regulirten. Nach 1815 sanken die
Löhne überall , aber in London weniger und es entstand da,
weil die obrigkeitlich geschützte und gestützte Organisation
fortbestand, weniger Streit. Die Londoner hatten übrigens,
weil sie an dem beheiTschenden Marktort sassen, eine begün-
stigte Lage.
Es erhob sich nun die Frage, ob die Spitalfieldsgesetze,
da in London die Lage der Arbeiter etwas günstiger und die
des ganzen Gewerbes friedlicher war, allgemein ausgedehnt
') S. a. a. S. 22.
«) Second Report S. 66, 76, 122.
^) Second Report S. 183.
*) Second Report S. 54, 165, 166.
Held, Soc Gesch. Engl. 29
450 Zweites Bach, Gap. 1.
werden sollten. Die Arbeiter überall und die Meister, d. h.
die Fabrikanten und Eaufieute, in London waren meisteiiB
daf&r. Man darf aber dieser Meinung der Londoner Fabri-
kanten nicht zu viel Gewicht beilegen, denn ihnen kam es
vor Allem darauf an, sich gegen die Goncurrenz der billigem
Löhne von Macclesfield etc. zu schützen und sie hatten,
wenn überall gleich hohe Löhne gezahlt werden mussten, ent-
schieden noch einen Vortheil, weil sie auf dem grOssten
Marktort selbst producirten. Dass in diesem Gewerbe eine
grosse Anzahl von Capitalisten selbst für die Lohnregalinmg
sich aussprach, erklärt sich auch dadurch, dass dieses Geweibe
relativ wenig vom internationalen Handel abhing und anf den
heimischen Markt angewiesen war, so dass es also sich leichter
auf stätige Verhältnisse einrichten konnte. Die Zollgesetz-
gebung erschwerte nämlich sehr den Export und machte einen
concun-irenden Lnport unmöglich*).
Dennoch waren die Stimmen über die Ausdehnung der
Spitaliieldsact wesentlich getheilt und es wurden sehr triftige
Gründe gegen dieselbe vorgebracht. Das Committee selbst wagte
dieselbe nur vei*suchsweise auf die Zeit einiger Jahre vonni-
schlagen.
Gegenüber den häufigen Aussagen, dass in London zwar
Streitigkeiten, aber keine Unruhen vorkämen, dass dort beide
Parteien zufrieden seien, während anderswo die Meister sich
zu ihrem Schaden selbst unterböten etc. ^), würfe nicht nur
geltend gemacht, dass die Spitalfieldsgesetze, so lange sie nur
in London gelten, das Gewerbe von dort vertreiben, sondern
auch, dass sie in unbilliger Weise gute und schlechte Arbeiter
gleichstellen, zur Entlassung schlechterer Arbeiter zwingen,
die Maschinenarbeit unterdrücken^), dass die Friedensricht^
weder zur Lohnfeststellung, noch zur Entscheidung von Streitig*
keiten die nöthigen Kenntnisse besässen , dass die Lohnrego-
lirung die Einftihnmg neuer Muster verhüte etc.
1) First Report S. 40, 48, Second Report S. 69, 146, 173.
2) Second Report S. 105, 108, 118, 122, 125, 128, 189, 172, 180;
183 ff.
8) Second Report S. 50—57, 140 ff., 149 , 157 ff, 190.
Lohnreguliningen. 451
Obwohl die Mehrzahl der Zeugenaussagen^) und das
Gommittee selbst zu Gunsten der Lohnregulimng sprechen, so
kann sich eine voiniitheilsfreie Betrachtung des ganzen
Repoi*ts doch nicht des Eindmcks erwehren, dass dieselben
im Grunde doch nur als ein Mittel, den alten mehr still-
stehenden Zustand des Gewerbes gegenüber den Anfängen
neuer Marktverhältnisse und neuer Technik zu erhalten, ge-
wünscht wurden und mit einem lebendigen Fortschritt des-
selben nicht mehr verträglich waren. An einem Sitz eines
wichtigen Gewerbes war die alte Ordnung etwas modificiit
neu eingeführt worden, nachdem sie auch hier vorher todt g^
wesen war. Sie erhielt sich unter exceptionellen Verhältnissen
in einem Gewerbe, in dem der Lohn gegenüber dem Werth des
Rohmaterials wenig ausmachte und das einen relativ stätigen
Markt hatte — man begehrte sie zu verallgemeinern, nachdem
man in guten Zeiten an anderen Orten ohne sie ganz gut aus-
gekommen war. Es liess sich aber nicht leugnen, dass es
schwierig war, dies Begehren zu erfüllen. Und im Jahre
1824*.) wurden die Spifalfieldsgesetze abgeschafft, weil sie
gegenüber der erleichteiten Concurrenz der Franzosen un-
möglich waren. Sowie das Gewerbe aus seiner exceptionellen
Lage kam, musste es aufhören, der ehrwürdige und inter-
essante Sitz eines Restes der alten Ordnung zu sein.
Die Spitalfieldsgesetze waren nicht nur für die Seidenweber
ausserhalb Londons ein Gegenstand des Neides, auch in
anderen Gewerben berief man sich auf dieselben.
Schon im vorigen Paragraphen war von den Klagen über ein
üebermaass von Lehrlingen unter den Calicodnickern die Rede.
Seit 1802 existirten unter diesen Arbeitern Combinationen,
welche fortgesetzt an das Parlament petitionirten. Das Üeber-
maass von Lehrlingen und das Sinken der Löhne fiel auch hier
^) S. eine von 90 Namen, der M^orität der Spitalfieldsfabrikanten,
unterschriebene Erklärung am Ende des Second Report; abgedruckt in
unserem Anhang unter D.
') 5. Georg lY. c. 66 schaffte die Spitalfieldsgesetze sammt ähnlichen
für die Seidenweberei in Dublin gültigen Gesetze als „yexatious and in-
jurious" ab (1824).
29*
452 ZwätM Buch, Cap. 1.
mit der Einführung von Maschinen zusammen und begana
etwa 1790^). Arbeitseinstellungen waren an der Tagesord-
nung und die Lehrlinge betheUigten sich an denselben mit
den erwachsenen Arbeitern. Das Hauptstreben der Arbeiter
war auf Beschränkung der Lehrlingszahl gerichtet um dadurch
den Lohn indirect zu erhöhen. Die Löhne waren gegenüber
anderen Gewerben nicht besonders niedrig^ sie betrugen dnrcii-
schnittlich 25 Sh. pro Woche bei Stücklohn. Sie wechselten
aber stark und die Arbeiter kamto oft ausser Verdienst
Das Gommittee, welches diese Verhältnisse untersuchte, ist
nur eventuell fbr Einfahrung von staatlichen Maassregeln
und wünscht, dass zunächst veraucht werde, ob nicht bei
beiderseitiger Freiheit die Parteien vertragsmässig ihre Ver-
hältnisse reguliren würden. Es beruft sich darauf, dass nidit
nur im Bereich der Spitalfieldsgesetze, sondern allgemein in deil
„mechanical professions'^ die Rßgel bestehe, dass kein Meister
mehr als 2 — 3 Lehrlinge annehme — und diese Regel bemhe
auf allgemeinen Abmachungen zwischen Arbeitern nnd
Meistern ^). Als Beweis wird angeführt ^), dass in Laneashiie
allerdings die Zahl der Lehrlinge und Arbeiter gleich gross
sei, dass aber in der Umgebung von London, wo die Verhält*
nisse zwischen den Parteien freundschaftlich geregelt werden,
nur 37 Lehrlinge auf 216 Arbeiter kommen.*)
Man sieht deutlich, dass in diesem jungen Gewerbe nicht
der Mangel an Ordnung und Regulirung die Arbeiter bedrückt,
sondern dass diese erst durch die wachsende Macht des Capi-
tals, die beginnende Fabrikation in grossem Maassstab und
die stärker wechselnden Conjuncturen in Noth geriethen. Bei
der grösseren Macht des Capitals ergab es sich, dass der vor-
handene Rest der alten Ordnung, das Coalitionsverbot, ledig-
lich zu Ungunsten der Arbeiter wirkte. Und der Gedanke,
der nun vor Allem auftauchte, war nicht die Einführung einer
zwingenden Ordnung mit Lohnregulirung , sondern der, dass
^) Minutes of Evidence respecting Calico Printers 1804, 8. 9.
8) Report von 1806 S. 6.
*) S. a. a. 0. S. 17.
*) S. auch Minutes S. 37.
Lohnregulirangen. 453
nach Herstellung völliger Freiheit die Verhältnisse zwischen
Arbeitern und Arbeitgebern durch ein freies Einigungsamt
völlig geregelt werden könnten und sollten. Das Committee
äussert sich darüber, ^) indem es zugleich eine charakteristische
Schilderung der Verhältnisse entwiift, folgendeimaassen :
„Ohne in die heikle Frage betreffend die Vei-theilung
des Gewinnes zwischen Meistern und Arbeitern, sowohl in
dieser als den anderen mechanischen Berufsarten, eingehen zu
wollen, möge es Ihrem Committee doch erlaubt sein, der Er-
wägung des Hauses folgende Frage vorzulegen: ob es gegen
die beiden Parteien vollkommen gerecht oder für das allge-
meine Interesse förderlich sein könne, dass auf der einen
Seite eine grosse Werthanhäufung stattfindet, während auf
der anderen eine so gi'osse Armuth um sich greift, dass die
zu dieser Giuppe Gehörigen bei äusserster Anspannung aller
Kräfte, durch Betriebsamkeit, Geschicklichkeit und emsigen
Fleiss es doch nicht vermögen, sich daraus emporzuschwingen,
und ihnen möglicherweise, trotz unausgesetzter Thätigkeit,
in vorgeiilckterem Alter nichts anderes übrig bleibt, als sich
zur Erhaltung ihrer Familien an die Gemeinde um Hilfe zu
wenden. Ist es recht, dass ein solcher Zustand existire? Ist
es billig gegen die Grundbesitzer in jenen Districten, wo
Fabriken gegillndet sind, von denselben zu verlangen, dass
sie einen Beitrag aus den Aimensteueni zur Untei'stützung
der Familien derer liefern sollen, von denen man erwarten
könnte, dass sie im Stande sein müssten, aus ihrem Arbeits-
ertrag sich selbst helfen zu können , und die zu gleicher Zeit
dazu beitragen, den Geschäftsherren ein Vennögen zu erwer-
ben? Die Anwendung dieser Bemerkungen ist einleuchtend:
die höchste Einnahme eines Kattundruckers übersteigt, den
Angaben des Ihrem Committee vorgelegten Entwurfs gemäss,
nicht 30 Schilling per Woche und der Durchnittslohn beträgt
25 Schilling.
„Wenn wir also auch allem Rechnung zu tragen
bereit sind, was ja voraussetzlich den Geschäftsherren einer
') Report S. 6.
454 Zweites Bach, Cap. 1.
Eattandruckerei obli^, so scheint es uns doch, dass in
einem so einträglichen Gewerbe ein Wochenlohn von 25 oder
SO Schilling eine sehr wenig entsprechende YergQtimg ftlr
die Arbeiter ist; aber wie uiuss erst das Hans empfinden,
wenn es bedenkt, dass sogar diese Yergfttung eine onznyer-
Iftssige nnd schwankende ist.
„Doch kehren wir zu dem Gegenstande der Einschrin-
kungen (restrictions) zurück : Ihr Committee ist überzeugt, daas
die Regierung nOS für gut befunden hat, ihre Autorität einzu-
setzen, um die Arbeiter zu verhindern, unter sich selbst Mittd
zu verabreden, vermöge derer sie ihre Angelegenheiten mit den
Meistern ordnen könnten ; dass dieselbe bereitwilligst alle Be*
schwerden aus dem Wege räumen werde, welche mög^icher^
weise dadurch entstehen, dass die Meister aus der Existenz einer
solchen Einschränkung Vortheile ziehen. Die Weisheit nnd
Menschlichkeit des Parlaments würde davor zurück Schändern,
das „Gombination Law" zu genehmigen, wenn beim Erlassen
desselben ihm als wahrscheinlich ei'schienen wäre, dass die
Wirkung des Gesetzes lediglich zu Gunsten der Starken nnd
zum Schaden der Schwachen gereichen würde; wenn das-
selbe die augenscheinliche Tendenz zu haben schiene, den
Unterdrückern Freiheit von jeder Strafe zu sichern und den
Meistern einen unbilligen Vortheil einzuräumen : da diese sich^
unter einander vei*einigen können, ohne sich irgend me
gi'osser Gefahr des Entdecktwerdens auszusetzen, und da sie
ihre Pläne zur Ausführung bringen können, ohne eine Oppo-
sition fürchten zu müssen. Es kann niemals die Absicht der
Regierung sein, den Mann zu benachtheiligen, dessen einziger
Wunsch darin besteht, von seiner Arbeit leben zu können und
das ist in der That alles, was ein Kattundinicker anstreben
darf, denn er kann wegen der besonderen Natur seines sich
so sehr von anderen unterscheidenden Gewerbes niemals
darauf rechnen, Meister zu werden, weil dazu ein Capital
nöthig ist« ').
^) Report from the Committee on the minutes of evidence respecting
the calico printers Bd. 34, S. 6.
LohnreguliroDgen. 455
Bei den Baumwollwebem war die Lohnreduction im An-
fang des Jahrhunderts weit stärker. Diese armen Leute
arbeiteten 15—16, sogar 18 — 20 Stunden pro Tag und kamen
doch nur auf einen Wochenverdienst von 9 Schilling oder
nach Abzug aller Kosten von nur 7 Schilling. Die Löhne
sanken 1803 auf die Hälfte oder ein Drittheil ihres frühem
Stands oder noch tiefer, und stiegen 1805 nur wenig. *) Grund
dieser Depression war Uebeiproduction , hauptsächlich betrie-
ben durch kapitalarme SpeculanteU; Abnahme des ausländi-
schen Absatzes — und Verbesserung der Technik, durch
welche in gleicher Arbeitszeit mehr geleistet wurde. Die
Weber, welche noch durchaus Hausweber waren, standen in
ihren Löhnen stark hinter den Spinnern zuiilck. Sie petitio-
nirten seit 1799 ans Parlament und verlangten jetzt mit
grosser Energie ein gesetzliches Lohnminimum, *) wobei sie
von einem Theil der Fabrikanten unterstützt wurden,^) welche
davon eine Verminderung der Concurrenz und Preiserhöhung
ihrer VoiTäthe erwarteten. Das Committee lehnte aber diese
Vorschläge als gänzlich unannehmbar ab, und es hatte darin
nicht Unrecht, denn es wurde vorgeschlagen, ein veraltetes
Mittel gegenüber . einer gänzlich neuen Lage, einem leidens-
vollen Uebergangsstadium des Gewerbes gegenüber anzu-
wenden.
Bald darauf warfen sich denn auch die Weber auf die
Idee des Einigungsamtes. Ihre Noth bestand in wachsendem
Maasse fort, durch Hereinströmen von Arbeitern aus dem Acker-
bau, durch Heranziehung von Weibeni und Kindeni wurde der
Lohn stets weiter gedrückt*); von 12 000 Webern in Man-
^) NatargemäSB gehen die Angaben über die Lohnsätze stark aus-
einander 8. Beport on Petitions of Several Cotton Manufactarers and
joumeymen Cotton Weavers 1808 u. 1809 S. 3, 4, 5, 9, 11.
*) Ueber diese Petitionen s. auch Handloom weavers Report von
1834 8. 447: die Stelle ist in unserm Anhang abgedruckt unter E.
«) S. a. a. 0. (vorletzte Anmerkung), S. 5, 12, 19, 21, 32, 34.
*) Report on Petitions of Several Weavers 1811 S. 2.
4S6 Zweites Bach, Gap. 1.
ehester waren 4170 ohne regehnässige Beschäftigiing. Ein
Zeuge äusserte sich 1811 zusammenfassend:^)
^Froher wünschten die Weber ein Lohnminimum« oder
wenn dies unthunlich sein sollte, eine Regulirung in der
Weise, dass Meister und Arbeiter womöglich untereinander
übereinkommen und im Fall des Auseinandergehens ihrer
Meinungen die Entscheidung einem Unparteiischen übertragen
sollten. Sollte auch dies nidit zu machen sein, so würden de
mit 7 jähriger Lehrzeit zur Abhaltung eines üebermaasses von
Arbeitskräften zufrieden sein/'
Das Einigungsamt *) wurde als eine allgemeine Institation
gewünscht und offenbar schwebte den Arbeitern dabei die
schon gesetzlich bestehende Einrichtung der Schiedsgerichte
als Muster und Analogie vor ^). Mit den Webern von Lanca-
shire verbanden sich nun die aus Schottland, welche 70 Jahre
hindurch an gleichmässige Löhne gewöhnt^) waren und nun
») S. a. a. 0. S. 7.
s) Das in dieser Zeit übliche Wort „agreement*' kann man mit ,JSiiii-
gongsamt*' übersetzen; ausdrücklich wurde darunter nicht IndiTidaalTer-
trag, sondern „a general rate, settled by somebody for each trade acoor-
ding to the drcumstances of the times" verstanden (Report on petitioiis
of several weavers, 1811, S. 8).
Oder noch deutlicher a. a. 0. S. 12 : that a certain number of masters
and workmen should be appointed so see if they can agree apon any
plan ; and if they can not agree, that an umpire should be fixed to dedde
any difference.
') Fifth Report on Artizans and Machinery 1824 S. 544 verlangt dn
Baumwollwcber aus Bolton ein sehr massiges Lohnminimnm und leitet
dies y erlangen folgendermaassen ein :
1800 we applied to Parliament for a regulation of wages on the
principle of the Spitalfieldsact Mr. Pitt at that time being chancellor
of the exchequer, sent our sollicitor down to Lancashire to propose that
if we would give up the regulation of wages he would grant us a law
that would answer our purpose as well or better than the regulation.
We unanimously agreed at a meetiug of delegates to fall in with the
ofifer of Mr. Pitt and he granted the Arbitration Law 89« and 40. Geoi^ III.
c. 90. In 1804 we applied for an amendment and it was amended at the
ezpense of govemment. These Laws answered our purpose to a very
great extent.
*) Report von 1811, S. 10. — Ueber die schottischen Zustände im
Lohnregalinmgen. 457
durch die neue Lage der Dinge mit einem Wochenverdienst
von 5 Schilling in gi-össte Noth kamen. Daraus geht deutlich
hervor, dass man lange Zeit ohne Ordnung der Lohnverhält-
nisse ganz zufrieden war ; dass die Klagen nun auf einmal auf-
traten, das hatte, wie aus dem Report aufs Klai'ste hervor-
geht, seinen Hauptgrund in dem Aufkommen und der Ver-
mehining der Dampfwebstühle, die man sogar zu besteuem
vorschlug. ^) Ausserdem wurden auch Geldunterstüzungen für
die Nothleidenden und öffentliche Waarenlager zur Bekäm-
pfung der preisdrückenden Speculationen der Londoner Com-
missionäre vorgeschlagen.
Das Committee verhielt sich aber durchaus ablehnend
und huldigte unbedingt dem Princip des laissez faire. Es
hatte gewiss unrecht, dass es jede voiilbergehende Hülfe
gegenüber den schmerzvollen Uebergangszuständen versagte,
aber es hatte ebenso gewiss recht, dass es in staatlicher
Lohnregulirung kein brauchbares Mittel zur Linderung der
Leiden der Arbeiter in einem Industriezweig erblickte, der im
Begriffe war, sich modernen Bedürfnissen gegenüber umzuge-
stalten. Unverkennbar war es ja denjenigen, welche die alte
Ordnung, die in diesem Gewerbe theils nie gegolten hatte,
theils eingeschlafen war, nun anriefen, darum zu thun, diese
nothwendige Umgestaltung selbst zu hindern. Das Einigungs-
amt freilich, welches subsidiär oder cumulativ gewünscht
wurde, stand nicht in Widerspi-uch mit den moderen Bedürf-
nissen — für seine allgemeine Einführung unter staatlichem
Schutz waren aber die Dinge noch nicht reif genug.
Das leidensvolle Uebergangsstadium dauerte gerade bei
den Webern besonders lange. Der Sieg des Dampfwebstuhls
vollzog sich nur sehr langsam und die Handweberei wurde
daneben immer fortbetrieben. Die Fruchtbarkeit der Weber,
die Leichtigkeit der Arbeit an den Handwebstühlen, der
Andrang anderer armer und schwacher Leute, auch irischer
Einwanderer in dieses Gewerbe übten fortwährend steigenden
Jahr 1816 und 1817 giebt interessante Auskunft: Richmond, Narrative
of the condition of the manufacturing population, 1825.
') S. Report von 1811, S. 7.
458 Zweites Buch, Ciq^ 1.
Druck auf die Löhne und am Ende unserer Periode, ja noch
weit in die folgende Zeit hinein war die Noth der Handweber
eine grosse öffentliche Calamität ^) — ähnlich haben wir ja
auch in Deutschland in verschiedenen Gegenden ehromsche
Noth gerade der Weber zu verzeichnen. Die Weber, die einst
zur Zeit der Blüthe des Handwerks an der Spitze der indu-
striellen Arbeiterschaft standen, Zünfte und Städte dominirten,
zu Reichthum und Ansehen gelangten, litten nun bei Eäi-
fbhrung der Fabrikindustrie am längsten und stärksten.
In England hatte die Weberei noch 1788 einen neoM
Aufschwung erlebt und die Löhne stiegen damals auf 100 Fl
St. per Jahr. Dies liess die folgende Noth einerseits um so
starker empfinden, anderseits hielt die Erinnerung daran die
Leute um so mehr in dem Gewerbe fest *)
Die Noth der Handweber entstand zwar keineswegs an»-
schliesslich und direct durch die Concurrenz der Maschinen*
Weberei. Sie war vielmehr schon vorhanden, als die Maachi-
nenweberei erst in äusserst schwachen Anfängen existiite.
Allein sie hing in ihrer Entstehung damit zusammen, dase die
neue Betriebsweise der Grossindustrie überhaupt ein Arbeiter»
Proletariat schuf und sie wurde durch das langsame Umddi-
greifen der Mascbinenwebei-ei fortwährend erhalten und ge-
steigert Die Betheiligten erkannten diesen Einfluss der
neuen Betriebsweise selten und täuschten sich meistens durch
die Thatsache, dass die Handweberei und Maschinenweberei
vei-schiedene Artikel erzeugten ^) — als wenn nicht jedesmal,
so oft ein Artikel neuerdings der Maschinenweberei verfid,
dadurch Arbeiter in die der Handweberei noch verbliebenen
Geschäftszweige gedrängt woi*den wären. Schadete doch sogar
der auf Maschinen gewebte Baumwollshirting der Leinenhand-
weberei. *)
Die Schilderung dieses Uebergangs zu neuer Productions-
weise kann ei*st später erfolgen. Hier interessirt uns, dass
^) Handloom weayers Keport 1884.
«) S. a. a. 0. 8. 12.
») S. a. a. 0. S. 13, 77, 101, 102, 117, 147 etc. etc.
*) S. a. a. 0. S. 108.
LohnreguliniDgen. 459
alle Arten von Handwebern, BaumwoU-, Seide-, Wollweber
etc. sich im Anfang der dreissiger Jahre mit übeiTaschender
Einstimmigkeit und unter noch übeiTaschenderer Zustimmung
vieler Capitalisten auf die Idee des Einigungsamts gewoi-fen
hatten. Die Erinneiiing an die bereits abgeschafften Spital-
fieldsgesetze^ sowie die Analogie der Schiedsgerichte waren
dabei wirksam.^) Das entscheidende Motiv aber war unbe-
dingt, dass man einer evidenten grossen Noth abhelfen wollte
durch eine Modification der alten gewerblichen Ordnung
behufs Beschränkung der Concunenz — zu allen Zeiten haben
ja nothleidende Arbeiter und Capitalisten in der äusserlich
hervortretenden ConcuiTcnz die Quelle ihrer Leiden und in
deren Beschränkung einen helfenden Dens ex machina erblickt
— statt die innei-sten Gründe sich entwickelnder Umwälzun-
gen zu erkennen und sich letzteren anzupassen. Unbedingt
ist aus dem Handloomweavers Report zu ei*sehen, dass die
Idee des Einigungsamts unter staatlichem Schutz damals in
einer Kraft und einer Verbreitung auftrat, die sie bis heute
nicht mehr erreicht hat.
Dennoch wurde kein dauernder Erfolg erreicht. Damit
ist das Einigungsamt als Institution der Zukunft nicht ge-
richtet Man wollte es ja damals als Ersatz für das, was
vor Allem unbedingt nöthig war — Veiinindening der Zahl
der Handweber. Man betrachtete es als Panacee und wollte
dadurch die alte Stätigkeit der Verhältnisse wieder hei-stellen.
Das war der Irrthum und die Schwäche der damaligen Be-
wegung, dass die Erinneiaing an alte Ordnungen, die unrett-
bar todt waren, gegen das Wesen der neuen Zustände blind
machte und daher von der modificirt wiederhergestellten alten
Ordnung zu viel erwarten liess.
Erst nachdem die Umwälzungen im gesammten Gebiet
des Handels und der Industrie zu grösserem Abschluss gelangt
sein werden, wird sich eine neue Ordnung kräftig und
dauernd entwickeln können. Die alte Ordnung gegen eine
^) Um zu zeigen, wie man sich die Sache yorstellte, lasse ich im
Anhang unter F als Beispiel die Aussagen eines Zeugen a. a. 0. S. 62
folgen.
460 Zweites fiuch, Cap. 1.
wesentliche Folge der neuen Verhältnisse und des Umschwungs,
nämlich gegen den Wechsel der Conjuncturen , ins Feld zu
fbhren, konnte keinen Erfolg haben.
Man täuschte sich also damals über die tiefsten Grfinde
der Noth. Nur vereinzelte Zeugen erkannten die Lage richtigi
andere mischten in ihren Aussagen entscheidende und neben-
sächliche Gründe der Noth durcheinander, bei den Meisten
war die Ansciiauung oder doch ein unbestimmtes Gefllhl vo^
banden, dass das niedrige Einkommen der Weber von einer
durch Willkür und Bosheit Einzelner hervorgerufenen ttber-
massigen Goncurrenz der Arbeitgeber im Handwebereigeschift
selbst herrühre und dass die Lage der Arbeiter also sofort
gebessert werden müsse, wenn man diesen Concurrenten das
Handwerk legen würde. 0 Natürlich wurden einzelne schaurige
Thatsachen zur Bestätigung dieser Meinung angeführt, —
ähnlich wie jederzeit Schutzzöllner Aufregendes über unsinni-
gen Import fremder Waaren zu erzählen wissen. So wurde
berichtet, ^ dass in Glasgow 800 sogenannte kleine ManufiM>-
turisten existiren, welche die Weber zu Unterechlagungen ver-
leiten, ihr schlechtes Gewebe dann zu Schleuderprdsen
kaufen und verkaufen und dadurch Löhne und Preise drücken.
Es wird erzählt, wie eine Firma die Löhne im ganzen Lande
drücken könne und dergl., es wird ausgeführt, wie besonders
die ganz kleinen den Arbeitern noch nahe stehenden Meister
(„small corks") schlechte Löhne zahlen*), — als ob solche
verderbliche Goncurrenz des Capitals schädlich wirken könnte,
wenn dies nicht einen üebeiHuss von Arbeitern zur Ver-
fügung hat!^) Interessant ist das Geständniss eines Zeugen^)
die Arbeitgeber der Handweber würden die Löhne gar nicht
so drücken, wenn sie ihre Arbeiter gleich den Besitzei-n
gi'osser Fabriken unter den Augen hätten und ihr Elend
sehen könnten — und doch wollte man dem ümsichgi-eifen der
*) S. a. 0. S. 41, 69 (Qu. 951).
*) S. a. a S. 54 £f.
>) S. a. a. 8. 155 ff.
*) S. a. a. 0. S. 66.
») S. a. a. 0. S. 71 (Qu. 975).
Lohnregulirungen. 461
Fabriken und des Maschinenwebstuhls durch Steueim auf
den letzteren vorbeugen und zahlreiche Weber verharrten
in eigensinniger Abneigung gegen Fabrik und Maschine, ^)
während ihre Kinder in der Fabrik mehr verdienten als sie
zu Hause. ^) Es kam dabei auch der Gedanke vor, der Hand-
weber habe ein Recht, im Ei'werb von seiner gewohnten
Arbeit geschützt zu werden, wie ein Eigenthümer in seinem
Besitz^) oder dass der entlassene Weber der Pensionirung
ebenso würdig sei, wie der entlassene Soldat. All diese
Gedanken und Gefühle konnten aber nicht aufkommen gegen-
über der Thatsache, dass namentlich seit 1812 der Maschinen-
webstuhl, abgesehen von der Leinenindustrie, um sich griff
und Klarsehende den allmäligen Untergang der Hand weher ei
als nothwendig erkannten (a. a. 0. S. 144). Wie naiv man
war, mag auch der Umstand beweisen, dass zwar viele Hand-
weber den Maschinenwebstuhl instinctiv hassten und ihn be-
steuern wollten, dennoch aber keinen Groll gegen die daran
beschäftigten Arbeiter hatten, welche allerdings grossentheils
ihre eigenen Kinder waren und auch nicht in beneidenswer-
then Verhältnissen lebten. Auch machte man seit 1826 keine
Vei*suche zur Zei-störung der Maschinenstühle mehr*). —
Aus solchen beschränkten Anschauungen über die Con-
currenz ging also das seit 1832 allgemeine Verlangen nach
einem Gentrallohu-Reguliruugsamt (board) für das ganze Land
hervor, unter dem dann in den einzelnen Districten locale
Aemter fungiren sollten. Nur wenige Zeugen widersprachen ^)
oder beschränkten ihre Wünsche auf rein freiwillige Einig-
ungsämter. Combinationen und Arbeitseinstellungen waren
natürlich vorangegangen, auch war die Einrichtung freiwilli-
ger localer Einigungsämter ohne Schiedsmann schon vorher
vereinzelt gelungen, z. B. in Paisley, wo man sich für je zwölt
') a. a. 0. S. 66.
*) a. a. 0. S. 41.
») S. 71, Qu. 973; Qu. 5330.
*) a. a, 0. Qu. 1978 u. 5731.
^) a. a. 0. S. 310 ff.
462 Zweites Buch, Cap.l.
Monate auf ein Lohnminimum vereinbarte.^) In Manchester
war dagegen ein ähnlicher Versuch misslungen (Qu. 6846).
1827 und 1828 hatte man noch um Oi^anisation von Ana-
Wanderung mit Unterstützung gebeten. <)
Es ist klar, man warf sich auf den Gedanken des staat-
lich autorisirten und organisirten Einigungsamts als auf ein
letztes Mittel gegen die Noth und Viele stimmten offenbar
nur in dem allgemeinen Gefühl zu, dass überhaupt Etwas
geschehen müsse. Betreffs der Organisation der Aemter
im Einzelnen gingen die Vorschläge natürlich etwas aus-
einander'), auch unterschieden sie sich darin, dass man
Aemter theils nur für Handweber, theils für Hand- und Ma-
schinenweber ^ theils für alle Gewerbe verlangte. Die Idee
der Lohnregulirung blieb unausgeführt — sie trat aber ge-
rade in dieser Zeit, nachdem die alte allgemeine Lohn-
reguliiung längst eingeschlafen und selbst das Lehrlings-
gesetz längst abgeschafft war, in einer Stärke und mit
einer allseitigen Untei*stützung auf, wie es weder vorher noch
nachher jemals vorgekommen ist. Die Erfolglosigkeit diesJor
grossartigen Agitation beweist nur, wie unmöglich die alte
Ordnung geworden war, während andrerseits die bei dieser
Gelegenheit enthüllten Thatsachen beweisen, wie traurig und
unhaltbar die mit dem Eintritt der neuen Verhältnisse einge-
rissene Anarchie war.
In anderen Gewerben traten ähnliche Tendenzen, wenn
auch nirgends in so starkem Maasse auf. Sie fehlten nicht
bei den Strumpfwirkern *), bei denen die Sache eigenthündich
lag, weil eine privilegirte Corporation existirte, von der spä-
1) a. a. 0. S. 49, S. 62 ff.
*) a. a. S. 810.
°) Der Wortlaat des Vorschlags von Fielden a. a. 0. S. 626 findet
sich in unserem Anhang unter G.
^) S. Appendix zu dem Framework-knitters Report von 1812 Nn 5,
8. auch was oben von 1778 u. 1779 berichtet ist.
Lohnregulirungen. 463
ter die Rede sein wird. Es bestand in diesem Gewerbe 1805
ein Einigungsamt ^). Von der Aufhebung der Coalitionsgesetze
wurde die allgemeine Einnchtung freiwilliger Einigungsämter
vielfach ei'wartet, und man war im Stande, sich die Organi-
sation derselben ganz detaillirt auszumalen.^)
1819 appellirten die Strumpfwirker von Howick vergeb-
lich an die Magistrate um Lohnregulining : sie wurden ab-
gewiesen.^) 1810—1817 fanden gemeinsame Lohnfeststellungen
durch die Arbeiter und Arbeitgeber bei den Kattundruckera
in Dublin statt.
^) S. Fonrth Report on Artizans and Machinery S. 269 : The men very
seldom meet the hosiers: they meet by themselves and the framework-
knitters meet by themselves; and they transmit what they wish, to each
other. — Aregulation of prices took place 1805; a Statement was formed;
t was a regulation agreed upon by Uie masters.
^) Second Report on Artizans and Machinery, S. 68.
') Die charakteristische Antwort der Friedensrichter s. Fifth Re-
port on Artizans and Machinery S. 865:
Howick, 6th. May 1819.
The justices having taken into consideration the foregoing petition,
are perfectly sensible that the Statement of grievances, which it exhi-
bits, is not overcharged, and they are aware that they are such as must
interest every compassion^te mind. They are of opinion, however, that
any interference on their part, would not only be vain and nugatory but
might even eventually operate to the prejudice of the petitioners them-
selves. They think it neccessary to observe, that they are not impcrati-
vely commanded to do so; but to act, on all occasions of this nature,
as they themselves after enquiry may judge expedient. I<>om the enqui-
ries which they have thought it their duty on this occasion to make they
are perfectly convinced that the master manufacturers , far from wishing
to keep down the wages of the operatives have, in the expectation that
matters would soon retum again to their former Channel, submitted to
a sacrifice on their part to maintain them at their present rates. No
other conduct, indeed, was to have been expected from a set of men, who
in a case of peculiar distress, about two years ago, stiU fresh in our
memories, contrived by a wise and human management, to maintain all
the operatives in their service, when in many other of the manufacturing
towns the masters found themselves obliged to dismiss a considerable
part of their servants. In adverting to this period of distress, the justi-
ces think it incumbent on them to State, at the same time, the meritori-
ous conduct of the operatives, who submitted, for a long period, to many
4Ü4 Zweites Buch, Ci^ 1.
Doch genug der Beispiele. Die angefahrten mögen ge-
nügen, um zu beweisen, dass in den ersten Jahi-zehnten dieBea
Jalirhunderts das Begehren nach Lohnr^ulirung dureh die
Behörden resp. Deputirte der Parteien stark auftrat und ge-
legentlich sogar zeitweilig Erfolg hatte. Es kam aber weder
die Einführung einer neuen noch die allgemeine Wied^^ele-
bung der alten Ordnung zu Stande. Die Agitationen hingee
stark mit den Gewerkvereinen zusammen, diese aber verfielei
keineswegs gewöhnlich zuerst auf diese Anrufung alter G^
setze, sondern erst nach längerer Noth. Die Untersachong '
der damaligen Verhältnisse beweist, wie unmöglich die alte
Ordnung geworden war ; und unverkennbar ist, dass diese sih
gemein längst factisch nicht mehr geübt wurde. Zum
Schlüsse mag als Beweis, wie sehr die alte Ordnung in iD
ihren zusammenhängenden Theilen verkommen und todt war,
noch auf das bekannte Unwesen des „AUowance-Systems^ hin*
gewiesen werden, das namentlich in der Landwirthschaft
blühte. Auch in der Industrie kam es ja, wie wir gesehen
haben, vor, dass bestimmte Kategorien von Arbeitern , re^.
Lehrlingen auf regelmässige Armencassenzuschüsse angewiesen
waren. In der Landwirthschaft wurde es seit 1795 in vielen,
wenn auch nicht in allen Grafschaften föimlich die Regel,
dass die Arbeiter, deren Lohn nur 3 Sh. die Woche be-
trug *), den grösseren Theil ihres Einkommens aus der Aimen-
hard privations, in the most peaceable and becoming manner; and they
cannot help indulging a hope, that by perseverance in a similar line of
conduct for a short time, matters in the natural course of things may
operate a fouvourable change. or the wisdom of Government may intei^
pose, to remove the cause of the evils now complained of.
(Folgen die Namen.)
^) Dies ist das Minimum, welches der Report on Labourera Waget
1824 constatirt. Das in guten Grafschaften vorkommende Maximum wird
auf 18 sh. angegeben. Diese grossen Differenzen lassen sich nur thdi-
weise durch das Allowance-System erklären. Auch in der Industrie Tari-
irten nach zahlreichen Angaben die Löhne sehr stark nach Ort, Zeit
und Gewerbe — eine Thatsache, die unter ^Vnderem auch neua^ngs
wieder sehr deutlich in den Lohnangaben der Zeitschrift Concordia (1880)
hervortritt — und ein Hauptbeweis gegen das eherne Lohngesetz ist.
Technische Vorschriften. 465
casse empfingen und es bestanden feststehende Sätze, nach
denen eine Arbeitei-familie je nach ihrer Eop£zahl Unterstütz-
ung empfing. Dieses Unwesen entsprang allerdings zumeist
aus der Verwilderung des Armen wesens und dem Egoismus
der Pächter, welche aus der Steigerung der Armenlast einen
Grund zur Verminderung des Pachtzinses ableiten konnten.
Es hätte aber nicht um sich gi*eifen können, wäre die lohn-
r^gulirende Thätigkeit der Friedensrichter nicht ebenso ver-
kommen und vergessen gewesen wie der Pflichteifer der
Annenbehörden verschwunden war.
§ 4. Technische Vorschriften.
Die mittelalterliche Ordnung des Handwerks beschränkte
sich nicht auf Regulirung der Lehrlinge und der Löhne, sie
gab auch direct Voi'schriften über die Art und Weise, wie
gearbeitet werden musste und über die Qualitäten der Waaren,
die zu Markte gebracht werden duiften. Solche Bestimmun-
gen sollten die gewerbliche Kunstfertigkeit erhalten, die Kund-
schaft befestigen und das Publicum gegen UebeiTortheilung
schützen. Das Geben und die Handhabung solcher Bestimm-
ungen war in England theilweise in der Hand von Zünften
und localen Obrigkeiten, theilweise beruhten aber solche Be-
stimmungen auch auf Landesgesetz. Auf dem Continent unter-
scheiden sich die Productionsreglements, welche von der Regie-
i-ung für die neuen Manufacturen gegeben wurden, scharf von
den alten zünftischen Ordnungen. In England sind alte und
neue Produktionsreglements dagegen ununtei*scheidbar.
Gewiss sind derartige Bestimmungen nützlich, insofern
sie üeberschwemmung des Marktes mit Waaren verhüten,
denen dasPrädicat ^billig und schlecht^ gebührt Aber noch
mehr als bei der Regulirung der Lehrlinge und Löhne zeigt
sich hier, dass die stramme Ordnung nur zu stätigen Ver-
hältnissen passt, dass sie dagegen in Zeiten eines lebendigen
gewerblichen Fortschritts, in welchen der Einzelne strebt, Erfin-
dungen und Verbesserungen einzuführen und neue Märkte zu
erobeiD, als eine äusserst lästige Fessel empfunden werden,
H el d , Soc G«8cli. Engl. SO
466 Zweites Buch, Cap. 1.
welche man theils durch Gesetzesumgehung übei*springt, theils
durch offene Agitation zu durchbrechen strebt. Wir sehen
also diesen Theil der alten Ordnung, welcher naturgemftss
nicht auf allgemeinen Gesetzen beruhte, sondern sich aus einer
Menge Specialbestimmungen zusammensetzte, in unserer Zeit
in vollster Auflösung.
Nur in Ausnahmefällen, in denen es sich um Heranzieh-
ung einer jungen Industrie handelte, sehen wir das System
noch in Kraft und wohlthätig wirkend. Das Leinengeschftft
in Irland wurde auf diese Weise in die Höhe gebracht, indem
man in Irland zwar die Verarbeitung von Wolle g^enüber
England zu unterdrücken suchte, dafür aber den Irländem
die Leinenindustrie lassen und diese heben wollte.
Seit der Königin Anna bestand in Irland ein „Board of
trustees appointed to supeiintend the concerns of the linen
and hempen manufacture''. Dasselbe war aus unentgeltlich
amtirenden, vom Chief Govenior ernannten vornehmen und
reichen Leuten zusammengesetzt 0 , vertheilte Prämien und
veranstaltelte Experimente, vertheilte Utensilien etc. und
seine Wirksamkeit gereichte im Allgemeinen zur Zufriedenheit
Spinnschulen wurden in Irland schon fiühzeitig emchtet *).
Das Parlament hielt es 1825 3) für nöthig, die Thätigkeit
dieses Amtes zu untersuchen und gab allerlei Anregungen.
Einige ältere Vorschriften sollten erleichtert werden. Die Ar-
beitstheilung unter den irischen Webern wurde als ungenügend
bezeichnet. Vor allem wurde das Amt aufgefordert, darauf
zu sehen, dass nur Leinengarn „in a clear regulär made-up
State" nach England komme. Und es wurde vorgeschlagen,
das Amt solle die Länge und Qualität der zu verkaufenden
Producte feststellen — kurz, man hielt es im Allgemeinen
fiir gut, die alten Regulirungen dem Wesen nach aufi-echt zu
erhalten.
') Report on the Laws which regulate the Linen Trade iu Ireland
1822.
'^) S. Report on Traders and Dealers in the Linen Manufactorr,
26. April 1751.
-') S. Zwei Reports on the Linen Trade of Ireland 6. u. 22. Juni 1825.
Technische Vorschriften. 467
Allein das bezog sich auf eine verwahrloste Bevölkeiiing,
die durch Einfluss von oben herab zur industriellen Thätig-
keit herangebildet werden sollte und keine eigene Initia-
tive hatte.
Ganz andei*s standen die Dinge in den Gewerben in Eng-
land. Die Strumpfwirker, deren Lage 1812 und 1819 unter-
sucht wurde, begehrten zwar stark nach technischen Reglements.
Allein der Zweck dieses Verlangens war Aufrechterhaltung
höherer Löhne gegenüber neuen billigeren Productionsweisen
und die Durchführbarkeit der gewünschten Bestimmungen wurde
mit Recht bezweifelt. Diese Vorgänge, sowie die bei den
Ziegelbrennem sollen, da sie mit altem Zunftrecht zusammen-
hingen, später besprochen werden.
Was andere englische Gewerbe betrifft, so zeigt sich die
Ueberlebtheit der technischen Reglements am deutlichsten in
der Wollindustrie, sowie in der Gerberei und dem Lederhandel.
Für die Wollindustrie bestanden noch alte Vorschriften,
welche die Länge und Breite des zu verkaufenden Tuchs fest-
setzten und verfügten, dass dasselbe amtlich gesiegelt werden
musste, 1715^) wurde nun schon geklagt über das Messen des
Tuchs in den Walkmühlen, das seit 1712 vorgeschrieben war.
1725*) liefen Klagen ein, dass das Siegeln ausser Gebrauch
komme und die Länge des Tuchs falsch angegeben werde:
insbesondere wurde über das betiügerische Ausdehnen (stret-
ching and straining) des Tuchs geklagt. 1729 ^) wurde aus dem
Tuchdistrict West Riding of York petitionirt und 11. Georg L
c. 24 „for the better Regulating the Manufacture of Cloth"
(1724) als unwirksam bezeichnet Das Stempeln und Siegeln
der Tuche in den Walkmühlen geschehe fortwährend schlecht,
und es werde falsch gemessen. Auch gegen betrügerisches
Färben mit falscher schwarzer Farbe gewährte das Stempeln
keinen Schutz.*) 1734 wiederholen sich die Petitionen aus
^) Journals of the House of Commons, Vol. 18 S. 67, 165.
*) Journals Vol. 20 S. 377.
•'») Journals Vol. 21 B. 246.
*) Journals VoL 20 S. 776.
80*
468 Zweites Bach, Cap. 1.
dem West Riding of York^); ebenso 1738*); immer wieder
zeigt es sich, dass die Aufsicht Betrügereien nicht yerhindom
konnte. Es wird auch 1788^) mitgetheilt, dass es WoUhftndler
giebt, welche die Wolle an arme Leute ausgeben, die mit
Truck bezahlt werden und aus dem Pfund Wolle statt 16
ounces 18 — 20 ounces Garn spinnen, welche verschlechterte
Waare das Ansehen der englischen Wollproducte im Ansland
erschüttere.
1739*) und 1751*) wird über betrügerisches Aufwindoi
der Wolle, Mischung von guter mit schlechter Wolle, Ein-
mischung von Schmutz, Gebrauch von zu viel Pech und Theer
beim Zeichnen der Schafe etc. geklagt — diese Missbräuehe
aber von anderer Seite geleugnet, resp. gerechtfertigt.
Kui-z es zeigt sich ein beständiger fruchtloser Kampf der
reglementirenden Gesetze gegen die sie stets durchbrechende
gewerbliche Praxis. 1765 endlich wurde 11. Georg I. c. 24
nebst zwei folgenden vei-schärfenden resp. bestätigenden Ge-
setzen gleicher Art, soweit sich diese auf die Constatinmg
von Länge, Breite und Gewicht des Wolltuchs im West Ri-
ding of York bezogen, wegen ihrer Unwirksamkeit durch
5. Georg III. c. 51 aufgehoben. Dieses höchst umfängliche Ge-
setz, das viele strenge Strafliestimmungen enthält, gab aber
das Princip der amtlichen Constatirung der Länge der Tuche
nicht auf, sondeni verfügte nur, entsprechend vielen Petitionen
von 1705^), dass nunmehr jedes Stück Tuch nach seiner wirk-
lichen Länge abgestempelt werden solle, während bis dahin
eine Nonnallänge von 1 yard 13 inches gegolten hatte, die
im einzelnen Fall nicht genau eingehalten werden konnte, so
dass bei einem kleinen Manco das Tuch als richtig abge-
stempelt wurde.
^) Journals Vol. 22 S. 234.
*) Journals Vol. 23 S. 52, 75.
0 Journals Vol. 23 S. 89.
*) Journals Vol. 23 S. 481.
«) Journals Vol. 26 S. 320, 329, 385.
•) Journals Vol. 30 S. 91, 143, 167, 207, 155, 158, 262.
Technische Vorschriften. 469
Kaum war das neue Gesetz gegeben, so wurde auch über
dieses wieder geklagt.^) Die Strafen seien zu streng, die
Kaufleute und Fabrikanten würden durch die Inspectoren
chikaniil, durch Zeitverlust benachtheiligt. Das Gesetz wurde
daher 1766 durch 6. Georg ni. c. 28 amendirt.
Damit hatte es nun einstweilen sein Bewenden. Der schon
erwähnte grosse WooUen Report von 1806 erklärt, dass die
Gesetze über Abstempeln des Tuchs wenigstens im Westen
Englands aufgehoben werden sollten, wenn auch im Norden
noch einige „Regulations'' am Platze sein möchten ^) und 1821
wurde die Frage der Stemplung des Tuchs speciell unter-
sucht.*) Das Untei-suchungscommittee erklärte rundweg, diese
Gesetze belästigten nur die Fabrikanten und Eaufleute, das
kaufende Ausland lege nicht den geringsten Werth darauf.
Nur dadurch, dass die Gesetze lässig ausgeführt würden,
hätten sie die Industrie noch nicht iiiinirt. In Leeds aller-
dings, wo noch kleine Industrie mit Tuchhallen vorheiTsche,
sympathisire man noch mit den alten Gesetzen; dies bei-uhe
aber nur auf Einbildung, denn die Eaufleute kauften trotz
des Siegeins in der Tuchhalle nur nach der Elle und messen
zu Hause genau nach, ehe sie bezahlen. Dabei seien die Ge-
setze nicht einmal den kleinen Tuchmachern günstig, sondem
geben im Streitfall den Kaufleuten grössere Rechte.
üeberblickt man diesen ganzen Vorgang, so ergiebt sich,
dass schon seit Anfang des vorigen Jahrhundeits die Regle-
ments über Länge etc. des Tuchs mehr zu Klagen Veranlas-
sung gaben als nützten — und dass sie schliesslich seit dem
Siege der Fabriken und der Heri'schaft des Welthandels
gänzlich sinnlos und unmöglich geworden waren.
^) Journals Vol. 30 S. 529, 623, dagegen S. 692.
') Dieser Report erklärt die betreffenden Gesetze als factisch bereits
obsolet. S. 422 sagt ein Zeuge, die Industrie brauche heutzutage keine
Aufsicht gegen Missbräuche mehr, sondem billiges Rohmaterial und gros-
sen Markt; sie hänge vielmehr von der Coneurrenz als von „nugatory
legislative acts** ab.
^) Report on the Laws relating to the stamping of Wo ollen Cloth
29. April 1821.
470 Zweites Buch, Cap. 1.
Im Ledergewerbe stritt man sich 1733^) darum, ob den
MetzgeiTi das Zerfetzen und Zerschneiden der Felle verboten
werden solle und 1798 beschloss das Haus'), dass die alten
Gesetze für die Lederindustrie überhaupt amendirt werden
sollen. Dieselben wurden 1808 durch 48. Georg HL c 60
wirklich aufgehoben, nachdem 1807 eine Untersuchung darOber
stattgefunden hatte. ^) Das Hauptgesetz, welches bis dahin
galt, war 1. Jacob I. c. 22, welches im Laufe der Zeit
vielfach bestätigt und amendirt worden war. Nach diesen
Gesetzen bestanden nicht nur scharfe Competenzbeschränk-
ungen zwischen Gerbern, Lederarbeitern, Schuhmachern und
Metzgern, sondern es war auch bestimmt, dass die Gerber
Häute nur auf offenem Markt einkaufen und nur an Leder-
arbeiter verkaufen durften. Dies war allerdings schon kürzlich
aufgehoben worden. Dagegen bestanden noch formell Verbote
gegen die Anwendung von Surrogaten für Eichenrinde und
Vorschriften über die Zeitdauer des Gerbeprocesses. Femer
waren die Stadtobrigkeiten noch verpflichtet, alles Leder vor
dem Verkauf prüfen und siegeln zu lassen.
All diese Bestimmungen bezeichnet das Committee von
1807 als obsolet. Sie wurden auch 1808 abgeschafft, nur die
Beschränkung der Gerber auf ihr eigenes Gewerbe blieb.
Die Sicherung guter Waare durch technische Reglements
und obrigkeitliche Aufsicht erwies sich also auch hier als un-
durchführbar.
1781 begannen auch die Goldschmiede, gegen das Gebot,
nur 20karätiges Gold verarbeiten zu dürfen, zu petitioniren*),
was 1798 Erfolg hatte, indem 38. Georg HI. c. 69 auch
18karätiges Gold gestattete.
In andern Gewerben fielen ilhnliche Bestimmungen, weil
die auswärtige Concurrenz die Aufrechterhaltung bestimmter
Qualitäten der Waare in England unmöglich machte.
1) Journals of the House of Commons Vol. 22 S. 264, 273, 305.
*) Journals Vol. 53. 19. März 1798.
") Report on Tanners, Shoemakers and other Artificers occapyiog
the Cutting of Leather. 15. Febr. 1807.
*) Journals Vol. 38. 2 April 1781.
Preistaxen und Marktpolizei. 471
Diese Beispiele mögen genügen, zu zeigen, dass die alte
Ordnung, welche die Production in technischer Hinsicht zu
beheiTschen suchte, den Bedürfnissen der neuern Zeit gegen-
über unmöglich geworden war.
§ 5. Preistaxen und Marktpolizei.
Die alte Ordnung in ihrer guten Zeit strebte nicht nur
die Meister in ihrer Stellung und in ihrem Erwerb zu sichern,
sondeiTi sie sorgte auch für Arbeiter und Lehrlinge, die zwar
zum Dienst gezwungen wurden, aber denen auch ihr Aus-
kommen garantirt wurde. — So wenigstens war es nach den
Gesetzen der Elisabeth, wenn auch fi-ühere Gesetze mehr an
Erzwingung billiger Arbeitskraft dachten und spätere die Ar-
beiterinteressen wieder vergassen. Immerhin geholte es zu
den wesentlichen Principien der alten Ordnung, derzufolge
der Lehrling und Arbeiter ein künftiger Meister war.
Aber nicht nur in dieser Hinsicht zeigte die alte Ordnung
eine gewisse Vielseitigkeit und Billigkeit, sie dehnte ihre Rück-
sichtnahme auch auf die Consumenten aus, denen man wenig-
stens in Bezug auf die wichtigsten Lebensbedürfnisse Sicher-
heit der nöthigen Zufuhr auf den Markt und einen billigen
Preis für gute Waare gewährleisten wollte.
Ein Einschreiten der öffentlichen Macht zu diesem Zweck
war im fiühen Mittelalter^) nicht nur nützlich, sondern ge-
radezu nothwendig. In gewaltthätigen , unfriedlichen Zeiten,
bei allgemeiner Unkenntniss des Publicums über die Waaren
und Unfähigkeit desselben, zu messen und zu wägen, bei ge-
ringer Concurrenz war es unerlässlich , in dieser Weise zu
helfen, sollte überhaupt Verkehr entstehen und wachsen. Die im
vorigen Paragraphen erwähnten Normalmaasse für die Länge des
Tuchs erklären sich z. B. auch daraus, dass es lange Zeit für
das Publicum bequem war, nach ein für allemal feststehenden
Maassen zu kaufen, an die man gewohnt war und mit denen
') S. darüber auch Ochenkowsky a. a. 0. S. 80, 94 (vgl. oben S. 410).
472 Zwmtes Buch , Cap. 1.
man sich gewöhnt hatte, bestimmte Preisvorstellungen zu
verbinden. —
Was so anfangs nöthig war, erwies sich lange als nütz-
lich, so lange als die Verhältnisse bis zu gewissem Grade
stereotyp waren, d. h. so lange kein rascher Wechsel der
Qualitäten der Waare und ihrer Herstellungsweise stattfand,
und so lange der directe Absatz des Producenten an den
Consumenten ohne speculirende Zwischenhändler mit ausge-
dehnter Concurrenz vorheiTschte. Einer intelligent vorwärts
schreitenden Production und einem rege entwickelten Handel
gegenüber aber wurden solche auf den kleinen stätigen Markt
berechnete Massregeln unmöglich. Wir sehen, dass was von
ähnlichen Einrichtungen noch bestand, schon im 18. Jahrhun-
dert schwer lösbare Schwierigkeiten in der Ausführung be-
reitete. Das 19. Jahrhundert aber musste nothgedrungen
giUndlich damit aufräumen.
Preistaxen und Marktpolizei bezogen sich natürlich auf
allgemein verbrauchte unentbehrliche Waaren. So bereitete
die Kohlenzufuhr nach London der Gesetzgebung grosse Sorge,
von der wir aber wegen der Existenz von geschlossenen Zünf-
ten in diesem Handelsgeschäft erst später reden werden.
Unter strengen Bestimmungen stand der Butterhandel, in
welchem aber nichtsdestoweniger fortgesetzt Betrügereien statt-
fanden.^)
Im März 1737 ^) wurde daiilber gestritten, ob der Käse-
handel in ehester in der Hand der P'actoi-s bleiben oder regu-
liit werden solle.
1762 wurde ^) petitionirt, dass den Metzgern das Schlach-
ten und Fleischverkaufen im Hause verboten und nur auf
öffentlichen Märkten gestattet werden solle. Im April und
^) Report on Butter Trade in Ireland 1826; ferner 36. Georg in.
c. 86 und 38. Georg III. c. 78 und Journals of the House of Commons
Vol. 51 (Februar und März), Vol. 52 (5. Mai), Vol. 53 (7. Mai).
") Journals Vol. 23 S. 69, 139.
^) Journals Vol. 29 S. 149.
Preistaxen und Marktpolizei. 473
Mai 1796 *) klagten die Metzger gegen die Praxis der Vieh-
verkäufer. 1796 wurde mit Erfolg um Verschärfung alter Ge-
setze gegen die Praxis der Zwischenhändler im Heu- und
Strohhandel von London geklagt.^)
Die hervoiTagendste Rolle unter den Waaren aber, welche
einer Taxe unterworfen waren, spielte das Brod. Es existirten
Gesetze seit Heinrich HI., welche deutlich und entschieden
das Wohl der ärmeren Classen im Auge hatten und auf dem
Princip beruhten, dass bestimmt werde, wieviel das Farthing-
Brod bei einem bestimmten Preis des Quailera Weizen wiegen
musste. Dieses Gewicht wurde so berechnet, dass der Bi*od-
preis dem Bäcker ersetzen sollte die Auslagen für Korn, Salz,
Licht, Holz und Lohn und dass ihm dann pro Quarter Weizen
zwei Brode und etwas Geldgewinn übrig blieben.
Im Jahre 1736^) nun petitionirten Bäcker, dass die Me-
thode der Festsetzung der Brodtaxe den Verhältnissen nicht
mehr entspreche und geändert werden solle, und 1758 wurden
durch 31. Georg H. c. 29, eines der umfangi-eichsten Gesetze
seiner Zeit, die alten Gesetze unter einiger Modification co-
dificirt. Der Gewinn der Bäcker wurde factisch etwas erhöht,
indessen bald wieder herabgesetzt*), so dass das Gesetz in
London 1800 trotz gemachter Anstrengungen sich als unaus-
führbar erwies. Das Gesetz zwang übrigens die Behörden nicht
zur Aufstellung einer Brodtaxe, so dass diese auch nicht
überall existirte. Es war im Uebrigen sehr streng, zwang
z. B. auch die Bäcker, dass sie Brod an denjenigen, der den
haaren Preis nach der Taxe anbot, abgeben mussten.
Die grösste Schwierigkeit nun bestand in der Constati-
rung des Weizenpreises; darüber verfügt zuei-st 8. Anne c. 18
Etwas, welches Gesetz einfach auf die Korn- und Mehlpreise
auf den „several public markets** verwies. 31. Georg IL be-
*) Journals Vol. 51.
*) Journals Vol. 51 (März u. April).
^) Journals of the House of Commons Vol. 22 S. 602.
*) S. Report on Laws being relative to the assize of Bread 1772,
der an der Nothwendigkeit einer Brodtaxe im Allgemeinen nicht zweifelt,
aber Kückkehr zur alten Norm empfiehlt.
474 Zweites Buch, Cap. 1.
Stimmte, dass die Preise während der ganzen Marktzeit unter
eidlicher Bestätigung der „Clerks of the market" zu Grunde
gelegt werden mussten.
Daraus geht klar heiTor, dass die Brodtaxe sich leicht
reguliren liess, so lange der Kornpreis zu jeder Zeit an jedem
Ort eine einfache und notorische Grösse war, so lange der
Mehlpreis in constantem Verhältniss zum Kornpreis stand,
und so lange die Art des Brodbackens eine einfache und
gleichmässige war. Sowie ein speculirender Koni- und Mehl-
handel auftrat und die Mehlpreise in derselben Zeit ungleich
waren, fehlte die richtige Basis für eine allgemein billige
Brodtaxe.
Auch 1774 war man noch unbedingt der Meinung, dass
eine Brodtaxe sein müsse, doch sah man ein, dass diese sich
nicht mehr ausschliesslich nach dem Kornpreis reguliren lasse,
da auch der mit dem Koinpreis nicht immer im gleichen Ver-
hältnisse stehende Mehlpreis in Betracht komme. Die Specu-
lation der Müller, ihre verschiedenartige Production und ihre
complicirten Handelsbeziehungen zu den Bäckern bewirkten
also, dass die Brodtaxe sich nicht mehr so einfach und sicher
bestimmen liess. Indessen war der Glaube an die Nützlich-
keit der Reglementirung noch so stark, dass man zunächst
auf den Gedanken kam, auch die Müller einer Taxe zu unter-
werfen.*)
Die Stärke dieses Glaubens zeigte sich auch, als steigende
Kompreise Noth hervorriefen; zugleich aber zeigen die ge-
machten Vorschläge in ihrer schwer ausführbaren Compliciit-
heit, wie überlebt dieser Glaube war. 1796^) wurde vorge-
schlagen , in Theueiungszeiten sollten die Magistrate die Aus-
scheidung der Kleie über ein gewisses Maximum in den Müh-
len verbieten, sie sollten die Production von feinem Mehl, das
Backen von Brod aus Mehl mit Abzug von mehr als 5 Pfund
Kleie auf 60 Pfund Weizen verbieten etc. Zugleich wurde
^) Report on Methods practised in making flour from Wheat etc.,
14. Juni 1774.
2) Fourth and Fifth Report on the High Price of Cora. 3. u. 8.
März 1796.
Preistaxen und Marktpolizei. 475
verlangt, es sollte Korn nur nach Gewicht verkauft und es
sollten öffentliche Wagen aufgestellt werden.
Aehnliche Voi-schläge tauchten 1800 und 1801 auf^), wo
auch die Beschränkung der Verwendung von Korn zur Spiri-
tusfabrikation neuerdings ihre Rolle spielte.
Für London speciell galt 37. Georg III. c. 98 (1797), wo-
nach die Magistrate sowohl den Eom- als den Mehlpreis zu
Grunde legen konnten, wobei diese Preise auf Grundlage
wöchentlicher eidlicher Aussagen der Bäcker selbst consta-
tirt wurden. In Folge dessen verloren die Bäcker das Inter-
esse am billigen Mehleinkauf, kauften unbesorgt theuer gegen
Credit, gaben jedenfalls nur diese höchsten bei langem Credit
gezahlten Preise an und warfen sich mit Vorliebe auf den
Kauf des theuersten nnd besten Mehls, aus dem am meisten
Brod gemacht werden konnte.
So konnten Müller selbst, die Backhäuser anlegten und
und einzelne Bäcker, die das Mehl billig gegen Baaraahlung
kauften, das Brod unter der Taxe verkaufen und das Bi*od
war in London überhaupt theurer als in Biimingham und
Manchester, wo keine Taxe existirte. Ein grösserer Capitalist
White verkaufte Jahre lang Brod unter der Taxe und wurde
reich dabei, weil er das Mehl im Grossen billiger einkaufte.
Nach 38. Georg III. c. 62 (1798) wurden die Behörden
angewiesen, bei den Brodtaxbestimmungen dem Preis des Quar-
tei-s Weizen 5 pence in Anbetracht der neuen Erhöhung der
Salzsteuer zuzufügen.
Indessen alle Mühe, die man sich gab, konnte einen all-
gemein befriedigenden Zustand nicht schaffen. Es wurde
fortgesetzt geklagt, sowohl in London*) als in der Provinz 3).
Es wurde dabei constatirt, dass in Bristol eine Brodactien-
Gesellschaft existiite, die schlechteres Brod unter der Taxe
abgab und über die die Magistrate keine Gewalt hatten.*)
^) Second Report on the Assize and Making of Bread, 6. März 1800.
Report on High Price of Provisions, 1800 u. 1801.
*) Report on London Bakers 27. AprU 1813.
^) Report on the Petitions of Country Bakers 1813.
*) Minutes of Evidence 3. Juni 1813.
476 Zweites Buch, Cap. 1.
Das Gesetz 53. Georg IE. c. 116 (1813) suchte darauf
das ganze Bi*odtaxwesen neu zu reguliren.
1815 ^) wurde die Sache eingehender untei*sucht und die
Parlements-Commission kam aus den angegebenen GiUnden
wegen der Verschiedenheit des Mehlpreises, sowie auch des-
halb, weil aus derselben Quantität Korn doch nicht überall
und jederzeit dieselbe Quantität Brod gemacht wird und ge-
macht werden kann, zu dem Resultat, dass jede Taxe abge-
schafft und freie ConcuiTenz eingeführt w^erden solle.
Unzweifelhaft hatte die Commission Recht — für ihre
Zeit ging es nicht mehr; ihr allgemeiner Zweifel, ob die Ge-
setze jemals nützlich gewirkt hätten, ei-scheint dagegen als
ungerechtfertigt. Darauf wurde die Brodtaxe für London und
nächste Umgebung durch 55. Georg III. c. 99 wirklich auf-
gehoben, bestand aber sonst noch fort.
Uebrigens erwies es sich bald, dass nicht nur eine eigent-
liche Brodtaxe, sondern auch das amtliche Wägen des zum
Verkauf gelangenden Brodes undurchführbar war. Das Brod
ändert bekanntlich sein Gewicht, wenn es länger liegt und
trockener wird. Wog man das Brod zu beliebiger Zeit nach
dem Backen, so verloren die Bäcker, die über dem Gewicht
backen mussten. Durfte es nur 24 Stunden nach dem Backen
gewogen werden, so hatte das Publicum keinen Schutz^).
Das Committee von 1821 war daher gegenüber dem in-
zwischen (1819) erlassenen Gesetz 59. Georg III. c. 36, das
den BäckeiTi ausserhalb Londons schon manche Erleichterun-
gen schaffte, der Meinung, man solle sich einfach auf das
Verbot der Beimischung fremder Stoffe zum Brod und auf das
Gebot beschränken, dass die Bäcker legales Gewicht haben
und auf Verlangen des Käufers das Brod vorwiegen müssen.
Dennoch bestand die Brodtaxe ausser für London und
seine Umgebung noch fort und wurde immer wieder neu regu-
^) Report on Laws relative to the Monufacture, Säle and Assize of
Brcad.
2) Report ou Petitions of Country Bakers 1^18 und Report on the
existiug regulations relative to the making and the Säle of Bread 1821.
Competenzbegrenzungen verschiedener Gewerbe. 477
lirt, während in London verschiedene Versuche gemacht wur-
den, den Brodhandel ohne Taxe zu reguliren^).
§ 6. Competenzbegrenzungen verschiedener
Gewerbe.
Es war im Allgemeinen der Zweck der alten Ordnung,
gewerbliche Kunstfertigkeit zu erhalten und auszubilden und
Jedem, der dem Gewerbe berechtigter Weise angehörte, seinen
Nahrungsstand zu sichem. Dieser Zweck wurde in England
weder ausschliesslich durch allgemeine organische Gesetze
noch durch legalisirte Zunftstatuten angestrebt, sondern beide
Wege wurden zugleich beschritten und dazu kamen eine Menge
specieller Gesetze für einzelne Orte und Gewerbe. So herrschte
zu keiner Zeit in England eine überall gleiche Ordnung. Aber
es lässt sich stets aus einzelnen wichtigen Beispielen der Geist
ableiten, der zu irgend einer Zeit in der Ordnung der Ge-
werbe vorhen-schte. Die wichtigsten Quellen für solche Er-
kenntniss sind einerseits die Gesetze über Lehrlingswesen und
Lohnregulining, anderseits die Verfassungen wichtiger Zünfte.
In diesen spielten auch Voi-schriften über die den einzel-
nen Gewerben gestatteten Thätigkeiten ihre Rolle, welche dem
Zweck der Sicherung des Nahrungsstandes dienten. Indessen
es kamen solche Vorschiiften auch unabhängig von Zünften
und Corporationen vor und deshalb mögen vor der Bespre-
chung der Zünfte noch einige besondere Thatsachen angeführt
werden, aus denen das Verkommen gewerblicher Competenz-
beschränkungen erhellt:
Im März 1725 wehrten sich die Clothdressers in Leeds
dagegen, dass auch die Clothiers ihre Arbeit betrieben und
verlangten, dass diese ihnen als einem selbständigen Ge-
werbe vorbehalten bliebe.*)
Im Februar 1 737 beklagten sich Schuster *) über den
*) S. 1. u. 2. Georg IV. c. 50 (1821), 8. Georg IV. c. 106, 5. Georg IV.
c. 50.
«) Journals Vol. 20.
«) Journals Vol. 22 S. 62 u. Vol. 23 S. 174.
478 Zweites Buch, Cap. 1.
Unfug, dass Lederhändler heimlich Leder an Schusterarbeiter
verkaufen, die daraus Schuhe machen.
Die Fabrikanten von mit Seide übei*sponnenen Knöpfen
genossen gewisse Vorrechte durch das Verbot von Tuchknöpfen
und verlangten Versch«arfiing des letztem 1718 und 1738.*)
1796 erlangten die Fabrikanten von vergoldeten Knöpfen
Schutz gegen verfälschte Waare.^)
Die Schnallenmacher in Birmingham verlangten, dass
Schnallenhakenmacher ihr Product nicht ausführen dürften,
sondern es ihnen verkaufen müssten, 1760.*)
Für die Metzger bestanden durch 5. Anne c. 34 und
7. Anne c. 6 Vorschriften, denen zufolge nur bestimmte Arten
von Metzgem Schafe und Lämmer direct von den Päch-
tern kaufen durften, was 1765 zu Klagen Veranlassung gab*)«
Seit 1785 entspann sich ein langer Kampf zwischen den
Ladeninhabem und Hausireiii, deren Berechtigungen sehr be-
schränkt wurden.^) Die Hausirer wurden dabei von kleineren
Manufacturisten vielfach untei*stützt.
Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, dass im
vorigen Jahrhundert gewerbliche Competenzbeschränkungen
nicht selten waren und dass durch den Egoismus der Bethei-
ligten das Interesse an solchen Voi*schriften noch nicht er-
loschen waren. Sie hatten indess keine grössere Bedeutung,
so dass eine eingehende Schilderung dei-selben unterbleiben
kann. Ich gehe nun zu den Zünften über, als dem letzten
wichtigen Best der mittelalterlichen Ordnung, der hier be-
sprochen werden soll.
') Journals Vol. 18 S. 675 u. Vol. 23 S. 75.
2) Journals Vol. 51, 9. Febr.
3) Journals Vol. 28 S. 785.
*) Journals Vol. 30 S. 295.
») Journals Vol. 40 S. 85, Vol. 41 (Februar u. März), Vol. 44
(April), Vol. 50 CSIärz).
Zünfte. 479
§ 7. Zünfte.
Die gewerblichen Coi-porationen des 18. Jahrhunderts
nenne ich kurzweg Zünfte, weil sie Fortsetzungen älterer
Verbände waren , die zwar in England in Bezug auf Allge-
meinheit ihres Vorkommens und Autonomie sich stets von
den deutschen Zünften unterschieden, letzteren aber doch in
Bezug auf Zweck und Organisation im Wesentlichen gleich
waren. Ihren ursprünglichen Zwecken waren sie im 18. Jahr-
hundert wesentlich entfremdet — dies Schicksal theilten
sie mit den deutschen Zünften. Eigenthümlich aber war
ihnen, dass sie in einzelnen Fällen zu privilegirten Corpora-
tionen geworden waren, deren Competenz sich über das ganze
Land ei*streckte. In solchen Fällen kann man denn das Wort
Zunft, woninter man sich doch immer einen localen Verband
vorstellt, nur in uneigentlichem Sinne anwenden. Indessen
auch solche sogenannte Zünfte hatten ihre Basis in einzelnen
Städten und so mag es zulässig sein, das englische Wort
„Company" durchweg mit „Zunft" zu übersetzen.
Im 18. Jahrhundert hatten die Zünfte als gewerbliche
Goi*porationen , denen die Ausbildung und Ausfühmng der
gewerblichen Ordnung theilweise übertragen war, aufgehört
wohlthätig zu wirken. Diese Ordnung selbst hörte auf lebens-
fähig zu sein, ihre coiporativen Träger verwandelten sich in
egoistische Vertretungen von Sonderinteressen oder vergassen
aus Lässigkeit ihre Pflichten zu erfüllen. Um den Zustand
der Zünfte in unserer Periode zu schildern, will ich zunächst
zwei besonders interessante Zünfte, die der Gesetzgebung viel
zu schaffen machten, nämlich die der Kohlenhändler und
Strumpfwirker vorführen und dann noch eine Reihe anderer
Zünfte kürzer besprechen.
Der Kohlenhandel zwischen Newcastle on Tyne und
London bereitete der Gesetzgebung während des 18. Jahr-
hunderts grosse Sorge. Es handelte sich um die Versorgung
des hauptstädtischen Publicums mit unentbehrlichem Brenn-
material und sowohl im Interesse des Publicums als der be-
theiligten Händler, Schiffer und Arbeiter griff die Staatsgewalt
480 Zweites Buch, Cap. 1.
fortwährend ein. 1729 *) erkannte das Parlament auf Grund-
lage vieler Petitionen an, dass unter den Eigenthümein und
Ftthrem der Schiffe schädliche und ungesetzliche Combina-
tionen behufs Erhöhung des Kohlenpreises bestanden. Im
Jahre darauf wurde über die Praktiken der Lichterschiffer
in London geklagt, die durch 11. und 12. Wilhelm UI. c. 21 zu
einer Zunft „the Watermen's Company" incoi'porirt , und
denen durch 2. Georg 11. c. 26 strenge Verpflichtungen in
Bezug auf Lehrlinge aufgelegt wurden. Und 1730*) erschien
ein Committeebericht, welcher diese Klagen als berechtigt aner-
kannte. Die Lichterschiffer benutzten ihre Stellung als Mit-
glieder einer privilegirten Zunft, indem sie gleichzeitig gegen-
über den SchiffsheiTn als Factoren fungirten und selbst auf
eigene Bechnung Kohlen kauften. Sie verhindeiten die Koh-
lenhändler, Kohlen in ihren eignen Schiffen von einer Stelle
des Themseufers zu einer anderen zu fahren. Sie erhoben
Prämien dafür , dass sie bestimmten Kohlensorten einen Vor-
zug beim Verkauf einräumten. Kurz sie missbrauchten ihre
Stellung zur Ausbildung eines gemeinschädlichen Monopols
des Kohlenverkaufs. Zugleich wurden Betrügereien im Messen
der Kohlen constatiil. Dagegen protestirten natürlich die
Lichterschiffer; ihre Privilegien hätten sie durch 7jährige
Lehrzeit ei*worben. ^)
Darauf wurde 3. Georg IL c. 26 „An Act for the better
Regulation of the Goal Trade" erlassen, welches Gesetz den
Kohlenhändlern den Gebrauch ihrer eigenen Schiffe gestattete.
Doch mussten sie ihre Schiffe bei der Corporation der Lich-
terschiffer gegen eine Gebühr einschreiben lassen. Den
Lichterschiffern und Kohlenhändlern wurde bei Strafe ver-
boten, für die Schiffsherrn als Factoren oder Agenten Kohlen
zu verkaufen. Auch wurden die alten Strafen auf Prämien-
zahlung behufs Bevorzugung einzelner Kolilenarten und Schiffe
erhöht. Das Gesetz verhinderte aber nicht, dass schon im
*) Journals Vol. 21 S. 372.
2) Journals Vol 21 S. 465, 468, 474, 518.
■•) Journals Vol. 21 S. 539.
Zünfte. 481
folgenden Jahre und dann wieder 1738^) über Hinaufechrau-
ben der Kohlenpreise und Gombinationen geklagt wurde.
Diese Klagen erstreckten sich nun auch auf Machinationen
in Newcastle, nicht nur in London. Die Klagen wiederholten
sich 1746 und 1747*) und die Lichtenmänner protestirten
g^en ein den Klagen entsprechendes Gesetz.
Hatten bisher nur die Interessen der Consumenten, Händler,
Schiflfer und Lichterschiffer sich gemessen, so griffen nunmehr
auch die Arbeiter, nämlich die Kohlenträger ein, deren Ver-
hältnisse durch 31. Georg IL c. 76 (1758) regulirt wm-den.
Die Kohlenträger beklagten sich nämlich, 3) dass Bierwirthe
das Besorgen von Ausladem für die Kohlenschiffer monopoli-
sirt hätten und verlangten ein obrigkeitliches Vermittlungs-
amt, sowie Hilfe zur Bildung einer Hilfskasse. Die Unterhändler
brachten es in ihrem Streben, die Arbeitsvermittlung zu mono-
polisiren, sogar dahin dass die Schaufelmacher keine Schau-
feln an die ihnen nicht unterthänigen Kohlenträger verkauften.*)
Das Parlament trat auf die Seite der Arbeiter gegen die
Unterhändler und Kohlenschiffer. Allein schon 1762 sehen wir
die Arbeiter wieder petitioniren. Nach dem Gesetz waren circa
50 besondere Gruppen von Kohlenträgern mit je einem Vor-
mann gebildet und registrirt worden.^) Allein die Unter-
händler hatten sich dagegen combinirt und beschäftigten nur
solche Gruppen, die keine Hilfscasse gebildet haben und nicht
registrirt sind. Sie wollten die selbständig organisirten
Gruppen, durch welche die Unterhändler überflüssig wurden,
sprengen. Und ihr Streben war erfolgreich, denn 1764^)
erklärte ein Committeebericht, dass das nach 31. Georg H. den
Arbeitern gewährte ßegisteramt factisch eingegangen sei.
1770 wurde das Gesetz durch 10. Georg IH. c. 53 aufgehoben.
So endigte dieses Intermezzo in der Geschichte der Regulirung
1) Vol. 23 S. 155, 160, 164, 166, 263, 283, 318.
«) Vol. 25 S. 142, 133, 360, 374, 381.
^ Vol. 28 S. 73, 202, 228, 258, 268.
*) a. a. 0. S. 259, 264, 270.
^) Vol. 29 S. 122, 319, 766; die Gruppen heissen „Gänge".
«) Vol. 29 S. 936.
Held, Soe. Gesch. Engl. * 31
482 Zweites Buch, Cap. 1.
des Kohlenhandels, indem die Gesetzgebung den Versuch, die
Arbeiter zu unterstützen, bald und vollständig aufgab.
Inzwischen erhoben sich 1766 neue Streitigkeiten in New-
castle, wo die Kohlenzubereiter selbst Schiffsheim wurden
und die Schiffer beeinträchtigten, indem sie gute Kohlen nur
auf ihren Schiffen verluden^) und 1770 erhoben auch die
Arbeiter dieser Zubereiter Klage, dass die alten Gesetze über
das Maass der Ladungen zum Schaden ihrer Löhne übertreten
würden*). Auch waren inzwischen 6. Georg TU. c. 35 und
7. Georg IIl. c. 23 Gesetze erlassen worden, welche das
Messen der Kohlen in Westminster und London unter Auf-
sicht stellten und regulirten.
Im Jahre 1787 und 1788 3) wurden neue Anstrengungen
gemacht, die Benachtheiligungen der Kohienschiffer durch die
Lichterschiffer in London und der Kohlenbereiter in NewcasÜe
durch einen geregelten Tunius der zum Laden zugelassenen
Schiffe zu heben. 1788 hob 28. Georg III. c. 53 die dui-ch
9. Anne c. 28 und 3. Georg IL c. 26 verhängten Strafen auf,
weil die betreffenden Personen die Praxis des Handels so
vorgefunden haben und durch Strafen minirt werden ; dasselbe
Gesetz erklärte aber gegenüber der Gesellschaft der Londoner
Kohlenbörse alle Vereinigungen von mehr als 5 Pei-sonen
behufs Ankaufs von Kohlen oder Regulirung des Kohlenhan-
dels als ungesetzlich.
Ueberblicken wir alle Klagen über die Missbräuche im
Kohlenhandel und alle dagegen erlassenen Gesetze im 18. Jahr-
hundert, so sehen wir, dass der Glaube noch allgemein heiTScht,
es müsse der Handel mit einem so wichtigen Product streng
regulirt werden. Alle Versuche der Regulirung aber erweisen
sich fortgesetzt als unwirksam oder ungenügend. Die Con-
sumenten und die Gesetzgebung liegen dabei fortwährend im
Kampf mit gesetzlichen Corporationen, wie denen der Lichter-
schiffer und mit ungesetzlichen Combinationen der Producenten
') Journals Vol. 30 S. 542, 670, 706.
*) Journals Vol. 32 S. 644.
•'') Journals Vol. 42. 7. 9., 11., 15., 18. März, Vol. 43. 80. Novbr.,
10. Dcbr., 29. Febr., 8. u. 14. April.
Zünfte. 483
und Verkäufer, welche fortwährend mit Erfolg den Preis der
Kohle in die Höhe zu treiben suchen. In den Coiporationen
dominiren egoistische Specialinteressen , der Staat erscheint
unfähig die allgemeinen Interessen durch seine Regulimngen
und durch Herstellung von freierer Concurrenz auf künstlichem
Wege zu schützen. Aus dem Jahre 1800 haben wir noch
zwei Committeeberichte ^) welche unbedingt constatiren , dass
der ganze Kohlenhandel nach London von monopolistischen
Gruppen beherrscht werde. Die Gnibenbesitzer hatten einen
Verband „The Limitation of vends" genannt, demzufolge jede
Grube nur ein gewisses Quantum Kohlen im Jahr verkaufen
durfte, die Schüfe in Newcastle mussten unmässig lange auf
Ladung warten, und in London existiite kein freier Markt.*)
Es wurde daher vorgeschlagen, den Kohlenhandel der City of
London selbst zu übertragen, oder ihn doch auf einen öffent-
lichen der Aufsicht der Stadtbehörden unterworfenen Markt
zu verlegen und durch Ganalbauten eine Concurrenz mit den
Kohlen aus Newcastle in London zu ermöglichen. Interessant
ist dabei, wie man sich bemühte, die Kosten und Gewinne
der Kohlen verkauf er au& Genaueste zu constatiren und daraus
Folgerungen für wünschenswerthe Regulirung des Handels zu
ziehen.
Alle diese Vorgänge zeigen deutlich den Bankerott der
alten Ordnung und das Verkommen der Corporationen in
egoistischen Sonderinteressen. Gruppen von empoi*strebenden
Capitalisten beuteten den Markt aus und möglichste Befreiung
der Concurrenz als Gegenmittel war theils noch ni^ht den
hen*schenden Meinungen entsprechend, theils noch nicht mög-
lich. Beim Versuch einzugieifen gedachte der Staat gelegent-
lich der Arbeiter, diese Rücksicht trat aber gegenüber der-
jenigen auf die geschlossen organisirten Gruppen der Produ-
centen und Händler und der Consumenten in den Hintergrund.
^) Reports from Committees on the Goal Trade. Juni u. Dcbr. 1800.
^) Diese Gnibenbesitzer hatten schon lange Alles gethan, die Con-
currenz zu erschweren. Schon 1739 (Journals Vol. 23 S. 283 etc.) wurde
constatirt, dass sie Grubenfelder pachteten, nicht um sie abzubauen, son-
dern um ihre Abbau durch Andere zu verhüten.
31*
484 Zweites Buch, Gap. 1.
Die Hechte incorporirter legaler Zünfte spielen bei der
ganzen Entwicklung eine Bolle, doch ist hier offenbar das
Treiben freier Verbände von gi-össerer Bedeutung. Anders
bei den Strumpfwirkern. In diesem Gewerbe beginnt der
Streit mit einer Opposition gegen Zunftrechte.
Das Stinimpfwirkergewerbe in London yvurde schon unter
Cromwell, wie alle Londoner Gewerbe, incorporirt ^). 15. Karl
II. (1664) erhielt die Stinimpfwirkerzunft darauf einen Charter,
der sie zu einer „Coiporation mit staatlicher Autorität" unter
dem Titel „Master, Wardens, Assistants and Society of the
Company of Frameworkknitters of our said cities of London
and Westminster and our Kingdom of England and dominion
of Wales" gestaltete.
Danach konnte jeder Stinimpfwirker zum Beitritt zur
Gesellschaft gezwungen werden^) unter Geldstrafe von 5 Pf.
Sterl. für jede Woche, in der er ohne Beitritt das Gewerbe
trieb. Die Organe der Zunft bekamen das Recht, alle Werk-
stätten zu betreten und Geldstrafen für betrügerische oder
regelwidrige Arbeit aufzulegen. Die Coi-poration durfte
Statuten erlassen. Sie sollte im Allgemeinen die gesetzliche
7 jährige Lehrzeit im Gewerbe einführen, der Vorstand konnte
aber auch Andere aufnehmen ^).
Es wurde also eine Zunft mit dem Sitze in London ge-
gründet, welche das Gewerbe im ganzen Lande beherrschen
sollte und welcher ausgedehnte ^ewerbepolizeiliche Befugnisse
übertragen wurden.
Im Jahre 1710 kamen bereits Streitigkeiten mit den
Arbeitern vor, welche über Ueberzahl von Lehrlingen nament-
lich in Folge der Annahme von Kirchspiellehrlingen klagten
und als Vorläufer der späteren Ludditeu die Rahmen zer-
störten. Die Meister gaben damals nach, Einer aber wanderte
nach Nottingham aus, setzte sich über die Londoner Regeln
weg und nahm unbeschränkt Kirchspiellehrlinge an, wofür er
^) Felkin, History of the Machine wrought Hosiery and Lace Ma-
nufactures, London 1867, S. 07.
') Report on Framework-knitters Petitions. 27. Mai 1812.
^) a. a. 0. S. 49, siehe den Wortlaut des Charters.
Zünfte. 485
5 Pf. St. pro Kopf von den Kirchspielen bekam. 1729
unterliess es das Parlament, dem Unfug mit den Kirchspiel-
lehrlingen Einhalt zu thun, bedrohte aber das Zerstören von
Werkzeugen mit Todesstrafe, welche in einigen Fällen 1770
wirklich vollstreckt wurde*).
Die Londoner Zunft machte von ihrem Rechte Statuten
zu erlassen 1744 Gebrauch. Die neuen Statuten wurden 1745
bestätigt ^). Danach ernannte die Zunft Deputirte, welche in
allen Werkstätten die Güte der Arbeit beaufsichtigten. Es
wurde streng verboten, Rahmen vonNichtmitgliedemzu miethen.
Die 7jährige Lehrlingszeit wurde zur Vorbedingung für den
Gewerbebetrieb und Eintritt in die Gesellschaft erklärt.
Genaue Vorschriften wurden über Annahme von Lehrlingen
und Arbeitern erlassen. Letztere durften nur bei Zunftmit-
gliedeiTi eintreten mit gegenseitiger einmonatlicher Kündi-
gungsfrist und mussten selbst Gesellschaftsmitglieder sein. Die
Meister mussten vierteljährlich 6 pence, die Arbeiter 3 pence,
berechtigte Mitglieder, die das Gewerbe nicht ausüben, auch
6 pence bezahlen. Die Aufnahme in die Zunft kostete
13 Schillinge. Die Lehrlinge mussten am Schluss der Lehr-
zeit ein Meisterstück machen und 12 Schillinge 12 pence
erlegen.
Diese Statuten beweisen, dass die Zunft gegen Gewerbs-
beeintiächtigung durch Nichtmitglieder zu kämpfen hatte.
In Nottingham wurde 1753 gegen diese Prätensionen Opposi-
tion erhoben, weil sie „gegen die Vernunft und die Freiheit
der britischen Unterthanen*' seien ^), das Gewerbe nicht höben,
sondern diückten, — die Jurisdiction der Zunft sei schon
seit 22 Jahren ausser Gebrauch. In London selbst erhob sich
Opposition gegen die egoistischen Statuten. Natürlich wehrte
sich die Zunft und in Nottingham selbst fanden sich neben
den Opponenten auch Bundesgenossen der Londoner Zunft,
welche Regulirung des Gewerbes im Interesse der Erhaltung
guter, geleiTiter Arbeiter verlangten.
^) Felkin a. a. 0, S. 227 fif.
') Journals of the House of Commons Vol. 26 S. 779 ff.
■'^) Journals Vol. 26 S. 593.
486 Zweites Buch , Cap. 1.
Es erfolgte eine eingehende Untei-suchung, bei der sich
herausstellte, dass die Zunft selbst ihre Pflichten nicht erfüllte,
sondern zumeist nur ihre Rechte zum Zweck der Bereiche-
ning der Mitglieder missbrauchte. Die Meisterstücke wurden
nicht gepi-üft, sondern nur die Gebühren erhoben: Gewerbs-
missbräuche wurden nicht gerügt und unterdrückt, sondern
nur die Strafen wurden eincassirt. Es gab Deputirte, die
selbst keine Lehrzeit durchgemacht hatten. Gegen Zahlung von
Gebühren wurde Jedermann in die Gesellschaft aufgenommen.
Das Parlament erkannte die Klagen gegen die Zunft als
berechtigt an und ihre Macht über das ganze Gewerbe war
seitdem factisch gebrochen. Andere Ordnungen zum Schutze
der Arbeiter wurden nicht eingeführt. Seit 1740 hatten sich
in dem Gewerbe, namentlieh durch einen gewissen Stnitt,
der sich später mit Arkwright associirte, technische Fortschritte
entwickelt. Diese aber kamen den Arbeitern nicht zu Gute.
In London wie in Nottingham standen den Arbeitern capi-
talistische Unteniehmer dort zunftmässig organisiit, hier ohne
solche Organisation gegenüber und drückten die Löhne foit-
während herunter, so dass 1778— -1790 bittere Streitigkeiten
zwischen den Arbeitern und Arbeitgebeni entstanden, während
deren die ei-steren finichtlos um Regulirung des Gewerbes
und der Löhne petitionirten ^), Die Noth der Arbeiter wurde
zwar anerkannt *), allein es scheint dass namentlich die Furcht
vor französischer Concurrenz ein Einschreiten verhinderte.
Fruchtlos wurde an die alte Ordnung appellirt, nachdem
diese durch neuen capitalistischen Betrieh der Production und
durch den Welthandel unmöglich geworden war. Grosse
Fabriken blühten in diesem Gewerbe ei-st seit 1860 auf, aber
die Abhängigkeit der hausindustriellen Meister von kapital-
reichen Arbeitgebeni war längst begründet. 1780—1810
kamen zwar keine Unruhen unter den Strumpfwirkern mehr
vor, aber die inicksichtslose Uebermacht der Herren wuchs
fortwährend und 1811—1814 trieb das Elend der Stnmipf-
^) S. Brentano a. a. 0. S. 110 fif.
'') Journals Vol. 37. 5. Mai 1779.
Zanfte. 487
Wirker diese zum Schliessen heimlicher Verbände. Die
Strumpfwirker betrieben nunmehr unter den Namen Ludditen
das Zerstören der Rahmen planmässig.
Auch in dieser Zeit erinnerte man sich wieder der alten
zünftigen Ordnung und strebte danach, wenigstens ihren Geist
durch neue allgemeine Gesetze wieder zu beleben. Es ist
dabei charakteristisch, dass das Postulat der Reguliioing des
Lehrlingswesens und der Löhne stark in den Hintergiund
trat gegenüber der Tendenz, die Concurrenz von billigeren
nach neuer Methode gemachten Producten zu unterdrücken.
Was die Löhne betrifft, so wurde stark über Truck geklagt;
auch wurde verlangt, dass jeder Strumpf händler in seinem
Waarenhaus Tabellen über die Löhne für jede Art Arbeit
und über die Rahmenmiethe aufhängen solle. Es könne eine
Strumpf Wirkerfamilie nur 13^ ^ Schilling per Woche verdienen ^)
Indessen als Hauptbeschwerdepunct erscheint immer „betiüge-
rische Arbeit,'' d. h. man agitirte in erster Linie gegen neue
Productionsmethoden *), deren ümsichgi*eifen stark auf ver-
mehrter Verwendung von Baumwolle beruhte^).
Nach diesen Unruhen gelang es an einzelnen Orten Lohn-
erhöhung durch Verabredung durchzusetzen. Bald aber sanken
die Löhne wieder in Folge einer neuen technischen Aende-
rung, des sogenannten „cut-up-work". Die Löhne in Leicester
sanken dadurch auf 6—7 Shill per Woche bei 15 stündiger
täglicher Arbeit. Wieder wurde das Verbot dieser Production
verlangt*). Die Noth dauerte fort bis 1845. 1846 begannen
sich gi'össere Fabriken mit Dampfbetrieb zu entwickeln und
seit 1860 datirt ein neuer Aufschwung des Gewerbes^). Un-
leugbar gehört das Strumpfwirkergewerbe zu denjenigen, in
welchen die Arbeiter am stärksten und am längsten gelitten
haben. Deutlich ist aber an diesem Gewerbe zu sehen, dass
^) Report on Framework-knitters Petitions, 27. Mai 1812.
*) S. a a. 0. Appendix No. 5: Statement by the Frame work-knitters
of the Groiuids of their petitioning Parliament.
^) Second Report on Framework-knitters. 16. Juli 1812.
*) Report on Framework-knitters Petition 1819.
') Felkin a. a. 0. S. 442 ff.
488 Zweites Buch, Cap. 1.
nicht willkürliche Aufhebung der alten Ordnung die Noth der
Arbeiter verschuldete. Vielmehr war die alte Zunft, welche
der Form nach noch bis 1835 fortbestand, bereits in der Mitte
des vorigen Jahrhunderts keine Einrichtung zum Schutze aller
berechtigten Interessen mehr, sondern eine Clique mit Sonder-
interessen und ein Hemmniss für den Foiischritt des Gewerbes.
Internationale Conjuncturen, häufiger und rascher Modewechsel
und technische Fortschritte machten jede eniste Ordnung alten
Stik seit dieser Zeit unmöglich in einem Gewerbe, in welchem
der sogenannte Meister abhängig war vom Kaufmann und
Rahmenvermiether. Leidenschaftlicher Zerstörungstrieb und
reactionäre Petitionen der Arbeiter kämpften vergebens g^en
die Macht des Capitals und die neue Technik, bis endlich
nach Uebergangsleiden und anarchischen Zuständen, die 1^^
Jahrhunderte ^) hindurch gewährt hatten, dies EiTeichen eines
gewissen Höhepunkts der technischen Entwicklung wieder
bessere Tage brachte. Die Leiden der Arbeiter eiregen unser
Mitgefühl und wir sympathisiren mit Lord Byron, der 1812
seine Jungfemrede gegen die auf Maschinenzerstörung gesetzte
Todesstrafe hielt. Ja, wir können es tadeln, dass weder 1779
noch 1812 überhaupt ein energischer Versuch zur, wenn auch
nur voiHbergehenden, Abhülfe der Noth, gemacht wurde. Aber
wir müssen zugestehen, dass die alte und speciell zünftische
Ordnung als solche nicht mehr helfen konnte.
Auch in anderen Gewerben erwiesen sich vorhandene
Zünfte als ihrer Aufgabe nicht mehr gewachsen.
Schon die Königin Elisabeth liatte der Zieglerzunft in
London unter dem Namen „Company of freemen of the Art
and Mystery of tilers and bricklayers^ einen Cluirter gegeben,
demzufolge sie das ganze Gewerbe im ISmeiligcn Umkreis von
London beherrschte und Verordnungen über das Ziegelbrennen
gegeben hatte. Diese wurden aber nicht eingehalten. Das
Parlament beschloss daher 1725-), neue Anordnungen zu er-
lassen und die Befugnisse der Zunft zu verstärken, wogegen
') S. Report von 1812 S. 1—4.
') Journals Vol. 19 S. 593 ff.
Zünfte. 489
zwar andere Meister protestirten , was aber doch den Erlass
eines Gesetzes 12. Georg IL c. 35 zur Folge hatte. Bald
aber ertönten wieder Klagen ^ , dass die Zunft ihre Befug-
nisse schlecht ausführe. Der Voi-stand der Zunft begünstige
XJnterschleife, gestatte einzelnen Mitgliedern das Gesetz zu
umgehen und dadurch Concurrenten zu unterbieten etc. Das
Parlamentscommitee schlug selbst vor, dass obrigkeitlich be-
stellte Aufseher eine mit dem Zunftvoretand concurrirende
Gewalt ausüben sollten ; auch erklärte es die technischen Vor-
schriften über Grösse und Herstellungsweise der Ziegel auf
Vorstellung von Hausbesitzern für veränderungsbedürftig. Ge-
setze wurden dem entsprechend 1728 und 1749 erlassen —
die 1770 noch einmal amendirt, bis 1773 verlängert wurden
und dann erloschen.
Erwies sich hier die Zunft als unfähig, eine wohlthätige
Ordnung des Gewerbes aufrecht zu erhalten, so sehen wir
auch anderswo, wo immer Zünfte auftraten, nur Klagen über
ihr Verhalten.
Durch 13. Karl I. waren die Londoner Metzger zu
einer Zunft vereinigt. Diese erklärten sich 1746*) ausser
Stande, den Vorstand vorschriftsmässig zu wählen. Auch eine
Bäckerzunft existirte in London, die 1787 »), 1788 *) und 1789*)
um Anerkennung ihrer Rechte petitionirte. Dieselbe spielt
aber bei der lebhaft ventilirten Frage der Brodtaxe keine
Rolle.
In London existirte auch eine Zunft der Färber, welche
im 10 meiligen Umkreis von London das Gewerbe zu über-
wachen hatte, dass nur in erlaubter Weise mit gesetzlichen
Farbstoffen gefärbt werde. 1783 wurde wegen vorkommender
Betrügereien und in Anbetracht von technischen Fortschritten
um Aendening dieser ^) Einrichtung petitionirt. Darauf wurde
^) Journals Vol. 21 S. 57, 60, 64, 76, 142, 210, 230, 436, 496.
«) Journals Vol. 25 S. 50.
») Journals Vol. 42. 15. März, 21. Mai.
*) Journals Vol. 43. 8. Febr.
^) Journals Vol. 44. 11. Febr.
^) Journals Vol. 39. 31. Januar.
490 Zweites Buch, Cap. 1.
23. Georg III. c. 15 erlassen, welches Gesetz dafür Sorge
trug, (lass, wenn die Londoner Färberzunft ihren Verpflich-
tungen nicht nachkam, andere Aufseher des Gewerbes eventuell
durch die Friedensrichter bestellt würden. Offenbar war also
die Zunft unfähig, die Ordnung im Gewerbe aufiecht zu er-
halten.
Die Zunft der Goldschmiede in London hatte schon 1329
einen Charter. Im 18. Jahrhundert aber hatte diese Zunft
durchaus aufgehört, nur aus Leuten zu bestehen, die 7 Jahre
in ihr gedient hatten, oder alle Meister zu umfassen ^). Nach
älteren Gesetzen war dieser Zunft das Stempeln der Gold- und
Silberwaaren übertragen.
In Hallamshire existirte seit 21. Jacob I. eine Zunft der
Messerschmiede. Gegen die Missbräuche in dieser Zunft er-
hoben 1 789 Mitglieder selbst ihre Stimme -). Es herrschte in
dieser Zunft die auch sonst vorkommende Einrichtung, dass
die Beamten ihre Nachfolger selbst ernannten. So bildeten die
Leute, welche die Zunft leiteten und ihr Vermögen ver-
walteten, eine Gi'uppe, welche ihre Sonderinteressen auf Kosten
der ganzen Zunft verfolgten. Es wurde nun gebeten, die Be-
amten sollten durch Wahl aller Zunftmitglieder bestellt wer-
den, die Feilenschmiede sollten in die Corporation aufgenommen
werden, und es solle nicht nur den Meistern, sondern auch
den Arbeitern, die Mitglieder der Zunft sind, das Recht zu-
stehen, Lehrlinge anzunehmen — eine Forderung, die, neben-
bei bemerkt, deutlich zeigt, wie bei dem Herrschen der Haus-
industrie der Untei-schied zwischen Meister und Arbeitem sich
verwischt hatte. Dieser Unterschied war übrigens in England
mit seiner 7jährigen Lehrzeit und dem Mangel an Ausbildung
eines eigentlichen zünftigen Gesellenstandes nie so scharf wie
bei uns.
Im folgenden Jahre wiederholten sich diese Petitionen ^).
^) lleport on the Manner of Condueting the scvcral Assay Offices in
in London etc. 1793.
«) Journals Vol. 44. 20. März 1789.
^) Journals Vol. 45. März und April 1790.
Zünfte. 491
Zugleich kamen Gegenpetitionen von Leuten, die bisher das
Gewerbe ausserhalb der Zunft betrieben hatten und nicht
unter dieselbe gestellt werden wollten. Namentlich erklärten
die Sheffielder, dass alle Beschränkungen schädlich seien und
verlangten eine „liberale Gewerbepolitik" ^). Die Mitglieder
der Zunft selbst verlangten zwar Beschränkungen und Zunft-
ordnung, aber doch Erleichterung derselben. Insbesondere
handelte es sich dabei um die Beschränkungen der Lehrlinge *).
Nach den Zunftstatuten von 21. Jacob L c. 31 durfte kein
Messer-, Scheeren- oder Sichelschmied Lehrlinge halten, der
nicht selbst Eigenthümer eines Werks war (Meister) ; und ein
solcher durfte, abgerechnet seine eigenen Söhne, zu gleicher
Zeit nur einen Lehrling haben. Man bat darum, dass mehr
Lehrlinge gestattet werden sollten, und zugleich um besseren
Schutz gegen den Gebrauch falscher Marken. Die alten Be-
schränkungen der Lehrlinge seien bei der heutigen Ausdehnung
des Gewerbes schädlich"). Es kam darauf das Gesetz 31.
Georg III. c. 58 zu Stande, welches sich den Petitionen der
Messei-schmiede anschloss und durch 41. Georg III. c. 97
amendirt und verschärft wurde. —
Ausser den im Vorstehenden erzählten Fällen konnte ich
keine anderen entdecken, in denen im 18. Jahrhundert Zünfte
die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Sie existirten
in wichtigen alten Industriezweigen, wie in der Tuchindustrie,
sowie in den ganz neuen wie der Baumwollindustrie überhaupt
nicht. Sie waren niemals in England eine allgemeine Institu-
tion, sondern entstanden immer nur für einzelne Gewerbe und
Bezirke durch besondere Creirnng seitens der Staatsgewalt.
Wo sie in's Leben gerufen wurden, waren sie sozusagen spe-
cielle Organe der allgemeinen Gewerbeordnung. Offenbar
aber waren diese Organe im 18. Jahrhundert noch hinfälliger
^) Journals Vol. 46. 22. März 1791.
«) Journals Vol. 46. 1. Dzbr. 1790. *
^ Brentano a. a. 0. S. 114 meint, die Arbeiter hätten sich gegen
die Aufhebung der Beschränkung der Lehrlinge gewehrt Allein aus dem
Obigen geht hervor, dass diese vielmehr selbst trachteten, Lehrlinge halten
zu dürfen.
492 Zweites Buch, Cap. 1.
geworden wie die Ordnung selbst. In vielen Gewerben, in
denen sie formell noch existirten, scheint ihre Thätigkeit
schon völlig eingeschlafen zu sein. Was sollten auch Ver-
bände gleichstehender Meister gegenüber den grossen Gapita-
listen mit ihrem Gefolge von Hausindustriellen ? Wo sie aber
noch Energie entwickelten, war es zumeist eine gemeinschäd-
liche Richtung, in der sie wirkten und dieses ihr Wirken rief
die fiilhesten mir bekannten Appelle an das natürliche Recht
der Gewerbefreiheit in Kreisen von praktischen Industriellen
hervor. Sie waren Ruinen, die dem Aufbau neuer Gebäude
gelegentlich im Wege standen, aus deren Fugen aber nicht
einmal neues Leben sprosste, deren Steine sich nicht einmal
bei neuen Gebäuden venvenden Hessen. Die grossen Kämpfe
und Agitationen, die uns das 18. und der Anfang des 19. Jahr-
hundeits auf gewerblichem Gebiete zeigen, gehen an den
Zünften ohne Interesse und Aufregung vorüber. —
Zweites Capitel.
Entartung des Mercantilsystems.
§ 1. Das Mercantilsystem.
Die Handwerksordnung, wie sie namentlich in der Gesetz-
gebung der Elisabeth verkörpert war, zeigt sich im 18. Jahr-
hundei-t unbedingt im Absterben und Verfall. Es wird aller-
dings in praktischen Kreisen noch nicht stark für ihre prin-
cipielle Abschaflfung agitirt, ja es wird theilweise mit Leiden-
schaft für ihre Wiederbelebung gekämpft. Aber die Agi-
tationen gegen diese Ordnung sind nur deshalb so schwach,
weil sie ein kräftiges Leben nicht mehr hat und die Kämpfe
für ihre Wiederbelebung sind fruchtlose Versuche, welche aus
wenig überlegter Empfindung der Noth hervorgehen.
Anders steht es mit den Schutzzöllen, den Navigations-
gesetzen und den damit zusammenhängenden Maassregeln,
welche die modenie Staatsgewalt zur Begünstigung und Reg-
lung des grossen Handels und des modernen Manufacturbetriebs
eingeführt hatte. Diese Einrichtungen standen gerade im
18. Jahrhundert in vollster Blüthe und wenn die Literatur,
wenn modenie Freiheitsideen bereits dagegen kämpften, so
dachte doch die Gesetzgebung nicht an ihre Abschaffung. Die
Betheiligten verlangten sie allgemein mit grosser Energie und
die zu ihrer Durchführnng bestellten Organe Hessen sie nichts
weniger als einschlafen. Ei-st gegen Ende des 18. Jahrhunderts
zeigen sich in Interessentenkreisen vereinzelt entgegengesetzte
Ansichten und ei-st im 19. Jahrhundert beginnt das erstarkte
Capital seinen Sturmlauf gegen den Protectionismus , den es
lange Zeit so eifrig erbeten hatte.
494 Zweites Buch, Cap. 2.
Es ist bezeichnend für das 18. Jahrhundert, dass das
Parlament sich sehr viel mehr mit Zollfragen und Interessen
des Handels und der grossen Industrie als mit Arbeitemoth
und Beglung des Handwerks beschäftigte. Die arbeitenden
Massen schwiegen dazu, wenn die Gesetzgebung sich mit För-
derung des Reichthums der Reichen im Lande befasste. Die
hervoiTagende Wichtigkeit der Interessenkämpfe der Reichen
unter einander beweist eben den Niedergang des kleineren
Gewerbes.
Die ältere Handwerkerordnung legte Pflichten und Rechte
zugleich auf. Das mercantilistische Protectivsystem förderte
zwar einen Theil der Interessen auf Kosten eines anderen,
legte aber den von ihm Begünstigten keine Pflichten zur Her-
stellung und Innehaltung einer allgemein wohlthätigen Ordnung
auf. Es erzog gewissermaassen^ einen uusocialen und staatlosen
Egoismus des grossen Capitals, bis dieser zum Manchester-
thum ausartete, das weit eher eine Fmcht des Protectivsystems
als ein Gegensatz zu demselben ist. Es ist allerdings bei der
englischen Entwicklung und der englischen Verfassung nicht
möglich, die ältere und neuere Ordnung scharf zu trennen,
wie denn z. B. privilegirte Actiengesellschaften zur Hei-stellung
von Glasplatten mit privilegirten Zünften grosse Aehnlichkeit
haben. Allein namentlich die auf das Zollwesen und die
Schifffahit bezüglichen Maassregeln lassen sich immer als
specifisch mercantilistisch ausscheiden, zumal sie seit Crom-
well und namentlich im 18. Jahrhundert gegenüber den mittel-
alterlichen Zöllen einen entschieden eigenthümlichen Charakter
angenommen hatten. Die Tendenz, die Production wohlthätig
zu regeln, die Consumenten sicher zu versorgen , alle mit der
alten Marktpolizei verwandten Tendenzen traten, wenn man
sie auch noch im Munde führte, fectisch durchaus in den
Hintergrund gegenüber der Tendenz, einzelne Gruppen von
grösseren Producepten und Besitzen! zu begünstigen. „Er-
muthigung'* der Production war das grosse Losungswort.
Aeusserlich zeigte sich dies in dem Vorherrschen der Ein-
gangszölle und Ausfuhrprämien.
Das Mercantilsystem. 495
Indessen so sehr diese Maassregeln noch in Kraft und
Blüthe standen, sie ti-ugen doch schon im 18. Jahrhundert
deutlich erkennbar ihren Todeskeim in sich. Sie wurden
so unsinnig gehäuft, dass sie sich gegenseitig neutralisirten
und eben ihre beständige Steigerung beweist, dass sie die
gehegten Erwartungen nicht mehr erfüllten. So sehr man
sich noch um sie kümmerte, so hatten sie doch factisch auf-
gehört, eine wirklich in grossartigem Maassstab vorwärts
treibende Kraft zu sein. Innerlich waren auch sie schon
im Verfall und sie waren das, nachdem sie kürzere Zeit, als
die alte Handwerksordnung, heilsam gewirkt hatten.
Es gehört heute zu den nationalökonomischen Gemein-
plätzen, dass es unsinnig sei, principiell und unbedingt für
Freihandel oder Schutzzoll zu sein. Man müsse im einzelnen
Fall untei-suchen, ob und welcher Schutzzoll nützlich sei.
Unzweifelhaft ist dieses richtig. Schutzzölle können
wünschenswerth sein im Interesse der Selbständigkeit des
Landes, im Interesse der Hei-stellung eines besseren Gleich-
gewichts zwischen verschiedenen nationalen Productionszweigen.
Ihre Forterhaltung kann wünschenswerth sein zur Vermeidung
jäher Wechsel der wirthschaftlichen Verhältnisse oder zur
zeitweiligen Fenihaltung einer Concurrenz, die durch Schleuder-
preise den Markt ruinirt. Besondei-s können Schutzzölle am
Platz sein, um einem jungen aufstrebenden Productionszweig
rascher über die Anfangsschwierigkeiten wegzuhelfen. Es ist
wahr, dass die dauernden Interessen einer Nation mit den
momentanen Interessen der Kaufleute und Consumenten der
ganzen Welt nicht nothwendig zusammenfallen, und dann hat
der Staat als Hüter der nationalen Interessen das Recht und
die Pflicht, diese mit aller Macht zu wahren. Denn derjenige
Staat, der sich selbst dauenid stark, reich und hochcultiviit
macht, dient auch dem Fortschritt der Menschheit am Besten.
Schutzzölle sind Eines unter vielen Mitteln, durch die der
Staat diese Aufgabe erfüllen kann und diese Auffassung der
Schutzzölle hat ihr volles Recht gegenüber den Einseitigkeiten
abstracter Freihändler. Aber man darf aus dieser Auffassung
nicht ein allgemein günstiges Voi-urtheil für Schutzzölle ab-
496 Zweites Buch, Cap. 2.
leiten. Sie haben gegenüber anderen staatlichen Maassregeln
immer zwei sehr bedenkliche Eigenschaften. Während sie in
erster Linie dem Geschützten nützen, schaden sie nothwendig
irgend welchen anderen Unterthanen, ohne dass die Begünstig-
ten Zug um Zug eine Pflicht zu Gunsten der Gesammtheit auf
sich nehmen. Es kann dies ja gerechtfertigt sein, wenn eben
dennoch künftig die Gesammtheit profitirt, aber es mahnt zur
Vorsicht < dass man nicht Einzelnen mehr nütze als Allen.
Wie anders steht es z. B. wenn der Staat Industrieschulen
gründet, die zwar auch — theilweise — auf Kosten der Steuer-
zahler errichtet werden, den sie Benutzenden aber die Pflicht
des Beitrags zu den Kosten oder doch die Pflicht auferlegen,
in der Schule zu lernen. WMe anders selbst steht es bei der
Monopolisirung einer grossen Notenbank, welcher zugleich ein
strenges Reglement auferlegt wird!
Die andere bedenkliche Eigenschaft der Schutzzölle ist
die, dass der künftige Nutzen der Gesammtheit stets auf einer
Wahi-scheinlichkeitsrechnung beruht, zu welcher die Sachver-
ständigen die nöthigen thatsächlichen Anhaltspuncte beibringen
müssen — und diese Sachverständigen sind die Interessenten
selbst. Gerade bei Schutzzöllen liegt die Gefahr unendlich
nahe, dass der Staat trotz besten Willens lediglich Sonder-
iiiteressen dienstbar werde.
Wie oft diese Gefahr Wirklichkeit wurde, geht schon
daraus hervor, dass stets diejenip:en Productionszweige, in
denen sich das gi'össte Capital concentrirte, am erfolgreichsten
im Streben nach Schutzzöllen waren. Haben doch auch jetzt
hei uns die Spinnereien und die pjsenwerke den Löwenantheil
bekommen, während unsere stark exportireuden Hausindustrien
leer ausgingen — und das für den loealen Bedarf arbeitende
Kleingewerbe schwieg. Nun kann es freilich im dauernden
Interesse des Ganzen liegen, dass der Staat zunächst die
wirthsehaftlich Stärksten noch mehr stärkt, damit ihre Kraft,
die Anderen zur Stütze dient, sich befestige und constant
werde. Es wirkt ja erschütternd, wenn eine grosse Pi-oduction
zu Grunde geht, es wirkt weithin belebend, wenn sie aufl)lüht.
Und die heilsamen Folgen einer begünstigenden Staatsein-
Schutz der Textilindastrie. 497
mischung lassen sich dann auch deutlich constatiren. Aber wie
schwer ist es dabei, den Moment richtig zu treffen, von dem
an die weitere Begünstigung der Stärksten diese nur zur
Ausbeutung Anderer eimächtigt und zum Uebermuth reizt !
Weit entfernt davon , alle Schutzzölle unbedingt zu ver-
werfen, bin ich doch der Meinung, dass es kaum eine ge-
werbe- und handelspolizeiliche Maassregel giebt, deren Segen
mehr übertrieben und die mehr im schädlichen Uebermaass
angewendet worden ist als die Schutzzölle. Daran ändert
auch Nichts die Thatsache, dass die Schutzzölle vielfach mehr
von anderen Sonderinteressen als von solchen, die nur das
Allgemeine im Auge hatten, angegriffen und gestürzt wor-
den sind.
Einen wichtigen Beweis für diese Meinung liefert eben
das England des 18. Jahrhunderts. Unverkennbar war da-
mals schon die Masse der Schutzzölle mehr eine Chikane des
Handels als eine Hülfe für die Industrie. Es ist bekannt,
dass schliesslich Pitt durch mehr als 3000 Gesetze zur Ab-
schaffung alter Zölle das unübersehbare Zollwesen verein-
fachen musste, was allein schon beweist, zu welchen üeber-
treibungen man gekommen war, indem man fortgesetzt allen
Sonder-Egoismen nachgab. Besondei*s interessant ist auch zu
sehen, wie sehr es Machtfrage war, welche Schutzzölle kamen
oder blieben und welche nicht. Der gesammten Industrie ge-
lang es nicht, die ihr schädlichen Kornzölle zum Falle zu
bringen, aber der einen von Alters her mächtigen Tuchindustrie
gelang es, die Wollausfuhrverbote zu halten. Wo sehen wir
in solchen Einrichtungen einen einheitlich leitenden auf das
Gesammtinteresse allein gerichteten Gedanken?
§ 2. Handelspolitischer Schutz der Textil-
industrie.
Es kann nicht meine Absicht sein, all die Tausende von
Schutzzöllen, die im 18. Jahrh. bestanden, die abgeschafft,
ermässigt, eingeführt und erhöht wurden, einzeln aufzuzählen.
Held, Soc. Gesch. Engl. 32
498 Zweites Bach, Cap. 2.
Ich werde mich nur mit denjenigen befassen, welche die öffent-
liche Aufmerksamkeit in höherem Maasse auf sich gelenkt und
eine grössere Bedeutung erlangt haben. Im Vordergrund
stehen die Zölle, durch welche die Tuchindustrie gegenüber
der Landwiithschaft begünstigt wurde, die Einrichtungen,
welche sich auf die verschiedenen Zweige der Textil-
industrie in ihren einander entgegengesetzten Interessen be-
ziehen und die Zölle zu Gunsten des Grundbesitzes. Daneben
sollen eine Reihe anderer Zollagitationen und Zollgesetze be-
spi*ochen werden, die charakteristisch sind fbr den Geist, in
dem das Zollwesen überhaupt betrachtet und verwaltet wurde.
Nach John Smith ^) war die Kunst der Wollweberei in
England schon seit den Römerzeiten bekannt, wurde aber
1331 durch flandrische Einwanderung sehr gehoben. 1337
wurde zuerst der Wollexpoit und der Gebrauch ausländischer
Tuche verboten, was aber nicht ausgeführt wurde. 1339
kamen fisealische Wollsteuem und 1346, statt des Ausfuhr-
verbots, WoUausfiihrzölle. Diese Steuern von der Wolle bildeten
bis Eduard III. einen Zankapfel zwischen König und Volk.
Unter Elisabeth fand neue Einwanderung von Tuchwebern
statt. In dieser Zeit blühte die Tuchindustrie sehr. Es be-
stand kein Wollexportverbot, nur ein Ausfuhrzoll. Die ganze
Industrie war stark reglementiit. Der Tuchexport war sehr
stark entwickelt, und gleich dem Wollexpoit in fiscalischem
Interesse besteuert. Zugleich bestand in Bezug auf den Gross-
handel mit Tuch ein Monopol grosser Gesellschaften seit
Heinrich VIII. Unter diesem Regenten gab es auch schon
eigentliche Tuchfabrikanten, deren Einer hundert Webestühle
in seinem Hause hatte. Schon unter den Tudors war also die
Tuchindustrie vielfach eine capitalistische Industrie, d. h. eine
solche, deren Absatz vom Welthandel abhing und von grossen
Handelsleuten beherrscht wurde, daher auch in dieser Industrie
schon damals bei stockendem Absatz Unruhen der Arbeiter
vorkamen. Unter den grossen Gesellschaften, die den Export
beheiTSchten, waren die „Merchant adventurers" die wichtig-
») Memoirs of Wool, 1757.
Schutz der Textilindustrie. 499
tigste. Sie erhielten unter Jacob I. ein Monopol für das Färben
und Appretiren des Tuchs.
Der Monopolgeist dieser Capitalisten wusste die früher
mehr fiscalische Zollgesetzgebung in ihrem Interesse zu ver-
schieben. Da man einmal — und zwar iiTthümlicher Weise —
glaubte, englische Wolle sei zu gutem Tuch unentbehrlich,
so glaubte man durch das Verbot des Exports von Rohwolle
ein Monopol der englischen Tuche auf dem Weltmarkt consti-
tuiren zu können und so entstand 1622 ein Wollexportverbot,
das aber ei-st 1660 durch ein neues Gesetz als ernst gemeint
und streng durchgeführt in's Leben trat^).
Es wurde seitdem eigensinnig von den Interessenten fest-
gehalten und von der Gesetzgebung — dem Schmuggel gegen-
über — beständig erneuert und vei-schärft. Es kam dazu das
Verbot des Tuchexports aus Irland, d. h. die Vernichtung der
irischen zu Gunsten der englischen Tuchindustrie unter Be-
günstigung der irischen Leinenindustrie. Dies drückte die
Irländer und erregte später die Opposition der englischen
Leinenindustrie, welche auch für sich das Recht des directen
Exports nach englischen Colonien verlangte*).
Der Impoit von Seidenstoffen und gedruckten Calicos
aus Ostindien war dem Absatz des Tuchs schädlich und gab
daher 1696 zu Webertumulten Veranlassung. 1699 wurde
daher durch 11. und 12. Wilhelm III. c. 10 dieser Import
verboten und zugleich wurden die Tuchausfuhrzölle aufge-
hoben.
Es fand also eine beständig wachsende Begünstigung der
englischen Tuchindustrie und des Tuchhandels auf Kosten der
Landwirthschaft und anderer Productionszweige statt. Die
grösste und mächtigste Industrie, die England hatte, wurde
durch das Mercantilsystem am meisten geschützt — ein grosser
Beweis für den Satz, dass nicht die jungen und schwachen
^) Verbote der Einfuhr fremden Tuchs waren noch älter (schon 1399),
waren aber weniger bedeutungsvoll bei dem alten Uebergewicht der eng-
lischen Tuchmacher.
^) Journals of the House of Commons Vol. 18. 5. u. 9. April 1717.
32*
500 Zweites Buch, Cap. 2.
Productionszweige es sind, die in der Wirklichkeit mit dem
grössten Erfolg Schutzzölle anstreben.
Anfangs, als die Begünstigung der Tuchindustrie noch
weniger stark war, trug sie zugleich Steuern — hatte also
auch Pflichten; aber diese verschwanden mit den wachsenden
Rechten, je mehr in der Politik an die Stelle des Gedankens
einer allgemein nützlichen Organisation des Gewerbes der Ge-
danke der Beförderung des ßeichthums um seiner selbst willen
trat^. Auch die Reglements, welche der Tuchindustrie in
Hinsicht auf Technik, Marktwesen und Arbeiterverhältnisse auf-
erlegt waren, verfielen allniälig, wie wir bereits gesehen haben.
Nun ist es ja keineswegs verwerflich, eine schon starke
Industrie besondei*s zu befördern, weil sich dabei die gi*össten
Erfolßre erzielen lassen und weil eine solche Industrie ein
Centrum werden kann, an das sich der Aufschwung anderer
Productionszweige gleichsam anlehnt Wenn einmal der Reich-
thum der Unterthanen Staatszweck geworden ist, so ist es
natürlich, den Hebel da anzusetzen, wo am meisten zu hoffen
ist. Aber die Gefahr besteht, dass andere und allgemeine
Staatszwecke dem Sonderinteresse einzelner Gruppen von
Reichen untergeordnet werden. Und dies zeigte sich bei der
englischen Tuchindustrie. Ihrer Blülhe zu Ehren litt die
Schafzucht, litt Irland, litt die englische Leinenindustrie und
der Handel von Ostindien. Und bald begann ein neuer
Kampf.
Das Verbot des Imports gedruckter Calicos von Indien
bewirkte, dass man in England selbst Calicos zu drucken be-
gann, wodurch neue Weberunruhen entstanden. Es wurde
aber nicht nur weisser Calico, der von Indien importirt wurde
und eine Steuer beim Eingang trug, die bei Ausfuhr rück-
vergütet wurde, in England bedruckt, sondern auch Leinwand.
Die Zahl derjenigen, welche den Interessen der Tuchindustrie
gegenüberstanden, wuchs dadurch. Namentlich Ende 1710
und Anfang 1720 war der Kampf der zwei Interessengruppen
M Ochenkowski über Locke in Hildebrands Jahrbüchern, 18. Jahi^
gang, 1. Bd., G. Heft.
Schutz der Textilindustrie. 501
ein sehr lebhafter, wobei sich das Eigenthümliche zeigte, dass
die Tuchindustriellen und ihre Gegner selbst keineswegs in
jedem Lager unter einander einig waren. So wurde aus
Beeckles gegen den Gebrauch gedruckter Galicos und Leinen-
stoflfe im Interesse der Tuchmanufactur petitionirt ^) , aber
andere Wollindustrielle petitionirten *) für den Gebrauch dieser
Stoffe, da sonst bei ausschliesslicherem Gebrauch des Tuchs
der Wollpreis steigen und der Tuchexport beschädigt werden
würde — ein frühzeitiges Beispiel von den freihändlerischen
Interessen der Exportindustrien, die sich hier in dem geschützten
Tuchgeschäft selbst geltend machten. Eine ähnliche Petition
haben wir aus Colchester und Bocking*). Auch hier ver-
langen Wollindustrielle Aufhebung des Calicoverbots, weil das-
selbe den Wollpreis steigere und dadurch den Tuchexport
vermindere und weil dann der Calico um so mehr exportiit
werden und den englischen Tuchen im Ausland Concurrenz
machen würde. Ihnen schlössen sich Londoner Kaufleute, die
den Tuchexpoit betrieben, an, natürlich aber überwog unter
den Tuchmachern der Wunsch nach absoluter Vernichtung
der neuen Concurrenz. So wurde in Worcester der Nieder-
gang der Tuchmacherei beklagt *) und als Gi-und sowohl der
Export von roher Wolle als namentlich die Concun-enz von
gedeckten Galicos und Leinenstoffen angeführt Auch die
der ostindischen Seidenstoffe wird erwähnt. Aehnliche Peti-
tionen traten 1719 und 1720 geradezu massenhaft auf ^). Auch
die inländischen Seidenfabrikanten verbinden sich mit den
Tuchmacheni wegen der ostindischen Seidenstoffe, weil die
gedruckten Galicos etc. auch ihnen Goncurrenz machten. Die
petitionirenden Interessen waren aber dabei keineswegs ein-
müthig und jedenfalls mannigfach complicirt. Die Tuchmacher
klagten z. B. nicht nur, weil ihre Waare durch Galicos im
Inland an Absatz verlor, sondern auch, weil in Folge ver-
1) Journals Vol. 19 S. 245.
*) Journals Vol. 19 S. 254.
••') a. a. 0. S. 231 u. 254. Januar 1720.
*) Journals Vol 19 S. 168, 169.
«) Journals Vol. 19 S. 176, 178, 180 ff., 254.
502 Zweites Buch, Cap. 2.
mehrten Gebrauchs der Calicos weniger Rohseide verarbeitet
und gekauft werde, so dass die Rohseidenimporteure weniger
Tuch zur Ausfuhr kaufen könnten^). Gegen das postuliile
Galicoverbot petitionirten natürlich die Kaufleute, welche mit
Indien Handel trieben. Die inländischen Leinwandfabrikanten
verlangten, dass nur indischer Calico, nicht ihr heimisches
Product verboten werde und die Londoner Tapezierer baten,
dass ihnen der Gebrauch von Calico gestattet werde, da sie
Bettdecken machten, die inwendig aus Wolltuch, auswendig
aus bedmcktem Calico oder Leinwand waren. Zu diesen
Petenten gegen das Verbot gegen das Verbot gedeckter
Calicos und Leinen gesellte sich auch das irische Leinwand-
amt, welches sich darauf berief, dass Irland seit dem Verbot
des Exports von Tuch 1699 auf Leinwand angewiesen sei.
Das Pariamen tscommittee, das über all diese Petitionen
zu berichten hatte, schätzte die Interessen der Exporteure
aber noch gering und schlug vor, in Grossbritannien gedi*uckte
Calicos ganz zu verbieten und nur gedruckte Leinwand, die
in Grossbritannien und Irland gemacht war, zu gestatten*).
Dagegen protestirten aber nicht nur Londoner Leinwand-
import^ure, die baten, auch deutsche Leinwand solle bediiickt
werden dürfen, sondern auch aus Bristol ertönten Klagen,
dass der Tuchexport geschädigt und der Absatz nach den
Colonien in fremde Hände getrieben werden würde, wenn
deutsche Leinwand nicht mehr in England gefärbt werden
dürfe 3).
Endlich protestirten auch Leute aus Weymouth und Mel-
conibe, welche constatirten , dass rohe Baumwolle aus eng-
lischen Colonien in England seit Jahren versponnen und ver-
webt werde. Das Product werde bedruckt oder blau ge-
färbt ; es solle nicht schlechter behandelt werden als englische
Leinwand. Das Haus beschloss, dass diese Petition berück-
sichtigt und den Webermeistern zugleich Beschränkungen in
M Journals Vol. 19 S. 178.
■2) a. a. 0. S. 263.
■) a. a. 0. S. 295
Schutz der Textilindustrie. 503
der Zahl der Lehrlinge auferlegt werden sollen. — Das Re-
sultat der üntei-suchung war das Gesetz 7. Georg I. stat 1, c. 7
von 1720. Schon vorher war durch 10. Anna c. 19, LXVI bis
LXIX (1711) auf importirte gedinickte Leinwand, sowie auf
Seide, Calico und Leinwand, die in England gedruckt oder
gefärbt wurden, eine Steuer gelegt, von der jedoch die ganz
einfarbigen und die Stoffe, die der Hauptsache nach aus bei-
gemischter Wolle bestanden, ausgenommen waren. Nunmehr
wurde verfügt, dass vom 25. December 1722 ab der Gebrauch
gedmckter Calicos, als Eleidungs-, Möbel- oder Bettzeugstoff
bei Strafe in Grossbrisannien absolut verboten sei. Auch
das Verkaufen solcher Stoffe wurde mit Strafe bedroht. Nur
der Export war gestattet. Auch ganz blau gefärbte Calicos
waren erlaubt und wenn auch unter Calico die mit Baum-
wolle gemischten Stoffe einbegriffen wurden, so waren doch ge-
wisse Gewebe (Muslins, Neckcloths und Fustians) ausdiUcklich
befreit. Ganz naiv bezeichnete das Gesetz in den Eingangs-
worten selbst die Beförderung der Tuch- und Seidenmanufactur
als seinen Zweck — als wenn die Calicodnickerei nicht auch
eine Industrie gewesen wäre ^).
Die Verhältnisse der Industrie aber waren bereits so
complicirt, dass bald Streit entstand, ob gewisse Stoffe unter
das Verbot fielen oder nicht. In Manchester wurde Barchent
(Fustian) gemacht, der aus Baumwolle von englischen Colonien
und aus irischer und englischer Leinwand gemischt war. Das
Calicoverbot wurde auch auf diese Barchente angewendet *),
bei deren Fabrikation Tausende Arbeit fanden. Das Parlaments-
committee trat auf die Seite der Barchentindustrie (1736),
^) „Whereas it is most evident, that the wearing and using of printed,
painted, stained and dyed calicoes in Apparel, Householdstuff, Furniture
and otherwise does manifestly tend to the great Detriment of the WooUen
and Silk Manufactures of this kingdom and to the excessive increase of
the Poor, and if not effectually prevented, may be the utter Ruin and De-
struction of the said Manufactures and of many thousands of your Ma-
jesty*8 Subjects and their families, whose Livelihoods do intirely depend
thereon etc..**
-) Journals Vol. 22 S. 551, 565.
504 Zweites Buch , Cap. 2.
wogegen aber WoU- und Seidenindustrielle erklärten, dass die
Barchente von indischen oder gar englischen Calicos gar nicht
unterschieden werden könnten und die Barchentindustrie nicht
so nützlich sei wie die ihrige. Es werde auch immer noch
importirte Leinwand bedruckt. Livei'pooler Eaufleute dagegen
traten auf die Seite der Barchentindustrie ^). Diese KauiSeute
brachten als Rückfracht für die Barchente Rohbaumwolle und
kauften mit dem Erlös der Barchente Sklaven.
Darauf wurde durch 9. Georg II. c. 4 (1736) allgemein
der Gebrauch aller gedruckten Stoffe aus Leinwand und
Baumwolle gestattet; wenn die Kette ganz aus Leinwand be-
stand. Dies war aber nur gewisseimaassen eine authentische
Interpretation des Begriffs Fustian und das Gesetz von 1720
in Bezug auf die Calicos bestand foit. Die Benachtheiligung
der Baumwollindustrie erstreckte sich noch in die Zeit der
neuen gi'ossen Fabriken hinein. 1774 petitioniite Arkwright
dagegen. Er führte aus, dass nach 10. Anna c. 19 etc. ge-
dmckte Baumwollstoffe mit 6 pence per Yard belastet seien,
wobei man aber urspiUnglich nur importirte Baumwollstoffe
im Auge gehabt habe. Nun würden diese Stoffe aber selbst
in England gemacht, nicht nur bedruckt. Es solle also die
Steuer auf 3 pence herabgesetzt, der Gebrauch dieser Stoffe
im Inland, unter Abschaffung von 7. Georg I. c. 7, unbedingt
gestattet und die Steuer bei der Ausfuhr rückvergütet wer-
den. Das Parlamentscommittee trat (10. Mai 1774)*) Arkwright
unbedingt bei, zumal die verarbeitete Baumwolle meist aus
britischen Colonien stamme und das Gesetz 14. Georg III.
c. 72 (1774) hob enillich das Verbot des Gebrauchs von Calieo
für Stoffe, die ganz im Inland gesponnen und verwebt waren,
auf. Auch die Herabsetzung der Steuer auf 3 pence wurde
erreicht. Doch auch diese eniiedrigte Steuer war noch eine
Belästigung. 1785 wurde gegen die Steuern auf gedruckte
Baumwolle petitionirt, die früher ein von den Reichen ge-
tragener Luxusartikel, jetzt Gegenstand allgemeinen Ver-
1) Journals Vol. 22 S. 589, 592.
'') Journals Vol. 34 S. 496, 708, 730.
Schutz der Textilindustrie. 505
brauchs geworden waren ^). Das Haus beschloss Erleichte-
rungen, aber erst später gelang die völlige Ei-fbllung dieser
Wünsche, 1818*) erklärte sich ein Parlamentscommittee für
völlige Abschaffung der Steuern auf bedruckte Baumwollstoffe,
welche in den letzten 10 Jahren nach Abzug der ROckzölle
dem Fiscus jährlich zwischen 168,790 und 390,186 Pf. St.
eingetragen hatten. Weisse und vor dem Weben gefärbte
Baumwollstoffe waren dagegen steuerfrei. Die Galico-
drucker schlugen vor, zum Ersatz fQr den Fiscus die Roh-
baumwoll-EinfuhrzöUe zu erhöhen, wogegen die anderen Baum-
wollfabrikanten protestirten. — Gegen diese Rohbaumwoll-
zölle war übrigens schon 1816 aus West-Riding of York,
London und Edinburgh petitioniil; worden^) und man ver-
langte statt derselben Baumwollausfuhrzölle zum Schutz gegen
fremde Weberei — also auch der Baumwollindustrie hatte
sich das Schutzzollfieber bemächtigt. Es wurde aber 1819
durch 59. Georg III. c, 90, § 11 nur der Erhebungsmodus der
Steuern geändert und erat 1831 wurden sie durch 1. Will. IV.
c. 17 aufgehoben. —
Man sieht, 1736 begann die Baum Wollindustrie ihren sieg-
reichen Kampf gegen die ältere Tuchindustrie, der zu all-
mäliger Erringung des Freihandels und zu einer neuen Blüthe
der Tuchindustrie selbst ftthrte. Die Baumwollindustrie, von
Anfang auf Import ihres Rohmaterials und Export ihrer Pro-
ducte angewiesen, durch die Zollgesetzgebung mehr gedrückt
als gefördert, war sozusagen von Natur freihändlerisch. Und
wenn auch gerade in dieser Industrie das Elend des Fabrik-
proletariats und der Fabrikkinder eigentlich erzeugt und gross-
gezogen worden ist — so darf man nicht vergessen, dass sie
es war, in der die Maschinen erfunden und ausgebildet worden
sind, die der ganzen Textilindustrie mehr nützen als alle
Zölle. Und man darf nicht vergessen , dass sie das Monopol
einzelner Capitalistengruppen gebrochen hat, dass sie eine
weitere Verbreitung des Capitalbesitzes und eine Vergrösserung
^) Journals Vol. 40. 16. März, 12. u. 21. April 1785.
') Report on Daties payable on printed cotton goods.
8) Accounts and Papers 1800—1826 Vol. 84.
506 Zweites Buch, Cap. 2.
des Gesanimtcapitals angebahnt hat, die schliesslich der 6e-
sammtheit zu Gute kam. Mit Leiden und Opfern war dieser
Process der Capitalentwicklung verbunden — das nicht ge-
schützte, Jedeimann zugängliche Capital musste erst einen
halten Kampf ums Dasein kämpfen, bis es jene Grösse er-
reicht hatte, die seine Besitzer von der Nothwendigkeit rück-
sichtslosesten Erwerbstriebs befreit.
Doch kehren wir nach dieser Abschweifung zur Tuch-
industiie zurück. Obwohl dieselbe 1720 im höchsten Maasse
begünstigt und nach 1736 noch lange gegenüber der Baum-
woUindustrie bevorzugt wurde, so hatte sie doch beständig zu
klagen. Da der Wollexportschmuggel nicht zu unterdiUcken
war, so tauchten seit 1731 die abenteuerlichen Vorschläge
der Registriiiing aller englischen Schafe auf. 1732 sehen wir
einen neuen Antrag, das Wollexportverbot zu verschärfen und
das Recht jedes Schiffers, für 40 Shill. Tuch aus Irland auszu-
führen, abzuschaffen^). 1739 und 1740 ertönten laute Klagen
über den Niedergang der WoUmanufactur , welche natürlich
Verschärfung des Exportverbots von Rohwolle und Erleichte-
mng des Imports derselben aus Irland wünschte. Gegen letz-
teres Postulat protestirten die Farmer vergebens — das Parla-
ment trat auf die Seite der Industrie *). Und da durch andere
Mittel sich der Schmuggel behufs Wollausfuhr nicht verbieten
liess, so trat Walpole's Committee sogar dem schon erwähnten
Vorschlag bei, es solle jeder inländische Wollproducent seine
Wolle registriren lassen und nur durch Landfuhrwerk trans-
portiren lassen ^). Es gelang aber nicht, sich über eine Methode
zur Ausführung des vom Parlament gebilligten Registrirungs-
gedankens zu einigen, weshalb die Petitionen in diesem Sinn
weiter gingen (1744 und 1745)*). Zugleich wurde um freie
Einfuhr von Vieh aus Irland gebeten, damit dort Schafzucht
und Wollexport nicht zunehme^). Später (1753) wurde um
^) Journals Vol. 21 S. 847.
«) Journals Vol. 23 S. 223, 237-292, 375.
-'') a. a. 0. S. 481, G24, 639, 673.
*) Vol. 24 S. 542.
'') Vol. 24 S. 447, 457; Vol. 25 S. 9, 15.
Schutz der Textilindastrie. 507
fi-eien Import von Wolle und Garn aus Irland gebeten*).
1766 beschloss das Haus, den Export irischer Wolle in's Aus-
land durch schärfere Mittel zu verhindern und ihren ausschliess-
lichen Import nach England mehr zu sichern *).
Fast krankhaft hielt die Tuchindustrie an dem Glauben
fest, dass sie ein Recht auf besondere Begünstigung habe und
dass ihr durch Zollmaassregeln geholfen werden könne. Auch
der Plan der Schafregistrirung tauchte immer wieder auf^)
und fortwährend wurde um Verschärfung des Verbots des
Exports von Wolle und Schafen petitionirt, da man daran
festhielt, es könnte ohne englische Wolle Tuch von bestimmter
Qualität nicht gemacht werden, es könne also das Wollaus-
fuhrverbot den englischen Tuchmachern ein Monopol geben.
Die vei*schärften Gesetze wurden aber immer wieder um-
gangen, der Schmuggel z. B. auch dadurch geübt, dass man
Matratzen exportii-te, aus denen dann die Wolle wieder her-
ausgenommen wurde*). In der That war aber nicht der
^) Vol. 26 S. 621.
«) Vol. 30 S. 466.
') An Essay on the improvemeDt of the Woollen Manufacture and
of some other branches of Trade depending thereon, London 1741.
Aus folgenden Broschüren kann man den Interessengegensatz gut
entnehmen:
Sir Dalr}'mple, Bart The Question considcred, whether wool should
be allowed to be exported when the price is low at horae on
paying a duty to the public. London 1782.
Nathanael Forster. An Answer to Sir John Dalrymple's Pamphlet.
Colchester 1782.
Josiah Tucker. Reflections on the Present Low Price of Coarse Wools
London 1782.
The Propriety of allowing a qualified exportation of Wool, discussed
historically, London 1782.
Considcrations upon the present State of the Wool-Trade by a
Gentleman, London 1781.
The Contract or a Comparison between Woolen, Linen, Cotton and
Silk Manufactures, London 1782.
*) S. darüber: Journals Vol. 41. 10. April, 12., 19.Junil786; Report
on the illicit exportation ofWooll, Live sheep etc., 12. Juni 1786; ferner
'M
508 Zweites Buch, Cap. 2.
Export von roher Wolle der Grund des relativen Niedergangs
der Tuchindustrie, sondern dieser lag, abgesehen von Con-
juncturen und Kriegen, in einem Wechsel des Geschmacks,
demzufolge das Publikum leichtere Stoffe von Leinwand,
Baumwolle etc. immer mehr vorzog. Das Wollexportverbot,
das den Farmer schädigte, wirkte auch dahin, dass die eng-
lische Wolle schlechter wurde und es nahm der Verbrauch
ausländischer Wolle zu, namentlich seit 1802. Die Hälfte der
ausländischen Wolle wurde ohne Vermischung mit englischer
Wolle zu feinem Tuch verarbeitet. Da gleichzeitig die in-
ländische Schafzucht in Folge von Einhegungen abnahm, so
wurde um Aufhebung der Zölle auf fi'emde Wolle gebeten*).
Die meiste fremde Wolle wurde nach Yorkshire importirt ').
Mit dem 19. Jahrhundert änderten sich also die Ver-
hältnisse dahin, dass für die Tuchindustrie selbst das Woll-
exportverbot weniger wichtig wurde, während zugleich die
landwirthschaftlichen Interessen mit denen der Tuchindnstrie
erfolgreich um Schutz petitionirten. 1802 wurden Eingangs-
zölle auf fremde Wolle gelegt, gegen welche die Tuchindustrie,
wie erwähnt, Opposition machte. 1816 wurde die Frage auf-
geworfen, ob die sinkenden Wollpreise wegen ihres Schadens
für die Landwirthschaft durch Zollgesetze gehoben werden
könnten, aber die Frage wurde verneinend beantwortet. Da-
gegen wurde Erhöhung der Einfuhi-zölle auf Rapssaat em-
pfohlen, woraus Rapsöl bereitet wurde, das neben anderen
Oelarten in der Tuchindustrie gebraucht wurde, und es wurde
Herabsetzung der Zölle auf Raps- und Leinsaatkuchen vor-
geschlagen, die in der Landwirthschaft verwendet wurden.
Der Glaube an die Schutzzölle war also noch in Kraft, die
Rücksicht auf die landwirthschaftlichen Interessen aber vor-
Journals Vol. 43; 25. Febr., S.März, 15., 17. April, 25. Juni 1788; Report
on the laws relating to the exportation of Live shecp etc. 5. Mflrz 1778.
^) Minutes before the Committee of the Privy Council for the Aflfairs
of trade regarding the Wool tax. 15. Dezbr 1819.
*) Aus der Fortsetzung der citirten Minutes vom 18. Dzbr. kann man
den Werth des Wollimports nach England incl. des nicht sehr erheb-
lichen Imports aus Irland ersehen.
Schatz der Textilindustrie. 509
herrschend^). So war die Tuchindustrie der Baumwoll-
industrie näher gertlckt, indem sie nicht nur wie von jeher
stark auf Export angewiesen war, sondeni auch noth wendig
ausländischen Rohstoff brauchte und gegenüber der Land-
wirthschaft freihändlerische Tendenzen annehmen musste. 1825
fiel endlich das Wollexportverbot und die künstlichen Be-
günstigungen der Tuchindustrie nahmen ein Ende. Dafür
profitirte dieselbe durch die aus der Baum Wollindustrie stam-
menden technischen Fortschritte. Jahrhunderte hindurch hatte
die mächtige Tuchindustrie den schärfsten Schutz genossen,
aber je leidenschaftlicher der Schutz begehrt und je aus-
giebiger er gewählt wurde, desto weniger nützte er den Ge-
schützten selbst, während er zugleich andere Producenten
ganz unmotivirter Weise beschädigte. Seit 1720 zeigt sich in
der Tuchindustrie ein widerliches und doch erfolgloses Spiel
kleinlich kurzsichtiger, egoistischer Interessen, welchen die
Gesetzgebung lange Zeit nachgab — ohne auf irgend einem
Puncte Nutzen zu stiften. Starke Begünstigung der Tuch-
industrie konnte wenigstens dieser selbst nützen, so lange sie
der einzige wichtige Zweig der Textilindustrie war. Sowie
sich die Production vielfältiger entwickelte und die Verhält-
nisse complicirter wurden, erwies sich das unter allen Um-
ständen rohe und äusserliche Mittel der Schaffung von Mono-
polen durch Schutzzölle und ähnliche Maassregeln als eine
störende Chicane des gesammten Handels und der gesammten
Production.
Während die höchst begünstigte Tuchindustrie ihren
immer erfolgloseren Kampf gegen die junge Baumwollindustrie
führte, strebten auch die älteren Zweige der Textilindustrie
nach immer schärferen Schutzmaassregeln für sich und auch
hier entwickelte sich im 18. Jahrhundert das Schauspiel, dass
die Leidenschaft . nach Schutz stets unersättlicher wird.
Die englische Seidenindustrie war vollständig ein Ge-
^) S. 3 Reports on the Import of foreign Seeds , the Trade in AYool
and Growth of Tobacco 29. April, 9. Mai, 17. Mai 1816.
510 Zweites Buch, Cap. 2.
schöpf des Schutzzolles, durch welchen allein sie gegenüber
der französischen und italienischen Seidenmanufactur, welche
über billigeres Rohmaterial veifQgten, aufkommen konnte.
Diese Industrie ist in der That ein Beispiel dafür, dass der
Schutzzoll gewisse Effecte erzielen kann. Dennoch bmchte es
die englische Seidenindustrie nur in gewissen Producten zur
Vollkommenheit und noch heute sind fremde Seidenstoflfe
eines der wenigen Industrieproducte, die nach England in be-
merkenswerther Menge eingeführt werden. Der Schutz der
englischen Seidenmanufactur steigerte sich im vorigen Jahr-
hundert bis zur Prohibition. Es Hess sich dies verhältniss-
mässig leicht durchführen, da keine anderen inländischen In-
teressen dadurch direct beschädigt wurden. Mit diesem Mono-
pol hing nebenbei bemerkt auch die Möglichkeit zusammen,
die früher erwähnten Spitalfieldsgesetze (oben S. 444) so lange
aufrecht zu erhalten.
Die englische Seidenmanufactur verarbeitete im Anfang
des Jahrhunderts Rohseide, welche in Italien und in der Tür-
kei mit englischen Tuch gekauft wurde. Die Tuchindustrie
war also ihre Bundesgenossin in dem Begehren nach schär-
ferem Schutz, namentlich gegen die ostindische Concurrenz.*)
Die Gesetzgebung suchte das Einschmuggeln fremder Seiden-
stoffe mit allen Mitteln zu verhüten und die hohen Zölle zu
sichern. 1753 wurde durch 26. Georg II. c. 21 amtliche Sieg-
lung aller importirten Seidenstoffe verfügt. 2) Indessen der
Schmuggel der kostbaren Seidenwaaren blühte dennoch weiter,
während die fiscalischen Rohseidenzölle die Seidenmanufactur
beschwerten.
1765 petitionirten verschiedene Seidenindustrielle, Band-
macher, Handschuhmacher etc. um verschärften Schutz gegen
französische Concurrenz und freie Einfuhr von Rohseide. 3) Ein
Committee von 1766 schlug sogar zeitweiliges absolutes Ver-
^) Journals, Vol. 19, S. 679; Vol. 20, S. 749, 784, 808; Vol. 21, S.
298 (1729).
«) S. auch Journals Vol. 26, S. 754.
•'') Vol. 30, S. 65, 71, 87, 93, 110, 120, 141, 153, 158, 208, 376, 387,
671, 705, 758.
Schatz der Textilindustrie. 511
bot des Imports fremder Seidenwaaren mit Ausnahme der
ostindischen vor ; indessen es zeigte sich doch auch hier, dass
die inländischen Interessen nicht unbedingt harmonisch waren
und es ertönten bereits freihändlerische Stimmen, die da be-
haupteten, die Engländer brauchten kein Monopol, sondern sie
seien den Franzosen durch bessere Qualität tiberlegen, wohin-
gegen letztere besseni Geschmack in den Mustern hätten.
Der Import französischer Waaren sei daher der englischen In-
dustrie förderlich, die dadurch bessere Zeichnungen bekomme.
Diese fi-eihändlerischen Stimmen drangen aber nicht durch
und 1766 wurde durch 6. Georg HI. c. 28 der Import aller
fremden Seidenwaaren in der That verboten, nachdem das
alte Verbot des Imports seidener Bänder, Spitzen und Gürtel,
das von Heinrich VII. herstammte, schon 1762 durch 3. Georg III.
c 21 erneuert worden war. Dieses Importverbot wurde von
Zeit zu Zeit und noch 1808 durch 48. Georg III. c. 22 für
alle Zukunft erneuert, ausser insoweit, als es der Zollgesetz-
gebung von 1803 (43. Georg III. c. 68) widersprach.
Dieses absolute Monopol wirkte aber auf die Dauer er-
schlaffend auf die englische Seidenindustrie, welche keine tech-
nischen Fortschritte machte.
Seit 1812 hatten sich in Folge der Hebung der Seiden-
zucht in Indien die Verhältnisse geändert und das Haus der
Lords erklärte sich daher für Herabsetzung der Rohseide, so-
wie für Aufhebung der Spitalfieldsgesetze 1821 *) und für ver-
ringerten Schutz der Manufactur, Doch wurde erst 1824 resp.
1826 durch Huskisson mit dem alten [System des Monopols
gebrochen und seitdem hob sich die englische Seidenmanu-
factur wieder; ihr Export war früher von minimaler Bedeu-
tung gewesen, seitdem aber wuchs er. —
Während die Seidenindustrie den höchsten Schutz genoss
und durch Nichts bedrückt wurde — denn die Rohseidenzölle
waren lange Zeit durch das Monopol völlig aufgewogen —
war die Leinenindustrie Englands durch die Begünstigung Ir-
lands mit seinen Leinwandexportprämien etc. und durch das
') Report of the Lords od Silk- and Wine-Trade 28. Juni 1821.
512 Zweites Buch, Cap. 2.
zeitweilige Verbot gedruckter Leinenstoffe beschädigt. Diese
BeDachtheiligungen suchte man aber durch andere Begünstigun-
gen wieder auszugleichen. Zunächst wurde die britische Leinen-
industrie gegen die überlegene deutsche geschützt.
Die Leinenindustrie litt unter überlegener Concurrenz
deutscher Leinwand, die unter dem Namen „Osnaburgh" in
den Handel kam und beim Wiederexport Rückzölle genoss.
Sie wurde stark nach den Colonien vei-schifft. Die Kaufleute
petitionirten für diese Rückzölle, die inländischen Leinenmanu-
factunsten dagegen, unter Berufung darauf, dass sie in Folge
der SteueiTi auf Seife und Asche nicht so billig produciren
könnten. Obwohl behauptet wurde, die inländische Industrie
liefere nur ein Drittel des inländischen Bedarfs, trat das Par-
lamentscommittee doch auf Seite der Industrie ^) (1738). 1742
wiederholten sich die Petitionen gegen die Rückzölle auf
fremde Leinwand. 2) Zugleich wünschte man Rückei-stattung
der Steuern auf Seife, soweit diese bei der Leinenindustrie
verwendet wurde und es wurden nun Prämien auf exportirte
britische Leinwand vorgeschlagen, auch dass englische Tnip-
pen nur inländische Leinwand sollten tragen dürfen. 3)
In der That erhielt auch die englische Leinenindustrie durch
15. Georg II. c. 29 seit 1743 Exportprämien und diese
wurden ihr später ausgedehnt. Das aber beschwerte Lein-
wand- und Baumwollfabrikanten in Mancliester, welche be-
steuerte irische Leinwand zu gewissen Waaren verarbeiteten,
und datQr keine Exportprämien genossen. Das Parlament
erklärte sich im Interesse dieser Manchester-Fabrikanten für
Erniedrigung der Zölle auf irische Leinwand (1750).^)
Trotz aller Begünstigung und Exportprämien aber wollte
die Leinenindustrie nicht recht prosperiren und suchte in
neuen Zollgesetzen ihr Heil-'») sowie in künstlichen Mitteln,
') Journals Vol. 23, S. 26, 07—77, 89, 121—124, 135, 157.
») Journals Vol. 24, S. 189—194, 212, 256.
•'') a. a. 0. S. 650, 841.
*) Journals Vol. 2(5, S. 74, 109, 118, 218, 239.
^) Report on Manufacturers of Linen, 11. März 1744; Report on
Traders and Dealers in the Linen Manufactory 26. April 1751.
Schutz der Textilindustrie. 513
das Angebot von LeinengarD zu steigein. Die englische
Leinenindustrie befand sich aber in Interessencollision mit
schottischen Fabrikanten, welche Leinengarn aufkauften um
es mit Baumwolle veimischt zu verweben, und mit den Fabri-
kanten von Leinenfaden. Dieser gesteigerten Nachfrage gegen-
über wurde künstliche Ermunterung der Flachsspinnerei ver-
langt.')
1773^) befand sich die Leinenindustrie in arger Noth
und das Elend der Arbeiter war gross. Man kam auf kein
anderes Mittel zur Abhülfe, als verschäifte Beschränkung der
ausländischen, namentlich deutschen Concun*enz. Man ergriff
fortgesetzt allerlei künstliche Mittel zur Hebung der Leinen-
industrie, namentlich auch zur Beförderung des Flachsbaues,
doch jede gewährte Hülfe rief immer nur neue Wünsche hervor.
1781 liefen Petitionen um Gelduntei-stützung des Flachs-
baues und eine Gleichstellung der englischen und irischen
Leinenmanufactur in Bezug auf Zoll ein. 3)
Am 1. Juli 1783 beschloss das Haus Rückzölle zu ge-
währen für die in der Leinen- und BaumwoUeuiudustrie ge-
brauchte Seife, was auch geschaht)
Trotz der Prämien auf inländischen Flachs (Gesetz vom
21. Georg HI.) hob sich aber der inländische Flachsbau nicht
wurde 178G um neue Unterstützung gebeten.*)
Auch der Hanfbau bekam Unterstützung. 1787 beschloss
das Haus 6 Pf. St. Prämie auf jede Tonne Hanf und 20 Seh.
auf jeden Acre bisherigen wüsten Landes, das in Hanfland
umgewandelt werde. ^)
1795 wurde beschlossen, die gewährten Prämien für Hanf-
und Flachsbau fortzusetzen.')
*) S. einen Report von 1738, abgedruckt im Appendix des erwähn-
ten Reports von 1751.
*) Report on Linen Trade of Great Britain and Ireland 25. Mai 1773.
') Journals Vol. 38. 24. April, 21. Mai 1781.
*) Journals Vol. 48. 26. März 1783.
»J Journals Vol. 41. 13. April, 13. Juni 1786.
^) Journals Vol. 46. 8. April 1787.
'') Journals Vol. 50. 19. Mai, 8. Juni 1795.
Held, Soc. Gesch. Engh 33
514 Zweites Bach , Cap. 2.
Trotz all dieser Mittel blieb die britische Leinenindustrie
aber verhältnissmässig schwach, namentlich gegenüber der
nicht geschützten Baumwollindustrie. Besonders stark war
der Schutz der inländischen Segeltuchfabrikation, doch auch
diese war, trotz aller Begünstigung, der russischen (Doncurrenz
nicht gewachsen.
Auch zeigte sich bei dieser Frage, dass der Schutz
einer inländischen Production nicht ohne Druck auf andei'e
Zweige des nationalen Erwerbslebens möglich war.
Die Segeltuchmacher verlangten nicht nur Schutz g^en
russische Concuirenz, sondeni auch Exportprämien für sich,
zumal in Anbetracht der Importzölle von Flachs und Hanf.*)
1736 verlangten sie schon wieder stärkeren Schutz und ein
Parlamentscommittee schlug unter Protest von Schiffseigen-
thümem vor, diese einfach zum Gebrauch von britischem Segel-
tuch zu zwingen,*)
1746 wird wieder im Interesse des inländischen S^el-
tuchs petitionirt, weil fortwährend fremdes Segeltuch einge-
schmuggelt wurde, obwohl es gesetzlich feststand, dass alles
importirte Segeltuch gestempelt und verzollt werden und
jedes britische Schiff eine volle Garnitur inländischen Segel-
tuchs haben musste. Die Flachsbauer verbanden sich mit den
Segeltuchmachern. ^)
So sehen wir in der Leinenindustrie einen wirren Kampf
der Interessen von Irland und England, der Segeltuchmacherei
und der Seeschifffahrt, der Spinner und der Weber, bei wel-
chen all diese Interessen Schutz verlangten und erreichten,
dadurch aber nur sich gegenseitig durchkreuzten und beschä-
digten. — In der Seidenindustrie wurde doch der eine Zweck,
diese nationale Production rücksichtslos durch Monopol zu
fördeiTi, in der Tuchindustrie die Bevorzugung dieser Manufactur
vor anderen mit principieller Klarheit angestrebt. Bei den
Maassregeln zu Gunsten der Leinwandproduction bekämpfen
^) Journals Vol. 20 S. 67; Vol. 21 S. 645 (1731).
'') Journals Vol. 22, S. 646, 682.
^) Journals Vol. 24, S. 42, 66, 73, 99, 132.
Schutz der übrigen Industrien. 515
sich aber in aufreibender Weise die Interessen ihrer einzelnen
Zweige und der einzelnen Theile des Reiches.
§ 3. Handelspolitischer Schutz der übrigen
Industrien.
Die Textilindustrie war im vorigen Jahrhundert wie in
jeder anderen Zeit die wichtigste Industrie und daher waren
auch für sie die Schutzmaassregeln am meisten ausgebildet. In
den anderen Industriezweigen aber herrschten ganz ähnliche
Verhältnisse — Monopolsucht und unlösbare Interessencolli-
sionen.
So finden wir 1720 einei'seits Petitionen von Strohhut-
machern gegen den Impoil von Frauensti-ohhüten ^), andrer-
seits Petitionen für das wenn auch zollpflichtige Einlassen von
Strohgeflecht, da dieser Import des Materials für Strohhüte
den Export von Wolltuch und anderer Waaren, womit bezalilt
werde, ermögliche. 2)
Manchmal halfen auch die Arbeiter bei den Petitionen
um Schutzzoll mit. Doch kommt das nicht häufig vor, und es
scheint, als ob die Arbeiter in solchen Fällen von ihren Lohn-
heiTen zum Petitioniren veranlasst worden wären. So peti-
tionirten 1764 die Hutmacher im Verein mit ihren Arbeitern
gegen die Rückzölle auf Biberfelle, welche die französische
Hutmacherei begünstigten. Man verlangte sogar die Rück-
zölle durch Ausfuhrzölle zu ersetzen, indem man alles Biber-
haar gewaltsam in England festhalten wollte.*)
1737 erhoben sich Interessenkämpfe zwischen Hohofen-
besitzeiTi und andem Eisenindustriellen. Letztere wünschten
Importprämien auf Roheisen aus englischen Colonien, um dort
das Entstehen der Eisenmanufactur zu verhindern und um in
England schwedisches Eisen entbehrlich zu machen. Eretere
aber und die Besitzer von Wäldeni waren gegen die freie
') Journals Vol. 19, S. 245, 249, 250, 252, 254.
*) Journals Vol. 19, S. 272, 277, 288, 281, 289.
•') Journals Vol. 29, S. 761, 769, 905.
33
516 Zweites Bach, Cap. 2.
Einfuhr von Roheisen aus Colonien,*) 1738 gingen diese Agi-
tationen fort und die Hohofenbesitzer beriefen sich vor Allem
auf die Interessen des Waldlands. 2) Offenbar litt die Hoh-
ofenindustrie durch zunehmende Theuerung des noch allein ge-
brauchten Holzes und suchte sich auf Kosten der Consumen-
ten durch Schutz gegen Colonialroh eisen zu halten, in welchem
Streben ihr das Parlament zur Seite trat.
1750 wurde wieder gegen Einfuhr amerikanischen Eisens
petitionirt.^)
Schiifsbauholz wurde seit 1809 geschützt, d. h. ausländi-
sches Holz wurde zu Gunsten von schlechterem canadischen
Holz besteuert, was 1820 bei den Lords Anstoss erregte. 1821
beantragten auch die Gemeinen mehr Gleichstellung des cana-
dischen und baltischen Holzes.^) Es war die Zeit, wo endlich
auch im Parlament der Glaube an das Protectivsystem wan-
kend geworden war und die Uebei-zeugung durchzudringen
begann, der englische Handel brauche keinen Schutz mehr,
sondern nur „ein offenes und gleiches Feld für seine Anstreng-
ungen." Schon wieder existiiten über 2000 den Handel be-
treffende Gesetze (darunter 1100 schon 1815). Niemand konnte
ohne Hülfe von Advocaten die Gesetze übersehen. Doch dachte
man noch nicht an volle Aufhebung namentlich der Naviga-
tionsgesetze, sondern nur an Erleichterung.'^)
Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts geriethen die Kupfer-
bergwerksbesitzer in Conflict mit den Kupferindustriellen. '^j
Letztere verlangten, dass bei Erreichung eines bestimmten
Kupferpreises, der den Bergwerksbesitzeni einen billigen Ge-
winn Hesse und sie dem Ausland gegenüber concurrenzfühig
hielte, der Kupferexport verboten und der Import frei erlaubt
werden solle. Die Kupferindustrie selbst kämpfte gegen aus-
M Journals Vol. 22, S. 772— 78S, 791, SlO, 862, 878.
») Journals Vol. 23, S. 15, 21, 100, 151, 172.
s) Journals Vol. 25, S. 1021.
*) First Keport f. t. Lords on Timber-Trade 11. Juli 1820; First
Report ou Foreign Trade 9. März 1821.
*) Report on Foreign Trade 18. Juli 1820.
^) Report on the State of Copper raines and Copper Trade, 7. Mai 1799.
Schatz der übrigen Industrien. 517
ländische, namentlich deutsche Concun*enz und man glaubte,
es Hesse sich der Gewinn der Bergwerke amtlich constatiren
und feststellen. Zeugen von beiden Seiten wurden verhört.
Schliesslich erklärten zwei Sachverständige, nicht aus theore-
tischer Vorliebe für Eisenhandel, sondern in Folge ihres Ein-
blicks in die praktischen Verhältnisse, dass es am besten sei,
den Kupferhandel einfach ganz frei zu geben. ^)
^) A. a. 0. Schluss des Reports:
Thomas Williams. Qu. What do you think would be the effect on
the mines and trades of this country of making the trade in copper per-
fectly free? — To give a decided opinion upon this question it is neces-
sary that the interest and encouragement of the miners, manufacturers and
merchants should be duly weighed and considered ; that the advantages of
the copper improvements in our navy and trading ships, so essential to
our great and inestimable commerce, should be duly attended to, and that
the revenues consequently arising to the State from the increase and pro-
sperity of these branches of british industry should be fully understood.
Not having time to enlarge as I might upon the different points that oc-
cur in contemplating this important subject, I can but shortly observe that
after füll twenty years close attention and indefatigable labour in the ge-
neral trade from the working of the mines to the ultimato sale of the
copper at the home and foreign markets as well in the cakes or ingots
as in the various manufactured states for the numberless uses of the brass
makers, the Birmingham and Sheffield trades, the London, Liverpool and
Bristol coppersmiths, braziers and other minor manufacturers through the
Eingdom; after studying also the produce and effects of all foreign mines,
markets and manufactories during all that time and making imports of
copper every year previous to the present war from all the foreign mar-
kets where I could do it without serious loss, with a view of gaining au-
thentic knowledge of the State of the trade there, I am of opinion :
that a perfectly free and open trade out of and into this country
would be more beneficial both to the country and to the mines, to the
trade, traders and manufacturers of every description, than subjecting them
to any restraints under the idea of regulations however well intended ; and
with this idea strongly impressed in my mind I should regoice that the
whole trade should be laid perfectly free and open, not from a wish of
advantage to myself, as I am dcsirious and determined at the close of
this present year to take my leave of the trade.
Ebenso antwortete Mr. Vivian auf dieselbe Frage:
I have no difficulty in saying that, in order to shew that is not our
wish to shackle the manufacturers and to put an end to all controversy
a free export and Import of copper would be a measure in my opinion
518 Zweites Buch, Cap. 2.
Die angeführten Beispiele mögen genügen, um ein Bild
davon zu geben, in welcher Weise die Schutzzölle, welche
gegen die Concurrenz des Auslands die inländische Industrie
begünstigen sollten und wie die damit in Verbindung stehen-
den Versuche, selbst einzelne inländische Industrien zu Gun-
sten anderer zu unterdillcken, wirkten. Kein vorurtheilsfreier
Beobachter kann in dem Zustand, wie er sich im 18. Jahrhun-
dert in England entwickelte, eine heilsame Beeinflussung der
nationalen Production durch Organisation von Oben erkennen.
So sehr einzelne Schutzzölle zeitweilig genützt haben mögen,
in ihrer Gesammtheit waren sie nothwendig systemlos und das
Gegentheil einer organisatorischen Ordnung. Sie stellten eine
durch die mächtige Hand des Staats gestützte Anarchie egoi-
stischer Interessen dar, ärger, als es die „Anarchie der freien
Concurrenz" werden kann. Das Bild dieser Anarchie der ge-
schützten Interessen wäre übrigens kein vollständiges, wollten wir
nur die eigentlichen Schutzzölle und die aus ihnen hervorge-
gangenen Maassregeln schildern. Der Eifer auf Kosten des
Auslands zu profitiren, verstieg sich noch zu audem Maass-
regeln, die vielleicht noch weniger nützten und noch mehr
schadeten.
Zu den engherzigsten Maassregeln des Mercantilsystems
gehörten diejenigen, welche dem Inland das Monopol auf ein-
zelne technische Fortschritte zwangsweise sichern wollten. Dies
bezweckten die Mascliinenausfuhrverbote und die Strafen auf
das Auswandern gelernter Arbeiter. Die englische Gesetz-
gebung entwickelte im Laufe der Zeit viele derartige Be-
stimmungen, doch waren diese, dem ganzen Geist der eng-
lischen Gesetzgebung^ entsprechend, nicht genereller Art, son-
dern bezogen sich immer auf einzehie Fälle. ^)
169G wurde zuerst der Export der neuen von Lee er-
fundenen Stmmpfwirkerrahmen verboten. Diese durften selbst
in England nur mit Bewilligung der Londoner Strumpfwirker-
under tbe present circumstances of the copper trade bighly advantageous
to tbe niining and manufacturing interests of tbis kingdom.
^j Diese sind aufgezäblt in dem Report on tbe Laws relating to tbe
Export of Tools and Macbinery 1825.
Schutz der übrigen Industrien. 519
zunft verpflanzt werden, was indessen durch das Absterben
dieser Zunft bald unwirksam wurde.
1750 wurde der Export aller in der Tuch- und Seiden-
industrie gebrauchten Werkzeuge, 1774 auch der in der Baum-
woU- und Leinenindustrie gebrauchten Werkzeuge verboten,
wovon indessen 1775 zu Ehren der nordamerikanischen Colo-
nien und im Interesse vieler armer Familien in der Heimath
Ausnahmen gemacht wurden.
Es folgten weitere Gesetze: 1781 und 1782 wurde die
Ausfuhr von Musteni, Zeichnungen und Platten zum Bedrucken
von Stoffen verboten. 1785 erschien ein höchst umfängliches
Gesetz, welches den Export der in der Eisen- und Stahl-
industrie und der Knopfinacherei gebrauchten Werkzeuge
verbot Die Knopfmdustrie sank aber durch die Kupferzölle
und den Silberstempel dennoch und das Gesetz von 1785
wurde 1786 bis zur gänzlichen ünanwendbarkeit modificirt.
Principlos wurden von da ab die Ausfuhrverbote aufgehoben
und verlängert, so dass sie unübersichtlich wurden und Schaden
stifteten.
Die Auswanderung von gelernten Arbeitern (Manufac-
turere and Artificei's) namentlich aus der Woll-, Metall- und
Uhrenindustrie wurde 1718 durch 5. Georg I. c. 27 verboten
und mit Strafe bedroht und dieses Gesetz wui-de 1750 durch
23. Georg II. c. 13 verschärft. Das Gesetz von 1718 erfolgte
auf viele Petitionen hin, die im Januar 1781 von Industriellen
ausgingen.^)
Diese Gesetze, die gewissennaassen einen Excess des
Mercantilsystems darstellen, gelangten verhältnissmässig spät
zur Entwicklung. Es ist klar, dass sie eine VeriiTung waren ;
solche Gesetze sind gegenüber dem Schmuggel undurchführbar,
rufen Repressalien hervor und schädigen stets diejenige
Industrie, welche die Werkzeuge herstellt, zugleich auch die
andere, welche sie benutzt, weil der Fortschritt in der Maschi-
nenindustrie gelähmt wird. Dass man sich auf solche Gesetze
warf, zeigt, dass das Mercantilsystem in das Stadium eines
') Journals Vol. 19 S. 78, 83, 89.
520 Zweites Buch, G19. 8.
schwächlichen Greisenalters getreten war. Die UnansfÜhrbar-
keit und Schädlichkeit dieser Maassregeln zeigte sich fibri-
gens bald.
1824 erschienen fünf Parlamentsreporte ,,on artizans aad
machinery/' welche über diese Gesetze und zugleich über
Combinationen Auskunft gaben. Es zeigte sich, dass noch ein
Theil der Industriellen an den Exportverboten festhielt,
während ein anderer geneigt war, sie aufzugeben; der Zu-
sammenhang dieser Gesetze mit den Arbeitercombinationen
lag einerseits darin, dass das Arbeiterauswandenrngsverbot
Erbitterung unter den Arbeitern erzeugte, andererseits darin,
dass man von der Maschinenausfuhr die Stärkung ausländi*
scher Ck)ncurrenz und Druck der inländischen Löhne befürch-
tete. Der schon oben (Seite 518, Anmerkung) erwähnte
Report vom Jahre 1825 erklärte die Ausfuhrverbote unbe-
dingt für nutzlos und schädlich. Alle Zollbeamten waren
g^en die Ausfuhrverbote wegen ihrer Unausfahrbarkeit Es
existirte eine Versicherungsgesellschaft zur Organisation des
Schmuggels, bei der man die auszuschmuggelnden Maschinen
versicherte. Wenn man verbotene und erlaubte Maschinen,
resp. Maschinentheile vermischt zur Ausfuhr brachte, so stand
dei-selben ohnedies nichts im Wege. — Natürlich war die
Majorität der Maschinenfabrikanten selbst gegen die Verbote
und zahlreich wai*en unter den vernommenen Sachvei-ständigen
die rein freihändlerischen Stimmen, welche der Meinung
waren, die Superiorität der englischen Industrie sei fest be-
gründet auf dem Kohlenreichthum , dem grossen Capital des
Landes, der Intelligenz und Energie der Arbeiter, den guten
Verkehrsmitteln. Sie brauche nicht mehr den Schutz von
Maschinenausfuhrverboten, deren Wegfall auch die gute Folge
haben würde, dass England veraltete Maschinen schneller los-
schlagen könne. Aufs deutlichste zeigt dieser Bericht an dem
Beispiel spätentwickelter excessiver Schutzmaassregeln, dass
und wie das Mercantilsystem sich überlebt hatte.
Schutz des Ackerbaus. 521
§ 4. Handelspolitischer Schutz des Ackerbaus.
Ich habe im Bisherigen nur die künstlichen Begünsti-
gungen der Industrie erwähnt, welche ja das eigentliche Ziel
des Mercantilsystems waren. Nur gelegentlich wurde bemerkt,
dass auch das Interesse des Grundbesitzes und des Acker-
baus sich regte und berücksichtigt wurde. Es ist aber eben
eine grosse und besondei*s wichtige Eigenthümlichkeit des
englischen Mercantilismus , dass derselbe es unternahm, auch
den Landbau in seine Kreise hereinzuziehen. Durch dieses
ganz unmögliche Streben ginib er sich schliesslich sein eigenes
Grab. Der unmögliche Versuch lag in den Komzöllen.
Die Eomzölle, die im Anfang des 19. Jahrhunderts in
England von so eingreifender Bedeutung wurden, hatten sich
langsam entwickelt und die leitenden Gesichtspuncte der Gesetz-
gebung waren keineswegs constant.
Im Mittelalter herrschte die Absicht, dem Lande stets
die nöthige Menge Getreides zu billigem Preise zu sichern.
Bei der geringen Entwicklung des Komhandels, demzufolge
jedes Land zumeist auf sich selbst angewiesen war, konnte
man dieses Ziel durch inländische Gesetzgebung zu erreichen
hoffen und das allgemeine Getreideausfuhrverbot, das im
Mittelalter galt, kann nicht ohne Weiteres als eine verfehlte
Maassregel betrachtet werden.
Im 15. Jahrhundert begann man von dem alten Grund-
satz abzuweichen, indem 1436 die Ausfuhr von Weizen und
Gei-ste gestattet wurde, wenn der Preis dieser Producte eine
bestimmte Höhe nicht überstieg. Es wurde also noch stärke-
res Sinken des Preises verhütet. 1463 wurde weiter ver-
ordnet, dass die Getreideeinfuhr verboten sein solle, so lange
der Preis die Höhe, unter welcher die Ausfuhr gestattet war,
nicht erreicht hatte. Dies war der Anfang der Gesetzgebung,
welche nicht mehr trachtete, dem Volke möglichst billiges
Korn zu sicheni, sondern darauf ausging, dem Landbauer
einen gewissen Minimalpreis des Korns zu verschaffen. In-
dessen waren diese ei*sten Gesetze noch keineswegs derait,
522 Zweites Buch, Cap. 2.
dass sie den Landbauer stark auf Kosten des Consumenten
begünstigten und in der Ausführung erwiesen sie sich als
einflusslos. Die alte Tendenz dem Volke billiges Korn und
Verdienst zu sichern bestand auch noch fort in den Gesetzen,
welche die Umwandlung von Kornland in Weideland verboten.
1562 wurden die Preise, bei welchen Ausfuhr gestattet war,
erhöht; 1751 das Ausfuhrverbot in einen Ausgangszoll unter
abermaliger Erhöhung des maassgebenden Preises verwandelt
Die Tendenz, dem Landbauer höhere Preise zu sichern wuchs
also. Es folgten nun die Gesetze 15. Karl 11. c. 7 und
22. Karl c. 13 von 16G3 resp. 1670^). Das erstere Gesetz
gestattete Export des Weizens bei einem inländischen Preis
von 48 Schilling pro Quaiter und gab zugleich bei demselben
Preis den bis dahin unterdrückten inländischen Kornhandel
frei ; das letztere auch bei jedem höheren Preis gegen einen
factisch sehr kleinen Ausfuhrzoll, welcher durch 1. Wilhelm und
Maria c. 12 und namentlich durch 11. und 12. Wilhelm III. c. 20
wegfiel. Das Gesetz von 1670 führte zugleich Weizenein-
gangszölle ein, und zwar betrugen diese 16 Schillinge pro
Quai-ter, wenn der Preis nicht über 53 Schilling 4 pence stand;
8 Schilling bei einem Preis bis zu 4 Pf. St.; 5 Schillinge
4 pence bei einem Preis über 4 Pf. St. Durch 1. Wilhelm u. Maria
c. 12 kam noch eine Exportprämie auf Weizen von 5 Schil-
ling pro Quarter dazu , Nvenn der Preis auf 48 Schilling oder
darunter stand. Damit war der Anfang einer das Land-
interesse begünstigenden Gesetzgebung gemacht. Da 1697—
1764 der Weizenpreis durchschnittlich auf 33 Schilling 3 pence
stand, so waren es in dieser Zeit die Ausfuhrprämien, auf
denen die Begünstigung hauptsächlich beruhte.
Als aber nach 1760 die Bevölkerung w^uchs, trat eine
entgegengesetzte Strömung in der Gesetzgebung ein. 1765
wurden durch 5. Georg III. c. 31 und 32 die Weizeneinfuhr-
zölle und Exportprämien zeitweilig aufgehoben und der Krone
das Recht gegeben, den Export zeitweilig ganz zu verbieten.
M Die Gesetze seit dieser Zeit s. Report od Corn Trade, 11. Mai
1813; ferner Adam Smith, Wealth of Nations, Buch IV, c 5.
Schutz des Ackerbaus. 523
Durch 13. Georg IIL c. 43 (1773) wurde dann verordnet,
dass die Einfuhr frei sein solle, sobald der inländische Preis
des Weizens auf 48 Schilling gestiegen ist und dass die Ex-
portprämie wegfallen soll, wenn der Preis auf 44 Schilling
(statt 48 Schilling wie fi-üher) steht.
Seit dieser Zeit, also seit dem »Beginn einer regelten Ent-
wicklung der grossen Industrie, überwog der Import von
Weizen regelmässig den Export und der Durchschnittspreis
betrug 1764— 1794: 44 Schilling 7 pence. Die Bestimmungen
über andere Getreidearten übergehe ich als principiell minder
wichtig. Die% Gesetzgebung von 1773 war also dem Land-
interesse weniger unbedingt günstig als die von Karl II und
Wilhelm III, doch suchte sie dem Landbauer noch immer einen
gewissen Preis des Weizens zu sichern. 1791 traten neue
Veränderungen ein, indem ein Eingangszoll von 24 Schilling
3 pence bei einem Preis unter 50 Schilling eintrat; bei einem
Preis zwischen 50 und 54 Schilling betrug der Eingangszoll
2 Schilling 6 pence, bei einem Preis über 54 Schilling be-
trag er 6 pence. Die Exportprämie von 5 Schilling wurde
bei einem Preis über 44 Schilling gezahlt; bei einem Preis
über 46 Schilling wurde der Export verboten. Unter der
Herrschaft dieses Gesetzes wurden 1792—1803 für 37613435
Pf. St Weizen und Mehl (excl. des irischen Imports) ein-
geführt und der Durchschnittspreis im Inland betrag 68 Schil-
ling 6 pence. 1804 wurden die Sätze abermals verändert,
indem der hohe Eingangszoll von 24 Schilling 8 pence gezahlt
wurde, bis der Preis im Inland 63 Schilling erreicht hatte.
Bei einem Preis zwischen 63 und 66 Schilling betrag der
Eingangszoll 2 Schilling 6 pence, bei einem Preis über
66 Schillinge betrag er 6 pence. Die Exportprämie von 5 Seh.
wurde gezahlt bei einem Preis von 48 Schilling und daranter,
bei 54 Schilling Weizenpreis war der Export verboten. Unter
diesem Gesetz wurde 1804—1812 für 21021700 Pf. St. Kora
eingeführt, der Durchschnittspreis im Inland betrag 88 Schil-
ling 11 pence. 1812 zeigte sich sogar wieder ein kleiner
Ueberschuss des Exports über den Import an Kora, obwohl
der Preis noch im Steigen war.
524 Zweites Bncb, Gap. 2.
Man siebt, dass seit der neaen Gesetzgebung von 1773
die Eornpreise in Folge der Znnabme der Bevölkerung toirtr
während bedeutend stiegen. Die Ausdehnung des Ackerbaus,
die unbedingt stattfand, genügte nicht die steigende Nach-
frage zu neutralisiren in Bezug auf den Preis. Die Gesetz-
gebung seit 1791 that aber nichts um die steigenden Preise
zu drücken, sondern sie war vielmehr darauf berechne , die
hohen Preise zu erhalten, indem die Einfuhr nur bei immer
höheren Preisen gegen den nur nominellen Zoll gestattet
wurde. Dies war die Folge steigender Macht des Luidinter-
esses, das sich dabei auf die Vorsorge berief, dass das
Land während der Eriegszeit von Eomimport unabhängig
gemacht werden müsse, und dadurch scheinbar sich mit dem
allgemeinen Interesse identificirte. Man behauptete, es liege
im Interesse des Landes , dass in guten Jahren ein exportir*
barer Ueberschuss von Eom producirt werde, damit in schlech-
ten das Land doch noch genug ftlr den eigenen Bedarf pro-
dudre, und es müsse dem Farmer ein „sicherer , gleichmässi-
ger, billiger und vernünftiger Preis^ gewährleistet werden^).
In der That dehnte sich der Ackerbau im Anfang des Jahr:
hunderts sehr bedeutend aus , als auch das Sinken der Valuta
noch die Preissteigerung des Korns begünstigte.
Wir sehen, dass die Gesetzgebung bis 1804 in Bezug
auf das Maass der Begünstigung des Landinteresses Schwan-
kungen unterlag und Ende des vorigen Jahrhunderts schärfer
denn je auf Seiten des Landinteresses trat. Seit dem 15. Jahr-
hundert aber blieb man dem formalen Grundsatz getreu, dass
Erlaubniss zur Ausfuhr resp. Einfuhr, Prämien und Zölle vom
Preis abhängig gemacht wurden. Natürlich hatte dies seine
grossen Schwierigkeiten, wie denn alle künstlichen Handels-
beschränkungen in der Ausführung vom Gesetzgeber nicht ge-
wollte Folgen erzeugen. 1791 war die Sache dahin geordnet,
dass der Durchschnittspreis in jedem einzelnen maritimen
District für diesen maassgebend war, so dass der Impoit in
einem District gestattet sein konnte, im anderen nicht. Das
^) Report on Com trade, 14. Mai 1804.
Schutz des Ackerbaus. 525
Gesetz von 1804 dagegen fasste die 12 maritimeu Districte
Englands zusammen, 1805 wurde auch Schottland, 1806 Irland
unter dieselbe Regel gestellt. Doch auch dies half nicht. Es
wurden immer Betrügereien geübt, um den hohen Pi*eis, bei
dem die Einfuhr gestattet war, herauszurechnen ^).
Die hohen Kornpreise , deren sich das Landinteresse
während der Kriegszeit erfreute; sanken 1813 rasch und be-
deutend durch den Wegfall der Continentalsperre. Es ent-
stand nun eine Leidenschaft, die hohen Preise zu erhalten
und der Masse des inzwischen dem Pfluge neu unterworfenen
Komlands dauernd zu gutem Geldertrag zu verhelfen. Der
durch dies Gesetz von 1804 gewährte Schutz sollte gesteigert,
auch den amerikanischen Colonien keine Begünstigung in Be-
zug auf Kornausfuhr nach England gewährt werden ^). Man
einigte sich schliesslich dahin, dass die Gesetzgebung darauf
ausgehen müsse, einen inländischen Weizenpreis von 80 Sh.
zu sichem und demgeinäss verfügt 55. Georg III. c. 26 in der
That, dass Weizeneinfuhr zu inländischem Verbrauch erst bei
einem inländischen Durchschnittspreis von 80 Sh.*(resp. von
67 Sh. gegenüber den englischen Colonien in Nordamerika)
gestattet werde. Bei diesem Preis war die Einfuhr frei, bei
einem Preis darunter ganz verboten. Ausfuhrprämien hörten
ganz auf, die Ausfuhr war aber bei jedem Preis frei.
Dieses Gesetz bezeichnet den Höhepunct des Erfolgs des
Landinteresses, das seinen Egoismus mit den Mitteln des
Mercantilsystems zu befriedigen suchte. Wir können jetzt
nicht schildern, wie dieses Gesetz der Ausgangspunct für
grosse Gegenagitationen wurde, wie es geändert wurde und
wie schliesslich die Kornzölle ganz fielen. Hier interessirt uns
vorerst nur zu zeigen, wie diese mercantilistische Begünsti-
gung des Landbaus ihren Zweck verfehlte, dass also auch hier
sich der innere Bankerott des Protectivsystems zeigte.
Schon die Gesetzgebung von 1791 — 1815 zeigt, wie man
') Report on Agricultural Distress, 8. Juli 1820.
') S. den oben S 522 erwähnten Report von 1813 und den Report
on Petitions relating to Corn Laws, 26. Febr. 1814.
526 Zweites Buch, Cap. 2.
nie im Stande war, durch ein Gesetz den beabsichtigten Er-
folg daueiiid zu erreichen, sondein dass man zu beständiger
Erhöhung des Schutzes genöthigt wurde. Es ist das allge-
meine Schicksal der Schutzzölle, dass man dem Glassenegois-
mus stets weiter nachgeben muss, wenn man ihm einmal in
dem Wahn und unter der Behauptung, er falle mit dem all-
gemeinen Interesse zusammen, eine Concession gemacht hat
Schliesslich geht das irrthümliche System an der Uebertreibung,
zu der seine eigene Consequenz zwingt, zu Gmnde.
Im Jahre 1821 wurde die Lage des Ackerbaus, der sich
des Schutzes von 1815 erfreute, untei-sucht ') und dabei con-
statirt, dass der inländische Ackerbau trotz alles Schutzes bei
den bestehenden Preisen nicht auf seine Kosten komme —
eine Klage, die, nebenbei bemerkt, heute in Deutschland ganz
in derselben Weise und bei einer sehr ähnlichen Sachlage
ertönt, nämlich in einer Zeit, in der die Kompreise nach
langem Steigen rückwärts gehen 2).
Die Farmer halfen sich in der schlechten Zeit mit alten
ErsparnissSn und Credit. Sie litten nicht nur durch gute
Eraten und vermehrten Import von Irland, sondern nament-
lich dadurch, dass sie hohe Pachtzinsen zahlen mussten, welche
in der Zeit der vei-schlechterten Währung: pactirt waren und
den veränderten Geld- und Preisverhältnissen nach Wieder-
herstellung der Metallvaluta nicht mehr entsi)rachen.
Das Committee von 1821, anders als die von 1813 und
1814, erkannte diese wahren Gründe der Noth. Es war eine
Krisis da, der keine Protectivmaassregeln, sondern der nur
Verminderung des Angebots und Einschränkung der Ueber-
production von Korn auf schlechtem Boden abhelfen konnte.
Der Ruf, der Ackerbau decke seine Kosten nicht, der so
^) Repoii on the depressed State of Agriculture, 18. Juni 1821.
*) Freilich besteht zwischen der damaligen englischen und der heu-
tigen deutschen Lage der Dinge der Unterschied, dass der Eornimport
nach England zumeist von den Ostseeländern erfolgte, wo eine bedeutende
Steigerung der Production nicht erwartet werden konnte, während das in
Amerika anders steht. Aber die grosse Aehnlichkeit besteht doch, dass
Komzölle im Grunde nur den Bodenpreis, nicht den Ackerbau schützen.
Schatz des Ackerbaus. 527
oft ertönt, geht stets von der merkwürdigen Annahme aus,
dass die Zinsen des Ankaufspreises des Bodens resp. die
Pachtzinsen und dass die herrschende Weise des Anbaus,
d. h. die bestehende Ausdehnung des Könierbaus, constante
Grössen seien — während doch der Ackerbau wie jedes andei*e
Gewerbe Werthverminderungen seines Anlagecapitals ausgesetzt
ist und sich der Noth wendigkeit von Betriebsänderungen
unterwerfen muss. Das Committee von 1821 führte dem
gegenüber ganz richtig aus, dass man den Preis, bei welchem
Import gestattet sei, bei jeder Zunahme der Bevölkeining immer
wieder steigern müsse, wenn man fortfahre, unter einem die
Kosten die Ackerbaus deckenden Kornpreis denjenigen zu
vei-stehen, der alle Kosten und Lasten auf dem schlechtesten
Boden ohne Ginindrente und der auf anderem besseren Boden
diese Kosten nebst einer steigenden Pachtrente ersetzt.
Uebrigens, meint das Committee, könne kein Schutz weiter
gehen als bis zum völligen Monopol. Und dieses habe der
englische Ackerbau zur Zeit — und dennoch leide er gerade
unter dem Monopol. In gewöhnlichen Jahren, wenn in Eng-
land eine Mittelenite sei, könne kein fremdes Koni importirt
werden; bei guten Eniten aber könne aus England nicht
exportirt werden, weil der Preis im Inland den in der übrigen
Welt zu sehr übei-steige. Bei Fehlemten aber litten die
Consumenten sehr stark. In der That werde auch kein con-
stanter Preis von 80 Sh. erzielt, sondern die Weizenpreise
schwankten in England stärker als andei'swo zwischen dem
Maximum, bei dem importirt werden darf und dem Minimum,
zu dem gute Einten den Preis bei unmöglichem Export diücken
können ^). Wenn man sich auf den Standpunct stelle , „dass
Ginindbesitzer, Pächter und Consument, das eine grosse ge-
meinsame Interesse an constantem genügendem Angebot bei mög-
lichst constantem Preise haben," so sei die Gesetzgebung von
^) a. a. 0., S. 11 : „If on the one hand the risk of a defectiye harvest
is increased, so on the other will the occasional pressure of yery unade-
quate prices be more severely feit by the growers, whenever an abnndant
harvest or possibly more than one in succession shall lead to a glut
of produce without the relief of a vent from ezportation.'^
528 Zweites Buch, Cap. 2.
1815 ganz besonders schädlich. So lange die Preise noch
79 Sh. 11 pence stehen, könne nicht importirt werden, stehen
sie aber einmal auf 80 Sh. , so werde dann drei Monate lang
plötzlich massenhaft importirt unter steigenden Preisen im
Ausland und während vielleicht im Inland besondere gute
Emteaussichten sind. In der That schwankten die Weizen-
preise zwischen Januar 1816 und Juni 1817 zw^ischen 53 Sh.
1 penny und 112 Sh. 7 pence; zwischen Juni und September
1817 zwischen 112 Sh. 7 pence und 74 Sh. \).
Man kann das Komzollsystem nicht besser kritisiren, als
es in diesem Bericht von 1821 geschehen ist. Das Commktee
schlug nichtsdestoweniger keine radicalen Maassregeln vor, da
die einmal in der englischen Landwirthschaft angelegten Capi-
talien Schonung verdienten. Es verzichtete nur darauf, die
Grundrente fortwährend künstlich zu steigern, zumal diese
bei wachsender Bevölkening von selbst wachse. Es wurde
daher nach einigen Uebergangsmaassregeln vorgeschlagen, ein-
fach einen massigen Eingangszoll unabhängig vom inländischen
Preise einzuführen ■-- ein Vorschlag, der 1822 wiederholt^)
wurde, jedoch nur für die weitere Zukunft, während für die
nächste Zeit in Anbetracht der drängenden Noth der Land-
wirthe andere Maassregeln empfohlen wurden.
Die definitive Abschaffung des alten Systems erfolgte ja
auch erst später. Aber man hatte doch erkannt, dass es total
überlebt sei. Zugleich erkannte man, dass die industriellen
Schutzzölle werthlos geworden waren ^). Und diese Erkennt-
niss beruhte einfach darauf, dass man das Schutzzollsystem
fortwährend gesteigert hatte, bis es gleichsam unter diesem
Vergrösserungsglase in all seinen Mängeln und Schwächen
klar vor Aller Augen lag.
Erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts begann die arge
^) Dagegen schwankte der Weizenpreis in den Jahren 1860 — 1878
nur zwischen 62 sh. und 48 sh. 3 pence. I^IS sank er noch tiefer. Im An-
fang des Jahrhunderts waren also die Weizenpreise enorm viel höher als
heute, — diese Wirkung der Getreidezölle ist klar.
*) Report on distressed State of Agriculture, 1. April 1822.
••) Keport von 1813 S. 21 ff.
Bekämpfimg der Schutzzölle. 529
üebertreibung der Kornzölle ; eben dabei zeigte sich aber am
schnellsten und stärksten der innere Bankerott des Systems,
weil es sich um ein allen Menschen nöthiges Product handelte
und weil bei der Gonstanz des im Ackerbau vorhandenen
fixen Capitals — des unbeweglichen Grund und Bodens —
die Folge der Zölle — einseitige Bereicherung einer Classe
von Besitzenden — zu unverkennbar hervortrat. Die gehäuften
industriellen Schutzzölle des 18. Jahrhundei*ts haben aber, wie
wir gesehen haben, im Kleinen ähnliche Wirkungen erzeugt
Auch sie erreichten ihre Zwecke trotz ewiger Steigerung
nicht — nur der Umstand, dass der enorme Aufschwung der
Industrie alle Handelsbeschränkungen in ihrer Wirkung auf-
hob, resp. sich darüber hinwegsetzte, verhinderte, dass auf
diesem Gebiete nicht ebenfalls eine leidenschaftliche Gegen-
agitation ausbrach.
§ 5. Bekämpfung der Schutzzölle.
Gegen die übei*spannten und übermässig gehäuften Schutz-
zölle, Ausfuhrverbote etc. erhob sich überall in nicht zu ver-
tilgender Weise der Schmuggel. Der Schmuggel wurde auch
von fremden Gesandten betrieben und dagegen petitionirten
1773 Uhrenmacher und Möbelschreiner ^). Selbst die Navi-
gationsgesetze*), die sogar nach A. Smith's Meinung dem
Lande indirect Vortheil brachten und die sicher die Ent-
wicklung des englischen Handels befördert und beschleunigt
haben, wenn sie auch später demselben Schranken zogen (ähn-
lich wie das Monopol der Seidenindustrie diese Anfangs hob
und später lähmte) — selbst diese Gesetze wurden um-
^) Journals of the House of Commons, Vol. 84 S. 297, 349.
^ Die aus dem 17. Jahrhundert stammenden Navigationsgesetze s. in
der Einleitung. Sie wurden im 19. Jahrhundert abgeschafft. Im 18.
gahen sie zu Klagen, Petitionen und Agitationen wenig Veranlassung und
es knüpften sich daran keine Collisionen inländischer Interessen. Ich unter-
lasse es daher, sie hier eingehend zu besprechen, obwohl sie ein wichtiger
Theil des englischen Mercantilsystems waren.
Held, Soc. GoBch. Engl. 84
530 Zweites Bach, Cap. 2.
gangen. Englische Schiffer kauften Fische von Fremden, um
sie in England zu verkaufen, wogegen Fischer aus verschie-
denen Seestädten petitionirten ^). 1720 wurde um das Verbot
der Einfuhr fi-anzösischer Austern petitionirt *) , wobei insbe«
sondere bemerkt wurde, dass durch diese ConcuiTenz englische
Schiffer brodlos werden und sich dann auf den verbotenen
Wollexport werfen könnten.
Unter allen Umständen ist der Schmuggel höchst un-
sittlich und verwerflich, auch ist er in einem einigermaassen
wohlgeordneten Lande nie im Stande , die Wirkung von Zoll-
gesetzen völlig aufzuheben. Dennoch kann es als ein Bewds
für die Schlechtigkeit der Zollgesetzgebung gelten, wenn der
Schmuggel in einem Lande mit guter Verwaltung und weit-
verbreitetem gesetzlichen Sinn der Bewohner sich beständig
steigert und unvertilgbar wird, so dass er zu beständiger Ver-
änderung der Gesetzgebung Veranlassung giebt. Es ist ge-
wissermaassen eine Reaction des gesetzwidrigen gegen den
gesetzlich unmotiviiter Weise sanctionirten Egoismus einzelner
Classen.
Lidessen der nie völlig siegreiche, sondern immer schwerer
werdende Kampf des Gesetzes gegen den Schmuggel würde
für sich allein die Schlechtigkeit des Gesetzes nicht definitiv
beweisen. Entscheidend sind die in den erzählten Beispielen
klar gestellten Thatsacheu, dass im 18. Jahrhundert bei*eits
fast alle Schutzzölle andere inländische Interessen schädigten
und dass sie sich unter einander in ihrer Wirkung bekämpften
und aufhoben. Aber je mehr dies der Fall war, desto mehr
steigerte man lange Zeit hindurch den Schutz. Einmal auf
der schiefen Ebene der Begünstigung von Sonderinteressen
angelangt, rollte die Gesetzgebung weiter — bis sie in den
Abgrund versank, d. h. bis man sich allgemein von ihr ab-
wandte und das Princip der Nichtintervention aufstellte. Weil
die bestehende Gesetzgebung nur Sonderinteressen und den
Leidenschaften von Gruppen diente und von keinem staat-
1) Journals VoL 18 S. 117 (1715).
>) Journals Vol. 19 S. 387, 897, 401, 411.
Bekämpfung der Schutzzölle. 531
liehen Gedanken mehr beheiTScht war — daioim meinte man,
dass überhaupt der Staat unfähig sei, organisatorisch und
helfend in's wirthschaftliche Leben einzugi'eifen.
Von heutigen Schutzzöllnern wird oft, wenn von Englands
freihändlerischer Gesinnung die Rede ist, höhnisch darauf hin-
gewiesen, wie sehr England selbst schutzzöllnerisch war und
dadurch erst auf die jetzige Höhe kam. Man sollte dabei doch
nicht vergessen, dass England allerdings noch 1818 weit schutz-
zöllnerischer war als Preussen, dass aber gerade seine stärksten
und wirksamsten Schutzzölle nicht seiner Industrie, sondern
seinem Grundbesitz nützen wollten und dass diese abgeschafft
werden mussten, ohne dass irgend Jemand behaupten konnte,
dass sie vorher die Landwirthschaft dauenid zu höherer Pro-
ductivität gehoben hätten. Man sollte nicht vergessen, dass
die mächtigste aller britischen Industrien, die Baumwoll-
industrie, nicht durch Schutz emporgekommen ist, und dass
der Schutz der anderen Industrien schon im vorigen Jahr-
hundeit nur eine von irregeleiteten Leidenschaften gehaltene
und gesteigerte Institution ohne nachweislichen Nutzen war.
In der That ist es, wenn man die Verhältnisse seit der Mitte
des 18. Jahrhunderts betrachtet und von einzelnen Fällen ab-
sieht, wahr, dass Englands Industrie nicht durch die Schutz-
zölle, sondern trotz derselben so mächtig geworden ist. —
Diese Einsicht tauchte, wie wir (oben Seite 517) ge-
sehen haben, voiübergehend schon in den Interessenkämpfen
des 18. Jahrhunderts auf und wurde im 19. Jahrhundert von
entscheidender Macht. Zum Schlüsse mag ein Fall angeführt
werden, aus dem hervorgeht, dass gegen Ende des 18. Jahr-
hunderts diese Ueberzeugung in einzelnen Kreisen von Prak-
tikern — nicht nur bei Theoretikern — schon völlig zum
Princip ausgebildet war. 1792 wurden in einer allgemeinen
Versammlung auf der Liverpooler Börae Resolutionen gegen
das Monopol der ostindischen Compagnie gefasst ^), mit welcher
die Liverpooler Kaufleute frei zu concurriren wünschten —
zugleich zum Ersatz für den drohenden Verlust des afrika-
') Aikin a. a. 0. Additions S. 608.
84
582 Zweites Bach, Cap. 2.
nischen Sklavenhandels. In diesen Resolutionen kamen folgende
Sätze vor: I. „Der Schöpfer des Weltalls hat verschiedene
Theile der Erde mit verschiedenen Producten begabt und da-
durch die Gnmdlage des Handels gelegt. Dieser hat den
Zweck der Ausgleichung der Bedürfnisse und des gegenseitigen
Austauschs von Gütern. Er kann mit sicherem Erfolg der
Regulimng durch die gegenseitigen Interessen tiberlassen wer-
den und sollte so weit als möglich frei von allen BeschrÄn-
kungen bleiben. — VI. Friede ist der natürliche und sollte
der untrennbare Begleiter des Handels sein. — X. Der
Foitschritt der Zeit und die Erfahining haben nun alle Gründe
aufgehoben, die einst zu Gunsten des exclusiven Handels mit
Indien sprachen, nämlich die Gefahr und Kosten eines Han-
dels auf so weite Entfernung. Der freie Handel und die freie
Industrie von Grossbritannien haben solche Vermehrung von
Reichthum und Ansammlung von Capital erzeugt, dass kein
Unternehmen mehr für private Kaufleute zu gross ist. Die
geniale Arbeitskraft und das Talent unseres Volkes sind so
gross, dass es kein Land der Erde giebt, mit dem sie nicht
einen freien Handel und zwar annähernd im Verhältniss zu
seinem Reichthum und zu seiner Bevölkerung gewinnreich
machen könnten. Und so gross sind Geschicklichkeit und
Muth unserer Seeleute, dass keine Küste so gefährlich, kein
Land so weit entfernt ist, um ihren Muth zu dämpfen und ihr
Landen zu verhindern." —
Die folgende Kriegszeit drängte die freihändlerischen Ten-
denzen zeitweilig in den Hintergrund. Sie traten später in
der Manchestcrer Industrie und im Liverpooler Handel mit
verstärkter Kraft und siegreich wieder auf Die Gesinnung
der Vertreter des Freihandels blieb dabei dieselbe wie im
vorigen Jahrhundert. Auch sie vertraten einseitige Interessen
und es bleibt eine Schmach, dass dieselben Intercssenkreise.
welche zuerst die Fahne des Freihandels erhoben, sich lange
gegen die Unterdrückung des Sklavenhandels gewehrt haben.
Aber doch bleibt es wahr, dass die Interessen der Freihändler
mehr mit dem allgemeinen Interesse des Landes zusammen-
fielen als die der schutzzöllnerischen und monopolistischen
Rückblick und Yorblick. 538
Gruppen und dass der engherzige, schnöde, manchesterliche
Geist der englischen Freihändler eben durch den Schutzzoll
gi'oss gezogen worden ist. Di^ Freihandelspartei wai' das
kleinere Uebel und soweit sie selbst ein Uebel war, d. h. so-
weit sie egoistische Grundsätze hatte, war ihr die Schutzzoll-
partei absolut nicht Qberlegen.
§ 6. Rückblick und Vorblick.
Zwei Systeme der staatlichen Einwirkung auf Handel und
Gewerbe, zwei Ordnungen des gewerblichen Lebens waren
schon in der Mitte der vorigen Jahrhundeils in England ab-
gestorben. Die alte Ordnung, welche Bechte gab und zugleich
Pflichten auferlegte, den Erwerb aller redlichen Arbeit und
den Consum aller Unterthanen zu sichern strebte, berechnet
auf einfache stätige Verhältnisse und deren Erhaltung, war
längst lebensunfähig geworden. Die Lehrlingsgesetze und
Lohnreguliiningen waren ausser Gebrauch, die Zünfte waren
theils zur leeren Form, theils zu monopolsüchtigen Grup-
pen geworden. Technische Reglements, Marktpolizei und
Preistaxen wurden theils nicht mehr geübt, theils wurden sie,
in der Ausführung immer schwieriger, ein Gegenstand von
Klagen. Die alten Ordnungen starben unter allgemeiner Zu-
stimmung ab, nachdem aber längere Zeit ein Zustand ohne
kräftige Ordnung gewährt hatte, entsteht bei einem Theil der
Gewerbetreibenden, unter den Arbeiten!, vielfach Noth, Unzu-
friedenheit, Gährung und das Verlangen nach schützender
Organisation.
Die mercantilistischen Ordnungen waren nicht äusserlich,
aber innerlich abgestorben, konnten ihren einseitigen Zweck
nicht mehr erreichen und übten nach vielen Seiten einen schäd-
lichen Druck. Die künstliche Befördeioing des Reichthums
wirthschaftete noch schneller ab als die Organisation des Er-
werbslebens im allgemeinen Interesse.
Aus der Schildemng dieser Thatsache des Verfalls der
alten Ordnungen ging schon hervor, welches ihr Grund war.
534 Zweites Buch, Cap. 2.
Die alte Handwerksordnung war unhaltbar in einer Zeit
rascheren technischen Fortschritts, in einer Zeit, in der die
Gewerbe von Welthandelsconjuncturen abhängig wurden und
ein grosskaufmännischer Betrieb führend an die Spitze trat.
Diese Gonjunctui'en in ihrer wachsenden Stärke und häufigen
Wechseln konnte aber auch kein Schutzzollsystem mehr bannen
und reguliren und die giössere Vielfältigkeit der Production,
die entwickeltei-e Arbeitstheilung und grössere Complicirtheit
der Interessen machten es unmöglich, einzelne Intei*essen ohne
Schädigung anderer durch dauernde Gesetze zu befördern.
Neue Kräfte sprengten die auf einfachere Zustände berechneten
Ordnungen und die officielle Aufhebung der letzteren wurde
zur Nothwendigkeit. Mag man es beklagen, dass zunächst
alle Ordnung wegfiel , mag man der Ansicht sein , dass eine
neue Ordnung entwickelt werden soll und muss — der Tod
der alten Ordnungen selbst war nicht zu beklagen. Denn es
besteht eine ewige Wechselwirkung zwischen den thatsäch-
lichen wirthschaftlichen Verhältnissen und der sie behen-schen-
den Ordnung. Die alte Ordnung wuchs aus alten Verhält-
nisse!^' heraus, stärkte diese, consolidirte sie — ti*ug aber auch
zu ihrer weiteren Entwicklung bei, so dass sie selbst die neuen
Kräfte, welche sie stüraen musste, mit erzeugte. Unendlich
stark, segensreich und fördenid sind weise Maassregeln der
Staatsgewalt, welche die wirklich vorhandenen Kräfte des
wirthschaftlichen Lebens erkennen und ihnen zu einer be-
friedigenden, geregelten Entwicklung verhelfen; aber nie sind
solche Maassregeln im Stande, gar nicht vorhandene Kräfte
selbständig zu schaffen oder vorhandene gewaltsam zu unter-
drücken und alte Zustände künstlich zu erhalten. Wenn neue
Kräfte aus der alten Ordnung selbst herausgewachsen sind, so
wird ein altmodischer unorganischer Druck auf diese nicht ihre
Entwicklung verhindeni, nur sie leidensvoller machen und mit
unmoralischen Elementen vei*setzen. Es ist natürlich, dass
solche neue Kräfte nicht sofoit in ihrer ganzen Bedeutung
erkannt werden, sondeni dass sie erst im Kampf mit der alten
Ordnung ihre Kraft beweisen müssen. Aber allzulange darf
solcher Kampf nicht dauern und dass er in unserem Falle so
Rttckblick und Yorblick. 535
lange in aufreibender Weise gewählt hat, mag mit ein Grund
sein, dass es so schwer wurde, rechtzeitig neue Ordnungen
den im Kampfe freiheitslustig gewordenen neuen Kräften auf-
zulegen.
Die Frage der neuen Ordnungen bleibt späterer Unter-
suchung vorbehalten. Hier handelt es sich zunächst um die
Darstellung der neuen Kräfte selbst. Sie lassen sich mit einem
Worte bezeichnen: das grosse Capital trat an die Spitze des
Betriebs von Handel und Gewerbe, nicht ei-st als die grossen
Fabriken gegillndet wurden, sondern schon vorher. Dem Be-
weise dieses Satzes sei der folgende Abschnitt gewidmet.
Drittes Capitel.
Der Sieg des grossen Capitals.
§ 1. Das Capital und die Formen der Industrie.
Die bocialdemokratische Theorie nennt das Capital eine
wirthschaftsgeschichtliche Kategorie und bezeichnet die gegen-
wärtige Zeit als die capitalistische Periode. Sie hat sich bei
dieser zugespitzten Charakterisirung der modernen Verhält-
nisse das Studium der geschichtlichen Entwicklungen aus-
giebig nutzbar gemacht ^) und hat dadurch in der That auf
*) Will man den Gedankenkreis der modernen Socialdemokratie in
nuce kennen lernen, so giebt es noch heute keine bessere Quelle als das
communistische Manifest von Marx und Engels, das 1847 abgefasst wurde
und 1848 in die Oeflfentlichkcit drang. In diesem interessanten Document
ist auch die socialdemokratische Auffassung der Wiithschaftsgeschichte
sehr bündig enthalten:
,,Aus den Leibeignen des Mittelalters gingen die Pfahlhürger der
ersten Städte hervor; aus dieser Pfahlbürgerschaft entwickelten sich die
ersten Elemente der Bourgeoisie.
„Die Entdeckung Amerika's, die Umschifiung Afrika's schufen der
aufkommenden Bourgeoisie ein neues Terrain. Der ostindische und chi-
nesische Markt, die Colonisirung von Amerika, der Austausch mit den
Colonien, die Vermehrung der Tauschmittel und der AVaaren überhaupt
gaben dem Handel der Schifffahrt, der Industrie einen ungekannten Auf-
schwung und damit dem revolutionären Element in der zerfallenden feu-
dalen Gesellschaft eine rasche Entwicklung.
„Die bisherige feudale oder zünftige Betriebsweise der Industrie
reichte nicht mehr aus für den mit den neuen Märkten anwachsenden
Bedarf. Die Manufactur trat an seine Stelle. Die Zunftmeister wurden
Das Capital. 537
die entscheidenden Eigenthümlichkeiten unserer Zeit gegen-
über der Vergangenheit mit Erfolg hingewiesen.
Ihre Darstellung ist aber tendenziös und übertrieben.
Abgesehen von dem verwinenden Sprachgebrauch, demzufolge
grosse Veränderungen der wiilhschaftlichen Verhältnisse
Revolutijonen genannt werden, ist vor Allem ein Dreifaches
gegenüber der Socialdemokmtie zu erwähnen.
Das alte Handwerk, gewöhnlich das zünftige Handwerk
genannt, war kein Product der feudalen Ordnung, sondern es
schuf in den Städten eine dem Feudalismus wesentlich ent-
gegengesetzte Ordnung. Es basirte, als es erstarkte, nicht
auf Leibeigenen und Pfahlbürgeiii, sondern auf fielen Bürgern
der Stadt resp. des Staats.
Seine Macht und seine Blüthe beruhten im Gioinde auf
denselben Kräften, die später dem grösseren Capital zum Siege
verhalfen — auf der Beheri-schung des Markts durch eine
wagende, mit Besitz verbundene Intelligenz. Markt, Risico
und Besitz waren kleiner, die Verhältnisse stätiger. Aber
im Gioinde liegt doch nur ein quantitativer Unterechied vor.
Im zünftigen Handwerk erwarb sich das kleine unfreiere
Capital, im moderaen Welthandel das grosse ungebundene
Capital seine Stellung und Heri-schaft
verdrängt durch den industriellen Mittelstand; die Theilung der Arbeit
zwischen den verschiedenen Corporationen verschwand vor der Theilung
der Arbeit in den einzelnen Werkstätten selbst.
„Aber immer wuchsen die Märkte, immer stieg der Bedarf. Auch
die Manufactur reichte nicht mehr aus. Da revolutionirte der Dampf
und die Maschinerie die industrielle Production. An die Stelle der Ma-
nufactur trat die moderne grosse Industrie, an die Stelle des industriel-
len Mittelstandes traten die industriellen Millionäre, die Chefs ganzer
industrieller Armeen, die modernen Bourgeois.
„Die grosse Industrie hat den Weltmarkt hergestellt, den die Ent-
deckung Amerika's vorbereitete. Der Weltmarkt hat dem Handel, der
Schifffahrt, den Landcommunicationen eine unermessliche Entwicklung ge-
geben. Diese hat wieder auf die Ausdehnung der Industrie zurückgewirkt
und in demselben Maasse, worin Industrie, Handel, Schififahrt, Eisen-
bahnen sich ausdehnten, in demselben Maasse entwickelte sich die Bour-
geoisie, vermehrte sie ihre Capitalien, drängte sie alle vom Mittelalter
her überlieferte Classen in den Hintergrund.^^
538 Zweites Buch, Cap. 3.
Es ist allei*dings wahr, dass Stellang und Wohlstand des
alten zünftigen Meisters relativ viel mehr auf erworbener Ge-
schicklichkeit und gesichertem Absatz beruhten als auf mate-
riellem Besitz. Erst neuerlich hat Schönberg in seiner Finanz-
geschichte von Basel wieder nachgewiesen, wie klein der
Gapitalbesitz der mittelalterlichen Industriellen war. Aber
wenn wir von Capital nicht im Sinne von Capitalgütem oder
von Privatvermögen einzelner Personen reden, sondern wenn
wir darunter im übertragenen Sinn die Gesammtheit der
Capitalisten , also eine Gi*uppe von Menschen verstehen, die
mit socialpolitischer Macht ausgeiüstet sind, so dürfen wir
nie vergessen; dass diese Macht der Hauptsache nach nicht
von der Grösse des Besitzes, sondern von der Art abhängt,
wie der Besitz benutzt wird. Ein gewisses Minimum von
Besitz braucht auch der zünftige Meister und heute kann
Jemand Grosshändler und Fabrikant sein, indem der Credit
die Kleinheit seiner eigenen Mittel ergänzt.
Das zünftige Handwerk war also nicht kurzweg feudal
und es unterschied sich nicht so principiell scharf von der
heutigen Bourgeoisie. Auch finden wir schon im Mittelalter
selbst Fälle von grossen Capitalien und Industrien mit Absatz
in weite Femen mit grossem Betrieb. Soweit der Unterschied
nicht rein quantitativ ist, besteht er nur darin, dass das alte
Handwerk eine Pflichten auferlegende vollständige Organisation
entwickelt hatte, während wir betreffs der heutigen Industrie
noch in den Anfängen der Entwicklung einer neuen Ordnung
stecken.
Das Dritte, was gegen die Socialdemokratie eingewendet
werden muss, ist endlich dies, dass sie zwar dem modernen
Capital das Verdienst einer bisher unerhörten Steigerung der
Production zugesteht, es aber höchst einseitiger Weise in
socialer Hinsicht rein als revolutionäre, illegitimer Weise aus-
beutende, Ordnung und Gerechtigkeit auflösende und daher
neue Revolution erzeugende Macht hinstellt.
Dies ist eine extreme Anschauung gegenüber der anderen,
ebenso extremen und falschen, welche das Verhältniss zwischen
Das Capital. 539
Gapitalisten und Arbeitern als einen freien Austausch gegen-
seitiger Dienstleistungen aufifasst, bei dem beide Theile gleich-
massig ihre Rechnung finden. Damit ist die Charakterisirung
des Verhältnisses keineswegs erschöpft: es ist dabei ver-
gessen zu untersuchen, warum der eine Theil nur diese und
der andere nur jene Dienste leisten kann; und es ist dabei
versch¥riegen , dass der Capitalist eine Hen-schaft über die
Arbeiter gewinnt und ausübt. Diese Herrschaft beruht einmal
darauf, dass die ganz capitallose Arbeitskraft irgend einen
Dienstcontract eingehen muss, um zu leben, und dann darauf,
dass während der Dauer des Arbeitscontracts der Arbeitgeber
dictirt, was und wie der Arbeiter produciren soll. Die Unter-
nehmer, die heutigen Tags gemeinhin dem Capitalistenstande
angehören, sind die Herren der Production und zugleich die-
jenigen, durch deren Hand das ganze neuerworbene Gesammt-
einkommen der Nation vor seiner endgültigen Vertheilung
hindurchgeht.
Das Verhältniss zwischen Capital und Arbeit ist also
weder einfach das der Unterdrückung und Ausbeutung noch
das des harmlosen Austausches zwischen Gleichstehenden. Es
ist ein Verhältniss der Unterordnung und Herrechaft — aber
es kann und soll diese Herrschaft, wie jede andere, darauf
beruhen, dass der HeiTschende eigenthümliche Dienste leistet.
Und solche leistet das heutige Capital. Es fasst den Ent-
schluss, was und wie producirt und wohin abgesetzt werden
soll. Es erspäht die Bedürfnisse und entscheidet, wie ihnen
Befriedigung geschafft werden soll. Es nimmt den Massen
eine Mühe und Sorge ab, welche diese durch keine Organi-
sation mit Erfolg selbst zu übernehmen im Stande wären.
Das Capital ist ferner der grosse Träger des technischen und
mercantilen Fortschritts und es versichert gewisseiinaassen
durch den festen Lohn das Dasein des Arbeiters während der
Arbeitszeit, während der Capitalist das Risico des Capitalver-
lustes trägt. Dies Risico ist eigenthümlich und wird durch
das des Arbeiters, brodlos zu werden, nicht aufgewogen
Beide Pai*teien liskiren beständig; ihre Thätigkeit und ihren Er-
werb nicht mehr fortsetzen zu können; der Capitalist riskirt aber
540 Zweites Buch, Cap. 3.
auch, die Basis seiner Stellung zu verlieren, während die
Arbeitskraft des Arbeitei's bleibt^).
Auf diesen eigenthümlichen Diensten baut sich die Herr-
schaft des Gapitals auf. Es umfasst freilich nur eine begün-
stigte Minorität, diese ist aber nicht abgeschlossen und es sind
zahlreiche Abstufungen zwischen grossem Capital und Gapital-
losigkeit möglich. Es ist eine weniger beabsichtigte, aber
durchaus wesentliche Seite der Arbeitstheilung , dass sie den
Menschen nicht nur verschiedene, sondern vei-schieden artige
Functionen auflegt und in irgend einer Weise einen Gegensatz
zwischen Herrschenden und Begünstigten, Dienenden und
Minderbegünstigten ei-zeugt. Dieser Gegensatz ist vom Fort-
schritt der Cultur unzertrennlich und nur culturfeindliche
extreme Gleichheitslust kann ihn aufzuheben trachten. Die
moderne Hen*schaft des Gapitals ist sogar trotz aller Leiden,
die sie erzeugt, unbedingt eine mildere Fonn dieses Gegen-
satzes als alle älteren. Es ist daher nicht richtig, aus diesem
Gegensatz und diesem Heri*schaftsverhältniss die Nothwendig-
keit einer Alles umstürzenden proletarischen Revolution ab-
zuleiten, sondeiTi das einzig Richtige ist, die Henschaft des
Gapitals als einen wesentlichen und unabänderlichen Theil
unserer gegenwärtigen Zustände hinzunehmen und mit allen
Kräften dahin zu streben, dass diese Herrschaft möglichst ge-
meinnützig werde.
Die Capitalisten müssen sich der von ihnen zu leistenden
Dienste immer mehr bewusst werden, damit der Arbeiter
erkenne, dass er unter der Hen-schaft des Gapitals noch besser
steht, als er stehen könnte, wenn es kein Capital gäbe. Die
Zahl der (kleinen) Capitalisten muss möglichst vermehrt und
die Hoffnung auf Emporkommen in den herrschenden Stand
allgemein gestärkt werden. Eine starke Staatsgewalt muss
das Capital an seine Pflichten erinneni und es verhindern,
dass es seine einseitigen Interessen zum Ziel des ganzen ge-
*) Es folgt unten ein besonderes Capitel über die Verhältnisse der
Arbeiter, besonders im Fabrikbetrieb, sowie ein Abschnitt über Geschäfts-
stockungen.
Die Formen der Industrie. 541
sellschafUichen und staatlichen Lebens macht Nicht die
Gleichheitsidee, sondern die Lehre von den socialen Pflichten
und eine ideale Auffassung des Staats muss gegen das heutige
Capital ausgespielt werden, damit es eine die grösstmöglichen
Dienste leistende Macht werde. —
Das ist der Standpunct, von dem aus ich das heutige
Capital betrachte. Doch wir haben ja hier zu untersuchen, wie
die heutige Macht und Stellung des Capitals und zwar speciell
des industriellen und mercantilen Capitals entstanden ist.
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir vor Allem
vier sociale Giiindformen des Gewerbebetriebs unteracheiden,
die sich in der Geschichte unserer Völker deutlich erkennen
lassen und die viel wichtiger sind als z. B. die rein technischen
Untei-schiede, die auf der Anwendung von Maschinen, Dampf-
und Wasserkraft etc. beruhen. Die Namen, die ich für diese
unterschiede gebrauche, sind nicht allgemein acceptirt und
bis zu gewissem Grade willkürlich. Doch nicht auf den
Namen, sondern auf die Sache kommt es an. Demgemäss
unterscheide ich:
1) Familienindustrie,
2) Handwerk,
3) Hausindustrie,
4) Fabrikindustrie ^).
Natürlich giebt es im wirklichen Leben immer Fälle, die
zwischen zweien oder mehreren dieser Kategorien in der Mitte
stehen. Aber zu jeder Zeit waren einzelne dieser Fonnen
typisch und scharf ausgeprägt; danach, ob die eine oder
andere Giiindform und die ihr entsprechende Ordnung herrscht,
d. h. vorherrscht, bestimmt sich der sociale Charakter des
ganzen gewerblichen Lebens.
Unter Familienindustrie verstehe ich eine gewerkliche *)
^) Man vergleiche damit die etwas detaillirtere Eintheilung bei Thon,
die Industrie am Niederrhein, Leipzig 1879, Th. 2, S. 246.
*) Nach präcisem Sprachgebrauch versteht man unter Gewerbe jede
des Erwerbs halber betriebene productive Berufsth&tigkeit , also auch
Handel und Landwirthschaft. Unter Gewerke oder Industrie (nach £m-
minghaus) die mechanische oder chemische Verarbeitung der von der ür-
542 Zweites Buch, Cap. 3.
Thätigkeit, die nicht auf Absatz speculirt. Es gehört hierher
das Spinnen und Weben der Frauen im Hause, aber auch die
grössere, umfänglichere, industrielle Arbeit in IQösteiii und
auf Herrenhöfen — wenn nur für bestimmte Consumenten
direct gearbeitet wird, ohne dass nach vollendeter Pi*oduction
und vor dem Ueberpang des Pi*oducts in den Gonsum ein
Tausch- oder Handelsact stattfindet. Die Familienindustrie
kommt noch vor — im Kleinen in Gestalt des Schneidems im
Hause etc. und im Grossen in Gestalt der Maschinenfabriken
grosser Eisenbahnen, der Waffenfabiiken des Staats etc. Allein
die kleine Familienindustrie verliert bei wachsender Arbeits-
theilung immer mehr an Bedeutung; die grosse, welche von
Actiengesellschaften und vom Staat betrieben wird, ist heute
genöthigt zu rechnen und Buch zu führen, wie die ad 4. ge-
nannte Fabrikindustrie, d. h. abgesehen davon, dass sie immer
eine Ausnahme ist und für die Industrie im Ganzen keine
dominirende Stellung einnimmt, hat sie ihren alten Charakter
verloren. Nicht nur beim Einkauf der Rohstoffe, sondern be-
treffs der Producte selbst muss sie auf die Marktpreise Rück-
sicht nehmen. Wir können diese älteste Form des industriellen
Betriebs daher fQglich übergehen.
Das Handwerk ist ein industrieller Betrieb, welcher, sei
es auf Bestellung, sei es unter Speculation auf noch unbe-
kannte Abnehmer, Producte herstellt und diese an einen ausser-
halb des Producentenkreises stehenden Consumenten verkauft.
Dadurch untei-scheidet es sich von der Familienindustrie. Das
Handwerk hat einen, wenn auch beschränkten Markt. Der
Untei-schied gegen die folgenden Betriebsformen ist der, dass
an der Spitze des Betriebs ein selbständiger Meister steht,
welcher die Rohmaterialien selbst einkauft, die Werkzeuge
selbst besitzt, Eigenthümer der Producte wird und diese an
den Consumenten selbst direct absetzt. Dieser selbständige
production (Landwirthschaft etc. und Bergbau) gelieferten Stofife. Da ¥rir
hier keine dogmatischen, sondern hibtorischc Untersuchungen treiben, so
dürften durch den gemischten Gebrauch der Worte Industrie, Gewerke
und Gewerbe keine MissTerständnisse entstehen.
Die Formen der Industrie. 548
Meister beschränkt sich aber nicht auf die Direction des Be-
triebs, sondern er betheiligt sich an den mechanischen Arbeiten
seiner Gehülfeu, wenn er solche überhaupt hat Er ist Gapitalist
und Kaufmann, beides aber nur im Kleinen, so dass diese
Eigenschaften sich an seine Hauptfähigkeit — - erlernte Ge-
schicklichkeit in mechanischer Arbeit — ansehliessen. Der
Umfang des Betriebs, die Zahl der Lohnarbeiter und der
Absatzkreis bleiben klein. Das Handwerk arbeitet für einen
beschränkten, aber relativ stätigen Markt, auf dem wechselnde
Conjuncturen nur eine geringe Rolle spielen. Eben deshalb
besitzt es eine gi-osse Fähigkeit, eine constante Rechtsordnung
auszubilden und sich ihr zu unterwerien. Es ist die Betriebs-
form, auf welche die Zunftverfassuqg und die Gesetzgebung
der Elisabeth berechnet waren.
Ganz andei-s steht es in der Hausindustrie. Auch hier
giebt es kleine sogenannte Meister mit und ohne Gehülfen,
welche eine erlernte technische Geschicklichkeit besitzen.
Diese Meister sind noch oft Eigenthümer ihrer Werkzeuge.
Aber sie kaufen die Rohstoffe nicht selbst ein und setzen
ihre Producte nicht für einen Gesammtpreis an vei*schiedene
Consumenten ab, sondern die Rohstoffe liefert ein kauf-
männischer Capitalist, der nicht selbst mechanisch arbeitet,
und dei*selbe Capitalist ist Eigenthümer der Producte, füi*
deren Herstellung aus dem gelieferten Rohmaterial er einen
vorher pactirten Lohn zahlt Er verkauft dann erst das ganze
Product an wechselnde Abnehmer auf dem gi*ossen Mai*kt
Noch bleibt der sogenannte Meister HeiT in seinem Hause,
ist frei in seiner Zeiteintheilung und bleibt bis zu gewissem
Grade Herr der Technik — aber er verkauft keine Producte
mehr auf dem Markt, sondern Arbeitsleistungen an einen be-
stimmten Lohnhenn. Es schiebt sich zwischen den technischen
Producenten und den Consumenten der grosse Capitalist be-
herrschend ein und der technische Producent selbst wird zwar
noch nicht völlig besitzlos, aber er braucht kein Capital mehi*
für Rohstoffe und verliert jedenfalls die Eigenschaft des Unter-
nehmei*s, der ein Risico trägt.
Zwischen Handwerksmeistem und Hausindustriellen giebt
544 Zweites Buch, Cap. 3.
es natürlich Uebergänge und Mittelglieder. Der eigentliche
Handwerksmeister verliert schon Etwas an seiner Selbständig,
keit, sowie er auch nur theilweise nicht mehr direct für den
Consumenten arbeitet, sondern seine Producte durch C!om-
missionäre absetzt, oder sie gewohnheitsgemäss nur an Gross-
händler oder Inhaber von Verkaufsläden absetzt und auf Be-
stellung solcher Geschäftsleute arbeitet. Es kommt auch vor,
dass Jemand einfach gleichzeitig Handwerker und Haus-
industrieller ist, z. B. ein Schneider, der theils auf Bestellung
von Consumenten, theils für ein Kleidermagazin arbeitet.
Bei der Hausindustrie macht es einen grossen Unterachied,
ob sie als intermittirender Nebenerwerb betrieben wird, wie
z. B. die Spitzenklöppelei in Bauernfamilien, oder ob sie aus-
schliesslicher Lebensberuf ist Nur in letzterem Fall ist sie von
grosser socialer Wichtigkeit.
Die Fabrikindustrie endlich ist jene Betriebsform des Ge-
werkes, in welcher ein Capitalist mechanische Arbeiter gegen
Lohn in seinem Hause arbeiten lässt ohne sich selbst an
der mechanischen Arbeit zu betheiligen. Der grosse Gapitalist
trägt nicht nur das Risico beim Einkauf des Bohstoffs und
Absatz des Products und nimmt dem Arbeiter dieses Kisico
sammt seiner Selbständigkeit, sondern er wird auch alleiniger
Herr des Arbeitsraumes, der Werkzeuge und der Technik.
Der Arbeiter arbeitet nicht in seinem Hause, wo er Herr ist
über seine Angehörigen, sondern er ist während der Arbeit
nur Diener. Die Familienbande werden durch die Arbeit auf-
gelöst. Zugleich verliert der Arbeiter die Hoffnung, der Regel
nach in den Fabrikantenstand aufsteigen zu können; Arbeiter
und Fabrikanten scheiden sich schroff als zwei Stände mit
entgegensetzten Interessen.
Wenn ausser der menschlichen Muskelkraft andere Mo-
toren, z. B. Wasser- und Dampfkraft angewendet werden, so
spricht man oft von eigentlichen Fabriken, im Gegensatz zu
blossen Manufacturen. Doch ist dieser Unterschied nicht von
wesentlicher Bedeutung. Auch in der Manufactur ist die
Unselbständigkeit des Arbeiters vollendet, auch hier entwickelt
Die Formen der Indastrie. 545
sich eine starke Arbeitstheilung innerhalb des einzelnen
Etablissements, die bewirkt, dass der Arbeiter, der ohnedies
nicht Herr des ganzen Products wird, auch die Einsicht in die
ganze Technik verliert.
Auch hier giebt es Uebergänge. Es ist manchmal nicht
zu sagen, ob Jemand ein grosser Handwerksmeister oder ein
kleiner Fabrikant ist. Durch die Einrichtung des sogenannten
Gruppenaccords entstehen in der Fabrik Verhältnisse, die
der Hausindustrie ähnlich sind, ja für die Arbeiter günstiger
sein können als die Hausindustrie selbst. Kleine Unternehmer,
die mit gemietheten Dampfkräften arbeiten, haben etwas
vom Fabrikarbeiter an sich und sind doch der Hauptsache
nach Handwerker oder Hausindustrielle. Werkmeister in Fa-
briken, welche die unter ihnen stehenden Arbeiter selbständig
dingen , erheben sich über die Lage des Fabrikarbeitei-s und
bekommen etwas von den Eigenschaften des Unternehmers.
Tantieme und Antheilswirthschaft endlich ändem den Cha-
rakter der Lage aller Fabrikarbeiter.
Wenn der Fabrikbesitzer auf Capitaldarlehen durch Ban-
quiers stark angewiesen ist, oder namentlich, wenn er der
Regel nach nur durch Commissionäre oder an Grosskauf-
leute verkauft oder verkaufen kann, so kann dadurch der
Fabrikant selbst wieder in Abhängigkeit von dem beweglichsten
Theil des grossen Gapitals gerathen. Lidessen ist dies nicht
noth wendig der Fall und es kommt auch das Umgekehrte vor,
dass die Händler sich um die Gunst gi'osser renommirter
Fabrikantenfirmen bewerben müssen. Unter keinen Um-
ständen aber bilden Banquiei's und Grosshändler einen Stand,
der den Stand der Fabrikanten in eine unebenbüilige Stellung
herabzudi-ücken vermöchte. Es handelt sich hier nur um wech-
selnde, keineswegs in constanter Weise typisch ausgeprägte
Regulirung des Absatzes der Fabrikindustrie, um eine Arbeits-
theilung innerhalb des grossen Capitals, die keineswegs dazu
führt, dass eine Gruppe von Capitalisten die andere schliess-
lich ihrer Stellung als Gapitalisten beraubt. Diese Vorgänge
können mit der Unterwerfung des Hausindustriellen unter
den Kaufmann nicht verglichen werden und wir können also
Held, Soc. Gesch. Engl. 35
546 Zweites Buch, Cap. 3.
bei den vier aufgezählten Formen des Gewerbebetriebs stehen
bleiben.
So sehr diese vier Betriebsfoiinen in der Wirklichkeit in
einander übergehen, es lässt sich dennoch erkennen, dass zu
jeder Zeit und in jedem Productionskreise die eine oder andere
Betriebsform dominii-t. Es ist klar, dass von diesen Formen
das eigentliche Handwerk die grösste Haimonie zwischen
Capital und Arbeit zeigt, während es zugleich, weil es
— allmälig zu Meisteni aufsteigende — Lehrlinge und Ge-
sellen hat, eine die Production fördernde organische Unter-
ordnung der werdenden unter die fertigen Kräfte kennt. In
der Fabrikindustrie die alte Harmonie zwischen Arbeit und
Capital in grossem Stil durch Productivassociation oder An-
theilswirthschaft wieder hei*zustellen ist vor der Hand in irgend
nennenswerther Ausdehnung noch nicht gelungen.
Dennoch ist es verkehrt, das Absterben der Heri*schaft
des Handwerks ohne Weiteres als sociales Unglück zu be-
zeichnen und die ei*zwungene Wiederherstellung derHen-schaft
des Handwerks anzustreben. Dasselbe verträgt sich nicht mit
grösserem Absatz, Welthandel und internationaler Arbeitsthei-
lung. Und die Fabrikindustrie ist ihm durch ihre grössere
Arbeitstheilung in Bezug auf reichliche und billige Production
unendlich überlegen. Durch Ausdehnung von Haus- und Fabrik-
industrie ist also Grosses gewonnen worden, auf das wir nicht
vei-zichten können. Und wenn es eine gi-osse Frage ist, wie
auch in der Grossindustrie wieder Friede zwischen Capital
und Arbeit hergestellt werden könne, so ist es keine Frage,
dass wir ausser Stande sind, die Grossindustrie wieder ab-
zuschaffen.
Weder in Deutschland, noch in England selbst sind bis-
her kleine handwerksmässige Gewerksbetriebe ganz ausge-
storben. Schuster und Schneider, die nach Maass arbeiten,
Tapezierer, die einzelne Zimmer tapezieren, Bäcker und Flei-
scher, die im Kleinen produciren, Kunstindustrielle und Repa-
raturarbeiter aller Art giebt es noch immeifort. Aber ihre
Interessen sind nicht mehr tonangebend, wenn von der „In-
dustrie" die Rede ist. Ihre Arbeitskräfte gehen frei in die
Die Formen der Industrie. 547
Grossindustrie über. Schuster- und Schneidermeister sinken
foi-twährend theils in die Lage von Stückarbeiteni im Dienste
Anderer herab, theils schwingen sie sich zu grösseren ünter-
nehmeiTi empor. Aus der Bäckerei wird eine Brodfabrik, der
Tapezierer wird Inhaber eines Möbellagei-s etc. etc. Zahllose
sogenannte Handwerker verkaufen Fabrikwaaren in einem
kleinen Laden oder arbeiten der Regel nach für einen grös-
seren Magazininhaber. Die kräftigsten Elemente unter den-
jenigen, die man noch Handwerker nennen kann, bekümmern
sich wenig um die Organisation des Handwerks als solches,
sondeiTi streben für ihre Person über dasselbe hinaus.
Es wäre später zu zeigen, bis zu welchem Maasse sich
dieser Umschwung bereits vollzogen hat und in welchem Maasse
die Fabrikindustrie bereits der Hausindustrie überlegen ge-
worden ist. Hier handelt es sich darum, den Beginn des Um-
schwungs zu schildeni.
So gross nun in technischer Hinsicht der Fortschritt der
Fabrik- gegenüber der Hausindustrie sein mag, so ist doch
der in socialer Hinsicht entscheidende Wendepunct eingetreten,
wenn überhaupt das Handwerk zu weichen beginnt und zu-
nächst nur die Hausindustrie an die Stelle tritt. Denn damit
bereits ist die Führei-schaft des grossen Capitals auf industriel-
lem Gebiet entschieden; die Fabrikindustrie steigert und be-
festigt nur dessen Uebeimacht. Damit bereits ist der Gegen-
satz zwischen grösserem Capital und Arbeit mit kleinem oder
unerheblichem Capital geboren und der Ausgangspunct eines
natürlichen Kampfes gegeben, der nur mit der Schaffung einer
neuen Ordnung des grosscapitalistischen Betriebes enden kann.
Sowie die Hausindustrie heri-scht, ist im Gebiete der Industrie
das grosse Capital, d. i. eine Gruppe von kaufinännisch specu-
lirenden und wagenden Besitzern, mit seinen Interessen los-
gelöst von der technischen Arbeit und tritt als neue selb-
ständige, hen-schende Macht ins industrielle Leben ein.
Es ist nun die Aufgabe dieses Capitels nachzuweisen, dass
und aus welchen Gründen das den hausindustriellen Arbeiteni
hen'schend gegenüberetehende grössere Capital in England
während des 18. Jahrhunderts schon vollständig zur Hen-schaft
35*
548 Zweites Buch, Cap. 3.
gelangte — ehe durch Arkwright die gi-osse Fabrikindustrie
begründet wurde.
Das Aufkommen der Fabrikindustrie vollzog sich stürmi-
scher, gewaltsamer, rascher. Es verui-sachte evidentere Lei-
den der Arbeiter, zeigte das Emporkommen einzelner Capita-
listen mit Neid und Staunen erweckender Deutlichkeit. Es
erregte mehr Aufsehen in jeder Richtung und wurde daher
auch früher und eingehender untersucht und dargestellt*). Der
Sieg der Hausindustrie über das Handwerk, welcher der Fabrik-
industrie die Wege ebnete, vollzog sich dagegen langsam und
gewissermaassen in der Stille und wurde von den betheiligten
Zeitgenossen selbst kaum beobachtet, geschweige denn in seiner
Bedeutung erkannt. Dennoch ist er eine Thatsache, die sich
gerade in England als ein der Zeit nach isolirt auftretender
Vorgang in ihren Ui*sachen und Wirkungen erkennen lässt und
deren Erkenntniss von gi'össter Wichtigkeit ist.
Auch in Deutschland lässt sich in vielen Gewerbszweigen
und Gegenden das successive Emporkommen von Haus- und
Fabrikindustrie nachweisen. Aber es lassen sich nicht im
Allgemeinen zwei Epochen und zwei Entwieklungsphasen des
nationalen Gewerbes unterscheiden, von denen die eine den
Sieg der Hausindustrie, die andere den der Fabrikindustrie
darstellt. Der Grund liegt darin, dass in Deutschland der
definitive Niedergang der Herrschaft des Handwerks etwa 1840
d. h. in einer Zeit entschieden wurde, in welcher in England
die grosse Fabrikindustrie schon entwickelt war. Diese konnte
daher nachgeahmt werden , ohne dass man die Vorstufe der
Hausindustrie allgemein hätte durchlaufen müssen.
Aus der englischen Geschichte aber können wir deutlich
entnehmen, welches der wichtigste Umschwung ist und wann
^) Es entspricht auch jener Abart der manchesterlichen Anschau-
ung, welche das Capital gerne als modificirte Arbeit auftreten lässt,
den grossen Umschwung der gewerblichen Verhältnisse lediglich auf die
Geistesarbeit technischer Erfinder zurückzuführen. Spuren dieser An-
schauung resp. Tendenz findet man in sehr vielen Werken, z. B. auch
bei Leone Levi, History of British Commerce. London 1872.
Die Formen der Industrie. 549
er eintrat. Die entscheidende Bedeutung dieses' ersten Um-
schwungs vom Handwerk zur Hausindustrie geht unter Andei-em
auch aus der allgemeinen Thatsache hervor, dass, sowie er
eingetreten ist, das Handwerk zwar nicht ganz stirbt, aber
seinen alten Charakter unbedingt und überall ändern muss,
während die Hausindustrie in manchen Productionszweigen
trotz des Umsichgi-eifens der gi-ossen Fabriken unverändert
fortblQhen kann. Hausindustrie und Fabiikindustrie sind zwei
Foimen, in denen das grössere Capital seinen Sieg über das
kleine, mit der Arbeit verbundene, documentirt
Der Nachweis für die Thatsache, dass im 18. Jahrhun-
dert in England die Hausindustrie über das Handwerk gesiegt
hatte, lässt sich absolut nicht statistisch führen. Haben wir
doch erst im 19. Jahrhundert Zählungen und solche, die sich
zugleich auf Stand und Beschäftigung der Gezählten beziehen.
Aber auch in unserem Jahrhundert lässt sich, wie wir mit Be-
dauern gestehen, aus diesen Zahlen allein nichts Sicheres über
unsere Frage ableiten. Für das vorige Jahrhundert haben
wir gar keine allgemeine officielle Gewerbestatistik und selbst
zuverlässige Angaben für einzelne Gewerbe fliessen äussei'st
spärlich. Der Grund ist der, dass die Thatsache der Herab-
drückung des Handwerksmeisters zu einem Hausindustriellen
bei dem allgemeinen Streben nach Reichthumsveimehining selbst
an den Denkenden meist unbeachtet vorüberging.
Es zeigt sich dies auch im Sprachgebrauche, demzufolge
z. B. die Worte „Clothier" und „Manufacturer" gedankenlos in
höchst verschiedenem Sinne gebraucht werden um abwechselnd
einen Fabrikanten, einen Hausindustrielle beschäftigenden Kauf-
mann, einen Hausindustriellen oder einen gewerklichen Lohn-
arbeiter^) zu bezeichnen.
Der Beweis für die Thatsache des Siegs der Hausindustrie
wird also zunächst ein Indicienbeweis sein müssen. Wo klare
Berichte über die Frage, ob in einem Gewerbe Hausindustrie
^ So spricht der Report on the State of the copper mines and copper
trade 1799 S. 675 davon , dass die 5000 Einwohner von Willenhall alle
),poor manufacturers" seien.
550 Zweites Buch, Cap. 3.
vorhanden war oder nicht, vorliegen, stammen dieselben meist
erst aus späterer Zeit, gestatten aber Rückschlüsse auf die Ver-
gangenheit. Trotz dieser Nothwendigkeit einer sozusagen in-
directen Beweisführung hoffe ich dennoch, dass es gelingen
wird, die behauptete Thatsache über jeden Zweifel zu er-
heben. —
§ 2. Die Herrschaft der Hausindustrie.
Wie schon erwähnt, eiTegte die Herabdrückung der Hand-
werker zu Hausindustriellen wenig die öffentliche Aufmerksam-
keit. In den officiellen Untersuchungen des 18. Jahrhunderts
wird diese wichtige Thatsache nur selten und beiläufig er-
wähnt; weil sie mit keiner schai*f in die Augen springenden
und jähen Veränderung in den äussern Lebensverhältnissen
der Arbeiter verbunden war. Der schon mehrmals benutzte Re-
port on the Woollen Manufacture von 1806 ist der erste, wel-
cher die Hausindustrie als solche principiell zum Gegenstand
der Untei-suchung macht. Damals war aber die Hausindustrie
selbst schon im Niedergang begriffen und sie wurde beachtet,
weil sie einen schweren Kampf ums Dasein gegen die neue
Fabrikindustrie kämpfte. Man kann aber aus dem Report
entnehmen, wie die Zustände in der Hausindustrie eigentlicli
beschaffen waren und da sie in diesem Report zum erstenmal
officiell beschrieben werden, so wollen wir damit unsere Dar-
stellung beginnen.
Es existirten damals noch Maschinenausfuhrverbote, Auf-
sicht über die Technik und Lehrlingsgesetze. Insbesondere
existirten aber auch Gesetze, welche gewisse Maschinen ver-
boten und die Zahl der Webstühle beschränkten, die in einem
Hause stehen durften. Letztere Gesetze waren direct gegen
die Ausdehnung der Manufacturen und Fabriken gerichtet.
Der Report untei-scheidet nun drei Betriebsformen der
Tuchindustrie, welche genau unseni drei Foimen des Hand-
werks, der Haus- und der Fabrikindustrie entsprechen und
Die Herrschaft der Haasindastrie. 551
welche damals noch alle drei in gewisser Ausdehnung be-
standen.
Das Handwerk nennt der Repoit das eigentliche f,dome-
stic System^' und dieses blühte zumeist in Yorkshire. Es wird
folgendermaassen beschrieben :
„Das Geschäft wird betrieben von einer Vielheit von
Manufacturmeistern , die gemeinhin ein kleines, aber selten
ein grosses Capital besitzen. Sie kaufen die Wolle vom
Händler. In ihren eigenen Häusern färben sie dieselbe wenn
nothwendig und verarbeiten sie durch alle Stadien hindurch
zu unappretirtem Tuch mit Hülfe ihrer Frauen und Kinder und
mit Hülfe von Lohnarbeitern, deren Zahl zwei oder drei bis
zu sechs oder sieben beträgt. Vei*schiedene Processe aber,
die früher meist mit der Hand unter dem Dach des Meistei*s
ausgeführt wurden, werden jetzt durch Maschinen besorgt in
sogenannten öffentlichen Mühlen, die gegen Miethgeld arbeiten«
In der Nähe jedes Industriedorfes sind verschiedene solche
Mühlen." Weiter führt der Bericht aus, dass die Meister in
öffentlichen Markthallen ihr unappretii*tes Tuch an Kaufleute
absetzten. In Leeds gab es drei solcher Hallen, in denen
mehrere tausende von Meistern ei-scheinen. Aehnlich war es
in Bradford, Halifax und Huddei-sfield. Es wurde aber auch
ausserhalb der Hallen direct an Kaufleute verkauft, die das
Tuch dann durch Tuchbereiter in grossen Werkstätten fertig
stellen Hessen und in alle Welt absetzten. Die Meister lebten
zei-streut auf dem Lande und trieben meistens zugleich etwas
Landbau.
Der Bericht behauptet, dieser Handwerksbetrieb würde
von den Fabriken nicht verdrängt. Er biete grosse Vortheile
für den Kaufmann, der weniger fixes Capital brauche und
weniger Risico laufe als ein Fabrikherr. Die handwerksmäs-
sige Production habe 1792 — 1805 nicht nur absolut, sondern
relativ zugenommen. Nur in Modewaaren für das Ausland
sei die Fabrikindustrie überlegen, erfülle die allgemein nütz-
liche Function, technische Fortschritte anzuregen und zu be-
fördern. Das Handwerks- und Fabriksystem concunirten nicht
eigentlich mit einander, sondern ergänzten sich gegenseitig.
552 Zweites Buch, Cap. d.
Wir werden später sehen, dass dies eine optimistische
Anschauung war. Hier interessirt uns zumeist, dass das Hand-
werkssystem, so ausgedehnt es in der Umgebung von Leeds
auch noch existirte, doch schon einen Theil seiner Selbstän-
digkeit eingebüsst hatte. Der Tuchmachermeister verkaufte
nicht an den Gonsumenten, sondem an Kaufleute, die sogar
den letzten Theil der technischen Production besorgten. Er
arbeitete nicht in Städten mit regulären Lehrlingen und Ge-
sellen, sondern auf dem Lande mit Weib und Kind. Er ge-
hörte nicht mehr zu den im üblichen Kleinverkehr selb-
ständig herrschenden kleinen Capitalisten. Und dieses Hand-
werksystem, das schon theilweise seinen eigentlichen Charak-
ter eingebüsst hatte, herrschte nur in Yorkshire^, wäh-
rend im Westen von England nur ausgebildete Hausindustrie
und FabriksysteA gemischt existiiten.^) Dort nämlich liess,
wie der Bericht erzählt, der Tuchermeister (Master Clothier)
d. h. ein grösserer Capitalist, die von ihm gelieferte Wolle durch
die Hand vei*schiedener genau von einander geschiedener Ar-
beiter gehen, die theils in ihrem, theils in des Herni Hause
arbeiteten; oder ein Fabrikherr (Master Manufacturer) liess
eine Anzahl Arbeiter in grossen Fabrikgebäuden arbeiten. In
beiden Fällen hatte der Arbeiter kein Eigenthum am Product.
In der handwerksmässigen Tuchindustrie wie in der eigent-
lichen Hausindustrie war, wie früher erwähnt, das Lehrlings-
wesen verwildert; man erinnerte sich an die alte Ordnung gegen-
über den namentlich seit 1803 bekämpften Fabriken — sie
war aber nicht mehr lebensfähig, weil auch im sogenannten
Handwerk factisch hausindustrielle Gewohnheiten herrschten,
Frauen und Kinder mitarbeiteten ^) und strebsame Meister sich
zu Fabrikherrn aufzuschwingen suchten. •*) Deshalb ver-
banden sich auch sogenannte Meister und Arbeiter zu der
^) Nach John James, History of the Worsted Manufacture S. 323
war in Yorkshire selbst 1780 Hausindustrie verbreitet In Norwich war
dieselbe 1700 bereits ganz ausschliessend entwickelt (a. a. 0. S. 194).
*) Report on the woollen manufacture von 1806 S. 444.
") a. a. 0., Minutes of Evidence S. 6 u. 7, 30, 309.
*) a. a. 0. S. 16.
Die Hemchaft der Hausindustrie. 553
„Clothiers institution^S weil die Masse der ersteren mit letz-
teren schon gleiche Interessen hatte, während die sogenann-
ten reichen Meister (opulent masters), die 13—14 Webstühle
im Hause und 12—13 ausser Hause hatten, zu den Fabri-
kanten und Kaufleuten hielten.^) Diese reichen Meister hatten
auch schon den Vortheil der „Arbeiten'eserveannee" erkannt,
denn sie hielten immer ein Drittel Arbeiter mehr, als sie
regelmässig beschäftigen konnten.')
Wenn also der Bericht selbst drei Systeme der Tuch-
macherei unterscheidet und also einen Handwerksbetrieb noch
kennt, so geht doch namentlich aus den Zeugenaussagen her-
vor, dass letzterer längst im allmäligen Untergehen begriffen
war. Der Sieg der neuen Betriebsformen über die alte ging
in der Tuchindustrie entschieden sehr langsam vor sich, aber
er war zur Zeit des Reports doch längst entschieden. Das
Handwerk untei*schied sich von der Hausindustrie noch da-
durch, dass es selbst einiges Betriebscapital besass und dass
in ihm das charakteristische Uebel der Hausindustrie, die
Materialuntei-schlagung *) (embezzlement) nicht vorkam. Aber
es war längst unfähig geworden, seine eigenthümliche Ordnung
aufrecht zu erhalten und es beheiTSchte nicht mehr den Markt.
Dieser war in der Hand der Kaufleute, welche es bequem fin-
den mochten, den Webern in Yorkshire noch ein kleines Maass
von Selbständigkeit und Capital zu lassen, welche aber be-
leits einen Theil der technischen Arbeiter, die Clothworkers
und Clothdressers, die das Tuch fertig machten, einfach in
ihre Dienste gestellt hatten *) und das Gewerbe beherrschten.
Aus diesen Kaufleuten gingen die eigentlichen Fabrikanten
hervor (während in der Baumwollindustrie die ei-sten Fabri-
kanten meist Arbeitei-parvenus waren) und den Fabrikanten
suchten die tüchtigsten Handwerker als „reiche Meister*' nahe
zu kommen. Eine gewerbliche Betriebsfoim, über welche die
kräftigsten Mitglieder des Standes hinausstreben, hat aber keine
') a. a. 0. S. 104.
*) a. a. S. 111, 112.
^) a. a. 0. S. 51.
*) a a. 0. S. 297.
554 Zweites Buch, Cap. 8.
Möglichkeit, auf die Dauer auch nur in einem abgeschlossenen
Gebiet ihre Herrschaft zu behaupten.
So zeigt der Report von 1806 einen Uebergangs- und
Misch-Zustand, der Zeugniss ablegt für die Langsamkeit, mit
der sich gewerbliche Umwälzungen oft vollenden, keineswegs
aber beweist, dass das eigentliche alte Handwerk noch kraft-
voll bestand. Dass dasselbe längst nicht mehr das Gewerbe
behen-schte, geht daraus hervor, welche Rolle im ganzen vori-
gen Jahrhundert die schutzzöUnerischen Interessen der an dier
Industrie betheiligten Capitalisten spielten. Die neuen Maschinen,
welche eine gi-össere Arbeitstheilung erforderten und dem so-
genannten Tuchraachermeister einen Theil der Productions-
processe entzogen, brachten dann im Anfang des 19. Jahrhun-
derts eine Art Krisis hervor *), während vorher die zunehmende
Abhängigkeit des Meisters dessen Behaglichkeit noch nicht
störte. Lassen diese Reports von 1806 und 1803 viele Rück-
schlüsse auf das 18. Jahrhundert zu, so haben wir aus diesem
Jahrhundert selbst eine Menge zerstreuter Zeugnisse, welche
beweisen, dass die alte Herrschaft des Handwerks in Auf-
lösung begriffen war. .
So wurde schon 1719") aus Gloueester um Erleichterung
der alten Gesetze petitionirt, welche die Stellung der ver-
schiedenen eigentlichen Meister in der Tuchindustrie zu sichern
bestimmt waren. Diese Gesetze waren zunächst:
Ein Gesetz 2. u. 3. Philipp und Maria c. 11, welches den
Clothworkers ausserhalb von Städten und Markttiecken ver-
bot, mehr als einen Webstuhl zu haben, welches den Tuch-
webeiTi ausserhalb der Städte verbot mehr als zwei Webstühle
zu halten und den Tuchwalkern den Besitz von Webstühlen
ganz untei-sagte. Dieselben Weber, die nur zwei Webstühle
haben durften, durften auch nur zwei Lehrlinge halten und
allen Webern wurde siebenjährige Lehrlingszeit vorgeschrie-
M Diese zeigt sich deutlich in dem Report on Woollen Clothiers
Petition, 1803.
^) Journals of the House of Commons Vol. 19 H. 181.
Die Herrschaft der Hausindustrie. 555
beD.^) Dazu kam ein Verbot des Trucks durch ein Gesetz
von 4. Eduard IV. c. 1 § V (1464). Man opponirte gegen diese
Gesetze, welche einen grösseren Betrieb unmöglich machten.
1737 wurde gegen den Unfug petitioniit, dass in Tari-
stock Wollhändler Wolle an arme Leute ausgaben, die aus
dem Pfund Wolle mehr Garn als erlaubt war, spannen und
fttr ihr schlechtes, den Ruf der Waare im Ausland gefährden-
des Product mit Tnick bezahlt wurden.*)
Im Febi-uar 1784*) bitten Manufacturisten aus SufFolk
um Parlamentshülfe zur Bildung eines Committees, welches
ähnlich wie in York die Verfolgung von Materialuntenschlag-
ungen betreiben solle : woraus sich die Herrschaft der Hausin-
dustrie ergiebt Im folgenden ^) Jahre petitionirten Manufactu-
risten aus Huntingdon mit Erfolg in gleicher Richtung.
Nicht erst 1802 und 1803, sondern schon 1794«^) wehrten
sich die Tuchmacher in York gegen die Kaufleute, die sich
zu Fabrikanten entwickelten und längst übermächtig waren.
üas oben erwähnte Gesetz von Philipp and Maria selbst
hatte den ausgesprochenen Zweck, den kleinen Handwerker
gegen die Uebermacht des grösseren Capitals zu schützen,
welche also schon damals die Selbständigkeit des Handwerks
bedrohte.^) Es handelte sich namentlich um die Tuchindustrie
in Halifax, welche schon im Anfang des 16. Jahrhunderts in
starkem Aufschwung stand und damals in der That von eigent-
^) Dieses Gesetz galt aber nicht für York, Cumberland, Northumber-
land und Westmoreland.
2) Journals Vol. 23 S. 89.
8) Journals Vol. 39, 16. Febr. 1784.
*) Journals Vol. 40, 8. März 1785.
*) Journals Vol. 49, 8. Aprü 1794.
^ Die Eingangsworte des Gesetzes lauten: „Da die reichen Tuch-
händler die Weber unterdrücken, indem einige in ihren Häusern verschie-
dene Webestühle halten und an denselben Tagelöhner und ungelernte
Leute arbeiten lassen, andere die Webestühle an sich kaufen
und für die Verleihung ders elben einen so unbilligen Zins
fordern, dass die armen Handwerker nicht im Stande sind, weder sich
noch ihre Weiber und Kinder dabei zu erhalten, und noch andere weit
weniger Arbeitslohn bezahlen als vordem etc.*'
556 Zweites Bnehf Cap. 8.
liehen Ebtndwerksmeistern betrieben wurde, die in der änssent
unfruchtbaren Gegend sich eine Existenz schufen, indem sie
kleine Quantitäten von Wolle kauften und dann das Gtam oder
Tuch auch selbst verkauften, indem sie das Bohmaterial und
fertige Product selbst auf dem Kopf nach Hause resp. attf deo
Markt in Halifax trugen. Im Anfang des Jahrhunderts noch
wurdai die unfertigen Stoffe nach London verkauft Ende des
18. Jahrhunderts aber hatte sich der beherrschende Eaufinann,
der das Tuch fertig machte und färbte, in Halifax selbst fest-
gesetzt und verkaufte dasselbe direct in alle Welt Hier wur>
' wurden ums Jahr 1790 Tuchfabriken errichtet, welche in Leeds
erst bekämpft, dann nachgeahmt wurden.^) In Leeds selbst
den gegen 1790 auch Tuchhallen, in denen die Webermeister
vom Lande ihr Product verkauften, erst 1758 und 1775 er-
richtet.*) Diese waren also eine Einrichtung, wodurch die
handwerksmässige Production trotz der Nothwendigkeit eines
kaufinännischen Absatzes auf dem grossen Markt erhalten wer-
den sollte. Auch lebte der Tuchmacher auf dem Lande noch
eine Zeit lang in sicherem Wohlstand. Aber immerhin lebte
er zerstreut in der Umgegend der Stadt und hatte selbst
keinen Einfluss auf die Absatzverhaltnisse und keinen Einblick
in dieselben. Dass er das unfertige Tuch in seinem Hause
aus selbstgekaufter Wolle noch mit Vortheil und Sicherheit
produciren konnte, beruhte darauf, dass in Leeds selbst der
Kaufmann mit seinen Appretuiarbeiteim und Färbern sass, an
den der Weber verkaufen musste. Die Tuchmacher auf dem
Lande dachten nicht daran, etwa seihst eine Coiporation zu
bilden, die den Absatz des Products im Interesse aller Tuch-
weber besorgt hätte — sondern sie stellten sich unter die
Führung der Capitalisten, denen sie unterliegen mussten, so-
wie die Interessen dieses grossen Capitals den ungestörten
Fortgang des sozusagen schon beschnittenen Handwerksbetriebs
auf dem Lande nicht mehr wünschenswei*th erscheinen Hessen.
Im Anfang des 18. Jahrhunderts also war die Tuchin-
') S. AikiD, Descripdon etc. S. 560 ff.
«) Aikin a. a. 0. 8. 570 ff.
Die Herrschaft der Hausindustrie. 557
dustrie in der Hand von Handwerkern, die bereits in Bezug
auf den Absatz von kaufmännischen Capitalisten abhängig und
die nicht mehr im Stande waren, die alte strenge Handwer-
kerordnung zu halten. Sie verwandelten sich, ausser in York-
shire, zu einfachen und entschiedenen Hausindustriellen. Beide
Kategorien standen am Ende des Jahrhunderts in fruchtlosem
Kampf gegen die Fabrikherm, die aus den die Hausindustrie
und das sogenannte Handwerk beheiTSchenden Kaufleuten her-
vorgegangen waren.
Auch in den andern Zweigen der Textilindustrie hatte
im 18. Jahrhundert factisch das selbständige Handwerk der
Hausindustrie das Feld geräumt. Die zwei wichtigsten Be-
weise hierfür sind die ewigen Klagen über Materialunterschlag-
ung, die nicht vorkommen können, wenn ein Meister, der selbst
Eigenthümer des Materials ist, in seinem Hause und unter
seinen Augen Lehrlinge und Gesellen arbeiten lässt — und
die häufig bezeugte Thatsache, dass Kinder, Frauen und
Greise beschäftigt wurden. Es ist charakteristisch, dass die
Kinderarbeit, in den späteren Fabriken so stark beklagt, dass
sie der Ausgangspunct für eine neue Ordnung der Industrie
wurde, in den Zeiten der Hausindustrie meist ganz naiv als
eine Verbessemng der Erwerbsverhältnisse des Volkes ge-
rühmt wurde.
Das alte Recht kannte zwar schon weibliche Lehrlinge.
Aber es gehört doch zu den wesentlichen Eigenschaften des
Handwerks, dass in demselben der Regel nach nur Leute be-
schäftigt werden, denen die Meisterstellung in Aussicht steht.
Dies ist aber nicht mehr der Fall, sowie Kinder, die nicht als
Lehrlinge behandelt werden, erwachsene Frauen und Greise
beschäftigt werden. Selbst wenn dies im Hause eines kleinen
Meisters geschieht, der noch selbst Eigenthümer von Rohstoff
und Product ist, so ist dann die Nothwendigkeit der Heran-
ziehung solcher Hülfskräfte doch ein Beweis für Armuth des
Meisters und Abhängigkeit desselben von einem reichen Ab-
nehmer. —
In der Segeltuchmacherei wurden 1 736 Kinder von sieben
558 Zweites Buch, Cap. 8.
Jahren an und gebrechliche Greise beschäftigt. 0 1738 berufen
sich schutzzollbegehrende Leinwandindustrielle darauf, dass
ihre Industrie Kindern und Weibern Erwerb verschaffe und
beklagen sich über die Materialunterschlagungen der armen
Leute.*) Die Thatsache, dass Kinder und alte Weiber in der
Leinenindustrie beschäftigt sind, wird auch 1744^) bestätigt,
und 1773^) tritt uns die englische Leinenindustrie in ihi*em
harten Kampf gegen die deutsche Concurrenz vollständig als
ein auf den Weltmarkt speculirendes im Grossen betriebenes
Gewerbe entgegen, in welchem einzelne „Manufacturers"
zweihundert Webstühle haben.
Was die Seidenindustrie betrifft, so zeigen schon die Spi-
talfieldsgesetze, dass die mechanische Arbeit und das den
Handel betreibende Capital völlig getrennt waren. Auch in
dieser Industrie ist uns Kinderbeschäftigung als etwas gewöhn-
liches bezeugt^) im Jahre 1765, und Materialunterschlagungen
wurden 1773 besonders verfolgt^). Von der Seidenindustrie
in Coventry wissen wir, dass die Arbeiter in Coventry, die
Meister in London lebten ') und dass Hunderte von Kindern
unter sechs Jahren darin beschäftigt waren. Zwischen den
kaufmännischen Herrn des Gewerbes und den Arbeitern stan-
den vielfach Mittelspersonen (undertakei-s).^)
In der Seidenindustrie existirten im Anfang des Jahrhun-
derts auch geschlossene Fabriken oder grosse Manufacturen,
obwohl diese Industrie bekanntlich damals noch wenig tech-
nische Fortschritte gemacht hatte. Aber auch damals war es
die Regel, dass solche Fabrikanten neben ihren Fabrikarbei-
*) Journals Vol. 22 S. 563.
*) Journals Vol. 23 S. 26, 67.
^) Report on thc Petition of the Dealers in and Manufacturers of
Linens.
*) Report on the Prosen t State of the Linen Trade.
^0 Journals Vol. 30 S. 31, 93.
6) Journals Vol. 47. 25. April 1792.
"') Report on Ribbon Weavers Petitions 1818.
«) a. a. 0. S. 18, 22.
Die Herrschaft der Hausindustrie. 559
tern noch mehr Hausindustrielle beschäftigten. So wird uns
1818 ^) von einem Fabrikanten berichtet, der 30 Webstühle
in seinem Hause, 70 ausser Hause hatte und von 600—700
Arbeitern die kleinere Hälfte in der Fabrik beschäftigte. Ein
anderer hatte 50 Webstühle in der Fabrik, 100 ausser Hause.
Es ist anzunehmen, dass sowohl in der Seiden- als in der
Leinenindustrie auch schon im 18. Jahrhundert grössere Manu-
facturen vorkamen. Aber die Hausindustrie, die noch 1818
in der Seidenbranche entschieden das Uebergewicht hatte,
heri-schte im vorigen Jahrhundert unbedingt vor.
Auch in andern Industriezweigen hatte sich schon im
18. Jahrhundert die Hausindustrie entwickelt, sie musste sich
von selbst einstellen, wenn die Lehrlinge nicht mehr im Hause
des Meisters wohnten und die Arbeiter (Gesellen) nicht mehr
alle im Hause des Meistei*s arbeiteten. Jeder Arbeiter dieser
Art wurde gegenüber dem Meister eine Art von Hausindu-
striellem.
So wurde 1729 2) darüber geklagt, dass Schuhmacherge-
sellen das ihnen anvertraute Leder mit Hilfe von Pfandleihem
betrügerisch verkaufen. Gleiche Klagen ei-tönten über Hutr
raacher^) und aus vielen andeni Gewerben. Es ziehen sich
diese Klagen durch die Parlamentsjoumale während des gan-
zen 18. Jahrhunderts hindurch und zahlreiche Gesetze wurden
dadurch veranlasst, welche aber das Unwesen so wenig giünd-
lich zu exstii*piren vermochten, wie die Zollgesetze den
Schmuggel.
Nachdem in der Tuchindustrie, in der ja das System der
Hausindustrie und das Uebergewicht des grossen Capitals vom
ältesten Datum sind, schon 1609 ein scharfes Gesetz gegen
„embezzlement" erlassen worden war, begann die systema-
tische Gesetzgebung gegen Materialunterschlagung 1 Anna
stat. 2 cap. 18. Darauf folgte 1740 ein Gesetz 13. Georg H.
cap. 8, welches 1749 durch 22. Georg ü. c. 27 verschäift
^) Second Report on Ribbon Weavers 1818, S. 66, 76.
«) Journals Vol. 21 S. 161 u. 180.
3) Journals Vol. 86. 5. Febr. 1777.
560 Zweites Bach, Cap. 8.
wurde. Weitere Verschärfung folgte 1777 durch 17. Georg IIL
c. 56, welches Gesetz den Richtern ungewöhnlich weitgehende
arbiträre Gewalt einräumte und Bestrafung bei ganz ungenü-
gendem Beweis des Delicts gestattete. Es war dies ein Gesetz,
welches gleich dem Coalitionsverbot einen harten und unge-
rechten Dinick auf die Arbeiter ausübte. Diese Seite der Ge-
setze wird uns später beschäftigen. Hier handelt es sich darum,
aus diesen Gesetzen abzuleiten, dass Hausindustrie weit ver-
breitet war.
Greifen wir zu diesem Zweck das Gesetz von 1749, das
also gerade in die Mitte des vorigen Jahrhunderts fällt, her-
aus. Gleich dem vorangehenden Gesetz bezieht es sich auf
Pereonen, die gedungen oder beschäftigt sind in der Filz- und
Hutmacherei, in der Wollen-, Leinen-, Barchent-, Baumwoll-,
Eisen-, Lederindustrie, im Küi-schnergewerbe, der Hanf-, Flachs-,
Kameelhaar- oder Seidenindustrie, also in allen Zweigen der
Textilindustrie, im wichtigsten der Metallindustrie und einigen
andeiTi Gewerben. Jeder Arbeiter der genannten Kategorien,
der über die „ihm anvertrauten Materialien" irgendwie gesetz-
widrig disponirte, wurde nach § 1. des Gesetzes mit strengen
Strafen bedroht. Ebenso wer von solchen Arbeitern Materi-
alien in irgend einem Stadium der Verarbeitung mala fide
kaufte oder sonst erwarb. Die Häuser der einmal Verurtheil-
ten konnten nach § 4 des Gesetzes inspicirt und untei-sucht
werden. Arbeiter, die nicht alles ihnen anvertraute Material
verbrauchten, um die ihnen anvertraute Arbeit zu vollenden,
wurden ebenfalls bestraft, wenn sie das überflüssige Material
nicht in bestimmter Frist an den Eigenthümer zurücklieferten.
Nach dem Wortlaut des Gesetzes und in Anbetracht des
Eifers und der Strenge, mit welcher die Materialunterschlag-
ungen verfolgt wurden, kann kein Zweifel sein, dass die grosse
Masse der Arbeiter in den genannten Gewerben in ihren eige-
nen Wohnungen anvertrautes Material verarbeiteten, also
Hausindustrielle waren. Dieselben waren allerdings wohl der
Mehrzahl nach nicht zu Hausindustriellen herabgedrückte
Meister, sondern Gesellen, resp. Arbeiter, die nicht mehr nach
alter patriarchalischer Weise im Hause des Meisters arbei-
Die Herrschaft der Haasindastrie. 561
•
teten. Das thut aber nichts zur Sache; jedenfalls waren diese
Arbeiter nicht ausgelemte Lehrlinge, welche nach einiger Zeit
selbst Unternehmer wurden, sondeni Leute, die der Regel
nach ihr ganzes Leben in der Lage des hausindustriellen Ar-
beiters verblieben und die sogenannten Meister, welche sie
beschäftigten, waren Leute, die über die Lage eines Hand-
werksmeistei'S von altem Schlag hinausgewachsen wai-en. Ein
solcher arbeitete mit siebenjährigen Lehrlingen in seinem
Hause und nur nebenbei mit wenigen Lohnarbeitern. Jetzt
aber gab es Geschäfte, die darauf basii-t waren, dass ein specu-
lirender Kaufmann mit seinem Capital Rohstoffe einkaufte, an
in ihren Häuseni arbeitende Leute ausgab und dann die fer-
tigen Producte, die ihm gehörten, ohne dass er mitgearbeitet
hatte, verkaufte.
Auch in Gewerben , von denen das erwähnte Gesetz
nicht spricht, kamen Materialunterechlagungen vor. So peti-
tionirten 1744^) Brauer und Goldschmiede um Hilfe gegen
„embezzlement" durch ihre Hülfskräfte, wobei die Goldschmiede
constatirten , dass sie unmöglich alle von ihnen gebrauchten
„ai-tificers" im eigenen Hause beschäftigen könnten. Daher wur-
den dieselben Arbeiter vielfach zugleich von vei*schiedenen
Meisteni beschäftigt — ein deutlicher Beweis für die HeiT-
schaft der Hausindustrie. In manchen Gewerben hatte sich
zwar eine gewisse Selbständigkeit des kleinen Betriebs er-
halten, derselbe war aber doch von dem regelmässigen Absatz
an Kaufleute abhängig. Dies zeigt sich z. B. darin, dass
Handschuhmacher u. dgl. sich lebhaft um den ungestörten
Gewerbebetrieb der Hausirer interessirten, an welche sie allein
ihre Producte absetzen konnten. 2)
Besonders früh hatte die Hausindustrie das eigentliche
Handwerk in Manchester verdrängt, dem Sitze freier und jun-
ger Gewerbe. Schon 1650 waren dort verschiedene Zweige
der Textilindustrie entwickelt und eine aus diesem Jahre
stammende Beschreibung bezeugt uns, dass dabei Kinder ihren
^) Journals Vol. 24 S. 510.
») Journals Vol. 41, 3. März 1786; Vol. 48, 18. März 1793.
Held, Soc. Gesch. Engl. 36
562 Zweites Buch, Cap. 3.
Unterhalt selbst verdienten.^) Seit dieser Zeit blühte dort be-
sonders auch die Barchentindustrie auf. Barchent wurde haupt-
sächlich in der ländlichen Umgebung von Bolton gemacht und
anfangs heri-schte eine Betriebsweise wie in der Tuchmacherei
von Leeds, d. h. die Zeuge wurden grau an Manchester-Eauf-
leute verkauft, die sie dann fertig machten und im Lande ab-
setzten. Die Hauptkäufer waren ein gewisser Cheetham und
ein gewisser Gooke. Letzterer war kein anständiger Mann.
Wenn Cheetham seine Einkäufe gemacht hatte, so kaufte
Gooke, was noch angeboten wurde, indem er die Länge der
Stücke und ihren Preis ganz willkürlich bestimmte. Die Bar-
chentmacher waren also schon in der Zeit, als sie noch selbst-
gekauftes Material verwebten, in kläglicher Abhängigkeit von
den Kaufleuten. So erschien es als eine allgemeine Verbesse-
ining, als die Manchester Kaufleute bald anfingen, den Bar-
chentmachern Kettengarn und Schusswolle zu liefern und ihnen
für die Arbeit gute Löhne sicher zahlten. Im Anfang des
18. Jahrhunderts waren schon Tausende beim Barchentmachen
beschäftigt, darunter fün^ährige Kinder; es wird 1736 be-
richtet, dass ein Unternehmer mit seinen Biüdera allein 600
Webstühle beschäftigte. Die Hausindustrie war also schon
ganz im Grossen entwickelt. 2) Bekanntlich bestand die Kette
aus Leinengarn, der Sehuss aus Baumwolle. Für das Spinnen
der Baumwolle hatte der Weber zu sorgen und dies vei'setzte
ihn bald in Verlegenheit, weil er für das Spinnen des Schuss-
garns oft mehr zahlen musste, als er dafür bekam — erst
durch die Jenny wurde dies anders.^)
So haben wir aus dem 18. Jahrhundert eine genügende
Menge von Zeugnissen, welche direct bestätigen, dass in wich-
tigen Gewerben die Hausindustrie sich breit machte, und ver-
schiedene Thatsachen zwingen uns, dies'indirect zu schliessen-
Ein letzter grosser Beweis für die Richtigkeit dieser Behaup-
tung liegt endlich in dem Verkommen der alten Ordnung,
') Aikin a. a. 0. S. 152 ff., 157 ff.
*) Journals Vol. 22 S. 565.
'\ Aikin a. a. 0. S. 167.
Die modernen VerkehrsTerh<nisse. 563
welches oben (Capitel 1) nachgewiesen wurde. Man denke
z. B. nur an die Uebelstände im Strumpfwirkergewerbe, welche
in dieser Weise unmöglich gewesen wären, hätten der Haupt-
sache nach selbständige Meister mit siebenjährigen Lehrlingen
gearbeitet.
Ohne Zweifel gab es im 18. Jahrhundert noch genug Ge-
werbe, in denen von Hausindustrie nicht die Rede war. Man
denke nur an Bäcker und Fleischer. Indessen sie hen'schte
gerade in denjenigen Industriezweigen, die am Welthandel
theilnahmen, auf welche also die öffentliche Aufmerksamkeit
sich am stärksten hinlenkte. Und die Verhältnisse, die in
diesem Gewerbe sich entwickelten, wirkten, wenn sie auch
nur eine Minorität von Industriellen ergriffen, auflösend auf
alle Gewerbe zurück.
Es blieb auch oft in einem Gewerbe, wenn die Hausin-
dustrie zur Hen-schaft gelangt war, daneben einiger Hand-
werksbetrieb bestehen — allein das eben zeigt den Unter-
gang der Herrschaft des Handwerks, dass die Lage solcher
Handwerker sich von der der Hausindustriellen kaum mehr
unterschied — es war eine Zufälligkeit, die kaum noch be-
achtet wurde. So kamen z. B. unter den Handwebern aller-
dings noch 1834 ^) Leute vor, die ihr Gam selbst kauften, ihr
Gewebe selbst verkauften — aber sie waren gerade so schlecht
daran wie die reinen Hausindustriellen.
Der Umschwung vollzog sich sehr langsam und wurde
nur wenig bemerkt. Fortschritte der Technik spielten dabei
mit herein. Der eigentliche Grund des Umschwungs aber lag
durchaus in der Veränderung der Verkehi-sverhältnisse , mit
denen das grosse Capital emporwuchs und emporwachsen musste.
§ 3. Die modernen Verkehrsverhältnisse.
Schon vor der Einführung der neuen Maschinen, welche
den technischen Betrieb umgestalteten und die sociale Macht
des grossen Capitals erheblich steigerten, hatte sich, wie wir
^) Handloom weavers Report von 1834 Qu. 612$6.
86*
564 Zweites Buch, Cap. 8.
gesehen haben^ das grössere Handelscapital zwischen die ge-
werblich Arbeitenden und die Consumenten als behen*schende
Macht eingeschoben. Der Process war ein langsamer und be-
gann in der Tuchindustrie schon im Mittelalter selbst Die
Verdrängung des Handwerkers von der Herrschaft über den
Markt hat eine unverkennbare Aehnlichkeit mit dem bekann-
teren Process der Herabdrückung des freien Bauern in Ab-
hängigkeit von dem grossen Grundherrn. Letzterer Process
hat zugleich seine grosse politische Bedeutung und bei der
Unbeweglichkeit des Grund und Bodens konnten, mussten die
Abhängigkeitsverhältnisse sich fester consolidiren. Immer aber
bleibt die grosse Aehnlichkeit, dass in beiden Fällen ein
neuer socialer Hen^enstand sich entwickelte, unter dessen Füh-
rung die Production sich steigerte, sich durch grössere Arbeits-
theilung und bessere Technik vervollkommnete. In beiden
Fällen gewährten die Herni dem Dienenden Schutz resp.
Sicherheit, nahmen ihnen aber Selbständigkeit und schritten
vielfach zu rücksichtsloser Ausbeutung ihrer Uebermacht vor.
In beiden Fällen haben wir die Ei*scheinung vor uns, dass
der Gesammtreichthum wächst, während in der ökonomischen
und socialen Lage der Glieder des Volks stärkere Differenzen
entstehen, die sich bis zu menschenunwürdigem Elend der die-
nenden Classe steigern.
Es ist für unsere Gegenwart bekanntlieh unmöglich, etwas
statistisch Genaues und unbedingt Sicheres über die Frage
zu sagen, ob und in welchem Maasse die Ungleichheit in der
Vertheilung des Einkommens und Besitzes zunimmt, d. h. ob
die grossen Vermögen und grossen Einkommen stärker zu-
nehmen als die kleinen und mittleren. Weit unmöglicher noch
ist es, für vergangene Jahrhunderte diese Thatsachen stati-
stisch klar zu stellen. Durchaus zweifellos aber ist das allge-
meine Resultat, diiss in der Zeit des Niedergangs des selb-
ständigen Handwerks Handel und Production sich im Allge-
meinen stark ausdehnten, dass mehr grosse Einzelreichthümer
entstanden und dafür die Klagen unter den Hausindustriellen
und Arbeitern sich mehrten. Es ist dabei unentscheidbar, ob
sich die Lage derselben in Bezug auf die absolute Grösse
Die modernen Yerkehrsyerh<nisse. 565
ihres Einkommens vei'schlechtei'te oder nicht — sie empfanden
jedenfalls mehr Druck und empfanden die Gegensätze des
Besitzes. Es fand gleichzeitig eine Vermehrung derBevölke-
iiing statt und es ist möglich, aber nicht beweisbar, dass diese
die allgemeine Zunahme des Reichthums mehr als aufwog und
so als Hauptginind des vorkommenden Elends wirkte.
Zweifellos auch steht fest, dass, wenn die Capitalzunahme
unter den Reichen lange Zeit hindurch stattgefunden hat,
schliesslich zwar nicht die Selbständigkeit des Arbeiters, wohl
aber sein Durchschnittseinkommen, d. h. sein Lohn wieder
steigt und dass die Verbilligung der Production auch dem Ar-
beiter zu Gute kommt
Die Frage, ob und wie auch die Stellung der mechanisch
Arbeitenden besser und selbständiger gemacht werden könne,
ist Zukunftsfrage. Dass ihre ökonomische Lage bei consoli-
dirter Capitalherrschaft wieder befriedigender werden kann,
hat die englische Geschichte bereits bewiesen.
Unter solchen Umständen bleibt es in der That eine
Frage, die vernünftiger Weise gestellt werden kann, ja muss :
Ist es besser, geringere Gesammtbevölkeining und geringeren
Gesammtreichthum, aber mehr selbständige Producenten mit
befriedigender Lage und befriedigter Stimmung zu haben,
oder Wachsthum der Bevölkerung und des Reichthums mit
klagenden, unter der Herrschaft des Capitals stehenden Ar-
beitennassen — d. h. soll man die Entwicklung des Capitals
künstlich hemmen, das alte locale Handwerk künstlich er-
halten ?
Es wurde dies ja gelegentlich, wie z. B. durch das Ge-
setz von Philipp und Maria für die Tuchmacherei und • durch
allerlei Maschinenverbote vei-sucht. Im Allgemeinen aber über-
wog die Tendenz den Gesammtreichthum durch Beförderung
der Interessen der Reichen zu heben, im England des 18. Jahr-
hunderts durchaus. Und wenn man mit Recht fragen kann,
ob das gut ist, so besteht doch kein Zweifel, dass es nicht
anders möglich war.
Nie haben Völker auf eine Vermehrung ihres Gesammt-
reichthums und damit der Zahl der Menschen, die überhaupt
566 Zweites Buch, Cap. 3.
leben können, zu verzichten vermocht. Nie haben sie einer
Macht, wie der des Gapitals, welche diesem Ziele dient, er-
folgreich und principiell den Krieg erklären können, weil zu
viele Einzelne von der Anlehnung an diese Macht Yortheil
haben. Die Entwicklung der socialen Verhältnisse kann ein-
mal nicht stehen bleiben und es ist wie eine naturgesetzliche
Nothwendigkeit , dass alle Fortschritte der Cultur zunächst
von Minoritäten vollbracht, von diesen aber auch zunächst ge-
nossen werden. Man kann fragen, ob das freie Baueiiivolk
Norwegens oder der bayrischen Berge mit wenig Bedürfnissen
und wenig Beziehung zum Weltverkehr aber mit guter Nah-
rung Aller und relativ grosser Aehnlichkeit der Lage Aller,
der Bauern und der Arbeiter, glücklicher ist als das Handels-
und Industrievolk der britischen Inseln. Aber ohne Frage
wäre es keiner englischen Regierung in den vergangenen
Jahrhunderten möglich gewesen , ihr Volk auf die Zustände
unter Al&ed dem Grossen zurückzuschrauben. Man kann
neue sociale Mächte nicht tödten — nur dahin wirken, dass
möglichst bald und vollständig ihre Lichtseiten die Schatten-
seiten überwiegen. —
Der lange Process der Macht- und Herr Schaftsentwicklung
des Gapitals fand nun in England durchaus in der Weise statt,
dass zuerst das bewegliche Ilandelscapital emporkam.
Die mächtigen fixen Capitalien der grossen Fabriken ge-
langten erst später zur Bedeutung und auch dann waren und
sind sie stets mit Betriebscapital verbunden und werden nur
unter der Herrschaft speculirender Besitzer fruchtbar.
Jeder capitalistische Unternehmer ist, mag er zugleich
Techniker sein oder nicht, jedenfalls Kaufmann. Der Handel
dictirt, was, wo und wie producirt werden kann und jeder
nimmt an der Heri-schaft über die Production Tlieil, insoweit
als er selbständig Handel treibt, d. h. insoweit er die Bedürf-
nisse und die möglichen Wege zu ihrer Befriedigung richtig
erkennt und benutzt. Je bedeutender bei Ausdehnung des
Markts diese Herrechaft des Handels, je bedeutsamer die mer-
cantilen Erwägungen bei allen selbständigen Producenten wer-
den, desto mehr herrscht über die Production ein egoistischer
Die modernen VerkehrsTerh<nisse. 567
und rücksichtsloser Geist, dem ein Gegengewicht geschaffen
werden muss, den man aber nicht absetzen kann, weil er
allein den Markt zu reguliren im Stande ist.
Die Ausdehnung der Macht des kaufinännischen Capitals
und die Verbesserung der Verkehi-s- und Transporteinrich-
tungen, auf welcher die Ausdehnung des Markts zumeist be-
ruht, gehen nuB mit einander Hand in Hand, so dass es un-
möglich ist, Ursache und Wirkung scharf zu unterscheiden.
Handelsgeist und Handelscapital schaffen sich neue Handiels-
wege und Transpoiteinrichtungen. Diese locken wieder neues
unternehmendes Capital an und gewähren demselben gi'össeren
Gewinn. Dieser grössere Gewinn erzeugt die Möglichkeit zur
Anlage neuer Transportanstalten. Geistreich und wahr konnte
deshalb Engel sagen, dass die Eisenbahnen sich selbst gebaut
haben.
Die Eisenbahnen hätten nicht gebaut und in Betrieb ge-
setzt werden können, wäre nicht schon einiger grösserer Handel
entwickelt gewesen. Die ei'sten Eisenbahnen beförderten den
Gewinn des Handels, dieser ermöglichte neue Bahnen. In
Deutschland fällt der Moment, von dem ab die Hen-schaft
des Handwerks definitiv niederging, mit der Errichtung der
ereten Bahnen und der Consolidirung des erweiterten Zoll-
vereins zusammen. Auch in England haben die Bahnen die
Ausdehnung des grossen capitalistischen Gewerbebetriebs noch
einmal riesig gefördert; seine Herrschaft war aber viel früher
schon begründet worden, weil England auch ohne Eisenbahnen
durch ältere Communicationsmittel einen grösseren Handels-
verkehr zur Blüthe bringen konnte. Es hatte seine Küsten
und seine Seeschifffahrt. Es hatte viele schiffbare Flüsse; es
baute früher als andere Völker Landstrassen und namentlich
C anale in reichlicher Menge.
Die Blüthe der englischen Seeschifffahrt und des Colonial-
handels wurden seit Heinrich VII. und dann namentlich unter
Königin Elisabeth begi'ündet^), dei-selbe Königin, welche die
alte Handwerksordnung durch ihre consolidirende Gesetzgebung
^) S. auch ViebahD, Der englische Gewerbfleiss, Braunschweig 1852.
568 Zweites Buch, Cap. 3.
abschloss. Dadurch wurde mehr und mehr die Lage der-
jenigen Industrien geändert, welche am überseeischen Handel
theilnahmen. Aber durch Küstenschififahit, inländische Fluss-
schifiahrt, Landsti*assen und Canäle wurde auch die immer
überwiegende auf das Inland beschränkte Industrie umge-
staltet, indem hierdurch das ganze Inland ein einheitliches
grosses Marktgebiet wurde, auf dem der Producent nur unter
Führung des kaufmännischen Capitals zu bestehen vermochte.
Diese Umgestaltungen des inländischen Verkehi-s, die natürlich
auch auf den international en Verkehr fördernd und ausdehnend
einwirkten, fanden zumeist im 18. Jahrhundert und noch vor
der Giündung der grossen Fabriketablissements statt.
Alle Eihgi-iffe des Staats in wiithschaftliche Verhältnisse
knüpfen, wie früher auseinandergesetzt wurde, mit Vorliebe
an die Regelung des Absatzes an. Jetzt können wir weiter
sagen: die Absatzverhältnisse, wie sie mit oder ohne Staats-
einwirkung geworden sind, behen-schen die Production. Sie
bedingen die möglichen Betriebsformen, sie bestimmen, ob der
selbständige kleine Producent, indem er den Handel mit seinem
Product noch selbst besorgt, existiren kann oder ob er sieh
unter die Heri*schaft des grösseren Handelscapitals beugen
muss, das ihn in inmier grössere Abhängigkeit versetzt, aber
selbst nach Gründung grosser Fabriken seinen kaufmännischen
Charakter immer bewahrt. Der Handel und das Transporlgewerbe
sind freilich selbst ein Zweig der Production, aber die ihm
angehöri^^en Personen sind nur eine kleine ^Minorität unter
allen Producenten und dennoch üben die Herren dieser
Productiünszwei^e Herrschaft über die ganze Pi'oduction. Es
ist eine Unwahrheit, wenn die ältere Nationalökonomie vielfach
die Vorstellung hegte oder erweckte, als schlösse sich der
nöthige resp. erwünschte Absatz an jede beliebige Production
von selbst an. Umgekehrt bestimmt die Organisation des Ab-
satzes die Organisation und auch die Ausdehnung der übrigen
Production. Es hängt mit diesem Irrthum , demzufolge jede
geschickte Arbeit ohne Weiteres als lohnend erscheint, zu-
sammen, dass man die technischen Erfindungen, welche die
Quantität der Production steigern, viel zu einseitig als die
Die modernen VerkehrsTerhältnisse. 569
selbständige und primäre Ursache der Umwälzungen des wirth-
schaftlicben Lebens betrachtete , während sie doch ei*8t bei
vorhandenem giossen Markt in's Leben treten konnten. —
Als unter Heinrich VII. die englische Colonialpolitik und
Seeschiffahrt sich zu entwickeln begann, entwickelte sich zu-
gleich die Macht grosser capitalistischer Handelsgesellschaften ^).
Die Merchant Adventurei-s, welche Exporthandel betrieben und
1505 incorporirt wurden, waren damals schon mächtig und in
der Wollindustrie von Norwich begann eine starke und erfolg-
reiche Agitation gegen die alten Beschränkungen in der
Annahme von Lehrlingen. Unter Elisabeth begann das in-
ländische kaufmännische Grosscapital, d. h. die Gesellschaft
der Merchant Adventurei-s das ausländische, d. h. die Kauf-
leute des Stahlhofs zu verdrängen*). In der Zwischenzeit
zwischen Heinrich VII. und Elisabeth hatte höchst charak-
teristischer Weise das Gesetz 37. Heinrich VHI. c. 9 die
Wuchergesetze abgeschafft und 10% Zinsen erlaubt, was zwar
durch 5. und 6. Eduard VI. (1552) vorübergehend aufgehoben,
aber 1571 wieder hergestellt wurde; 1629 wurde der Zinsfuss
auf 8%, 1651 wurde dei-selbe auf 6% herabgesetzt*). Mit
den neuen Handelswegen war das grosse Handelscapitkl da,
und kämpfte erfolgreich gegen ausländisches Uebergewicht und
alte Schranken der inländischen Gesetzgebung.
Neben den Merchant Adventurers entwickelten sich andere
durchaus capitalistische und monopolsüchtige Handelsgesell-
schaften, deren Handel nur auf der Basis einer nicht mehr
selbständigen Industrie aufblühen konnte. 1554 wurde die
russische Compagnie gegründet, 1562 begann der afrikanische
Sklavenhandel, 1566 wurde die Börse in London erbaut,
1579 wurde die baltische Compagnie, 1581 die türkische Com-
^) Dass das Capital als eine der Arbeit gegenübertretende sociale
Macht von weiter reichendem Einfluss erst mit dieser Zeit zu entstehen
begann s. auch bei Ochenkowski a. a. 0. S. 123 ff., 132, 148, wo ins-
besondere auch ausgeführt ist, wie das Capital zuerst ein rein kanfmilüi-
nisches war.
*) S. John James , History of the Worsted Manufactory S. 85, 104.
^') S. Craik, History of British Commerce, London 1844.
570 Zweites Buch, Cap. 3.
pagnie gegiUndet, die zu Lande bis Indien vordrang; 1600
wurde die grosse ostindische Compagnie concessionirt. Im An-
fang des 18. Jahrhunderts folgte der Südseeschwindel.
So erwuchs die Macht des grossen kaufinännischen Capitals
mit den neuen Seewegen und dieser Umstand, dass das Capital
zunächst im internationalen Handel emporblühte, erklärt die
grosse Vorliebe des Mercantilsystems gerade für diesen Handel.
Der Grund war der, dass auf der offenen See sich grosser
Absatz gewinnen Hess, ohne dass erst mühsame Strassen gebaut
werden mussten.
Diese erste Entwicklung des grossen Capitals konnte
natürlich nur zu einer theilweisen Herrschaft desselben fuhren
und liess einen grossen Theil der Industrie noch unberührt,
wenn sie auch namentlich auf die Textilindustrie schon sehr
stark einwirkte. Die Vollendung der CapitalheiTschaft wurde
dann durch Verwandlung des Inlands selbst in ein einheit-
liches gi'osses Absatz- und Verkehrsgebiet bewirkt. Hierzu
trug die Union zwischen England und Schottland bei; der
wichtigste Factor zur Erreichung dieses Ziels aber war die
Ausbildung inländischer Strassen und Communicationsmittel.
Die Entwicklung der Landstrassen vollzog sich in Eng-
land merkwürdig spät. Daran ist einei-seits der Umstand
schuld, dass der Staat diese Strassen nicht selbst baute, son-
deiTi dass ihr Bau und ihre Unterhaltung nach altem Recht
Kirchspielsache war; andererseits aber gewiss auch die günstige
Lage Englands, das durch Küsten- und Flussschifffahrt allein
schon einen nicht geringen Waarenverkehr entwickeln konnte.
Noch Arthur Young in seinen verschiedenen Reisen dufch
England ^) erzählt Erstaunliches über den schlechten Zustand
der Landstrassen und 1754 waren, 200 Meilen von London
entfernt, die Strassen im Winter meist unfahrbar ^).
Waarenvei-sendungen zu Lande erfolgten nicht auf Wagen,
sondern durch Packpferde. 1720 gab es in Manchester ei-st
^) Z. ß A six weeks tour trough tbe southern counties of England
and Wales, 3, Auflage, London 1772, S. 145, 154.
*) Tacket, History of the past and present etc. S. 260.
Die modernen yerkehr8Terhältni88& 571
zwei Wagen, 1750 erst einen Stand für öffentliches Fuhr-
werk ').
Ebenso wurden die Sheffielder Waaren bis zur Mitte des
vorigen Jahrhunderts auf Packpferden nach London gebracht
und erst dann kamen Wagen auf^).
Indessen war man doch schon auf die Wichtigkeit der
Landstrassen aufmerksam geworden und 2. u. 3. Philipp und
Maria c. 8 „for the repair of highways" war das ei'ste allge-
meine Gesetz in Bezug auf Landstrassen, dem bald viele
andere bis zu den ^chlagbaumstrassen von Karl U. folgten.
Da man nämlich mit den ELirchspielstrassen unmöglich
auskommen konnte, so wurden schon seit der Mitte des 17.
Jahrhunderts einzelne grössere Gesellschaften concessionirt
und mit den Rechten der Erhebung von Wegegeldeni durch
Schlagbäume ausgerüstet, welche durchgehende Strassen bauten.
Jede solche Gesellschaft wurde durch besondere Parlaments-
acte constituirt und gegen Ende unserer Periode gab es circa
3800 solcher Acts^). Diese stammen aber ihrer gi-ossen
Majorität nach ei-st aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahr-
hunderts, nachdem die Rebellion und der Bürgerkrieg von
1745 auf den grossen Mangel guter Wege aufmerksam ge-
macht hatten.
Zunächst gab es aber gar keine entwickelte Wegebau-
kunst, die erst 1765 durch den blinden Autodidacten J. Metcalf
begann *).
So spät dieser allgemeine Aufschwung des Landstrassen-
wesens eintrat, so ist doch immer zu bemerken, dass er vor
Begründung des eigentlichen Fabriksystems begann. In der-
selben Zeit aber begannen auch die für die wirthschaftlichen
Verhältnisse noch wichtigeren künstlichen Wasserstrassen —
denen es zumeist zuzuschreiben ist, dass England schon vor
den Eisenbahnen ein Land mit herrschender Grossindustrie
werden konnte.
^) Aikin a. a. 0. S. 181 ff.
«) Aikin a. a. 0. S. 547 ff.
^) S. Second Report on Turnpike Road-trosts 1883.
*) S. Smiles, Life of Telford, London 1867.
Äv
572 Zweites Buch, Cap. 3.
Schon unter Jacob I. wurden mehrfach Flüsse künstlich
schififbar gemacht.
1699 wurden die Flüsse Aire und Calder, 1719 der
Douglas, 1720 die Flüsse Irwell, Mei-sy und Weaver künstlich
schififbar gemacht zur grossen Beförderung der Gewerbe von
Lancashire. 1725 folgte der Dun. Dies Alles war aber noch
von geringer Bedeutung im Vergleich mit der Thatsache, dass
1755 0 ©ine neue Flussregulirung des Sankey brook or river
vom Parlament genehmigt wurde, bei welcher der erste eigent-
liche Canal entstand. Bald folgten andere grössere Canal-
bauten, die zumeist von Liverpool aus angeregt wurden. Der
grosse Patron der ersten Canäle war der Herzog von Bridge-
water; der grosse Ingenieur, der sie baute, ein gewisser
Brindley. Dieser war ein ungelehiter Bauernsohn, der keine
weitere Ausbildung genossen hatte als die eines Mühlenbauers
und Zeitlebens seine technischen Berechnungen in höchst
autodidaktischer Weise ohne jede schulmässige Mathematik
anstellte. Er war eines der ersten technischen Genies, die
durch unerhöite Energie grossartige Erfolge errangen. Gross
in seiner Einseitigkeit — von ihm stammt der bekannte Aus-
spruch, die Flüsse seien in der Welt, um Canäle daraus zu
speisen — warf er sich auf eine Thiltigkeit, welche unter da-
maligen Verhältnissen von gewaltigstem Einfluss war und den
Erfolgen eines anderen grossen Antodidakten , des Barbiers
Arkwright, die Wege bahnte. Durch die Canäle, auf denen
Rohstoft'e und Fabrikate allgemein leicht transportirt werden
konnten, war es möglich, dass eine auf grossen Absatz specu-
lirende Industrie sich überall entwickeln konnte; sie insbe-
sondere schufen auch die allgemeine Möglichkeit der grossen
Fabrikindustrie — welche ja vor Allem Kohlen billig beziehen
nmss-). In Lancashire, dem ältesten Sitze der BauniwoU-
1) Aikin a. a. 0. VI.
*) Der Eifer, Canäle zu bauen, hörte dann nach Entstehung der
grossen Fabriken nicht auf und es zeigte sich dann deutlich, dass und
wie die Canäle gewissermaassen einseitig dem Handel und der grossen
Industrie dienten. So stritten 1793 (s. Journals XLVUI 25. Febr.) Farmer
mit Canalbauuntemehmern und verlangten, dass letztere ihnen während der
Die modernen Verkehrsverh<nisse. 573
industrie, dem Sitze der Handelsstadt, die den Sklavenhandel
vor allen anderen betrieb , der englischen Gegend , die über
irische Arbeitskräfte verfügen konnte, wurde das Fabriksystem
als ein hen-schendes geboren — vorher aber noch wurden die
Canäle gebaut. Der Untergang des kleinen localen Hand-
werks und die Herrschaft des grossen Capitals mussten durch
diese inneren Communicationsmittel ei-st definitiv besiegelt
sein, ehe das gi-osse Capital in den von mechanischen Kräften
bewegten Maschinen sich ein weiteres Mittel zur kolossalen
Ausdehnung seiner Macht schaffen konnte.
Diese Abhängigkeit der industriellen Entwicklung von der
mercantilen zeigt sich auch darin, dass die Handelsstadt Liver-
pool sich etwas früher zu internationaler Bedeutung entwickelte
als das industrielle Manchester, wenn letzteres auch schon
früher ein Sitz von allerlei gewerblicher Thätigkeit war. 1773
wurde in Manchester zuerst gezählt und es ergaben sich
27 246 Einwohner, während 1753 es 19 839 gewesen zu sein
scheinen ^).
Liverpool wurde 1699 ein selbständiges Kirchspiel und
hatte 1701 ei-st 4240 Einwohner. 1710 wurde das ei-ste Dock
gebaut. Der Handel bezog sich noch hauptsächlich auf Irland,
doch scheint schon 1709 westindischer Handel begonnen zu
haben. 1720 beti-ug die Einwohnei-zahl schon 10 446, 1730:
12 000, 1740 : 18 000, 1760 : 25 787, 1773 : 34 407 «) — also mehr
als Manchester. Die Zahl der ein- und auslaufenden Schilfe
wuchs in Liverpool von 1751 auf 1790 um 4048. Erst durch
diese Handelsblüthe von Liverpool, die mit dem Anfang des
18. Jahrhunderts sich zu entwickeln begann, erhob sich die
Industrie von Manchester zu einer solchen, welche die ältere
Tuchindustrie überflügeln konnte. Aehnlich wie in Manchester
die Industrie durch SeeschiflFfahri, SchiflFbarmachung von Flüssen
Erntezeit keine Arbeiter sollten wegnehmen dürfen — während dagegen
der Canalbauer Clifton verlangte, er müsse seine arbeitersparende
Maschine zum Durchschneiden der Erde das ganze Jahr hindurch be-
nutzen dürfen.
») S. Aikin a. a. 0. S. 152 ff.
-) Aikin S. aSl ff.
574 Zweites Buch, Gap. 8.
und Ganäle aus dem Zustand des mehr localen Handwerks
emporgehoben wurde, so ging es im kleineren Maassstab auch
in Sheffield, wo das Stahlgewerbe bis 1700 unerheblich war.
Man wagte sich damals, wie Aikin (a. a. 0. S. 547) sagt, noch
nicht auf einen ungewissen Markt. Erst um die Mitte des
18. Jahrhunderts wagte Joseph Broadbent directen Handel mit
dem Continent — 1751 aber wurde auch der Don schiffbar
gemacht und es begann eine regelmässige Verbindung mit
London durch Wagen.
Die Entstehung der grossen Fabrikindustrie in Lancashire
auf diesen Grundlagen werden wir im nächsten Capitel schfl-
(lem. Hier sei zum Schluss noch auf zwei charakteristische
Erscheinungen aufmerksam gemacht, welche beweisen, dass
die Hen-schaft des grossen Capitals der Erfindung der wich-
tigen Maschinen vorausging und die Voraussetzung für die
Möglichkeit der letzteren war — wir meinen die Entwicklung
des Bankwesens und des Staatsschuldwesens.
Die Bank von England wurde 1694 etablirt und gab
seit 1759 Noten von 15 und 10 Pf. St. aus. In demselben
Jahre 1694 begann auch der erste Börsenschwindel (bubble), der
dann 1720 in der Stidseegesellschaft seine erstaunlichsten
Blüthen trieb ^). Es war also mit dem Anfang des 17. Jahr-
hunderts das grosse Capital so weit, dass es einer grossen
staatlich autorisirten Organisation bedürftig und würdig war —
eines Instituts, das keineswegs den Handwerksmeistern diente
und dienen konnte, wie wir sie aus der Gesetzgebung Elisabeth
kennen.
Noch interessanter ist die Entwicklung der Staatsschulden.
Dieselben entstanden, was ihre nächste Veranlassung betrifft,
durch Kriege. Hamilton*) berechnet, dass 1689—1802 in 63
Kriegsjahren 638 Millionen Pf. St. Schulden gemacht, und in
61 Friedensjahren 39 V» Millionen Pf. St. Schulden zurück-
^) S. Fraocis, History of the Bank of England. New-York 1862.
*) Hamilton, National Debt. Edinburgh 1814. Hamilton's Zahlen
weichen von anderen z. B. denjenigen von Dudley Baxter ab, was zomeist
von verschiedener Berechnung der Annuitäten, schwebender Schuld etc
herrührt.
Die modernen Verkehrsverhältnisse. 675
bezahlt wurden, und zwar ergiebt sich das Steigen der Schuld,
durch jeden folgenden Krieg aus folgender Tabelle^):
Nationalschuld zur Zeit der Revolution 1689: 6 054925 Pf. St
Nationalschuld zur Zeit des Friedens von Ryswick 1697:
21 515 742 Pf. St
Nationalschuld zur Zeit des Beginns des Kriegs 1701:
16 394 701 Pf, St
Nationalschuld zur Zeit des Friedens von Utrecht 1714:
53 681 076 Pf. St.
Nationalschuld zur Zeit des Kriegsbeginns 1740: 46449 568
Pf. St.
Fundirte Schuld zur Zeit des Friedens von Aachen 1748 :
78 293 313 Pf. St
Fundirte Schuld zur Zeit des Kriegsanfangs 1756: 72 289 673
Pf. St
Fundirte Schuld zur Zeit des Friedens von Paris 1768:
133 959 270 K. St
Fundiite Schuld zur Zeit des Beginns des amerikanischen
Kriegs 1775: 122 963 254 K.St
Fundirte Schuld zur Zeit des Friedens von Versailles 1783:
238 231 248 Pf. St
Fundirte Schuld zur Zeit des Kriegsbeginns 1793: 227 989 148
Pf. St.
Fundirte Schuld zur Zeit des Friedens von Amiens 1802:
499 753 063 K. St
Fundirte Schuld zur Zeit des 1. Februar 1813 (abgerechnet
was zurückgezahlt und in Annuitäten verwandelt ist)
599 590 197 Pf. St
Auch in früheren Jahrhunderten hatte England Kriege
geführt und sich deshalb nicht xiauemd mit Schulden belastet
^) a. a. 0. S. 65.
576 Zweites Buch, Cap. 3.
Fi-eilich die Kriege des 18. Jahrhunderts wurden mit mehr
Soldaten und Schiffen, mit besseren Waffen und überhaupt
mit grösserem Aufwand geftlhrt. Aber die Möglichkeit dieses
Aufwands beinihte auf der heranwachsenden Macht des
Capitals und dieses wusste den Eriegsaufwand zu einem neuen
Mittel zur Befestigung seiner Macht zu gestalten.
In alten Zeiten wurde Krieg geführt, indem die Militär-
gewalt Gebrauchswerthe nahm, wo sie zu finden waren. Nun-
mehr wurden auch die Mittel zum Kriegführen grossentheils
gekauft und der Staat borgte die Kaufkraft von den Capita-
listen. Er borgte sie, er nahm sie nicht. An anderem Ort ^)
habe ich ausgeführt, welcher Zusammenhang zwischen dem
System vorwiegender indirecter Steuern, welche die Reicheren
schonen und zwischen Staatsschulden besteht. Die indirecten
Steuern schonen den Besitz jeder Art, ihre übennässige Aus-
dehnung liegt ebenso im Interesse des Gnindbesitzes als des
Standes grösserer Kaufleute. Wenn aber der Staat grössere
Schulden contrahirt, so muss er sich insonderheit an diejenigen
wenden, welche Geldcapital zur Verfügung haben. Darunter
können Grundbesitzer sein, diese aber werden als Verleiher
von Geldcapitalien dann in die Interessenkreise des mobilen
Capitals mit hineingezogen. Staatsschulden in gewissem Maasse
sind sicher heutzutage natürlich, nützlich, nothwendig. Aber
unleugbar sind sie eine Einrichtung, welche dem mobilen
Capital auch in Zeiten, in denen es an kaufmännischer Anlage
fehlt, gestattet, zu profitiren. Kriegsanleihen der Staaten ge-
währen den Capitalisten eine Anweisung auf die Erträge
künftiger vom ganzen Volke gezahlter Steuern. Sie gewähren
demjenigen , der in Nothzeit grössere Kaufkraft verfügbar hat,
eine Macht, sich dauernd mit Hülfe des Staats die Arbeits-
kraft der Nation tributpflichtig zu machen. Der Staat be-
nutzt, w^enn er in Bedrängniss kommt, die Macht des Capi-
tals, zugleich aber erkennt er sie an und stärkt sie.
Auch dies Verhältniss kam erst nach Entstehung der
grossen Fabriken während des Kriegs mit Frankreich zur
') In meinem Buche über Einkommensteuer. Bonn 1872.
Die modernen Verkehrsverli<nisse. 577
stärksten Entfaltnng. Aber es wurde schon vorher, nament-
lich während des siebenjährigen und des amerikanischen Kriegs
begründet. Auf allen Puncten hatte in der Mitte des 18.
Jahrhundeils das Capital seine herrschende Position genom-
men — es handelte sich jetzt darum, diese zu befestigen und
auszunutzen.
Held, Soc. Oefch. Engl. 87
Viertes Capitel.
Die Fabrikindustrie.
§ 1. Manufacturen und Fabriken.
Schon vor den grossen mit Wasser und Dampf betriebenen
Fabriken gab es grosse, geschlossene, gewerkliche Etablisse-
ments, die man Manufacturen nannte und die sich der be-
sonderen Gunst des schützenden Staats ei-freuten ^). Sie ver-
breiteten sich jedoch, ehe es kostspielige von mechanischen
Kräften getriebene Maschinen gab, nicht so stark, dass sie
tonangebend f&r grosse Industiiezweige oder für die ganze
Industrie werden konnten. Sie boten den Vortheil einer ent-
wickelteren Arbeitstheilung und einer beständigen Beaufsich-
tigung der Arbeitskräfte. Aber Arbeitstheilung Hess sich auch
eraielen, wenn man ein Rohmaterial successive durch die Hand
vei'schiedener Kategorien von Hausindustriellen gehen Hess,
welches System in der Wollindustrie sehr entwickelt war.
Und was den Vortheil der Beaufsichtigung der Arbeiter be-
trifft, so stand diesem die Vorliebe der Arbeiter gegenüber,
die ungern ihr Haus verliessen, in dem sie mit ihrer FamiHe
selbständig arbeiteten. Für den die Industrie beherrschenden
Kaufmann aber bot die Hausindustrie gegenüber der Manu-
factur den grossen Vortheil , dass er mit weniger Capital und
Risico arbeiten konnte und sich um den Arbeiter, mit dem
er meist durch Agenten nur mittelbar verkehrte, nicht persön-
^) In Schottland sogar wurden schon 1661 Seifenmanufacturen be-
fördert. Journals of the of House Commons. Vol. 40. 2. Juni 1784.
Manafacturen und Fabriken. 579
lieh zu kümmern brauchte — deshalb gelang es den älteren
Manufacturen nicht, das System der Hausindustrie zu stüi-zen.
Ueber das Maass ihrer Ausdehnung etwa in der Mitte des
vorigen Jahrhundert, bin ich nicht im Stande, bestimmte An-
gaben zu machen^). Sie .müssen eine gewisse Wichtigkeit
en*eicht haben, wie dies namentlich aus der Art und Weise
heiTorgeht, in der A. Smith die Arbeitstheilung behandelt
und an dem Beispiel der Stecknadelfabrication illustriii;. Auch
Arthur Young hebt in seinen etwa gleichzeitigen Reisebe-
schreibungen, welche zumeist die Landwirthschaft in^s Auge
fassen, einzelne Manufacturen besonders hervor. Es lässt sich
nur bestimmt schliessen, dass die Manufacturen bis zu
A. Smith's Zeiten nicht die Herrschaft der Industrie besessen
haben können, weil die Gesetzgebung sich bis dahin sehr
wenig mit ihnen beschäftigte und die Nation durch Kämpfe
der Arbeiter gegen geschlossene Manufacturen bis dahin nur
sporadisch aufgeregt wurde, während sich sehr wichtige Ge-
setze auf die Verhältnisse der Hausindustrie bezogen.
Dies änderte sich durch Arkwright. Wir werden später
sehen, auf den Schultern welcher Vorgänger er stand. Hier
handelt es sich zunächst dainim, den wesentlichen Untei-schied
zwischen dem von ihm siegreich begründeten Fabriksystem
und den älteren Manufacturen zu zeigen. Dieser Untei*schied
beruht auf der Anwendung der Maschine im Gegensatz zum
Werkzeug.
Werkzeug und Maschine werden sehr vei*schiedeu definirt
und es lässt sich nicht leugnen, dass rein technisch genommen
im Grunde zwischen beiden nur ein Gradunterschied besteht:
die Maschine ist ein vervollkommnetes Werkzeug. Der allge-
meine Sprachgebrauch indessen ist offenbar geneigt, einen
qualitativen Untei'schied zu machen und vom ökonomischen
Standpunct aus ist ein solcher auch vorhanden, mag auch die
Grenze im einzelnen Fall praktisch schwer zu ziehen sein.
^) Auch Marx in seinem Buche über das Capital (erste Auflage
S. 318 ff.) philosophirt zwar viel über die Manufacturen, giebt aber kein
historisches Material für England. Indessen erkennt er an, dass die Ma-
nufactur nicht das Handwerk und die Hausindustrie verdr&ngen konnte.
37*
580 Zweites Buch, Cap. 4.
Stellt man sich auf den ökonomischen Standpunct, d. h. be-
trachtet man die Lage der bei den Maschinen beschfiftigten
Arbeiter, so erscheint diese sowohl in Bezug auf die Art der
Thätigkeit als in Bezug auf die Stellung im Etablissement als
eine durchaus von der Lage des nur Werkzeuge benutzenden
Arbeiters vei^schieden.
Ein Hammer, ein Hebebaum, eine Nähnadel, eine Schaufel
u. dgl. sind einfache Werkzeuge. Sie verstärken oder ver-
schärfen die Kraft des menschlichen Arms, der Hand, der
Faust, kui'z eines Organs des Menschen, welches sich bei der
Arbeit in dei'selben Richtung bewegt, in welcher das Werk-
zeug bewegt wird. Der Arbeiter kann das Werkzeug als ein
verstärkendes Organ seiner selbst betrachten, sich jedenfalls
als den bewussten Behen'scher des Werkzeugs ansehen.
Ein Werkzeug dient gleichzeitig einem Arbeiter allein, der
also dadurch seine Selbständigkeit nicht verliert, sondern eher
steigert — namentlich wenn er selbst Eigenthümer des Werk-
zeugs ist, was er wegen der geringen Kosten des Werkzeugs
leicht werden kann. Auch ein Spinnrad und ein Handwebe-
stuhl sind in diesem Sinne noch als Werkzeuge zu betrachten,
denn sie werden von einem Arbeiter benutzt, der damit
selbständig ein Product herstellen kann, und vei-stärken r^p.
vervollkommnen nur die Wirkung, welche durch die Bewegung
der Hände und Ftisse von Menschen geübt wird.
Sowie eine gewerbliche Vorrichtung mehr leistet, als dass
sie, von einem arbeitenden Menschen benutzt, die Wirkung
der von seinen Körperorganen ausgehenden Bewegung ver-
schärft oder vervollkommnet, entsteht die Maschine. Sie ist
vorhanden, sowie die Thätigkeit des Menschen sich in einer
Richtung bewegt, welche von der schliesslich durch die Vor-
richtung entstehenden Bewegung durchaus abweicht, oder, so-
wie verschiedene Menschen gleichzeitig nöthig sind, um eine
gewerbliche Vorrichtung in Bewegung zu setzen. Eine Loco-
motive ist so eine Maschine, denn die von dem Heizer und
Führer der Locomotive ausgeübten Handgriffe bewegen sich
in total anderer Richtung als die Locomotive selbst, die auf
den Schienen Wagen zieht. Eine Vorrichtung zum Einrammen
Manufactoren und Fabriken. 581
von Pfählen in den Boden, an der Dutzende von Menschen
einen Block in die Höhe ziehen und dann wieder fallen lassen,
ist auch kein einfaches Werkzeug mehr. Will man den Unter-
schied in ein prägnantes Wort zusammenfassen, so kann man
sagen: das Werkzeug dient dem Arbeitenden , die Maschine
wird von Arbeitern bedient
Die Maschine würde, das liegt auf der Hand, sich nie zu
einer wichtigen selbständigen £i*scheinung gegenüber dem
Werkzeug erhoben haben, ohne die Anwendung von Trieb-
kräften, welche nicht mit der Muskelkraft des die Maschine
bedienenden Arbeiters zusammenfallen. Diese Triebkräfte
können andere Menschen sein oder Thiere — wichtig aber
sind erst die mechanischen Kräfte des Windes, des Wassers,
des Dampfes, der Electricität. Ei-st bei Anwendung dieser
Kräfte entwickelt sich eine kolossale Steigeiomg des gesammten
KraftefiFects gegenüber dem einfachen Werkzeug, erst dann
tritt die Eigenthümlichkeit der Arbeit an der Maschine stark
hervor. Man kann so Wind- und Wassermühlen und grosse
Segelschiffe als die ei-sten wichtigen Maschinen bezeichnen, die
in allgemeinen Gebrauch kamen.
Im Allgemeinen setzt die Anwendung der starken aber
rohen mechanischen Triebkräfte schon eine grosse VeiToll-
kommnung der Maschine voraus. Der die Maschine bedienende
Mensch verwandelt sich zunächst gleichsam selbst in einen
Maschinentheil , indem er mit automatischen regelmässigen
Handbewegungen in den Gang der Maschine eingreift. Bei
weiterer Vervollkommnung der Maschine wird er zu einem
Aufseher und Corrector ihres Gangs.
Werkzeug und Maschinen haben das Gemeinsame, dass
unter ihrer Benutzung der gleiche Gesammtaufwand mehr, oder
ein geringerer Aufwand das gleiche Product erzeugt. Werk-
zeuge oder Maschinen, die diesen Effect nicht erreichen lassen,
anzuwenden , wäre unrationell und sie könnten sich nur vor-
übergehend halten. Aber zwischen Werkzeug und Maschine
besteht der Unterschied , dass die Berechnung des ei'wähnten
Aufwands bei Werkzeugen eine sehr einfache ist, bei Maschinen
aber eine complicirte und schwierige.
582 Zweites Buch, Gap. 4.
Stellt man sich auf den Standpunct der menschlichen
Gesammtheit, so liegt es nahe, unter Aufwand die Summe
von Arbeit zu verstehen, die geleistet werden muss, um mit
oder ohne Maschinen ein gewisses Product herstellen za
können. Dabei erhebt sich aber schon ''die Schwierigkeit,
dass häufig die Producte der Maschinenarbeit denen der
Handarbeit nur sehr ähnlich, nicht mit ihnen identisch sind.
Grösser ist noch die Schwierigkeit, dass die Arbeit an der
Maschine oft lästiger, einförmiger und unmenschlicher ist als
die entsprechende Handarbeit und dass dagegen die Arbeit,
welche die Maschine selbst herstellt und diejenige, welche die
mechanische Triebkraft herbeischafft resp. erhält, qualitativ
höchst eigenthümlich ist, oft besondere Anlagen und gewerb-
liche Ausbildung erheischt Die beiden Arbeitssummen sind
also aus qualitativ verschiedenen Posten zusammengesetzt und
daher nicht ohne Weiteres sicher in Bezug auf ihre Grösse
vergleichbar. In vielen Fällen ist freilich die Thatsache, dass
die Maschinenarbeit überhaupt bei geringerem Aufwand das
Gleiche leistet, evident. Es giebt aber auch Fälle, in denen
die erwähnte Schwierigkeit der Berechnung auf die Frage, ob
eine gewisse Maschine im allgemeinen Interesse liege, in der
That nur ein „non liquet" ergiebt.
Wenn sich z. ß. eine Maschine für ihren Besitzer nur
dadurch rentirt, dass derselbe Fi'auen und Kinder überlange
Zeit hindurch gegen Hungerlöhne beschäftigt; wenn er nur da-
durch mit Handarbeit von Männern concurriren kann : ist dann
wirklich ein geringerer Gesammtaufwand von Kräften bei der
Maschine vorhanden, oder eine grössere Anstrengung, die in
Folge specieller socialer Verhältnisse erzwungen werden kann?
Oder wenn eine Maschine sich einfach nur dadurch rentirt,
dass die Löhne für die leichtere Fabrikarbeit bedeutend
niedriger sind als die für schwierigere aber doch angenehmere
Handarbeit, kann man dann nur deshalb, weil die Fabrik-
arbeit leichter ist, von einem geringeren Gesammt^ufwand
reden ?
Entscheidend für die Einfühi-ung einer Maschine ist aber
nicht das in einzelnen Fällen schwer zu berechnende Interesse
ManofBUStoren und Fabriken. 583
der Gesammtheit, sondern das des Maschinenbesitzers; sowie
dieser durch Benutzung der Maschine gewinnt, wird dieselbe
eingefbhrt — und glücklicherweise lässt sich in der That in
der grossen Mehi'zahl der Fälle dies nur dadurch erzielen,
dass nicht nur die Gonsumenten ein billigeres Product be-
kommen, sondein wirklich der Gesammtaufwand der Production
abnimmt.
Deshalb sind Maschinen, welche auf freiem Wege zur
Einf&hrung gelangen, meistens ein Yortheil und Gewinn für
die Gesammtheit; denn die Fälle, dass der Maschinenbesitzer
noch profitiit, aber nur durch Herabdrückung von Arbeitern
in schlechtere Lage, sind glücklicherweise Ausnahmefälle. Der
Yortheil der Gesammtheit gehöi*t auch zu denjenigen, auf
welche wir nicht verzichten können, weil er im letzten Gmnde
die Möglichkeit für die Existenz einer giösseren Anzahl von
Menschen gewährt. Auch die Leiden von Arbeiteiii, deren
gewohnter Erwerb durch neueingeführte Maschinen verkümmert
oder unmöglich wird, sind kein Gegengrund und können nur
besondere Maassregeln zur Linderung solcher Uebergangs-
leiden rechtfertigen resp. erheischen. — Die Sismondi'sche
Unterscheidung zwischen gemeinnützlichen und schädlichen
Maschinen ist deshalb bedeutungslos, weil factisch jede wirk-
lich zur allgemeinen Einfühlung gelangende Maschine die Be-
friedigung irgend eines Bedürfnisses erleichteit und dadurch
die Bedürfiiissbefriedigung der Menschen überhaupt steigert,
also im Ganzen nützt.
Indessen dieser Umstand, dass die Frage, ob und wieviel
eine Maschine im einzelnen Fall der Gesammtheit Yoi*theil
bringt, schwieriger zu beantworten ist, ist nicht der wichtigste
Unterschied zwischen Werkzeug und Maschine. Dieser liegt
darin, dass bei der Maschine der Arbeiter eine factisch sehr
viel gi'össere Schwierigkeit hat, die Maschine selbst zu be-
sitzen. In der That sind die meisten Angriffe auf die Maschine
nicht gegen diese selbst, sondern gegen ihre gewissermaassen
monopolisirten Besitzer gerichtet.
Jede Maschine, die von mehr als einem Menschen bedient
werden muss, kann den sie Bedienenden nur dann gehören.
582 Zweites Bnch, Gap. 4.
Stellt man sich auf den Standpunct der menBchlichen
Gesammtheit , so liegt es nahe, unter Aufwand die Summe
von Arbeit zu veratehen, die geleistet werden muss, um mit
oder ohne Maschinen ein gewisses Product herstellen zu
können. Dabei erhebt sich aber schon ^ die Schwierigkeit,
dass häufig die Producte der Maschinenarbeit denen der
Handarbeit nur sehr ähnlich, nicht mit ihnen identisch sind.
Grösser ist noch die Schwierigkeit, dass die Arbeit an der
Maschine oft lästiger, einförmiger und unmenschlicher ist als
die entsprechende Handarbeit und dass dagegen die Arbeit,
welche die Maschine selbst herstellt und diejenige, welche die
mechanische Tiiebkraft herbeischafft resp. erhält, qualitativ
höchst eigenthümlich ist, oft besondere Anlagen und gewerb-
liche Ausbildung erheischt Die beiden Arbeitssummen sind
also aus qualitativ verschiedenen Posten zusammengesetzt und
daher nicht ohne Weiteres sicher in Bezug auf ihre Grösse
vergleichbar. In vielen Fällen ist freilich die Thatsache, dass
die Maschinenarbeit überhaupt bei geiingerem Aufwand das
Gleiche leistet, evident. Es giebt aber auch Fälle, in denen
die erwähnte Schwierigkeit der Berechnung auf die Frage, ob
eine gewisse Maschine im allgemeinen Interesse liege, in der
That nur ein „non liquet" ergiebt.
Wenn sich z. ß. eine Maschine für ihren Besitzer nur
dadurch rentirt, dass derselbe Fi'auen und Kinder überlange
Zeit hindurch gegen Hungerlöhne beschäftigt; wenn er nur da-
durch mit Handarbeit von Männern concurriren kann : ist dann
wirklich ein geringerer Gesammtaufwand von Kräften bei der
Maschine vorhanden, oder eine grössere Anstrengung, die in
Folge specieller socialer Verhältnisse erzwungen werden kann?
Oder wenn eine Maschine sich einfach nur dadurch rentirt,
dass die Löhne für die leichtere Fabrikarbeit bedeutend
niedriger sind als die für schwierigere aber doch angenehmei-e
Handarbeit, kann man dann nur deshalb, weil die Fabrik-
arbeit leichter ist, von einem geringeren Gesammtaufwand
reden?
Entscheidend für die Einfühi-ung einer Maschine ist aber
nicht das in einzelnen Fällen schwer zu berechnende Interesse
Manafactiireii und Fabriken. 583
der Gesammtheit, sondern das des Maschinenbesitzers; sowie
dieser durch Benutzung der Maschine gewinnt, wird dieselbe
eingefbhrt — und glücklicherweise lässt sich in der That in
der grossen Mehi'zahl der Fälle dies nur dadurch erzielen,
dass nicht nur die Consumenten ein billigeres Product be-
kommen, sondein wirklich der Gesammtaufwand der Production
abnimmt.
Deshalb sind Maschinen, welche auf freiem Wege zur
Einfilhiaing gelangen, meistens ein Yortheil und Gewinn für
die Gesammtheit; denn die Fälle, dass der Maschinenbesitzer
noch profitirt, aber nur durch Herabdrückung von Arbeitern
in schlechtere Lage, sind glücklicherweise Ausnahmefälle. Der
Yortheil der Gesammtheit gehöi*t auch zu denjenigen, auf
welche wir nicht verzichten können, weil er im letzten Giomde
die Möglichkeit für die Existenz einer giösseren Anzahl von
Menschen gewährt. Auch die Leiden von Arbeiten!, deren
gewohnter Erwerb durch neueingeführte Maschinen verkümmert
oder unmöglich wird, sind kein Gegengrund und können nur
besondere Maassregeln zur Lindeining solcher Uebergangs-
leiden rechtfertigen resp. erheischen. — Die Sismondi'sche
Unterscheidung zwischen gemeinnützlichen und schädlichen
Maschinen ist deshalb bedeutungslos, weil factisch jede wirk-
lich zur allgemeinen Einführung gelangende Maschine die Be-
friedigung irgend eines Bedürfnisses erleichtert und dadurch
die Bedürftiissbefriedigung der Menschen überhaupt steigert,
also im Ganzen nützt.
Indessen dieser Umstand, dass die Frage, ob und wieviel
eine Maschine im einzelnen Fall der Gesammtheit Vortheil
bringt, schwieriger zu beantworten ist, ist nicht der wichtigste
Unterschied zwischen Werkzeug und Maschine. Dieser liegt
darin , dass bei der Maschine der Arbeiter eine factisch sehr
viel gi-össere Schwierigkeit hat, die Maschine selbst zu be-
sitzen. In der That sind die meisten Angriffe auf die Maschine
nicht gegen diese selbst, sondern gegen ihre gewissermaassen
monopolisirten Besitzer gerichtet.
Jede Maschine, die von mehr als einem Menschen bedient
werden muss, kann den sie Bedienenden nur dann gehören.
584 Zweites Buch, Cap. 4.
wenn diese sich associiren, was bekanntlich sehr schwierig ist.
Andernfalls moss Einer als Besitzer eine beherrschende Stel-
lung gegenüber den Nichtbesitzem erlangen. Aber auch wo
etwa eine Maschine von einem Arbeiter bedient wird, ist
diese gewöhnlich kostspieliger als ein Werkzeug und sowie
mechanische Kräfte angewendet werden, wird entweder die
einzelne Maschine wegen des von ihr geübten grossen Eraft-
eifects sehr gross und also auch theuer; oder es muss so ein-
gerichtet werden, dass eine Yomchtung zur Ei-zeugung mecha-
nischer Kraft viele gleichartige Maschinen, z. B. Webstühle,
treibt
Die meisten und wichtigsten Maschinen kann also nur ein
Gapitalist besitzen und die Schwierigkeit, d. i. Kostspieligkeit
ihres Erwerbs, erhöht beständig die Aussichtslosigkeit des
Arbeitei-s, selbst Maschinenbesitzer zu werden. Die Maschine
ei-weitei-t nothwendig die Kluft zwischen Capital
und Arbeit. Zugleich zwingt sie wegen der Nothwendigkeit
der Arbeit in geschlossenen Räumen zur Auflösung des Familien-
lebens des bisherigen Hausindustriellen resp. Handwerkers.
Sie vei*schiebt aber nicht nur die Verhältnisse der mecha-
nisch Arbeitenden und zwar abgesehen von häufiger anfäng-
licher Lohnerhöhung zunächst in ungünstiger Weise — sie
ändert auch die Lage des Capitalisten.
Dieser wird mächtiger, als der über Hausindustrielle
hen-scliende Kaufmann es war, denn er hat das Arbeits-
instrument in der Hand, ohne welches überhaupt erfolgreich
nicht melir gearbeitet werden kann. Die Möglichkeit, sich zu
einem selbständig verkaufenden Producenten zu entwickeln,
wird für den Arbeiter noch weit geringer. Der Fabrikant
trägt aber zugleich mehr Risico als der Kaufmann und er
wird abhängiger von seinem Besitz.
Die Ausdehnung der Maschine bedeutet ein relativ stär-
keres Anwachsen der fixen Capitalgtiter gegenüber den um-
laufenden. Auch in der Hausindustrie kommt es vor, dass
der Kaufmann Webstühle, Strumpfwirkerrahmen u. dgl. besitzt
und ausleiht. Allein dies ist nicht nothwendig mit der Haus-
industrie verbunden, diese Werkzeuge können auch dritten
Manufiicturen und Fabriken. 585
Personen gehören, und wenn sie dem Kaufmann gehören, so
sind sie doch weniger werthvoU als Maschinen und .ihre Ver-
zinsung ist für den gesammten Geschäftsgewinn nicht von so
entscheidender Bedeutung. Andei's beim Fabrikanten in der
Maschinenindustrie, der nicht weniger umlaufende Capitalgüter
braucht als der Kaufmann, zugleich aber die kostbai-en
Maschinen hat, die er meist nur an dem Orte, wo sie einmal
sind und jedenfalls nur in einer ganz bestimmten Productions-
weise verwerthen kann. Stehen die Maschinen still, so ist der
Verlust f&r ihn sehr gi'oss und er gewinnt also ein sehr be-
deutendes Interesse an ungestörtem Fortgang der Industrie.
Damit hängt es zusammen, dass Völker mit entwickelter Gi*oss-
industrie so überaus friedliebend sind. Wenn die Fabriken in
Manchester ein Jahr lang still ständen oder wenn sie gar ganz
zerstört würden, so würden viele Fabrikanten brodlos werden
und für einen grossen Theil der Arbeiter würde die Möglich-
keit der Existenz verschwinden, weil nur der Werth der
Maschinenfabrikate die Unterhaltung der gestiegenen Menschen-
zahl möglich macht. Ein solcher Fall würde in der That ein
folgenschweres Nationalunglück sein und man kann es deshalb
hochindustriellen Völkeni gar nicht verdenken, dass bei ihnen
nicht die Heimath jenes Heroismus ist, der die Athener be-
wog, ihre Stadt den Pei^sera zu überlassen oder die Russen,
Moskau selbst zu verbrennen.
Aber nicht nur die Völker im Ganzen sind veranlasst,
solchen Besitz ängstlich zu hüten: jeder einzelne Fabrikant
wird an einen bestimmten Productionszweig und bestimmte
Productionsweise in hohem Grade gebunden und verliert einen
Theil jener allgemeinen freien Herrechaft über die Gesammt-
heit des Waarenmarkts, welche der Besitz von Geld und auch
von umlaufenden Capitalgütern gewährt. Die steigende Macht
über den besitzlosen Arbeiter rächt sich gleichsam dadurch,
dass der Capitalist selbst weniger Herr seines Capitals wird.
Merkwürdig ist dabei, dass die grosse Fabrikindustrie selbst
Kräfte erzeugt, welche diese Abhängigkeit des Besitzei-s vom
Besitz nicht mildern , sondern ganz besondei*s empfindlich
machen.
586 Zweites Buch, Cap. 4.
Die grosse Fabrikindustrie drängt nach stets weiterer
Ausdehnung des Markts, wodurch unberechenbare Gonjuncturen
häufiger werden. Der rastlose Fortschritt der Technik drückt
zugleich stets den Werth älterer Maschinen. In der Fabrik-
industrie sind Krisen fbr beide Parteien besonders schmerzlich
und werden durch vervollkommnete Crediteinrichtungen nur
sehr ungenügend ausgeglichen — und doch sind sie hier be-
sondei-s häufig.
Der Maschinenbesitzer gewinnt zugleich ein sehr erhöhtes
Interesse an Ausdehnung der Arbeitszeit. Beim Handwerks-
meister, der selbst mit arbeitet, ist dieses Interesse klein,
beim Kaufmann gegenüber Hausindustriellen steht es zwar so,
dass er an möglichst baldiger Rücklieferung des verarbeiteten
Rohmaterials ein Interesse hat, sowie an niedrigen Stücklöhnen,
welche factisch zur Verlängerung der Arbeitszeit zwingen.
Allein direct kümmert sich der Kaufmann gar nicht um die
Arbeitszeit seiner Leute. Die baldige Rücklieferung des
Materials bereichert ihn doch nur um den Zins seines um-
laufenden Capitals während kuraer Fristen. Was aber die
niedrigen Löhne betrifft, so liegen diese schon an sich ohne
Rücksicht auf die Arbeitszeit in seinem Interesse, er kann
solche aber ohne Verschiebung des Verhältnisses zwischen
Angebot und Nachfrage nicht durchsetzen — und die Haus-
industrie als solche vei'schiebt dies Verhältniss nur wenig.
Factisch ist das starke Sinken der Löhne von HausindustrieDen
und die ungebührliche Ausdehnung ihrer Arbeitszeit immer
erst eingetreten, wenn die Hausindustrie mit einer die Nach-
frage nach Arbeit relativ vermindernden Fabrikindustrie zu
concuiriren begann.
Der Fabrikherr dagegen mit seinem grossen Capitalbesitz
von Fabrikanlagen und Maschinen verliert in jedem Moment,
in welchem diese Capitalgüter unbenutzt sind, stark — wenn
auch dieser Verlust nur ein „lucrum cessans'^ ist. Stellen wir
uns zwei Besitzer gleichartiger und gleich grosser Fabriken
vor, von denen in der einen ununterbrochen täglich 24 Stirn-
den, in der anderen nur 12 Stunden lang gearbeitet wird, so
ist der Mehrgewinn des ersten Fabrikanten — gleiche Güte
ManufjEu^tureo und FabrikeD. 587
und Energie der Arbeit vorausgesetzt — ganz erheblich viel
grösser als der des letzteren. Der Rohertrag der ersten
Fabrik, d.h. der Gesammtpreis aller verkauften Pi'oducte; ist
nämlich zweimal so gross wie der der zweiten Fabrik. Die
Kosten aber, welche der erste Fabrikant vom Rohertrag ab-
zuziehen hat, um seinen persönlichen Beingewinn zu berechnen,
sind nicht noch einmal so gross als die des zweiten Fabri-
kanten. Nehmen wir nämlich auch an, dass er genau zwei-
mal mehr Löhne zu zahlen hat, zweimal mehr Rohmaterial
verbraucht und zweimal mehr von seinen Maschinen abnutzt —
so braucht er doch zur Auszahlung der Löhne und zum An-
kauf des Rohmaterials nicht zweimal mehr (eigenes oder ge-
liehenes) Betriebscapital , weil dasselbe bei der gesteigerten
Production sich schneller umsetzt. D. h. durch Verdoppelung
der Arbeitszeit in einer Fabnk kann das Reineinkommen der
Fabrikanten auf die doppelte Summe in absoluter Höhe stei-
gen, welcher verdoppelte Gewinn aber von einem gleich
grossen oder kaum erhöhten Capital herrührt
Es läge demgemäss nahe, anzunehmen, dass die Fabri-
kanten auf den Gedanken gekommen wären, den ganzen Tag
hindurch durch zwei sich einander ablösende Reihen von Ar-
beitern arbeiten zu lassen. Dies geschah aber nur ausnahms-
weise, namentlich wo die technische Natur des Gewerbes einen
absolut ununterbrochenen Betrieb gebieterisch erfordert. Sonst
begnügte man sich mit Ausdehnung der täglichen Arbeitszeit
einer Reihe von Arbeitern auf 16 Stunden und darüber ohne
Lohnerhöhung und dieses hatte gute Gründe.
Der Nachtbetrieb geht einmal gegen unsere gesammten
Lebensgewohnheiten und da dabei nicht nur mit dem Arbeiter-,
sondern auch mit dem Aufsichtspei-sonal gewechselt werden
müsste, so würde die Einheitlichkeit der technischen Direction
Schaden leiden. Der Fabrikherr selbst würde dadurch auch
zu sehr in der ihm selbst nothwendigen Ruhe gestört. Dazu
kam, dass solche Steigerung der Nachfrage nach Arbeit die
Löhne zu sehr in die Höhe getrieben und allgemein ein ent-
sprechendes Angebot gar nicht gefunden hätte. Endlich aber
war auch, abgesehen von solcher Lohnerhöhung, eine Aus-
588 ZweitM Buch, Ci^ 4.
dehnung der Arbeitszeit um 25— 40^/o ohne jede vermehrte
Lohnzahlmig unter Umständen fbr den Fabrüunten vortheil-
hafter als eine Ausdehnung der Arbeitszeit um 100%, bei
der man auch ohne Lohnerhöhung doch jedenfalls doppdt so
viel Lohn bezahlen mfisste, weil man doppelt so viel Arbeiter
brauchte. —
Durch die grosse Fabrikindustrie jmit Maschinen wuehs
die Menge des Capitals auf gewerblichem Gebiete, die Macht
des Capitals über die gewerkliche Arbeit wurde eine mehr
directe und drückende. Gebieterisches eigenes Interesse zwang
sogar den Capitalisten zu härteren Anforderungen an den
Arbeiter, während der i*ein kaufinännische Herr der Ebne*
industriellen keinen Antrieb hatte, die Arbeiter zu drücken,
nur sich eventuell nicht um sie zu bekümmern.
Sowie kostspieliges und nur concentiirt an bestimmten
Puncten benutzbares fixes Capital nothwendige Bedingung er-
folgreicher Industrie war, wurden die Besitzer solchen Capitah
aus Leuten, die den Absatz in der Hand hatten und das Ein-
kommen der Arbeiter bestimmten, zugleich Herren der Arbeit
als solcher, indem sie direct dictiiten, wann, wie und woge-
arbeitet werden sollte. Sie wurden Herrn, die lediglich von
egoistischen Interessen geleitet waren und durch die Con-
currenz zu rücksichtslosem Egoismus gedrängt wurden. Und
so begannen nach den ersten Zeiten hoher Löhne in den
ei*sten Fabriken für die Fabrikarbeiter harte Tage. Und die
Leiden der proletarischen Fabrikarbeiter übeilinigen sich oft
in verstärktem Maass auf andere zahlreichere Kategorien be-
sitzloser Leute — und dennoch gilt von diesen Wirkungen der
Maschinen dasselbe, was von der Macht des Capitals überhaupt
gilt: sie verstärkten die Productions- und damit die Consum-
tionsfäbigkeit der Menschheit im Ganzen, sie sind im letzten
nothwendigen Effect ein Fortschritt und ein Segen. Und wenn
sie zu Leiden der Arbeiter veranlasst haben, so müssen sie
solche nicht fortgesetzt hervoniifen. Beschleunigung des
leidensvollen Uebergangsprocesses — nicht Zulassung der
Maschinen ist die Frage, die sich der vorurtheilsfreie Denker
zu stellen hat und zu deren Beantwortung die geschichtliche
Die Reihenfolge der Erfindttogen. 589
Dai-stellung der englischen Entwicklung wichtige Beiträge
liefert.
§ 2. Die Reihenfolge der Erfindungen.
Die entscheidenden Thatsachen, welche den allgemeinen
Umschwung zur Fabrikindustrie begründeten, ei*eigneten sich
in der jungen Baumwollindustrie.
Wie schon einzahlt, existirte eine solche im Anfang des
18. Jahrhunderts in Manchester; es war dies die Barchent-
industrie, die als Hausindustrie organisirt war. Die Weber
machten Barchente aus Leinengarn, das vielfach aus Deutsch-
land bezogen wurde und als Kette diente, und aus Baumwoll-
garn als Schuss. Das Baumwollgarn wui*de durch Handspinnerei
ei'zeugt.
Anfangs kauften die kleinen Weber dieses zweierlei Garn
noch selbst, verkauften aber ihr Product an Manchestrer Kauf-
leute. Seit 1740 aber war die Hausindustrie vollständig organi-
siit, indem die Kaufleute den Webern das Leinengarn lieferten
nebst roher Baumwolle, für deren Verspinnen der Weber zu
sorgen hatte. Die Kaufleute färbten dann die Barchente und
setzten sie auf Packpferden im ganzen Lande ab ^).
Das grösste Hindeiiiiss für die Ausdehnung dieser Industrie
war die zeitraubende und kostspielige Manipulation des Hand-
spinnens und es entstand also das Pi*oblem, ob man nicht
„ohne Finger" spinnen könne. ^
Schon 1733 erfand Wyatt eine Spinnmaschine, deren
Modelle verloren gingen. Zwei Fabriken, welche sie anzu-
wenden vei-suchten, gingen zu Grunde*). 1734*) erfand John
^) S. Richard Gaest, A Compendioos history of Cotton ManufiEictory,
Manchester 1823. An Guest und Aüdn schliesst sich auch das yielbenutzte
Bach von Baines, History of Cotton Manofacture, London 1885, zumeist an.
') Nach den Memoirs der Literary and Philosophical Society of
Manchester 2. Serie Vol. III 8. 135 ff. gab es nach Wyatts und Lewis
PauPs System 1741 oder 1742 eine Fabrik in Birmingham, die von zwei
Eseln getrieben wurde und zehn Mädchen beschäftigte.
'^) Baines giebt hier das Jahr 1738 an.
590 Zweites Bach, Cap. 4.
Kay aus Bury eine neue Methode, das WeberschüBTchen zu
schleudern, wodurch man noch einmal so viel weben konnte.
Die Erfindung wurde zuerst in der Wollweberei von Bury
eingeführt, 1760 auch in der Baum Wollweberei, nachdem
Robert Kay die Erfindung seines Vaters verbessert hatte.
Gleichzeitig gelangte eine verbessei*te Einrichtung zum Auf-
spannen der Kette auf dem Webstuhle zur Einführung.
Zwischen den Kaufmann und den Weber schob sich nun
seit 1750 ein weiteres Mittelglied ein, der Barchentmeister,
welcher dem Weber Garn und rohe Baumwolle liefeite und
seinerseits ei*st an den Kaufmann auf dem Wochenmarkt in
Manchester verkaufte. Dieser setzte das gefärbte Zeug nicht
mehr auf Packpferden ab, sondern schickte Reisende mit
Mustern umher und sendete dann den Käufern die Waare
auf Wagen. 1760 wurde schon viel Barchent aus Manchester
exportirt.
Allein die Kosten des Spinnens standen noch immer im
Wege. Hatte der Weber nicht Familienmitglieder genug, so
musste er den Spinner theuer bezahlen; der Mangel an Ge-
spinnst erzeugte eine Art Krisis des Gewerbes.
Da verbanden sich der Spulenmacher Highs und der Uhr-
macher Kay ^) zur Construction einer Spinnmaschine um 1763
oder 1764 2). Ihre Bemühungen blieben erfolglos, Highs nahm
sie aber allein wieder auf und es gelang ihm 1764 oder 1765
die erste Jenny herzustellen, welche 6 Spindeln zugleich in
Thätigkeit versetzte. Aus 6 Spindeln wurden bald 25. Es
ist höchst lehrreich, dass diese Erfindung gemacht wurde,
nachdem der steigende Absatz ein Bedürfniss nach einer
Productionssteigerung erzeugt hatte. Die Aufregung der
Arbeiter gegen die Jenny legte sich deshalb auch bald 3).
') Die Uhrmacherei hat der britischen Maschinenindustrie viele
schöpferische Kräfte geliefert.
2) Schon 1753 hatte (s. Aikin a. a. 0. S 466) La¥rrence Earnshaw
eine Spinnmaschine erfunden, der sie aber, um den Armen nicht ihr Brod
zu nehmen, selbst wieder zerstörte — ein deutlicher Beweis, dass nicht
die technischen Genies als solche die Fabrikindustrie geschaffen haben.
3) S. Aikin a. a. 0. S. 167.
Die Reihenfolge der Erfindungen. 591
Diese Jenny verbesserte Hargraves 1767, der, wie Guest
ausführlich beweist, nicht der ursprüngliche Erfinder war.
Arkwright gab ihn nur als solchen aus, weil Highs auch die
Wateifi*ame erfand, die Hargraves nicht kannte und deren
Erfindung sich Arkwright selbst zuschrieb, so dass es in
seinem Intei-esse lag, Highs todtzuschweigen ^).
Die Jenny lieferte baumwollenes Schussgarn; die Water-
frame, eine stärkere Maschine, die durch Wasser oder Dampf
getrieben werden muss, lieferte haltbares Eettengam aus
Baumwolle, während man früher nur Leinen als Kettengam
hatte brauchen können.
Die Jenny wurde im Hause des Webers resp. Spinnei*s be-
nutzt, steigerte die Production, wälzte aber die Form der
Production noch nicht um. Die entscheidende Erfindung war
die Waterframe, welche Fabriketablissements erforderte
und erst wirklich im vollen Sinne des Worts eine neue
Maschine war.
Guest eiTsählt, dass und wie es Arkwright gelang , Highs
das Geheimniss der Waterframe und der Rollei*s zu entlocken.
Er bemächtigte sich auch der durch vei*schiedene Erfinder
bald darauf zu Stande gekommenen Erämpelmaschine.
1768 baute er die erste mit Pferdekraft betriebene Fabrik
mit Waterframe in Nottingham und nahm auf diese Maschine
1769 ein Patent. 1771 baute er eine zweite Fabrik in
Grompton, die mit Wasserkraft betrieben wurde und nahm
1775 ein Patent auf Krämpelmaschinen.
1780 gab es 20 solcher Fabriken, die entweder Arkwright
oder solchen Leuten gehörten, die ihn für sein Patent bezahlt
hatten. 1782 ^) hatte Arkwright mit seinen Gompagnons 30 000
Pf. St. für Fabrikgründungen vei-wendet und 4—5000 Pf. St.
durch böswillige Zerstörungen verloren. 1790, nachdem Ark-
wright inzwischen 1785 sein Patent durch Process verloren
^) Nach Baines a. a. 0. S. 124 war die Erfindung von Highs selbst
gegenüber Wyatt nicht selbständig, f&r dessen Priorität Gaest später mehr
Beweise fand Die Maschine von Wyatt war aber jedenfiedls praktisch
noch nicht vollkommen.
*) Journals Vol. 38. 6. Febr. 1782.
592 Zweites Bach, Gap. 4.
hatte, gab es 150 Fabriken in England und Wales ^). Wir
haben schon erzählt, wie es in Folge dieser Schöpfungen Ton
Arkwright gelang, die Steuern auf gedruckten Galico in Weg-
fall zu bringen — wobei 1774*) noch zu Gunsten der neuen
Industrie angeführt wurde, dass unter 600 Arbeitern auch
siebenjährige Kinder waren.
Es ist nicht meine Sache, zu entscheiden, ob und inwie-
weit Arkwright seine patentirten Erfindungen , wie Guest be-
hauptet, wirklich gestohlen hat. Dies ist von Interesse fbr die
Geschichte der Technik.
Für die sociale Geschichte ist nur dies von Interesse, dass
das durch Ausdehnung des Marktes entstandene Bedarfoiss
die Anregung zur Anstrengung des technischen Erfindungs-
geistes gab und dass technische Genies in verschiedener
Weise Versuche machten, die, einerlei ob sie technisch schon
vollendet waren oder nicht, noch zu keinem entscheidenden
Resultate führten, bis Arkwright wirklich eine Fabrik baute,
in der jene Anordnung der Arbeit stattfand, bei der die neuen
Maschinen allein verwerthet werden konnten.
Sein kaufmännisches und organisatorisches Genie, welches
die Technik vei*stand und in den Dienst seiner Specalation
^) Nach einer bei Aikin a. a. 0. S. 178 citirte Broschüre von 1788
gab es in diesem Jahre 123 durch Wasser betriebene Spinnereien (Mills)
in England, davon 41 in Lancashire; femer 19 in Schottland. Es gab
zwei Millionen Spindeln und der Werth der Production betrug jährlich
7 Mill. Pf. St. während 20 Jahre vorher nur für 200,000 Pf. St Baum-
wollstoflf erzeugt wurde. Die 142 Fabriken beschäftigten
26.000 Männer,
31,000 Frauen,
35,000 Kinder mit Spinnen allein.
In der davon abhängigen Weberei, Druckerei etc. waren nochmals
133,000 Männer,
59,000 Frauen,
48,000 Kinder
beschäftigt, so dass schon vor 1790 die Baumwollindustrie 330,000 Men-
schen beschäftigte. Doch war damals die ebenfalls durch Arkwright um-
gestiiltete Wollweberei quantitativ noch wichtiger (s. Ure, Philosophy of
Manuf. 2. Buch S. 106, 138.)
») S. Journals of the House of Commons Vol. 34 S. 496, 708.
Die Reibenfolge der ErfindaDgen. 593
stellte, indem es verschiedene technische Erfindungen jeden-
falls veiTolIkommnete und in Zusammenhang brachte, schuf
um das Jahr 1770 die Fabriken zur Hei*stellung von Eetten-
gam aus Baumwolle und dies war der entscheidende Schritt ^).
Dadurch wurde die Baumwollenindustrie unabhängig von dem
Leinengarn; und dadurch wurde vor Allem ein Prodnct der
geschlossenen Fabrik hergestellt, mit welchem Handwerk und
Hausindustrie absolut nicht mehr concuiTii*en konnten.
Mittlerweile wurde das Schussgam noch in den Häusern
der Spinner mit der Jenny erzeugt.
In Folge der Krämpelmaschine wanderte aber auch die
Schussgarnspinnerei um das Jahr 1790 in die gi*ossen Fabriken,
nachdem 1775 Samuel Crompton die Mule, eine Verbindung
der Jenny mit der Waterframe, erfunden hatte*).
Die Mule gab dann die Veranlassung zur Entwicklung
der Muslinindustrie in Stockport, etwa 1785 *).
1790 war man auch so weit, die Wasserkraft durch
Watt's Dampfmaschine zu ersetzen*), wodurch es möglich
^) Dass nicht die technische Erfindong, sondern eine neue Organi-
sation der Arbeit resp. der Arbeitstheilung, die Fabrikindastrie begründet
und dass grosser Absatz ihre Vorbedingung ist, siehe auch bei Babbage,
On the economy of machinery etc. London 1846, S. 211 ff, und 267 ff,
*) Crompton studirte fünf Jahre an seiner Erfindung und erhielt, da
er sie nicht selbst auszubeuten verstand, später auch eine Nationalbeloh-
nung; siehe Memoirs of the literary and philosophical sodety of Man-
chester, Second series, Vol. 5 S. 318 ff.
s) S. Aikin a. a. 0. S. 445.
^) S. Memoirs of the sodety of Manchester, second series. Vol. 8
S. 115 ff. und auch Langford, A Century of Birmingham lifo 1868, Bd. II.
S. 145 ff. Hier ist zu ersehen, dass 1762 der Enopffabrikant Boulton in
Birmingham sein berühmtes grosses Etablissement in Soho begrOndete,
in welchem die verschiedensten Prodncte der Metallarbeit in höchst ver-
vollkommneter Weise hergesteUt wurden. 1774 trat Watt mit Boulton
in Verbindung und löste hier nach langer Arbeit das Problem der prak-
tisch verwerthbaren Dampfmaschine, nachdem er schon 1769 ein Patent
bekommen hatte (s. Journals of the House of Commons Vol. 35, 23. Febr.
und 20. Mftrz 1775). Auch Wyatt arbeitete bei Boulton in sp&terem
Alter.
Der Unternehmer Boulton war somit der unentbehrliche Miturheber
Held, Soc. Gesch. Engl. 38
594 Zweites Buch, Cap. 4.
wurde, die Fabriken in Städten zu concentriren , statt sie
zerstreut an Flussufem anzulegen.
Der Webstuhl allein verblieb noch in der Hausindustria
So war 1790 die Baumwollenspinnerei als fabrikmässige
Maschinenindustrie vollständig constituirt. Man muss sagen,
dass der Anfang der Fabrikindustrie absolut nicht zufällig
war, sondern sich höchst systematisch entwickelte. Das erste
Stadium der Textilindustrie, die Spinnerei, wurde zuei-st fabrik-
mässig organisirt, nachdem man einmal das Bedürfniss nach
starker Ausdehnung der Industrie erkannt hatte.
Da die Weberei noch zurückgeblieben war und als Haus-
und Handindustrie weiter betrieben wurde, so stiegen zunächst
die Weberlöhne sehr; sie sanken aber als das Kettengam
exportirt wurde und man mit billigen auswärtigen Webern
concurriren musste, sodass 1804 sogar Garnexportzölle ver-
langt wurden^). Dies fand namentlich seit Aufhebung der
Gontinentalsperre 1814 statt.
Es hatte nämlich zwar schon 1695 De Gennes einen
mechanischen Webstuhl construirt und 1765 gab es eine fabrik-
mässige Weberei in Manchester mit Wasserkraft, die aber
weil jeder Webstuhl einen Mann zur Aufsicht brauchte, keinen
Gewinn abwarf. Die mechanische Weberei wurde erst später
durch den Geistlichen Cartwright begründet, welcher in tech-
nischen Dingen gänzlich Autodidakt war und sich in das
Problem lediglich deshalb vertiefte, weil er aus mercantilen
Gründen einsah, dass die Productivität der Weberei entsprechend
der der Spinnerei gesteigert werden müsse.
Er erfand 1785 ^) einen durch Wasser oder Dampf be-
wegten Webestuhl, der ihm zuerst 1785 und dann wieder
1787 mit Verbesserungen patentirt wurde. Sein eigener Ver-
such, eine fabrikmässige Weberei zu begründen, scheiterte
und er bekam vom Parlament eine Nationalbelohnung.
von technischen Fortschritten, welche die von Arkwright begründetOA
wesentlich ergänzten.
^) Report on Dr. Cartwright's Petition 1808.
«) Report on Dr. Cartwright's Petition 1808.
Die Reihenfolge der ErfindiiDgen. 595
1790 en-ichtete Grimshaw mit Cartwright's Erlaubniss
eine Dampfweberei, die erst noch mit technischen Schwie-
rigkeiten wegen Aufziehens der Kette zu kämpfen hatte,
und dann verbrannt wurde. 1789—1800 aber etablirten sich
mehrere mechanische Webereien in Schottland und der Sieg
der Fabrikweberei wurde 1803 durch Thomas Johnson's Er-
findung der „dressing frame" entschieden. Ein Kind konnte
nun zwei Webestühle bedienen und in gleicher Zeit zwei- bis
dreimal soviel weben als die besten Handweber. 1818 gab es
in Lancashire 14 mechanische Webereien mit 2000 Webstüh-
len, 1821 32 Fabriken mit 5732 Webstühlen. Freilich Hess
sich aber nicht jede Ali; von Gewebe auf diesem Wege her-
stellen. Man begann nun auch Spinnerei und Weberei in der-
selben Fabrik zu vereinigen und wieder wie 1700 wurde der
ganze Process der Textilindustrie unter einem Dach betrieben,
— aber nicht mehr unter dem Dach des Familienhauses.
Arkwright selbst war von Hause aus ein völlig ungebil-
deter Barbier, der sich durch einen in der That staunens-
werthen unerhört kräftigen Erwerbssinn emporschwang.^) Auch
die anderen Fabrikanten der ersten Zeit waren Parvenüs.
Es ist eine auffallende und in den andern Industriezweigen
sich nicht wiederholende Erscheinung, dass die Gründer der
ei*sten grossen Spinnereien emporgekommene Arbeiter von
hartem — und rohem Sinn waren*), während kaufmännische
Capitalisten , die das Gleiche versuchten, gewöhnlich nicht
prosperirten.
Die Technik der Baumwollspinnerei und Weberei wurde
nach 1790 fortgesetzt weiter vervollkommüet.*) Sie war aber
Ende des vorigen Jahrhundei-ts namentlich durch Arkwright
und Grompton in raschem Siegeslauf so weit gekommen, dass
die sociale Hen*schaft der grossen Fabrikindustrie dadurch
unbedingt begründet war. Und diese Betriebsfonn vei-pflanzte
') S. üre, Cotton Manufacture 1886, Bd. 2, S. 237 ff. ; Faucher, Etu-
des 8ur TAngleterre Bd. 1, S. 252 (stark im Anschluss an Baines).
^ Gaskell, Manufactoring Population, 1833.
') Näheres hierüber namentlich bei Evan Leigh, Science of Cotton
Spinnery.
88*
596 Zweites Bach, Gap. 4.
sich nun schnell weiter, zunächst auf die Galicodruckerei, dann
auch auf die WoU- und Leinenindustrie. Indirect wurde die
Maschinenindustrie, die namentlich auch in Manchester blQhte^),
die Hohofen- und Bergwerksindustrie dadurch zu grösserem
Betrieb gedrängt.
Die Eisenindustrie war lange in traurigem Zustand, bis
es gelang, Steinkohle zur Herstellung des Roheisens zu ver-
wenden.
Dann hob sie sich rasch und gewann besonders durch
den neuen Bedarf an Maschinen, was hinwieder eine grosse
Am*egung auf den Kohlenbergbau ausübte, in welchem man
aus Mangel anderer Arbeiter bald Kinder verwendete.*)
Von den grossen Industrieoiten Englands ist Bii*mingham
deijenige, in welchem sich kleine und mittlere Unternehmer
neben den gix)ssen am längsten und erfolgi-eichsten hielten*)
— doch war gerade hier, wie wir später sehen werden, die
Misshandlung der Kinder, d. h. die Auflösung des alten Hand-
werksgeistes besondei-s stark.
In der Textil-, der Metall- und Bergwerksindustrie verlor
so der kleine Betrieb und die Hausindustrie allmälig jede
HeiTSchaft und Bedeutung und die Maschinen f&r die Textil-
industrie, sowie die allgemeine Anwendung der Dampfkraft
waren es, welche diese Umwälzung vollendeten. Andere In-
dustriezweige schlössen sich an, insofern auch in ihnen der
grosse concentrirte Betrieb für den Weltmarkt heirschte, so
z. B. die Töpferei.
Die keramische Industrie, die in Staffordshire schon seit
1600 existiile, aber erst 1686 einigen Aufschwung nahm,
wurde* 1763 durch Josiah Wedgwood zur Weltindustrie und
beschäftigte 1785 15 — 20000 Menschen direct W^edgwoods
^) First Report on Artizans and Machinery 1824, S. 875 ff.
*) Report on Goal Trade, 31. Decbr. 1800.
•'') Report on the Copper Mines and Copper Trade, 7. Mai 1799, S.
662 ff., wo constatirt wird, dass viele Unternehmer in Birmingham unter
100 Pfd. St. haben; einige 1000 Pfd. St., die reichsten 6000 bis 7000
Pfd. St.
Die Reihenfolge der Erfindungen. 597
Manufactur spielte 30 Jahre lang die Rolle eines öffentlichen
Versuchsfeldes. 0
War so der Sieg der grossen Fabrikindustrie an der Wende
des Jahrhundei*ts entschieden, so gab es doch Gebiete, auf
denen sich die Umwälzung nur langsam vollkommen ausbil*
dete und auf denen tief in das 19. Jahrhundert hinein leidens-
volle Uebergangszustände sich entwickelten. Man kann sagen,
dass die Schattenseiten der neuen Entwicklung — die wir
immer als überwindbare Uebergangsleiden betrachten müssen,
sich erst nach dem entschiedenen Siege des neuen Systems
deutlich und in vollem Umfang zeigten. Dies ist namentlich
zu sehen an der Geschichte der Weberei und der Tuchin-
dustrie.
Da in der Weberei der Maschinenwebstuhl später und
langsamer durchdrang als die Maschinen in der Spinnerei und
da der mechanische Webstuhl auch eine minder bedeutende Pro-
ductionssteigeining bewirkte, so entstand in der Weberei eine
langdauernde und schwere Erisis durch das allmälige Ein-
dringen der Fabrikindustrie. Wir haben davon schon oben,
als von den Bestrebungen der Handwerker nach Lohnregu-
lirung die Rede war, gesprochen. Indem wir auf die dortigen
Ausführungen verweisen, ist hier noch nachzutragen, dass in
der That der mechanische Webstuhl der Hauptgrund oder
doch die entscheidende Veranlassung des Elends war. Die
GoncuiTenz ausländischer Weber wirkte freilich auch mit, und
der nächste Gnind des Elends war natürlich die üeberfüUung
der Handweberbranche mit Arbeitskräften. Diese ÜeberfüU-
ung ihrerseits aber war. die Folge davon, dass sich in die
Handweberei alle durch die Fabriken brodlos gewordenen und
alle Arbeitskräfte, die nicht in Fabriken arbeiten mochten,
zusammendrängten. Alle durch die allmälige Ausbreitung der
Maschinen entstandenen Verschiebungen der Arbeitsmarktver-
hältnisse drängten sich gleichsam in ihren Wirkungen schliess-
lich in der Handweberei zusammen, in der sich die Masse der
^) Aikin a. a. 0. S. 516—586.
608 Zweites Baeh, Gap. 4.
ftrmsten etendesten Existenzen befand, die von den neuen
Fortschritten nicht zu profitiren Termochten.
Nach dem HandlöomweaTers Report von 1834 waren die
Löhne der Tuch- und Leinenweber in Leeds sdt fUntekn
Jahren von 80 auf 20 sh. die Woche gesunken — nach Ein-
führung grosser Fabriken (Mills).') Die unaufhaltsamen Fort-
schritte der Maschinen constatiren viele Zeugen*); zwar gebe
es noch mehr Hand- als Maschinenweber, die Zahl der letz-
teren aber wachse seit 1818 *) und die Handweber nShmen
nur in Folge ihrer Armuth und weil die Fabriken Mädchen,
keine Männer nehmen, noch zu>) In die Leinenindustrie war
der Maschinenwebstuhl noch nicht eingezogen.^) Diese litt
aber durch Concurrenz der MaschinenbaumwoUstofFe. Uebri-
gens wai*en die Löhne der Leineweber auch höher.^
In Bolton ^ waren seit sieben Jahreii keine neuen Hand-
stöhle aufgestellt worden und das Uebergewicht der seit 1812
dngefbhrten Maschinen war besiegelt, nicht sowohl wegen des
niedrigeren Preises der Producte, als deshalb, weil die Fabri-
ken sicherer lieferten — in Billigkeit concurrirte die Hand-
weberei durch die Armuth der Weber.
Es wird zwar vielfach constatirt ^), dass die Handweber-
löhne schon vor den Maschinen gesunken waren — in Folge
von CoDJunctui*en : aber die Maschinen verhinderten das Ent-
stehen besserer Gonjuncturen f&r den Handwerker dauernd.
In Manchester wurde viennal mehr Maschinen- als Handge-
webe producirt.^) Ein Zeuge sagt ganz richtig ^'^): „Maschinen
seien im Ganzen einer Nation nützlich, aber sie hätten den
Arbeitern geschadet, weil nur diejenigen in England von den
») a. a. 0. S. 80, 81.
«) a. a. 0. S. 148.
") a. a. 0. Qa. 1969.
«) a. a. 0. Qu. 2584.
<^) a. a. 0. Qa. 8195.
«) a. a. 0. Qu. 5942.
') a. a. 0. Qu. 5201 und Qu. 5326.
») a. a. 0. Qu. 5691 und Qu. 5727.
^) a. a. 0. Qu. 6589.
»«) a. a. 0. Qu. 6900 flf.
Die Reihenfolge der Erfindungen. 599
Maschinen Nutzen hätten, die während der Suspension der
Baai*zahlungen Capital zusammenrafften'^ — d. h. mit andern
Woiiien : die Maschine steigert die Production und dient allen
Menschen als Gonsumenten — da ihr Besitz sich aber in Hän-
den Weniger concentrirt, so ruft sie sociale Umwälzungen her-
vor, resp. begünstigt und befördeit solche und verschlechtert
die Lage des schwächeren Theils. Und der schwächste Theil
sind nicht die Arbeiter an der Maschine selbst, sondern andere
Besitzlose, deren Lage durch die Maschinenarbeit gestört
wird — der Grund der Uebel ist immer die Vertbeilung des
Besitzes und die Rttcksichtslosigkeit, mit der das aufstrebende
grosse Capital vorgeht.
1841 wurde die Lage der Handweber abermals unter-
sucht.^) Das Elend dauerte fort, obwohl die Weber meist
selbst Besitzer ihrer Stühle waren — was ein Grund war,
dass sie selten Strikes machten.^) Trotz des Elends blieben
die Handweber bei ihrer alten Productionsweise, die entsetz-
lich unter Conjuncturen litt, aber eine gewisse persönliche
Freiheit gewährte.*) Die Handweber verdienten nur halb so
viel wie die Fabrik weber>) Dass die Concurrenz der Fabri-
ken an dem Elend Schuld sei, wurde nun allgemein erkannt ^)
und man suchte nunmehr keine Hülfe mehr durch Lohnregu-
lirung, aber man sah auch nicht ein, dass hier ein Ausnahme-
zustand vorlag, demzufolge eine herabgekommeiie Arbeiter-
classe durch Staatshilfe in andere Erwerbszweige verpflanzt
werden musste, sondern man suchte höchst einseitig Hilfe im
Freihandel — verlangte Abschaffung der Zölle auf Korn und
Bauholz! 6)
Doch dies gehört einer späteren Zeit an. Ich erwähne es
nur, um zu zeigen, wie lange diese schwerste von der schon
längst siegreichen Maschinenindustrie hervorgerufene Erisis
^) Handloom weavers Report 1841.
«) a. a. 0. S. 32.
») a. a. 0. S. 7.
*) a. a. 0. S. 5.
«) a. a. 0. S. 24.
«) S. 50 ff., 70, 78, 124 ff.
600 Zweites Bach, Ow^. 4
daaerte. Auch aus froherer Zeit haben wir ausser dem Hand-
loom weavers Beport von 1834 noch viele andere ZeugniBN,
welche beweisen, dass in der gesammten Weberd durdi den
allmäligen Sieg der Maschine für die Handweber die tam-
rigsten Verhältnisse entstanden. So wird 1824^) eonstatirti
dass die Handweberlöhne in Bolton gegenaber den Lithnea aa
den neu eingeführten Maschinenwebstühlen sanken and daas
in Stockport namentlich seit den Maschinen die Löhne raadi
fielen.^) Besonders schlimm war es in der Weberei offenbar,
dass der Sieg der Maschinen ein langsamer und allmäliger
war und den Arbeitern nicht durch plötzliche Eindrücke ad
oculos demonstrirt wurde, dass eine Aenderung der Prodno-
tionsweise gebieterische Nothwendigkeit sei. Der Dampfweb-
stuhl arbeitete nur zwei- oder dreimal so billig als der Hand*
Webstuhl') und er Hess sich nur langsam und successiT auf
verschiedene Arten der Weberei anwenden.^) 1808 besassen
erst gegen 30 Fabriken Cartwright's Webstuhl.^) Auch die
Furcht vor den Arbeiteiii verzögerte ihre Einführung.
1830 gab es in England und Schottland noch ebenso
viele Handwebstühle wie 1820. Die Zahl der Maschinen-
webstohle war aber in diesen zehn Jahi*en von 14000 aof
55000 gewachsen, und sie waren hauptsächlich in der Baum-
wollindustrie heri*8chend geworden.*^) Der mechanische Web-
stuhl, nicht die ei-ste und nicht die gewaltigste der neu er-
fundenen Maschinen war unzweifelhaft diejenige Ei*findung,
welche schliesslich den Uebergang zu der neuen Productions-
fonn am schmerzlichsten machte — und doch war er nöthig,
sollte die englische Textilindustrie die Concunenz mit der
ausländischen bestehen, doch hob auch er die Productivkraft
des Landes und das Elend, das in seinem Geleite auftrat, war
^) First Report on Artizans &nd Machinery S. 898.
«) a. a. 0. S. 420.
") Report OD Petitions of Several Weavers 1811, S. 7, 9, 13.
*) Report on Manofactores, Commerce and Shipping 1833, S. 565.
*) Report on Dr. Cartwrighfs Petition S. 7.
^ Report on the Means of lessening the evils arising from the fluc-
toation of employment in manufactoring districts 1830.
Die Reiheofolge der Erfindungen. 601
nur die concentrirte Folge des verschäiiten Gegensatzes zwi-
schen Arm und Reich. Nicht Verbot der Maschinen konnte
da helfen, sondern Verwendung eines Theils des im Allgemeinen
gestiegenen Reichthums im Interesse der Aermsten und
Schwächsten. —
Besondere Eigenthümlichkeiten zeigen sich bei dem all-
mäligen Eindringen der Maschine in die alte Tuchindustrie.
Es wurde nämlich hier nicht nur schliesslich die mechanische
Spinnerei und Weberei im Anschluss an die Baumwollindu-
strie eingeftthii;*) , sondern vorher schon wurden allerlei Ma-
schinen für die vorbereitenden und abschliessenden Processe
der Tuchproduction benutzt und auch diese paitiellen Um-
wälzungen der Technik riefen Stömngen der gewohnten Er-
werbsweise der Arbeiter hervor. Eine grössere Rolle spielte
hier insbesondere die Walkmühle (gig-mill).
Da die Tuchindustrie schon im Mittelalter bedeutend war,
so bestanden für dieselbe noch lange Gesetze, welche im Geiste
des Mittelalters jedem Arbeiter den gewohnten Erwerb sichern
wollten und gegen das Interesse einer Ausdehnung der Ge-
saram tproduction gleichgültig waren. Dahin gehört das Ver-
bot gewisser Maschinen und das Verbot der Vereinigung einer
grösseren Zahl von Webstühlen unter einem Dach. Die Gig-
mill speciell war in Gloucestershire längst in Gebrauch, es
entstand aber unter Berufung auf angebliche gesetzliche Ver-
bote derselben 1802 in Wiltshire und Somersetshire Aufreg-
ung gegen diese Neuerung^), in Gloucesterehire schon früher.*)
Die Jenny und die neuen Krämpelmaschinen fanden ^) etwa
seit 1780 langsamen Eingang und dies verminderte die Be-
schäftigung ganz kleiner Kinder, die bei dem alten Processe
der Handarbeit noch besser verwerthbar waren. '^) Es wurden
aber diese Maschinen auch von kleineren Unternehmeni be-
nutzt und die Concentrirung der Tuchindustrie in grossen
') Report on W^ooUen Manofactore 1806, S. 440.
*) a. a. 0. S. 3.
^) S. den nächsten Paragraphen.
*) Report on WooUeu Manufacture 1806, S. 73.
^) a. a. 0. S. 32, 52.
602 Zwdtei Buch, 0^^ 4.
Fabriken Yollzog sieh nur langsam. In dem Report Yma 1806
macht sich ja allgemein die Meinung geltend, dass die kleiiiea
Unternehmungen und die grossen Fabriken zu gegmaeitjgem
Nutzen neben einander bestehen könnten. Dieses war mm
allerdings insofern ein Wahn, als die grossen Fabriken mit
ihrer TervoUkommneten Arbeitstheilung schliesslich doch ein
Uebergewicht gewannen und auch die Tuchhandweber in Elend
geriethen. Immerhin schloss sich hier das System grosser ge-
schlossener Fabriken nicht mit so unbedingter Nothwendig-
keit und Schnelligkeit wie in der Baumwollspinnerei an die
Maschinen an und sehr deutlich kann man hier erkennen, dass
nicht die Maschine als solche mit einem Schlag die Lage der
Arbeiter änderte, sondern dass solche Aenderung eintrat, als
das grosse Capital sich allmälig der Maschine bemächtigte.^)
^) Siehe die AosBagen des Zeugen James Ellis, a. a. 0. 8. 18:
Has not the manaÜEtctare of WooUens in yonr coontry been greidy
improving the late yean? — Tee.
Has not this been occasioned by machinery? — Tes, In % gmft
measore.
Supposing a method shoold be pointed out to yoo, by wldcii jov
bad an opportanity of increasing yonr trade and improving yoar c^dtd,
woold you not adopt it? — Yes.
Why sbould yoa wish to deprive the larger roanaüeu^tarers of tfae
same liberty which you daim for yourself ? — Because I believe it woold
be detrimental to the country and particularly to the clothien, of which
I am a branch.
Explain, how it would be detrimental to the clothiers and to your-
self. — To myself as being a clothier and to the clothiers, becanae the
factory System would do away the clothiers. The method of condncting
business upon that scale would do away that System which has been
productive of great ingenuity in the trade, the improvements in the trade
I may say.
Is there more ingenuity and greater improvements on the small scale
than on the large? — I do not believe any improvements have beenmade
since the large scale took place but what have been produced by the do-
mestic manufacturies.
The large factories and the domestic manufacturers are npon an
equality in point of the use and advantage of machinery? — Yes.
Siehe femer die Schilderung des Zeugen Cookson aus Leeds (Re-
port on WooUen clothiers petition 1803); derselbe sagt aus:
Die Reibenfolge der Erfindungen. 603
Die Fabrikanten wuchsen hier auch nicht vorzugsweise aus
den Arbeitern heraus, sondern sie recmtirten sich mehr aus
den Kaufleuten.
Im ersten Gapitel des zweiten Buchs wurde bereits ge-
zeigt, wie die alte Handwerksordnung schon vor Einführung
der neuen Betriebsformen abgelebt oder todt war^ wie aber
die letzteren eine Art Reaction der alten Gewerbeverfassung
erzeugten; welche nothwendig im Sande verlaufen musste.
Diese Reaction stand im Zusammenhang mit einer instinctiven
Abneigung der Arbeiter gegen Maschinen und Fabriken, resp.
die Aeusserungen dieser Abneigung gingen der erwähnten
schon mehr durchdachten Reaction meistens voraus. Wenden
wir uns, nachdem wir die entscheidenden Etappen auf dem
Siegesweg der grossen Fabrikindustrie gezeichnet haben, nun
zur Schilderung des Verhaltens der Arbeiter und der socialen
Folgen, die durch diese Umwälzung eintraten.
Tbat he has been concemed in the Woollen manofacture about 82
years; and being fiirtber examined, said:
Tbat beretofore tbe woollen manofacture in tbe West Riding of
Yorksbire bas been carried on in a domestic way by master clotbiers
wbo bave served regulär apprenticesbips to tbe trade and brougbt up a
yast number of apprentices under tbem, wbicb master manufacturers al-
ways employed tbe poor in tbeir neigbbourbood as workmen, and tbe
wbole was wrougbt by manual labour;
Tbat witbin tbe last twenty years tbe general trade bas considera-
bly increasedf and macbinery bas been introduced, and is now used in al-
most every brancb of tbe mannfacture, tbe use of wbicb macbinery in
tbe preparatory process of tbe raw material is conceived by tbe master
clotbiers, wbo are now tbe petitioners for relief, to be useful in carrying
on tbe trade; but tbe collecting tbe looms in large manafactories, wbere
tbe raw material goes tbrougb tbe preparatory process, wbicb is becoming
very prevalent, will, if not restrained, tend to destroy tbe domestic Sy-
stem above described wbicb bas bitberto been productive of tbe most
beneficial efifects.
604 Zwdtet Buch, Gap. 4.
§ 8. Opposition Ton Arbeitern und Gapitalisten
gegen Maschinen und Fabriken.
Die fabrikmässige Grossindustrie rief plötzlichere und
schmerzlichere Veränderungen der gewohnten Weise tob Pro-
duction und Erwerb hervor, als es seinerzeit der allmUige
Sieg der Hausindustrie that. Es handelte sich zugleich um
höchst concreto und greifbare Erscheinungen, gegen weldie
sich die Leidenschaft deijenigen wenden konnte, welche bei
dem Process zunächst verloren, nämlich um Maschinen UEd
grosse einförmige Fabrikgebäude mit ihren rauchenden Schlo-
ten. Wenn man bedenkt, wie verständnisslos z. B. seiner
Zeit im 16. Jahrhundert das Publicum der Erscheinung der
zunehmenden Geldwirthschaft und des abnehmenden Geldwerths
gegenüberstand und wie sehr auf wirthschaftlichem Gebiet die
Menschen von kurzsichtigen Interessen beheiTScht werden, w
kann man nicht erwai1;en, dass bei Einfahrung der Maschinen
und Fabriken alle Betheiligten den Nutzen dieser Neuerung
gleich selbstlos anerkannt und sich auf das Streben, selbrt
Antheil am Maschinencapital zu gewinneD, concentrirt hätten.
Am 1. November 1776 petitionirten Wollspinner und Weber
aus Somerset um ein Verbot der Jenny. ^)
1780 befanden sich die kleinen Jennys in den Händen
der Baumwollspinner selbst und die Weberlöhne stiegen, wfth-
i-end sich die Zahl der Webstühle verdreifachte. Die grös-
seren Patentmaschinen aber, d. h. Arkwright's Neuerungen,
setzten viele Hausspinner ausser Ei-werb und diese petitionir-
ten') um Verbot dieser Maschinen, nachdem sie dieselben
zerstöi-t hatten. Natürlich wurde hier wie immer behauptet,
das Maschinenproduct sei schlechter als das der Handarbeit
Indessen war diese Noth und Agitation an Stärke mit der
späteren Noth der Weber nicht zu vergleichen, üeber die
>) Jouroals Vol. 86.
>) Journals Vol. 87. 27. April 1780.
Opposition gegen Maschinen und Fabriken. 605
Jenny insbesondere beinihigten sich die Arbeiter in Lancashire
bald.i) —
Gleichzeitig litt Arkwright selbst unter dem Neid anderer
Capitalisten, was ihn zur Stiftung eines zweiten Hauptsitzes der
Baumwollspinnerei in Schottland veranlasste; die Gegner
waren wenigstens insofera erfolgi'eich, als Arkwright sein Pa-
tent verlor.*)
1782 war es nöthig, ein allgemeines Gesetz gegen die
Zerstörung von Producten oder Werkzeugen der Textilindustrie
zu erlassen '), welches Gesetz ältere Sti*afbestimmungen für ähn-
liche Delicte in der WoU- und Seidenindustrie ei-setzte. Es
folgte 1788^) ein Gesetz zum speciellen Schutze derStmmpf-
wirkerrahmen, die zwar noch nicht in gi'ossen Fabriken stan-
den, aber wegen ihrer Kostspieligkeit dem „Manufacturer" (d. h.
herrschenden Kaufmann) gehörten und von diesem an hausin-
dustrielle Arbeiter ausgeliehen wuixlen. Die Arbeiter wende-
ten, da einmal der Kampf zwischen Arbeit und Capital aus-
gebrochen war, ihre Wuth gegen diese Maschinen, welche, da
sie ihnen nicht gehörten, ein Factor ihrer ünterdiUckung
waren. Hier handelte es sich aber nicht nur um Zerstörung,
sondern auch um Unterschlagung der Maschinen.
1789*) wurde die Gesetzgebung von 1782 auch auf Schottland
ausgedehnt und bei dieser Gelegenheit zugleich das Verbrennen
von beladenen Schiffen neuerdings mit schwerster Strafe bedroht.
Der Kampf gegen die Maschinen in der Tuchindustrie
begann 1794 lebhaft zu werden.^) Tuchweber aus Gloucester-
shire petitionirten unter Berufung auf 5. und 6. Edw. VI. c. 22
gegen die im vorigen Paragraphen erwähnte Walkmühle. Man
gestand übrigens zu, dass dieselbe für grobes Tuch zugelassen
werden solle, verlangte aber ihr Verbot für feines Tuch. Auch
^) S. Aikin a. a. 0. S. 167.
>) Baines a. a. 0. S. 164, 193.
«) 22. Georg III. c. 40.
*) 28. Georg III. c. 55.
«) 29. Georg III. c. 46.
°) S. Journals of tbe House of Commons Vol. 49; 16. Mai, 24. Jan.,
13., 18., 31. März, 8., 30. April, 2., 8 , 9. Mai.
606 Zweites Bach, Cap. 4.
über die Hechel- und Krämpelmaschine wurde geklagt, von
denen die ei-stere die Arbeit von zwölf Männern, die letztere
die von achtzig Weibeni verrichtete — und die natürlich nach
Meinung der Petenten die Qualität des Products vei-schlechter-
ten. Man verlangte, dass diese Maschinen verboten oder doch auf
eine bestimmte Zahl beschränkt werden sollten, da dadurch
das Tuch nicht billiger werde, sondeni nur die reichen
Tucher, welche sie allein kaufen könnten, davon
Gewinn hätten. Petitionen ausBamstaple sagten von den
Krämpelmaschinen, dieselben seien in der Seiden-, Baumwoll-
und Leinenindustrie unschädlich, weil da auch das Rohmate-
rial vermehrt werden könne; dies sei aber in der Tuchindu-
strie unmöglich und deshalb bewirkten die Maschinen hier
Erwerbslosigkeit — man sieht, wie wohl begreifliche Sonder-
interessen ei*finderisch waren, sich hinter ein allgemeines In-
teresse zu vei*stecken. Aus York petitionirte man damals
direct um ein Verbot, dass die Kaufleute nicht Fabrikanten
werden sollten.
William Toplis, Erfinder einer mit Wasser betriebenen WoU-
krämpelmaschine, wehrte sich mit guten — nebenbei bemerkt
sehr freihändlerischen — Argumenten gegen die Petitionen der
Arbeiter; ein anderer patentirter Erfinder von Krämpelmaschi-
nen aber, Edmund Cartwright, erklärte sich in der That be-
reit, in ein Gesetz zu willigen, das ihm alljährlich nur den
Verkauf einer bestimmten Anzahl seiner neuen Maschinen ge-
statten würde.
Es ist mir nicht bekannt, dass ein ähnliches Gesetz je-
mals erlassen worden wäre. Der Gedanke an sich ist nicht
unvernünftig. Es kö*nnte dadurch die Plötzlichkeit gewerb-
licher Umwälzungen verhindert und den Arbeitern Zeit ge-
lassen werden, allraälig andere Beschäftigungen zu suchen.
Indessen ist jede Verzögerung eines die Production hebenden
technischen Fortschritts bedenklich und Unterstützungen brod-
los werdender Arbeiter behufs Auswanderung oder Erlernung
eines neuen Gewerbes dürften jedenfalls weit wirksamer sein.
Solche Verzögerung des Fortschritts können den Eigensinn
Opposition gegen Maschinen and Fabriken. 607
der Arbeiter, bei der alten Betriebsweise zu verhaiTen, in
schädlicher Weise steigern.
Ueber die weitere Entwicklung der Stimmung der Tuch-
arbeiter gegen die Walkmühle und die Tuchfabriken hat schon
der vorige Paragraph berichtet. Man hörte allmälig in der
Tuchindustrie auf, gegen die Maschine als solche zu opponiren,
stemmte sich aber noch gegen die Fabriken.
Dagegen brach im 19. Jahrhundert noch ein besonders
starker Sturm gegen die Maschine im Strumpfwirkergewerbe
aus.^) Es war dies wohl der Höhepunct wilder Auflehnung
gegen das neue System; es hing aber diese Bewegung mit
allgemeiner Steigemng des radicalen Sinnes unter den Arbei-
tern zusammen.
Allmälig legte sich überhaupt die Leidenschaft gegen die
Maschinen. Man verlangte nicht mehr ihr Verbot, sondern
ihre Besteuerung zur Ausgleichung der den Handweber drücken-
den Lasten.-) Unter den Handwebem von 1834 war, wie
schon gesagt, keine besondere Leidenschaft gegen die Dampf-
webestühle als solche vorhanden.
Indessen die Leidenschaft gegen die Maschine regte sich
gelegentlich immer wieder; in Bolton fand z. B. ein Spinner-
strike statt, weil man Maschinen einführte mit 400 statt 300
Spindeln ^) ; und weit später noch , zur Zeit der Chartisten,
führte blinde Wuth der Arbeiter zu Fabrikzerstörungen. —
Heute ist dieser Geist erstorben. Man versteht, dass
nicht nur der Vortheil des Fabrikanten, sondern die Existenz
der Gesammtzahl der Arbeiter selbst von den die Production
steigernden Maschinen abhängt. Auch die Arbeiter haben
definitiv erkannt, dass eine Verbesserung ihrer socialen Lage
nicht durch Rückkehr zu grösserer Armuth Aller bewirkt
werden könne. Dass es lange gedauert hat, bis solche Ein-
sicht allgemein wurde, darf uns nicht wundern, wenn wir
bedenken, dass der Uebergang in der That mit giossen
') Siehe oben, Cap. 1, § 7 (S. 484 ff.).
') Report on petitions of seyeral weavers, 1811, S. 18.
^ Fifth Report on Artizans and Machinery, 1824, S. 550.
608 Zweites Bach, Gap. 4.
Schmerzen verbunden war und dass selbst ein Ricardo die
Opposition der Arbeiter gegen die Maschine begriff. Es ist
auch gar nicht zu leugnen, dass hier ein Fall vorlag, in wel-
chem der Staat berufen war, Uebei'gangsleiden , die schuld-
los einen Theil der wirthschaftlichen Gesellschaft trafen, zu
mildem und dass er nicht Recht that, sich hier der iM>8itiYen
Intervention zu enthalten. Wenn die überschwänglichsten man-
chesterlichen Lobpreisungen des Segens der Maschine und
jene Hymnen, welche Arkwright und andere Neuerer als die
höchsten Wohlthäter der Menschheit preisen, auch ganz unbe-
dingt wahr und nicht nur in Bezug auf den Endeffect der
Maschinen und Fabriken richtig wären — dennoch hat die
Gesammtheit kein Recht, sich mit dem dauemden Vortheil
Aller über vorübergehende Leiden Einzelner so unbedingt zu
trösten, dass sie unterlässt einzuschreiten und zu helfen, auch
wo sie es mit Erfolg könnte. Freilich, es existiite die officielle
Aimenpflege in England. Aber waren zu Ehren von Arbd-
teni, deren Erwerb durch eine solche Umwälzung verloren
ging oder veimindert wurde , nicht ganz besondere eigenthOm-
liehe Maassregeln geboten? Konnte man nicht z. B. den Fa-
brikanten wirklich eine voiübergehende Steuer zur Linderung
von AvbeiteiTioth auflegen?
Doch diese Fragen gehören der Vergangenheit an. Es
sei zur Entschuldigung der Arbeiter, die ihren blinden BLass
gegen die Maschine als solche wendeten, nur noch hinge-
wiesen auf die kurzsichtige Schutzzollleidenschaft der Besitzen-
den. Ein üntemehmer, der einen Prohibitivzoll zum Schutze
seines Products gegen billigeres Product des Auslandes oder
der ein Monopol auf billiges inländisches Rohmaterial ver-
langt, ist er nicht ebenso bereit, von der Gesammtheit einen
Verzicht auf billigere und reichlichere Consumtion zu ver-
langen, damit er in der Väter kostspieligerer Weise weiter
produciren kann?
Ueber Maschinenzerstörung und Prohibitivzölle schritten
Welthandel und Grossindustrie im Laufe der Zeit hinweg.
Dass ihrem Siegeslauf durch Sonderinteressen Hemmnisse in
den Weg gelegt wurden, ist ein natürliches Schicksal, welches
Fabrikindostrie und Landwirthschaft 609
sogar einen eigenthQmlichen Nutzen brachte. Die Nothwen-
digkeit, solche Hindemisse zu überwinden, spornte und stärkte
die neue Kraft und bewies ihre Stärke unwiderleglich. —
§ 4. Einwirkung der Fabrikindustrie auf die
Landwirthschaft.
Im ei'sten Capitel des zweiten Buchs haben wir gesehen,
wie die alte Handwerkerordnung schon vor dem Siege der
eigentlichen Fabrikindustrie durch die neuen Verhältnisse,
welche das sich entwickelnde Grosscapital schuf, völlig in Auf-
lösung gerieth. Durch das Fabriksystem wurde dieselbe for-
mell und vollständig vernichtet.
Die zwei Stadien — Haus- und Fabrikindustrie — welche
die Hen-schait des Grosscapitals Qber die industrielle Arbeit
durchlief, wälzten die gesammten Verhältnisse des Gewerbes
um, das sich gleichzeitig quantitativ gewaltig ausdehnte. An die
Stelle der alten Organisation trat zunächst ein anarchisches
Chaos, in welchem nur der eine feste Halt der Capitalmacht
war. Diese aber als einzige und schrankenlose , weder durch
den Staat noch durch Organisation der Arbeitenden modificii*te
Macht, erweist sich als unfähig, befriedigende Verhältnisse für
alle Betheiligten zu schafifen. Sie erzeugt grossaiüge Reich-
thumsvermehrung, es müssen aber andere Kräfte dazu treten,
soll diese Reichtiiumsveiinehrung , nachdem sie eine gewisse
Höhe erreicht hat, die Grundlage des menschlichen Glücks
Aller werden. —
Die Umwälzungen in dem Gebiete der Industrie ei*sti*eckten
sich aber auch auf die Landwiithschaft. Dieselben bewirkten
zunächst eine relative Abnahme der Zahl der Ackerbauer.
Eine nicht geringe Zahl von kleinen selbständigen Grund-
besitzern und PächteiTi, die vordem Ackerbau und Haus-
industrie zusammen auf dem Lande betrieben hatten, ver-
liessen Haus und Hof und warfen sich in den Städten auf
ausschliessliche industrielle Arbeit Reich gewordene Fabri-
kanten und Kaufleute kauften Grund und Boden und stei-
gerten die Concentration des Grundbesitzes. Der Export von
Heia, Soc. Gesch. Engl. 89
(510 Zweites Bach, Gap. 4.
Industrieproducten trieb zum Import von Korn nnd es war
Veranlassung gegeben, im Inland den Kömerban einia-
schrftnken und die Viehzucht, die weniger Arbeitskräfte brandit
und durch grossen Betrieb begünstigt wird, auszudehnen.
Des alten grundbesitzenden Adels selbst bemächtigte sidi
etwas von dem speculirenden Geiste des Gapitals, wie rieh
dies namentlich in der praktischen Auslegung der Maltbus*-
sehen Lehren und in dem Verlangen nach Komzöllen zeigt
Es ist unmöglich, die Verminderung der Zahl der Gnmd*
besitzer und die Einschränkung des KOmerbaus 1750^1832
statistisch nachzuweisen. Nur die Thätsache, dass überhaupt
das Zahlenverhältniss zwischen Ackerbauern und Industridlen
sich änderte, ist statistisch beweisbar und es steht im Allge-
meinen durch zahlreiche Zeugnisse fest, dass überhaupt eia
Abfluthen kleiner selbständiger Landwirthe in die Reihen des
städtischen Proletariats stattfond.
Unter dem Einfiuss dieser Verhältnisse verwandelte foA
der ländliche Arbeiter in einen Proletarier, der, anter der
Herrschaft des Pächter -Gapitalisten stehend, in Becug anf
materielles und moralisches Elend dem Fabrikarbeiter viel-
fach gleichkam. Ein Bild davon, wie diese Verhältnisse anf
dem platten Lande sich in trauriger Aehnlichkeit mit denen
der Fabrikstädte schliesslich gestalteten, giebt ein Bericht aus
dem Jahre 1843*).
Die Löhne der landwirthschaftlichen Arbeiter waren im
Allgemeinen so niedrig, dass Frauen und Kinder mit erwerben
mussten. Die Feldarbeit bietet zwar für Frauen keine besondere
Schädlichkeit, ist vielmehr in massigem Umfang ganz wünscheus-
werth. Aber die starke Anspannung der Kinder zur Arbeil
machte Schulbesuch derselben unmöglich, und mit der gewert)6-
roässigen unentbehrlichen Feldarbeit der Frauen und Kinda
verkamen die Wohnungsverhältnisse der Feldarbeiter. Auch
hier kam es vor, dass zahlreiche Personen verschiedenen Ge-
schlechts in denselben Zimmern und Betten schliefen^. In
*) Report of special assistant Poor-Law-GommissionerB on the
ployment of Women and Children in Agricnlture.
^ a. a. 0. 8. U9, 153.
Fabrikindiistrie und Landwirthschaft 611
manchen Bezirken wurde das System der Kirchspiellehrlinge
benutzt^), um jugendliche Arbeiter in der Landwirthschaft
ganz ähnlich wie in der Industrie in ihrer Hülflosigkeit un-
würdig auszubeuten.
Hülfe gegen diese Missstände suchte man mit Recht darin,
dass man vei'suchte, die ländlichen Taglöhner ansässig zu
machen — „alotment System" *). Die Arbeiterfrage der Neu-
zeit muss im Gebiete der Landwirthschaft auf anderem Wege
gelöst werden als in der Industrie, so sehr auch die Verhält-
nisse der letzteren auf erstere einwirken. Da der ländliche
Arbeiter unvermeidlicher Weise stets weniger concentrirt
wohnen wird als der industrielle und städtische, so ist für
ihn zur Bildung von Corporationen aller Art eine geringere
Möglichkeit gegeben. Gesetze, welche die Zeit der Arbeits-
dauer auch nur für Kinder und Frauen beschränken, ^ind hier
verfehlt und unausführbar. Nur der Schulzwang ist auch auf
dem Lande am Platze. Dagegen ist f(U* den grössten Theil
der Feldarbeiter das Wechseln des Wohnorts und der Thätig-
keit kein Bedüi'fhiss und in der Landwirthschaft kann sich
Parcellenbetrieb neben den Gütern von grösserem und mitt-
lerem Umfang in gewisser Ausdehnung unter allen Umständen
halten. Der natürliche und gegebene Weg, einer Noth land-
wiilhschaftlicher Arbeiter abzuhelfen, ist also der, sie zu
kleinen Sondereigenthümem zu machen und sie aus Prole-
tarieiTi in ansässige Leute zu verwandeln.
In England hängt dies mit der Frage des Rechts an
Grund und Boden zusammen, welche erst in späterer Zeit
praktisch in Fluss kam.
Betrachten wir unsere Zeit, in welcher der landwirth-
schaftliche Arbeiter in das Elend des Proletariats vei-strickt
wurde, so fand diese traurige Entwicklung ihren Höhepunct
in dem sogenannten Gangsystem, welches zwar glücklicher-
weise nur vereinzelt vorkam, welches aber als die charakteri-
stischste Folge der Einwirkung der industriellen auf die land-
^) a. a. 0. S. 44 — dagegen 291.
*) a. a. 0. S. 259, 294, 363.
39
i
612 ZweitM Buch , Giqp. i.
wirtbschafUichen Verhältnisse betrachtet werden nrass ^). Hartr
herzige; nur yom Erwerbssinn beherrschte Unternehmer sam-
melten obdachlose Arbeiter, Frauen und Snder zu einem
sogenannten Gang und übernahmen mit diesen nomadisiren-
den, aufs Härteste behandelten und ansgqiressten Arbeits-
karten grossere landwirthschafUiche Arbeiten in Aecord« Sie
und die Pächter profitirten davon, die Arbeiter aber wurden
eine demoralisirte Bande ohne Heimatb und Familie, schlecht
gelohnt und ernährt und verfielen der widerwärtigsten ge-
schlechtlichen Verwilderung« Die Lage solcher Gangarbeiter
war noch schlechter als die von Fabrikarbeitern, da sie ttb«-
haupt gar keine Wohnung mehr besassen. Dazu führte das
System, welches lediglich danach strebte, mit dem geringsten
Aufwand den grOssten Productionseffect zu erzielen und ver-
gass, dass alle Steigerung dei* Production nur einen Sinn hat,
wenn sie zur Verbesserung des ganzen menschlichen Daseins
aller Betheiligten dient.
Auch an dieser Erscheinung sieht man, dass Herrschaft
des Gro88Ciq[>itals und Grossindustrie zunächst den Zweek der
Beichsthumsvermehrung einseitig in's Auge fassten — die
Aufgabe der Zeit war und ist es, nicht der möglichst
vollkommenen Erreichung dieses Ziels Hindemisse in den
Weg zu legen, wohl aber ist es nöthig, dass wir bei dieser
einseitigen und sozusagen vorbereitenden Arbeit nicht stehen
bleiben. —
^) Eine authentische Beschreibung dieses Systems s. Anh^y^g unter N.
Fünftes Capitel.
Die Lage der Fabrikarbeiter.
§ 1. Frauen- und Kinderarbeit.
Wir haben in den vorangehenden Paragraphen gesehen,
dass unter der Einführung der grossen Fabriken beson-
ders diejenigen Arbeiter litten, die nicht in den Fabriken
waren. Es bleibt uns bewusst, dass die eigentlichen Fabrik-
arbeiter eine Minorität aller gewerklichen Arbeiter waren, und
dass dennoch die Fabriken die Verhältnisse der gesammten
Industrie umgestalteten resp. deren Umgestaltung vollendeten
und besiegelten. Wir müssen jetzt untei-suchen, wie die Lage
der Fabrikarbeiter selbst im Gegensatz zu der der früheren
Hausindustriellen und Handwerker sich gestaltete.
Die charakteristischste und auch am meisten besprochene
Eigenthtimlichkeit der Fabrikarbeit ist die steigende Ver-
wendung von Frauen und Kindern. Kinder, Weiber und Greise
wurden, wie wir gesehen haben, auch in der Hausindustrie
viel stärker beschäftigt als im alten Handwerk. Aber es war
doch zumeist eine nur helfende Thätigkeit, die unter Auf-
sicht des mitarbeitenden Familienhauptes vollzogen wurde.
Kam auch gelegentlich mit Kirchspiellehrlingen etc. arger Un-
fug vor, so wurden doch die Kinder nicht systematisch ge-
trennt von ihrer Familie beschäftigt und die Arbeit der Kin-
der verdrängte und ersetzte nicht geradezu in weitem Umfang
die Arbeit erwachsener Männer.
Oft schon habe ich erwähnt, dass auch in älteren Zeiten
Elend und Armuth, Vernachlässigung und menschenunwürdige
614 Zweites Bnoh, Ctep. 5.
Behandlung der unteren CHassen vorgekommen sind, dass aoldie
Uebel aber in unseren modernen Verhftltnissen , namentUeh
wegen des Gegensatzes zur Lage der herrschenden Cüasse
stärker empfunden werden. Wir mttssen hier constatiren,
dass eine Art von Unterdrückung und Elend der nntem
Glassen als ein durchaus eigenthümliehes Product der modernen
Grossindustrie bezeichnet werden muss — n&mlich die Aus-
beutung der Kinder unter Auflösung der Familienbande und
gänzlichem Mangel an Rücksicht auf die Heranziehung einer
gesunden kräftigen Generation. —
England hat den traurigen Ruhm, nicht nur die Grofli-
industrie geschaffen, sondern auch dieses Uebel gewiaser-
maassen zur Vollkommenheit ausgebildet zu haben. Die an-
deren Nationen haben es auch nicht vermieden, doch dienten
ihnen — abgesehen von Belgien — die englischen Voigänge
zum abschreckenden Exempel. England hat sich neben diesem
traurigen Ruhm jedoch auch das grosse Verdienst erworben,
dass es mit der Fabrikgesetzgebung anfing und den Weg
zeigte, auf dem man unbeirrt durch Freiheitsprineipien etCi
des Uebels Herr werden könne und müsse. —
Schon die Manufacturen vor Arkwright wendeten Kinder
als ständige Arbeitskräfte an und nur ihre schwache Entwick-
lung, ihre minder guten Werkzeuge und minder entwickelte
Arbeitstbeilung verhinderten, dass schon sie die Kinderarbeit
zu einem Nationalübel ausbildeten. Sie giiffen nach den
Kindern in demselben naiven Geiste, in dem sich, wie er-
wähnt, die Hausindustrie berühmte, dass sie Kindern und
Greisen Beschäftigung gab. So erging 1764^) eine Petition
aus Winchelsea um Beförderung der Fabrikation von Cambricks
und Lawns (Batist), worin fremde Arbeiter und Kinderlehr-
linge beschäftigt wurden. Man bat um Concessionirung einer
Actiengesellschafb und ein Zeuge sagte aus, „die Gesellschaft
werde durch die Zahl der Kinder, welche sie beabsichtige,
als Lehrlinge aus Findelhäuseiii, Arbeitshäuseiii und sonstigGti
Orten, wo man sie bekommen könne, zu entnehmen, im Stande
') Journals Yol. 29 S. 752, 785.
Fraaen- and Einderarbeit. 615
sein, in 3—4 Jahren die Waave so billig zu liefern, dass es
nicht mehr der Mühe werth sein würde, französische Waare
einzuschmuggeln.**
Auch in den Seidenmanufacturen , die seit Anfang des
Jahrhunderts bestanden und sehr begünstigt wurden, waren
siebenjährige Kinder beschäftigt^).
Hausindustrie und Manufacturen hatten langsam das ge-
werbetreibende Publicum daran gewöhnt, Kinder als Arbeits-
kräfte willkommen zu heissen und sich nicht auf die Aus-
bildung von Lehrlingen als solche zu beschränken. Auch hier
begann die Fabrikindustrie nicht eine neue Entwicklung,
sondern trieb eine schon begonnene auf die Spitze und
drängte dadurch zur Lösung der grossen Frage.
Arkwright selbst war es , der in seinen Fabriken syste-
matisch Kinder benutzte und durch diese Verwendung und
Organisation neuer billiger Arbeitskräfte noch mehr als durch
die geschickte Benutzung neuer Technik die geschlossenen
Fabriken begi-ündete. Schon Aikin^) erkannte, dass hier ein
grosser Missstand vorlag ; er dachte noch nicht an schützende
Gesetze, sondern an freiwillig zu schaffende Wohlfahrtsein-
richtungen, er beschreibt uns aber den Zustand schon gerade
so, wie er später zur Zeit der Fabrikgesetze gescBildert wurde:
die Kinder, so erzählt er, in den Baumwollspinnereien werden
von den Werkhäusern in London und Westminster gesammelt
und in Haufen als Lehrlinge zu Meistern transportirt , die
hunderte von Meilen entfernt wohnen. Sie dienen da gänzlich
unbekannt und ungeschützt und vergessen von denjenigen,
denen die Sorge für sie nach Natur oder Gesetz obliegt. Sie
arbeiten zu lange, oft in die Nacht hinein, in schlechter Luft«
unreinlich und argen Temperaturwechseln ausgesetzt. Am
Ende der sogenannten Lehrlingszeit sind sie zu Nichts zu
brauchen, die Mädchen werden keine Hausfrauen. Die Kinder
verwildem und wachsen ohne religiöse Erziehung auf. „Das
Publicum hat ein Recht darauf zu sehen , dass seine Glieder
') Journals Vol. 30 S. 93.
*) a. a. 0. S. 219 ff.
616 Zwdlei Biidi, Ci|^ &
nieht leichtfertig beschftdigt und durch SorghMngkeit zu Grude
gerichtet werdeo.*
Das Unwesen begann mit den Armenldndem, die niaa
als sogenannte Lehrlinge für die mit Wasserkraft getriebeMB
Fabriken kanfte 0 und 1796 nahm sich das Mancheetw B«aid
of health schon der Sache an >)• Die Verwildenmg der Oßmtr
1) 8. auch Gap. I § 2, oben 8. 419 iL
*) Gaskell a. a. 0. 8. 174. Nach dem BQK>rt etc. on chüdiw aa-
plojed in mannfactnree 1816 8. 139 sagte Sir Bobert Peel Ober diaei
fieard:
With the pennission of tfae eommittee, I will read the beadi ef
Beeolntions for the eonsideration of the Manchester Board of HMltl^
by Dr. Perdval, Jannary 25 th., 1796.
„It has ahreadj been stated, that the olijects of the preaent iiatita-
tion are to prevent the generation of diseases; to obyiate the spreading
of them by contagion; and to shorten the doration of those which «dil
by affording the necessary aids and comforts to the sick. In ths proae
cntion of this interesting nndertaking^ the Board have had their atteatioa
parücolarly directed to the large cotton fisctories established in the tovn
and neighboorhood of Manchester; and they fsel it a dnty incnmbeat
on them to lay before the public the resolt of their inquiries :
1. It appears that the children and others who work in the large
cotton factories, are pecoliarly disposed to be affected by the contagion
of fever and that when such infection is recdved, it is rapidly propa-
gated, not only amongst those who are crowded together in the aame
apartements, but in the families and neighbourhoods to which they belong.
2. The large factories are generally iijurious to the constitation of
those employed in them, even where no particular diseases prevaü, firom
the dose confinement which is ei\joined, firom the debilitating effects of bot er
impure air, and from the want of the active exerdses which nature points
out as essential in childhood and youth to inyigorate the System and
to fit our spedes for the employments and for the duties of manhood.
3. The uutimely labour of the night, and the protracted labonr of
the day, with respect to children, not only tends to diminish futore ex-
pectations as to the general sum of life and Industrie, by impairing the
strength and destroying the vital stamina of the rising generation, bat it
too often gives encouragement to idleness, extravagance and profligacy
in the parents, who, contrary to the order of nature, subsist by the op-
pression of their ofEspring.
4. It appears that the children employed in factories are generally
Frauen- und Einderarbeit 617
liehen Armenpflege war also der Ausgangspunct des allge-
meinen Missstands und nicht ein hartherziger Rath, den nach
einer verbreiteten Fabel der gi'osse Pitt den Fabrikanten ge-
geben haben soll 0- Vielmehr erkannten , als das Unwesen
begann, diejenigen, die sich Oberhaupt darum bekümmerten,
die Schädlichkeit des Systems und ei-st der späteren Manchester-
literatur war es vorbehalten, die Fabrikarbeit der Kinder als
einen Segen für die Nation zu preisen ^).
Die haarsträubenden Schilderungen von Misshandlung der
Kinder in Fabriken und Bergwerken, wie sie uns z. B. Marx
und Engels geben, sind in der That nicht übeilrieben, sondern
zuverlässigen Quellen entnommen. Meist dienen als Quelle die
Pariamen tsunterauchungen aus den vierziger Jahren, welche
wegen der im Gange befindlichen Fabrikgesetzgebung beson-
dei*s eingehend sind. Man kann diese Zeugnisse in der That
nicht entbehren; auch für die Schilderung der Zeit vor 1832
sind sie wichtig, weil sie zeigen, wie weit es schliesslich kam.
Wir haben sie ja schon selbst (Gap. I. § 2) benutzt. Es giebt
debarred from aU opportunities of educaiion and from moral or religioos
Instruction. '^
5. From the excellent regolations which subsist in several Cotton
factories, it appears, tbat many of these evils may, in a considerable
degree, be obviated; we are therefore warranted by experience, and are
assured we shall have the support of the liberal proprietors of these
factories, in proposing an application for Parliamentary aid (if other
methods appear not likely to effect the purpose) to establish a general
System of laws for the wise, haman and equal govemment of aU such
works."
') Diese Fabel wird schon bestritten in Alfred, History of the Fac-
tory Movement, 1857, Vol. 1 c. 1.
>) Ich habe schon erwähnt, dass Ure (Philosophy etc. S. 311) die
Elinderarbeit entzückend findet und dass er es für pure Yerlemndung, für
einen Strom von Falschheit und Verleumdung erklärt, wenn man sage,
die Fabrikanten hätten ein Interesse an Einderausbentung (a. a. 0. S. 290).
Auch Cooke Taylor (Notes of a tour in the manufactoring districts etc.
S. 232) ist der Meinung : Kinderarbeit abschaffen heisst einfach die Mittel
zum Unterhalt der Kinder wegnehmen; und sie in enge Grenzen zu be-
schränken, heisst den unglücklichen Objecten missverstandener Humanität
ein Mittag- oder Abendessen nehmen.
618 Zweites Bueh, Ca|^ &
aber auch ältere Zeugnisse, nämlich vor Allem den Beriekfc
von 1816 ^), der unter dem leitenden Einfluss des älteren Sir
Robert Peel erstattet wurde, jenes hochverdienten Fabrikantei^
der in Verbindung mit Robert Owen zuerst mit Energie aif
gesetzlichen Schutz gegen Missbrauch der Kinder drftngta -^
Dieser Bericht giebt ein sehr deutliches Bild von der
Lage der Kinder — und von der Gesinnung der Fabrikanten,
welche weniger aus Bosheit und angeborener Hartherzigkeit
gleichgültig g^;en das Kinderelend waren als deshalb, weil
abstumpfende Gewohnheit und naiver Egoismus sie dafbr blind
machte.
So . sehr das ganze Unwesen zu tadeln und zu beldagen
isty so darf man sich überhaupt die Sache nicht so vorsteltan,
als ob die Fabrikanten dabei eine besondere persönliche Sdudd
träfe. Die Fabrikanten waren Menschen, die dachten und
handelten , wie jeder Durchschnittsmensch in derselben Lage
gedacht und gehandelt haben würde — es war nicht die Auf*
gäbe, die Fabrikanten anzuklagen und strafen, sondern all-
gemeine Verhaltnisse zu schaffen, die den Unfug unmflglidi
machten.
Bei der Enqußte von 1816 wurden zunächst viele Fabri-
kanten vernommen, welche gegen alle Schattenseiten dar
Fabrik- und Kinderarbeit blind waren.
Ein Fabrikdirector sagt, er nehme Kinder unter 10 Jahren
nur aus Rücksicht auf die Eltern, die Arbeiter liebten die
Hitze in den Fabiiken und die Kinderarbeit sei leicht ^) und die
erwachsenen Knaben gingen in andere Gewerbe über, wo sie
sehr begehrt seien! (man vergl. damit Aikin's Meinung)').
Seit 30 Jahren stehe es so in den schottischen Spinnereien
und keine Aenderung der Zustände sei erwünscht.
Andere Fabrikanten erklären die Fabrikräume für ge-
^) Report on the Minutes of evidence taken before the select com-
mittee in the State of the Children employed in the Manufiftctores of the
United kingdom. 25. April, 18. Juni 1816.
») a. a. 0. S. 5.
^) S. aach die entgegengesetzte Meinung eines Magistrats a. a. 0.
S. 123.
Fraaen- und Kinderarbeit 619
Sund , die Fabrikkinder fQr gesunder als andere , die auf der
Strasse heiiunlaufen , und 15 stündige Arbeitszeit für un-
schädlich 1).
Vielfach sagen die Fabrikanten, dass die Arbeiter keine Ver-
kürzung der Arbeitszeit wollen aus Furcht vor Lohnminderung
und dass die Kinder in der Hausindustrie schlechter daran
sind als in den Fabriken ^) , was andere Zeugen widerlegen ^).
Manche Fabrikanten gestehen zu, dass Ueberarbeit der
Kinder vorkomme, wollen aber aus Princip kein Gesetz; so
der berühmte Schöpfer der grossen keramischen Industrie,
Wedgwood*), der selbst zumeist nur 7 jährige Lehrlinge vom
13. Lebensjahr ab hielt, daneben aber auch jüngere Kinder —
auf Wunsch ihrer Eltern.
Die rosigen Aussagen von Fabrikanten, denen damals
noch gar keine Aussagen von Arbeitern, sondeiii nur von
Aerzten und Beamten gegenübergestellt wurden, verdienen in
der That wenig Glauben, nicht nur weil dieselben zu abge-
stumpft gegen das sie umgebende Elend waren, sondem auch
weil sie sich sehr häufig direct widersprechen. Was soll man
sagen, wenn ein Fabrikant aussagt, Arbeit von 8jährigen
Kindern sei den Meistern gar nicht voilheilhaft — ihr Verbot
aber würde die Industrie iniiniren.
Diesen kurzsichtigen Anschauungen stehen gegenüber die
Aussagen der zwei hervoiTagendsten Fabrikanten Robert Owen
und Sir Robert Peel.
Robert Owen beschäftigte 10jährige Kinder 12 Stunden
per Tag incl. IV4 Stunde Pause. Sein Vorgänger Dale hatte
5— 6jährige Kinder beschäftigt, die aus den Armenhäusern
von Edingburgh kamen und 13 Stunden arbeiteten. Owen
^) a. a. 0. S. 114, 121.
*) a. a. 0. S. 53.
') a, a. 0. S. 147. Es kam jedenfaUs vereinzelt schon frühzeitig
vor, dass die Arbeiter gegen za lange Arbeitszeit opponirten. Im Fifth
Report on Artizans and Machinery 1824 S. 582 wird erzählt, dass die
Seiden weber in Macclesfield einen Strike machten, um die Arbeitszeit der
Kinder von 12 aof 11 Stunden zu setzen.
*) Report von 1816 S. 60 fif., vgl. dazu S. 271, 362.
620 Zwdtei Badi, Cap. 5.
war der Ansiebt, es wäre noch besser die 10— 12jBliitgai
Kinder nur reihenweise den halben Tag zn beirJiÜBgSi
und die Arbeitszeit allmftlig auf 10 Stunden herabiuefeML
Owen war damals auf seiner Höhe und noch nicht der eztrene
Schwftrmer späterer Tage. Er yerwahrte sich sogar ABgegm^
ein neues Prindp zu haben, verlangte nur Herabsetaung der
Arbeitszeit der Kinder und Schulen für dieselben — und be-
wies durch seine Erfolge, dass dies ohne Schädigung des
Fabrikinteresses möglich sei ^). Sehr lehrreich sind seine Ais-
fbhrungen, dass und warum die Statistik nichts g^gen die
Schädlichkeit der Fabrikarbeit tOa die Gesundheit der Kinder
beweise •).
Sir Robert Peel sprach sich in gleichem Sinne wie Owen
aus und seine Aussagen sind noch dadurch von besonderem
Interesse, dass dieselben über die geschichtliche Entwiddong
der Kinderarbeit in Fabriken Auskunft geben.
Wie erwähnt, begann der ünfiig mit den Armenkinden
resp. Kirchspiellehrlingen, deren Benutzung durch das Geaeb
von 1802 beschränkt wurde.
Nach Owen gab es vor der ersten Peel's Bill 1802 in
Lancashire Ober 5000 unter 10jährige Fabrikkinder*). Vide
solcher Kinder wurden 1802 in Yorkshire entlassen.
Indessen war trotz Peers Bemühungen 1816 die Be-
nutzung von Kirchspielarmenkindern noch keineswegs er-
loschen. Die Aimenkinder stellten noch immer ein Haupt-
contingent und es kam vor, dass der Fabrikant auf 20 Kinder
ein blödsinniges nehmen musste *). Doch nahm dieses System
ab und man nahm mehr Kinder von freiwilligen Eltern ^), die
aber nicht besser gestellt wurden. Diese Aenderung rührte
theils von dem Gesetz von 1802, theils von der Ersetzung der
Wasserkraft durch Dampfkraft her, wodurch die Fabriken in
^) a. a. 0. S. 20—27, 30-88, 90.
«) a. a. 0. S. 87.
«) a. a. 0. S. 86.
*) a. a. 0. S. 39, 154.
«) a. a. 0. S. 122, 134, 178, 312, 341.
Fraaen- und Kinderarbeit 621
die grossen Städte zogen ^) und nicht mehr so leicht Über die
Armenkinder der ländlichen Umgebung verfügten. Die Armen-
kinder wurden dann verhältnissmässig mehr in kleinen Ge-
schäften und anderen Industrien als der Baumwollindustrie
untergebracht *). Peel selbst schildert diese Entwicklung wohl
etwas einseitig, seine Aussagen verdienen jedoch jedenfalls die
gi'össte Beachtung, zugleich auch als Beweis für seine Ge-
sinnungen und Absichten^). Er war ein ei*ster »königlicher
Kaufmann*^ unter den harten, erwerbssinnigen und ungebildeten
Parvenü - Fabrikanten von Manchester — gleichsam ein Vor-
bote der späteren besseren Zeit, in der der grössere und mehr
befestigte Reichthum der Fabrikanten diese zu humanem Ver-
halten gegenüber den Arbeitein und zu staatsmännischer Auf-
fassung befähigte*).
^) a. a. 0. S. 141.
') S. Foorth Report on Artizans and Machinery S. 264, wo be-
richtet wird, dass 1817 eine Versammlung der Stmmpfwirkermeister in
Leicester sich über niedrige Löhne beklagte und als Grund dafür angab
„die ruinirende Praxis der Earchspiele, Fabrikanten Pr&mien ftür die
Beschäftigung ihrer Armen zu geben^.
') Vgl. Peels Rede in unserem Anhang unter H.
•*) Cooke Taylor, Notes of a tour in the manufacturing districts of
Lancashire, London 1842 sagt S. 101 über den älteren Peel:
„Ich habe Gelegenheit gehabt, mit verschiedenen Personen zu spre-
chen, welche bei Sir Robert Peel gearbeitet hatten. Alle sprachen mit
Achtung von ihm, viele mit Liebe. Er scheint in der Durchführung der
Disciplin sehr streng gewesen zu sein, was in der Kindheit des Fabrik-
systems nothwendig gewesen sein muss, und viel nothwendiger als die-
jenigen leicht begreifen können, die zu einer Sidt lebten, welche bereits
geschulte Arbeitergenerationen aufzuweisen hatte. Er war allen denen
ein sehr freigebiger Patron, die, nachdem sie bei ihm gearbeitet hatten,
ein eigenes Geschäft anfingen, und er nahm bis zu seiner letzten Lebens-
stunde lebhaftes Interesse an ihrem Weiterkommen. So allgemein beliebt
war er bei seinen Arbeitsleuten, dass , wie mir berichtet wurde, die Mehr-
zahl derselben ihm folgten, als er von Lancashire nach dem Süden aus-
wanderte. Obgleich ich mit seiner parlamentarischen Laufbahn wenig
sympathisirc , so bewundere ich doch in seinen Reden eine Ehrlichkeit
und Männlichkeit der Empfindung, welche Niemanden in Unkenntniss
über des Redners Absicht und Meinung lässt. Schliesslich, hegte ich
622 Zweites Buch, Gap. 6.
Wie aul^klftrt Peel war, geht auch darans henror, dm
er sich völlig klar darüber war, dass eine Beechrfinkmig dar
Arbeitszeit der Kinder auch die der Erwachsenen beBchrinkai
werde und solle ^).
Zu diesen Aussagen von Owen und Peel kommen die tw
Aerzten, welche sich meistens sehr ungOnstig über die Wiiknug
der Einderarbeit aussprechen ^ und die von Nathanid GonU,
welcher Folgendes constatirte: Es gab 1811 in Mancbestar
drca 28 053 Fabrikarbeiter, wovon ^5 unter 18 Jahre alt warea.
Im Krankenhaus von Manchester waren von allen Kranken die
Hälfte skrophulös, während in Liverpool nur 152 von 15000
Kranken an diesem Uebel litten — zum deutlichen Beweis
der speciellen gesundheitsschädlichen Wirkungen der Fabrik«
arbeit*).
Wenn man die Stimmen wägt, so kann für den Unbe-
fangenen kein Zweifel sein, dass im Anfang des Jahrhundmti
ein schreiendes Unwesen der Fabrikkinderarbeit existizte.
Sehen wir aber von den Meinungen der befragten Ausknnfls-
Personen ab, so wurden jedenfalls von den verschiedenstea
Zeugen viele Thatsachen constatirt, welche fbr jeden heatign
Leser das Vorhandensein grosser Missstände über jeden
Zweifel stellen. Es kamen auch 5jährige Kinder vor mid
selbst der Fall eines 3jährigen Fabrikkindes wird constatirt^).
Zweifel an Beinen Verdiensten, so würden diese beseitigt worden sebi
durch die hohe Achtung, mit welcher ich seinen Namen von Jemandoi
erwähnen hörte, welcher mit dem Lobe geizt aber mit nichts anderem,
n&mlich von Mr. Thomson von Primrose, einer der intelligentesten und
wohlgesinntesten Männer im nördlichen England. Der Mitarbeiter aa
der 7. Nummer von „Lancashire** hat seinen Angriff nicht auf Sir Bobert
Peel beschränkt, sondern die grosse Mehrzahl der BaumwoUfiabrikanten
in dieselbe weitgreifende Beurtheilung zusammenfasst Ich will nicht auf
ihre Vertheidigung emgehen. Es ist nicht nöthig, bei ihrer InteUiges»
ihrer Industrie und ihren Unternehmungen zu verweilen, wenn die Resul-
tate in nicht abzuleugnender Form mir vor Augen sind: Monomentam
si quaeras, circumspice.
») Report von 1816 8. 141.
«) a, a. 0. S. 32, 41, 191, 287.
*) S. die Aussage von Nathaniel Gould a, a. 0. S. 323 ff.
*) a. a. 0. S. 88, 96, 99, 144, 257.
Frauen- und Kinderarbeit. 628
Vielfach wird ausgesagt, dass 6jährige Kinder in den Fabriken
häufig sind 0 ^ Z- B. auch in Seidenfabriken , wo sie aber ge-
sondei-te und kürzer daueinde Arbeit hatten*). Ein Friedens-
richter constatii-te, dass die Kinder in den Fabriken Brech-
mittel gegen den eingeschluckten Staub einnahmen^).
Aber nicht nur die grosse Jugend der Kinder war sehr
beklagenswerth , sondern ihre Arbeitszeit war unmässig lang.
Unter Arkwright war 13 ständige Arbeit mit einer Mittags-
pause von einer Stunde. Es wurde Nachts gesponnen und
unter Tags wurden die vorbereitenden Arbeiten vollbracht*).
Dann wurde Anfangs vielfach mit zwei Reihen von Arbeitern
Tag und Nacht foitgearbeitet ^) und es kamen 1816 noch solohe
Fälle vor. Mehr als 12stttndige Arbeit wird zwar von Fabri-
kanten fQr selten erklärt«) — Andere sagen aber, 14— 15 stün-
dige Arbeitszeit sei die Regel '). Die Kinder sind nicht ge-
bunden, sondern können täglich gehen oder entlassen werden ®),
16 stündige Arbeitszeit für Kinder und Nachtarbeit derselben
kam in Leeds 1812 vor ^) und auch an anderen Orten ^®). Die
Mittagsessenpause fiel manchmal weg und das Essen musste wäh-
rend der Arbeit eingenommen werden*^). Auch am Sonntag
mussten die Kinder vielfach arbeiten^*). In den Baumwoll-
spinnereien war die Arbeitszeit und das Elend der Kinder am
grössten ^% das Stehen bei der Arbeit und die schlechte Luft
in eingeschlossenem Raum besondere schädlich i*). Die Zahl
») a. a. 0. S. 86, 74.
«) a. a. 0. S. 75, 76.
«0 a. a, 0. S. 121.
*) a. a. 0. S. 8.
^) a. a. 0. S. 114, 115, 189.
«) a. a. 0. S. 19.
') a. a. 0. 8. 382.
«) a. a. 0. S. 20.
ö) a. a. 0. S. 89.
") a. a. 0. S. 96.
") a. a. 0. S. 225.
") a. a. 0. S. 295.
^») a. a. 0. S. 101.
^*) a. a. 0. 8. 106.
624 Zweit« Bnch, Gip. 6.
der BanmwollfjEibriken imd der darin beschtflagten Aibeiter
war viel grtaser als die aUer anderen Fabriken lasammen und
die Arbeitszeit in den ersteren am länfcsten^).
Viele Fabrikanten berichteten mit WohlgefaUen, dasB tb
ihre Fabrikkinder durch Schalen ganz besonders gut geaoigt
sei und manche Fabriken unterhielten auch Schulen fibr die
Kinder (die aber nicht viel werth waren) und Aerzte filr ihre
Arbeiter*). Oefter wurden Schulen nicht durch die Fahii»
kanten selbst unterhalten, sondern es wurden durch Sabacriptioii
Sonntagsschulen gegründet *). Man konnte in den Sehnkn
deutlich sehen., wie die Fabrikkinder g^enüber den anderai
schlecht aussehen und ermttdet sind^). Jeden&lls beaaditea
keineswegs alle Fabrikkinder Schulen^).
^) a. a. 0. 8. 241, 808; auch Oaskell, The inannftctaring Popalattoa
of England sagt, die Banmwollarbeiter seien % aller FabrikariMter.
>) Beport Ton 1816 S. 10, 84.
") a. a. 0. S. 97.
«) a. a. 0. S. 100.
') a. a. 0. S. 828 ff.« 369; 8. 887 spricht sich Ckmld darfiber fcl*
gendennaassen ans:
The Witness delirered in the pq>er, which was read: — »U ia nitik
good reason coi\jectared, that, at the least, 23,000 persons work in spiih
ning factories sitoated in Manchester an its immediate neighboorhood :
That this nnmber is Mly one-fifth of the population of the said town and
neighboorhood: That three-fifths of those who work in f&ctories are nndsr
eighteen years of age: That of these only 3317 were foond to be present
in all the Sunday-schools. It has been stated, that the children in general
who work in spinning fEictories have no other means of instmction A«»
what the Sonday schools afford. It has also been stated, that the j^iwwi^i
contribations towards the Support of all the Sonday-schools amonnt to
abont 2400 1. or 2500 1. I heg leave now to observe, that on carefollj
perusmg the yearly reports of the several Sonday-schools, it i^pean to
me highly probable, that the owners of the spinning ÜEustories, who it is
conjectored employ at the least 23,000 persons, scarcely contribate one-
twentieth part of the money raised towards the sopport of these schools.
In examining the sereral reports, I had the assistance of an inteUigent
gentleman, who is better acqoainted the town of Manchester than I
myself am; and, on extracting a list of sobscriptions of the owners of
spinnmg fjEMitories, we foond the onited amount of them was not 90 1.
I am the more conversant in these accoonts from haWng been many yeaxs
Frauen- und Kinderarbeit 625
Diese Zustände, wie sie uns der Bericht von 1816 schil-
dert, waren, wie man sieht, durchaus ein ernstes Uebel. Wie
die Gesetzgebung demselben allmälig abhalf, wäre später dar-
zustellen. Vorläufig handelt es sich um die Schilderung
und Erkläi-ung der Zustände wie sie geworden waren. Die
Kinderarbeit in den Fabriken war das auffallendste Symp-
tom der Zustände, deren Wesen sich dahin zusammenfassen
lässt, dass die gesteigeite Arbeitstheilung in den Fabriken
das Familienleben der ai*beitenden Glasse zersetzte^). Dahin
wirkten die Fabriken in doppelter Weise. Sie brauchten
Arbeitskräfte, die höchst einfache und an sich leichte Mani-
pulationen immer wiederholten und nahmen zu diesem Zweck
Frauen und Kinder aus den Familien heraus, die dadurch
auch für künftiges Familienleben unbrauchbar gemacht wurden.
Ein Theil der Männer wurde dadurch brodlos oder war auf
armselige Handweberei angewiesen. Die Männer aber, welche
in den Fabriken dienten, wurden in die grossen Städte ge-
zogen und immer seltener wurde der Fall, dass Spinner und
Weber zugleich Land besassen und etwas Bodencultur be-
trieben. Die Fabriken wirkten aber auch insofern zei*setzend
auf das Familienleben, als sie das häusliche Spinnen und
Weben für den eigenen Bedarf durch die Billigkeit ihres Pro-
ducts unmöglich machten, dadurch die häusliche Beschäftigung
von Familiengliedeiii beschränkten und diejenigen, die über-
haupt arbeiten und erwerben wollten, so aus der Hütte in die
Fabrik zwangen.
an auditor of those of the Established Church. I have considered mj^self
called upon to offer this Statement in support of the opinion which
I feit compelied to give to the Honoorable Committee yesterday; viz: That
the habit of prosecuting a business, that of cotton-spinning more especiaUy,
by the excessive confinement and laboor of children , has the unfortnnate
effect of checking these feelings and that consideration for their sofferings,
which would otherwise naturally be exited in us, and which, it most be
allowed, we are more especially called upon to exerdse towards those,
who are in our Service.** —
^) Dies betont namentlich Gaskell, The manufocturing population of
England 1833; die historischen Angaben des Verfassers gehen zuwenig
auf die ersten Anfänge des Fabrikwesens zurück.
Held, Soc. Gesch. Engl. 40
626 Zweites Buch, Cap. 5.
Mit dem selbständigen Erwerb der Kinder, dem Leben
der Arbeiter in gi*ossen Städten und der Fabrikarbeit der
Frauen wurden die Eltern, wie Gaskell sagt, nur noch „Inhaber
von Logirhäusem für ihren Nachwuchs.'' Die Kinder wurden
in der Hitze der Fabrikräume fi-ühzeitig mannbar, Mädchen
heiratheten schon mit 10 Jahren, oft mit 12 — 16 Jahren, ohne
eine Ahnung der ihnen bevorstehenden Pflichten der Mutter
und Hausfrau zu haben. Kinder und Eltein hatten keine
gesunde Familienkost mehr, sondern warfen sich auf Tabak
imd Spirituosen und suchten ihre Freuden im Wirthshaus.
Ein herabgekommenes verwildeites Geschlecht wuchs heran ^)
und es ist ein grosser Beweis für die unverwüstliche Lebens-
kraft unserer Völker, dass dieses Elend nicht daueind sich
steigerte, sondeiii dass man im Stande war, es später bis
zu hohem Maasse zu überwinden.
Ein ernster Kampf gegen diese Uebel begann aber erst
später. Zunächst wucherte trotz der verdienstvollen Be-
mühungen von Peel und anderen Auserwählten das Unwesen
weiter.
Am Ende unserer Periode*) gab es zwar schon ver-
schiedene Fabriken mit ausgezeichneten Einrichtungen zum
Besten der Arbeiter und der Kinder insbesondere 5). In der
Mehrzahl der Fabriken aber stand es fortgesetzt sehr schlecht
') a. a. 0. schildert Gaskell S. 116 ergreifend die Lage der Fabrik-
kinder:
„Deprived of the cheering influence of the fiwe of Nature, robbed
of the pure breath of heaven, cooped up in crowded buildings with the
Babel-like sounds of their companions, animate and inanimate, their oveiv
strained minds and bodies know no return to healthy feelings ond they
plunge deeper and deeper into the whirlpool tili they neither know their
danger nor, if they did, could they avoid or escape it without a moral
discipline, a physical regeneration, which at present appear, if not utterly
hopeless, at least very remote.
^ Report on the Bill to regulate the Labour of Children in Mills
and Factories 1832 und First Report of the Central Board of his Mi^'esty's
Commissoners for inquiring into the Employment of Children in Facto-
ries 18SS.
^ S. den letzterwähnten Report S. 18, 28.
Frauen- und Einderarbeit 627
und zwar gerade in den kleineren^). Die gegebenen Fabrik-
gesetze blieben in Folge des Wideratands der kleineren Fabri-
kanten unausgefbhrt'). Die gewöhnliche Arbeitszeit, die in
Schottland und im Nordosten Englands 12—13 Stunden be-
ti-ug, war zwar in Manchester auf 11 Stunden vermindert^,
aber die Mahlzeitspausen wurden schlecht eingehalten und
erzwungene Ueberarbeit oft bis Mitternacht war häufig*).
Das gewöhnliche Alter, in welchem die Kinder anfingen in
Fabriken zu gehen, war zwar 9 Jahre, doch kamen immer noch
5jährige Kinder vor, 6- und 7jährige waren nicht selten*).
Diese Kinder arbeiteten im Allgemeinen ebenso lange wie die
erwachsenen Arbeiter und wurden von letzteren oft hart be-
handelt^. Mit dem Schulunterricht stand es womöglich
schlechter als früher^). In allen Fabriken litten die armen
Kinder an unnatürlicher Müdigkeit und allerlei Krankheiten ^).
Dabei hatte sich das Uebel durch Vermehrung der Zahl der
Fabriken auf immer weitere Ki-eise erstreckt.
1834 gab es in Schottland 380 Fabriken in der Baum-
woll-, Leinen-, WoU- und Seidenindustrie, darunter nur 6
Seidenfabriken. Die Tuchfabriken waren meist kleinei*en Um-
fangs^). In diesen Fabriken waren 46825 Pei'sonen beschäf-
tigt, darunter
1 193 unter 11 Jahren,
6 228 unter 13 Jahren und
13 721 zwischen 13 und 18 Jahren.
Im Norden Englands gab es 52 Fabriken mit 3960 Ar-
beitern, daiointer
*) a. a. 0. S. 16.
«) a. a. 0. S. 82.
3) a. a. 0. S. 7.
*) a. a. 0. S. 12.
») a. a. 0. S. 15.
«) a. a. 0. S. 31, 20.
') a. a. 0. S. 80.
«) a. a. 0. 8. 25.
') Return of the Names of the Inspecton of Factories and Copies
of the Reports presented by them. 11. August 1884.
40*
628 Zweites Buch, Cap. 5.
69 unter 11 Jahi-en,
418 unter 13 Jahren und
1119 zwischen 13 und 18 Jahren.
In Lancashire hatten sich die Fabriken noch stärker ver-
mehrt. Gegenüber dieser allgemeinen Ausdehnung der Kinder-
arbeit, namentlich in den Baumwollfabriken, kam es nicht in
Betracht, dass in der Tuchindustrie die Einschränkung der
Hausindustrie durch Fabriken eine Vermindeiiing der Kinder-
arbeit hei-vorrief ^) namentlich der Verwendung der jüngsten
Kinder, deren helfende und vorbereitende Thätigkeit im Hause
der ElteiTi aufhörte — die aber nichtsdestoweniger, wenn die
Eltern in die Fabrik gingen, den Segen des Familienlebens
verloren.
Bis zum Jahre 1833 hatte man nur die Kinderarbeit in
den der tonangebenden Textilindustrie zugehörigen Fabriken
der öffentlichen Beachtung unterworfen. Das Uebel verbrei-
tete sich aber von da aus auch in andere Productionszweige,
worüber die späteren Untersuchungen von 1842 und 1843
Auskunft geben.
Der Bericht von 1842 *) schildert die Zustände in Berg-
und Hüttenwerken, wie sie damals waren und entwirft ein
Bild, demzufolge es nicht zu verkennen ist, dass das Uebel
missbräuchlicher Anwendung von Kinderarbeit in den Kohlen-
gruben auf die höchste Höhe getrieben wurde. Wann das
Unwesen hier begann und sich ausbreitete, ist nicht zu er-
sehen, es wird nur gesagt, dass schon im vorigen Jahrhundert
geklagt wurde ^), so dass wir jedenfalls berechtigt sind, anzu-
nehmen, dass die 1842 geschilderten Zustände schon vor 1832
existirten.
Auch hier war das Uebel besonders stark in den kleine-
ren Gruben capitalarmer Besitzer und in solchen Gruben, in
*) Dies wird in dem Woollen Manufacture-Report von 1806 mehr-
fach constatirt, z. B. S. 32, 52 ff., 73»
*) Children's Employment Commission, First Report 1842.
") Lord Doundonald machte 1793 auf das scandalum aufmerksam,
dass in Schottland kleine Mädchen unter der Erde arbeiteten, a. a. 0.
S. 28.
Frauen- und Einderarbeit 629
denen die geringe Mächtigkeit des Kohlenlagers zur Anlage
niedriger Gänge veranlasste, in denen Kinder sich noch be-
wegen konnten, nicht aber Pferde oder Esel.^) Die Kinder
wurden dazu verwendet, die Thüren in den Gängen auf und
zuzumachen, die Wege zu reinigen, Kohlen in die Rollwagen
zu ti*agen, Wasser auszupumpen — und den Rollwagen in den
niedrigen Gängen kriechend zu ziehen.') Auch das kam
vor, dass Mädchen schwere Kohlenlasten auf ihrem Rücken
hohe Leitein hinaufschleppen mussten. Die Frauenarbeit
unter der Erde war besonders in Schottland entwickelt, wo
die Frauen die allerunangenehmsten Arbeiten übernahmen.')
Die Bei'gwerksbesitzer behaupteten zwar, es würden nur
acht bis neunjährige Kinder beschäftigt. Die Besitzer aber
wussten gar nicht, was in der Tiefe der Giube vorging, denn
sie waren mit ihren speculativen Berechnungen über der Erde
beschäftigt. Eine erdiUckende Menge von Fällen, die consta-
tirt wurden, bewiesen unwiderleglich , dass sieben- bis acht-
jährige Kinder ganz gewöhnlich, sechsjährige nicht selten
waren.*) Selbst Fälle von vieijährigen Kindern wurden con-
statiit.*) Um vier oder fünf Uhr Morgens wurden die armen
Geschöpfe aus den Betten zu 15 — 16 stündiger Arbeit^) her-
ausgerissen ; sie genossen dabei mitunter die Gesellschaft total
nackt arbeitender Männer und wurden von dem Aufsichtsper-
sonal mit Schlägen tractiit^).
Die durchschnittliche Arbeitszeit betrug wohl nur zwölf
Stunden, aber mehr als sechzehnstündige Arbeitszeit und
regelmässige Nachtarbeit, sei es zur Vorbereitung der Tages-
arbeit oder zur ununterbrochenen Fortsetzung des Betriebs
mit zwei Reihen von Arbeiteni kamen vor^); die Mahlzeits-
^) a. a. 0. S. 10, 68.
>) a. a. 0. S. 66, 91.
«) a. a. 0. S. 24, 91.
*) a. a. 0. S. 9 ff:
») a. a. 0. S. 9, 15, 16.
«) a. a. 0. S. 50, 51.
') a. a. 0. S. 84, 125.
«) a. a. 0. S. 106 ff., 115, 116.
680 Zweites Bach, Cap. 5.
pausen wurden meist nicht eingehalten.^) Vereinzelt kam
48Btündige ununterbrochene Arbeit vor.^) Bei der Nachtarbeit
stieg die Gefahr der Verunglückung, die in Bergwerken ohne-
dies schon ungewöhnlich gross ist, noch bedeutend.')
In den Eisenerzgruben wurden noch mehr Kinder be-
schäftigt als in den Kohlengruben^), weniger dagegen in den
Berg- und Hüttenwerken, die andei-e Erze gewannen und
Metalle verarbeiteten.^)
Die Löhne waren in den Bergwerken zwar nicht so hoch,
dass die Eltern den Miterwerb der Kinder entbehren konnten,
aber sie genügten im Allgemeinen zu guter Einährung und
weil die Bergwerksarbeit die Muskeln vielseitig in Thätigkeit
versetzte, so wurden die Bergarbeiter zwar keine physisch
degenerirte Rasse, sie litten aber an verschiedenen specifischen
Krankheiten und waren ein früh dahinwelkendes Geschlecht.^
Der Bericht von 1843 ') verbreitet sich über die Verhält-
nisse der Industrie im engeren Sinne und zwar über die ge-
sammte Industrie, nicht die grosse Textilindustrie allein. Auch
dieser Bericht bildet also eine unentbehrliche Ergänzung der
1) a. a. 0. S. 118.
») a. a. 0. S. 116.
») a. a. 0. S. 113, 135, 142.
*) Ueber die Zustände in diesen sagt der Report: When the natore
of this horrible labour is taken into consideration , its extreme severity,
its regulär duration of from 12 to 14 hours daily, which once a week at
least is extended through the whole of the night; the damp, heated and
unwholesome atmosphere in which the work is carried on; the tender
age and sex of the workers; when it is considered, that such labour is
performed not in isolated instances . selccted to excite compassion, but
that it may be truly regar^ed as the type of the every-day-existence of
hundreds of our fellow creatures — a picture is presented of daily phy-
sical oppression and systematic slavery of which I conscientiously belieTe
no one unacquainted with such facta would credit the existence of the
british dominions.
«) a. a. 0. S. 196 ff., 207 ff.
^) a. a. 0. S. 161 ff.; s. in unserem Anhang J einen meist wört-
lichen Auszug aus dem Schlussurtheil des Reports von 1842.
• ^) Children's Employment Commission, Second Report 1843.
UebennäBsige Arbeitszeit 681
älteren von 1816 und 1833. Nach diesem Bericht war in der
Metallwaarenindustrie von Birmingham, Wolverhampton und
Sheffield Arbeit von unter achtjährigen Kindern selten, dafür
aber die Behandlung der Lehrlinge, namentlich bei den klei-
neren Meistern ganz besonders niederträchtig.^)
In der Maschinenspitzenindustrie kamen vierjährige Ein-t
der vor, die täglich zwölf, und sechsjährige, die täglich fünf-
zehn Stunden arbeiteten und selbst ein Fall von regelmässiger
Beschäftigung eines zwey ährigen Kindes wurde nachgewiesen.')
Ebenso waren in der Strumpfwirkerei und Kattundruckerei
fünfjährige Kinder und selbst vieijährige zu finden ^), während
in der Papierindustrie das jüngste vorgefundene Kind neun
Jahre alt war.
Wir fügen noch einige Notizen bei über die Ausbeutung
der Arbeiter überhaupt:
In vielen Gewerben, z. B. in der Glasfabrikation und der
Kattundruckerei war Nachtarbeit regelmässig *), anderswo kam
18 stündige oder unbegrenzte Arbeitszeit vor.^)
Auch auf solche Gewerbe, in denen die Maschine direct
keine Revolution hervorgeinifen hatte, erstreckte sich das Un-
wesen einer übeimässigen Ausdehnung der Arbeitszeit; nament-
lich entwickelte sich dies bei den Schneiden! während der
Saison, die überdies in unerträglich überhitzten Räumen zu-
sammengepfercht arbeiten mussten.^) —
Die Manchestertheoretiker haben freilich aus diesen offi-
ciellen Berichten, d. h. aus den Aussagen der Fabrikanten,
Zeugnisse dafür beigebracht, dass die Arbeiter der Grossin-
dustrie sich ausserordentlich wohl befinden, dass die lange
Arbeitszeit der Erwachsenen und Kinder von den Arbeitern
selbst gewollt ist, ihnen nützliche Beschäftigung bringt und
^) a, a. 0. S. 7, 80, 100 ff.
») a. a. 0. S. 10 ff.
^) a. a. 0. S. 11, 12.
*) a. a. 0. S. 66.
») a. a. 0. S. 59, 64.
^ a. a. 0. S. 115 — 121. s. auch nnseren Anhang unter K.
632 Zweites Bach, Cap. 5.
sie von Liederlichkeit abhält Wer sich aber die Mühe giebt,
die Berichte ganz zu lesen, muss in ihnen den Beweis finden,
dass die sich entwickelnde Grossindustrie eine Ausbeutung
und Aussaugung der Menschenkraft mit sich brachte.^) Dieses
Uebel klebt der Grossindustrie nicht nothwendig an und sie
muss nicht nothwendig daran zu Gioinde gehen. Unzweifel-
naft aber stellte es sich in einem bestimmten Stadium der
Entwicklung der Grossindustrie ein und lebte in wechselnden
Formen auch nach dem Beginn einer energischen Fabrikgesetz-
gebung fort.
§ 2. Gesundheits- und Wohnungsverhältnisse.
Ure hält das Leben der Fabrikkinder für das denkbar
gesundeste;*) nach seiner Meinung wurde Sadler nur von
Aerzten mystificirt, in einer Weise ^), dass man daraus eine
neue Scene für Moliere's Malade imaginaire machen könne.
Wenn die Fabrikarbeiter krank würden und das ^Fabrikbein"
bekämen, so sei daran nicht die Fabrikarbeit, sondern nur
die eigene Thorheit der Arbeiter, die sich nicht vernünftig er-
nähren etc. Schuld.*) Ebenso behauptet Cooke Taylor ^), dass
zwar in der That die Arbeiter in Manchester in sehr schlech-
ten Wohnungen leben, das sei aber anderswo auch nicht besser,
und das Fabriksystem sei nicht die Ursache davon, sondern
der hohe Preis des Bodens und schlechte Localpolizei. Uebri-
gens sei Morbidität und Mortalität der Fabrikarbeiter gerin-
ger als in anderen Ständen ^), man sehe das auch daran, dass
junge Mächen lieber Fabrikarbeiterinnen werden als Dienst-
boten. Die gi'ossen Städte und die übrig gebliebenen Reste
^) S. das zusammenfassende Urtheil des Reports von 1843 in un-
serem Anhang K.
«) Phüosophy etc. S. 288.
«) a. a. 0. S. 374.
*) a. a. 0. S. 385-401.
*) Factories and the Factory System. London 1842. S. 13.
^) a. a. 0. S. 56 ff.
G^undheits- und Wohnungsverhältnisse. 633
feudaler Institutionen seien es, welche die industriellen Arbei-
ter schädigten, nicht das Fabriksystem.
Man weiss nicht, ob solche Meinungen aus Naivität oder
bewusster Heuchelei entspringen. Es ist allerdings ganz un-
möglich, aus Erankheits- oder Sterblichkeitsstatistik einen
vollen Beweis fbr die physische Schädlichkeit der Fabrikarbeit
zu erbringen, weil alle Zahlen über Krankheits- und Sterbe-
fälle in gewissen Ständen zu Vergleichen unnütz sind, so
lange man nicht die Zahl der Lebenden und die Zusammen-
setzung nach Altersclassen in den betreffenden Ständen kennt.
Auch der Umstand, dass kränkliche und schwache Individuen
gewisse Gewerbe mit Vorliebe aufsuchen, ist zu bedenken.
Ich gebe es einfach zu, dass die vielmissbrauchte mittlere
Lebensdauer der Fabrikai-beiter nicht geringer ist als die
anderer Stände — aber damit ist gar nichts bewiesen. Als
ich im Jahre 1874 die sächsischen Industriebezirke bereiste,
fiel mir in ei-schreckender Weise auf, dass die industriellen
Arbeiter durchschnittlich im Wuchs verkümmert, in der Farbe
bleich und in der Gesichtsbildung hässlich waren. Tiefliegende
Augen und voi-stehende Backenknochen zeigten sich allgemein.
Was aber dem Reisenden einen aufregenden Eindruck machte,
wurde von den Ortsangesessenen in Folge der Gewohnheit
gar nicht gesehen. So sind auch die Zeugnisse von Ure und
Taylor nicht beweisend. Ganz andei*s urtheilt Gaskell. ^) Auch
er nimmt an, dass die mittlere Lebensdauer in den Fabrik-
städten gewachsen sei, fügt aber dazu, das Volk sei deshalb
nicht gesünder — es leide nur an chronischen Krankheiten statt
an acuten.*) Sßine Schilderung stimmt fast wörtlich mit
') Manufacturing Population, S. 161—167, 220 ff., 247 iL
>) S. auch a. a. 0. S. 260 :
On the whole it may be said that the class of manufacturers enga-
ged in mill labour exhibit but few well defined diseases; but that nearly
the entire number are victims to a train of irregulär morbid actions chiefly
indicated by disturbances in the functions of the digestive apparatus with
their consequent effects upon the nervous System, producing melancholy,
extreme mental irritability and great exhaustion; and that few acute ma-
ladies exist amongst them; that their existence, though it is passed in one
634 Zweites Buch, Cap. 5.
meinen Eindrücken aus Sachsen, wenn er sagt: „Schönheit von
Antlitz und Form sind verloren und durch Eckigkeit er-
setzt , während das Fleisch sich weich und schlaff anfasst —
so werden die Frauen unter dem Fabriksystem , das sie wie-
der wie bei barbarischen Völkern aus Gefährtinnen des Mannes
zu Arbeitsinstrumenten und Geschöpfen zur Befriedigung gro-
ber Lüste des Mannes macht und das bei ihnen sogar den
Mutterstolz unterdrückt; denn zwei Drittheile aller Arbeiter-
kinder in Manchester werden durch öffentliche Mildthätigkeit
aufgebracht."
Freilich auch Gaskell gesteht, dass die Fabrikarbeit als
solche nicht der Hauptgrund des physischen Herabkommens
der Fabrikarbeiter sei ^) , sondeini die häusliche Lebensweise
— aber der Verderb der häuslichen Lebensweise ist eben
selbst die natürliche, wenn auch bei hohen Löhnen nicht noth-
wendige Folge des Fabriksystems, welches die Familienarbeit
der Hausindustriellen auflöste und die Arbeiter vom Land in
die grossen Städte zog, in denen dann andere Glassen armer
Leute in Bezug auf Elend mit den Fabrikarbeitern wett-
eiferten.
Der Fabrikarbeiter muss nicht schlecht essen und woh-
nen und mehr im Wirthshaus als zu Hause sein. Er kann
sich , wie nun erwiesen ist , wieder zu besserer Lebens-
weise emporheben. Die erste Entwicklung der Fabrikarbeit
hatte aber factisch diese Folge, zumal Ungebildete bei einer
Aenderung ihrer Wirthschaftsweise am wenigsten im Stande
sind, dennoch die guten Seiten ihrer menschlichen Lebens-
weise unverändert zu erhalten. Die Thatsache, dass menschen-
unwürdige Wohnungen, Ersetzen des Essens durch Trinken,
und allgemeine Liederlichkeit zuerst in den grossen Fabrik-
städten ein allgemeines Uebel wurden, steht unzweifelhaft fest,
und nur derjenige kann sich damit trösten, dass die Fabrik-
long disease, does not seem shortened; but that on the contrary a gene-
ral improvement in the value of human life is the result of the changes
which have operated on the condition of the labouring Community.
^) Obwohl sie durch Kinderarbeit und lange Arbeitszeit auch ent-
schieden direct gewirkt hat, s. den vorausgehenden Paragraphen.
Gestmdheits- und WohnungSTerhältnisse. 635
arbeiter ja auch anders hätten leben können, der keine Ahnung
davon hat^ wie gesellschaftliche Institutionen nothwendig auf
die Individuen von durchschnittlicher Beanlagung einwirken.
Die gesellschaftliche Institution, welche das Uebel in evi-
denter Weise zum Ausbruch brachte, war das Fabriksystem:
dieses selbst aber war nur die Form, in der die Herrschaft
des gi*ossen Capitals zur höchsten Höhe gelangte. Man mag
daher sagen, dass nicht die Fabriken der letzte Grund des
üebels waren — aber sicher war es der schroflFgewordene
Gegensatz zwischen hen*schendem Capital und dienendem Pro-
letariat, der im Fabriksystem sich am schäiüsten entwickelte.
Neue Verkehrswege und grosses Capital ermöglichten und
schufen beides — die Fabriken und die grossen Industrie- und
Handelsstädte. Und diese beiden Folgen derselben Gi-undur-
sache ei*gänzen und bedingen sich gegenseitig.
Das überaus schnelle Wachsthum der Fabrikstädte trug
das Seinige bei zur Verwilderung des häuslichen Lebens.
Ende des vorigen Jahrhunderts begann man in Manchester
erst mit Beleuchtung und Pflasterung der Strassen und die
Armen lebten zusammengepfercht in schädlichen, dunklen,
dumpfen und unbequemen Wohnungen ^), während die Reichen
*) Aikin, Description of the country round Manche8terl795 hat S. 193
ein Citat aus „a paper addressed by Dr. Ferriar to the committee for the
regulation of the police in Manchester" (ohne Jahreszahl) die Wohnongs-
Verhältnisse betreffend:
1. In einigen Stadttheilen sind die Keller so feucht, dass sie nicht zu
Wohnungen tauglich sind; solche Orte sollten den^Commissären an-
gezeigt werden, die dann den Eigenthümem geeignete VorsteUun-
gen machen sollten , dass sie diese KeUer zu anderen Zwecken be-
nutzen möchten. Ich habe mehrere arbeitsame Familien gekannt,
die durch einen kurzen Aufenthalt in feuchten Kellern der „com-
munity*^ verloren gingen.
2. Die Armen leiden öfters viel durch den beschädigten Zustand der
Kellerfenster. Dies ist scheinbar ein sehr geringfügiger Gegenstand,
allein für die Bewohner sind die Folgen von der ernstesten Art.
Fieber sind die gewöhnlichsten Wirkungen; und ich habe Öfters
Schwindsuchtfälle gekannt, die sich auf diese Ursache zurückführen
Hessen. Eingewurzelte rheumatische Leiden, die den Kranken für
jede Art von ßeschäfUgung unfähig machen, entstehen oft auf die*
336 Zweites Buch, Cap. 5.
in schönen Villen vor der Stadt wohnten. Nur Peel machte
selbe Weise. Es l&sst sich annehmen, dass diese Quelle von
Krankheiten geeignet sei, aus dem Wege geschafft zu werden, da
es nicht im Interesse eines Eellerbesitzers liegen kann, fortwährend
kranke Einwohner zu haben.
8. Ich bin überzeugt, dass h&ufig Unheil aus einer Gewohnheit ent-
steht, die in vielen engen Hinterstrassen herrscht, die Gewölbe der
Aborte offen zu lassen. Ich habe öfter bemerkt, dass dieTieber
meistens in solchen Häusern überhand nehmen, die der Ausdünstung
von Düngerhaufen in solchem Zustand ausgesetzt sind. In einem
Hause in Bootle Street ist die Mehrzahl der Bewohner gelähmt in
Folge der Lage des Hauses in einer Sackgasse ohne Licht und
Luft In solchen Winkeln sind SchwindsuchtfäUe und Blödsinn
gewöhnlich.
4. In Blaketey Street unter Nr. 4 befindet sich eine Reihe von ver-
mietheten Kellern, welche eine Brutstätte für Ejrankheiten zu wer-
den drohen. Sie bestehen aus vier mit einander in Verbindung steh-
enden Zimmern, von welchen die beiden mittelsten völlig dunkel
sind; das vierte hat sehr wenig Licht und wird hauptsächlich durch
die anderen ventilirt In jedem stehen 4—5 Betten und alle sind
furchtbar schmutzig.
5. Die Logir- Häuser an den äussersten Enden der Stadt erzeugen viele
Fieberfälle, nicht allein durch Mangel an Reinlichkeit und Luft, son-
dern dadurch, dass die Betten mit den ekelhaftesten Sachen aufge-
füllt werden, welche von ihrem ersten Ankauf an niemals nur im
Geringsten gereinigt werden, bis sie schliesslich unter ihren Insassen
verfaulen. Aus einer wahren Höhle von Logir-Häusern in Brook's
entry, in der Nähe von Long-mill-gate, sind die allerschlimmsten
Folgen ausgegangen, und ich bitte um Erlaubniss, diesen Ort der
ernstesten Beachtung des Committee's anempfehlen zu dürfen. In
diesen Häusern herrscht und herrschte seit Jahren einsehr gefährliches
Fieber. Ich weiss, dass einmal zu gleicher Zeit neun Personen am
Fieber darnieder lagen, und alle zusammen in drei kleine schmu-
tzige Zimmer gepfercht waren, ohne Wartung irgend eines Freundes
oder einer Pflegerin. Vier von diesen armen Geschöpfen starben
lediglich aus Mangel an den gewöhnlichen Dienstleistungen der
Menschlichkeit und weil ihnen ihre Arzeneien nur nachlässig ge-
reicht worden waren. In einigen andern Häusern in derselben
Höhle ist mir bekannt, dass eine ganze Menge von Miethleuten durch
die Einschleppung eines Fieberkranken der Ansteckung ausgesetzt
wurden; doch waren sie so verblendet, dass sie nicht zu bewegen
waren, dieses Haus zu verlassen, bis sie alle selbst von der Krank-
heit ergriffen waren. Es muss hierbei bemerkt werden, dass die
Gesundheits- und Wohnongsverhältnisse. 637
eine Ausnahme und baute auch cottages für seine Arbeiter.^)
Bei der raschen Bevölkerungszunahme in den Fabrikstädten
fehlte es nicht nur an Mitteln zur Erbauung der genügenden
Zahl guter Wohnungen: die neuen Fabrikstädte waren auch
so überaus unschön und rein auf praktische Zwecke angelegt,
es fehlte so sehr an erhebenden schönen Gebäuden, dass dies
allen Sinn der arbeitenden Massen für eine ästhetisch schöne
und dadurch liebenswerthe Heimath ei*sticken musste.
Wir sehen aus Aikin, wie schlimm die Wohnungszustände
in Manchester schon im vorigen Jahrhundeit waren und wie
dieselben nicht nur die Gesundheit der armen Arbeiter selbst,
sondera die der ganzen Bevölkerung bedrohten. Spätere Zeug-
nisse beweisen uns, in wie erschreckendem Maasse sich solche
Zustände verbreiteten.
Der Children's employments Report von 1833*) erzählt
z. B., dass in Biimingham die Arbeit als solche selten schäd-
lich sei, dass aber die Kinder Hunger leiden und dass schlecht
gelüftete Arbeitsräume schädlich wirken ; dass in Wolverhamp-
ton die Lehrlinge verdorbenes Fleisch von kranken Kühen
bekommen und in Willenhall viel missgestaltete Kinder zu
sehen sind. In der Töpferei kommen Ai*senikvergiftungen, in
der Glasmacherei andere Krankheiten vor. Und die Trocken-
schleifer in Sheffield leben dann am längsten, wenn sie sich
frisch vom Lande herelDgekommenen Personen am empfänglichsten
für solche Ansteckungen sind und da es sehr oft vorkommt, dass
sie wenige Tage, nachdem sie in ein solches verpestetes Haus ge-
zogen sind, krank werden, so entsteht daraus ein doppelter Scha-
den für die Stadt, die sowohl deren Arbeitskraft einbüsst, als sie
den Kranken auch noch Unterstützungen zukommen lassen mass.
Eine grosse Anzahl der HauRkranken des Hospitals besteht aus
derartigen Leuten. Es ist nicht zu beschreiben, wie entsetzlich
diese Häuser sind; oft legt sich ein frisch vom Lande gekommener
Miether in ein Bett, das noch von dem letzten Inhaber her voller
Ansteckungsstoff ist, oder aus dem erst seit wenigen Stunden die
Leiche eines Fieberopfers hin weggenommen worden war.
Folgen einige Vorschläge zur Abhülfe.
») S. Aikin a. a. 0. S. 268.
«) S. 100 ff.
g38 Zweites Buch, Cap. 5.
dem Trünke ergeben, weil sie dann öfter bei der Arbeit
fehlen! —
Die Kinder in den Fabriken^) leiden alle an Müdig-
keit und Schläfrigkeit und viele, namentlich die, welche vor
dem neunten Lebensjahr beginnen, an Schmei-zen in den
Beinen und Hüften und an geschwollenen Füssen. Gegen Yer-
unglückungen ist nirgends geeignete Vorsorge getroffen. Die
Weiber vertragen die Fabrikarbeit rein physisch noch besser
als die Männer^), es steht aber mit der Gesundheit der
Fabrikarbeiter überhaupt schlecht in den grossen Städten,
besser in den Fabriken auf dem Lande.
Indessen diese directen Einwirkungen der gewerblichen
Arbeit als solcher auf die Gesundheit der Arbeiter waren in
der That die weniger wichtigen, Hessen sich auch leichter
durch directe Schutzmaassiegeln aufheben. Das Hauptübel
war auch später die Verwahrlosung und unvernünftige Lebens-
weise der niederen Stände, wie namentlich aus dem Gesund-
heitsbericht von 1842^) hervorgeht.
Dieser Bericht bringt eine Sterblichkeitsstatistik, aus der
unter Anderem hervorgeht ^), dass die Lebensdauer am aller-
kürzesten ist in Liverpool, obwohl diese Stadt keine Fabrik-
stadt ist. Aber die Wohnungszustände waren da am traurig-
sten. Es lebten 40000 Menschen in Kellern. Ich kann aber
auf diese Statistik kein Gewicht legen, weil das Durchschnitts-
alter der Gestorbenen mit der mittleren Lebensdauer identi-
ficirt, d. h. keine Rücksicht auf die vei-schiedene Zusammen-
setzung der Lebenden nach Altersclassen genommen wird.
Auch die Tabellen *), welche nachweisen, dass in guten Stadt-
theilen, höheren Ständen und auf dem Lande die Lebensdauer
länger ist, bringen keinen exacten Beweis, weil die Zahl der
^) S. Firat Report of the Central Board on Employment of Children
in Factories 1833, S. 28 fF.
*) S. Second Report of the Central Board etc. 1833.
") Poor Law Commisioners Report on the Sanitär}^ Condition of the
labouring Population 1842.
*) a. a. 0. S. 153 flf.
«) S. 162 ff.
Gesundheits- und Wohnungsverhältiiisse. 639
Todesfälle nicht auf die der Lebenden in den betreffenden
Gruppen reducirt ist. Wenn wir aber auch die hier berech-
neten Zahlen nicht als richtig anerkennen können, so bringt
der Bericht doch von Sachverständigen bezeugte Thatsachen
genug, welche überhaupt beweisen, welchen hervorragend
schlimmen Einfluss die Wohnungsverhältnisse in den Haupt-
sitzen der Capitalherrschaft hatten.
Der Bericht erklärt, dass die Zahl der jährlichen Todes-
fälle in Folge von Fieber}s:rankheiten, die aus Uni-einlichkeit
entstehen , in England und Wales doppelt so gross sei als der
Menschen Verlust der AUiirten beiWaterloo.^) Er entwirft ein
erschreckendes Bild von Strassen ohne Canalisation, Arbeits-
räumen ohne Ventilation, von überfüllten Wohnungen und
Logirhäusein in Bergwerks- und Industriebezirken.') Besseres
Einkommen und höherer Lohn schützten nicht gegen dieses
Elend.') Es war ganz üblich, dass in den engen Wohnungen
mehrere Leute in demselben Bett schliefend) In Schottland
nahm die Zahl der Häuser überhaupt, aber nicht die der
Häuser für die unteren Classen^) zu. Allgemein war es auf
dem Lande besser als in den Städten, in denen meistens ein-
zelne Districte, in welchen die ärmeren Classen zusammenge-
pfercht wohnten, als Pestheerd wirkten. Jede Seite des Be-
richts fast liefert den Beweis, dass mit dem Durchschnitts-
einkommen der Arbeiter eine sanitätisch richtige Lebensweise
zu eimöglichen wäre, dass aber die schlechten Gewohnheiten
der schlecht und unhäuslich ei'zogenen, nur in längeren Perio-
den bezahlten Arbeiter, der Mangel an guten Wohnungen und
an Baupolizei eine solche Lebensweise verhindern. Die Quint-
essenz des ganzen Berichts ist: durch die Hen*schaft des grossen
Capitals, durch Fabriken und grosse Städte sind die arbeiten-
den Classen nicht ärmer geworden, aber sie sind verwahrlost.
Die herrschende Classe und die öffentliche Gewalt kümmern
*) a. a. 0. 8. 3.
^ a. a. 0. 8. 5—28, 25-27, 98-150.
") a. a. 0. S. 139, 177.
*) a. a. 0. 8. 124.
«) a. a. 0. S. 120.
i
640 Zweites Bach, Gap. 5.
sich ZU wenig um diese Classen^ die zu neuer Wii-thschaftsweise
gezwungen sind und gedankenlos als reine Arbeitswerkzeoge,
nicht als Menschen behandelt werden. Das war der grosse
Fehler der Zeit, dass man über dem Streben nach Steigerung
der Production und des Reichthums zeitweilig vergass, f)lr die
menschliche Lage Aller zu sorgen — während doch der ar-
beitenden Classe die Möglichkeit der Fortsetzung der alten
patriarchalischen Lebensweise genommen war und sie selbst
nicht die Kraft besass, sich ein menschenwürdiges Dasein
in den neuen Verhältnissen zu begi*ünden.^)
§ 3. Moralität.
Es lässt sich a priori schliessen, dass die ungesunde
Lebensweise der Fabrikarbeiter und insbesondere die Kinder-
arbeit auch demoralisirend wirken mussten. Das Aufwachsen
der Kinder in den Fabrikräumen feine von den Eltern Hess
sie fiühzeitig die rohen Gewohnheiten der Erwachsenen nach-
ahmen. Der schlechte Zustand der Häuslichkeit und die er-
müdende Thätigkeit in heissen Fabrikräumen verleiteten all-
gemein zum Trunk. Insbesondere wirkte der Umstand ver-
heerend, dass die Mädchen nicht mehr zu Hausfrauen er-
zogen wurden.
Die moralische Verwilderung der Fabrikbevölkerung wird
insbesondere durch den Children's employments Report von
1843 bezeugt.*) Es gab Fabrikkinder, welche den Namen des
Apostels Paul nie gehört hatten, denen aber der des Strassen-
räubers Dick Tui-pin sehr geläufig war. Christus selbst war
Vielen ein unbekanntes Wesen und sie konnten das Vateninser
nicht. Er erlosch in ihnen die natürliche Pietät gegen die
^) Bewegliche Schilderungeo der traurigen WohnuDgsyerhältnisse in
Fabrikstädten finden sich bei Engels und Faucher. Ich unterlasse es da-
her, solche in den Text aufzunehmen. Dagegen finden sich im Anhang
unter L authentische Schilderungen, die dem Report entnommen sind.
') Siehe die Auszüge im Anhang unter M.
Moralit&t. g4X
Eltern und die Liebe zu den Geschwistern. Ihr elendes Leben^
die schlechte Behandlung und schmutzige Kleidung vernichte-
ten die Selbstachtung, sie verloren das Pflichtgefühl und unter-
warfen sich nur stumpf dem Zwang zu automatischer Arbeit
Am Sonntag vergassen sie der Kirche und suchten Ti-unk und
Spiel. Auch diejenigen, welche nicht dem Vagabundenthum
vei-fielen und nicht mit dem Strafgesetz in Conflict geriethen^
verloren alle positive moralische Energie. Physisches und
moralisches Elend gingen mit einander Hand in Hand.
Wir Deutsche illhmen uns mit Recht der gi*ossen That-
sache, dass die Nation sich über die namenlose materielle und
moralische Verwilderung des dreissigjährigen Krieges wieder
emporzuheben veimochte. Dass aus der englischen Fabrik-
bevölkerung während ihres tiefsten Elends Leute von unge-
wöhnlicher Ej'aft hervorgingen und dass die ganze Classe
Züge von Edelmuth und Opferwilligkeit zu entwickeln im
Stande war, gehört auch zu den wunderbaren Zeugnissen der
Unverwüstlichkeit des Guten im Menschen. Doch hat es diese
Kraft im Arbeiterstande selbst nicht allein veimocht, die
Masse des englischen Volks auf die Dauer vor moralischer
Versumpfung zu bewahi-en, sondein die Gesammtheit aller
Leistungen des Staats und der Gesellschaft zur Hebung der
arbeitenden Classe haben direct und indirect der zunehmen-
den moralischen Verwildei-ung entgegengewirkt
In der Zeit, in der man die Fabrikarbeiter sich selbst
und dem nur an sich selbst denkenden Capital überliess, ent-
wickelte sich unter ihnen etwas von turpis egestas und Sklaven-
sinn. Nur der Umstand, dass die persönliche Freiheit schon
lange in England gesichert und der Arbeiter an das Bewusst-
sein der Freiheit und die damit verbundene Selbstverantwort-
lichkeit gewöhnt war, dämmte das Umsichgreifen des Uebels
ein, hätte aber bei weiterem Wuchern des „laissez faire" ge-
wiss allmälig seine Kraft verloren. Wie aber hätte wohl die
englische Fabrikbevölkei-ung 1830 dagestanden, hätte man
1770 Leibeigene in die Fabriken hereingezogen?
Als man gegen Ende unserer Periode in- England auf das
physische und moralische Elend der Fabrikarbeiter aufmerk-
Held, Soc. Gesch. Engl. 41
642 Zweites Buch, Cap. 5.
sam wurde , erhoben sich zwei Fragen : über die Gründe und
die Mittel der Abhülfe. Auch betreffs des moralischen Zu-
stands wurde gestritten, ob ihn die Fabrikarbeit als solche
verschulde und ob nicht vielmehr andere Stände noch unmo-
ralischer seien. Ferner war die Frage, ob intellectuelle Bil-
dung, speciell Schulbildung, dem moralischen Verkommen
steuern könne.
Was die erstere Frage betrifft, so gesteht GaskelP) zu,
dass die Delicto gegen das Eigenthum in England häufiger
als in andern Ländern und in regelmässiger Zunahme begrif-
fen seien mit dem Wachsthum von Handel, Industrie und
gi'ossstädtischem Leben. Dagegen behauptet z. B. Baines'),
dass die ländlichen Arbeiter zwar gesunder, aber weniger
moralisch als die Fabrikarbeiter lebten, was auch aus der
grösseren Zahl der unehelichen Kinder auf dem Lande her-
vorgehe. ^) Auch beruft er sich darauf, dass die meisten
jugendlichen Verbrecher Kinder von Vagabunden, nicht von
Fabrikarbeitern seien — wobei die Frage unerörtert bleibt,
ob und wie stark das Fabriksystem mit seinen Conjunctur-
wechseln das Wachsthum des Vagabundenthums begünstigt
Cooke Taylor schreibt dem Fabriksystem sogar einen positiv
die Moral hebenden Einfluss zu.*) Er bringt dafür aber keine
») a. a. 0. S. 285.
*) The social, educational and religious State of the Manufacturing
districts. London 1843, S. 57.
^) Dieses Argument ist für jeden Sachkundigen ahsolut bedeutungs-
los. Denn wenn uneheliche Kinder allerdings nicht die Folge von mora-
lischem Verhalten sind, so ist Seltenheit derselben an sich kein Beweis
für Moralität, da sie mit Ehebruch, sittlichen Abirrungen, präventivem
Geschlechtsverkehr — und unsinnig frühem Heirathen zusammenhängen
kann. Es kommt leider vor, dass Häufigkeit unehelicher Kinder die Folge
einer relativ gesund gebliebenen Sinnlichkeit ist.
*) Cooke Taylor a. a. 0. S. 284:
Ich habe Beweise beigebracht, dass die Immoralität in Manchester
nicht eine durch das Fabriksystem hervorgerufene, sondern lediglich die-
jenige Verderbtheit ist, welche einer grossen Stadt mit einer einwandern-
den und schwankenden Bevölkerung anzukleben pflegt Auf der andern
Seite hingegen, in Fabrikdörfem, wieTurton, Egerton,Hyde, Hollymount
Moralit&t 643
anderen Beweise, als dass namentlich die Fabrikarbeiter auf
dem Lande eine ganz bewunderungswürdige Geduld in schlech-
ten Zeiten entwickeln. Dies war gewiss sehr iUhmlich —
aber beweist es für gi'osse Moralität der Fabrikarbeiter als
solcher oder ist es nur eine Folge der bekannten Thatsache,
dass im grössten Elend der Muth zu unsinniger Gewaltthat er-
lischt und dass an der Spitze von Arbeiterbewegungen nie die
am schlechtesten, sondei-u die bestsituirten Arbeiter stehen?
Auch officielle Untei*suchungen sagen Qbiigens aus, dass
die Fabrikarbeiter in Bezug auf Moral anderen ungebildeten
Ständen nicht nachstehen.^) Aber wenn diejenigen, die als
Fabrikarbeiter noch im Dienste stehen, nicht mehr Verbrecher
stellen als andere Stände, so beweist dies Nichts f(lr die
Moralität aller derjenigen, die ihren Lebenslauf als Fabrik-
kinder begonnen haben und die erwähnte Aussage des Be-
richts von 1833 steht in unbedingtem Widerspi-uch mit den
Schilderungen des moralischen Elends der Fabrikkinder
von 1842.«)
ist die dort herrschende Moralität entschieden dem Fabriksystem zuzu-
schreiben, da nur solche Leute in diesen Orten wohnen, welche mit Fabri-
ken zu thun haben. Zum Schluss muss ich wiederholen, dass das gegen-
wärtige Elend den grössten unwiderleglichsten Beweis für die grosse mora-
lische Erait ablegt, welche durch das Fabriksystem geweckt worden ist;
eine Kraft, welche sich in der edelsten Weise offenbart — in dem heroi-
schen Ertragen unverdienter Leiden. Es hat noch niemals eine Bevöl-
kerung in der Welt gegeben, welche, nachdem sie aus dem Zustand, dessen
ich mich erinnere, in den jetzigen Zustand versunken war, weiterzuleben
vermochte, ohne schon längst durch den gemeinsamen Einfluss ihrer Er-
innerungen und des jetzigen Elends zu vollständigem Wahnsinn getrieben
worden zu sein. Was jetzt am meisten zu befürchten steht, und was zu
verhindern man am meisten bestrebt sein sollte, ist, dass ihre exempla-
rische Geduld nicht als Grund angeführt werde oder doch wenigstens als
Entschuldigungsgrund, um das ihnen zugefügte Unrecht fortzusetzen. Es
würde wenig erfreulich sein, diejenigen Folgerungen zu ziehen, die sich
uns darbieten würden, wenn einmal zu verstehen gegeben würde, dass die
Tugend ihre eigene Strafe mit sich bringen solle, anstatt ihre eigene Be-
lohnung. —
') First Report of the Central Board etc. 1883, S. 82.
') S. Anhang unter M.
41*
344 Zweites Bach, Cap. 5.
Das Maass der die Moralität schädigenden Einwirkung
der Fabrikarbeit wird sich nun gegenüber Baines und Taylor
ebensowenig statistisch exact nachweisen lassen, als das Maass
ihrer gesundheitsschädlichen Wirkungen durch Statistik der
Lebensdauer. Die Statistik liefei*t zur Messung der Moralität
kein anderes Material als die Zahlen über Angeklagte und
Bestrafte, gesondert nach Arten der Delicte, nach Bezirken
und Ständen. Diese Zahlen aber beweisen zunächst nur für
den Stand der Moralität im Ganzen, weil es sehr viele un-
moralische Handlungen giebt, die nicht crimineller Art sind
und weil es namentlich einen Mangel an positiver moralischer
Kraft giebt, der sich direct absolut nicht messen lässt. Die
Griminalstatistik leidet femer an dem Mangel, dass das
Wachsen ihrer Zahlen nicht nur von wirklicher Vermehrung
der Delicte, sondeni auch von besserer Justiz und schärferer
Polizei hen-ühren kann, und dass es unmöglich ist, die Zahl
der Delinquenten eines bestimmten Standes mit der Gesammt-
zahl derjenigen in Beziehung zu setzen, welche dem betref-
fenden Stande nicht jetzt angehören, sondern darin hauptsäch-
lich aufgewachsen sind.
Wenn so die Statistik einen exacten Beweis nicht zu lie-
fern im Stande ist, so führt aber doch jede vonirtheilsfi*eie
Betrachtung und richtige Gruppirung der Zahlen der engli-
schen Griminalstatistik dazu, den Optimismus von Baines und
Taylor überhaupt' als einen Irrthum zu erkennen.^) Es
steht zunächst unzweifelhaft fest, dass bis 1842 die Crimina-
lität überhaupt zunahm und zwar nicht nur in Theumngs-
jahren und dass diese Zunahme der Criminalität in der Zeit
der Ausdehnung der Grossindustrie weit beträchtlicher war,
als die der Bevölkerung und des Gesammtreichthums. Feiner
steht fest, dass die Criminalität im allgemeinen um so grösser
war, je grösser die Dichtigkeit der Bevölkerung in den ein-
zelnen Bezirken war, insbesondere aber, dass die Criminalität
^) Siehe namentlich Faucher, Etudes sur l'Angleterre 6d. 1, S. 417 ff.
und Bd. 2, S. 225, wo ein besonderer Aufsatz über englische Criminali-
tät abgedruckt ist, der zu den selbständigsten Theilen des ganzen Buchs
gehört.
Moralität 645
in den Districten mit Eisen- und Baumwollindustrie und in der
Hauptstadt die im ganzen übrigen Lande weit übertraf.
Ich führe diese Thatsachen indessen nur an, um die An-
sichten von Baines und seinen Gesinnungsgenossen zu wider-
legen. Den positiven Beweis dafür, dass die grosse Industrie
im Anfang ihrer Entwicklung gi'osse moralische Schäden er-
zeugte, kann nur die Betrachtung des ganzen Lebens der
Fabrikarbeiter und in den Fabrikstädten liefern. Es giebt
keinen anderen Beweis, wir brauchen aber auch keinen an-
deren, als die Schilderungen classischer Zeugen, welche uns
sagen, wie die Wohnungen, wie das Familienleben, die reli-
giöse Gesinnung der Fabrikarbeiter war und ist. Dies Leben
war an sich unmoralisch, d. h. moralisch schlechter als das der
fiilheren Bauern, Hausindustriellen und Handwerker.^) Die
Verwahrlosung der Fabnkkinder und die Zerstörung des
Familienlebens der Fabrikarbeiter, wie sie uns die officiellen
Berichte schildern *), war an sich eine neue Art und Quelle
von Immoralität
Wie betreffs der Gesundheit der Fabrikarbeiter, so ist
auch betreffs des Standes ihrer Moral zuzugestehn, dass der-
J. Kay, the Social Condition and Education of the People, London
1850, S. 337 :
„I speak with deliberation when I say that I know no spectacle so
degraded and if I may be allowed to use a streng word, so horrible, as
the back streets and suburbs of english and irish towns with their filthy
inhabitants; with their crowds of half clad, filthy and degraded children,
playing in their dirty kenneis; with their nnmeroos gin-palaces, filled
with people whose hands and hceB show how their flesh is, so to speak,
impregnated with spirituous liqaors — the only solaces, poor creatures,
that they havel — and with poor girls whom a want of a religious trai-
ning in their infancy and misery has driven to the most degraded and
pitiful of all porsuits.
„6o to London, reader, or to Manchester, or Liverpool, or Preston,
or Norwich, or Nottingham, or York or ehester, or to any other of our
large and increasing manu&ctoring or commercial towns , and see if my
description is exaggerated. An hour's walk in any one will sofEice to
convince you of its sad truth.
') S. Anhang unter M.
646 Zweites Bach, Cap. 5.
selbe nicht hauptsächlich durch die Fabrikarbeit als solche
direct gedrückt wurde, sondern dass die Grossstädte, empor-
wachsend mit der im Fabriksystem gipfelnden Gapitalmacht,
die stärkste der nächsten Ursachen des Uebels waren. Ferner
ist zuzugestehen, dass das Herabkommen des Handwerks, die
Noth der Hausindustriellen und der Betrieb des Ackerbaues
nach gi'ossindustriellem Muster auch in diesen Ständen Zu-
stände ei*zeugten, welche den Stand der Moral vei-schlechtem
mussten. Die Umwälzung, welche die besiegelte Herrschaft
des Grosscapitals in allen Productionszweigen dii*ect und in-
direct hervorrief, zerstörte die alten patriarchalischen Zustände
überall und versetzte überall die dienende Classe in einen
hülflosen Zustand, in welchem ihre Moral wie ihre Gesund-
heit leiden mussten.
Wir haben schon gezeigt, dass man deshalb die Gi'ossin-
dustrie nicht verdammen und nicht streben darf, sie zu ver-
nichten — man muss streben unter Erhaltung des gi'ossen
Fortschritts die damit verbundenen Schattenseiten durch selb-
ständige Mittel zu entfernen. Es ist aber die Frage, ob etwa
ohne Beschädigung des Fortschritts der Production das An-
wachsen der grossen Städte gehemmt und durch besondere
Mittel Decentralisation der Industrie mit Erfolg befordert
werden könne. Sagen doch unsere englischen Berichte wie-
derholt, dass es den Fabrikarbeitern auf dem Lande in jeder
Hinsicht besser gehe!
Gewiss ist es mit Freuden zu begiUssen, wenn Fabriken
sich auf dem Lande ansiedeln und der Fabrikarbeiter wieder
in Zusammenhang mit der Landwirthschaft tritt. Indessen ist
nicht zu leugnen, dass Concentration der Industrie bis zu ge-
wissem Maasse Vortheile för die Production bietet.
Dieser Vortheil besteht in der Heranziehung eines zahl-
reichen Arbeiteretamms mit technischen Traditionen, der jedem
neu enichteten Etablissement zu Gute kommt und in der
Möglichkeit eines concentrirten Marktes für die Producte ein-
zelner Gewerbszweige. Die „locale" Arbeitstheilung bietet
einen Theil der Vortheile der Arbeitstheilung überhaupt und
die Concentration der einzelnen Industriezweige in bestimm-
Monliut 647
ten Städten und Gegenden, die namentlich in England so
stark entwickelt ist, ist daher eine an sich natOrliche Er-
scheinung.
Dieser Entwicklung künstlich entgegenzuwirken, darfte
daher bedenklich sein. Man soll sich nur hdten , durch un-
gerechte Veilheilung der Armenlast und durch die Art der
Anlage und den Tarif von Eisenbahnen dies Uebergewicht der
grossen Städte noch kQnstlich zu steigern. Im Uebrigen wird
das Wachsen dieses Uebergewichts glücklich durch Vermeh-
rung der Eisenbahnen und durch die wachsende Steuerlast in
grossen Städten von selbst wieder einigennaassen eingedämmt.
Da aber die grossen Städte, wenn auch mit Hindernissen und
nicht ausschliesslich Oberhaupt wachsen, während kleine Städte
und das platte Land bei hoher industiieller Entwicklung an
Bevölkerungsdichtigkeit sogar positiv abnehmen, so muss man
sich resigniren, dass die hauptsächlichste und wichtigste Auf-
gabe die ist, die Lebensverhältnisse in den grossen Städten
selbst zu verbessern. —
Wir können hier nicht darauf eingehen, wie dies geschehen
kann und in wieweit es in England geschehen ist. Hier mag
nur g^enOber den schlimmen Zuständen, die sich in den
englischen Fabrikstädten in unserer Peiiode zeigten , erwähnt
werden, dass zwar noch heute die grossen Städte der Haupt-
sitz der schroffen und gefährlichen Gegensätze zwischen Reich-
thum und Elend und der Hauptsitz der professionellen Im-
moralität sind, daas aber auch gerade in ihnen sich am stärk-
sten ein neuer Mittelstand entwickelt, wie es die grosse Zahl
sogenannter kleiner Giiindbesitzer in den grossen Städten tuid
ihrer nächsten Umgebung beweist
Wenden wir uns nun zu der zweiten oben erwähntoD
Frage, so werden schon in unseren offidellen Berichten die
Klagen Ober schlechte Moral der Fabrikarbeiter stets mil
Schildei-ungen ihror erschreckenden Unwissenheit und Dnbil*
düng verbunden, und es werden darin aacb Zeugnisse axi^'<^
fahrt, welche dahin gehen, dass die gebildeten Arbeil
jeder Hinsicht besser sind. Diese Aossagen stehen
Widersprach mit andei-en Meinungen, welche behaupte!
:J
348 Zweites Buch, Cap. 5.
Verbreitung der Kunst des Lesens, Schreibens und Rechnens
keineswegs eine yei*minderung der Delicte gegen das Eigen-
thum erzeugen und dass die moi*alischsten Bezirke solche mit
geringer Bildung und patriarchalischen Verhältnissen seien.
Auch hier ist es wieder absolut unmöglich, einen stricten
statistischen Beweis zu liefern.^) Man kann die Criminalitftt
einzelner Bezirke mit der Zahl der Analphabeten in denselben
vergleichen, auch mehr agricole und mehr industrielle Bezirke
noch speciell unterscheiden — niemals wird man zwingend
beweisen können, dass ein grösseres oder geiingeres Maass
von Delicten gegen Person oder Eigenthum gerade von dem
Stande der Bildung und nicht von anderen Ui'sachen her-
rühren. Auch ist immer zu beachten, dass die in einem Be-
zirk angeklagten und bestraften Delinquenten zum gix>ssen
Theil aus andern Bezirken stammen.
Ich gestehe unbedingt zu, dass in einfachen Verhältnissen
bei vorwiegender Landwirthschaft in Verhältnissen, denenzu-
folge wenig Wandeining vorkommt und die Begehrlichkeit der
in gewohntem Geleise forilebenden Bewohner gering ist, in
denen bei sehr geringer Bildung die Ehrfurcht vor jeder an-
gestammten Autorität und das religiöse Gefühl stark geblie-
ben sind — dass in solchen Verhältnissen die wenigsten De-
licte vorkommen. Indessen ist auch dann Verbesserung der
Schulen und Erhöhung der Bildung anzustreben, weil das an
sich ein Gut und ein Hebel des menschlichen Fortschritts ist.
In grossen Städten und Fabrikstädten insbesondere wird
solchen Verhältnissen gegenüber stets die Criminalität steigen,
wenn auch nicht gegenüber Gegenden mit einer verkommenen
nomadisirenden Bevölkerung landwirthschaftlicher Taglöhner.
In solchen Städten werden sich Verbrecher aus aller HeiTU
Ländern zusammenfinden und die grössere Gelegenheit wird
mehr Diebe machen. Was aber die in solchen Städten lebende
resp. aufwachsende Arbeiterbevölkerung betrifft, so wird un-
rettbar der Neid auf den stets vor Augen stehenden gi*össe-
ren Reichthum, die Unsicherheit des Erwerbs und die Mög-
*) S. Faucher a. a. 0. S. 254.
MoraUt&t 649
lichkeit der Berfihrung mit dem professionellen Verbrecher-
thum und der gewerbsmässigen Prostitution eine besondere
Versuchung zum Abweichen vom Pfade des Rechts ausüben.
Und diesen Versuchungen gegenüber müssen gutgeleitete Schu-
len und Bildungsgelegenheiten für Erwachsene unbedingt als
heilsames Gegengewicht wirken, wenn sie auch die schädlichen
Wirkungen nicht in einer statistisch nachweisbaren Weise
überwiegen und aufheben.
Wenn aber das Kind des Arbeiters nicht mehr unter be-
ständiger Aufsicht der Eltein zu Hause leben oder als Lehr-
ling in die Familie eines Arbeitet's eintreten kann , sondern
entweder aufsichtslos auf der Strasse sein oder in der Fabrik
getrennt von den Seinigen arbeiten muss, so giebt es kein
anderes Mittel, als die Schule zum Ersatz der moralischen
und religiösen Erziehung in der Familie.
Alle Sachkenner sind einverstanden, dass in unserer Zeit
der Arbeitstheilung gewerbliche Schulen berufen sind , die
Lehre beim Meister bis zu einem gewissen Grade zu ersetzen.
Die durch die Grossindustrie gesteigerte Arbeitstheilung hat
auch der Familie einen Theil ihrer eigensten Functionen ge-
nommen und die Arbeit der Erziehung muss theilweise dem
speciellen Organ der Schule übertragen werden.
Natürlich kann nicht jede Schule einen solchen Ei-satz
für die Erziehung in den Familien bieten. Schulen, die nur
Armen- und Fabrikkinder umfassen, . sind schlechter als all-
gemeine Schulen. Sonntagsschulen sind höchst ungenügend.
Nur allgemeine obligatorische Werktagsschulen können giUnd-
lich helfen.
Sie sind die unentbehrliche Ei*gänzung der Fabrikgesetze,
indem sie allzulange und allzufrühe Fabrikarbeit von Kindern
verhüten und die Kinder der Fabrikarbeiter mit denen von
anderen Eltern zusammenbringen. Dies ist sehr zu beachten^
wenn man unsere deutsche mit der englischen Fabrikgesetz-
gebung vergleicht. Es ist jedenfalls sehr charakteristisch
und lehrreich , dass die Anfänge eines öfifentlichen Schul-
wesens in England durchaus an die staatliche Sorge für
die Fabrikkinder anknüpfen. Man hat praktisch erkannt.
650 Zweites Bach, Cap. 5.
dass für diesen Stand die Schule das einzige und unersetzliche
Mittel moralischer Erziehung ist.
Die Schule muss natürlich auch nicht rein sich darauf
beschränken, Kenntnisse und Fertigkeiten zu verbreiten, son-
dern sie muss religiöse Erziehung einschliessen und die Per-
son des Lehrers muss in jeder Weise direct und indireet auf
Ausbildung moralischer Grundsätze bedacht sein. Doch ist
auch die rein intellectuelle Bildung nicht gleichgültig. Sie er-
zeugt grössere Selbstachtung, giebt dem künftigen Arbeiter
eine vielseitigere Vei*wendbarkeit, die Fähigkeit, sich selbst
Erwerbsgelegenheiten zu suchen und sich an der Verwaltung
von Vereinen, Hülfscassen etc. zu betheiligen. Sie schützt
gegen gewisse Gefahren des ökonomischen und damit auch
des moralischen Vorkommens. Der erwachsene Arbeiter, der
eine gewisse Schulbildung genossen hat, ist auch fähiger und
geneigter, bessere Genüsse als den Trank sich zu vei-schaffen.
Ich behaupte keineswegs, dass die Kunst des Lesens insofern
eine conservative Wirkung hat, als der Arbeiter, der lesen
kann, die ewigen Wahrheiten der Nationalökonomie aus
Büchern sich aneignen könne — er kann dann ebensogut sodal-
demokratische Zeitungen lesen. Eine geringe Bildung schützt
in der That keineswegs gegen radicale Ansichten, aber
jede Bildung vermindert einen rohen gewaltthätigen Willen.
Aus diesem innern Grunde ist eine richtige genügende
Bildung ganz insbesondere als dringendes Bedürfniss für ge-
werbliche Arbeiter zu betrachten und unleugbar ist der höchst
trostlose Zustand der englischen Schulen im Anfang des Jahr-
hunderts als einer der Gründe zu bezeichnen, welche die trau-
rigen Arbeiterzustände verschuldeten. Schulen allein konn-
ten und können die Arbeiterbevölkerang nicht glücklich, wohl-
habend und sittlich machen. Sie können aber einen Theil der
schädlichsten Einwirkungen auf die Arbeiter der Grossindustrie
neutralisiren, wie es der Bericht von 1843 anerkennt und
durch zahlreiche Beispiele, in denen intellectuelle und mora-
lische Verwahrlosung Hand in Hand ging, bewiesen hat.
Nur langsam hat das herrschende Capital eingesehen,
welche durchaus erfüllbare Pflicht ihm auf diesem Gebiet seine
Gresch&ft8stockimgen. 651
Herrschaft auferlegt — mit Hülfe des unterstützenden und
zwingenden Staats ist die Anerkennung dieser Pflicht dennoch,
wenn auch noch immer unvollständig, praktisch dui'chgesetzt
worden. Die ganze Frage zeigt besonders deutlich, dass die
moderne Organisation der Gesellschaft und die Macht des
Gapitals zwar Uebel erzeugt^ diese aber in einem gesunden
Staat auch überwinden kann. Wenn die Noth und Verwilderung
der ländlichen Taglöhner in England theilweise noch schlim-
mer wurde als die der Fabrikarbeiter, so daif man vor Allem
nicht vergessen , dass dies eine indirecte Folge der Capital-
herrschaft war — und es ist daraus nur zu schliessen, dass
Schulen und andere Hülfe auch für diese Arbeiter Noth that
§ 4. Geschäftsstockungen.
Als ein besonderer Giomd des materiellen und morali-
schen Elends der Arbeiter der Grossindustrie wird allgemein
die Gefahr unverschuldeter Erwerbslosigkeit angeführt, wel-
cher dieselben ausgesetzt sind.
Diese Gefahr ist eine doppelte. Der einzelne Arbeiter
kann durch Krankheit oder Alter erwerbsunfähig werden und
es können giössere Kategorien von Arbeitern durch Markt-
conjuncturen oder Einfühi-ung neuer Technik, d. h. durch Ver-
minderung der Nachfrage nach ihrer Arbeit in Noth ge-
rathen. —
Unzweifelhaft ist diese Gefahr, der Armenpflege zu ver-
fallen, ein grosses und ernstes Uebel, das den Arbeiter ei*st
zum vollen Proletarier macht und ihm einen unsittlichen Leicht-
sinn einflösst. Wäre dem Arbeiter, der arbeiten will, sein
Lohn sicher, so könnte er in der That seine Arbeitskraft als
ein Capital betrachten und wäre kein reiner Proletarier, der
von der Hand in den Mund lebt und an die doch unberechen-
• bare Zukunft zu denken unterlässt.
Der Unsicherheit der Existenz des Arbeitei*s in der Gross-
industrie geht parallel die Gefahr des Bankerottwerdens fUr
652 Zweites Buch, Ci^. 5.
den Capitalisten und beide Gefahren entstammen derselben
Ursache, dem aleatorischen Charakter der heutigen Industrie.
Die Gefahr des Arbeiters ist aber in der That die grössere
und schlimmere, weil der Capitalist, der sein Geschäft an-
stellen muss, selten so absolut hülflos ist wie der entlassene
Arbeiter und weil der Capitalist die Gefahr auch eher vor-
hersehen und sich davor baten kann. Freilich können den
Capitalisten, ehe er sein Geschäft einstellen muss, schwere
Verluste treffen, während der Arbeiter noch gleichen Lohn er-
hält. Dafür macht er aber auch in guten Zeiten Gewinne, an
denen der Arbeiter keinen Theil hat Kui'z, wenn der
Unternehmer auch durch die Gi*ossindustrie beschädigt wer-
den kann und wird, so ist die ihm drohende Gefahr doch nicht
in dem Maasse wie die Unsicherheit der Existenz des Arbei-
ters ein sociales Uebel, welches die ganze Lage eines grossen
Standes verdirbt.
Man kann sagen, dass vor der Grossindustrie der Arbei-
ter anderen noch grösseren Gefahren ausgesetzt war. Kriege
und Seuchen waren damals häufiger und bei schlechter Ernte
geriethen wegen der Schwierigkeit der Zufuhr und des man-
gelnden Credits ganze Gegenden in grosse Noth. Dann aber
litt der Arbeiter mit allen niederen Ständen zusammen und
er verfiel keiner Noth, welche geeignet war, die Classengegen-
siltze zu verschärfen und zu bitterem Bewusstsein zu bringen.
Wir haben es also unter modernen Verhältnissen mit einem
eigen thümlichen Uebel zu thun, welches den Stand der
Arbeiter als solchen betrifft.
Was zunächst die Gefahr von Krankheit und Alters-
schwäche angeht, so gab es in früherer Zeit weniger reine
Proletarier als heute und der mehr sesshafte Arbeiter hatte
am Gutsherrn, am Meister oder an der Zunft viel mehr einen
natürlichen Rückhalt. Er war weniger verlassen. Heute hat
er nur die immer entwürdigende legale Armenpflege, wenn
nicht ein ausnahmsweise humaner Arbeitgeber persönlich hilft.
Es ist daher ein allgemein anerkannter Satz, dass alleArbei-*
ter womöglich in Holfscassen stehen sollen.
Gerade der englische Arbeitei-stand hat in Gründung und
GescliftftsBtockangen. 653
Verwaltung von HUIfscassen Grosses geleistet. Noch immer
ist zwar die Zahl deijenigen, welche der Armenuntei-stützung
verfallen, gross. Noch immer bleibt es eine Frage, ob Hülfs-
cassen und speciell Kranken- und Alterscassen obligatorisch
oder freiwillig sein sollen. Das aber ist durch die Thatsachen
entschieden, dass zur Beschwörung dieser Gefahren in dem
HUlfscassenwesen das einzig mögliche, aber auch an sich aus-
reichende Mittel gegeben ist.
Anders steht es mit der Erwerbslosigkeit des Arbeiters
durch Conjuncturen und technische Fortschritte. Dies Uebel
ist vor Allem ganz ausschliesslich durch die Grossindustrie als
solche hervorgeinifen. Die Grossindustrie bewegt sich in rast-
losem Foi*t8chritt; jede technische Neuerung kann einzelne
Arbeiterkategorien in Verlegenheit versetzen und das Bedürf-
niss nach Steigerung der Production sowie die Concurrenz
unter den Fabrikanten erzeugen foitwährend neue Foi-tschritte.
Wir haben schon gesehen, in wie ungeheurem Umfang der
mechanische Webstuhl die Handwerker in Elend vei*setzte und
im Kleinen wiederholte sich diese Erscheinung bei anderen
Erfindungen. Wir haben auch schon gesagt, dass in solchen
Fällen staatliche Unterstützung namentlich zur Erleichterung
des Uebergangs in andere Gewerbe am Platze sein kann.
Geschieht dies nicht, so macht schliesslich im schlimmsten Fall
das Aussterben der betreffenden Arbeiterkategorien dem Elend
ein Ende. Solche Noth in Folge von technischen Fortschritten
wird aber nicht immer eine Mitleid erweckende öffentliche
Calamität. Werden davon nicht physisch und in Bezug auf
ihre Willenskraft schon beschädigte, sondern frischere, besser
situirte Arbeitskräfte betrofifen, so wird der Uebergang in
andere Gewerbe leichter.
In den Vereinigten Staaten von Amerika ist es bekannt-
lich geradezu die Regel, dass der gewerbliche Arbeiter mit
seinem Gewerbe im Laufe des Lebens mehrfach wechselt.
Auch in Deutschland ist dies schon stark entwickelt. Diese
Beweglichkeit des Arbeitet's in der Gi*ossindustrie schwächt
zwar den Zusammenhalt der Gewerbsgenossen, neutralisirt aber
auch manche schädliche Wirkung der Arbeitstheilung. Wir
554 Zweites Buch, Cap. 5.
massen sie bei dem raschen Tempo des technischen Fortschritts
bis zu einem gewissen Grade fdr unentbehrlich erklären und
wenn wir dies anerkennen, so entspringt daraus nebenbei be-
merkt ein neuer Grund für die Nützlichkeit niederer Gewerbe-
schulen, welche eine allgemeine technische Elementarbildung
neben der Ausbildung für einen besonderen Gewerbszweig
geben.
Brauchen wir so nur in besondere schweren Fällen directe
Staatshülfe und können wir uns in den gewöhnlichen leich-
teren auf die indirect zu befördernde vielseitige Verwendbar-
keit des Arbeiters verlassen, so braucht der Arbeiter, welcher
Lust und Kraft zum Uebergang in eine neue Thätigkeit hat,
doch gewöhnlich zur Erleichterung des Uebergangs, bis er eine
andere Thätigkeit gefunden und erlernt hat, einiger Unter-
stützung. Offenbar ist es am besten, wenn ihm diese von
einer Gasse gewährt wird, in die er bisher eingezahlt hat
und in der er sogar meist als Mitglied verbleiben kann, wenn
die Gasse nur etwas giössere und nicht zu enge Kategorien
von Arbeitern umfasst.
Dasselbe Bedüi-fhiss tritt aber noch viel entschiedener
ein im Falle der Erwerbslosigkeit durch Conjuncturen.
Es ist das Wesen der Grossindustrie, dass sie auf ein
weites Absatzgebiet angewiesen ist, in welchem durch Wechsel
der Mode, Veränderung der Zölle und der Transportverhält-
nisse, Wechsel in der Zahlungsfähigkeit der Kunden etc. leicht
unberechenbare Störungen eintreten können. Dieselben Stö-
rungen können den Bezug des nothwendigen Rohmaterials be-
treffen. Der beständige Wechsel der Conjuncturen ist eine
Folge des grossen Marktes, der das Wesen und dieGnind-
lage der Grossindustrie ist. Haus- und Fabrikindustrie unter-
scheiden sich in dieser Hinsicht gar nicht principiell. Das
Schlimmste bei der Sache ist, dass es bei den unberechen-
baren und unvermeidlichen Schwankungen keineswegs ver-
bleibt, sondern dass Störungen durch das speculirende Gross-
^ capital selbst oft allein hervorgerufen oder doch ungeheuer-
lich gesteigert werden.
Im Leben des einzelnen Menschen wechseln Zeiten von
Geschftftsstockungen. 655
angespannter und von schlafferer Energie, ganze Völker wech-
seln zwischen Zeiten stärksten Foi-tschritts und relativer Stag-
nation. Es ist natürlich, dass auch die Production und Con-
sumtion gewerblicher Producte nicht constant zunimmt,
sondem Schwankungen ausgesetzt ist Das Schlimme aber
ist, dass bei solchen Schwankungen nicht alle Angehörigen
eines Productionszweigs zu einer durchschnittlichen Veiminde-
rung ihrer Thätigkeit und ihres Consums gezwungen werden,
sondern dass ein Theil ganz arbeits- und brodlos wird. Und
das Uebel wird durch ein specielles fehlerhaftes Verhalten der
Leiter von Handel und Industne besonders häufig und stark.
Wenn in Folge irgend einer äusseren Veranlassung die
Aussichten auf Absatz und Gewinn in einem oder vielen Pro-
ductioDSzweigen steigen, so nimmt die Lust des Producirens zu
und es werden mehr Arbeitskräfte oft gegen steigenden Lohn ge-
dungen. Dies thun aber viele Unteinehmer gleichzeitig , ohne
dass der Einzelne sich um die gesammte Ausdehnung der
Production kümmert. Statt sich gegenseitig zu controlliren,
steigern sie sich gegenseitig in der Leidenschaft, indem Jeder
zuerst und am meisten zu gewinnen hofift. Schliesslich tritt
der Zustand ein, dass mehr Producte und diese zu höheren
Kosten eraeugt worden sind, als es der wirklichen Nachfrage
entspricht. Eine Zeit lang wird dies noch nicht erkannt oder
absichtlich verhüllt Schliesslich tritt die unverkennbare
Unmöglichkeit ein, zu den gehofften Preisen zu verkaufen, es
folgen vei-schuldete und unverschuldete Bankerotte, welche
direct eine Einschränkung des bisherigen Umfangs der Pro-
duction bewirken und auf längere oder kürzere Zeit allge-
meine Muthlosigkeit erzeugen. Aus dieser entsteht dann ein
Zustand, demzufolge eine Anzahl von Arbeitskräften brach
liegt und in Elend geräth, obwohl weder die Menge der reel-
len Productionsmittel, noch der Menschen, die arbeiten und
gemessen können, abgenommen hat Vei*schieden sind die
ersten Veranlassungen und die Ausdehnung solchen Aufeinan-
derfolgens von üeberspeculation und Krisis — immer gerathen
dadurch Arbeiter in wenn auch vorübergehende, so doch
656 Zweites Buch, Cap. 5.
schwere Noth und leider sind diese Krisen eine sich constant
wiederholende Erscheinung geworden.
Es kann hier nicht meine Absicht sein, die Lehre der
E^risen dogmatisch zu behandeln. Uns interessirt hier vor
Allem die Thatsache, dass sie in der Zeit der Entwicklung
der Grossindustrie sich als ein periodisches Uebel einstellten
und die Folge hatten, dass nothwendig ein Theil der gewerb-
lichen Arbeiter, die sogenannte Arbeiter-Reserve-Armee, nur
in den allerbesten Zeiten voll beschäftigt werden konnte. Opti-
mistische Lobredner der Grossindustrie erwarteten Verschwin-
den des Uebels vom Freihandel ^) — heute verlangen unsere
deutschen Industriellen Schutzzölle als Gegenmittel gegen die
Krisen!
In der That liegt die Sache so, dass die Häufigkeit der
Krisen einfach mit der Erstarkung und Ausdehnung der Gross-
industrie zugenommen hat.^) Schon in unserer Periode aber
waren sie eine so eiiiste Erscheinung , dass sie «um Gegen-
stand besonderer parlamentarischer Untersuchung wurden')
und zwar handelte es sich jetzt nicht mehr daioim, das Capi-
tal in der begünstigten Industrie durch Schutzzölle und ähn-
liche Maassregeln vor Verlusten zu bewahren, sondern man
erkannte die Noth der Arbeiter als eine öffentliche Frage an.
Nach dem erwähnten Bericht waren gegen Ende unserer
Periode die Löhne in der Industrie im Allgemeinen von ge-
nügender Höhe *), aber diese Löhne waren nicht sicher. Hülfe
^) Cooke Taylor a. a. 0. S. 44 ff
«) Marx a. a. 0. S. 449.
^) Report on the Means of lessening the evils arising from the Fluc-
toation ot Employment in manufactaring districts, 1830.
*) Der Bericht macht folgende Angaben:
Baumwollindustrie; es giebt vier Classen von Arbeitern:
1. mit 20 Sh. Wochen verdienst (Männer),
2. mit 12 Sh. Wochenverdienst (Männer und Frauen),
3. mit 7 Sh. Wochen verdienst (Männer und Frauen),
4. mit 2 Sh. 6 pence Wochen verdienst (Männer und Frauen;
auch Kinder).
Geschäftsstockungen. 657
gegen die Schwankungen des Erwerbs gewährten Clubs, d. h.
Hülfscassen und Gewerkvereine, denen aber nur eine Minder-
zahl von Arbeitern angehörte. Die Mehrzahl war völlig hülf-
los. Die Arbeitgeber gaben in schlechten Zeiten einfach weni-
ger Arbeit aus, oder wenn sie die Arbeiterzahl beibehielten,
so erniedrigten sie doch den Lohn. Dies veranlasste die Ar-
beiter zu vermehrter Anstrengung, und es fand dann gerade
in schlechten Zeiten eine das üebel noch vennehrende Ueber-
production statt.
Der Bericht schlug daher eigene Gassen zur Versicheining
gegen Erwerbslosigkeit vor, in die jeder Arbeiter sollte ein-
zahlen können, so dass dann Jeder nach Maassgabe seiner
Einzahlungen im Nothfall unterstützt werden könne. Aus-
dehnung der Glubs wünscht der Bericht nicht. —
Wollenindustrie in Leeds; es giebt drei Classen:
1. Weber mit 14 Sh. Wochenverdienst,
2. Spinner und Yorspinner mit 21 Sh.,
3. Zurichter (dresser) mit 21 Sh.
Dann Weiber 6 Sh.; Kinder 3—5 Sh.; Kinder von 12—16
Jahren 6—8 Sh.
Teppichfabrikation in Kidderminster ^
1. Classe 30 Sh.,
2. Classe 25 Sh.,
3. Classe 20 Sh.
Seit 1815 sanken die Löhne um 33%.
In Sheffield:
1. Classe 25 Sh.,
2. Classe 20 Sh.,
3. Classe 16 Sh.
Die Angehörigen der 1. Classe verhalten sich zu denen der
folgenden Classen wie 1:3:8; zusammen sind es 16,000
Personen.
In Birmingham:
1. Classe 24 Sh.,
2. Classe 18 Sh.,
3. Classe 12 Sh.
In Wolverhampton :
Schlosser 11 — 14 Sh. Die Löhne der Schraubenmacher und
der „hingemakers" sind seit 1816 und dann wieder seit
1826 gesunken. Dagegen Lohn der Japanners^ 20 bis
30 Sh.
Held, Soc. Gesch. Eugl. 42
658 Zweites Buch, Gap. 5.
Da der Bericht aber solche Gassen nicht erzwingen und
unter behördliche Aufsicht stellen will, so ist nicht einzusehen,
wie verhütet werden soll, dass solche Gassen einfach Gewerk-
vereine werden und für das Princip, dass Jeder nur bis zum
Betrag seiner Einlagen untei'stützt werden soll, sind keine ge-
nügenden Gründe zu finden.
Der Werth des Berichts liegt sonach zumeist nur in der
Anerkennung des Uebels. So gi'oss dasselbe ist, so ist es doch
unbedingt ohne Zei'stöi'ung der Grossindustrie zu heben. Eine
Hebung desselben durch eigentliche Versicherungsanstalten
ist unmöglich, weil die Höhe der Gefahr sich absolut nicht
erfahrungsgemäss feststellen lässt und weil es keine sicheren
fonnalen Anhaltspuncte giebt, vei'schuldete und unverschuldete
Arbeitslosigkeit zu unterscheiden. Man denke nur an den
Fall, dass den Arbeitern ein niedriger Lohn geboten wird, zu
dem sie nicht arbeiten wollen.
Es können hier nur genossenschaftliche Verbände nach
Ali der Gewerkvereine helfen, die von den Arbeiteni freiwillig
gebildet und von ihnen selbst verwaltet werden, und welche
die Vertretung der Interessen der Arbeiter in Bezug auf die
Lohnhöhe mit übernehmen.^) Ohne auf die Entwicklung die-
ser Verbände näher einzuziehen, weisen wir nur im AUije-
meinen darauf hin, dass sie sieh in dem krisenreichsten Lande
der Grossindustrie besonders stark, blühend und gemässigt
entwickelt haben.
Die Noth und Gefahr der modernen Conjuncturen treibt
die Arbeiter zu geschlossenen Verbänden zusammen , so wie
einst die Zünfte zum Kampf und Schutz gegen die Mächte
gegründet wurden, die in alter Zeit die stätige Entwicklung
des Gewerbes bedrohten. Es ist eine wahnwitzige extreme
Ansicht, dass die Schwankungen des Absatzes zur Abschaff-
ung der wirthschaftlichen Freiheit und der selbständigen Unter-
^) S. Brentano, Arbeiterversicherung etc. 1879. Ich stimme den Mo-
tiven und Vorschlägen dieses Buchs keineswegs durchweg zu. Darin hat
aber Brentano recht, dass nur Gewerkvereine die Versicherung gegen
Erwerbslosigkeit leisten können.
GeBchäftsstockungen. 659
nehmungen führen, dass diese durch allgemeine staatliche
Reguliining von Production und Absatz ei'setzt werden müssten.
Die Absatzschwankungen sind in der That ein gi-osses Uebel,
aber eben dies Uebel erzeugt selbst sein Gegenmittel — die
Corporation des Arbeiterstandes. Und dieses Gegenmittel
kann und wird noch weiteren Segen bringen.
Die Gewerkvereine agitiren bekanntlich auch für geregel-
tes Lehrlingswesen und gegen willkürliche Steigerung der Zahl
der ungelernten Arbeiter. So sehr diese Agitation manchmal
verfehlt sein mag, es steckt doch die richtige Tendenz darin,
die Ueberproduction zu erschweren. So können Gewerkver-
eine nicht nur die ausgebrochenen Krisen dem Arbeiter tragen
helfen — sie können auch ihrem Ausbioich vorbeugen. Schnell
ist die Grossindustrie emporgewachsen, schneller als die soci-
alen Institutionen zur Heilung ihrer Schäden sich entwickeln
konnten und können, weil zu ihrer Consolidirung die erzogene
sittliche Kraft der Massen nöthig ist. Aber ein ruhiger Blick
in die Zukunft, ausgehend von der Betrachtung dessen, was
schon begonnen hat, kann nicht zu verzweifelten Voi*schlägen
führen.
Es ist hinreichend bekannt, wie die Krisen auch die poli-
tischen Leidenschaften der Arbeiter stets gewaltig steigerten.
Sie waren besonders heftig und interessant im fünften Jahr-
zehnt unseres Jahrhunderts. Was unsere jetzige Periode be-
trifft, so hat dieselbe ausser vielen Krisen in einzelnen Indu-
striezweigen , namentlich der Baumwollindustrie , die zwei
grossen allgemeinen Krisen von 1815 — 16 und 1825 — 26 auf-
zuweisen.^) Diese Krisen vei-setzten jedesmal Massen von Ar-
beitern in Noth und grosse Aufregung. Bei ihrer Betrachtung
im Vergleich mit den Krisen älterer Zeit zeigt sich ein in
socialer Hinsicht bedeutsamer Unterschied. Das junge Gross-
capital am Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhundeits
hatte seine Orgien gefeiert und wurde an Intensität des Schwin-
dels in späterer Zeit nicht übertroffen. Jetzt aber drückte
die Störung in der Bewegung des Capitals, das viel directer
^) S. Max Wirth, Handelskrisen.
42
660 Zweites Buch, Cap. 5.
die Industrie beherrschte, viel empfindlicher und in grösserer
Ausdehnung auf die Massen.
Die künstliche Hinaufschraubung der Weilhe, wie sie
bei dem holländischen Tulpenschwindel und den Law'schen
Unternehmungen in Frankreich stattfand, steht noch beute
unerreicht da. Allein diese Ueberspeculatiohen waren wirk-
lich einfach „Seifenblasen". Eine relativ kleine Anzahl von
Capitalisten glaubte ihren Besitz veimittelst ihrer Phantasie
reell vermehren zu können, steigerte eine Zeit lang den Ck)n-
sum ganz unvernünftig — und war hinterher genöthigt, sich
als verarmt zu erkennen. Das Capital schwelgte in verlocken-
den Vorstellungen von dem Gewinn, den Banken, Colonial-
unteniehmungen und dergleichen abwerfen sollten und ver-
nichtete dadurch einen Theil .seiner selbst. Aber das noch
zumeist i-ein merkantile Capital riss noch nicht breite Massen
von Arbeitern in seinen Ruin direct mit hinein. Freilich ti-at
nach Zerplatzen der Seifenblasen eine Einschränkung des Con-
sums ein, welche auch auf die gewerblichen Arbeiter zurück-
wirkte. Diese Wirkung vertheilte sich aber gleichmässig auf
viele Gewerke und es waren noch nicht geschlossene Kate-
gorien gewerblicher Arbeiter von bestimmten Kategorien des
speculirenden gewerklichen Capitals direct abhängig. Diese für
die Arbeiter empfindliche Abhänjiiigkeit entwickelte sich aller-
dings schon, wo die die Hausindustrie beherrschenden Capita-
listen zu speculiren begannen — sie wurde aber sehr schmerz-
lich und constant erst empfunden, nachdem das Capital durch
Fabrikanlagen die vollste, directeste Herrschaft über die In-
dustrie gewonnen hatte.
Lehrreich ist in dieser Hinsicht die Betrachtung des Jah-
res 1695, welches unter Anregung der Gründung der Bank
von England reich war an Projecten und Gründungen. Das
kaufmännische Capital im Gefühl seiner jungen Macht und
seiner Erfolge wurde übermüthig. Es war aber auch nicht
möglich, alle gemachten Ersparnisse und allen vorhandenen
Unternehmungsgeist in reellen Productivwerkstätten anzulegen,
es war mehr Capitalkraft da, die fähig und geneigt war, zu
herrschen und zu gewinnen, als es Gelegenheiten zum Gewinne
Geschäftsstockungen. QQl
und Objecte zum Beherrschen gab. So wurde ein Theil des
gewissermaassen relativ überflüssigen Capitals in Bank-, Lot-
terie-, Tauchennaschinen-, Perlfischerei- etc. Projecten ver-
geudet.^) Es wurden freilich auch schon Leinenindustriege-
sellschaften, Wasser-, Salpeter-Compagnien u. dgl. gegi-ündet,
aber es überwogen noch vergleichweise solche Unternehmun-
gen, welche nicht direct eine gewisse Anzahl gewerklicher Ar-
beiter in Thätigkeit versetzten und nach ihrem Fall ins Elend
brachten.
Wie andei-s in der Zeit der Fabriken und Eisenbahnen •
Auch jetzt noch spielen bei Ueberspeculationen Banken und
Projecte, bei denen nie ein Anfang der Ausführung gemacht
wird, ihre Rolle. Es kommt noch vor, dass einfach gewandte
Schwindler unerfahrenen Capitalisten ihre Erspaniisse abneh-
men, ohne dass au diesen Verlusten direct und empfindlich
Arbeitermassen betheiligt werden. Aber diese Fillle sind weni-
ger zahlreich und in ihrer Wirkung weniger weitgreifend als
diejenigen, in denen Eisenbahnen, Fabriken u. dgl. wirklich
neu gegi-ündet oder ausgedehnt werden und nachher zu Giomde
gehen oder auf geringeren Geschäftsumfang reducirt werden.
Das grosse industrielle Capital ist weniger phantastisch als
das rein mercantile. Es treibt die Ueberspeculation weniger
acut und intensiv. Es betreibt sie aber periodisch und regel-
mässig, gewissermaassen gewerbsmässig ohne bösen Willen
oder Fahrlässigkeit einzelner Individuen — einfach, weil es
den Markt, von dem es abhängt, nicht übei'schauen kann und
es verstrickt sein Gefolge industrieller Arbeiter mit verstärk-
ter Macht in seinen eigenen Schaden. „Wenn die Könige
bau'n — haben die Kärrner zu thun" — d. h. in guten Zei-
ten, wenn das Capital uuteiiiehmungslustig ist, und gute Ge-
winne macht, finden alle Arbeiter Erwerb. Aber was die
gi'OssenH erren sündigen, büssen die kleinen Leute: wenn das
herrschende Capital Störungen erlebt, so ist die Existenz
der Arbeiter bedroht.
Corporative Organisation der Arbeiter entzieht diese über-
^) S. Anderson, History of Commerce, Vol. 2 S. 614.
662 Zweites Buch, Cap. 5.
haupt der willkürlichen und despotischen Herrschaft der Ca-
pitalisten und schützt sie insbesondere gegen die Wechselfälle
in den oberen Regionen. Sie führt die Herrschaft des Capi-
tals gleichsam aus einer absoluten, die anfangs natürlich war
aber Missstände erzeugte, in eine constitutionelle und segens-
reiche über — natürlich nicht ohne Kampf und nicht auf
einen Schlag.
üeberspeculation und Krisen verändei-ten im Laufe der
Zeit ihren Character insofern, als sie weniger wahnwitzig und
jäh wurden, aber dafür sich auf weitere Kreise von Capita-
listen und Arbeitern ei-streckten. Diese charakteristische Ei-
scheinung der Neuzeit ist nicht nur für Beurtheilung der Ver-
hältnisse, wie sie geworden sind, höchst lehrreich, indem man
daran sehen kann, dass und auf welchem Wege die wichtigste
sociale Reformthätigkeit entwickelt werden kann und soll —
sie ist auch sehr interessant für die Geschichte der Entwick-
lung der CapitalheiTSchaft. Wenn wir die Krisen des 19. Jahr-
hundeits mit denen früherer Jahrhunderte vergleichen, so sehen
wir deutlich, dass das Capital seine Organisation und HeiT-
schaft von Oben zu begründen begann. Der Hauptsache nach
haben nicht kleine Capitalisten sich aus den Handwerkern
entwickelt und über langsam wachsende Massen von Arbeitern
Herrschaft gewonnen, bis sie zuletzt bei steigendem Reichthum
Herrn des ganzen wirthschaftlicheu Lebens wurden; sondern
es wurden zuerst Schifffahit, auswärtiger Handel und Banken
organisirt und unter dem Einfluss dieser Mächte Handwerker
in Hausindustrielle verwandelt. Dann reichten Parvenüs aus
dem Stande der Hausindustriellen den herrschenden Kauf-
leuten die Hand, um die Herrschaft des Capitals bis in die
ersten Stadien gewerklicher Thätigkeit hineinzutragen und sie
dadurch zu vollenden. Nachdem dies mit Kampf und Leiden
eiTcicht war, beginnt ein neuer Kampf, diese Hen-schaft —
nicht zu vernichten, sondern weniger willkürlich und so zu
gestalten, dass sie den Gesammtinteressen dienen kann.
Sechstes Capitel.
Rückblick.
Ich habe im zweiten Buch versucht, auf Grund der besten
mir zugänglichen Quellen ein Bild davon zu entwerfen, wie
das alte selbständige Handwerk abstarb, wie Hausindustrie
und Fabriken emporkamen. Es vei*schwanden nicht die klei-
nen Betriebe, aber sie verloren ihre herrschende selbständige
Stelle, ihre tonangebende Bedeutung, ihre eigenthümliche soci-
ale Ordnung. Das grosse Capital wurde der Herr der ge-
werklichen Arbeit, zunächst in der Form der Hausindustrie,
dann noch mehr durch die Fabriken, in welchen das Geschick
und die Bildung des berufsmässigen Technikers vielfach Ge-
schick und Ausbildung des Arbeitei-s ersetzen, und welche die
Macht des Capitals steigern und befestigen. Die Fabrikanten
und Kaufleute nennen sich noch „Mittelclasse'^; in der That
sind sie aber eine wenig zahlreiche neue herrschende Classe
und die Fabrikherrn ei'schweren das Bestehen eines wirklichen
gewerklichen Mittelstands.
Auch unter dem Fabriksystem bewahrt das herrschende
Capital seinen urspiilnglichen mercantilen Charakter. Fabrik-
herren, Grosshändler und Banquiei*s bilden zusammen einen
herrschenden Stand, dessen Glieder sich nicht wie die alten
FeudalheiTen bestimmte Gruppen von dienenden und abhängi-
gen Leute dauernd unterjochen und sich geschlossene Hen*-
schaftsgebiete schaffen, der aber in seiner Gesanuntheit die
Gesammtheit deijenigen beherrscht, die ohne nennenswerthen
Besitz und ohne höhere Bildung von mechanischer Arbeit
gg4 Zweites Bnch, Cap. 6.
leben müssen. Die nicht abgeschlossene Gruppe der Heri-schen-
den herrscht gleichsam über unpersönliche, weil fortwährend
wechselnde, Knechte. Alles Privatcapital giebt in erster Linie
Kaufkraft gegenüber dem ganzen Markt. Die Geldwirthschaft
ersetzt das Recht der Begünstigten auf bestimmte Dienstlei-
stungen und Naturalien durch eine nicht qualitativ, sondern
nur quantitativ bestimmte Macht über Alles, was einen Preis
hat. Sie giebt eine sozusagen fortwährend in der Schwebe
gehaltene Consumtionsfähigkeit. Alles Privatcapital behält
etwas von der Natur des Geldes, es giebt eine auch stets in
Schwebe gehaltene, nur quantitativ und im Vergleich mit An-
deren gemessene Hen-schaft über den Arbeitsmarkt.
Diese neue Macht erwächst nicht durch organisirte syste-
matische That eines bestimmten schon abgegrenzten Standes.
Sie erwächst durch erfolgreiche isolirte Anstrengungen Ein-
zel ner, die über die alten Ordnungen hinausstreben.
Im Laufe der Zeit finden sich die herrschenden Capita-
listen allerdings zu gemeinsamer Vertretung ihrer eigeuthüm-
lichen Interessen namentlich gegenüber dem Grossgrundbesitz
zusammen. Sie bleiben aber eine Gruppe von Individuen,
die unter sich und mit Anderen lediglich durch das Privat-
recht zusammenhängen und Beziehungen haben wollen. Sie
haben die Staatsgewalt namentlich unter dem Mercantilsystem
gerne für sich benutzt; aber der Staat war nui* ihr Diener
und weder sie noch die Staatsgewalt dachten daran, der neuen
Macht in der organischen Gliederung des staatlichen Volkes
Rechte und Pflichten zugleich zuzuweisen.
Die grossen Ginndherrn haben ihrer Zeit die sociale Ord-
nung der alten Bauerngemeinden aufgelöst, sie haben aber
zugleich staatliche Pflichten übernommen, und wenn sie diese
auf dem Continent über dem Streben nach Vergrössening und
Befestigung ihrer Macht vielfach vergassen, so sind sie in
England ein Stand wirklicher Staatsdiener geworden und ge-
blieben. Sie waren nicht eine Oligarchie, sondeni eine wahre
Aristokratie.
Dagegen denkt das erstarkende Capital nur an Autlösung
alter öffentlich rechtlicher Ordnungen; es löst das Handwerk
Rückblick. 665
auf, ohne an öffentliche Pflichten gegenüber den atomisirten
Arbeitern des Gewerbes zu denken. Individualistisch und auf
dem Boden des Privatrechts ist es emporgekommen und sieht
im Staat nur den Hüter des Eigenthums. Es gelingt ihm so-
gar, in öffentlich rechtliche Verhältnisse, die mit dem Gewerbe-
wesen nicht direct zusammenhängen, einen privatrechtlichen
Charakter hineinzutragen. Der Staat wird der privatrechtliche
Schuldner seiner Capitalisten, während er vordem nur Arme
und Reiche kraft seines absoluten öffentlichen Rechts besteuerte.
Vergleichen wir diese ganze thatsächliche Entwicklung
mit der im ersten Buche geschilderten Entwicklung der Ideen
in der Literatur, so zeigt sich in beiden Entwicklungen eine
grosse innere Harmonie. Während kräftige Individuen unbe-
kümmert um ihre Stellung im Staate eine neue sociale
Macht schufen durch eigene individuelle Kraft und nur ihre
individuellen Interessen verfolgend ; während sie und die Mehr-
zahl der Gebildeten die dadurch hervorgebrachte Umwälzung
der ganzen wirthschaftlichen Ordnung kaum beachteten oder
doch nicht ihrer vollen Bedeutung nach erkannten — in der-
selben Zeit beherrschte eine Literatur die Geister, welche
sich das Volk als eine Summe von Individuen, den Staat als
Diener individueller Interessen dachte und die theils be-
wusst, theils unbewusst die materiellen Interessen der Indi-
viduen in erschreckendem Maass in den Vordergrund schob.
Die praktische Bewegung des aufstrebenden Grosscapitals ent-
fesselte die individuellen wirthschaftlichen Kräfte und befreite
das Volk von dem Bann allgemeiner Aimuth und von dem
Aufgehen in localen Kirchspielsinteressen. Die Literatur be-
freite die Geister von dem Bann veralteter Voi-stellungen und
von Gedankenlosigkeit über öffentliche Verhältnisse.
Diese grosse Umwälzung aller Verhältnisse und herrschen-
den Ideen vollzog sich glücklicherweise ohne fonnelle Revo-
lution. Ihr Wesen war Vernichtung alter öffentlich recht-
licher Ordnungen und Sieg wirthschaftlicher individueller In-
teressen.
Die grosse Thatsache, dass dabei nicht alle, sondern
nur ein Theil der Individuen direct gewann, drängte zum
666 Zweites Buch, Gap. 6.
Nachdenken und zu praktischen Keformen, die einen Anfang
neuer positiver öflFentlich rechtlicher Ordnung dai-stellen. Das
grosse und noch nicht gelöste Problem ist nicht nur, auch die Ai'-
beiter und Annen an den Früchten des wachsenden Reich-
thums theilnehmen zu lassen, sondern vor Allem auch, den
neuen mitherrschenden Stand mit einem thätigen Bewusstsein
seiner politischen und socialen Pflichten zu erfüllen , ihn
wenigstens nachträglich und allmälig aus einer mehr oder
minder rücksichtslosen Oligarchie in eine wahre Aristokratie
zu verwandeln.
Dazu sind nicht nur Gesetze nöthig, welche eine den Be-
dürfhissen der Grossindustrie entsprechende neue sociale Ord-
nung schaffen und in denen England zwar nichts Abschliessen-
des aber doch Grosses und Mustergültiges geleistet hat — es
ist auch eine Vertiefung der Vorstellungen über Staat und
Gesellschaft nöthig, welche sich von der einseitigen Verfol-
gung nächstliegender individueller Interessen erhebt und im
Staate die den idealen Zielen der ganzen Menschheit die-
nende höchste Organisation der Volksgenossen erkennt. Es
ist unmöglich, dem Unempfänglichen die Nothwendigkeit und
Richtigkeit solcher Anschauung mit zwingender Logik zu be-
weisen. Aber es giebt kein besseres Mittel, die Einseitigkeit
und Unzulänglichkeit entgegengesetzter Anschauung darzu-
thun, als die Geschichte eines Volkes zu erzählen, das unter
der HeiTSchaft der Ideen des Individualismus stand. Am be-
lehrendsten aber ist die Geschichte eines Volkes, das bei aller
Beschränktheit individualistischer Weltanschauung und bei
allem unerhörten Aufschwung des materiellen Reichthums doch
eine seltene sittliche Kraft in den Charakteren seiner Glieder
bewahrte und unschätzbare praktisch-politische Traditionen be-
sass — und besitzt.
Erster Anhang.
Vortrag über
Handwerk und Grrossindustrie.
Handwerk und Grossindustrie. ^)
Die Gewerbestatistik von 1875 constatirt, dass in Preus-
sen von allen im Gewerbebetrieb beschäftigten Personen
2,246,959 oder 62 % dem Kleinbetrieb und nur 1,378,959
oder 38 % dem Grossbetrieb angehörten, wobei Gross- und
Kleinbetrieb unterschieden werden, je nachdem ein Betrieb
mehr als fünf Arbeiter hatte oder nicht. Weitgehende opti-
mistische Schlüsse wurden aus diesen Zahlen gezogen. Noch,
hiess es, hat das Handwerk einen goldenen Boden; noch ist
es der grossen Mehi-zahl der Arbeiter möglich, im Kleinge-
werbe zu gesicherter selbständiger Existenz zu gelangen. Die
Fabrikarbeiter, hiess es, haben kein Recht, ihre Interessen
als Interessen des ganzen Arbeitei*standes hinzustellen; die
Klagen, welche sie erheben, die Bewegungen, welche unter
ihnen herrschen; sind nicht die beherrschenden Fragen unseres
gewerblichen Lebens und werden in ihrer Bedeutung über-
trieben. —
Leider sind diese Schlüsse falsch; wie so oft aus End-
zahlen übereilt geschlossen wird. Engel, der Director des
k. preuss. Statistischen Bureau's, hat sie auch nicht gezogen ;
er hat nur behauptet, der Schweipunkt liege noch in dem
Kleinbetrieb. Ich will nicht alle — und es sind viele Giilnde
— gegen diese Schlüsse anführen-, einer genüge: Unter
den 2,246,959 Kleingewerbetreibenden sind 1,630,488 so-
') Vortrag, gehalten in der Sing-Akademie zu Berlin am 21. Februar
1880 yon A. Held.
670 Vortrag über
genannte Meister, d. i. Inhaber oder Geschäftsleiter von Be-
trieben, von denen also nothwendig mehr als eine Million keine
Gehilfen oder Lehrlinge haben. Denn nach amilicher Schätzung
sind 78 ®/o aller Kleinbetriebe „Einzelbetriebe".
Sind dies Handwerksmeister? Antwort: Nein! Es sind
der Hauptsache nach Accordarbeiter, Hausindustrielle und
Taglöhner im Dienste wechselnder Auftraggeber — Proleta-
rier oft in höherem Grade als die eigentlichen Fabrikarbeiter.
Wie viele Procente der gesammten gewerblichen Personen
nun wirklich noch dem eigentlichen Handwerk angehören, ist
nicht genau zu sagen. Ein Kenner^) schätzt die Zahl auf
etwa ein Drittel im Deutschen Reich.
Es kommt auf solche Zahlen aber wenig an; es handelt
sich nicht um eine statistische, sondern um eine Verfassungs-
frage. Es fragt sich, welche Organisation der gewerblichen
Production ist heute die tonangebende und herrschende, nach
welcher Organisation streben alle fortschrittlichen wirihschaft-
lich starken Elemente?
Gesetzt, wir hätten noch mehr Handwerksmeister und Ge-
sellen als Fabrikanten und Fabrikarbeiter : was nützt dies, wenn
jeder glückliche und erfolgreiche Meister strebt, ein kleiner
Fabrikant zu werden, während die Andern Fabrikwaaren ver-
kaufen und gelep:entlich für Fabriken arbeiten — wenn jeder
gute Handwerksgeselle in eine Fabrik mit höherem Lohn über-
gehen kann, und im Handwerk dieselbe Behandlung verlangt
wie in der Fabrik? Was nützt dies, wenn auf jedem Gebiet,
auf dem Handwerk und Fabrik concurriren, die letztere siegt,
und dem ersteren dictirt, was und wie und zu welchem Preis
es noch produciren kann? Was nützt es, wenn überhaupt
die Fabriken rasch vorwärts schreiten, während das Hand-
werk mühsam um Erhaltung eines Existenzgebietes ringt, und
die alten Formen seiner Organisation preisgeben muss —
bis auf die eine Eigenthümlichkeit des kleinei'en Umfangs
des Betriebs?
^) Oesterreichische Monatsschrift für GesellschaftswisBenschaft, Decbr.
1879, S. 570.
Handwerk and Grossindustrie. 671
Sehen wir die Sache genauer an. Wir können absehen
von den ältesten Formen des gewerblichen Betriebs, dem
Spinnen und Weben der Frauen im Bauernhause für den
Familienbedarf, dem Schmiede- und Zimmermannsbetrieb höri-
ger Leute auf dem Herrenhof, den Klostermanufacturen etc.
Seit dem Ende des Mittelalters kann man drei Formen des
Gewerbebetriebes, der überhaupt verkehi-smässigen Absatz
hat, unterscheiden, die heute noch nebeneinander existiren,
aber ihre relative Bedeutung sehr geändert haben.
1) Handwerk. Betrieb von kleinem oder mittlerem
Umfang, in dem der Meister alle nöthigen Werkzeuge selbst
besitzt, die Rohstoffe selbst auf dem Markt kauft und die
Producte an wechselnde Abnehmer, meist direct an Consu-
menten absetzt;
— in dem der Meister zwar den Betrieb dirigirt, aber die
mechanischen Arbeiten seiner Gesellen etc. selbst auch mit ver-
richtet ;
— in dem also kein principieller Unterschied zwischen
der Bildung der Arbeitgeber und Arbeiter vorhanden ist, und
letztere in Folge der Kleinheit des Betriebs und des massigen
Umfangs der nöthigen Capitalien im Allgemeinen die gerecht-
fertigte Hoffnung haben, im Laufe ihres Lebens selbst Meister
zu werden.
Es arbeitet vorhen-schend für den stätigen localen Bedarf.
Seine ganze Organisation beruht auf dem localen Absatz. —
2) Hausindustrie. Ein kaufmännischer Unternehmer
liefert einer Anzahl mechanischer Arbeiter, die sich, nament-
lich wenn sie ausser ihren Frauen und unerwachsenen Kindern
noch Gehülfen haben, Meister nennen, und die nöthigen Werk-
zeuge theils selbst besitzen, theils entleihen, Rohstoff und
nimmt ihnen das fertige Product zu vorher fest gesetztem
Preise ab, um es als Grosshändler auf dem grossen Markte
zu verkaufen.
Zwischen den mechanisch Arbeitenden und den Consu-
menten tritt eine capitalistische Macht als selbständiges Ele-
ment, von welcher der Arbeitende abhängig wird und welche
auf einen grösseren als den localen Markt speculirt.
672 Vortrag über
Der Arbeiter arbeitet in seinem Hause, behält noch Frei-
heit der Zeiteintheilung , Geschlossenheit des Familienlebens,
und bleibt Herr der Technik. Die Arbeitstheilung innerhalb
jeder Arbeitsstätte wird geringer, dafür entwickelt sich Ar-
beitstheilung unter den vei*schiedenen Hausindustriellen, die
demselben Kaufmann dienen.
3) Fabrikindustrie. Ein durch kaufmännische und
technische Bildung überragender Fabrikant, alleiniger Besitzer
aller Rohstoffe, Werkzeuge und fertigen Producte, sammelt
viele und vielerlei mechanische Arbeitskräfte unter seinem
Commando, welche in seinem Hause nach seiner Angabe ar-
beiten, und lediglich Lohn bekommen.
Die Geschlossenheit der Familie, die Freiheit in der
Eintheilung der Arbeit hört auf. Die Arbeitsein theilung
innerhalb des Etablissements entwickelt sich zur Vollkommen-
heit. Ein proletarischer Arbeiterstand gegenüber dem eine
ganz verschiedene Thätigkeit verrichtenden Fabrikantenstand
bekommt das Gefühl einer geschlossenen dienenden Classe mit
eigenen Interessen. —
Es giebt natürlich Uebergäng^ und Zwischenstufen:
Etablissements, von denen man zweifeln kann, ob sie grosse
Handwerksbetriebe oder kleine Fabriken sind ; Hausindustrielle,
die zugleich noch direct für Consuraenten arbeiten; Meister,
die factisch zumeist an denselben Grosshändler absetzen und
diesem verschuldet sind etc. etc.; Zünfte von Handwerks-
meistern, die einen geregelten grossen Absatz betreiben;
ferner kann man je nach dem Vorhandensein mechanischer
Kräfte Manufacturen und eigentliche Fabriken unterscheiden,
was für uns hier unwesentlich ist: aber die drei Haupt-
füi-men der Industrie existiren in ausgeprägten Typen, und je
nachdem die eine oder andere Hauptform dominirt, ist der
Charakter des ganzen industriellen Lebens der Nation bestimmt.
Jede dieser drei Hauptformen des Betriebs bedarf auch zu
ihrem Gedeihen bestimmter Ordnungen, die sich aus den
Bedürfnissen entwickeln und durch staatliche Autorität wenig-
stens theilweise Festigkeit gewinnen.
Nun lehrt vor Allem jede geschichtliche Betrachtung
Handwerk und GroBsindastrie. 673
dieser Verhältnisse, dass die drei Betriebsfoimen nicht in
abgeschlossenen Gebieten mit selbständigen Ordnungen neben-
einander existiren können, sondern sie suchen sich nothwendig
gegenseitig Terrain abzugewinnen, und das zunehmende oder
vollendete Uebergewicht einer Betriebsform beschränkt nicht
nur die Existenzsphäre der andern, sondern beeinflusst, resp.
zerstört auch die in dieser zur Herrschaft gelangten Ord-
nungen.
Es ist eine Thatsache, die. man nicht weichlich beklagen,
sondern mit der man offnen Auges rechnen muss, dass keine,
wenn auch ihrer Zeit noch so segensreiche Ordnung des ge-
werblichen Lebens Kecht und Aussicht auf ewigen Bestand
hat. Langsam und nur nach schweren Kämpfen entwickeln
sich diese Ordnungen und erhalten abgeschlossene Gestalt , in-
dem sich das Bedüi-fhiss der Gewerbtreibenden mit dem der
andern Stände durch Vennittlung der Staatsgewalt ins Gleich-
gewicht setzt — und kaum ist dieses geschehen, so entwickeln
sich neue Bedüi-fnisse, die nothwendig über die alte Ordnung
hinausstreben.
In Jahrhunderten gelang es dem zünftigen Handwerk,
die seinen Bedürfnissen entsprechende Zunftordnung zu einem
Theile des öffentlichen Rechtes zu machen. Kaum hatten die
Kämpfe der Zünfte um Erringung des ihnen dienlichen Bechts
aufgehört, als sie anfingen, dasselbe zur Ausbildung eines
gemeinschädlichen Monopolgeistes auszubeuten, und gleich-
zeitig neben ihnen eine auf giösseren Absatz speculirende
anderer Ordnungen bedürfende Industrie in ihren Anfängen
entstand.
In keinem Lande kann man diesen Process des wechseln-
den Uebergewichts der Betriebsfoimen und des Wechsels der
herrschenden gewerblichen Ordnung besser studiren als in
England.
Die natürliche Energie des Volkes, das frühzeitige Auf-
hören der Leibeigenschaft, der Mangel an verheerender In-
vasion fremder Kriegsheere eimöglichten einen starken und
verhältnissmässig ungestörten Aufschwung des gewerblichen
Lebens, die Menge der Seeküsten, die Colonien, die Dichtig-
Held, Soe. Gesch. Engl. 43
674 Vortrag über
keit der Bevölkerung und die vielen schiffbaren Flüsse dräng-
ten verhältnissmässig frühzeitig zum Absatz in weitere Feme.
Die Geschlossenheit des Staats seit Wilhelm dem Er-
oberer stellte die Ordnung der Gewerbe frühzeitig unter ein-
heitliche Reichsgesetzgebung.
Unter Elisabeth wurde das allgemeine Gewerberecht codi-
ficirt. Diese Codification war noch berechnet auf die Ver-
hältnisse eines blühenden , auf stätigen localen Absatz ange-
wiesenen Handwerks. Siebenjährige Lehrlingszeit war die
allgemeine Vorbedingung selbständigen Gewerbebetriebs; die
Löhne wurden allgemein durch Gesetz oder locale Obrigkeit
bestimmt. Das Gesetz bestimmte die Dauer der täglichen
Arbeitszeit. Die gewerblichen Lehrlinge dui-ften nicht überall
aus beliebigen Ständen entnommen werden und in einzelnen
Gewerben existirten besonders strenge Beschränkungen filr
ihre Aufnahme. Dafür können gewisse Pereonen zur Lehr-
lingsschaft gezwungen werden. Auf 3 Lehrlinge muss 1 Ge-
selle, auf 4 müssen 2 Gesellen etc. gehalten werden«
Die ganze Gesetzgebung beruhte auf dem Princip, die
Bevölkei-ung zur möglichst erfolgi*eichen Arbeit zu emehen
resp. zu zwingen und dafür, in Rechnung auf die Stetigkeit
der Verhältnisse und die Uebersehbarkeit des localen Absatzes,
jedem geleniten Arbeiter sein gebührendes Einkommen zu
sichern.
Mit den allgemeinen Gesetzen gingen unter den Tudors
und Stuarts Hand in Hand specielle, welche für einzelne Ge-
werbe und Gegenden besondere technische, den Absatz und
die Arbeiterverhältnisse betreffende Voi-schriften geben i) und
vielfach durch Charter geschaffenen Zünften das Privilegium
zugestehen, jeden selbständigen Gewerbetreibenden zum Bei-
^) So durften nach einem Gesetz unter Philipp und Maria Leineweber
nur 1 Wel)Btuhl haben, und es war überhaupt nicht gestattet, mehr als
2 Tuchweberlehrlinge zu halten; das Tuch wurde öffentlich geprüft und
gesiegelt; die Competenzen zwischen Webern und Cloth dressers, zwischen
Lederhändlem und Metzgern waren genau geschieden, Rohseidenknöpfe
waren privilegirt etc. etc.
Handwerk und GroBsindustrie. 675
tritt ZU zwingen, und die Ausführung der Gesetze über Tech-
nik , Absatz etc. durch ihre eigenen Oi'gane zu handhaben ^).
Das Handwerk herrschte damals und seine Ordnung war
überaus zeitgemäss.
Aber es existirten auch schon Hausindustrie und selbst
einzelne Manufacturen. Die Tuchindustrie war schon Expoit-
industrie und der Weber war in Abhängigkeit von dem den
Grosshandel und Export betreibenden Kaufmann. Selbst Tuch-
manufacturen mit hundert Webstühlen existirten schon ver-
einzelt unter Heinrich Vni. Selbst in Schottland gab es be-
reits im 17. Jahrhundert einzelne begünstigte Manufacturen.
Indessen dies war damals noch nicht von durchschlagender
Bedeutung.
Aber im Laufe des 17. Jahrhunderts begann die alte
Handwerksordnung zu zerfallen und in der Mitte des 1 8. Jahr-
hunderts stand die Sache bereits so, dass die Lohnregu-
liiningen lässig und schlecht gehandhabt wurden, so dass in
vielen Gewerben gi-osse berechtigte Unzufriedenheit herrschte,
z. B. unter den Schneidern ; — dass das Gebot der 7jährigen
Lehrlingszeit und der beschränkten Lehrlingszahl ganz massen-
haft umgangen, sogar vereinzelt officiell abgeschafft wurde; —
dass die privilegirten Zünfte ihre Aufeichtsrechte zur Erhe-
bung von Geldstrafen und zur gemeinschädlichen Unterdrückung
der Concurrenz missbrauchten.
Gleichzeitig hatte sich die Hausindustrie bedeutend aus-
gedehnt. Man kann sagen, dass in allen wichtigen Zweigen
der Textilindustrie der sogenannte Meister seine Selbständig-
keit an einen capitalbesitzenden Kaufmann verloren hatte, in
der Tuch- und Leinen-Industrie, in der Strumpfwirkerei, Band-
weberei etc. ; selbst andei-swo bei den Juwelieren, Uhrmachern etc.
— Zeuge dafür allein die ewigen Klagen über Materialunter-
schlagung seitens der Arbeiter, und die vielen Beweise für
die Thatsache, dass statt 7jähriger Lehrlinge Kinder, Frauen
und Greise als Hülfskräfte benutzt wurden.
Dieser langsame Sieg der Hausindustrie über das Hand-
^) Z. B. die Ziegler-, Metzger- und Strumpfwirkerzanft in London.
43*
676 Vortrag über
werk beruhte lediglich auf der Aenderung der Absatzverhält-
nisse, welche von kräftig aufetrebenden Capitalisten klug und
energisch benutzt wurde, und dies war die entscheidende That-
sache für den Untergang der Henschaft der Handwerksord-
nung. Der folgende Process, welcher die Fabrikindustrie zur
Herrschaft brachte, vollzog sich schneller, auffallender, äusser-
lich grossai-tiger, war aber keine selbständige Umwälzung
einer alten socialen Ordnung mehr.
Die Macht und Herrschaft der alten Zünfte beruhten
darauf, dass Ginippen von energischen Eleinbesitzem das
Risico des localen Absatzes ttbemahmen und dadurch zu
Herren der nicht zünftigen Hülfisarbeit und der zünftigen
Gesellen wurden. Die wagende Energie der Einen giebt Schutz
und Sicherheit den Andeni und Herrschaft über diese.
Einen Absatz in ferne Länder aber konnte der Handwerks-
meister oder eine Zunft wirklicher Handwerksmeister nicht
übernehmen ; es kam das wohl vor, namentlich mit Hülfe der
öffentlichen Gewalt, welche Märkte schuf etc., aber die Zunft
war unbeholfen und wenn es gelang, verloren die herr-
schenden Zünfte ihren Handwerkscharakter.
Kaufmännische, kapitalreichere Speculanten, Leute, die
die Welt kannten und Grösseres wagen wollten, nahmen die-
sen in die Hand, gaben dem arbeitenden Meister sichern Ab-
satz und nahmen ihm Selbständigkeit. Nennen Sie dies:
die Macht des Capitals; es ist rechnende, wagende Energie,
verbunden mit grösserem Besitz und umfangreicher Kenntniss
der Verhältnisse, die wachsenden Reichthum erringt, weil sie
die Bedürfnisse der Andern erkennt und ihre Befriedigung
vermittelt, und Heri*schaft emngt über dienende Arbeit, die
erst geschützt wird — dann auch ausgebeutet werden kann.
Als die Kaufleute nicht nur die Tuchexpoitindustrie, son-
dern die ganze Textilindustrie factisch behen-schten, als ihre
Schutzzollinteressen und ihre Interessenkämpfe untereinander ^)
^) Namentlich z. B. der Kampf der Tuch- etc. Industrie gegen die
im Inland bedruckten Calicos. — Das Aufkommen der von Anfang auf
Handwerk und GroasiDdastrie. 677
die Factoren der Gesetzgebung beheiTSchten , da war die
Blüthe des alten Handwerkeimittelstandes vernichtet und ein
neuer Henenstand trat tonangebend ins Leben — ähnlich
wie einst die ritterlichen 6i*undhen*en die freien Bauern all-
mälig unterwarien.
Ein neuer HeiTenstand, d. h. eine neue Kraft und eine
neue efifectreiche Zusammenfassung der schwächeren Kräfte;
eine nationale Kraft, denn es mass sich die neue concentrir-
tere Pi*oduction mit der de& Auslands. Eine Kraft, d. h. ein
Fortschritt, wie alle Fortschritte nur durch Kampf und Lei-
den vieler Einzelnen errangen, aber eine Steigerung der
Macht der Menschheit; wie alle Fortschritte auf wirthschaft-
liehem Gebiet langsam entwickelt und lange Zeit in ihrer
vollen Bedeutung nicht erkannt — aber trotz aller ohnmäch-
tigen vei-ständnisslosen Gegenbestrebungen unwiderstehlich
sich bahnbrechend, weil die Menschheit m'cht darauf veraich-
ten kann, dass durch bessere Eintheilung der Arbeitskräfte,
bessere Verwerthung natürlicher Productionsbedingungen, die
Menge des Verzehrbaren, und damit die Menge der Menschen,
welche leben können, wächst.
Ununterecheidbar sind in socialen Entwicklungen Ureache
und Wirkung verechlungen. Ewig wird die Frage unbeant-
woitbar bleiben: hat die kühne Thatkraft einzelner Besitzen-
der den Absatz in gi'össere Feme entdeckt, d. h. geschaffen,
oder hat die Möglichkeit des grösseren Marktes die Specu-
lation herrschender Capitalisten erweckt?
Das Eine nur steht fest, dass zwischen den Mittelstand
gewerblicher Arbeiter und den erweiterten Consumentenkreis
eine neue Macht in die Mitte trat, und dass deren Heri*schaft
durch die Flussregulirungen im Anfang des 18. Jahrhundeits,
durch die Ganäle Brindley's seit 1755 definitiv besiegelt
wurde. Dadurch wurde das ganze Inland ein einheitliches
Wirthschaftsgebiet und auch in der für den heimischen Markt
überseeisches Iklaterial begründeten und eine neue Technik entwickelnden
Baumwollenindustrie bezeichnet den Umschwung am schärfsten.
678 Vortrag über
arbeitenden Industrie höi^te die ungestörte Herrschaft des
Handwerks unter den Ordnungen der Elisabeth definitiv auf.
Auch dies steht fest, dass dieser unendlich langsame Sieg
des Systems der Hausindustrie die entscheidende Umwälzung
war, durch welche die grosse moderne Frage des Zerfalls der
Gesellschaft in wenige mächtige Capitalisten und viele arme
Proletarier in's Leben trat. Sehen wir doch in der Band-
weberei, in der ührmacherei und anderen Gewerben, in denen
von mit Dampf oder Wasser getriebenen Maschinen nicht die
Rede war, Ende des vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts
die alte Lehrlingsordnung in voller Auflösung. Freilich be-
standen noch Gewerbe fort, in denen ein anderer als ein hand-
werksmässiger Betrieb unmöglich war. Aber auch in diesen
war die alte Ordnung völlig degenerirt. Wir sehen, dass 1780
statt wirklicher Lehrlinge im Kaminfegergewerbe Kinder be-
schäftigt wurden, die man durch Nadelstiche in die Fusssoh-
len zwang, in Kamine von unmöglicher Enge hinaufzukriechen.
Entschieden war durch die Macht des Capitals und den
grösseren Absatzkreis das Ende des Handwerks als herrschender
Form des gewerblichen Betriebs. Die Entwicklung der Macht
des grösseren Capitals war aber damit noch nicht vollendet.
Sie stieg zu einer höheren Stufe, zur Fabrikindustrie.
• Dieser zweite principiell minder wichtige, aber schneller
sich vollziehende Process entwickelte sich nun allerdings durch
die Maschine (die Manufacturen ohne Maschine waren mehr
vereinzelt), d. h. genauer durch das mit Wasser und Dampf
bewegte complicirte Werkzeug. Man darf sich aber nicht
vorstellen, dass die entscheidenden technischen Erfindungen
plötzlich, wie Minerva dem Haupte des Zeus, entsprungen
seien und dann dieser Zufall eine Aenderung der gewerblichen
Zustände den willenlosen Massen aufgezwungen hätte.
Durch das, was wir eine Maschine nennen, wird es mög-
lich, mit gleicher Arbeit eine enorm viel gi-össere Menge
gleichartiger Producte herzustellen. Dies ist aber nur mög-
lich und vortheilhaft, wenn ein grosser Markt schon vorhan-
den ist. Die Heri*schaft der Production für den gi-ossen Markt
musste also bereits begiilndet sein.
Handwerk und Grossindustrie. 679
Und nun genügte nicht die Entdeckung einer technischen
VoiTichtung oder mechanischen Triebkraft. Alle entscheiden-
den technischen Fortschritte sind durch vieljährige Bemühun-
gen gemacht worden, denen sich nur derjenige unterzieht, der
die wirthschaftliche Verwerihbarkeit erkannt hat. Und nicht
Hargreaves oder Watt haben die Fabrikindustrie eigentlich be-
gi-ündet, sondern das harte kaufmännische Genie des Barbiere
Arkwright, der die verschiedensten technischen Entdeckungen
zu verwerthen und die Organisation der Fabrikarbeit zu er-
sinnen verstand.
Nicht die Maschine hat das Handwerk gestürzt. Dieses
hatte schon aufgehört zu heri*schen. Aber die Maschine hat
der Capitalmacht einen neuen Aufschwung gegeben und sie
endgültig consolidirt. Gerade wie nicht das Zündnadelgewehr
den Sieg von 1866 erkämpft hat, sondern die vorhandene
grössere militärische Tüchtigkeit Preussens auch diese Waffe
zu erwerben verstand, so war die Maschine nur eine Waffe in
der Hand des schon im Siegeslaufe begriffenen grossen Capi-
tals, die diesem Siege den grössten Glanz verlieh.
Entscheidend war in diesem Process der Sieg der Ma-
schine in der Baumwollspinnerei, in der Industrie, die von
Anfang an nicht handwerksmässig und die gewissermaassen
international war. Merkwürdigerweise waren es gerade hier
Arbeiterparvenüs und nicht Kaufleute, die sich zu Fabrikanten
aufschwangen. Langsamer und später verdrängte der mecha-
nische Webstuhl die Hand- und Hausweberei, und hier waren
es vorzugsweise die Kaufleute, welche sich zu Fabrikanten
entwickelten, so sehr man auch verlangte, es sollte den Tuch-
händlern verboten werden, Webstühle zu besitzen (1794), und
es sollte Niemanden erlaubt sein, viele Webstühle im Hause
zu haben.
Leidensvoller und aufregender, weil schneller, war dieser
zweite Uebergang als der ei-ste. Im Anfang der dreissiger
Jahre, in dei*selben Zeit, als die Reformbill von 1832 die Macht
des Capitals auch politisch anerkannte, war England voll von
den Klagen der ai-men Handweber, die nicht begriffen, dass
ihrer zu viele waren und wähnten, es könne ihnen durch ge-
680 Vortrag über
setzliche Regulirung des Lohns gegen die „Concun-enz" ge-
holfen werden.
Diese Forderungen sind vei-stmnmt. England ist ein
Fabrikstaat geworden. Kein Vei-ständiger denkt an künstliche
Erhaltung des Handwerks und der Hausindustrie. Mögen sie
nebenbei bestehen, wo und wie sie können — die Hauptfrage
aber dort ist:
Wie kann man dem Fabrikarbeiter guten und sichern
Lohn geben;
wie das Capital an Ausbeutung von Frauen und Kindern
verhindern;
wie kann man unter den Fabrikarbeitern einen neuen
Mittelstand des gelernten nebenbei besitzenden Arbeiters
heranziehen ?
Und die ungelöste Frage ist: Wie kann man den neuen
HeiTenstand der Fabrikanten erziehen, dass er sich die poli-
tischen Tugenden der alten Aristokratie aneignet. —
England hat gleichsam für die ganze Culturwelt diese
Entwicklungen durchgelebt und bis zu einem gewissen Grade
die fertigen Kesultate auf die andern Länder übertragen. Bis
zu Ende der dreissiger Jahre dieses Jahrhunderts war Deutsch-
lands Industrie der Hauptsache nach noch Handwerksindustrie,
wenn diese auch nicht blühte. Aber während das Handwerk
unter fortwährender Auflösung seiner zünftigen Formen über-
haupt fortlebte, war die Grossindustrie noch schwach und der
neue Herrenstand war noch kein Element unseres socialen
Lebens.
Da kamen zugleich Eisenbahnen und Zollverein und
schufen für die deutsche Industrie ein gi'osses Absatzgebiet,
an dem es bisher gefehlt hatte. Damit begann ein Aufschwung
der Grossindustrie; die städtische Bevölkerung wuchs nun in
stärkerem Verhältniss als die ländliche. Es begann die Entr
Wicklung, der zufolge Deutschland heute zu den Ländern ge-
hört, die mehr Industrieproducte ausführen als einführen, und
einen Theil ihrer Nahrungsmittel vom Ausland beziehen
müssen — ein Zustand, der in England seit 1783 definitiv ist.
Als diese Entwicklung begann, war die Fabrikindustrie
Handwerk und Grossindostrie. 681
in England schon etablirt. So kommt es, dass wir in Deutsch-
land nicht zwei zeitlich auseinanderliegende Momente unter-
scheiden können, in denen erst die Hausindustrie die Herr-
schaft des Handwerks brach und diese dann wieder von der
Fabrikindustrie überwältigt wurde. (Man kann dies an ein-
zelnen Orten schon vor 1830 beobachten, z. R Aachen, aber
nicht in ganz Deutschland). Beide Formen der grossen In-
dustrie fangen gleichzeitig an, sich stark zu entwickeln, und
zwar hauptsächlich in der Weise, dass sie nicht das Hand-
werk geradezu tödteten, sondern mehr so, dass sie dieses in
seiner alten, aber etwas verengten Sphäre kümmerlich oder in
veränderter Betriebsweise bestehen Hessen, und daneben durch
neue Production den neu eröffneten grösseren Markt sich an-
eigneten. Es giebt allerdings eine Reihe von Gewerben, in
denen die durchschnittliche Arbeiterzahl eines Etablissemetats
unter Verringeioing der Zahl der Etablissements überhaupt
stark gewachsen ist, und in denen nicht einfach das grössere
Etablissement das kleinere, sondern in der That die Fabrik
das Handwerk verdrängte, z. B. in der Brauerei. Auch der
leidensvolle Kampf der Fabrik gegen die Hausindustrie kam
und kommt bei uns vor, z. B. in der sächsischen Weberei,
— aber die Sache verlief doch nicht als einfache Copie der
englischen Entwicklung.
In kleinerem Maassstabe, innerhalb kürzerer Zeit, weniger
heftig und ohne schroffe zeitliche Trennung der verechiedenen
Entwicklungsstadien wiederholen sich bei uns die englischen
Vorgänge. Das Resultat ist bei der überhaupt weniger macht-
vollen Entwicklung der Industrie ein minder grossartiges, aber
qualitativ dasselbe, nur geringere Leiden der Arbeiter — rela-
tiv frühere Staatshilfe , mehr Kleinlichkeit der capitalärmeren
Fabrikanten.
Das Handwerk, dessen Ordnung bei uns allgemein das
Zunftrecht war, hat seine beheiTschende Stellung verloren ; die
Hausindustrie hat neben der Fabrikindustrie, z. B. in der
Messer- und Feilen-, der Seiden- und Plüschfabrikation ihre
grosse Bedeutung ; der Drang zur eigentlichen Fabrikindustrie
ist aber ein übermächtiger. Es ist nicht ohne Bedeutung,
gg2 Vortrag über
dass im vorigen Jahre die Schutzzölle durchgingen, die ledig-
lich im Interesse einiger Zweige der Fabrikindustrie lagen,
während die exportirenden Hausindustrien überstimmt wurden
— und das Handwerk schwieg.
Die Gewerbeordnung von 1869, welche alle noch übri-
gen Privilegien und Monopole der Zunftzeit abschaffte, schuf
nicht die Uebeimacht der Grossindustrie über das Handwerk,
sondern erkannte nur den Zustand an, dass die Gesammtan-
dustrie die specifisch handwerklichen Ordnungen nicht mehr
verträgt. Sie schaffte kleinliche alte Schranken ab, welche
an einzelnen Stellen schadeten und hemmten, und auf die ge-
sammte Gestalt der Industrie bereits ohne Einfluss waren. .
Wir haben in Deutschland, wie Eingangs bemerkt, noch
ein Handwerk und es wird dieses nie ganz aussterben; für
Reparaturen, für gewisse in den Häusern vemchtbare Arbei-
ten, für gewisse Producte der Kunstindustrie wird und kann
es immer ein Handwerk geben, in dem ein Meister mit eigenem
kleinen Capital für den Consumenten arbeitet. Aber täuschen
wir uns nicht: das Gebiet dieses Handwerks ist nicht abge-
schlossen, der Betrieb desselben stark abhängig von der Gross-
industrie, und unfähig, die alten Ordnungen aufi'echt zu er-
halten. Er ist nur ein achtungswerthes Anhängsel der Gross-
industrie.
Erfolgreiche Handwerker aller Art verkaufen im offenen
Kram und Laden Fabrikwaaren und denken nicht mehr daran,
alles, was sie verkaufen, selbst zu machen. Tapezierer, die in
den Häusern arbeiten, suchen sich zugleich zu Möbelfabrikan-
ten zu entwickeln, Schneider, die nach Maass arbeiten, zu
Fabrikanten fertiger Kleider. Kunstindustrielle werfen sich
auf Specialitäten und produciren diese schliesslich massenhaft
und fabrikmässig. Die Lehrlinge und Gesellen des Handwerks-
meistei's können ebensogut jugendliche, resp. erwachsene Ar-
beiter in einer Fabrik werden; es giebt kein Mittel, sie in
specieller Zucht zu halten, und ihr Streben kann nicht mehr
ausschliesslich darauf gerichtet sein, selbst Handwerksmeister
zu werden.
Mit andern Worten: die socialdemokratische Lehi-e, dass
Handwerk und Grossindostrie. 683
schliesslich in jedem Gewerbszweig das eine grösste Etablis-
sement alle andern auffressen werde , ist ein Wahn ; es wird
immer noch kleine und mittlere Betriebe von einer gewissen
Selbständigkeit geben ; aber diese haben eine natürliche Ten-
denz, sich selbst fabrikmässig zu entwickeln, und ihre Zahl
und ihre Bedeutung nehmen den wirklichen Grossbetrieben
gegenüber relativ unrettbar beständig ab.
Es ist der Werth der Geschichte, dass sie uns lehrt, in
der Gegenwart das Starke vom Schwachen, das Wichtige und
Bedeutende vom Unwichtigen und Unbedeutenden zu unter-
scheiden, dass sie uns zeigt, worauf es heute ankommt. Sie
lehi-t uns nicht, was heute der Zukunft zu Ehren im Ein-
zelnen geschehen soll, aber sie lehrt uns, auf welchen Gebie-
ten und in welcher Richtung wir arbeiten müssen, um über-
haupt Erfolge haben zu können.
D. h. auf unseren Fall angewendet : Wenn wir an sociale
Ordnung, an Organisation des Gewerbes denken, so müssen
wir in ei-ster Linie an die Gross- und speciell an die Fabrik-
industrie denken. Ihre Ordnung wirkt beherrschend auf die
Eleinindustrie zuiUck — das Umgekehrte findet aber nicht
mehr statt.
Man kann das Uebergewicht de^Grossindustrie vom so-
cialen und politischen Standpunct nicht mit Unrecht bekla-
gen, weil dadurch der Bestand eines gesunden, kräftigen, ge-
sicherten Mittelstandes ei*schüttert , und weil das eigentliche
Proletariat mit all seinen Leiden und Gefahren dadurch be-
günstigt wird. Allein wir dürfen nicht vergessen, dass die
Fabrikindustrie siegt, weil sie den allgemeinen Bedürfiiissen
entgegenkommt; dass ein Volk, welches sie bei sich verhin-
dern wollte, kein Volk mit blühendem Handwerk, sondern ein
Volk mit lauter gewerblichen Proletarieni, ohne Fabrikanten
werden würde. Die gi*osse Aufgabe, die vor allen Gulturvöl-
kem steht, ist die, die grosse Industrie selbst zu organisiren,
so dass der Arbeiter eine gesicherte Existenz bekommt, und
in der Grossindustrie ein neuer Mittelstand entsteht. — Der
Staat kann diese Organisation nicht schafifen, er kann sie nur
unterstützen, er kann Excesse der Capitalmacht unterdrücken,
684 Vortrag über
und die Organisationsvei*suche, die frei gemacht werden, stär-
ken und anerkennen. Auf langsame Erfolge müssen wir da-
bei unzweifelhaft gefasst sein ; — trotzdem ist die Grossindustrie
selbst das Gebiet, worauf es ankommt.
Eine Oi'ganisation des eigentlichen Handwerks, wo und
wie es eben noch fortbesteht, ist nebenbei gewiss von Nutzen ;
jede corporative Zusammenfassung der Mitglieder desselben
Standes, der Träger gleicher Interessen, giebt sittlichen Halt
und wiithschaftliche Stärke. Nur glaube man nicht, dass
Handwerkerinnungen direct ein bedeutendes Stück der eigent-
lichen socialen Frage der Neuzeit lösen. Auch glaube man
nicht, dass es dadurch möglich werden wird, das Existenzge-
biet des Handwerks dauernd bedeutend zu erweitern. Und
am wenigsten glaube man, dass durch Wiederbelebung alter
Zwangsbestimmungen und Privilegien irgend etwas genützt
werden kann, ja dass diese überhaupt nur möglich sind.
Der Gedanke, alle Handwerksmeister zum Beitritt zu In-
nungen zu zwingen, oder doch bessei*e Jurisdiction über alle
Gewerbsgenossen zu geben, muss scheitern an der Unmöglich-
keit, heute schaif zu untei'scheiden , wer Kaufmann und wer
Handwerker ist, wer dieses oder ein anderes Handwerk treibt,
wer Accordarbeiter , Handwerksmeister oder Fabrikant ist
Zünfte mit ausschliesslich berechtigten Meistern müssen die
Handwerksgesellen nur um so mehr in den Bund mit den
Fabrikarbeitern treiben und sie zu systematischen Feinden
der Meister machen. Meisterprüfungen sind bei dem heutigen
schnellen Wechsel der Technik und der entwickelten Arbeits-
theilung im Handwerk selbst unmöglich, respective unnöthig.
Selbst Lehrlingsgesetze — was sollen sie heute? — Es müssen
technische Schulen heute die praktische Lehre theilweise er-
setzen; letztere selbst aber kann nicht mehr bei jedem Mei-
ster gleichmässig und vollständig in derselben Zeit gegeben
werden. Wollen aber die Handwerksmeister sich durch strenge
Lehrlingsgesetze billige jugendliche Arbeiter sichern, so mögen
sie bedenken, dass der Erfolg solcher Versuche sein wird:
Es wird Niemand mehr Lehrling, sondern jeder Anfänger
wird jugendlicher Arbeiter in einer Fabrik.
Handwerk and Grossindnstrie. 685
Es hilft nichts. Wir müssen zugestehen: der alte schöne
Satz: „das Handwerk hat einen goldnen Boden*' gilt nicht
mehr in dem Sinne, dass es möglich wäre, durch Wiederher-
stellung des alten Zunftrechts auch die alte Blüthe des zünf-
tigen Gewerbes wiederherzustellen. Das kann nur dazu füh-
ren, dass alle strebsamen und talentvollen Kräfte um so
rascher das eigentliche Handwerk verlassen.
Aber wahr ist noch heute, dass überhaupt jede redliche
Arbeit einen goldenen Boden hat. Wahr ist, dass auch in
der heute herrschenden Grossindustrie die Idee zur Geltung
gebracht werden kann, die Arbeit müsse nicht nur wegen des
Ei-werbs, sondern mit stolzem Pflichtgefühl erfüllt werden.
Wahr ist, dass auch in der Grossindustrie diesem Gedanken
durch Corporation und Organisation Stärke gegeben wer-
den kann.
Die hen-schenden Formen des Betriebs der Gewerbe und
die Formen der gewerblichen Ordnung müssen wechseln.
Ewig wahre Gedanken, von sittlichem Gehalt, die den alten
Formen zu Grunde lagen, können in neuen Foimen aufleben.
Neue Formen sind schwer zu finden. Es ist natürlich,
dass diejenigen, welche den guten Geist alter Ordnungen er-
halten wollen, sich zunächst an die alten Foimen selbst halten.
Haben doch z. B. die so modernen englischen Trades
Unions lange Zeit sich in die Idee der Wiederherstellung der
alten obrigkeitlichen Lohnregulirungen und Lehrlingsgesetze
verbissen. Haben doch die so modernen und nützlichen, auf
die grössere Industrie berechneten heutigen Syndikate in Frank-
reich ihren Ursprung in der Wiederherstellung privilegirter
Zünfte für Metzger und Bäcker in Paris gehabt.
Reactionäre Bestrebungen auf socialem Gebiet können nie
das foimale Ziel erreichen, das sie sich vorsetzen, weil die That-
sachen zu mächtig gegen sie sind. Aber sie können die Ein-
leitung zu einem wirklichen Fortschritt sein, sie können Be-
wegungen zur Bildung neuer zeitgemässer Ordnungen in
Gang setzen.
Und darum: Ich kann die Hoffnungen enegter Hand-
werksmeister nicht theilen ; aber ich hoffe, dass aus dieser Er-
ggg Handwerk und Grossindostrie.
regung eine kräftige Anregung zur Entwicklung eines moder-
nen coi*porativen Lebens in der ganzen Industrie hervor-
gehen möge.
So kann die untergehende Herrschaft des eigentlichen
Handwerks der aufgehenden Grossindustrie ein Erbtheil von
unschätzbarem Werthe vermachen, dessen Bedeutung die
jugendstarke Erbin allmälig zu würdigen und richtig zu be-
nutzen leiTien wird — ein Erbtheil, von dem der Satz gilt:
„Erwirb es, um es zu besitzen!'*
Zweiter Anhang.
Belegstellen.
A.
Zu Seite 427, Anmerkung 5.
Lehrlingswesen bei den Seidenbandwebern.
Second Report on ribbon weavers, 1818, S. 90—92:
Roles and Orders to be observed in the silk-weaving branch.
That for the better regalation of the Silk Weaving bosiness and
wholly to put a stop to the alarming multiplicity^ of fugitive boys and
girls (being under no indenture, thereby defrauding the King of his reve-
nue), who in consequence of being enticed, under various pretences and
promises, by artfiil and designing men, to go from master to master, have
willfully spoiled their work, to the great detriment of the undertaker,
he having to take the work so spoiled, or make proper allowances for
the same, and thereby incurring ihe displeasure of his employer; and it
must be allowed, that without work is made so as the owner thereof can
vend it to his customer or customers, with an upright confidence and be-
coming assurance that his work is saleable, he is in danger of losing such
customer or customers, and thereby iignring his credit as well as his
trade; and which also must prove a very great iigury to those who have
served their regulär seven years, under an indenture, to the silk weaving
branch; therefore be it known to all those it does or may concem that
our ancient establisted rules shall be strictly adhered to (as in London
by law allowed) which alone will reduce us to peace and good order and
be the only means of stopping those commotions and disturbances, which
we confess have so frequently been seen and known amongst us.
Rule I: — That no undertaker shall be allowed more than two
apprentices at one time.
11: — That no joumeyman shall be allowed to take any appren-
tice, nor shall any apprentice be allowed any part of that time they have
already served with any joumeyman, in any shop whatever.
UI: — That an undertaker having one of his own children in the
loom, shall be allowed two apprentices; if two of his own children in the
loom, one apprentice; if three of his own children in the loom, no ap-
prentice ; but he may have as many of his own legitimate children as he
Held, Sog. OMeh. Engl. 44
690 BelesBtelleiL
pleases boimd for seven years, the eldest son excepted, who Bhall be at
Uberty as a journeyman at twenty years of age, and not before —
lY: — That any boy or girl going as an apprentice, to leam the
art or mystery of silk weaving, shall be bound ander an indentore for
seven years (not being above sixteen years of age) and that one month
only be allowed for the trial of both parties, that is to say, the master
and the intended apprentice; at the end of which month, if not before,
he or she shall be bound upon the Hing's stamp made and prepared for
that purpose, either for half of what they eam, and all bounties abolished,
or for bed and board according as the parties shall agree, but the time
shall not be allowed previoas to their binding ; and if the master shall
object to bind such boy or girl, he shall make his objections known to the
men appointed for that purpose, and shall immediately put him or
her from his Service nor shall he receive any allowance for his trouble;
and if such boy or girl shall be put from two successive undertakers, such
boy or girl shall not be suffered to work at the business of silk weaving
(without first being deemed proper by the men appointed for that pur-
pose). —
But if the intended apprentice shall object to be bound to his or
her master, the objections shall like¥rise be made known; and if it shall
appear , that his or her objections are piain and clear, having good ground
for such conduct, then he or she shall be at liberty to choose a second
master, who may have a vacant place for such apprentice; and the second
master shall make immedlate recompense to tiie first master, or if the
first master shall think proper, the second master shall have the liberty
to give a promissory note of band , on a stamp, provided at his own ex-
pense, that he will pay or cause to be paid, within the space of one
month, such a sum of money as the men appointed for that purpose may
deem proper, to the first master, for the loss he may have sustained in
teaching or instructing the same boy or girl.
The second master also, shall within the space of one fortnight
after taking such boy or girl, bind the same for seven years, upon the
King's stamp, either for half of what he or she shall eam, and no more,
and all bounties abolished, or for bed and board, or disband the same;
nor sLall the same boy or girl be suffered (without first being deemed
proper by the men appointed for that purpose) to work at the brauch of
silk weaving again; but if the objections shall appear frivolous or litigious,
not having good ground for such conduct, then he or she shall either
serve his or her first master, or shall not be suffered to work at the
business of silk weaving; and if any undertaker shall have the audadty and
assurance to take such boy or girl, aüter being disbanded, he shall be liable to
such penalty as the men appointed for that purpose may deem proper,
and he shall likewise put the same boy or girl from his Service. ~
Postscript. (Sept^ 1811). It is agreed, that from the present date
A. Lehrlinge. 691
DO weaver's child shall be admitted to work as a jonmeyman tili he is
twenty years of age, except he has senred a seven yean apprenticeship to
some other silk weaver; and that all eldest sons of weavers, who are
put under a seyen years indentore to any other trade, shall forfeit their
right to exerdse the silk weaving brauch.
y. — That if any undertaker shall endeavonr to entice or persoade
any apprentice from his or her master either by direct or indirect means,
and it be folly proved against him, such undertaker shall be liable to
such penalty as the men appointed for that purpose may deem most
necessary ; and if such determination be not acquiesced to by such under-
taker, the same to be recovered by dint of application to his employer.
VI. — The Trade, even willing to show every lenity in their power, do
hereby certify, that all boys and girls, who have been employed under the deno-
mination of apprentices without indenture with any undertaker, shall from the
ratification of these articles be allowed one month, either to be bound upon
an indenture for seven years within twenty-eight days after, and a note of
band given by the men appointed for that purpose, for the time, they have
already served, or such who objects or neglects to be bound within the
twenty-eight days spedfied shall be expelled from the trade, nor shall
they ever be considered as belonging to the brauch of silk weaving on
any account whatever; and that such and all other indentures shall be
brought to the men appointed the next sitting after such binding, in order
that the name of every apprentice may be registered in a book kept for
that purpose. —
VII. — That every undertaker shall have the dedded prerogative
of holding the indentures of any boy or girl he may have bound to him
in the business of silk weaving, owing to the many great disadvantages
masters have laboured under when held by a third person , or if not ag-
reed to by the parents or any other person in their stead, on behalf of
the intended apprentice, such boy or girl shall not be admitted to the
business.
VIII. — That if any person or persons shall break any one of
these articles, so as to cause a meeting of the representatives, or of the
Shop for which he is employed, such person or persons shall pay or de-
fray the expense of such meeting out of his own pocket, to be recovered,
as in the fifth article.
IX. — That if any undertaker shall knowingly and wittingly em-
ploy any joumeyman and joumeywoman , or apprentice , who have ever
been known to embezzle any part of the property intrusted to their care,
or to the care of any undertaker with whom they may have at any time
been working or otherwise from any other person or persons, such un-
dertaker shall immediately on receiving a note from the men appointed
for that purpose, put such persons from his or her Service or report shall
44*
692 Belegstellen.
be made of such ondertaker to bis employer, nor sball tbe same person
or persons be employed either in Macdesfield or its vidnity.^ —
Signed by tbe Master ManoÜEU^torers of tbe Silk Weaving Brauch.
(Folgen die Namen.)
Signed by tbe cbosen Kepresentatives and Delegates of tbe Silk
Weaving Brancb.
(Folgen die Namen.)
Marcb 1812. — Tbat all Apprentices, wbo may bereafter leave tbeir
master, sball be pnt under a new indeutore to tbeir new master, or tbeir
servitade will not be considered legal; and to prevent tbe frequent dispa-
tes occasioned by tbe destruction of indentares ander varioos pretences,
no ondertaker sball consent to destroy one, unless witb tbe advice of tbe
representatives of tbe trade. If any tbing sbould occor, tbat is not posi-
tively specified in tbe above rules, it sball be left to tbe discretion of tbe
representatives of tbe trade. —
B.
Za Seite 429, Anmerkung 1.
Resolutionen der übrmacber.
Keport on tbe petitions of watcbmakers, 1817.
1. Tbat tbe obvious Intention of our ancestors, in enacting tbe statuta
of tbe 5. Elizabeth, cap. 4, was to produce and maintain a competent
number and perpetual succesion of masters and joume}Tnent of prac-
tical experience, to promote, secure, and render permanent tbe pro-
sperity of the national arts and manufactures, honestly wrought by
tbeir ability and talents, inculcated by a mechanical education, called
a seven years' apprenticeship ; wbereby according to tbe memorable
words of the statuta itself „it will coma to pass, tbat the same law
(being duly executad) should banish idlaness, advanca busbandry,
and }ield unto the hired person, both in the time of scarcity and
in the time of planty, a convenient proportion of wages.'*
2. Tbat it is by apprenticeships, that the practitioners in the Arts and
Manufacturas attain the high degree of perfection, wbereby British
produetions have arrived at the great estimation in which they were
beratofore held in foreign markats.
8. That the apprenticed artizans have, collectively and individually , an
unquestionable right to ezspact the most extended protection trom tbe
Legißlatura, in the quiet and exclusive use and ei^joyment of tbeir
several and raspective arts and trades, wbicb the law has already
B. Resolationen der Uhrmacher. 698
conferred upon them as a property, as much as it has secored the
property of the stockholder in the public fonds; and it is dearly
ai\ju8t to take away the whole of the ancient established property
and rights of any one class of the commonity, unless , at the same
time, the rights and property of the whole Commonwealth shoold be
dissolved, and parcelled out anew for the public good.
9. That is has been owing to the neglect of that invaluable Statute, that
the manufactures of this country have so much degenerated from
their former excellence, as to cause their exdusion from some foreign
markets. —
10. That in consequence of too minute a diyision of labour, ii\judiciously
allowed in several manufiictures , the workmen employed are not
enabied to make throughout any one artide howeyer simple, or even
to maintain themselves by their industry. —
11. That the unlimited or promiscuous introduction of various descripti-
ons of persons without apprenticeship into the manufiictures, occa-
sions a surplus of manufacturing poor, and an unnecessary competi-
tion , ruinous to the commercial capital and industry of the nation;
because the overflow of goods causes all the productions of the ma-
nufactories to fall in price, and be sold to foreigners for less money
than they cost in making; which defidencies are necessarily made up
by the min of the master mannüacturers, bankruptdes, and dividends
to creditors; and are the cause of increased parochial and other
rates, thus unnecessarily created, for the support of the poor work-
men, who are deprived of the fair price of their honest labour.
12. That the repeal of the said Statute, without enacting in its stead some
law more effectual for the protection of the andent rights and immu-
nities of the apprenticed artisans, will produce the same conseqnen-
ces to Britain as the proceedings upon the edict of Nantes did to
France.
17. That the System of apprenticeships, whether considered in a religious,
political, or moral point of view, is highly benefidal to the State,
and from the neglect thereof is to be attributed the great defalcation
of public morals, the numerons frauds committed in trade, the in-
creased number of juvenile criminals, public trials and execntions.
18. That the pretensions to the allowance of universal uncontrolled free-
dom of action to every individual founded upon the same ddusive
theoreticai prindples which fostered the French Revolution, are
wholly inapplicable to the insular dtuation of this Kingdom, and if
allowed to prevail, will hasten the destruction of the social System
80 happily arranged in the ezisting form and substance of the Bri*
tish Constitution, established by law.
19. That the meeting highly approves the proceedings of the 62,875 maa-
ters and jonmeymen, who have already presented petitions to the
694 Belegstellen.
Hoose of Commons, praying for leave to bring a Bill into Parliament
to amend, extend and make more effectual the statate of apprentices
5. Elizabeth, cbapter 4^. —
21. That the most effectual prerentive against and check upon combina-
tions of journeymen, as also of masters, in any trade, is for the per-
sons engaged in such trades, to take apprentices as reqoired by law.
c.
Zu S. 444, Anmerkung 1.
Die Weber wollen das Aufkommen der Fabriken
verhindern.
Report on the Woollen Manufactnre von 1806.
Besolved unanimously, That it is the opinion of this meeting that
the domestic System of manufacturing woollen doth is best adapted to the
Situation and drcumstances of these parishes and to the advantage and
convenience of the iuhabitants in general. —
BesoWed unanimously, That, in order to preserve and secnre the do-
mestic System of manufacturing woollen doth, the number of looms, being
the property of any individual person or Company to be employed in bis
or their building or buildings, ought to be limited, and not exceed five.
Besolved unanimously, That it is the opinion of this meeting that
for the above mentioned reason (namely, the preservation of the domestic
System) the number of spinning jennies or other machines used for the
purposes of spinning, belonging to any person or Company to be employed
{n bis or their own building or buildings, ought to be limited, and the num-
ber of spindles not to exceed one hundred and fifty. —
Kesolved unanimously, That the domestic System is highly favourable
to the cultivation of patemal, filial, and fratemal affections, the Springs of fa-
mily-happiness , and the cultivation of good, moral and dvil habits, the
sources of public tranquillity; that the factory System tends to the pre-
vention of these affections and habits, and leads youth sooner into the
strengest temptations, by which they are in danger of being corruptedt
even to their min. —
Resolved unanimously, That, as the Clothiers are a numerous body of
men, and their trade and cmployment are their chief, frequently their
only birth-right and source of support, therefore, they ought to be protected
and secured to them as the most sacred property. —
Besolved unanimously, That it is the opinion of this meeting, that,
though it hath, for many jears, been the general practice for parents to
instmct their own children in the art or mystery of manufacturing wool-
D. Erklärung der Spitalfieldsfabrikanten. 695
r
len doth, without taking or binding them apprentices, yet, as it liath been
common for men of different occapations to bind their diildren apprentices
to leam the Woollen Cloth Trade, a sever years' Bervitade is absolutely
necessary, in order to fnmish good and skilftd workmen, and to entitle
them to foUow the Woollen Goth Trade. —
Resolved onanimously, That as certain individnals (actaated more by
private interest than public good), made application to Parliament for the
repeal of all restrictive laws, and are now opposing the regulations which
the domestic manu£Bu:tarer wiahes to obtain, that they may have liberty
to erect Factories at will, we ought immediately to send one or more de-
legates to assist in glving such evidence before the Select Committee
aforesaid, as may tend to counteract the design af such individnals.
Resolved unanimously, That a committee of thirty-one Master Ma-
nuÜEM^turers be immediately appointed for carrying these resolutions into
effect. —
Resolved unanimously, That the thanks of this meeting be given to
William Wilberforce Esqu. for his public approval of the domestic Sys-
tem; and that a copy of the above resolutions be immediately printed
and sent to him. —
D.
Zu Seite 451, Anmerkung 1.
Erklärung der Spitalfieldsfabrikanten.
Second Report on ribbon weavers, 1818.
We, the undersigned silk manufsu^turers of London, are decidedly of
opinion, that the Acts relating to the silk-trade of London, Middlesex
and Westminster, called the Spitalfields Acts, have been productive of the
following most important results viz., they preveut differences and dispu-
tes between the silk manuÜGMSturer and the joumeyman; put it out of the
power of the joumeyman to exact from the manufacturer a high rate of
wages, when the trade happens to be in a flourishing State; secure to the
joumeyman a fair and equitable price for his labour and cousequently
prevent the manufacturer from taking advantage of his weaver, under a
temporary depression of the trade; give encouragement to ingenuity, the
weaver knowing that in proportion that he is skilful his eamings iucrease,
the skilful weaver working with greater fieuölity than the ordinary band,
and cousequently is rewarded according to his skill; prevent an exorbi-
tant increase of the poor rates, keep the districts in which the silk-trade
is the staple manufacture in a State of quietode and repose and has effeo*
tually arrested the progress of pauperism. —
696 Belegstellen.
k
We b^ to State the üeital effects which, in oor judgment, resnlt from
pauperism; it prodaces moral degradation in every point of view, repres-
ses industry, engenden negligence in the management and economy of a
family, increases disaffection, has a tendency to not and outrage, greatly
iigures the landed interest, prodaces a gen«*al demoralization of prindple
and endangers the State itself. —
We are of opinion, that a fair price given to the weaver for bis la-
bour has not the effect of preventing a consumtion of the article he wea-
▼es; and that a redaction of wages, below a fsur Standard, would at no
time prodace a greater sale of goods in the silk-line, nor would such re-
daction of wages be attended with any advantage to the master generally,
or to the joumeyman, were th e manufactarers, in the event of a tempo-
rary depression of the trade, to manufactore silk goods (if they could do
so at a low rate of wages): because the qaantity of goods in the market
is increased during such depression, and conscquently then affects the
profit of the manufacturer, and prevents, when trade revives, so many
goods being made as otherwise there would, at fairprices; and therefore
when considered in all its relative bearings, is injurious both to the ma-
nu&cturer and weaver.
We cannot but observe, that in our judgment the weavers in Lon-
don and the vicinity are not overpaid, by the list price now ezisting, for
their labour.
We are of opinion that an extension of the Silk Acts to the coon-
try at large, would be attended with the same advantages as we have
above imputed to the Operation of those in London, Middlesex and West-
minster. —
E.
Zu Seite 455 Anmerkung 2.
Die Hausweber verlangen ein gesetzliches Lohnminlmam.
Handloom weavers Report von 1834, S. 447.
5676. What is the date of it? — The date is not mentioned, but
it is a Petition to the House of Commons , which was presented in 1808.
(The Petition was delivered in and read, and is as foUows:)
A Copy of the Cotton Weavers* Petition, and their Clauses.
„To the Honourable the Commons of the United Eingdom of Great
Britain and Ireland, in Parliament assembled. — The humble Petition of
the undersigned persons, being Joumeymen Cotton weavers resident in
that part of Great Britain called England,
Sheweth,
E. Gesetzliches Lobnminimam. 697
That yonr petitioners have for a series of years suffered very great
hardships by reduction of their wages.
That sach reduction of their wages hath been prindpally effectoated
by the competition or riTalship of the master mano&ctarers , in payiog
various prices for the same kind of goods, whereby the skill and industry
of your petitioners is sacrificed by a depreciation of the value of their labour.
That your petitioners do not observe any abatement in the demand
for goods , though they are rednced nearly one half the wages they have
hitherto been paid; and such wages do not, in many cases, amount to
more than 9 s. per week.
That your petitioners have seen the advance of price in other trades
and branches of manufacture to correspond with the increased prices of
provisions, while they have from the foregoing causes, together with the
increased prices of house-rents, firing, and other necessaries attendant
upon the manufacture, been rendered incapable of procuring a sufficient
livelihood.
That your petitioners are, and ever will be, ready to submit to any
privations arising from national calamities, and with becoming fortitude
to bear them; but they believe they have nothing to dread either from
the arts or arms of foreigners , they therefore look up to the justice and
wisdom of this Honourable House for redress, in the premises which
they are ready to prove (if so permittedX either by themseWes or counsel.
That if a fair and eqnal regulation were adopted in the trade, and
uniformity of prices established for weaving the various fabrics in the
cotton manufacture , such manufacture would be' rescued from its present
competitors, and all concemed therein be much benefited.
Your petitioners, therefore, most humbly pray, that leave may be
given to bring in a Bill to regulato, from time to time, agreeable to
existing circumstances , the prices for weaving cotton cloth; such prices,
rules and regulations, to be uniform and general for every species fabric
and texture in the said manufacture, or to do herein as to the great
wisdom of this Honourable House shall seem meet
And your Petitioners shall ever pray/^
Now the above petition and paper show ezactly the principle of
our petitions , and is it the sentiment of the trade in generaL Now this
is the eure mentioned in the last clause: „Your petitioners, therefore,
most humbly pray, that leave may be given to bring in a Bill to regulate
from time to time, agreeable to existing circumstances, the prices for
weaving cotton cloth; such prices, rules and regulations to be uniform
and general for every species, fabric and texture in the said manufacture,
or to do herein as to Üie great wisdom of this Honourable House shall
seem meet"
Now this is the very spirit, and I might say the letter, of the peti-
tions before the Gommittee. I have another document here which shows
698 BelegstelleiL
the disposition of the weavers, or at least will support the opinions giyen
by Mr. Needham in bis eridence. This is a list of sobscriptioiis given in
London at the same period in 1808, to defray the ezpenses attendaat
npon onr application to Parliament
(The Witness delivered in the same etc. etc.)
5677. Were there a great many petitions of this description at that
time? — Yes; the petitions were general thronghout the trade. I have
another docoment here that we received from Ireland, which relates to
the Operation of the board of trade in 'Belfast for six years, and it shows
the manner in which it was intermpted.
(The Witness delivered in the same, which was read as follows:)
„(^nüemen, — In reply to yoor letter of the 13^ April, enclosing
a letter to the Legislatore of the nnited Eingdom, I have only to say,
that I handed yoor letter and its enclosure to the secretary of the weayers
at the period you State, and who continued to be so as long as a secretary
was necessary; bis ezplanation is prefixed. The same gentleman is still
in possession of all the books and docaments that were then wanted;
his name is John Crouch. — I am, (>entlemen, yoor most obedient
Belfast, April 28 1884. James Mort**
„P. S. I only received this docoment to-day."
In the year 1792 a tum-oat took place among the cotton weavors,
on account of the masters beginning to change the names of Ught work
for a pretext to reduce the price; it was then and there agreed that
certain nombers of yam should be put certain reeds, and the weavers
agreed to giye up the bawble; that is, IV^ pence on each Shilling, the
amount allowed them in Heu of providing materials ; this agreement stood
steady for six years, until manufacturers then began to multiply, and every
new band found out some new invention to reduce the price of weaving;
however, up to the year 1809, all decent warehouses that were able to
carry on business paid uniform prices , and a weaver knew by the read
and fabric what he was entitled to receive; and I think it is evident that
several decent manufacturers would have continued to pay steady uniform
prices, but they were oyerrun by small designing men getting into the
trade, and every one trying to undersell his neighbour; as the principal
consumption was the Irish market, one manufacturer of the name of
Johnson made a determined struggle and sacrifice to reduce the wages;
he continued his career from the year 1811 to 1814; the weavers made
a desperate resistance; his house was blown up in the night; in conse-
quence of which two weavers were hanged, and from that period every
manufacturer does what seems good in his own eyes. A number of agree-
ments have been entered into between manufacturers and weavers in the
intermediate period to preserve and procure a uniformity of wages, but
all to the same effect; it cannot be done unless by a compolsory law.
F. Einigangsamt 699
The general plan obsezred by the weavers, when any were fonnd paying
lower than the rest, was to assemble and force the workers to cany home
the work unfinished that was found contrary to the Statute law. Several
manofEU^tores were swom oat of trade, which was also fonnd ill^al and
onsenriceable.
5678. In the list you ha?e given in of subscriptions in London,
there is the name of Sir Robert Peel for 80 goineas? — Yes.
F.
Zu S. 459, Anmerkung 1.
Man strebt nach einem Einigungsamt
Handloom weavers Report 1834, S. 62.
871. You have mentioned a table of prices; is that the regulating
System which has been described as boards of trade in the petition ? —
It is, and had worked well. But the great düficulty in Paisley, in these
tables of prices or arrangements between the workman and his employer,
arises from this: the wea?er finds it his interest to support them, the
manufacturers generally say it is not ii^jurious to them as manufacturers,
but they do not find the same interest as the weaver. Hence the pro-
tecting of these tables depends entirely with the weavers, and when an
infringement is made the weavers are the complainers, and the manufeu;-
turers, moving in a higher sphere, sometimes get irritated at this inter-
ference. Had the manufacturers found it their interest, and formed a
protecting committee, the weaving body could have done almost without
their own committee, or without local boards of trade; but there is nothing
to bind the manufacturers that do not find it to their advantage to keep
to the tables of prices, although they admit that it is not to their dis-
advantage.
872. Do you think that if those boards of trade met with the ap-
proval of Parliament, that the manufacturers in that case would be more
reconciled to go band in band with the weavers in maintaining and sup-
porting them? — I could not answer that question. I know so few of
the manufacturers; all those that I do know would cordially agree to the
measure. I believe there are nearly 200 manufiEUSturers in Paisley, and
we have a few firm friends, and a very few strenuous opponents; and the
great miyority do not attend much to these things, if they can just carry
on their bnsiness from day to day. That is my own opinion of the State
of matters in Paisley.
878. Tou State that some of the houses are very anxious to have
any mode of keeping up prices to a £ür and adequate subsistence for
^ 700 Belegstellen.
the workmen, and othere look only to see how they can get wages cheaper,
and a great number give themselves no trouble about the matter? — Yea.
874. Then, in point of fact, there are only a few of them that are
absolutely opponents to these boards of trade? — There are only 10
that remained a short time without sabscribing the list of prices ; there
was one in the ganze trade and nine in the silk-shawl trade, that stood
out for Bome time; bat they ha?e all joined now. I had a conversation
with one silk-ganze manufacturer, who does a great deal of bosiness; the
night before I came away I went to him, and he stated that he woold
like to see our present table of prices for silk ganzes have a legal sano-
tion and a penalty attached to it, so as to make the prices binding, as
they are at present; but generally both the weavers and the mannfactorers
admit that the prices should vary according to circumstances.
875. Do 70a suppose that the manafacturers dislike the wearers
Coming into their shops when any particular house has endea?oared to
lower wages? — That is my own opinion. The manufactnrers had a
committee and a conyener; that convener was the same that the weavers
applied to; he called the meetings; they were not attented at this time.
When the weaving body were taking np the qaestion about boards of
trade, they repeatedly went to him; he called one meeting; there were
only four come; he said he had resigned bis Situation, and hence the
manufacturers in Paisley are, as far as I know, not in a connected State
at present, and I belie?e that one cause of that is, that they do not like
to see the weavers interfere so much; and the weayers would be perfectly
willing to give up much of this interference if the^ would take it under
their own management.
876. Then the Committee may infer firom what you said, that the
manufacturers generally in Paisley do not object to having those boards
of trade, but they object to the inconvenience and trouble and loss of
time which it may entail upon them, to be obliged to attend and to hear
the complaints and disputes that may arise ? — Yes ; and I have something
bere to confirm my own opinion upon this subject Here is a letter dated
Paisley, 25th June 1834:
„ We have made a careful inquiry as to the table of prices for regu-
lating trimmings, and agreed to upwards of three years ago, and can un-
hesitatingly State that it has given nearly universal satisfacüon to both
the manufacturers and weavers here, as preventing both underworking
and underselling, acting as a safeguard to capital invested, and as a pre-
ventive against undue speculation and glutted markets.
„Wm. Ilarvie, Provost; Wm. Jeffirey, Robert Hendry, James Clark,
Magistrates; John Henderson, Crown Treasurer; John Dunlop, Kobert
Bisset, James Drummond, Thomas Calderwood, Dewar Watson, Coun-
cillors."
F. EinigangBamt. 701
877. Are any of those gendemen manafactarers? — One of those
gentlemen is a manu£&ctarer; there are ODly two of the coundllora that
are manufactorers. I have another, signed by the provost and magistrates
of last year, to the same effect; it is as foUows:
— „I certify that when in office as chief magistrate last year, I
understood that the table of prices instituted originaJly by the manufac-
torers for regulating certain fabrics of goods calied trimmings , had been
of benefit to both masters and workmen, and have often heard several
manafactarers espedally State so.
„Paisley, 25 Jane 1884. John Orr."
„We cordially agree with the above Statement: James Bachanan,
late magistrate; John Hart, late Magistrate, Peter Broagh, late Magistrate. **
878. Yoa mean that both the reformed and the anreformed magi-
stracy of Paisley gave their fall sanction to the atility of this table of
prices? -— Yes.
879. Will you State yoar own opinion, as a weaver long in the
trade, in what form and shape these wishes and desires of the well-paying
manafactarers could be rendered more effectaal, in preventing anderselling
and those redactions in prices which gambling and specalating manafiac-
torers may be disposed to endeavoar to introdace? — I know that my
opinion differs from some others; bat the Legislature passed an Act for
settling dispates between masters and workmen, which has been pro-
dactive of Üie best effects.
880. What Act do yoa refer to? — I think it is an Act of 1824.
That Act provides, that in cases of dispate one wea?er and one mana-
factarer shall examine and decide apon the case; and, if not agreeing,
the magistrate who gave the order acts as ampire. Now an Act to ap-
point six or more of each class to make arrangements, that might pre-
▼ent dispates, and allow the trade to go on to the best advantage for
all parties; and in case of disagreeroent, I think the local aathorities in
the places where the dispute might arise would be most competent to
decide apon the merits of the qaestion. Others think there ooght to be
a central committee in London, that oaght to take cognizance that Lan-
cashire shoald not compete with Scotland or ScoÜand with Lancashire*
Bat I think there woald not be mach machinery needed aboat it I think
that if that arbitration Act was eztended to* empower magistrates to con-
vene the two bodies, and to fix the prices among themselves, and if
they disagreed among themselves, that the magistrates shoald ßn them,
I think that woald do, at least I shoald like to see it tried; and if that
did not do I shoald be qaite willing to give it up, and try something better.
881. Do yoa think it might be desirable that one or two persona
who have been manafactarers, bat were no longer in the trade, or some
neatral person, sach as a merchant, or in some other ci^adty, who knew
702 Belegstellen.
the yalae of those articles, should be added to the workmen and master
manafactorera , for the porpose of arbitrating and getting them to agree
npon dispnted points? — Yes, I thlnk it might
882. The boards of trade hare been in Operation aboat three years
in Paisley, have they not? — For three years there has been a table
of prices for trimmings, and for near four years for other kinds of piain
work; in the heavy Une it has been in existence two years. The silk-
gauze table came into Operation on the 1 "t of July last year.
883. Then during the case of the trimmings, how many dispates
havearisenwhereanarbiter wasrequired? — There never has any dispute
arisen from any attempt to pay below the table price; the dispates fire-
quently are about bad materials, and misunderstandings aboat the engage-
ment, bad-finished work, etc.; bat there never has been a dispate, so fu
as I know, in consequence of any manufactnrer giving less than the table
prices. In the silk-gauze there have been complaints of manaftu^torers
endeavouring to give out work at less prices than the table stated, bat
not in the trimming.
884. Then do yoa conclude that if there werc boards of trade existing
for Paisley and Glasgow, or for Scoüand generally, in the hand-loom
basiness, that very rarely indeed there woald be dispates, provided there
coald be some person capable of jadging added to that board of trade,
to be an impartial arbiter between the masters and men, when cases of
ander-payment occnrred which were capable of being proved against the
manafactarers ? — I think that dispates woald occar very seldom. When
I speak about the opinion of the people of Paisley, their opinion is that
it should be composed of weavers and masters; but from my experience
in Paisley, the view I have taken of it is, that had there been a manu-
facturers' committee in existence for the last 25 years, and if the weavers
had not had any connexion with it, they would not have agreed among
themselves to reduce prices in the same way that it has been done in-
dividually, by one trying to make cheaper than bis neighbour. Had there
been a committee of manufacturers, without weavers at all, my conviction
is, they would never as a body have agreed to reduce prices so far as
they have done.
885. Do you suppose that in the event of those boards of trade
being established in Scotland, it would be necessary that corresponding
boards of trade should be established in England and Ireland? — Yes,
I think so ; because if Manchester were to make cheap, Paisley and Glas-
gow must either make cheap or give up the trade. Paisley has suffered
extremely from the introduction of French manufactured goods into this
market; it has been a greater detriment to Paisley than anything eise
within the last 20 years. It occurred first in the silk-gauze trade, in the
year 1826, and the manufacturers and weavers at that time petitioned;
they were unsuccessful ; all the other manufacturers in Paisley stood
G. Vorschlag von Fieldeiii betr. Einigtings&mter. 708
aloo( or were advocates for free trade; and within the last three years
there has been such an inflnx of French India imitation shawls, that now
the whole of those manufEU^torers who stood aloof at that time, are aroused
to the qnestion , and they say that a very short time will sink the shawl
trade altogether in Paisley, if the French are allowed to come in as they
are doing.
886. Do you think that all the inhabitants of Paisley generally take
an interest in the weavers haying some sort of protection, such as those
regolations would give them? — Yes; I coold name the employments of
those individuals in that list I have read; they certainly might be taken
as a Standard for all the popolation; they are engaged in all kinds of
bnsiness in Paisley, tobacconists , and wine and spirit dealers, and other
trades.
887. Has there been a feeling of great cordiality amongst the
masters and men in the trimming trade since the table of prices was
established? — Yes; I talked to one manofactorer last week, who told
me that he liked the table, and he would be very sorry that it shonld
stop; and he said it had done much good, and prevented many disputes»
and that it allowed him to go on with greater confidence in his bnsiness'
G.
Zu Seite 462, Anmerkong 8.
Vorschlag von Fielden, betr. Einigungs&mter.
Handloom weavers Report 1884, S. 626.
Minutes of evidence taken before the select committee on hand-
loom weavers.
John Maxwell, Esqnlre; In The Chair.
John Fielden, Esqoire, a Member of the Committee; Examined.
8018. Will you favour the Committee with any plan by which you
could bring the object of the petitioners before the Committee in a form
in which legislation might be adopted? — I have sketched out a plan,
which I will submit to the Committee, and I heg to observe, the prindple
is the same as that contained in the Bolton plan and in the Glasgow
plan; I have drawn it up in something like the form of an Act of Parlifr-
ment, thinking it might be worth while to introduce such a measure to
the consideration of Parliament, and to get the bill printed: „Whereas
great distress and suffering ezist amongst a very numerous class of arti-
sans in this kingdom, who are employed in the manufocture of silk,
wooUen, cotton and linen upon handlooms, by reason of the unequal and
704 Belegstellen.
inadequate wages that they are paid for their work by mann&ctorers
who employ them; and whereas it has become ezpedient to remedy tbe
same, by adopting a regulation to determine from time to time the loweet
rate of wages that shall be paid by any manufactorer to any handloom
weaver employed in the manufacture of silk, woollen, cotton and linen;
Be it therefore enacted, by and with the consent, etc., that firom and
after the passing of thls Act, schedules shall be prepared by and ander
the direction of Eis Miyesty's Goyemment, and sent to the chnrchwarden,
overseer, constable, writer or clerk, or to one of them, in every parish,
township or vill, etc. in the United Eingdom where handloom weaving
is given out to work, reqoiring a true retom to be made, within 80 daya
after receipt of schedules, by every such churchwarden, etc. to whom
such schedules shall have been directed, of the different descriptions of
manufacture carried on upon handlooms in such parish, etc., and of the
name or designation by which such manufactured goods are there known
and distinguished, and of the wages at which such work is given ont,
and is then and there paid for the same by the fewest number of manu-
facturers and their agents, who individuiüly and coUcctively put out to
work and make , or are reputed to make, the greatest number of webs,
cuts or pieces of the same sort individually, and one-half of such goods,
webs, cuts or pieces coUectively, which are then and there, and in any
other place manufactured by such manufactur^rs on handlooms, from
any of the aforesaid materials, and of whatever description. The Infor-
mation respecting the wages at which each sort of work is given out and
paid to be coUected and obtained from those manu£GMitarerB or their
agents who individually and coUectively, as aforesaid, make or are reputed
to make one-half of the goods, webs, cuts or pieces, of the same descrip-
tion which are then and there, or in any other township, manufactured
by such manufacturers, or from the weavers in their employ, or from both
the Said parties; and both are hereby required to give a true Statement
of such wages in writing, signed by the person making it, when applied
to by the person hereby authorized to demand the same, for the purpose
of making the retums required by the schedules. That within 30 days
after such retums have been made to His Majesty's Government, or to
those whom they may authorize to receive the same, the said authority
shall ascertain, from the schedules or retums, the highest wages paid by
such a number of manufacturers (where the number in any township, etc.,
exceeds two) as shall in the schedules of each description of manufacture
constitute a msgority of one or two, as the case may be, for each of the
sorts of handloom manufacture designated or known by the same name
or description, and given out to work as such in the parishes town-
ships, etc., respectively from whence the retums have been sent; and the
average rate of wages paid by such majori ty of manufacturers so selected
out of the retums from every parish, township, etc., respectively, shall,
6. Vorschlag von Fielden, betr. Einigungs&mter. 705
for the purposes of this Act, determine the lowest wages to be paid to
the handloom weaver for each of such descriptions of manufactore in each
of the said parishes, etc., from whence the retoms have been sent That
where in any township , etc., the nomber .of manofacturers making one-
half of any description of doth there made |on handlooms shall only
amount to two, the medium wages paid by the two shall be taken to be
the average wages for such township, etc., and where in any township
there is only one making such half, the wages of such manufEu^turer shall
be taken to be the average for that township. That such average wages
having been ascertained, as aforesaid, His Majest/s Government, or such
person as they may authorize, shall, by a communication to be made to
every manufacturer, or to the agent of every manufacturer who has the
giving out of work, through the medium of the chnrchwarden, etc., in snch
parish or township as the retums were sent from, direct and require
that the said average wages shall be the lowest wages that shall be paid
by any manufacturer, or by any agent of any manufacturer, in such parish
township, etc., during the nezt three months, and for each and every
of the sorts of work that were retumed in the schedules as being there
wove upon handlooms ; and the chnrchwarden, etc., shall seil printed lists
or tables, signed by bim, of the wages so required and directed to be
paid, to every weaver applying for the same, and lists or tables of the
lowest wages to be paid for every description of manufacture on hand-
looms in every township, comprised in the retums, shall be published
in the London Gazette, by order of His M^jesty's Government, or the
person whom they may authorize, every three months, immediately after
the averages have been ascertained and directed to be paid, as abovesaid.
That at the end of three months from the time when the lowest wages
shall have been determined as aforesaid, and shall have been directed to
be paid, and at the end of every succeeding three months, during the
continuance of this Act, the average wages for each sort of work shall
be ascertained, and the payment of such average wages eigoined on every
manufacturer, or the agent of every manufacturer, and lists or tables of the
wages required to be paid circulated among the weavers, and published in
the London Gazette, in manner abovesaid. That to prevent evasions and
infractions of this Act from alterations in the length of the web, piece or
cut, the fineness of the reed, the counts of the yam, the number of shoots
in the inch or otherwise, between the times of taMng the Averages, and
with an intent to evade paying the wages directed by this Act to be paid,
and to determine disputes relating thereto between the manufacturers, or
their agents, and their handlooms weavers, be it frurther enacted, that
from and after the time when the lowest rate of wages to be paid shall
have been once directed as aforesaid, if any dispute shall arise between
any manufricturer and any handloom weaver, touching anything required
to be done or observed by virtue of this Act, the party supposed to be
Held, Soe. Gesch. Engl. 45
706 Belegstellen.
aggrieved shall apply to any magistrate acting witbiii the division or
hundred in wbich such parish, etc., aforesaid is situate, who shall direct
that the parties between whom the dispute has arisen shall each of them
choose two persons out of their respective classes, and who reside within
20 miles of the place where the dispute has arisen, to whom the case
in dispute shall be refcrred ; and if the said so selected four persons do
agree, and give in in writing to the parties in dispute what they consider
just and fair to be done between the parties, their decision shall be
binding; and if either party refuse to agrce to such decision, the magi-
strate shall be authorized to enforce the same. That when the referees
cannot agree, they shall appoint one person to settle the matter laid
before them, and bis decision shall be binding, and shall be enforced
in the manner abovesaid." Another clause might be added, to ensure its
better observance, making it a misdemeanor to violate the Act; but I
should prefer, in the first instance, any di8])ute being settled by reference,
as there proposed.
H.
Zu S. 621, Anmerkung 3.
Sir Robert Peel's Bericht über die Beschäftigung von
Kirchspiel- und anderen Kindern.
Report on the State of the Children employed in Manufactures, 1816,
Seite 132.
Sir Robert Peel. — Ich erbitte mir die Erlaubniss, eine Schrift ein-
zureichen, welche das "Wesentlichste von dem enthält, was während der
Dauer meiner Erfahrung, die nicht weniger als lünfund vierzig Jahre um-
fasst, betreflfs des Zustandes und der Verwaltung der Baurawoll-Manufac-
turen zu meiner Kenntniss gelangt ist. (Die Schrift wird vorgelesen:)
„Der Gesetzentwurf des letzten Jahres, betreflfs junger Personen in
Fabriken, d(;n ich dem Hause der Gemeinen vorzulegen die F.hre hatte,
war soweit gediehen, dass alle dabei interessirten Personen die Möglich-
keit hatten, sich eine Meinung darüber zu bilden, in wie weit sie persön-
lich durch diese Maassregel betroffen werden würden.* Da jedoch die
Sitzung schon weit vorgeschritten, und wenig Gelegenheit geboten war,
die Ansichten der so betheiligten Personen in Erfahrung zu bringen, hielt
ich v.s für geeigneter, zu dieser Stunde nicht auf der Annahme des Ent-
wurfs zu bestehen. — Es war niemals die Absicht, die Töpferarbeit und
andere Gewerl)e, bei welchen junge Leute angestellt sind, in die Maass-
regel (finzuschliessen und der Gewinn, den wir unseren letzten Erörte-
rungen verdanken, veranlasst mich (mit der Zustimmung der Commissi on)
die Wirksamkeit des vorgeschlagenen Gesetzes auf die drei grossen Manu-
H. Sir Robert Peel's Bericht. 707
facturzweige des Vereinigten Königreichs, Baumwolle, Wolle und Flachs
zu beschränken: welche grösstentheils alle in weitläufigen Gebäuden be-
trieben werden, nicht ohne Maschinen existiren können, und grosse Schaa-
ren armer Kinder beschäftigen.*^ Da ich femer in Erfahrung gebracht
habe, dass die Fabriken, welche den achtbarsten Personen angehören, sich
am meisten auszeichnen durch die Massigkeit, in der sie Arbeitsstunden
verlangen, so schmeichle ich mir mit der Hoffnung, dass die in Frage
stehende Maassregel für dieselben keine wesentliche Neuerung herbeifüh-
ren werde. Mr. Arkwright war der Erfinder dieser Maschinen, die von
sehr grosser nationaler Bedeutung sind, und die zu einer Zeit zur Anwen-
dung kamen, als die Dampfkraft erst wenig bekannt war und wenig be-
nutzt wurde. In grossen Gebäulichkeiten, welche gewöhnlich in ländlichen
unbewohnten Gegenden so lagen, dass sie über eine beträchtliche Wasser-
kraft zum Treiben der Maschinen gebieten konnten, wurde der Ueberschuss
der Bevölkerung von grossen Städten aufgeboten und viele Tausende von
Kirchspielkindem wurden aus London^ Birmingham und anderen volkrei-
chen Districten zu dieser Arbeit herangeholt.
„Das Haus, an welchem ich betheiligt bin, beschäftigte zu einer
Zeit nahe an tausend Kinder dieser Art. Da ich anderweitige Beschäf-
tigung hatte, so war es mir nur selten möglich, die Fabriken zu besuchen,
aber jedesmal, so oft ich dazu kam, fiel mir das bei allen Kindern unge-
sunde Aussehen und in vielen Fällen die verkümmerte Gestalt dersel-
ben sehr auf; die Arbeitsstunden wurden von dem Interesse des Aufsehers
regulirt, welcher, da seine Bezahlung sich nach der Menge der geleisteten
Arbeit richtet, oftmals dadurch veranlasst wurde, die armen Kinder über-
mässig lange an der Arbeit festzuhalten und ihre Klagen durch kleine
Bestechungen zu beschwichtigen. Da ich sah, dass unsere eigenen Fabri-
ken in solcher Weise geleitet wurden, und dass auch in anderen Theilen
des Königreichs, wo ähnliche Maschinen angewendet wurden, dieselben Ge-
bräuche vorhen'schend waren, und die Kinder .vielfach übermässig ange-
strengt wurden, femer oft sehr wenig oder gar nicht auf Reinlichkeit und
Lüftung in den Gebäuliclikeiten gehalten wurde, so brachte ich in dem
42. Jahre der Regiemng des Königs (also 1802) einen Gesetzentwurf
betreffs der Regulirang von Fabriken, die solche Kirchspiellehrlinge be-
schäftigen, in Vorschlag, wobei ich von Dr. Percival und anderen hervor-
ragenden Medicinern aus Manchester, sowie von einigen sehr angesehenen
Männern, theils Parlamentsmitgliedern, theils nicht, unterstützt wurde. —
Sehr bald machte sich in Folge der vermöge dieses Gesetzes im Vergleich
zu früher verminderten Arbeitszeit eine sichtbare Aenderung zum Besse-
ren im Gesundheitszustand und im Aeusseren der Kinder bemerklich, und
seitdem die Acte in volle Wirksamkeit getreten ist, sind ansteckende
Krankheiten nur noch selten vorgekommen.
„Da ich wenig Vertrauen in meine Befähigung habe, gesetzliche
Maassregeln hervorzurafen, so würde ich mich bei der soeben erwähnten
45*
708 Belegstellen.
beruhigt haben, hätte ich nicht die Beobachtung gemacht, dass in Folge
der jetzigen Anwendungsweise der Dampfkraft in den Fabriken das obige
Gesetz Yermuthlich ein todter Buchstabe bleiben wird. Grosse Gebäude
werden aufgeführt, nicht nur wie früher an den Ufern von FlQssen, son-
dern in Mitten volkreicher Städte, und während man früher Kirchspiel«
Lehrlinge au&ufinden suchte, werden heute vorzugsweise die Kinder der
benachbarten Armen herangeholt, deren Arbeitgeber, von der Wirksamkeit
der früheren Parlamentsacte unbehelligt, gar nicht gebunden sind, irgend
welche bestimmte Arbeitszeit in ihrem Geschäftsbetriebe einzuhalten, ob-
gleich es häufig vorkommt, dass Kinder im zarten Alter von sieben Jah-
ren und in einigen Fällen sogar noch früher, dreizehn bis vierzehn Stun-
den pro Tag in den Fabriken zur Arbeit zugelassen werden. Ich brauche
nicht die Commission aufrufordem, eine Meinung darüber abzugeben,
welches die Wirkungen eines so verderblichen Verfahrens auf die Gesund-
heit und das Wohlbefinden dieser kleinen/Geschöpfe sein müssen, besonders
nachdem wir die Ansichten der angesehenen Mediciner, die vor uns be-
fragt worden sind, kennen gelernt haben; allein ich möchte es der Com-
mission auf das Angelegentlichste ans Herz legen zu bedenken, dass, wenn
nicht das Parlament dazwischen tritt, bald jeder Gewinn, den die Appren-
tice-Bill brachte, vollständig verloren gehen und die Beschäftigung von
Kirchspiellehrlingen eingestellt werden wird und dass andere Kinder zwi-
schen welchen und den Arbeitgebern wahrscheinlich kein dauernder Ver-
trag existirt, für deren gute Behandlung nicht die geringste Garantie ge-
leistet wird, die Stelle dieser Kirchspielkinder ausfüllen werden. Eüie
solche unterschiedslose und unbegrenzte Anstellung der Armen, welche
sich zum grossen Theil aus den Bewohnern gewerbetreibender Districte
zusammensetzen, wird für die kommende Generation so ernste und be-
sorgnisserregende Folgen haben, dass ich nur mit Schrecken daran den-
ken kann; und es würde durch dieses Verfahren jene grossartige Errun-
genschaft des britischen Scharfsinnes, durch welche das Maschinenwesen in
unseren Fabriken zu solcher Vollendung gelangt ist, anstatt zu einem Segen
für die Nation zu deren grausamsten Fluche werden.
„Geehrte Herren! Wurden in früherer Zeit Kirchspiellehrlinge als
der Fürsorge des Parlamentes würdig erachtet, so glaube ich zuversicht-
lich, dass Sie den unbeschützten Kindern von heute ein gleiches Maass
von Berücksichtigung nicht vorenthalten werden, zumal die Arbeitgeber,
unter welchen diese Kinder stehen, nicht verpflichtet sind, denselben wäh-
rend einer Krankheit oder ungünstiger Geschäftsperioden beizustehen.*' —
(Folgen Vorschläge zu gesetzlichen Vorschriften.)
J. üeber die Zustände in den Kohlenbergwerken. 709
j.
Zu Seite C80, /mnerkung 6.
Ueber die Zustände in den Kohlenbergwerken.
Auszug aus dem Children's Employment Commission's Report I, 1842,
8. 255 ff.
1. Es giebt Fälle, dass Kinder schon mit vier Jahren, manchmal mit
fünf, fünf bis sechs, sechs bis sieben, sieben bis acht Jahren in die-
sen Bergwerken zu arbeiten anfangen; das gewöhn liehe Alter zum
Arbeitsaufang ist aber das achte bis nennte Leben^ahr.
^2. Ein grosser Theil der in diesen Bergwerken arbeitenden Leute ist
noch nicht dreizehn Jahre alt ; ein noch grösserer Theil steht zwischen
dem dreizehnten bis achtzehnten Lebensjahre.
3. In vielen Districten fangen die Mädchen ebenso früh an zu arbeiten
wie die Knaben.
4. Die grosse Masse der in diesen Bergwerken arbeitenden Kinder stammt
aus den Familien der Grubenarbeiter oder gehört der ärmsten Bevöl-
kerung der Umgegend an, und wird in einigen Districten von den Ar-
beitslenten, in anderen von den Besitzern und Unternehmern gedun-
gen und gelöhnt.
6. In vielen Fällen ist durch die Vereinigung von Geschicklichkeit und
Capital vieles geschehen und oft mit dem grössten Erfolg um die
Arbeitsstätten in den Bergwerken unschädlich, gesund und sicher zu
machen; doch scheint es noch nicht möglich zu sein, durch bis jetzt
bekannte Mittel die Gruben vollständig gegen schädliche Einflüsse
sicher zu stellen ; in vielen Fällen ist der Zustand derselben in Bezug
auf Lüftung und Lösung der Wasser noch in beklagenswerthem Maasse
unbefriedigend.
7. Die Natur der Beschäftigung, welche den jüngsten Kindern obliegt,
(Thürhüten in den Strecken), bedingt, dass dieselben in die Grube
kommen, sobald die Arbeit beginnt und dieselbe erst verlassen, wenn
Feierabend gemacht wird.
^. Diese Beschäftigung, welche kaum Arbeit genannt werden kann, würde,
da die Kinder dabei gewöhnlich im Dunklen und ganz allein sind,
der schlimmsten Einzelhaft gleichkommen, wenn nicht die Kohlen-
karren von Zeit zu Zeit hin und wieder führen.
9. In den Districten, in welchen die Kohlenflöze so mächtig sind, dass Pferde
in den Werken verwendet werden, oder in welchen die Nebengänge
von den Werken zu den Fahrwegen nicht sehr lang sind, wird die
Lage dieser Kinder durch das aus den Hauptgängen hereinfallende
Licht verhältnissmässig weniger traurig, langweilig und betäubend; in
anderen Districten aber sind sie, solange sie in ier Grube sein müs-
710 Belegstellen.
sen, immer im Finstern und ganz allein, und viele Kinder sagen, dass
während des grösseren Theils des Winters Wochen vergehen, ohne
dass sie das Licht des Tages- erblicken, ausser an den Tagen, an
welchen die Arbeit ausgesetzt wird und an Sonntagen.
10. Die harte Arbeit des Schiebens und Ziehens der Kohlenwagen von
den Werken nach den Hauptgängen oder bis an den Eingang des
Schachtes beginnt zu verschiedenen Lebensjahren, von sechs Jahren
an aufsteigend; es ist dies eine Arbeit, welche, wie alle Zengen
versichern, das unausgesetzte Anstrengen aller physischen Kräfte der
jugendlichen Arbeiter erfordert
n. In allen Districten, wo auch Arbeiterinnen in den Kohlengruben
arbeiten, verrichten beide Geschlechter genau dieselbe Arbeit und auch
während derselben Zeitdauer; Knaben und Mädchen, junge Männer
und junge Frauenzimmer, sogar verheirathete und schwangere Frauen
sind fast nackt während sie arbeiten, und die Männer in vielen Gru-
ben gänzlich nackt. Der demoralisirende Einfluss der unterirdischen
Arbeit auf die Frauen wird von allen Zeugen constatirt.
12. Im östlichen Schottland werden weit mehr Kinder und junge Leute^
darunter viele Mädchen, in diesen Bergwerken beschäftigt, als dies in
anderen Districten der Fall ist; ihre Hauptarbeit besteht darin, die
Kohlenstücke auf dem Rücken die Leitern hinauf zu schleppen.
13. Die regelmässige Arbeitszeit für Kinder und junge Leute dauert —
wenn die Arbeit im vollen Gange ist — selten weniger als elf, öfter
zwölf Stunden, in einigen Districten dreizehn und in einem einzigen
gewöhnlich vierzehn und darüber.
14. Die Nachtarbeit ist in der grossen Mehrzahl dieser Bergwerke ein
Theil des gewöhnlichen Arbeitssystems und wird je nach der Nach-
frage nach Kohlen mehr oder weniger regelmässig inne gehalten. Alle
Zeugenaussagen führen aus, wie äusserst schädlich diese Einrichtung
auf den physischen und moralischen Zustand der Arbeiter, besonders
der Kinder, einwirken muss.
15. Obgleich streng genommen diese täglich so viele Stunden währende
Arbeit nicht eine ununterbrochene genannt werden kann, da es in
der Natur der Beschäftigung liegt, dass Pausen von einigen Miuuten
eintreten, während welcher die Muskeln nicht angespannt sind, so ist
doch von einer regelmässigen Freizeit zum Ausruhen keine Rede, son-
dern die Arbeiter nehmen ihre Nahrung während der Arbeit, so gut
es eben geht, zu sich.
It). In den guteingerichteten Bergwerken, welche im Allgemeinen die
kürzeste Arbeitszeit haben, und in einigen wenigen, wo regelmässig
eine halbe bis eine ganze Stunde ftir die Mahlzeit bestimmt ist, brin-
gen nach einem gewöhnlichen Arbeitstag die zehnjährigen und altern
Kinder nur selten Klagen über Müdigkeit vor, während dies in an-
J. üeber die Zustände in den Kohlenbergwerken. 711
deren Fällen sehr vielfach vorkommt und die Arbeitsleute oft ein
äusserst schmerzliches Gefühl der Ermüdung niemals überwinden.
17. Sehr oft haben die Kinder und jungen Leute keinen Grund, sich über
die Behandlung zu beklagen, welche sie von den Aufsichtspersonen
in dem Bergwerke oder von den Kohlenhäuem erfahren; aber im
aligemeinen werden die kleineren Kinder von den älteren rauh be-
handelt. In vielen Bergwerken ist das Benehmen der erwachsenen
Kohlenhäuer gegen die unter ihnen arbeitenden Kinder und jungen
Leute voll Härte und Grausamkeit, und die Vorgesetzten, die darum
wissen müssen, thun nie das Geringste, um es zu verhindern, ja sie
behaupten ausdrücklich, dass sie kein Recht dazu hätten.
18. Mit sehr seltenen Ausnahmen interessiren sich die Kohlenbesitzer sehr
wenig für das Wohl der in ihren Werken arbeitenden Kinder und
jungen Leute, nachdem die Arbeitszeit vorüber ist; wenigstens thun
sie wenig daiUr, denselben unschuldige und gesundheitsförderliche
Vergnügungen zu ermöglichen.
19. In allen Kohlengruben kommen sehr häufig ganz entsetzliche Unglücks-
fälle vor; und sowohl die Erkundigungen, die wir feinzogen, wie die
Registrirtabellen liefern den Beweis, dass unter den durch solche
Unglücksfälle umkommenden Arbeitern manchmal die Zahl der Kinder
verhältnissmässig gerade so gross und nur selten kleiner ist als die
Zahl der P>wachsenen.
20. Eine der häufigsten Ursachen von Unglücksfällen wird darin gefunden,
dass die Aufsiebt eine äusserst mangelhafte ist, sowohl in Bezug auf
genaue Untersuchung der Sicherheit des Maschinenwerkes, vermittelst
dessen die Arbeiter auf und niedergelassen werden, als auch in Bezug
darauf, dass immer nur eine genau bestimmte Zahl von Personen
gleichzeitig auf- und niederfahren. Ebenso schlecht ist es mit der
Controlle bestellt, welche über die in den Bergwerken angesammelten
Quantitäten schädlicher Gase, über eine wirksame und genügende Ven-
tilation, über ein streng geregeltes Oeffnen und Schliessen der Luft-
thüren, wie über die einzelnen Bäume geführt wird, in welchen es
gefährlich ist, sie mit brennendem Licht zu betreten und in welchen
dies ohne Gefahr geschehen kann ; auch die Sicherheit und Festigkeit
der das Hangende tragenden Stützen wird lässig beaufsichtigt etc.
21. Sehr viele schlimme Unfälle werden dadurch verursacht, dass das
Schliessen der Luftthüren fast durchgehends sehr kleinen Kindern
anvertraut wird.
22. In vielen Bergwerken werden nicht die allergewöhnlichsten Vorsichts-
maassregeln getroffen, um Unfälle zu verhüten, und, wie es scheint,
werden keine Kosten für die Sicherstellung imd noch weniger für die
Annehmlichkeit der Arbeiter aufgewendet.
23. Zweierlei in einigen Districten vornehmlich herrschende Gebräuche
sind es, die vor allen andern die strengste Rüge verdienen und zwar
712 Belegstellen.
folgende: in einigen der kleineren Bergwerke in Yorkshire kommt es
zuweilen und in Lancashire häufiger vor, dass zum Auf- und Nieder-
lassen der Arbeiter Seile gebraucht werden, die dazu nicht mehr taug-
lich und desshalb gefahrbringend sind, und zweitens ist es in Tork-
shire theilweise, in Derbyshire und Lancashire durchgehends der Usus,
Knaben bei der Dampfmaschine zur Auf- und Niederbef&rderung der
Arbeiter anzustellen.
24. Im Allgemeinen erhalten die in diesen Bergwerken arbeitenden Kin-
der und jungen Leute genügende Nahrung und tragen anst&ndige und
warme Kleider, wenn sie wieder auf der Erdoberfläche sind, da der
gewöhnliche Lohn, den sie erhalten, ihnen dies ermöglicht; allein in
vielen Fällen, biesonders in einigen Theilen von Yorkshire, in Der-
byshire, in South Gloucestershire und sehr oft auch im östlichen
Schottland ist die Nahrung der Arbeiter sehr mangelhaft, was die
Qualität, und höchst ungenügend, was die Quantität betrifft; die Kin-
der sagen selbst, dass sie nicht genug zu essen hätten; und dieSub-
commissioners berichten, dass die Kinder in Lumpen gehüllt seien,
und dass diele Kleiderarmuth der gewöhnlich von ihnen angegebene
Entschuldigungsgrund sei, warum sie anstatt Sonntags in frischer Luft
Erholung zu suchen oder in die Kirche zu gehen, gewöhnlich ganz
zu Hause bleiben; in solchen Fällen also reicht die doch so ange-
strengte Arbeit der Kinder nicht einmal aus, um ihnen genügende
Nahrung und Kleidung zu verschaffen; gewöhnlich jedoch stammen
so traurig gestellte Kinder von faulen und liederlichen Eltern ab, die
den so sauer erworbenen Verdienst ihrer Sprösslinge in der Schenke
verthun.
25. Dieses Arbeiten in den Bergwerken verursacht gewöhnlich erstens
eine ausserordentlich starke Ausbildung der Muskeln und zugleich
eine dieser entsprechend grosse Stärke derselben; jedoch wird diese
unnatürliche Entwicklung und Stärke auf Kosten der anderen Organe
gewonnen, wie dies in dem gewöhnlich verkümmerten Körperwuchs
zu Tage tritt.
26. Diese Arbeit, wie sie jetzt in allen Districten gehandhabt wird , be-
fördert eine VerEchlechterung der .physischen Constitution, theils durch
die Anstrengung, die sie erfordert und durch die lange Arbeitszeit,
theils durch den gesundheitsschädlichen Zustand der Arbeitsstätten;
in den Bergwerken, die nur kleine enge Gänge haben, werden durch
die dadurch gebotene krumme Körperhaltung die Glieder besonders
verkrüppelt und der Körper verrenkt; und es ist im allgemeinen so,
dass solche Bergleute viel früher als es sonst in anderen Industrie-
zweigen der Fall zu sein pflegt, die Kraft ihrer Muskeln einbüssen
und viel früher arbeitsunfähig werden.
27. Dieselben Ursachen sind es, die gar oft den Keim zu schlimmem und
todtbringendem Siechthum schon bei der Kindheit und Jugend legen,
J. Ueber die Zost&nde in den Kohlenbergwerken. 713
•
der dann in langsamer aber ständiger Entwicklung bis zum 30. bis
40. Lebensjahre hin einen äusserst ernsten Charakter annimmt, so
so dass jede Generation aus dieser Volksclasse gewöhnlich nach dem
50. Leben^'ahre ausgestorben ist. ,
Seite. 258: Wenn man die Ausdehnung dieses Industriezweiges, die
grossen Capitalien, die darin angelegt sind, und den nahen Zusammen-
hang ins Auge fasst, in welchem er als eine Hauptquelle unseres
nationalen Eeichthums und unserer Grösse mit allen andern grossen
Zweigen des Handels und Gewerbes steht, so ist es eine Genugthu-
ung, durch unzweifelhafte Beweise zu folgenden beiden Schlüssen ge-
langt zu sein:
1. Wenn in den Kohlenbergwerken f&r ordentliche Ventilation und
Abzugskanäle gesorgt ist und sowohl die Haupt- wie die Neben-
gänge eine leidliche Höhe haben, so sind dieselben nicht nur nich
gesundheitschädlich, sondern, da die Temperatur darin eine mäs-f
sige und sehr gleichmässige ist, als Arbeitsstätten betrachtet sogar
gesunder und angenehmer, als di^enigen, in welchen manche Ar-
beit auf der Oberfläche der Erde verrichtet wird.
2. Die Arbeit des Hin- und Herschiebens der beladenen Kohlenwagen
von den Werken nach den Hauptgängen oder nach dem Ausgang
des Schachtes, wie sie hauptsächlich den Kindern und jungen
Leuten obliegt, ist nicht nur ihrer Natur nach durchaus keine un-
gesunde Thätigkeit, sondern dieselbe könnte sogar, da dabei eine
starke Entwicklung der Armmuskeln, der Schultern^ Brust-,
Rücken- und Beinmuskeln stattfindet, ohne dass irgend ein Kör-
pertheil dabei in eine unnatürliche und peinliche Lage gezwungen
wird, auch allen andern Organen eine ebenso fördersame und ge-
sunde Anregung gewähren, wenn nicht soviel Missbranch damit
getrieben würde; denn die körperlichen Schäden , welche diese
Thätigkeit in ihrer jetzigen Handhabung hervorrufit, sind, abgesehen
von denjenigen, welche durch ungenügende Ventilation und Ab-
zugscanäle verursacht werden, hauptsächlich dem Umstände zu-
zuschreiben, dass die Kinder in zu jungen Jahren dabei angestellt
werden, und dass die Arbeit zu lange Zeit hindurch fortgesetzt
wird. In einem Falle jedoch bieten sich ganz besondere Schwie-
rigketten dar, nämlich dann, wenn alle unterirdischen Gänge und
besonders die Seitengänge unter einer gewissen Höhe sind: die
Zeugenaussagen, welche diese Commission gesammelt hat, bewei-
sen, dass es einzelne Kohlenbergwerke giebt, die jetzt in voller Ar-
beit sich befinden, in welchen diese Gänge so niedrig sind, dass
selbst die allerjüngsten Kinder nur darin vorwärts kommen kön-
nen, indem sie auf Händen und Füssen kriechen und in dieser
widernatürlichen Stellung die beladenen Karren hinter sich her
714 Belegstellen.
ziehen. Da es aber unmöglich ist, durch irgend welche mit dem
praktischen Erfolge vereinbare Geldanlage diese glQcklicherweiae
weder zahbreichen noch grossen Bergwerke in einen solchen Stand
^ zu setzen, dass menschliche Wesen darin zu arbeiten vermögen,
so wird dies niemals erreicht werden, und die Folge davon ist»
dass die darin arbeitenden Kinder unvermeidlich eine grosse und
nicht wieder gut zu machende Benachtheiltgung ihrer G^undheit
erleiden müssen.
K.
Zu Seite (>32, Anmerkung 1.
Zustände der arbeitenden Kinder in Gewerben und
Manufacturen.
Children's Employment Report II, 1843, S. 195.
Wir finden in Gewerben und Manufacturen folgende Zustände:
1. Es kommen Fälle vor, dass Kinder schon im Alter von drei und vier
Jahren zu arbeiten anfangen und nicht selten im Alter von fünf und
zwischen fünf bis sechs Jahren, während im Allgemeinen die regel-
mässige Anstellung mit sieben oder acht Jahren beginnt. Die grosse
Mehrzahl der Kinder haben also vor dem neunten Lebensjahre ange-
fangen zu arbeiten, obgleich es einige wenige Gewerbe giebt, bei
welchen die Kinder erst vom zehnten oder gar zwölften Lebensjahre
an oder in noch vorgerückterem Alter angestellt werden.
2. In allen Fällen, wo jjanz kleine Kinder schon be8chäfli<Tt werden, sind
es stets die Elteni selbst, die dieselben so frühzeitig? im eigenen Haus
und unter eigener Aufsicht zu irgend einer Verrichtung anstellen;
aber in jeder Alterstufe, von fünf Jahren und darüber an, fangen die
Kinder schaarenweise in kleineren oder grösseren Manufacturen zu
arbeiten an.
8. Ein grosser Theil von all den in diesen Gewerben und Manufacturen
beschäftijrten Personen besteht aus jungen Leuten, die das dreizehnte
Lebensjahr noch nicht erreicht haben und ein noch grösserer Theil
aus solchen, die zwischen 13 — 18 Jahre alt sind, obgleich in einigen
Fällen die Zahl derjenigen, die noch nicht dreizehn sind, der Zahl
derer zwischen dreizehn und achtzehn Jahren gleichkommt, ja dieselbe
sogar, wie es einzelne Beispiele beweisen, noch übersteigt.
4. In verhältnissmässig sehr vielen dieser Gewerbe und Manufacturen ar-
beiten Mädchen in demselben zarten Alter mit Knaben zusammen ; in
einigen sogar ist die Anzahl der Mädchen grösser als die der Kna-
ben; und in einigen wenigen Fallen wird die Arbeit, insoweit als sie
K. Arbeitende Kinder in Gewerben u. Manufacturen. 715
von Nichterwachsenen gethan wird, fast ganz allein durch Mädchen
und junge Frauenzimmer verrichtet.
5. In einigen Zweigen sehr ausgedehnter Manufacturen wie bei der
Anfertigung von Klöppelarbeit, beim Strohflechten und Wollkrämpeln
wird der grössere Theil der allerkleinsten Kinder, mit Ausnahme
derer, die zu Hause unter der Aufsicht der eigenen Eltern beschäf«
tigt werden, von „mistresses'* gedungen und thun ihre Arbeit in so-
genannten Schulen, die aber eher Werkstätten sind.
6. In bei weitem den meisten Gewerben und Manufacturen werden
die jüngsten Kinder sowohl wie die jungen Leute von den Arbeitern
gedungen und bezahlt, und stehen gänzlich unter deren Controlle,
während die Arbeitgeber keine Art von Oberaufsicht über sie ftlhren
und wie es den Anschein hat, gar nichts von ihnen wissen. .
7. In einigen dieser Gewerbe und Manufacturen — aber verhältniss-
mässig ist dies sehr selten der Fall — stehen die Kinder und die
jungen Leute direct unter dem Arbeitgeber.
8. Es ist in der grossen Mehrzahl dieser Gewerbe und Manufacturen
Sitte, sehr viele Lehrlinge zu beschäftigen.
9. In etlichen Gewerben, in jenen besonders, die geschickte Arbeiter er-
fordern, werden diese Lehrlinge, gewöhnlich im vierzehnten Lebens-
jahr, durch einen gesetzlichen Contract für einen Termin von sieben
Jahren in die Lehre gegeben, nur selten sind sie noch jünger, und
die Lehrlingszeit dehnt sich sehr selten länger aus; die bei weitem
grössere Anzahl aber werden ohne irgend eine vorgeschriebene ge-
setzliche Form in die Lehre gegeben, und dann ist es fast stets der
Fall, dass, wann immer sie ihre Lehrzeit beginnen, sie bei ihrem
Meister bis zum einundzwanzigsten Lebensjahr aushalten müssen.
Manchmal verlangt die Thätigkeit« die ihnen zugewiesen wird, gar
keine Geschicklichkeit, um sie zu erlernen, manchmal werden Lehr-
linge nur an einzelne ganz bestimmte Zweige des in der Fabrikation
befindlichen Artikels angestellt, ohne die Anfertigung der übrigen
Zweige kennen zu lernen, so dass sie am Ende ihrer Dienstzeit (ser-
vitude) nicht fähig sind, irgend einen Artikel aus ihrem Gewerbe in
vollendetem Zustand herzustellen.
10. Ein gi'osser Theil dieser Lehrlinge besteht aus Waisen oder Kindern
von Wittwen, oder stammt aus den allerärmsten Familien her und
häufig werden sie von Vormundsämtern in die Lehre gegeben.
n. Die Lehrzeit beginnt oft mit dem siebenten Lebensjahr; während der-
selben haben die Lehrlinge oft viel Cngemach und viel schlechte Be-
handlung auszustehen; manchmal auch werden sie niu* unter der Be-
dingung angenommen, dass sie während des grösseren Theiles ihrer
Lehrzeit, wenn nicht während der ganzen Dauer derselben, für ihre
Arbeit ausser Kost und Kleidung nichts erhalten.
716 Belegstellen.
12. Dieses System ist das vorherrschende in den Districten um Wolver-
hampton, und wird am öftesten von sogen, „kleinen Meistern'^ ge-
missbraucht, Leuten, die entweder selbst Tagelöhner sind, oder wenn
sie für eigene Rechnung arbeiten, mit ihren Lehrlingen zusammen
arbeiten.
18. Einige Arbeitgeber dieser Districte haben die Gewohnheit, die Kinder
durch eine einfache schriftliche Uebereinkunft für ihre Arbeit zu
miethen. Bei Uebertretung derselben kann der Wortbrüchige einge-
sperrt werden, was auch in der That öfters ohne Rücksicht auf das
Alter desselben zu geschehen pflegt.
14. In diesen Districten ist es allgemein Sitte der Eltern, bei den Arbeit-
gebern Geld zu leihen und für die Wiedererstattung desselben sich
durch besondere uebereinkunft zu verpflichten, es von dem Lohn der
Kinder zu entnehmen; ebenso verhält es sich in Birmingham und
Warrington, während man in den meisten übrigen Orten keine Be-
weise für die Existenz dieses Systems vorfand.
15. In einigen wenigen Gewerben und Manufacturen , die aber sehr aus-
gedehnt sindf wird Sorge getragen, dass Werkstätten oder sonstige
Oertlichkeiten, wo die Arbeit verrichtet wird, in einem anständigen,
gesunden und unschädlichen Zustand erhalten werden; in der grossem
Mehrzahl sind aber die Werkstätten, in allem was Abzugsgräben
Ventilation und gehörige Regulirung der Temperatur anbelangt, höchst
schlecht bestellt, ja sogar auf Reinlichkeit wird wenig oder gar nicht
geachtet.
16. Selbst da, wo giftige Substanzen in den Gewerben imd Manufocturen
angewendet werden, besteht in der Regel keine Einrichtung zum
Wechseln der Kleider beim Nachhausegehen, oder zum Waschen,
wenn die Arbeiter während der Essstunden in der Fabrik bleiben,
noch seltener findet sich eine Vorrichtung, vermög welcher die Ar-
beiter ihr Essen zurichten oder wärmen können,
17. In allen Districten sind die Aborte in einem ekelerregenden unfläthi-
gen Zustand und in vielen Fällen müssen dieselben von Männern
und Frauen zusammen benutzt werden; aber in fast allen kürzlich
entstandenen Gebäuden hat man viel mehr wie in solchen älteren Da-
tums dafür Sorge getragen, dass die Gesundheit und Bequemlichkeit
der Arbeiter hinlänglich beachtet werden.
18. Diejenige Arbeit, an welcher Kinder und junge Leute angestellt wer-
den, ist selten ansti*engend oder nur mühevoll; und nur sehr selten
sind Verrichtungen von schädlicher Natur, in welchen Kinder beschäf-
tigt werden, nur bilden einige Verrichtungen, die mit der Fabrikation
von Metall- und Töpferwaaren und Glas zusammenhängen, hiervon
eine beklagenswerthe Ausnahme.
19. In einigen wenigen Fällen übersteigt die Arbeitszeit nicht zehn Stun-
den, die Zeit während der Mahlzeiten abgerechnet, manchmal aber
K. Arbeitende Kinder in Gewerben u. Manufacturen. 717
beträgt sie elf, häufiger zwölf Stunden, und in sehr vielen Fällen
dauert die Arbeitszeit fünfzehn, sechzehn und selbst achtzehn aufein-
anderfolgende Stunden.
20. Beinah überall arbeiten die Kinder ebenso lang wie die Erwachsenen,
manchmal sechzehn, selbst achtzehn Stunden ohne Unterbrechung.
21. Junge Frauenzimmer, die in der Hauptstadt und in etlichen gros-
sen Provinzialstädten in Putzgeschäften und bei Kleidermacherin-
nen arbeiten, bind selbst in den am besten eingerichteten Geschäften
während der hohen „season^, die in London vier Monate dauert, regel-
mässig fünfzehn Stunden per Tag angespannt; in häufig eintretenden
Notbfällen werden es achtzehn Stunden und in vielen Geschäften sind
während der „season'^ die Arbeitsstunden überhaupt unbegrenzt, so dass
die jungen Frauenzimmer niemals mehr wie sechs, oft nicht mehr als
vier, oft nur drei und bei einzelnen Gelegenheiten nur zwei Stunden
Ruhe und Schlaf haben und sehr häufig die ganze Nacht durcharbei-
ten; thatsächlich findet ihre Arbeit erst ein Ende, wenn die physi-
schen Kräfte dazu absolut nicht mehr vorhalten.
22. In den bei weitem zahlreichsten Gewerben und Manufacturen, wo der
Meister als jeder Aufsicht und Sorge für die Kinder entbunden be-
trachtet wird, weil dieselben von den Arbeitern gedungen und bezahlt
werden, sind die Arbeitsstunden der Kinder fast immer die längsten.
Da diese Leute die Gewohnheit haben, zu sehr unregelmässigen Zei-
ten zu arbeiten, die erste Hälfte der Woche zu faulenzen und dann
in der zweiten sich übermässig anzustrengen , und da die Kin-
der sich immer nach deren Arbeitsstunden, wann dieselben auch seien,
richten müssen, so verrichten die Kinder ihre Arbeit immer unter
den aller beschwerlichsten Umständen.
23. Bei einigen Zweigen der Manufactur, wie beim Aufwinden der Ma-
schinen zum Spitzenklöppeln haben die Kinder keine regelmässige und
bestimmte Zeit zum Schlafen und zur Erholung, da sie zu jeder Zeit
während sechzehn, zwanzig und zweiundzwanzig Stunden von den
vierundzwanzigen zusammenberufen werden können. Auch müssen sie
in jeder Jahreszeit und zu jeder Stunde der Nacht oft beträchtliche
Strecken von einer Werkstatt zur anderen zurücklegen.
24. In vielen sehr ausgedehnten und sehr wichtigen Gewerben und Manu-
facturen wird Nachts nicht gearbeitet; in anderen hingegen ist dies
so allgemein und beständig der Fall, dass man berechtigt ist, die
Nachtarbeit als Theil des regelrechten Systems anzusehen, das in die-
sen Industriezweigen angewandt wird. Alle Zeugenclassen stimmen
in der Angabe überein, dass die Wirkung der Nachtarbeit in allen
Districten, wo diese Sitte vorherrschend ist, sowohl auf die Arbeiter
im Allgemeinen wie besonders aber auf die Kinder eine äusserst ver-
derbliche ist, sowohl im physischen wie im moralischen Sinn und es
718 Belegstellen.
ist weitläufij? erwiesen worden, dass selbst die Arbeitgeber scbliess-
licli nicht einen diese schlimmen Folgen aufwiegenden Nutzen daraus
zu ziehen vermögen.
25. In den meisten dieser Gewerbe und Manufacturen ist regelmässig eine
Dauer von anderthalb bis zwei Stunden für die Mahlzeiten bestimmt,
während welcher Zeit die Arbeit gewöhnlich unterbrochen und das
Maschinen werk stillgestellt wird; in 'manchen Districten aber kommt
es in vielen Manufacturzweigen vor, dass, obgleich nominell eine ge-
wisse Zeit zum Ruhen und zur Erholung bestimmt ist, in Wirklich-
keit die Arbeit nur kurz oder gar nicht unterbrochen und das Essen
zu sehr unregelmässigen Zeiten eingenommen wird.
26. Obgleich im Allgemeinen wenig oder nichts geschieht, um den Kin-
dern und den jungen Leuten die Mittel zu gewähren , sich in ihren
Freistunden unschuldigen Vergnügungen und gesunder Erfrischung
hinzugeben, kommen doch oft Stunden vor, wo sie unbeschäftigt sind,
da sie selten an den gewöhnlichen nationalen P'eiertagen und Festen
arbeiten, da sie femer oft einen freien Tag geschenkt bekommen, um
die Jahrmärkte und Rennen in der Nachbarschaft zu besuchen; auch
ist es Sitte, dass sie am Sonnabend Nachmittag früh Feierabend
machen.
27. Fast immer ist es der Fall, dass da, wo die Kinder den Arbeitsleuten
dienen und nur unter deren Controlle stehen, während der Meister
scheinbar nicht weiss, wie sie behandelt werden und sich jedenfalls
nichts darum kümmert, rauh, oft barsch und manchmal grausam mit
ihnen umgegangen wird, und in den Distrikten um Wolverhampton
im bpsondcien ist die Behandlung der Ivinder im höchsten Maass
schlecht und brutal.
28. In den verhältnissmässig wenigen Geschäften von gi-osser Ausdehnunir,
in welchen die Kinder ihre Beschäftigung und ihren Lohn direct aus
den Händen des Meistors empfangen, und entweder unter seiner eige-
nen persönlichen Aufsicht oder unter der eines intelligenten und um-
sichtiiren Agenten stehen, herrscht unter den Kindern nicht nur ein
viel glücklicherer Zustand, sondern es lässt sich aucli allenthalben
ein grosser Fortschritt in ilirem allgemeinen Betragen constatiren. In
jedem Gewerbedistrict giebt es einige Häuser, in welchen körperliche
Züchtigung weder erlaubt, noch jemals angewandt wird, und wo jeder
Arbeiter entlassen wird, der ein Kind schlecht behandelt. l>er wesent-
liche Inhalt der Beweisurkunden lässt sich im Allgemeinen dahin de-
finiren. dass in fast allen Gewerben und Manufacturen aller Districte
in den letzten Jahren ein geringerer Druck auf die Kinder ausgeübt
wird, und sie überhaupt weniirer rücksichtslos und strwig als früher
behandelt werden.
K. Arbeitende Kinder in Gewerben und Manufacturen. 719
29. Obgleich in einigen wenigen Gewerben und Manufacturen gefährliche
Maschinenwerke gebraucht werden und gelegentlich selu* ernste Un-
fälle vorkommen, sind doch im Allgemeinen die Kinder einer solchen
Ursachen entspringenden Gefahr wenig ausgesetzt; zwar sind Unfälle,
wie zerquetschte Hände, abgeschnittene oder zwischen Zahnräder oder
unter Walzen geklemmte Finger and von Riemen gepackte Arme in
einigen Geschäften keineswegs ungewöhnlich. Manchmal sind es der
Riemen, Räderwerke etc. so sehr viele und befinden sie sich an so
exponirten Stellen , dass die Arbeiter sich furchtbar in Acht nehmen
müssen, um Unglück zu vermeiden; auch könnten Unglücksfälle in
den meisten Fällen verhütet werden, wenn man ordentlich darauf
achtete, dass die Maschinen richtig aufgestellt und mit einer Schutz-
wand versehen würden.
80. In vielen dieser Gewerbe und Manufacturen, besonders bei den Steck-
nadelfabrikanten, den Nagelschmieden, den Spitzenklöpplern, wie in
den Strumpfmanufacturen, Kattnndruckereien, Töpfereien und Tabak-
fabriken erhalten die Kinder weder gutes und genügendes Essen noch
warme und anständige Kleider; \iele beantworten an -sie gestellte
Fragen dahin, dass sie selten oder nie genug zu essen hätten, und
viele sind nur in Lumpen gehüllt. Auch ist es eine allgemeine Klage,
dass sie aus Mangel an ordentlichen Kleidern die Sonntagsschule oder
Kirche nicht besuchen können.
81. Eine gewisse Anzahl von Kindern dieser Districte, die in solcher
Weise thätig sein müssen, sind von derber Gesundheit und lebhaftem
Wesen, wenn sie auch im Allgemeinnen unter der gewöhnlichen
Grösse zurückbleiben;* aber in der grossen Mehrzahl leidet das kör-
perliche Befinden der Kinder sehr ernstlich unter den vereinten schäd-
lichen Wirkungen des so frühzeitigen Arbeitens, der so langen Arbeits-
zeit und der mangelhaften ungenügenden Nahrung und Kleidung; sie
sind meistens verkümmert, sehen blass, zart und kränklich aus, kurz,
machen den Eindruck einer Generation, deren physische Kräfte immer
melir abgenommen haben.
82. Die am meisten unter ihnen grassirenden Krankheiten, und für die
sie weit empfänglicher sind, als Kinder desselben Alters und Standes,
die nicht zu arbeiten brauchen, sind krankhafte Zustände der Er^
nährungsorgane, Krümmungen und Verrenkungen des Rückgrats,
verunstaltete Gliedmaassen und Krankheiten der Lunge, die mit Ab-
zehrung oder Schwindsucht endigen.
720 Belegstellen.
L.
Zu Seite 640, Anmerkung 1.
Gesundheit.szustand der arbeitenden Bevölkerung
Grossbritanniens.
Report from tbe Poor-Law-Commissioners on the sanitarj con-
dition of the labouring population of Great-Britain. Lon-
don 1842.
Seite 18. Der Bericht eines der medicinischen Beamten der West-
Derby-Union über die Lage der arbeitenden Bevölkerung in Liverpool
zeigt uns, dass die in Frage stehenden üebel nicht auf die Arbeiterbevöl-
kerung der Stadt selbst beschränkt sind.
Die Lage der Wohnungen der arbeitenden Bevölkerung lässt in Be-
zug auf die umgebende Luft nichts zu wünschen übrig; allein Bauart und
innere Einrichtung derselben sind nichts weniger als günstig. Die H&oBer
sind im Allgemeinen mehr zum Nutzen der Grundbesitzer, als zur Bequem-
lichl^eit der Armen gebaut. Sie bestehen gewöhnlich aus drei Räumen,
dem Wohnzimmer, in welches die Hausthür mündet, und zwei über ein-
ander gelegenen Schlafzimmern. Unter dem Wohnzimmer befindet sich
ein Keller, der, an eine dürftigere Classe von Arbeitern vermiethet, fast
durchgehends klein, feucht und oft über alle Maassen mit Menschen an-
gefüllt ist.
Diese Keller sind nach meiner Ansicht die Quelle vieler Krankheiten,
besonders von Katarrh, rheumatischen AfiTectionen, typhus mitior und so-
gar typhus gravier. Kaum braucht hinzugeiügt zu werden, dass die Möbel
und das Bettzeug den elenden Bewohnern solcher Häuser entsprechend
sind. Die Zimmer über dem Wohnzimmer werden oft einzeln von dem
Miether an Aftermiether abgelassen, •so dass bis zu sechs, ja acht Indi-
viduen in einem jeden Zimmer hausen. Die schmutzigen Gewohnheiten,
die Trägheit und fortwährende Anhäufung von Unrath thun das Ihrige, um
ansteckende und gefährliche Krankheiten^ zu erzeugen. Die nicht nach
der Strasse gehenden, sondern in hinteren Hofräumen gelegenen Häuser
bieten noch traurigere Zustände dar Die Keller sind noch kleiner, feuch-
ter und ungesunder. Gewöhnlich ist nur ein Ort zur Auftiahme des Un-
raths in einem Hofraum für acht , zehn oder zwölf dicht bewohnte Häu-
ser. Im Jahre 1836—37 behandelte ich eine aus dreizehn Gliedern be-
stehende Familie. Zwölf hatten Typhus, ohne dass ein Bett in dem Keller
oder auch nur Stroh daselbst vorhanden gewesen wäre. Die Kranken
lagen auf dem Fussboden und zwar so dicht neben einander, dass
ich kaum zwischen ihnen hindiu-ch gehen konnte. In einem andern Hause
befanden sich nur zwei Betten für vierzehn Patienten. Nie hatten die
Kranken die Kleider gewechselt.
L. Gesundheit der arbeitenden Bevölkerung. 721
Seite 19. Herr Pearson, ein Medicinalbeamter, spricht sich über di&
Wohnungen in den Fabrikstädten von Lancashire folgend ermaasen aus:
,,Nach den von mir gemachten Beobachtungen bin ich geneigt, den
schmutzigen Zustand der Städte als die Hauptquelle des Fiebers anzusehen.
Viele der Strassen sind ungepflastert und bedeckt mit stehendem Wasser,^
das sich besonders in zahhreichen grossen Löchern ansammelt Die Ein-
wohner werfen in dasselbe alle möglichen Thier- und Pflanzenstoffe, die
in Verwesung übergehen und die gefährlichsten Dtlnste aushauchen. Die-
sen Unflath lassen die Einwohner sich bis zu einem unglaublichen Maasse
ansammeln, so dass die Atmosphäre das reinste Gift wird im wahren Sinne des
Wortes. In vielen Strassen sind keine Abtritte vorhanden, und wenn
solche existiren, so sind sie in einem so schmutzigen Zustande, dass
sie absolut unbrauchbar erscheinen. Der Mangel an Abtritten muss natür-
lich den Unrath bedeutend vermehren. Zur Erzeugung von Malaria sind
besonders zwei Localitäten geeignet — idi meine das wüste Land yor
Bradshaw Gate und das zwischen Greenough's row und Kerfoot's row»
Viele der Hofräume sind von Häusern besetzt und umgeben , sodass ein
Durchzug ,von frischer guter Luft geradezu unmöglich ist Sie sind in
einem iurchtbar kothigen Zustande in Folge der Dunghaufen, die man zu
einer ungeheuren Grösse anwachsen lässt und deren Jauche über den gan-
zen Raum sich ergiesst**
Seite 22. Rev. Dr. Gilly von Norham sagt von den Wohnungen der
ländlichen Tagelöhner:
„Die Schornsteine haben bis zur Hälfte ihre ursprüngliche Höhe ver-
loren und lehnen sich mit einer Angst einflössenden Schiefe an das Dach
an. Die Sparren sind augenscheinlich verfault und verschoben, und das
Strohdach, an vielen Stellen Wind und Feuchtigkeit einlassend, kaum ir-
gend welchen Schutz gegen das Wetter gewährend, sieht mehr wie die
Spitze eines Düngerhaufens als die eines Hauses aus. Dies ist das Aeus-
sere; und wenn der Tagelöhner (bind) Besitz davon ergreift, so* findet er
es nicht besser als einen Schuppen. Der Regen bildet auf dem Fussboden
tiefe Pfützen» Der Boden enthält den abgelagerten ünrath von Jahren.
Fensterrahmen sind nicht vorhanden. Da ist weder Ofen noch Kessel,
noch Feuerrost, noch Gesims, noch irgend ein wandfester Gegenstand;
alle diese Dinge muss er mit sich bringen ausser dem gewöhnlichen Haus-
rath. Man denke sich die Mühe, die Unbequemlichkeiten, die Ausgaben
des armen Menschen, bis er und seine Frau dies Gerippe einer Hütte in
einigermaassen bewohnbaren Stand gebracht haben. Dieses Jahr sah
ich eine Familie — Mann, Frau, zwei Söhne, vier Töchter, welche in der
äussersten Trostlosigkeit, in Verzweiflung waren, sich eine anständige Lage
zu schaffen, drei oder vier Wochen, nachdem sie einen dieser Schuppen
betreten. Vergebens versuchten sie, die Risse zu verstopfen, die Löcher
In dem Fussboden auszufüllen, das Haus einigermaassen wohnlich zu
Held, Soe. Oeseb. Engl. 46
722 Belegstellen.
machen und Wind und Regen abzusperren. Was werden sie nicht im
Winter zu ertragen haben! Kein Feuer wird sie erw&rmen; der kalte
Wind wird durch Dach und Fenster und ThQre fegen trotz aller Bemüh-
ungen, denselben abzuhalten. Mit einem Wort, die Wohnungen der ar-
beitenden Classen in dieser Gegend sind erbärmlich. Auch fehlt der
Kuh- und Schweinestall; kein Brunnen, keine Pumpe, nichts ist da für
Reinlichkeit oder Bequemlichkeit. Die Zimmer sind dunkel und unge-
sund. Die Fenster gehen nicht auf und in die so kleinen R&ume sind
acht, zehn ja zwölf Personen zusammengedrängt."
Seite 98. Schneider^) Thomas Brownlow wird gefragt:
„Ihr seid Schneidergeselle gewesen und jetzt arbeitet Ihr für EucL
In was ftb: Plätzen habt Ihr gearbeitet ? — Ich habe immer in den gröss-
ten £tablissements London's gearbeitet Acht Jahre habe ich bei den
Herren Allen, Old Bond-street, gearbeitet; vier Jahre war ich bei Stultze,
Cliffortrstreet, beschäftigt. Bei Allen arbeiteten damals achtzig bis hun-
dert Mann, bei Stultze ungefähr zweihundertfünfzig. — Wollt Ihr die Ar-
beitsstätten beschreiben und die Wirkungen derselben auf die Gesundheit
der Arbeiter? — Der Ort, worin wir bei den Herren Allen zu arbeiten
pflegten, war ein Zimmer, worin achtzig Mann beschäftigt waren. Das
Zimmer war sechzehn bis achtzehn Ellen lang, sieben bis acht Ellen breit
und von oben erleuchtet; die Leute sassen dicht neben einander, beinahe
Knie an Knie. Im Sommer machten die Ausdünstung der Arbeiter und
die Hitze der Bügeleisen das Zimmer zwanzig bis dreissig Grad heisser
als die Temperatur drausscn. Die Hitze war dann geradezu erstickend,
besonders wenn die Lichter angezündet wurden. Ich habe junge Leute,
Schneider vom Lande, in Ohnmacht fallen sehen, wegen der enormen Hitze
und Schwüle. Der Geruch, durch die Hitze der Bügeleisen und die ver-
schiedenartigsten Ausdünstungen der Leute hervorgebracht, war in der
That unerträglich. Obgleich die Arbeiter so entblösst wie nur möglich
sassen, so lief docli der Schweiss in Strömen an ilinen herab. Sehr oft
kommt es vor, dass helle Kleidungsstücke durch den Schweiss der Hände
vollständig ruinirt werden. So ist in einem Sommer Tuch von vierzig bis
fünfzig Pfund Sterling Werth unbrauchbar geworden. — In welchem Zu-
stande sind diese ^Vrbeitsstätten im Winter? — Sie sind noch ungesunder
im Winter, da die Hitze der Lichter und die Schwüle noch grösser ist.
Kalte Luft furchten die, welche in der Nähe des Zuges sitzen. Es ist
fortwährend Streit wegen Fensteröffhens , da diejenigen, welche nahe an
den Fenstern sitzen und daher die Hitze nicht so sehr filhlen, wie die
Leute an den Oefen, sicli immer gegen das Oeffnen der Fenster sträuben.
M Auf das Folgende bezieht sich die Anmerkmig 6 auf Seite 681
des vorliegenden Werkes (woselbst L. statt K. zu lesen ist).
L. (Gesundheit der arbeitenden Bevölkerung. 723
Da dieAeltesten an die Hitze gewöhnt waren und deshalb die Kälte nicht
wünschten, so wurde zu deren Gunsten der jedesmalige Streit entschieden,
die Fenster blieben geschlossen. Derartig war die Hitze, dass in den
allerkältesten Nächten grosse dicke Talgkerzen geschmolzen und umge-
fallen sind.
Was war die Wirkung der Arbeitsstätten auf die Gewohnheiten der
Arbeiter?
Sie wirkten erschlaffend auf die Kräfte. Viele konnten ihre Stunden
nicht aushalten und gingen früher weg. Di^enigen, welche an diese Plätze
nicht gewohnt waren, verloren den Appetit. Die natürliche Folge war,
dass wir unsere Zuflucht zum Trinken als Reizmittel nahmen. Um sechs
Uhr des Morgens gingen wir in die Werkstatt; aber um sieben Uhr wurde
zum Frühstück jedem ein halb Quart „Gin" gebracht Die Jüngeren be-
gannen auch mit Gin.
Wurde Gin genossen, ehe man irgend eine feste Nahrung zu sich
genommen hatte?
Ja, und das Frühstück war sehr ärmlich; diejenigen, die Gin tran-
ken, nahmen gewöhnlich ein halbes Pint Thee und ein halbes Zweipenny-
Brod als Frühstück.
Wann wurde wieder Schnaps hereingebracht?
Um elf Uhr.
Was wurde dann genossen?
Einige tranken Bier, Andere wieder Gin. Im Allgemeinen trank
man ein Pint Porter um elf Uhr. Selten trank man mehr als ein halb
Quart Gin.
Wann wurden wieder geistige Getränke hereingebracht? —
Um drei Uhr. Einige tranken Bier, Andere Gin, gerade so wie des
Morgens. Um fünf Uhr kam abermals Bier und Gin. Um sieben Uhr
wurde die Werkstatt geschlossen.
Trank man nach der Tagesarbeit?
Ja, beinahe alle jungen Leute gingen in die Wirthshäuser und einige
von den älteren.
Welchen Lohn empfingen die Arbeiter?
Sechs Pence die Stunde, was nach voller Arbeit sechs Schillinge
den Tag und sechunddreissig Schillinge die Woche ausmachte.
Machten sie irgend welche Ersparnisse?
Nein, sehr wenige hatten irgend etwas für sich selbst am Ende der
Woche.
Trug der Ort des Arbeitens viel zu dem Trinken bei?
Er war die Hauptschuld am Trinken; denn wenn die Leute in küh-
leren und weniger schwülen Orten arbeiten, dann wird kaum etwas ge-
trunken. So wurden auf dem Lande, wo höchstens drei in einem Räume
arbeiten, geistige Getränke sehr wenig consumirt, während die Arbeiter in
46*
724 Belegstellen.
grossen Städten zum starken Trinken gezwungen sind. Je schlechter die
Ventilation des Arbeitsortes ist, desto schlechter sind auch die Gewohn-
heiten der arbeitenden Classen.
Waren die Zustände allgemein so wie in dem einen von Urnen be-
schriebenen Geschäft und ist darin keine Aenderung eingetreten?
Nein. Nur seitdem Kaffee billiger geworden ist, ist etwas mehr
Kaffee als Bier genossen worden, aber Gin wurde eben so viel, wenn nicht
mehr als früher, vertilgt
Was würde die Folge einer besseren Ventilation der Arbeitsräome
sein?
Die Gewohnheiten würden sich sofort bessern, die Leute würden
ganz entschieden sich weniger dem Trünke ergeben.
Welches ist die gewöhnliche Wirkung dieses Standes der Dinge auf
die Gesundheit der Arbeiter?
Eine grosse Zahl derselben stirbt an Auszehrung. Ein frühes Hin-
siechen ist das allgemeine Leiden, so dass ein Mann von fünfrig Jah-
ren abgenutzt und nicht mehr im Stande ist, volle Tagesarbeit zu ver-
richten. —
Welches war das Durchschnittsalter der Leute, die mit Euch in be-
sagten Plätzen gearbeitet haben?
Ungefähr zweiunddrcissig.
Waren viele von fünfzig Jahren unter den Arbeitern?
Sehr wenige; vielleicht zehn von hundert
Was wird, da sie keine Ersparnisse gemacht haben, aus ihren Kin-
dern und Frauen, wenn sie sterben?
In keiner Weise ist für sie gesorgt; wenn sie nicht für sich selbst
sorgen können, so müssen sie dem Kirchspiel zur Last fallen.
Sind Gin und Bier die einzigen Reizmittel, welche in Folge des
Mangels jeder Ventilation und des überfüllten Arbeitsraumes angewandt
werden? -
Nein, Schnupftabak vnrd sehr häufig gebraucht, da die Leute glau-
ben, dass derselbe sehr wohlthuend auf die Augen wirke. Wenn man aus
der frischen Luft in solche Werkstätten eintritt, ist das erste Gefühl das
Einen übermannt Schläfrigkeit dann eine Art Jucken an den Augen und
eine Trübung des Sehens. Viele Leute mit den schärfsten Augen pflegen
bald über diese Schwäche und Trübung zu klagen; die Augen Aller sind
angegriffen. Rauchen in der Werkstätte ist nicht gestattet, obgleich es
oft versucht wird, und die Schneidergesellen der grossen Geschäfte sind
gewöhnlich grosse Raucher in dem Wirthshaus."
Seite 109: Dr. Mitchell" giebt folgende Beschreibung der Schlafräume
der arbeitenden Bevölkerung in Durham und Northumberland:
„Viele der Bergleute, incl. junge Personen und Knaben, pflegen drei
L. Gesundheit der arbeitenden Bevölkerung. 725
Meilen und mehr von ihren Häusern des Morgens zu gehen, um in den
Gruben zu arbeiten oder das Erz zu waschen. Spät Abends kehren sie zu
ihren Wohnungen zurück. Solche Bergleute, die zu weit wohnen, um
diesen Weg zu machen, finden Wohnungen für vier Nächte in der Woche
und die Erzreiniger für fünf Nächte nicht weit von den Bergwerken. Jeder
zahlt gewöhnlich sechs pence die Woche. Dafür erhalten je zwei ein
Bett und die Erlaubniss, ihre Hafermehlsuppe des Morgens an dem Feuer
zu kochen. Des Abends werden Kartoffeln für sie gekocht Sie bringen
die nöthigen Nahrungsmittel in einem Quersack Montag Morgens mit Die
Bergleute gehen Freitags zurück, die Erzwascher Samstags. Aber es giebt
viele Bergwerke, ganz abgelegen in den „Fells", weit weg von allen Woh-
nungen. In solchen Gegenden haben die Besitzer der Bergwerke soge-g
nannte Wohnschuppen („lodging shops*') errichtet, die nun beschrieben
werden sollen.
Das erste dieser Logirhäuser, das ich besuchte, war ungef^^ neun
Meilen jenseits eines felsigen Hügels südlich von Stanhope. Es war ein
einfaches Gebäude aus Sandstein, mit Schiefer bedeckt, sehr massiv. Nir-
gends war ein Fenster oder Thür oder Oeffiiung mit Ausnahme an der
Frontseite, wo sich eine Thür und zwei übereinander angebrachte Fen-
ster befanden. In dem unteren Theile des Hauses war ein Zimmer, das
durch eines der Fenster erleuchtet und durch ein grosses Feuer erwärmt
wurde. Die Länge des 2iimmers betrug ungefähr achtzehn Fuss, die Breite
ungefähr fün&ehn. Der längeren Seite entlang lief ein ebenso langer Tisch,
begleitet von einer Bank. Noch zwei andere Bänke waren in dem Zim-
mer. Entlang der anderen Seite der Wand waren kleine Speiseschränke,
achtundvierzig an der Zahl, in vier Reihen über einander. Sechs der
Speiseschränke waren offen, aber die meisten der anderen sorgfältig ver-
schlossen, da in demselben die Quersäcke mit ihren Vorräthen auf fünf
Tage aufbewahrt waren. Im ganzen Zimmer waren an Nägeln Hosen und
Röcke aufgehängt, um dieselben anzuziehen, wenn die Arbeiter nass von
ihrem Tagewerk zurückkehrten. Ausser diesen Gegenständen befeuiden
sich in dem Zimmer: ein irdener Wasserkrug, ein Theekessel, ein Topf,
um Kartoffeln zu kochen; zwei Pfannen, um Speck zu braten; ein Feuer-
rost, ein Schürhaken, eine Schaufel, ein Besen.
Das obere Zimmer, zu dem man mit Hülfe einer Leiter gelangte, war
das Schlafzimmer. Hier war kein Ofen, der auch in der That nicht nö-
thig war, aber auch für keine Circulation der Luft war gesorgt. Entlang
der einen Seite des Zimmers waren drei Betten, jedes sechs Fuss lang und
vier bis vier einhalb Fuss breit Die drei Betten füllten die Länge des
Zimmers aus. Auf der anderen Seite befanden sich ebenfalls drei Betten,
ein siebentes Bett stand zwischen diesen zwei Bettreihen. Gerade über
diesen sieben Betten standen auf Pfosten sieben andere Betten in dersel-
ben Ordnung. Natürlich konnten die in den oberen Betten Schlafenden
ihren Kopf nur ein klein wenig in die Höhe heben wegen des Daches.
726 Belegstellen.
Jedes dieser vierzehn Betten war für zwei Personen bestimmt, wenn wenige
Leute in den Bergwerken arbeiteten, aber meistens mussten drei sich mit
einem Bett begnügen, und im Nothfall lag ein Knabe quer Ober den
Füssen. Obgleich also durchschnittlich vierzig Personen in diesem Räume
schliefen, war dennoch keine Oefinung angebracht, um die schlechte Luft
hinaus zu lassen. Die Betten waren mit Häcksel geftlllt Sie hatten
Bettdecken, aber keine Betttücher. Die Möbel der Logirhäuser werden von
den Besitzern besorgt, die Betten und die Bettdecken von den Bergleuten
selbst. Manchmal werden sie zu Hause gewaschen. Freitags, wenn die
Arbeiter nach Hause gehen, werden die Betten aufgerollt, um Feuchtig-
keit zu verhindern. Ich besuchte diese Schlafräume Montag Morgen. Ob-
gleich Freitag, Samstag, Sonntag Nacht nicht darin geschlafen worden
war, so war doch der Geruch äusserst lästig. Nur das eine Gute hatten
diese Räume — einen gehörigen Vorrath von Wasser, das von einem be-
nachbarten Hügel dahin geleitet war.
Ich ging dann in einen anderen grösseren Wohnschuppen. Auf ebener
Erde waren fünf Zimmer. Das erste ist die Werkstätte eines Schmiedes.
Nebenan war das Koch- und Esszimmer der Erzwäscher, üeber der
Schmiede und dem Kochzimmer befand sich das Schlafzimmer der Wäscher,
Männer und Knaben. Das nächste Zimmer auf ebener Erde die Küche
und das Esszimmer der Bergleute, daneben ein Zimmer, zum Aufhängen
ihrer nassen Kleider bestimmt Am Ende ist ein Stall für Pferde, die ge-
braucht werden, um die Wagen mit Erz zu ziehen. Mittelst einer Leiter
steigt man in ein Schlafzimmer, das nur durch eine kleine Röhre von un-
gefähr zwei Zoll Durchmesser mit der äusseren Luft in Verbindung stand.
Eine Oeffhung führt in ein anderes, über dem Zimmer zum Trocknen der
lOeider und dem Stalle gelegenes Schlafzimmer. Im Ganzen waren seclis-
undzwanzig Betten vorhanden, jedefl für zwei oder drei Leute bestimmt
und vielleicht für noch mehr. Obgleich die Betten während der drei
letzten Nächte nicht besetzt waren, so war der Geruch doch vollständig
unerträglich. Ich für meinen Thcil kann nicht anders als glauben, dass
diese Schlafräurae schädlicher sind als die Luft in den Gruben, Ich sollte
denken, es ist keine allznharte Arbeit, vierundzwanzig Standen in emem
Bergwerk zuzubringen, aber ich würde erschrecken, auch nur eine Viertel-
stunde im Schlafzimmer eines Wohnschuppens eingeschlossen zu werden.
Viele Bergleute sprechen von dem Schrecken der Logirhäuser früherer
Zeit; aber der einzige Unterschied, den ich finden konnte, war, dass in
vielen Bergwerken jetzt nicht so viele Männer und Knaben arbeiten, wess-
halb die Logirhäuser jetzt weniger angefüllt sind. Einige Bergwerke
stehen heut zu Tage still, die früher grosse Logirhäuser hatten; z. B.
Mannergill, wovon ein Bergmann mir sagte , dass er einer der hundert-
undzwanzig war, die darin wohnten. Bei einer solchen üeberfüllung von
Menschen musste natürlich ein Kranker eine Plage für alle andern sein.
Der Husten einiger störte den Schlaf der anderen. Die Arbeiter, die um
L. Gesundheit der arbeitenden Bevölkerung. 727
zwölf Uhr in der Nacht von der Grube kamen und ihren Speck an dem
Feuer brieten, vermehrten dadurch den schon erstickenden Geruch in dem
Schlafzimmer. Das Wasser war das einzige Getr&nk, das die Leute hatten ;
denn sie erzählten, dass kein Bierhaus in der Runde von sieben Meilen
da sei und wenn auch eins vorhanden wäre, so durften sie es, aus Furcht
entlassen zu werden, nicht besuchen. Die Leute sagten alle aus, dass
ihr Schlafiraum ein gutes Beispiel von allen Schlafr&umen des Landes sei;
der einzige Unterschied sei nur die grössere oder geringere Anzahl von
dort Schlafenden, je nach dem Betrieb der Bergwerke.
Seite 120. Mr. Riddall Wood, von der Manchester Statistical So-
ciety, beschreibt einige der Schulen für die Stadtbevölkerung von Man-
chester, Liverpool, Leeds, Hüll und York:
„In einer Schule, worin der Durchschnittsbesuch die Zahl sechsund-
dreissig überstieg, fand ich nur acht SchCder anwesend. Als ich nach dem
Grunde fragte, erklärte mir die Lehrerin, dass der Rest ihrer Schüler die
Masern hätte. Ich bemerkte ein Bett in dem Schulzimmer, worin ein von
dieser Krankheit sehr entstelltes Kind lag. Ein anderes Kind war an den
Masern gestorben. In einer anderen Schule in Liverpool mit mehr als
vierzig Schülern im Durchschnitt fand ich nur zehn. Als ich näher auf
den Grund einging, erfuhr ich, dass das Scharlachfieber ausgebrochen sei.
Der Lehrer bemerkte: „Es ist äusserst seltsam, wie dieses Fieber nur
meine Schule besuchende Kinder ergriffen hat, während meine Nachbarn
davon verschont geblieben sind.*' Ich gab als Grund die UeberfÜUung der
Schule an. Das Zimmer war niedrig. Wenn alle Schüler in demselben
sitzen, so muss es ganz furchtbar überfüllt sein. Keine Ventilation war
vorhanden. Ich fand, dass in vielen Schulen zwanzig bis hundert Schüler
in einem schmutzigen Hause oder Keller gedrängt sassen ohne Luft oder
Ventilation. Die Ausdünstung durch Athmen und Kleider war ausser-
ordentlich gefährlich und mu38 der Gesundheit der Kinder sehr nachthei-
lig gewesen sein."
Seite 124. Mr. Riddall Wood wurde über die Wirkungen über-
füllter Wohnungen auf die moralischen Gewohnheiten in den verschieden-
sten Städten examinirt:
„In welchen Städten fanden Sie die grösste UeberfÜUung von Woh-
nungen?
In Manchester, Liverpool, Ashton-under-Lyne, Pendieton. In einem
Keller in Pendieton waren drei Betten in den zwei Zimmern, aus denen
die Wohnung bestand. Keine Thür trennte die beiden Zimmer. In dem
einen Bett schlief der Mann und seine Frau; in dem zweiten ein Mann,
seine Frau und sein Kind; in dem dritten schliefen zwei unverheirathete
Frauenzimmer. In Hüll habe ich ähnliche Fälle angetroffen. Eine Mutter
von fünfrig Jahren schlief mit ihrem Sohne von fünfundzwanzig in einem
728 Belegstellen.
Bett; in demselben Zimmer schlief noch ein Miether. Ich habe mich
zwei-, dreimal überzeugt, dass in HuU eine Matter mit ihrem erwachsenen
^ohne in einem Bett schlief und dass meistens noch andere Personen in
demselben Zimmer in einem andern Bette schliefen. In einem Keller in
Liverpool fand ich eine Mutter und ihre erwachsenen Töchter anf einem
Bette von Spreu auf dem Boden in einer Ecke schlafen, und in einer an-
dern Ecke hatten drei Schifiisleute ihr Bett. Ich habe mehr als vierzig
Personen in demselben Zimmer schlafen gefunden, verheirathete und ledige,
incl. natürlich Kinder und mehrere junge erwachsene Personen beiderlei
Geschlechts. In Manchester fand ich sehr häufig ein solches Zusammen-
schlafen. Ich will einen Fall erwähnen : ein Mann, seine Frau, sein Kind
schliefen in einem Bett, in einem andern zwei erwachsene Frauenzimmer
und in demselben Zimmer zwei junge unverheirathete Leute. Ich habe
sogar einen Mann mit seiner Frau und der Schwester seiner Frau in dem-
selben Bett schlafen gefunden. Ich habe mindestens sechs solcher Fälle
in Manchester kennen gelernt, in welchen immer die unverheirathete
Schwester erwachsen war.
Wie viele Fälle haben Sie im Ganzen vorgefunden, in welchen Per*
-sonen verschiedenen Geschlechts zusammen schliefen?
üeber hundert, incl. natürlich die Fälle, in denen Personen ver-
schiedenen Geschlechts in demselben Zimmer schliefen. —
War es so allgemein, dass es nicht als etwas Aussergewöhnliches
oder Unrechtes erschien?
Man schien nichts Besonderes dabei zu finden. Als Beweis will ich
folgenden Fall erzählen: In Pendieton besuchte ich die Wohnung einer
Frau, deren Söhne mit ihr in einer Kohlengrube arbeiteten. Es war
Nachmittag, als ein junger Mann, einer der Söhne, in seinem Hemd her-
unterkam und sich vor das Feuer stellte, wo ein sehr anständig gekleidetes
Frauenzimmer sass. Der Sohn bat seine Mutter um ein reines Hemd und
nachdem er es erhalten, zog er ruhig sein schmutziges Hemd aus, wärmte
das frische und zog es au. In einer anderen Wohnung in Pendieton sass
ein junges Mädchen von achtzehn Jahren in ihrem Hemd am Feuer wäh-
rend der ganzen Zeit meines Besuches. Beide Häuser gehörten Häuern
(Colliers) von durchaus keinem schlechten Rufe.
Waren Sie in der Lage, Demoralisation in Folge dieser Umstände
zu bemerken?
Ich habe Beispiele kennen gelernt, in welchen Personen ihre Ver-
dorbenheit diesen Zuständen selbst zuschrieben. So z. B. fand ich in
Hüll eine Hure in einem Zimmer, mit der ich mich über ihr Leben unter-
hielt. Ich frug sie, ob sie niclit als ehiliches Dienstmädchen in einer
besseren Lage sein würde, anstatt in Laster und Elend zu leben. Sie
stimmte mir bei und als ich nach dem Grunde frug, der sie in ihre gegen-
wärtige Lage gebracht, erwiederte sie, sie habe mit einer verheiratheten
Schwester gewohnt und in demselben Bett mit ihrer Schwester und deren
L. Gesondheit der arbeitenden Bevölkerung. 729
Manne geschlafen; daher sei verbotener geschlechtlicher Umgang gekom-
men, sie sei non aUmälig verdorbener und verdorbener geworden; end-
lich sei sie, nachdem sie ihren guten Charakter verloren, zur Stadt ge-
kommen und habe als einzige Em&hrungsquelle Hurerei getrieben. Ein
anderes Frauenzimmer gab zu, dass ihr erster Fehltritt in Folge Schla-
fens mit einem Ehepaar in demselben Zimmer begangen worden sei So
glaube ich, dass die beiden ledigen Frauen, die, wie bemerkt, mit den
verheiratheten Leuten in demselben Zimmer schliefen, von den M&nnem
gebraucht wurden. Ebenso erfuhr ich, dass die zwei Töchter und die
Mutter mit den Schiffsleuten, die in demselben Räume schliefen, geschlecht-
lichen Umgang hatten.^*
Seite 131. Die arbeitenden Classen in diesen Districten Schott-
lands lebten ebenfalls so dicht gedrängt mit ganz und gar heruntergekom-
menen Subjecten, dass ihnen alle gesellschaftlichen Sitten abhanden ge-
men waren. —
Auf die Frage: wann haben Sie sich zuletzt gewaschen, antwortete
Einer: als ich das letzte Mal im Gefängniss war. Auf meine Frage an
einige Kinder in einem der von ihnen angefüllten Zimmer in den engen
Gassen Glasgow's, welches ihr Name sei, wussten sie keine Antwort Einer
der Insassen nannte Spitznamen. „Die Sache ist^, bemerkt Captain
Miller, Polizeisuperintendant, „dass sie keine Namen haben. In diesen
Gebäuden bin ich sicher, tausend Kinder zu finden, die keinen Namen
haben, höchstens Spitznamen wie die Hunde.*' Unter den Insassen wur-
den Arbeiter gefunden, die zweifellos genug verdienten, um bequeme Woh-
nungen zu bezahlen, intelligente Männer und Frauen mit Schulbildung, die
zu bessern Gewohnheiten hätte führen sollen. Meine eigenen Beobach-
tungen sind bestätigt worden durch die Aussage von Herrn Alison
(Glasgow), dass in den grossen Manufacturstädten Schottlands die Erzieh-
ung vollkommen über den Haufen geworfen wird durch das übermässige
Trinken von Whiskey und durch die gehäufte Bevölkerung. Man wird
finden, dass die Geistlichen Aehnliches über die Landdistricte berichten
werden. Meine Ansicht ist, dass der Gebrauch des Whiskey und das
Zugrundegehen der Bildung und der guten Sitten bei den schottischen
Arbeitern in einem bedeutendem Maasse den umgebenden physischen Um-
ständen incl. den Wirkungen der schlechten Ventilation zuzuschreiben
sind. Die Arbeiter, von denen ich spreche, waren fast alle Schotten. Ge-
wöhnlich wird das äusserste Elend und das grösste Laster nur dem ir-
ländischen Theil der Städtebevölkerung Schottlands zugeschrieben. Eine
kleine locale Untersuchung wird den Irrthum berichtigen. 'Mr, Baird sagt
in seinem Bericht über den Gesundheitszustand der Armen in Glasgow,
dass den armen Irländem zu lange ein schlechter Name angehaftet hat
Dr. Cowan (Glasgow) behauptet, dass bei ihnen viel weniger von dem
schmutzigen Elend und dem Hang zu geistigen Getränken wahrzunehmen
730 Belegstellen.
sei, als bei den Schotten. Ja Beispiele wurden uns angeführt, wo den
Irländem wegen ihrer Festigkeit und Grelehrigkeit der Vorzug gegeben
wurde; und Mr. Stuart, der Fabrikinspector Schottlands, behauptet, dass
es jetzt sehr oft yorkommt, dass die irländischen Arbeiter in den Flachs-
manufocturen w^en ihrer regelmässigen Grewohnheiten vorgezogen wer-
den und dass bedeutsame Winke von Besitzern ausgedehnter Fabriken ge-
geben worden sind, dass irländische Arbeiter beschäftigt werden sollen,
wenn nicht die Eingeborenen die Gewohnheiten ihrer Unmässigkeit auf-
geben. Dr. Alison hat in seinem Bericht über Tranent die hohen Lohn
empfangende, aber unter ähnlichen Einflüssen lebende Bevölkerung als zu
leidenschaftlicher Erregung geneigt und als geeignetes Werkzeug für poli-
tisch Unzufriedene geschildert; sie ist ausgezeichnet durch eine Wil^dt,
die sie zu Unrecht und Gewaltthätigkeit bereit macht, ihre Geselligkeit ver-
nichtet und sie in Wesen verwandelt, die wenig über wilden Thieren stehen.
Seite 135. Sir Charles Shaw, ein höherer Polizeibeamter in fiian-
chester :
„Vor einer Woche schickte ich einen Inspector in ein Logirhaus,
dasselbe zu untersuchen. Er kam zurück und constatirte, dass er nie
einen ähnlichen Anblick gehabt Er fand in einem Zimmer ohne jedwede
Art von Möbel drei Männer und zwei Frauen auf dem nackten Boden lie-
gen ohne Stroh. Ziegelsteine dienten als Kopfkissen. Ich hatte die Ver-
muthung, dass sie betrunken wären. „Ja^, sagte der Inspector,,, sie waren
betrunken.^ Den Hausbesitzer fand ich in einem erträglichen Bett, und in
einem anderen Zimmer Bündel guten frischen Strohs. Ich tadelte den
Mann, weil er seinen Miethem kein Stroh gäbe. Er antwortete: „Ich be-
halte dies Stroh für solche Leute, die es lieber kaufen, als Gin. Die Leute
von oben sind für Gin.** Ich finde, dass es hier allgemein üblich ist,
für die Besitzer von Logirhäusern, Stroh zum Verkauf feil zu halten.^
Seite 142. Mr. Wood (Dundee) berichtet:
„Es giebt viele Familien unter den arbeitenden Classen, die funfieehn
bis zweiundzwanzig Schillinge die Woche erhalten, die ungenügend geklei-
det, unregelmilssig und ärmlich ernährt sind, die schmutzig und deren
Wohnungen unbequem und unordentlich erscheinen. Es giebt unter ihnen
andere Familien, mit derselben Gliederzahl, deren Einkommen zehn bis
vierzehn Schilling die Woche ist, die nett, reinlich und genügend geklei-
det, regelmässig und angemessen genährt sind, und deren Häuser ordent-
lich und bequem eingerichtet aussehen. Die erste Classe sorgt wenig
für die körperliche und noch weit weniger für die geistige, moralische und
religiöse Erziehung ihrer Kinder; in vielen Fällen vernachlässigen sie die
Erziehung ihrer Kinder sogar, wenn sie ihnen umsonst angeboten wird,
und anstatt sie zur Schule zu schicken, wo sie für die Pflichten und Wider-
wärtigkeiten des Lebens erzogen werden würden, senden sie sie in allzu-
L. Gesundheit der arbeitenden Bevölkerung. 731
frühem Alter zu irgend einem Arbeitgeber, um wöchentlich ein bis zwei
Schilling zu verdienen. Der zweiten Classe ist es eine Hauptsorge, ihren
Kindern eine gute Erziehung zu geben; alle möglichen Mittel werden auf-
geboten, eine solche zu erlangen. Sie bezahlen dafür höchst bereitwil-
lig. Die erste Classe ist begierig auf jeden Vortheil, den die Wohlthätig-
keitsanstalten des Ortes den Armen bereitet haben. Wenn z. B. ärzt-
liche Behandlung ihnen umsonst angeboten wird, so weisen sie dieselbe
nicht selten zurück, wenn ihnen nicht auch die Medicamente umsonst ge-
geben werden. Die andere Classe von Familien ist nicht nur bereit, die
Medicamente zu bezahlen, sie ist aufrichtig dankbar, ja sie reicht oft ihren
Aerzten eine kleine Geldsumme. Unter der ersten Classe finden sich all-
gemein ansteckende Fieberkrankheiten. Fieber kommt auch unter der zwei-
ten massigeren und besser situirten Classe vor, aber selten mit jenem bös-
artigen ansteckenden Charakter. Hier haben wir also auf der einen Seite
Schmutz, Noth und Krankheit bei hohem Lohn; auf der anderen Rein-
lichkeit, Bequemlichkeit, verhältnissmässig gute Gesundheit bei viel gerin-
gerem Lohn. Der Unterschied im Lohn macht nicht den Unterschied in
der Lebensrichtung der arbeitenden Classen. Einkommen allein, von einem
gewissem Betrag, etwa zwölf bis vierzehn Schillinge wöchentlich ab, ohne
Intelligenz und gute Gewohnheiten trägt nichts zur Bequemlichkeit, Ge-
sundheit und Unabhängigkeit der arbeitenden Bevölkerung bei. Wenn ich
um einen Rath gefragt würde, wie einer solchen Familie geholfen werden
könnte, so würde ich sagen: Man zeige ihr, wie man bequem mit seinem
Einkommen lebt; man erziehe sie zu Fleiss, Massigkeit, Nüchternheit, Rein-
lichkeit etc. und mit diesen zwölf oder vierzehn Schilling kann sie in Ge-
sundheit und Glück leben, wie Andere in ähnlichen Verhältnissen gelebt
haben und noch leben. Der Mann, der sich und seine Familie mit zwölf
bis vierzehn Schilling wöchentlicher Einnahme anständig ernährt, geniesst
Glück zu Hause und giebt ein edles Beispiel ehrlicher Selbständigkeit Ich
bin überzeugt, dass der Schmutz, das Fieber, die Noth in vielen Familien
nicht von ihrem geringen Einkommen, sondern von falscher Anwendung
desselben herrührt. Häufig werden Fälle gefunden, in denen mit Mangel an
Geschicklichkeit und Sparsamkeit der unmässige Genuss von betäubenden
Getränken verbunden ist, und da ist das Elend voll. Dies ist die Erklä-
rung, die ich zu bieten habe in Betreff des jetzt vorherrschenden Elends,
und dieselbe Erklärung wir^ von den sparsamen arbeitenden Classen ge-
geben, wenn sie danach gefragt werden. Familienhäupter mit drei bis
vier Kindern und einem Einkommen von vierzehn bis achtzehn Schillinge
die Woche haben mich versichert, dass ein Mann mit einer Frau und drei
bis vier Kindern von zwölf bis vierzehn Schillingen die Woche anständig
leben könne. Das Elend und die Noth vieler Familien mit gutem Lohn
erklären sie dadurch, dass viele arm werden und sich genügender Nahrung
und Kleidung berauben durch ihre schlechte Hanswirthschaft, durch Man-
gel an Sparsamkeit und durch das Trinken geistiger Getränke. Fälle von
732 Belegstellen.
Yerschwendong und Vergeudang sind mir erzählt worden, in denen der
Mann in das Wirthshaus gegangen ist, um mit einem Freunde zu trinkem
und die Frau sich Gin oder Bier holen Hess, um sich zu Hause mit ihrer
Freundin zu amüsiren. Ein einziger Besuch dieser Yer^wendeifamilien,
die hohen Lohn hatten, wird Jeden üherzeugen, dass sie selbst und ihre
Häuser viel reinlicher und ordentlicher wären , wären sie nur an Fleiss,
Enthaltsamkeit und Sparsamkeit gewöhnt."
Seite 288. Mr. Henry Ashworth (Turton bei Bolton) erzählt von
der Fabrikbevölkerung dieses Ortes Folgendes:
„Bei der Einföhrung der BaumwoUenmanufactur hatten die, welche
Manufacturen unternahmen, nur beschränktes Capital; sie legten das ganze
Geld für Fabriken und Maschinen an und waren ganz und gar absorbirt
von dem zweifelhaften Erfolg ihrer eigenen Angelegenheiten. Darüber ver-
gassen sie für die Bedürfhisse ihrer Arbeiter zu sorgen. Familien wur-
den von allen Seiten durch die ihnen dargebotene Beschäftigung angezogen
und genöthigt, sich in den Wohnungen zusammen zu drängen, wie sie sich
eben in der Nachbarschaft darboten. Oft bewohnten zwei Familien ein
Haus, andere kamen in Kellern oder sehr kleinen Wohnungen unter. Wenn
die Fabriken rentirten, so mochte wohl der Eigenthümer es für vortheil-
haft halten, einige kleine Häuser zubauen; diese waren oft äusserst elend;
in solchen Fällen war die vorwiegende Sorge nicht, die Gesundheit und
Bequemlichkeit der Insassen zu bessern, sondern die grösstmögliche An-
zahl von Häusern auf dem kleinsten Räume und mit den wenigsten Kosten
zu bauen. Wir finden viele Rückseite an Rückseite gebaut, so dass die
Möglichkeit eines hinteren Ausgangs ausgeschlossen ist Leute, die
herbeikamen, um sich die Existenzmittel zu verschafien, hatten keinen
anderen Ausweg, als diese Wohnungen zu beziehen. Was auch das
wöchentliche Einkommen sein mochte, die Frau konnte ein solches Haus
nicht wohnlich machen; sie hatte nur ein Zimmer für Alles, was sie zu
thun hatte. Es ist natürlich, dass der Mann die Bequemlichkeit in einem
solchen Hause nicht fand, die er zu finden wünschte. Das Wirthshaus
war dann sein einziger Zufluchtsort. Die in solchen Häusern auferzogenen
Kinder kannten keine besseren Einrichtungen, auch hatten sie keine Ge-
legenheit, bessere Hauswirthschaft zu sehen. Wenige der Frauen in die-
sen Gegenden haben ja als Dienstmädchen gelebt, so dass es nicht
auffallen kann, dass der grössere Theil so wenig Kenntniss besitzt, die ge-
sellschaftliche Lage zu bessern, selbst wenn Geldmittel dazu vorhanden
wären. Es muss zugestanden werden, dass die Einfiihrung der Manufac-
turen nicht mit Recht filr das ganze üebel verantwortlich gemacht wird.
Um diese Zeit übte das Armengesetz einen höchst nachtheiligen Einfluss
auf die arbeitenden Classen dadurch, dass es die Landeigenthümer und
die Pächter veranlasste das Erwerben von Häusern zu verhindern, aus
Furcht, dass die Insassen ein Recht auf Gemeindeversorgung erhielten.
L. Gesundheit der arbeitenden Bevölkerung. 733
Häuser zu bauen war verboten; einige wurden niedergerissen, wenn
sie leer waren und andere verfielen, weil man sie nicht ausbesserte; arme
Leute waren so viel als möglich von dfn Ackerbaudistricten verbannt, da-
mit sie dem Kirchspiel nicht zur Last fällen könnten. Unter solchen Um-
ständen ist es nicht zu verwundem, dass wir häufig Familien in unser Ge-
schäft aufnahmen, welche es nicht verstanden, einem anständigen Hause
so vorzustehen, dass dadurch die Gesundheit und Wohnlichkeit der In-
sassen gefördert worden wäre.
Vor ungefähr zwölf Jahren hatten wir Gelegenheit, eine beträchtliche
Anzahl von Familien in einige neue Häuser einzuführen. Im Laufe von
einigen Monaten brach ein höchst bösartiges Fieber unter ihnen aus; es
schritt von Haus zu Haus, bis die Sicherheit des ganzen Etablissement
ernstlich in Gefahr stand. Wir veranlassten eine Untersuchung der Häu-
ser, worin das Fieber zuerst aufgetreten war. £s wurde constatirt, dass
die niedrige Lebensweise der Bewohner, die vollkommene Unkenntniss
von Lebensanstand die Häuser in einen solch kothigen Zustand versetz-
ten, dass augenscheinlich eine Wiederholung desselben Uebels bevorstand,
wenn wir nicht mit allen Mitteln eine Aenderung in den Gewohnheiten
dieser Leute bewirkten.
Obgleich wir eine Einmischung in die häuslichen Angelegenheiten
unserer Arbeiter zu unterlassen suchten, so geboten doch die Umständet
diesen Schritt zu thun. Wir ordneten deshalb eine Inspicirung eines jeden
zu unserem Etablissement gehörenden Hauses an, sowohl in Bezug auf
Reinlichkeit und Ventilation als auch auf die Betten und Möbel. Der
Unterschied, den diese Häuser darboten, war auffallend. Die Nettheit und
Reinlichkeit der einen, die vollkommene Vernachlässigung der anderen,
augenscheinlich unabhängig von der Höhe des Einkommens, überzeugten
uns, dass eine Wiederholung dieser Besuche nothwendig sei, um eine dau-
ernde Verbesserung zu bewirken.
Diese periodischen Besuche sind nun durch eine Reihe von Jahren
fortgesetzt worden; und da keine gehässige Auszeichnung oder Bevor-
zugung gemacht wurde, so wurden sie nicht im Lichte eines unberufenen
Eindringens angesehen. Acht bis vierzehn Tagn wurden die Besuche vor-
her angekündigt : ein lobenswerther Wetteifer entstand, welches Haus die
Betten und die Möbel in der besten Ordnung hätte. Auf diese Weise
wurden wir mit den Mängeln und den Bedürfiussen der verschiedenen bei
uns beschäftigten Familien bekannt Da wir so reichlich Gelegenheit
hatten, die schlimmen Folgen kleiner Wohnungen für grosse Familien
kennen zu lernen, zu sehen, dass nur wenige Häuser mehr als zwei Schlaf-
zimmer hatten, in denen Kinder und schon Erwachsene beiderlei Geschlechts
zusammenschliefen , so beschlossen wir, grössere Arbeiterwohnungen zu
bauen mit wenigstens drei Schlafisimmem für jede. Nach diesen Häusern
strebte man jetzt mit wahrer Gier. Die Erhöhung des Miethgeldes von
fünf Schilling auf fünf Schilling sechs pence die Woche war unbedeutend
734 Belegstellen.
im Vergleich mit den Vortheilen, die den Familien geboten wurden, deren
wöchentliche Einnahme vierundzwanzig Schilling bis fünfzig, ja sechzig
Schilling war."
Seite 358. Dr. Baron Howard berichtet Folgendes über die Logiiv
häuser in Manchester:
„Die schädlichen Wirkungen einer Verpestung der Atmosphäre durch
das Zusammenleben vieler Personen in einem kleinen Raum werden in
einer traurigen Weise durch die Logirhäuscr der Armen illustrirt Die voll-
gestopften, schmutzigen, schlecht ventilirten Wohnungen sind zweifelsohne
eine der fruchtbarsten Quellen der Fieber in Manchester. Denjenigoi
welche sie nicht besucht haben, kann keine Schilderang eine genaue Vor-
stellung von dem abscheulichen Zustand dieser Höhlen von Koth, Krank-
heit und Elend verschaffen.
Das vorwiegende Auftreten von Fieber in diesen Häusern während
der starken Epidemie von 1837 — 88 zog die besondere Aufinerksamkelt
des Ausschusses des Gesundheitsamtes auf sich. Derselbe liess folgenden
Beschluss an die Kirchenvorsteher ergehen, am 3. Januar 1838: „Es scheint,
dass eine grosse Anzahl von Fieberfallen von den Logirhäusem der Stadt-
armen herrührt. Der Ausschuss drückt den Kirchenvorstehem den Wunsch
aus, geeignete Personen zu bestimmen, um diese Plätze zu inspidren und
80 viel als möglich durch Reinigung und Ventilation das Umsichgreifen
dieser Krankheit zu verhindern." Es wurden sofort einige der schmutzig-
sten dieser Etablissements gereinigt und neu angestrichen; aber es ist
augenscheinlich, dass solche zeitweise, noch so preiswürdige Bemühun-
gen ganz und gar nicht danach angethan sind, dauernde Verbesserung zu
bewirken.
In einigen dieser Häuser stehen sechs bis acht Betten in einem ein-
zigen Zimmer; in anderen mit kleineren Zimmern ist die Anzahl natür-
lich kleiner. Aber es scheint die allgemeine Praxis dieser Fieberbetten-
vormiethcr (,,Keeper8 of fever beds"), wie die Eigenthümer von Dr. Ferriar
genannt werden, so viele Betten in jedes Zimmer hinein zu zwängen, als
nur einigermaasscn geht. Sie stehen oft so dichte neben einander, dass
man kaum zwischen ihnen hindurch gehen kann. Die Scene, die diese
Räume bei Nacht darbieten, ist eine der traurigsten. Die Betten überfüllt
mit Männern, Frauen und Kindern; der Fussboden bedeckt mit den
schmutzigen und zerlumpten, gerade eben abgelegten Kleidern und mit den
verschiedenartigsten Bündeln, die ihr ganzes Eigenthum enthalten, kennzeich-
nen die verdorbenenon, abgestumpften Gefühle, die moralische und sociale
Unordnunp:. Der erstickende Gestank und die Hitze der Atmosphäre sind
fast unerträglich für jede aus der frischen Luft kommende Person und
zeigen evident den ungesunden Zustand solcher Orte. Selbst wenn der
Ort während des Tages besehen wird, so ändert dies nicht viel. Mehrere
Personen trifft man bei Tage in ihren Betten; die eine ist vielleicht
L. Gesundheit der arbeitenden Bevölkerung. 735
krank, eine zweite verschläft die Folgen einer nächtlichen Ausschweifung,
eine dritte verschläft ihre Zeit, weil sie keine Beschäftigung hat, eine vierte
hat hei Tage Ruhezeit, weil sie nur bei Nacht ihren Unterhalt verdient
In Folge dieser Besetztheit des Zimmers bei Tage werden die Fenster be-
ständig geschlossen gehalten, Ventilation, wird total vernachlässigt und die
verpestete Luft ist immer bereit, ihren giftigen Einfluss auf jeden neuen
Ankömmling geltend zu machen, den Gewohnheit noch nicht gefühllos
gegen ihre Wirkungen gemacht Es scheint, dass sich Viele allmälig an
diesen Zustand gewöhnen, woher wohl die Verschonung von Fieber her-
rühren mag, deren sich die Besitzer solcher Häuser erfreuen, während die
Miether alle nacheinander Fieberanf^le bekommen. Wo Keller zu Logir-
häusem dienen, wird das hintere Zimmer gewöhnlich als Schlafzimmer ge-
braucht und da dieses oft kein Fenster hat und Licht und Luft nur durch
die in das vordere Zimmer mundende Thür erhalten kann, so macht die
vollständige Unmöglichkeit einer Ventilation die Verheerungen der infici-
renden Fieber besonders gefährlich, wenn letztere einmal Eingang gefun-
den haben. Die Betten und das Bettzeug werden selten gewaschen oder
gewechselt, sie sind daher in dem schmutzigsten Zustand. Sie bestehen
gewöhnlich aus jenen porösen Stoffen, an denen die ansteckenden Dünste
ganz besonders gern haften; wie gross die Gefahr des Schlafens in
ihnen ist, ist ersichtlich. Selbst wenn ein Bett von einem Fieberkranken
benutzt worden ist, der eben gestorben oder den man eben entfernt hat,
so wird oft dasselbe Bett, ohne dass es in irgend einer Weise gereinigt
oder gelüftet worden ist, sofort wieder von einem neuen Miether gebraucht
Bei dem schauderhaften Znstand dieser Logirhäuser habe ich etwas lange
verweilt, weil ihre Uebel nach meiner Ansicht höchst gefährlicher Natur
sind. Ich bin vollkommen überzeugt, dass diese Räume die reinsten Brut-
stätten von Fieber in Manchester sind. Es ist meine entschiedene Mei-
nung, dass die Verpestung der Luft durch Lebende viel gefährlicher f&r
die Constitution ist, als die Schwängerung derselben mit den Ausdünstun-
gen todter organischer Stoffe; und in der That veranlasst mich alles in
Manchester Beobachtete, die in überfüllten und schlecht ventilirten 2iim-
mem entstandenen Miasmen der Menschen („human miasms*') als eine viel
häufigere Ursache von Fieber anzusehen, als die von Anhäufung von Un-
rath und von Mangel an Entwässerung herrührende Malaria. Ich bin zu
diesem Schluss gekommen, weil ich bemerkt habe, dass das Fieber ge-
wöhnlich weit umfassender in jenen Häusem herrschte, wo die zahlreich-
sten Personen zusammengedrängt und die Ventilation schlecht waren, ob-
gleich die Strassen, in denen sie sich befanden, gut gepflastert, gut ent-
wässert und ziemlich frei von Koth waren, als in weniger überfüllten,
obgleich letztere gerade da lagen, wo am meisten Malaria entsteht Diese
Folgerung wird auch unterstützt durch dieThatsache eines höheren rela-
tiven Verhältnisses von Fieber zu anderen Krankheiten, das in denDistric-
ten herrscht, wo die Anzahl der überfüllten Logirhäuser und engen
736 Belegstellen.
Höfe, die dicht zusammen gebauten Häuser, die Enge der Strassen, die
Dichtigkeit der Bevölkerung und der Mangel an Ventilation besonders
auffallen.
M.
Zu Seite 640, Anmerkung 2.
Frauen und Kinder in den Gewerben.
1. Geistiger Zustand der Jugend in Wolverhampton und Sheffield.
Children's Employment Report II, 1848, S. 170.
Folgende Beispiele mögen unter vielen anderen dazu dienen, den
geistigen Zustand dieser jungen Leute in der Industrie von Wolverhampton
zu schildern:
Ein Mädchen, elf Jahre alt, giebt an, dass es sowohl Tages-
ais Sonntagsschule besucht, hat aber niemals von einer anderen Welt,
noch vom Himmel , noch von einem anderen Leben gehört Ein junger
Mann, 17 Jahre alt, wusste nicht, wie viel zwei mal zwei ist, oder wie
viel Farthings ein two-pence Stück hat, selbst als er das Geld in die
Hand bekam. Einige Knaben hatten nie von einem Orte wie London
gehört, ja nicht einmal von WiUenhall, das doch nur drei Meilen ent-
fernt liegt und in beständigem Verkehr mit Wolverhampton steht An-
dere haben nie den Namen Ihrer Miyestät nennen hören, noch von Wel^
lington, Nelson, Bonaparte etc. gehört Sehr bemerkenswerth aber ist
es, dass alle di^enigen, die niemals die Namen St Paul, Moses oder
Salomon vernommen hatten, allgemein mit der Person und dem Lebenslauf
des Dick Turpin, eines Strassenräubers, und mehr noch mit demjenigen
des Jack Shepperd, eines Räubers und Ausbrechers sehr vertraut waren.
(Home Report, App. Pt. IL). Selbst wenn die Sonntagsschulen regel-
mässig und jahrelang besucht worden sind, ist die Begriffsverwirrung dieser
armen Kinder eine ganz stupende. Nach sechsjährigem Besuch der Sonn-
tagsschule sagt z. B. ein Kind: „ich weiss, wer Jesus Christus war, er
starb am Kreuz und vergoss sein Blut, um unseren Erlöser zu retten/*
Ein anderer junger Mann von 16 Jahren meint: „Jesus Christus war 'vor
langer Zeit ein König von London." Wenn die Kinder ihr Abendgebet
hersagen, wie es viele thun, so sagen sie nur die beiden ersten Worte
des Vaterunsers her : „Unser Vater" — das ist alles, was sie wissen und
da viele unter ihrem Vater arbeiten, so ist dies wohl der einzig richtige
Sinn, in dem sie die Worte gebrauchen können.
Seite 171. Mr. Symons fährt fort: Die Kinder in Sheffield kommen
entweder total unwissend in die Wochen- oder auch oft in die Sonntags-
schulen, oder sie besitzen einige sehr fragliche Kenntnisse, die sie sich in
M. Frauen und Kinder in den Gewerben. 737
einer „Damen^-Schule angeeignet haben. Es ist nicht zu verwundern»
dass sie den ganzen Unterricht, den sie je erhalten, im Zeitraum von
2 oder 3 Jahren fast gänzlich wieder vergessen, wenn sie nach nur ein-
jährigem Besuch der Wochenschulen gleich in die Werkstatt kommen. Ich
glaube ganz bestimmt, dass nicht ein Drittel aller derer, die drei Jahre
in der Lehre waren, nur erträglich lesen". oder schreiben kann. Und fer-
ner glaube ich, dass, wenn wir dem Wort ^gebildet^ seine richtige Be-
deutung lassen, ohne damit mehr und Höheres bezeichnen zu wollen, als
die Kenntnisse, welche die arbeitenden Classen gewöhnlich besitzen, man
behaupten kann, dass wenigstens zwei Drittel der dieser Classe angehöri-
gen Kinder in Sheffield „ungebildef^ aufwachsen, wenn sie auch beim Ab-
gang von der Schule ziemlich viel gewusst haben mögen. (Symons Report,
App. Pt I.>
Seite 177. Nach dem Bericht des Mr. Home über den Zustand und
Charakter der jugendlichen Bevölkerung im District von Wolverhampton
befinden sich die Mehrzahl der dortigen Kinder auf der denkbar niedrig-
sten Stufe der Moral im vollsten Sinne des Wortes. Nicht dass sie be-
sonders lasterhaft und verbrecherisch wären, aber es fehlt ihnen jedes
moralische Gefilhl. Sehr oft auch haben sie wenig moralisches Pflicht-
gefühl und Zuneigung zu ihren Eltern. Er sagt: „Ich schreibe dieses
zum grossen Theil dem Umstand zu, dass die Kinder in so zartem Alter
schon zur Arbeit geschickt werden und dass die Eltern fast allein auf
den Verdienst der Kinder bedacht und darum besorgt sind. Instinctiv
fühlt das Kind, dass es nur als ein Stück Maschine benutzt wird. Bald
lässt bei der fortwährenden Arbeit die Liebe zu den Eltern nach und er-
stirbt ganz. Geschwister werden in früher Jugend getrennt und wissen
oft später nur wenig von einander , da sie kaum Zeit hatten, sich kennen
zu lernen." Dieses frühe Arbeiten der Kinder bringt die zartempftng-
lichen Seelen in unmittelbaren Contact mit allerlei Gemeinheit und
Rohheit und dadurch wird jede Wahrheitsliebe, jedes Zartgefühl, kurz,
jede Tugend des Charakters aufs äusserste gefährdet, jeder Grundsatz,
wo ein solcher etwa in des Kindes Gemüth einzuprägen versucht worden
ist, im Keim wieder erstickt
Seite 177. Viele dieser armen Kinder sind durch die sie umgeben-
den Verhältnisse so sehr gedrückt, dass sie sogar das Elend ihrer Lage
nicht mehr zu empfinden im Stande sind.
Mr. Home bemerkt: „Ich kann es nur als einen Beweis der Armuth
ihres Geistes und ihrer moralischen Natur betrachten, wenn so viele Aus-
sagen von Kindern und jungen Leuten, die sich in traurigen Verhältnissen
befinden , so gar nichts Klagendes an sich haben (Mr. Home spricht hier
noch von den Gewerben in Wolverhampton). Viele dieser armen Kinder,
Held, Sog. Gesch. Engl. 47
738 BelegstelleD.
die selbst angegeben haben, dass sie täglich 12 — 14 Standen für 1 ah.
6 pence oder 2 sh. 6 pence per Woche arbeiteten, wovon sie aber
nicht einen penny zu eignem Gebranch hätten, und während welcher Ar-
beitszeit sie oft (wie in vielen Schmelzhütten) nicht zn regelmässigen
Stunden ihre Mahlzeiten erhielten; die nur mit Lumpen bekleidet waren
und zugaben, dass sie sich oft übel oder gar krank fühlten und dass
sie nicht genug zu essen bekämen; die zuweilen arg geprügelt würden,
es aber „nur einen oder zwei Tage spürten'* : — diese armen Kinder ant-
worteten dennoch , dass „sie gerne arbeiteten" — „gut behandelt würden^'
„nur bestraft würden, wenn sie es verdient hätten, etc. Sie kannten
offenbar nichts anderes als aufzuwachen und Tag für Tag zur Arbeit zu
gehen und fortzuarbeiten, bis man ihnen erlaubte, aufzuhören. Eine
Frage wie „bist Du müde?'^ war früher niemals an sie gestellt worden,
und sie verstanden sie entweder gar nicht oder sie hatten nur irgend
eine unbestimmte Vorstellung von dem, was man damit meinte. Es wird
deshalb nothwendig sein, einen Unterschied zu machen zwischen denjeni-
gen, deren Aussage nichts zeigt, worüber sie sich beklagen könnten und
denjenigen, deren Zeugniss zwar viel Elend zu Tage fördert, die aber
keine Klage vorbrachten."
In den Sheffield trades mischen sich Kinder und Erwachsene viel
mehr durcheinander , als in den Baumwolle- , Wolle- und Flachsfabrikeu
üblich ist und die Gespräche, die die Kinder dabei hören müssen, sind
dazu geeignet, ihre moralischen Gefühle abzustumpfen und ihren Charak-
ter zu verderben. Es ist in dieser Stadt Sitte, die Kinder in ungewöhn-
lich jungen Jahren an einzelne Arbeiter zu vermiethen, so dass die Kinder,
schon ehe sie 14 Jahre sind, der väterlichen Aufsicht entzogen werden,
und vollständig ihr eigner Herr sind, „in allem, was ihre Gewohnheiten
ihre Zoiteintheilung , ihre Bildung und den religiösen Untemcbt betaifit."
— Die Kirche besuchen diese so früh sich selbst überlasscnen Kinder
nur ausnahmsweise; sie betrachten den Sonntag als die geeignetste Zeit,
sich auf den Strassen herumzutreiben und um halfpence zu spielen. „^Lin
kann an einem Sonntag nicht auf der Tiandstrasse oder auf abgelege-
nen, ausser den Polizeigrenzen liegenden Wegen gehen," sagt ^Ir. Symons,
„ohne zahlreichen Knaben zu begegnen von 12 Jahren und darüber, die
ganz versunken sind in das was man dort -pinching' nennt, d. h. um
Kupfermünzen spielen." Sehr früh gewöhnen sie sich das Trinken an
und es giebt Bierhäuser, wo höchst schamlose Auftritte stattfinden. Auch
wird gesungen, getanzt und Karten gespielt. Und die Besucher dieser
Kneipen sind oft 14, meistens aber 15 oder 16 Jahre alt. Daneben giebt
es auch I^ocale, wo Branntwein oder andere geistige Getränke geschenkt
werden und wo viele Arbeiter gewöhnlich den Abend zubringen. Aber
alle Zeugen classen sagen aus , dass „der allerempörendste Zug jugend-
licher Verderbtheit in dieser Stadt die frühzeitige Befleckung ist, die durch
die Vereinigung der Geschlechter entsteht;" „dass jugendliche Prostitution
M. Frauen und Kinder in den Gewerben. 739
äusserst gewöhnlich ist", wie nicht nur die Reden der Kinder auf offener
Strasse, die oft ganz entsetzlich sind, beweisen, sondern auch das häu-
fige Zusammengehen zweier Kinder yerschiedenen Geschlechts, ohne dass
andere dabei wären, wie man es gewöhnlich Abends sieht Die Vor-
übergehenden werden manchmal von dieser Jugend auf das Gröblichste
beschimpft und mit Schmutz bombardirt Verbrechen und Gewaltthätig-
keiten sind, was Niemand nach diesen Angaben Wunder nehmen wird,
in Sheffield gewöhnlich, und die Berichte der Polizei sowie die Todten-
schau bestätigen es nur zu sehr. Der Sub-commissioner erzählt, dass
im ersten Jahre nach seinem Besuch die Stadt nach einem organisirten
Plan angezündet und geplündert werden sollte und nur durch die An-
zeige eines Mannes gerettet wurde. Die Haupträdelsführer dabei waren
Knaben und erst halberwachsene junge Männer.
2. Die Erziehung des weibliclien Geschlechts.
Children's Employment Report II, 1843, S. 175 ff.
Es ist kaum möglich, genügend auszudrücken, welch unsägliches
Elend, welche häusliche und äussere Noth sich allein auf die so mangel-
hafte Erziehung des weiblichen Geschlechts zurückführen lässt. Die Be-
schäftigung der Mädchen von früher Kindheit an in Werkstätten, Fabri-
ken oder Gruben nimmt ihnen Zeit und Gelegenheit, sich häusliche Fähig-
keiten anzueignen und macht sie untauglich zu allem, was im spätem
lieben ihre Hauptaufgaben sind : zur ordentlichen Führung des Haushalts,
zur verstündigen Pflege von Mann und Kind. Sie können nicht ordent-
lich kochen und sehr selten etwas nähen oder flicken. Die schimmsten
Folgen aber entstehen für ihre Familie aus ihrer totalen Unfähigkeit, den
Haushalt mit den Mitteln, welche der Verdienst des Mannes schafft, gut
und sparsam zu führen, das Erworbene gut anzuwenden, anstatt unnütze
Ausgaben zu machen, indem sie die Arbeit, die im Hause geschehen
könnte und sollte, wie Kleidermachen und Flicken, auswärts thun lassen
und dafür bezahlen müssen. Diese unordentliche Wirthschaft treibt den
Mann aus dem Hause und in die Schenkiocale. Im Home Report, App.
Pt. U. finden wir die Ansicht, „dass es in jeder Hinsicht noch wichtiger
sei, dass die Frauen gebildet erzogen würden, als die Männer, denn sie
haben höhere und wichtigere Pflichten zu erfüllen, indem sie ihre Kinder
aufziehen und sie gute Sitten lehren/' — „Viele dieser Frauen können
keinen Riss stopfen oder zusammenflicken; aber da, wo wir im Stande
waren, dem weiblichen Geschlecht eine gute häusliche Erziehung ange-
deihen zu lassen, zeigten sich die guten Folgen viel deutlicher wie bei
den Männern.** — Denselben Ursachen, dem schlechten Kochen, der Ver-
nachlässigung der Kinder, dem Mangel jeglicher Behaglichkeit im Hause
ist es zuzuschreiben, dass die Familienbande sich lockem und der Mann
sich schliesslich dem Trünke ergiebt. Die Männer beklagen sich selbst
47*
740 Belegstellen.
schwer über diese Unfähigkeit ihrer Frauen. ^Das liederliche, nnsanbere
Aassehen der Männer, Weiber und Kinder, das uns in unseren grossen
Städten in die Augen fällt, ist die Folge davon, und ist Schuld daran,
wenn die Selbstachtung, die Mutter so vieler Tugenden, allmälig verloren
geht^^ Ein Mr. Joseph Corbett, ein sehr intelligenter und höchst ach-
tungswerther Arbeiter, entwirft ein unendlich trauriges Bild der Zu-
stände, wie sie bei Tausenden von Familien in den grossen Fabrikstätten
gang und gäbe sind, und Alle, die den Wunsch h^en, das Wohl dieser
so wichtigen Yolksdasse zu fördern, sollten ihm die grösste Beachtung
schenken. Er schildert das Elend, welches sich in seine eigene Familie
einschlich, weil die Mutter, obgleich sie trotz ihrer Beschäftigung von
früher Kindheit an in der Fabrik klug, fleissig und tugendhaft war, aus
ünkenntniss es nicht vermochte, Mann und Kindern das Leben im
Hause lieb und angenehm zu machen. Hier wie überall blieben die schreck-
lichen Folgen nicht aus. Er schliesst mit den Worten; „Meine eigene
Erfahrung sagt mir, dass vielem Elend und sogar Yerbrecben vorgebeugt
werden könnte, wenn das weibliche Geschlecht in häuslichen Arbeiten
unterrichtet und gelehrt würde, am eigenen Heerde Behaglichkeit und
Heiterkeit zu verbreiten, dann würde es weniger betrunkene Ehemänner
und unfolgsame Kinder geben. Die Beobachtungen, die ich selbst als
Arbeiter anstellen konnte, zeigten mir, dass die weibliche Erziehung
schauderhaft vernachlässigt wird. Ich lege darauf mehr Gewicht als auf
irgend etwas Anderes. Die Frauen theilen der jungen empf^glichen
Seele die ersten Eindrücke mit; sie sind es, die das Kind, welches später
zum Mann sich entwickelt, formen und bilden/'
3. Wichtigkeit der Schulbildung.
Children's Employment Report H, 1843, S. 83.
Die von Mr. Kennedy vernommenen Zeugen sagen aus: „Wenn ich
Ihnen eine Namenslistc unserer besten Arbeiter entwerfen sollte, so würden
Sie finden, dass in 9 von 10 Fällen die Namen derjenigen darin enthalten
sein würden, die am meisten Bildung besitzen. Ich kann mit Gewissheit
behaupten, dass die gebildetsten Leute auch die praktischsten und besten
Arbeiter werden, wie sie zugleich die nüchternsten und ausdauernd-
sten sind.
„Gebildete Männer sind durchschnittlich viel bessere und lenksamere
Arbeiter; der Ungebildete lässt sich zu allem beschwätzen; ein missver-
gnügter Kerl ist im Stande, die ganze Bande aufzuwiegeln." Ich habe
öfters mit verschiedenen Schotten über die Erziehung ihrer Kinder ge-
sprochen — die Schotten zeichnen sich ala Nation durch den höheren
Grad ihrer Bildung aus — und sie haben mir oft geantwortet, -„lieber soll
es ihnen an Fleisch mangeln, als an Bildung*^. Im Allgemeinen wird
man finden, dass ungebildete Eltern kein Gewicht auf die Bildung ihrer
M. Frauen und Kinder in den Gewerben. 741
Kinder legen; sie glauben der Schule noch eine Gunst zu erweisen, wenn
sie die Kinder hinschicken; auch dann sogar, wenn der Unterricht gratis
ertheilt wird. Und man kann im Allgemeinen annehmen, dass da, wo die
Kinder zur Schule angehalten werden, die Eltern eine höhere Bildung
als ihre Umgebung besitzen, wenn schon sie derselben Classe angehören.''
„Wir können uns nicht viel auf den ungebildeten Theil der jungen Leute
verlassen; sie sind gewöhnlich nicht zuverlässig, sie pflegen zu lügen und
sich zu streiten. Sie sind nicht so höflich wie die Gebildeten unter ihnen ;
sie sind träge und machen sich's zu Nutze, wenn man ihnen den Bücken
kehrt ^ „Ein Blick genügt mir, um die Kinder, welche die Schule be-
suchen, von denen zu unterscheiden, die es nicht thun; sie sind viel auf-
geweckter und intelligenter.'' „Im Allgemeinen sind die etwas gebildeten
Kinder viel fleissiger bei der Arbeit und viel leichter zu lenken ; sie wer-
den viel schneller mit ihrer Arbeit fertig \md irren sich seltener dabeL''
,^Bei Kindern, welchen der Segen der Bildung zu Theil geworden ist,
offenbart sich dies dadurch, dass sie viel besser auf den Befehl achten
und denselben lieber annehmen, dass sie viel schneller das, was man
meint, zu erfassen vermögen und im Allgemeinen gewandter und rascher
sind."
„Die Kinder, die keine Bildung besitzen, haben stets den Hang zu
lügen und zu veruntreuen; sie haben kein Bewusstsein moralischer Ver-
pflichtung, sind mürrisch, verdriesslich und träge, und lange nicht so zu-
verlässig als diejenigen, die etwas gebildet sind.^
4. Die Arbeiter in den Bergwerken.
Children's Employment Report II, 1843, S. 154.
Mr. Symons sagt von den Kohlen- und Eisenbergwerken in York-
shire: „Ich bin überzeugt, dass die Mehrzahl der Kinder sogar in Be-
zug auf die Wahrheiten des Christenthums und die Thatsachen der heili-
gen Schrift sich in einem Zustand heidnischer Unwissenheit befinden.
Das ZeugnisB der Kinder giebt ein Bild solcher moralischer und geisti-
ger Finstemiss, dass jedes christliche Gemüth von Schrecken und Mitleid
ergriffen werden muss; ich kann aber mit dem besten Gewissen sagen,
dass dieses Bild alles eher als übertrieben ist Einige sind zwar besser
unterrichtet, aber unter denjenigen, die in Kohlengruben arbeiten, wird
man nicht mehr als ein Kind unter Dreien, oder höchstens zwei unter fünf
Kindern finden, die die gewöhnlichsten Fragen, sowohl religiösen als welt-
lichen Inhalts, zu beantworten vermöchten. Ich bezeuge es ohne Zau-
dern, dass die in Bergwerken arbeitenden Kinder im Granzen genommen
in einem Zustand absoluter und erschreckender Unwissenheit aufwachsen,
und ich bin überzeugt, dass die beweisenden Aussagen, die ich hiermit
aus allen Classen beibringe, von Creistlichen, Magistatspersonen, Meistern,
Arbeitern und Kindern, genugsam die Härte deijenigen Ausdrücke darthun
742 Belegstellen.
tmd rechtfertigen werden, die ich allein für geeignet erachtete, den gei-
stigen Zustand dieser umnachteten Volksclasse zu charakterisiren.
Seite 155. Nichts ist im Stande, auf eine so schlagende Weise ihren
geistigen Zustand zu schildern, als die aus dem Examen der ffinder
selbst durch die „Subcommissoners** in den Kohlen- und Eisenbeigweriren
der Grafschaft Durham entnommenen Beweise: „Ich gehe an ftUif Nich-
ten in der Woche zur Schule und lese ein Capitel in der Bibel. Ein
anderes Buch lese ich nie. Von Jenisalem erinnere ich mich nichts.
Den Namen Davids habe ich gesehen, aber ich weiss nicht, was er war.
Von Moses weiss ich nichts. Von Frankreich habe ich nie gehört Ich
weiss nicht, was Amerika ist Ich habe nie von Schottland oder Irland
etwas gehört. Ich kann nicht sagen, wie viel Tage das Jahr hat, oder
wie viel Wochen."
Dieselbe Seite: James Taylor, ein kluger, aber gleich seinen Arbeits-
genossen ununterrichteter elQähriger Junge: „hat von der Hölle gehört
wenn die Arbeiter in der Grube fluchen; hat niemals von Jesus Christus
gehört, noch von Gott, ausgenommen, wenn die Grubenleute sagen: ,6ott
verdammt'. Er weiss nicht, in welcher Grafschaft er wohnt, war nie
irgendwo anders als hier in der Grube und in Rochdale, hat nie von
London gehört, von der Königin hat er gehört, weiss aber nicht „wer er
isf (Kohlen- und Eisenwerke in Lancashire.)
Einzelne der besseren Leute in derselben Gegend sagen: „Es
giebt hier herum viele erwachsene verheirathete Männer, 40 — 50 Jahre
alt, die kein Wort aus der Bibel wissen, die den Lohn, den sie erhal-
ten müssen, nicht bereclmen können, und das sind gerade die schlimm-
sten Subjecte; sie trinken fürchterlich, vertrinken das, was ihre Famihe
brauchte und fluchen entsetzlich. Einige von ihnen erklären, dass sie an
kein zukünftiges Leben glauben und sind der Meinung, dass sie wie ein
Hund sterben werden, und dass es dann mit ihnen aus ist Wenn sie
die Sonntagsschule und auch die Alltagsschule nicht mehr besuchen, wer-
den sie immer mehr verhärtet und können und wollen nicht mehr glau-
ben; sie haben schmutzige Gewohnheiten, führen verderbte Gespräche,
und gefallen sich nur noch in unzüchtigen Reden. Sie sagen, ihre Väter
hätten wie sie nicht geglaubt und es gerade so wie sie gemacht, und das
ist wahr und zwar aus denselben Ursachen, von denen jetzt die armen
Kinder betroffen werden.
Seite 155—156. Die in den Bergwerken im West Riding von York-
shire beschäftigten Kinder, die in den Bergwerken in der Nähe von Halifax,
sowie die in Cumberland befinden sich theilweise in der allerabsolutesten
Un¥rissenheit , oder wenn sie einige wenige Begriffe haben, so sind die-
selben entweder so traurig verwirrt oder so unrichtig wie möglich. Nur
M. Frauen und Kinder in den Gewerben. 743
ganz ausnahmsweise wird einmal die Sonntagsschule von dem einen oder
anderen besucht, und selbst wenn eines sein Gebet hersagen kann, ist es
nicht anders, als wenn es ein Papagei gedankenlos herplappert. In South-
Staffordshire soll der moralische Zustand der Kinder im grössten Gegen-
satz zu ihrem guten körperlichen Befinden stehen.
In Derbyshire sind theilweise bessere Zustände, da mehrere der Auf-
seher dort selbst Lehrer unter den Methodisten sind und strenge darauf
halten, dass den Kindern kein böses Beispiel gegeben werde ; andere hin-
gegen thun das grade Gegentheil. Dass die in den Kohlengruben von
Yorkshire beschäftigten jungen Leute im Ganzen nicht sehr lasterhaft und
verbrecherisch sind, obwohl sie fluchen und unzüchtige Redensarten füh-
ren, schreibt Mr. Symons der äusserst angestrengten Arbeit zu, nach wel-
cher ihnen Ruhe die grösste Wohlthat sei.
Seite 156. Mr. Kennedy berichtet, dass in Lancashire der moralische
Zustand der Bergleute und ihrer Kinder imDistrict sprichwörtlich gewor-
den ist; und dass alle Zeugenaussagen aus allen Classen dies bestätigen.
So sagt der Rev. Joshua Paley : „Gewöhnlich herrscht eine furchtbare Ver-
worfenheit unter ihnen. Die Sitten der erwachsenen Bergleute sind der-
artig schlecht, dass wir die grössten Schwierigkeiten zu überwinden haben
um ihnen etwas religiöse Belehrung beizubringen. Die Gewohnheit der
Unmässigkeit ist so eingenistet bei ihnen, und es bieten sich ihnen so
viele Gelegenheiten, derselben zu fröhnen, dass unsere guten Absichten
und Bemühungen vereitelt werden. Die Jüngeren bestreben sich, dem
Beispiel der Aelteren zu folgen und deren Gewohnheiten und Manieren
nachzumachen. Wenn junge Leute beiderlei Geschlechts solchen Versuch-
ungen ausgesetzt sind und so häufig ermuthigt, oder doch nicht abgehal-
ten werden, die Wirthshäuser und Bierschenken zu besuchen, so gewöh-
nen sie sich frühzeitig an Auftritte der Trunkenheit und Schamlosigkeit
Seite 157. Mr. Franks bezeichnet den leitenden Gmndzug des Cha-
rakters der Bergleute im östlichen Schottland als einen totalen Mangel
aller Energie, und diesem schreibt er es zu, dass sie keine Verbrechen
begehen. Er sagt: „Deijenige District, den ich durchforscht habe, bietet
den Anblick einer arbeitsamen unerzogenen Bevölkerung dar, die nicht zu
klagen pflegt und wenig Laster hat, aber sowohl an religiösem als intellec-
tuellem Wissen, an mondischem Math und Untemehmungskraft, an jedem
Sinn für Behaglichkeit, selbst häuslicher Art, allen anderen Classen nach-
steht; und dennoch weist ihr Znstand im Vergleich mit Anderen, die mo-
ralisch und intellectuell höher stehen, einige gute Züge auf. Sie sind stets
gegen ihre Arbeitgeber nicht nur artig, sondern haben dieselben oft herz-
lich lieb, und niemals kommt bei ihnen ein so freches und unhöfliches Be-
nehmen vor wie bei den Fabrikarbeitern; sie hören die Geistlichen gern
und sehr ernsthaft an; sie zeigen und empfinden wahrscheinlich auch
744 Belegstellen.
weniger Neid auf den Rang und Reichthum ihrer Vorgesetzten als andere
Arbeiter, und sie mischen sich weniger in politische Streitfragen ein." Ich
habe'', fährt er fort, „meine Forschungen inmitten einer Bevölkerung, die
7000— 8000 Familienhäupter umfasste, angestellt; die Existenz dieser Leute
war eine rein thierische ohne irgend einen religiösen Charakter, ohne poL-
tische Richtung, ohne politische Vertretung — kurz, ohne irgend einen
politischen Status überhaupt^
Die Aenderung, die im Forest of Dean erzielt worden ist, ist so
durchgreifend^ dass die Bergleute dieser Districte im Ganzen und Grossen
jetzt in der Erfüllung ihrer gesellschaftlichen und moralischen Pflichten
exemplarisch sind, und es ist jetzt ebenso bemerkenswerth ¥rie fleissig sie
dem Gottesdienst beiwohnen, wie es früher auffallend war, wie sie den
Sabbath durch Gesetzwidrigkeiten, Gewaltthätigkeiten, rohe Vergnügungen
und wüste Gelage schändeten. Mr. H. H. Jones sagt: „Die Aufgabe die-
ser Umgestaltung hatten die Dissenters sich gestellt, und so wenig ver-
heissend, ja hoffnungslos sie erschien, so hat doch durch ein treues Fest-
halten an dem einmal gefassten Plane der ganze Volkscharakter eine Aen-
derung erfahren, und mehr ist erreicht worden, als man anfangs erwar-
ten konnte.
Die Dissenters haben viele Jahre lang aufs Eifrigste daran gearbeitet,
die religiöse Belehrung den Leuten genehm zu machen, sie haben die
heilige Schrift zu verbreiten und unter den niederen und Mittelclassen
eine Kenntniss der christlichen Lehren zu pflegen gesucht Ueberall zeigt
sich der Erfolg dieses Eifers in den zahllosen Capellen, welche in den
letzten dreissig Jahren entsUinden sind. Das nöthigeGeld dazu haben die
Taschen der Farmers, der kleinen Handwerker, der arbeitenden Classen
geliefert, indem in den Capellen Penny-Subscriptionslisten aufgelegt waren,
zu welchen sogar Knaben, die schon etwas verdienten, beitrugen. Auch
in dem äusserst regen Besuch der Capellen, in dem Verlassen der Kir-
chen sowie in den veredelten moralischen und religiösen Gewohnheiten
des Volkes wird der Einfluss jener Dissenters ersichtlich.
Obgleich die Geistlichen in North Wales sich allmälig aus der
Lässigkeit, mit der sie bis dahin ihre kirchlichen Angelegenheiten betrie-
ben hatten, aufraffen, so ist doch trotz dieser Bemühungen die Kirche
noch ziemlich schlecht versehen, sowohl in Bezug auf Gotteshäuser als
auf Geistliche.
Die Dissenters haben überall erreicht, was der Staatskirche noch nicht
zu erlangen möglich war, sie haben überall Capellen errichtet, und ihre
trotz aller Schwierigkeiten doch erfolgreiche Thätigkeit liefert den Be-
weis, „wie sehr es von sorgfältiger und dauernder Belehrang abhängt, ob
die zu grossen Arbeiten zusammenströmenden Massen sich gut auffuhren
M. Frauen and Kinder in den Gewerben. 745
und moralisch und religiös sind, oder ob sie zänkisch, gottlos, schamlos
und dem Trünke ergeben sind.**
Mr. Waring sagt von der Aenderung, die bei den Bergleuten in South
Gloncestershire und in dem Forest of Dean erzielt worden ist:
„Durch die Bestrebungen jener grossen Eleformatoren des Lebens
und der Sitten, des berOhmten Wesley und Whitfield, ward ein Werk be-
gonnen, welches seitdem in stetem Fortschreiten begriffen ist, indem nicht
nur ihre Schüler, sondern auch die von der Nationalkirche, von ihrem
Beispiel angespornt und hingerissen, in ihre Fusstapfen traten. Für den-
jenigen, der die Gegend vor vierzig Jahren kannte, und zu diesen gehöre
ich selbst, ist es interessant, die Folgen dieser Thätigkeit zu sehen, wenn
man den jetzigen Zustand mit dem damaligen vergleicht, wt> Scandale an
der Tagesordnung waren und man in einer beständigen Furcht vor ge-
waltthätigen Angriffen auf das Eigenthum und die allgemeine Sicherheit
lebte. Man konnte damals durch einige der Dörfer und Weiler nicht
reiten, ohne sich den Beschimpfungen der Knaben auszusetzen, die ohne
jede Provocation Pferd und Reiter mit Steinen warfen. Die „Kingswood-
Bergleute*', das war damals ein Ausdruck, der alles in sich schloss, was im
Gegensatz zur Bildung, Ordnung und Religion stand. Jetzt haben die
Leute dort vielleicht eben so anständige Manieren, als man überhaupt bei
der Mehrzahl der Bewohner ländlicher Districte findet; die vielen Stätten
der Andacht sind gut besucht, unter den Bergleuten befinden sich viele
Mitglieder der verschiedenen religiösen Gemeinden. Jede öffentliche Ent-
weihung des Sabbaths wird sehr ernstlich gerügt', sogar von Solchen, die
sich nicht zum Glauben bekennen, die aber ehrbar und nüchtern in ihren
Gewohnheiten sind. In Verbindung mit den meisten der parish-Kirchen
sind schon seit langer Zeit Nationalschulen gegründet worden , und der
von ihnen erzielte Fortschritt bei der heranwachsenden Generation steht
im Verhältniss zu dem Umfang ihrer Bestrebungen.**
Drei freie Kirchen und damit in Verbindung stehende Schulen sind
im Forest enstanden; in zwei bestimmten Orten sind es Wesleyaner und
Independenten, welche durch ihren Einfluss vielen Nutzen stiften, während
an der südwestlichen Grenze die Baptisten überwiegend sind und sogar
<;inige der wohlhabendsten Kohlenbergwerkbesitzer zu den 'Ihrigen zählen.
In Coleford, Clearwell und Bream sind Capellen und Schulen entstan-
den. Die aEnglish Bicknor-National-School** wird von vielen Kindern aus
dem Kohlendistrict bei Lydbrook und von Kindern aus den 2iinnwerken
in jenem Dorfe besucht Zwei Kleinkinderschulen hängen damit zusammen.
„Im Ganzen können die Nationalschulen in den Grenzen des Forest un-
gefähr 1500 Kinder versorgen und in diesem Augenblick werden factisch
ungefähr 850 Kinder dort unterrichtet**
746 Belegstellen.
5. ZosammenfassuDg über den moralischen Zustand der Kinder in
Bergwerken, Gewerben nnd Manufactoren.
Children's Employment Report II, 1848, S. 199 ff.
1. Es giebt nur wenige Classen dieser „in numbers" zusammenarbeiten-
den Kinder und jungen Leute, die nicht grossentheils in einem Zu-
stand beklagenswerther moralischer Verkommenheit leben.
2. Diese niedrige Stufe des moralischen Zustands prägt sich in einer all-
gemeinen Unkenntniss der moralischen Pflichten und Vorschriften aus,
wie in dem Mangel an moralischer und religiöser Zucht, wie dies bei
einigen sich hauptsächlich durch gemeine Manieren und ruchlose und
ungeziemende Reden äussert, bei andern durch eine grobsinnliche Un-
moralität, die schon in sehr jungen Jahren bei beiden Geschlechtem
vielfach vorkommt.
8. Dieser gänzliche Mangel an sittlicher Zucht kommt daher, dass es im
Allgemeinen an jeglicher moralischer und religiöser Erziehung fehlt;
dass es verhältnissmässig selten in diesen Classen ist, dass die Kinder
das Glück haben, moralische religiöse Eltern zu besitzen, die sie be-
lehren und leiten; im Gegentheil wurzelt ihr trauriger, moralischer
Zustand oft gerade in der Verkommenheit der Eltern, die ihren Kin-
dern weder ein gutes Beispiel zu geben, noch irgend welche wohl-
thätige Aufsicht über deren AufifÜhrung zu fllhren vermögen, da sie
selbst aufgewachsen Rind, ohne dass ihnen tugendhafte Sitten gelehrt
worden wären.
4. Da sich die Eltern gewöhnlich durch Unbedachtsamkeit in Noth be-
finden, so werden sie dadurch gezwungen, die Kinder an die Arbeit
zu stellen, sobald sie nur den allergeringsten pecuniären Nutzen dar-
aus ziehen können; der aus dieser in so zartem Alter begonnenen
Arbeit wahrscheinlich entstehende schädliche Eiufluss auf die Ge-
sundheit der Kinder macht ihnen wenig Sorge, und noch weniger
kümmern sie sich darum, dass die geistige Ausbildung der Kinder da-
durch, diiss sie die Schule so frühzeitig wieder verlassen müssen, sehr,
wenn nicht ganz vernachlässigt werden muss. Wenn man sie fragt,
so sprechen sie selten in Hinsicht auf den Scliutz und das Wohl ihrer
Kinder den Wunsch nach geregelten Arbeitsstunden aus, wohl abor
geben sie beständig ihren Befürchtungen, irgend eine gesetzliche Be-
stimmung könne ihnen den Profit von der Arbeit ihrer Kinder rau-
ben, den lautesten Ausdruck. Der natürliche elterliche Trieb, während
der frülien Kinderjahre für des Kindes Unterhalt zu sorgen, ist in
sehr vielen Fällen gänzlich erloschen, ja, die Ordnung der Natur wird
umgekehrt, indem die Kinder ihre Eltern unterhalten, anstatt von
ihnen unterhalten zu werden.
5. Weil die Mädchen so früh ihr Heim und die Tagesschulen verlassen,
um irgend eine Arbeit zu erlernen, so fehlt ihnen Gelegenheit und
M. Frauen und Kinder in den Gewerben. 747
Zeit, sich die Fähigkeiten zu erwerben, die ihnen später am nothwen-
digsten sind, wenn sie, zu Frauen herangewachsen, eigene Familie
haben und dann den Verdienst ihres Mannes zusammenhalten und es
in ihrer Häuslichkeit nett und behaglich machen sollen. Sie sind nicht
im Stande, Handarbeiten zu erlernen und sich Sinn für Reinlichkeit,
Nettigkeit und Ordnung anzugewöhnen. Dieser Mangel an hausfrau-
licher Befähigung unter den Frauen dieser Klasse wird von Geist-
lichen, Lehrern, Aerzten, Arbeitgebern und andern Zeugen als eine
mächtige und allgemein herrschende Ursache von viel Elend und Ver-
brechen unter den arbeitenden Classen bezeichnet
6. Es ist selbst bei den Besten unter den Arbeitgebern selten, dass sie
für das moralische Wohl ihrer jungen Arbeiterbevölkerung mehr thun,
als in den Werkstätten gedruckte Statuten aufzuhängen, in welchen die
Pflichten und das Benehmen der Kinder vorgeschrieben sind und worin
den erwachsenen Arbeitern das Schlagen oder sonstige Misshandeln
derselben untersagt wird. Allein weder die Arbeitgeber selber noch
ihre Agenten kümmern sieb persönlich darum, dass auch diesen Sta-
tuten gemäss gehandelt werde. In den meisten Fällen geschieht aber
selbst dies Wenige nicht ; sondern jede Verbindung zwischen Arbeit-
geber und jugendlichen Arbeitern hört auf, sobald die Letzteren, nach-
dem sie zu bestimmter Stunde in die Werkstatt gekommen sind, wäh-
rend der Arbeitszeit ununterbrochen fortgearbeitet und ihr Tagewerk
vollendet haben, den Heimweg antreten.
7. Es giebt Beispiele, wo sowohl Knaben und Mädchen, ¥rie junge Männer
und junge Frauenzimmer ihre Arbeit in getrennten Räumen verrich-
ten, allein es ist dies sehr selten; gewöhnlich arbeiten sie nicht nur
in demselben Zimmer, sondern sie kommen bei der Arbeit oft in noch
grössere Nähe zu einander, wie in den Leinwand-, Wollen-, Seiden-
oder Flachsfabriken, und es stimmen alle Zeugen darin Qberein, die-
sem Umstand eine sehr demoralisirende Wirkung zuzuschreiben.
8. In den meisten Fällen stehen die juiigen Leute, so lange sie in der
Werkstatt sind, unter der Controlle und Fürsorge der erwachsenen
Arbeiter, sind deren Diener und werden von ihnen gedungen und be-
zahlt; nach der Arbeit aber finden sie keinerlei Art von Au&icht
mehr sondern können ihre Zeit nach Belieben benutzen.
9. Trotzdem sie ihre Jugendzeit in so höchst ungünstiger und verderb-
licher Atmosphäre zubringen, entgehen doch viele dieser Kinder und
jungen Leute einem permanenten Verkommen und werden im späteren
Leben ebenso achtbar und anständig, wie andere Leute ihrer
Classe; doch ist dies nicht der gewöhnliche Verlauf; denn bei sehr
grossen Massen dieser Kinder und jungen Leute zeigen sich die viel
natürlicheren Wirkungen eines Zustandes, in welchem sie schon in so
jungen und unreifen Jahren die vollständigste Unabhängigkeit besitzen
und folglich in ihrer Kindheit Gewohnheiten annehmen, die f&r die
748 Belegstellen.
Zukunft ihre Gesundheit, Brauchbarkeit und Zufriedenheit gänzlich
untergraben.
10. Das Unheil, welches aus so frühzeitig betretenen und oH bis zum
Lebensende inne gehaltenen Abwegen entspringt, führt nicht selten
ausser dem Ruin des Einzelnen auch den Anderer herbei, die das
böse Beispiel angesteckt hat; es werden F&lle erwähnt, wo sich Jüng-
linge verbündet haben, um so vereint Verbrechen und Gewaltth&tig-
heiten auszuüben.
11. Viele Zeugen, unter denen besonders viele Arbeitgeber und Aufseher,
schreiben die in jüngster Zeit in verschiedenen Districten aasgebro-
chenen Putsche der noch bei weitem verderblicheren Unwissenheit und
Leichtgläubigkeit der Erwachsenen zu, welchen die jetzige Generation
vollständig älmlich werden muss, wenn keine Wege zu ihrer mora*
lischen Hebung eingeschlagen werden. In dieser Unwissenheit und
Leichtgläubigkeit glauben die Zeugen mit Gewissheit, die wahre Quelle
dei^ einflussreichen Macht der Agitatoren zu erkennen, die wahre Ur-
sache, warum es den Unruhstiftern gelingt, eine so grosse Volksmasse
zu gängeln und zu täuschen.
12. Derjenige Einflass, von dessen Wirksamkeit eine Reaction gegen alle
diese schlechten Tendenzen zu erwarten wäre, nämlich der einer sowohl
weltlichen wie religiösen Bildung, ist von solch beklagenswerther
Schwäche, dass in allen Districten grosse Einderschaaren ohne die ge-
ringste religiöse, moralische oder intellectuelle Zucht aufwachsen; es
wird nichts gethan, um sie an Ordnung, Massigkeit, Ehrlichkeit und
Vorbedacht zu gewöhnen oder nur um sie dem Laster und Verbre-
chen fcni zu halten.
13. Weder in den neuen Kohlen- und Bergwerkdistricten, die plötzlich eine
grosse Menschenmenge in neuen Oertlichkciten versammelt haben, noch
in den plötzlich durch den grossen Erfolg irgend eines neuen Gewerbs-
zweiges emporgekommenen Städten findet man irgendwelche Vorsorge
fxir Errichtung von Schulen mit gut qualificirten Lehrern oder für die
Beschaffung der erforderlichen Mittel zur moralischen und religiösen
Belehrung und Zucht oder für die Befriedigung geistiger Bedürfhisse
des Volkes. Gewöhnlich ist auch keine Vorsorge getroffen, um die
bildenden und religiösen Institutionen in das richtige Verhältniss zu
der Grösse der Bevölkerung zu bringen.
14. In nicht einem District sind die f^ die Schulen bestimmten Mittel
den Bedürfnissen des Volkes entsprechend ; in einigen Districten aber
ist der Mangel so augenfällig, dass Geistliche und andere Zeugen aus-
sagen, dass die factisch cxistirenden Schulen nicht für ein Drittel
der Bevölkerung ausreichend seien.
15. Wären die Schulen aber auch in noch so grosser Anzahl vorhanden,
und noch so vortrefflich, so würden sie doch für einen grossen Theil
M. Fraoen and Kinder in den Gewerben. 749
der arbeitenden Kinder so gnt wie nicht vorhanden sein, weil die-
selben schon so' früh zur Arbeit angestellt werden.
16. Viele Kinder und jungen Leute besuchen keine Tagesschule, ehe sie
anfangen zu arbeiten. Diejenigen selbst, die ftür eine kurze Zeit diese
Schule besuchen , müssen sie meistens schon im Alter von fünf, sechs
sieben oder acht Jahren wieder verlassen, weil sie auf Arbeit geschickt
werden; sehr selten kommt es vor, dass sie nach einmal begonnener
regelmässiger Arbeit noch eine Abendschule aufsuchen.
17. Die Bildung der in Gewerben und Manufacturen beschäftigten Kinder
wird so sehr vernachlässigt, dass in mehreren Districten kaum mehr
als die Hälfte aller arbeitenden Kinder in Wochen- oder Sonntagsschulen
geschickt werden; in anderen zeigte es sich bei einem Examen, dass
zwei Drittel nicht lesen konnten; und in einem District erhielt die
grosse Mehrzahl gar keinen Unterricht.
18. In allen Districten gehen viele Kinder und junge Leute, ob sie in
Kohlen- oder Eisenbergwerken oder in Handel und Grewerbe thätig
sind, nie zur Schule und Einige haben überhaupt nie eine Schule be-
sucht.
19. Es ist durchschnittlich der Fall, dass die Kinder, die in keine Schule
gehen, auch keinen Gottesdienst besuchen.
20. Diejenigen Kinder, welche in Kohlen- und Eisenbergwerken arbeiten,
sind gewöhnlich von den Anstrengungen ihres Tagewerkes zu er-
schöpft, um noch mit dem geringsten Nutzen Abends eine Schule be-
suchen zu können; in den verschiedenen Fällen, wo man in England
versucht hat die Kinder daran zu gewöhnen und wo Abendschulen er-
richtet worden sind, war es nicht möglich, die in Kohlen- und Eisen-
gruben beschäftigten Kinder zum Besuch derselben zu bringen; in
den das Unterrichtswesen betreffenden Berichten, die wir von Schott-
land erhalten, wird auch gewöhnlich erwähnt, dass, während im All-
gemeinen Kinder und junge Leute, die während des Tages in verschie-
denen Gewerben arbeiten, die Abendschulen zu besuchen pflegen, die
Kinder der Bergleute niemals dahin kommen.
21. Selbst in den wirklich existirenden und mit entsprechenden Mitteln
versehenen Schulen haben die Lehrer, mit wenigen überraschenden
Ausnahmen, nicht im geringsten die für ihr Amt erforderlichen Fähig-
keiten, da sie gewöhnlich selbst während zu kurzer Zeit unterrichtet
und ausgebildet worden sind, um sich viele Kenntnisse anzueignen
oder um sich mit einer richtigen Lehrmethode vertraut zu machen.
22. Fast immer hängt von den Sonntagsschulen allein, nach einmal be-
gonnener Arbeit der Kinder und jungen Leute , die Bildung und die
sittliche und religiöse Zucht derselben ab; die Lehrer übernehmen den
Unterricht an den Sonntagsschulen in höchst verdienstlicher Weise
freiwillig; doch sind ihre Leistungen stets sehr schwach und systemlos.
750 Belegstellen.
23. In allen Distrikten stellte sich beim Examen heraus, dass sehr viele
Kinder, welche während eines Zeitranmes Ton fünf bis neun Jahren
Jahren regelmässig die Sonntagsschulen besucht hatten, nicht im
Stande waren, ein leichtes Buch zu lesen oder das gewöhnlichste
Wort zu buchstabircn; auch kam nicht nur die grösste Unkenntniss
der christlichen Grundsätze, Lehren und Vorscliriften zu Tage, son-
dern sie wussten auch absolut nichts von den Erzählungen der hei-
ligen Schrift oder von den dort am häufigsten vorkommenden Namen.
24. Beim Examen stellte sich femer überall heraus, dass viele Kinder,
welche von der Schule abgegangen waren mit dem Zcugniss, dass sie
lesen könnten, nur gerade die Buchstaben des Alphabets kannten;
nur sehr wenige konnten ein leichtes Buch ohne Mühe lesen; und in
Schottland konnte von den als schreibenkönnend Entlassenen nicht
der fünfte Theil ihre Namen leserlich niederschreiben; unter ftüi&ig
Kindern fand sich kaum eines, das gut genug zu schreiben vermochte
um das Erlernte zu irgend welchem nützlichen Zw^ecke zu verwerthen.
25. Selbst unter denjenigen, die flüssig lesen konnten, fanden sich bei
Befragung sehr wenige, die irgend eine Vorstellung mit den Worten^
die sie aussprachen, verbanden, oder die im Stande waren, den Exa-
minatoren einige anscheinend sehr leichte und einfache Benennungen
und Dinge irgendwie verständlich zu erklären, so dass diese Kinder
in vielen Fällen, obschon sieJalire lang so zu sagen gebildet worden
waren, ebenso wenig Yortheil davon hatten, was das Erlernen irgend
welcher nützlicher Kenntnisse oder die Ausbildung zu irgend welchem
durch Bildung erreichbaren höheren Zwecke anbelangt, als wenn sie
die Schule niemals besucht hätten.
26. Einige wenige Kinder, welche in den besten Schulen gewesen waren,
bewiesen zwar beim Kxamen, dass sie sich genug Elementarbildung
angeeignet hatten, um darauf hin mit einigem Recht hoffen zu dür-
fen, dass dieselbe so in ihnen nachreifen werde, um ihnen im späteren
Leben von walirhaftem Nutzen zu sein; doch die grössere Masse der
Kinder waren über alle weltlichen und religiösen Fragen im Zustand
der absolutesten Unwissenheit.
27. Unter den Kindern, welche in Zinn, Kupfer-, Blei- und Zinkbergwer-
ken arbeiten, und die in sehr viel späterem Alter als in den Kohlen-
und Eisenbergwerken, oder im Handel und Gewerbe üblich ist, erst
zu dieser unterirdischen Arbeit lierangezogen werden, befinden sich
sehr Vi(»le, die die Tagesschulen für eine kürzere oder längere Dauer,
gewöhnlich während einig(T Jahre besuchen, ehe sie anfangen zu ar-
beiten, und selbst nachlier nocli in die Abendschulen gehen, da in
di(»sen Bergwerken die Krstlingsarbeiten weniger anstrengend sind, als
in den Kohlen- und Eisengruben.
28. Obgleich selbst in diesen Districten die für die intellectuelle, sittliche
und religiöse Zucht und Ausbildung der Kinder vorhandenen Mittel
M. Frauen und Kinder in den Gewerben. 751
überall unzulänglich sind, so ist es doch besser darum bestellt, wie
in den Kohlengruben- Districten ; die Zahl der in ersteren wohnenden
Kinder, welche einen elementaren Unterricht erhalten, übersteigt bei
weitem die Zahl der die Schule besuchenden Kinder in letzteren und
gewöhnlich geht damit eine entsprechend grössere Intelligenz und
weit besseres Betragen der jungen Leute Hand in Hand.
29. Wie traurig auch der Zustand der Unwissenheit und Demoralisation
unter den Classen sein mag, die diese Untersuchung umfasst, so ist
doch in allen F&Uen, wo man sich beharrlich Mühe gegeben hat, ihre
Lage zu verbessern, im allgemeinen ein Erfolg zu constatiren, ¥rie
sich dies unter anderem in einigen Grubendistricten , besonders im
westlichen England und in Nord- Wales kund giebt, wo es den eifirigen
und aufopfernden Bemühungen der Wesleyanischen und anderen
Geistlichen gelungen ist, Leute, die früher fast gesetzwidrig lebten,
ihre freien Stunden mit Lärmen und Ausschweifungen zubrachten,
sich in allerlei rohen Scherzen gefielen, die der Schrecken der
benachbarten Gegend waren und die in Bezug auf crasse Ignoranz,
Rohheit und Irreligiosität kaum ihres Gleichen in irgend einem christ-
lichen Lande fanden — diese Leute doch in so weit zu heben, dass
sie jetzt ebenso gute und anständige Sitten haben, ¥rie man sie in
den ländlichen Districten antrifft.
30 Alle Zeugenclassen , besonders aber Arbeitgeber und deren Agenten,
stimmen in der Aussage überein , dass die gebildetsten Leute immer
zugleich die besten Arbeiter sind, die regelmässigsten in ihren Ge-
wohnheiten, die zuverlässigsten, die thatkräftigsten im Falle einer
Geschäftsbedrängniss und im allgemeinen in der Erfassung und Aus-
ftlhrung der ihnen gegebenen Weisungen die gewandtesten und
promptesten. Diese Arbeiter setzen oft ihren Stolz darein, ihre Ar-
beit tadellos und ohne Materialverschwendung auszuführen; siezeigen
stets Yerständniss und Bereitwilligkeit für irgend welche Neuerung,
sei es in Bezug auf den zu fabricirenden Gegenstand oder auf die
Methode der Fabrikation, wenn der Arbeitgeber dieselbe einmal als
Versuch anwenden will oder wenn er überzeugt ist, dass er damit
einen Fortschritt erzielt; während die unwissenden und in Vorurtheilen
befangenen Arbeiter hingegen sich immer aller sich ihnen bieten-
den Gelegenheiten und Mittel bedienen, um den Erfolg des Ver-
suches zu vereiteln oder der Einführung der Neuerung Schwierig-
keiten zu bereiten. Die gebildeteren Leute sind im Falle einer Dis-
cussion oder eines Streits wegen der Löhne oder sonst einer Ursache
stets einer vernünftigen Ueberlegong zugänglicher; sie üben oft einen
äusserst wohlthätigen Einfluss auf ihre ungebildeteren und weniger
intelligenten Mitarbeiter aus; und sie sind ohne Unterschied stets
respectvoller in ihrem Betragen und in ihrer Gesinnung gegen Höher-
752 Belegstellen.
stehende, weniger misstraoisch and überhaupt einer gewissen Zonei-
gong fähiger.
81. In allen Districten sprechen die bestunterrichteten Zeugen dringend
den Wunsch aus, dass bei irgend welcher gesetzlicher Anordnung
behufs Verkürzung der jetzigen Arbeitszeit der Kinder zugleich toU-
ständig genügende Mittel angewiesen würden, um den Vielen, die
auf diese Weise Zeit gewinnen, die Schule zu besuchen, üntoricht
und Bildung angedeihen lassen zu können.
S2. Selbst auf Kosten persönlicher Opfer und Entbehrungen sind viele
Eltern ängstlich darauf bedacht, ihren Kindern nicht nur gute und
ausreichende Kost und Kleidung, sondern auch eine bestmögliche
Erziehung zu verschaffen und sie überwachen selbst nach besten
Kräften der Kinder Unterricht und Betragen; doch ist dies nicht bei
der Mehrzahl der Fall. Auch unter den Vorstehern grösserer
Etablissements und den Besitzern von Bergwerken und Fabriken
treten zuweilen eifrige Bestrebungen zu Tage um den bei ihnen arbei-
tenden Kindern und jungen Leuten nicht nur in den Zwischenzeiten
unschuldige und gesunde Vergnügungen und Zerstreuungen zu ermög-
lichen, sondern ihnen auch die Mittel zu verschaffen, sich in intelleo-
tueller, sittlicher und religiöser Hinsicht zu belehren und zu bilden;
die eigene persönliche Aufsicht und Vorsorge der Fabrikherren trägt
viel dazu bei, die Arbeiter richtig zu lenken und sie zu vermögen,
die ihnen gebotenen Bildungsmittel auch zu wirklichem Nutzen zu
gebrauchen.
84. In solchen Fällen ist die Aufführung der Arbeiter, ob jung oder alt,
immer die beste und ordentlichste, und es gehen aus ihnen die ge-
schicktesten und schätzbarsten Leute hervor; und diese Classe der
Arbeitgeber spricht, neben den Klagen über die grossen und entmuthi-
genden Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen haben, da gar
kein Zusammenwirken der Arbeitgeber stattfindet, doch ihre Ueber-
zeugung aus, welche sie in ihren eigenen erfolgreichen Bestrebungen
gewonnen haben : dass ein allgemeines: Bildungssystem zum allergröss-
ten Segen für die Arbeiterclassen und das Land werden würde.
N.
Zu Seite 612, Anmerkung 1.
Das Gang-System.
Report on the employment of Women and Children in agri-
culture, London 1843, S. 220 ff.
Vor einigen Jahren befanden sich die arbeitenden Classen in Suffolk
und Norfolk in weit besseren Verhältnissen als jetzt, in Folge der allge-
K. Das Gang -System. 753
meinen Verwendung der Frauen und Kinder bei der Handspinnerei. Die-
ser Beschäftigung wurde durch die Maschinen ein Ende gemacht, und
keine andere häusliche Beschäftigung wurde gefunden, die ihre Stelle er-
setzen konnte. Aus diesem Grunde ist die Bevölkerung ausschliesslich
laudwirthschaftlich , und da die Einnahmen und die Beschäftigung der
Familie so sehr durch den Verlust des Spinnens verringert ist, so fruS
ich vielfach nach, ob es irgend eine Art häuslicher landwirthschaltlicher
Thätigkeit gäbe, bei welcher die Frauen und Kinder nützlich beschäftigt
werden könnten. Das Einzige, was ich entdecken konnte, das in irgend '
einer Weise die Stelle des Spinnens einzunehmen fähig wäre, war das
Allotmentsystem. — So wie ich das „Allotmentsystem*' (um die Worte
des Mr. Hardley, ehemaligen Parlamentsmitglieds für Lincolnshire, zu ge-
brauchen) „als das wohlthätigste System, das man nur fCir die Armen er-
finden konnte^, erkannte, so fand ich auf der anderen Seite ein System,
welches in seiner >)atur und seinen Folgen das gerade Gegen theU war
nämlich das „Gangsystem^. Glücklicherweise ist dies letztere local (bis
jetzt), das erstere ist auf dem Wege, allgemein zu werden.
Da im Kirchspiel von Castle Acre, bei Litcham, in Norfolk das
„Gangsystem" besteht, sowie auch noch in einigen anderen Pfarreien, und
man dasselbe als die Ursache vieles Elends und vieler Unsittlichkeit an-
sieht, so untersuchte ich die Sache so genau als ich konnte und glaube
im Folgenden seine Bedeutung klar legen zu können.
Wenn ein Landvrirth in oder bei Castle Acre eine Arbeit gethan zu
haben wünscht, die viele Leute erfordert, so wendet er sich an einen
„gangmaster^, der die Arbeit übernimmt und die Arbeiter stellt. Er bringt
so viel Leute als nöthig sind, zusammen und schickt sie in einem „Gang"
an ihre Arbeit, welcher in den meisten Fällen aus Leuten beider Ge-
schlechter und jedes Alters besteht, wenn, wie gewöhnlich, die Arbeit
sowohl von Frauen und Kindern wie von Männern geleistet werden kann.
Diese werden von einem Aufseher zur Arbeit geleitet und wieder heim-
geführt, während der Arbeit beaufsichtigt und ihr Betragen controllirt
Dieses System bewährt sich sehr für den Arbeitgeber und Gangmaster,
aber es taugt nichts für den Arbeiter. Ich erfuhr, dass es im Allgemeinen
von Grund aus schlecht sei, dass aber in Castle Acre viele der Uebel-
stände hauptsächlich mit den besonderen Zuständen dieser Gemeinde zu-
sammenhängen.
Castle Acre ist, was man ein „offenes'' Kirchspiel nennt, d. h. es
ist in den Händen vieler Besitzer, während die umliegenden Kirchspiele
nur sehr wenige Besitzer haben. Diese letzteren erlauben nicht nur keine
neuen Käthen (cottages) zu bauen, sondern lassen die alten verfallen,
theilweise um die) Armenlast niederzuhalten, theilweise weil sie kein
Geld in Kathenbauten anlegen mögen; und so ziehen die Einwohner die-
ser Kirchspiele nach Castle Acre, weil sie ihre eigenen verlassen müssen.
Held, 80c Qesch. Engl. 48
754 Belegstellen.
So kommt es, dass Castle Acre überfüllt ist nit Bewohnern, die
eigentlich nicht dazu gehören und gewöhnlich die schlechtesten Subjecte
der von ihnen yerlassenen Kirchspiele sind, während diese der Arbeiter
ermangeln. Durch diesen Zuzug von aussen (steigt in Castle Acre die
Wohnungsmiethe und müssen die Neuhinzugekommenen enorme Preise
zahlen, da sie in den Händen der Landbesitzer dort sind.
Das Yerhältniss der Bewohner von Castle Acie zu den der dort
Angesiedelten aus anderen Gemeinden stellt sich folgendermaassen:
1 Geistlicher,
4 Farmers,
80 Gewerbtreibende und Tagelöhner,
49 Arbeiter mit Familien, zu Castle Acre gehörig;
12 arme Wittwen, ebenfalls dahin gehörig;
103 Arbeiter mit Familien, zu anderen Gemeinden gehörig.
Wie sehr diese Ursachen gewirkt haben, die Arbeiter von den um-
liegenden Gemeinden fortzuscheuchen, so dass dort Arbeitermangel ist,
zeigen die Zahlen der Höfe (farms), wo die „Castle- Acre-Gangs" beschäf-
tigt werden.
Auf 23 Höfen in 10 Kirchspielen werdeufGangs von Castle Acre ver-
wendet.
Da dieses System sich für die Arbeitgeber als sehr brauchbar er-
wies, so wurden immer mehr Arbeiter nach Castle Acre gezogen , die alle
nach Arbeit suchten.
So wurde diese Gemeinde allmälig, wie einer der Aufseher sich aus-
drückte: „der Unterschlupf für alle die in der Klemme sassen; wenn eiu
Mann oder eine Frau etwas Unrechtes gethan haben, so kommen sie hier-
her und glauben, dass sie hier sicher sind."
Diese Angabe wird erläutert durch einen Brief von einem Mr. Hud-
son aus Castle Acre, der unter anderem die Schuld der Verkommenheit
der dortigen Arbeiter dem Mangel einer genügenden x\utorität zuschreibt,
da die Behörden 8V2 Meilen entfernt sind. Er sagt: „Ich glaube, dass
viel zur ^lilderung des Uebels gethan werden könnte, wenn wir einen Be-
amten (magistrate) in der Gemeinde wohnen hätten."
Um die Gründe für das System zuerst anzugeben, so sagt Mr. Denison
Es ist vortheilhaft :
I.Für den Arbeitgeber; er bekommt seine Arbeit schnell,
gut und sehr billig gethan;
2. für den Gangmaster, den das System zum Herren macht,
während er ausserdem Arbeiter wäre; dem es grosse Macht und eine un-
bestimmbare Art von Einfluss gewährt; den es in den Stand setzt, Geld
zu enverben, nicht nur als Gangmaster sondern auch als Verkäufer von
Lebensmitteln an die Gang-Leute;
N. Das Gang -System. 755
8. (da es kein ungemischtes Uebel in der Welt giebt) in einigem
Maas 8 für die Arbeiter, die Dank dem System im Stande sind,
sich ihr Brod zn erwerben, während sie sonst bei dem jetzigen Zustand
in Castle Acre theil weise ganz ohne Arbeit Fein würden.
Unvortheilhaft dagegen ist es für die Arbeiter, weil, da der
Gangmaster die Arbeit nach Stücklohn („by the piece**) zu leisten unter-
nimmt, es ein Modus ist, in einer gegebenen Zeit die möglichst grösste
Arbeitsleistung bei möglichst geringem Lohn zu erreichen. Die Arbeiter
müssen so viel leisten, als arbeiteten sie auf eigene Rechnung nach Stück-
lohn; so haben sie die ganze Mühe dieser Arbeit ohne deren Extrabeloh-
nung, welchen Nutzen der Gangmaster einsteckt.
Da der Gangmaster eine bestimmte Arbeit an einem bestimmten Tag
zu liefern unternimmt (z. B. in einem 5 Meilen entfernten Feld Rüben
auszumachen), so müssen die Arbeiter, wenn es an dem Tage regnen
sollte, den Weg umsonst machen, ohne bezahlt zu werden, während sie
als Hofarbeiter doch irgend eine Art von Arbeit im Hause möglicher-
weise bekommen oder auch, selbst unbeschäftigt, doch einen halben Tage-
lohn erhalten würden.
Oft müssen 6jährige Kinder 5, 6, 7 Meilen zu ihrer Arbeit gehen,
um im Falle des Regens, ohne etwas zu verdienen, wieder umzukehren.
Auch werden die Kinder fortwährend in sehr jungem Alter zur Arbeit
gezwungen und so ist jede Möglichkeit des Schulunterrichts abgeschnitten,
weil in der natürlicherweise sehr dichten Bevölkerung von Castle Acre
sehr viele Kinder jeden Alters sind, die man. Dank dem Gangsystem
streng zur Arbeit anhalten kann.
Sodann dies in den Worten eines der Zeugen:
„Wenn die Arbeiter an einem Tage nicht eine bestimmte Arbeits-
menge leisten, so erhalten sie gar nichts; sie sollen Mann für Mann
so und so viel als Tagesarbeit liefern. Wenn sie am ^lorgen fort-
gehen und sich nur etwas wegen Regens oder irgend einer anderen Ur-
sache aufhalten, so werden sie nicht bezahlt Deshalb lassen die Gang-
masters einen Jeden „short work" thun und bezahlen sie dann nicht : die
Arbeit ist aber gethan und dies ist der Vortheil des Gangmasters. Der
Tag wird in Viertel eingetheilt: halten sie die Zeit aus, so werden sie
bezahlt; wenn nicht, so erhalten sie nichts.^
Da es das einzige Ziel des Gangmasters ist, seinen Contract zu
halten, so betrachtet er den Arbeiter nur als ein lebendiges Werkzeug,
das er je nach dessen Arbeitsfähigkeit schätzt; aus diesem Grunde sind
in einem ^Gang" stets viele Weiber, grösstentheils erwachsene Mädchen,
deren Moral durch dieses stete Zusammenarbeiten mit jungen Burschen
sehr leidet, mit welchen sie dann Nachts zusammenzutreffen pflegen.
(Unter 100 „Gang*-Mädchen sind 70 Huren). Wenn die Stelle, wo ge-
arbeitet werden soll, 10 Meilen oder mehr entfernt liegt, so werden sie
48*
756 Belegstellen.
in Karren dort hingescliickt und müssen dann die Nacht dort bleiben,
wobei sie in Scheunen übernachten.
Natürlicherweise wird die ganze Bevölkerung in Folge dieses Systems
dem Gangmaster in die Hände geliefert, der, wenn er ein roher Mensch
ist, seine Macht sehr ausbeuten kann.
So schlecht sich also das System in jeder Beziehung ausweist, so
würde ein plötzliches Ende desselben doch gefiüirlich sein, weil es viele
Leute ausser Brod setzen und das dadurch entstehende Elend der Un-
moralität und dem Verbrechen die Thür öfi&ien würde.
Mr. Denison's Ansicht geht dahin, dass es allein in der Macht der
benachbarten Landbesitzer liege, dem UebeUabzuhelfen. Das Gangsystem
würde von selber aufhören, wenn die 103 Familien, die jetzt in Castle
Acre lagern, wieder in ihren eigenen Kirchspielen wohnten, dort der Con-
trolle der Grundherren unterworfen, von deren Sorge und Güte untere
stützt, durch deren Beispiel geleitet und endlich auch durch die Berührung
mit Gebildeten allmälig veredelt und zum richtigen Gefühl des Anstands
erzogen würden, welches gar manchen ^zu Hause** in Zucht hält, der aus-
wärts sicher vorkommt. Castle Acre würde dann, befreit von diesen
Eindringlingen, wieder aufathmen und sich von seinem Elend erholen
können.
Verzeichniss
der angeführten Gesetze-
Die Gesetze sind aogeföhrt nach den „Statutes at Large^, Sammlung
von Owen RuiThead, 10 Bände in 4", 1786 nebst deren Fortsetzungen bis
zur Gegenwart. In den altem Theilen sind von den Gesetzen, welche zur
Zeit der Herausgabe nicht mehr in Geltung waren, nur die Ueberschriften
abgedruckt („nicht ganz abgedruckt*'); manche Gesetze sind aber in den
gedruckten Sammlungen überhaupt nicht zu finden, was in dem genannten
Werk, bei Gelegenheit der Abschaffung solcher Gesetze, häufig erwähnt wird.
Die Seitenzahlen beziehen sich auf das vorliegende Werk.
25. Eduard HI. stat. 1. (1350). — S. 20.
12. Richard IL cap. 7. (1388). — S. 28 [nicht ganz abgedruckt].
12. Richard IL cap. 9. [?] (1388). — S. 21 [nicht ganz abgedruckt].
13. Richard IL cap. 8. (1389). — S. 22.
7. Heinrich IV. cap. 17. (1405). — S. 21 [nicht ganz abgedruckt].
4. Eduard IV. cap. 1. (1464). — S. 555.
19. Heinrich VIL cap. 7. (1503). — S. 20.
27. Heinrich VIH. cap. 25. (1535). — S. 29.
37. Heinrich VHI. cap. 9. (1545). — S. 569.
2. und 3. Eduard VI. cap. 15. (1548X — S. 27.
5. und 6. Eduard VL cap. 20. ((1552), — S. 569 [nicht ganz abgedruckt],
5. und 6. Eduard VL cap. 22. (1552). — S. 605.
2. und 3. Philipp und Maria cap. 11. (1555), — S. 443. 554 bis 555.
565. 571. 674.
5. Elisabeth cap. 4. (1562). — S. 23. 415 ff. (Zweites Buch, Cap. 1, § 2).
S. 694.
8. Elisabeth cap. 11 (1565X — S. 417.
18. Elisabeth cap. 3. (1576). — S. 32.
43. Elisabeth cap. 2. (1601X — S. 29.
2. [vulgo 1.] Jacob L cap. 6. (1604X — S. 31.
2. [vulgo 1.] Jacob I. cap. 22 (1604). — S. 470.
758 VerzeichnisB der angeftlhrten Gesetze.
7. Jacob I. cap. 4. (1609). — S. 32.
21. Jacob I. cap. 8. (1623) — S. 12.
21. Jacob I. cap. 31. (1623). — S. 490. 491 [nicht ganz abgednickt].
3. Karl I. cap. 4. [5] (1627). - S. 30.
3. Karl I. cap. 5. (1628). — S. 32 [nicht gefunden, vom Jahr 1628 sind
keine Gesetze da].
13. Karl I. [cap. ?]. — 8. 489 [fehlt ebenfaUs bei Roffhead].
16. Karl L cap. 4 (1640). — S. 30.
Navigationsacte von 1651. — S. 10 [fehlt bei Roffhead].
12. Karl II. cap. 18. (1660). — S. 10.
18. und 14. Karl U. cap. 12. (1662). — S. 32.
15. Karl U. cap. 7. (1663). — S. 11. 522.
15. Karl II. [cap. ?]. (1664). — S. 484 [fehlt bei Ruffhead].
22. Karl II. cap. 13. (1670). — Seite 33. 522.
1. Wilhelm und Maria cap. 12. (1688). — S. 522.
8. und 9. Wilhelm DI. cap. 80. (1697). — S. 36.
9. und 10. Wilhelm III. cap. 11. (1698). — S. 36.
11. und 12. Wilhelm III. cap. 10. (1700). — S. 499.
11. und 12. Wilhelm DL cap. 20. (1700). — S. 522.
11. und 12. Wilhelm HI. cap. 21. (1700). — S. 480.
1. Anna stat 2, cap, 18. (1702). — S. 39. 559.
5. Anna cap. 84. (1706). — S. 478.
7. Anna cap. 6. (1708). — S. 478.
8. Anna cap. 18. (1709). — S. 473.
9. Anna cap. 28. (1710). — S. 482.
10. Anna cap. 19. (1711). — S. 503. 504.
12. Anna stat. 1, cap. 18. (1713). — S. 36.
12. Anna stat. 2, cap. 23. (1713). — S. 37 [nicht ganz abgedruckt .
4. Georg I. cap. 11. (1717). — S. 39.
5. Georg I. cap. 8. (1718). — S. 37.
5. Georg I. cap. 27. (1718). — S. 519.
7. Georg I. stat. 1, cap. 7. (1720). — S. 503. 504.
7. Georg I. stat 1, cap. 13. (1720). — S. 39. 434. 435.
9. Georg I. cap. 7. (1722). — S. 35. 37.
11. Georg I. cap. 24. (1724). — S. 467. 468.
12. Georg I. cap. 34. (1725). — S. 39. 437.
12. Georg I. cap. 35. (1725). — S. 489 [nicht ganz abgedruckt].
13. Georg I. cap. 23. (1726). — S. 437.
2. Georg II. cap. 26. (1729). — S. 480.
3. Georg II. cap. 26. (1730). — S. 480. 482.
9. Georg IL cap. 4. (1736). — S. 504.
13. Georg II. cap. 8. (1740). — S. 559.
15. Georg II. cap. 29. (1742). — S. 512.
17. Georg II. cap. 5. (1744). — S. 38.
Verzeicbniss der angeftthrten Gesetze. 759
20. Georg IL cap. 19. (1747). — ^. 39. 486.
22. Georg II. cap. 27. (1749). — "s. 40. 559. 560.
23. Georg II. cap. 13. (1750). — S. 519.
26. Georg U. cap. 21. (1753). — S. 500,
29. Georg ü. cap. 33. (1756). — S. 437.
30. Georg U. cap. 12. (1757). — S. 439.
31. Georg II. cap. 11. (1757). — S. 36.
31. Georg IL cap. 29. (1757). — S. 473.
31. Georg IL cap. 76. (1757). — S. 439. 481 [fehlt in den gedruckten Samm-
lungegj.
3. Georg IIL cap. 21. (1762). — S. 511.
5. Georg IIL cap. 31 und 32. (1765). — S. 522 [beide nicht ganz ab-
gedruckt].
5. Georg III. cap. 51. (1765). — S. 468.
6. Georg 111. cap. 23. (1766). — S. 469.
6. Georg lU. cap. 28. (1766). - S. 511.
6. Georg IIL cap. 35. (1766). — S. 482.
7. Georg IIL cap. 23. (1767). — S. 482.
7. Georg III. cap. 39. (1767). — 6. 420.
«. Georg III. cap. 17. (1768). — S. 435.
10. Georg lU. cap. 53. (1770). — S. 439. 481.
13. Georg IIL cap. 43. (1773). — Ö. 523.
18. Georg lU. cap. 68. (1773). — S. 417. 444.
14. Georg IIL cap. 72. (1774). — S. 504.
15. Georg UI. cap. 28. (1775). — S. 440.
17. Georg UI. cap. 55. (1777). — S. 417.
17. Georg 111. cap. 56. (1777). — S. 560.
21. Georg UI. cap. 40. (1781). — S. 513.
22. Georg III. cap. 40. (1782). — S. 605.
23. Georg UL cap. 15. (1783). — S. 490.
28. Georg III. cap. 48. (1788). — S. 430.
28. Georg IIL cap. 53. (1788). — S. 482.
28. Georg UI. cap. 55. (1788). — S. 605.
29. Georg UL cap. 46. (1789). — S. 605.
31. Georg III. cap. 58. (1791). — S. 491 [nicht ganz abgedruckt].
32. Georg UI. cap. 44. (1792). — S. 444.
35. Georg IIL cap. 101. (1795). — S. 36.
36. Georg lU. cap. 86. (1796). — S. 472.
87. Georg III. cap. 98. (1797). — S. 475.
38. Georg IIL cap. 62. (1798). — S. 475.
38. Georg lU. cap. 69. (1798). - S. 470.
.38. Georg UL cap. 73. (1798). — S. 472.
.39. Georg IIL cap. 5ü. (1799). — S. 440.
760 Verzeichniss der angeführten Gesetze.
41. Georg III. cap. 97. (1801). — S. 491 [unter den local and personal
acts; nicht ganz abgedruckt].
48. Georg III. cap. 68. (1803). — S. 511.
48. Georg III. cap. 22. (1808). - S. 511 [nicht ganz abgedruckt].
48. Georg lU. cap. 60. (1808). — S. 470.
51. Georg TU. cap. 7. (1811). - S. 444.
53. Georg III. cap. 116. (181 3X — S. 476.
54. Georg III. cap. 96. (1814). — S. 415. 420. 426.
55. Georg IH. cap. 26. (1815). — S. 525.
55. Georg IIL cap. 99. (1815). — S. 476 [unter den local and personal
acts, declared public].
59. Georg III. cap. 86. (18191 — S. 476.
59. Georg III. cap. 90. (1819). — S. 505.
1. und 2. Georg IV. cap. 50. (1821X — S. 477.
8. Georg IV. cap. 106. (1822). — S. 477 [unter den local and personal
acts, declared public].
5. Georg IV. cap. 50 (1824). — S. 477.
5. Georg IV. ciip. 66. (1824). — S. 451.
1. Wilhelm IV. cap. 17. (1831). - S. 505.
38. und 39. Victoria cap. 90. (Employers and workmen act, 1875). — S. 18.
Verzeichniss
der benutzten amtlichen Schriften.
Bei den ^Journals of the House of CommonB^ ist jedem Bande in
Klammern beige fti^, welche Jahreszahlen aus demselben belegt sind.
Für die verschiedenen „Reports" mussten die Titel so angefahrt
werden, wie sie im Manuscript vorkamen, also meist abgekürzt und nicht
immer gleichartig.
Journals of the House of Commons:
Vol. 18. (1715 bis 1718). — Seite 416. 467. 478. 499. 530.
Vol. 19. (1718 bis 1725). — Seite 434. 488. 501. 502. 510. 515. 519. 530.
554.
Vol. 20. (1725). — Seite 437. 467. 477. 510. 514.
Vol. 21. (1728 bis 1732). — Seite 416. 467. 480. 489. 506. 510. 514. 559.
Vol. 22. (1733 bis 1737), — Seite 468. 470. 473. 503. 504. 514. 516. 55s.
562.
Vol. 23. (1737 bis 1789). — Seite 468. 472. 477. 478. 481. 483. 506. 512.
516. 555.
Vol. 24. (1742 bis 1746), - Seite 416. 434. 506. 512. 514. 561.
Vol. 25. (1746 bis 1753). — Seite 481. 485. 489. 506. 507. 510. 516.
Vol. 26. (1750 bis 1754). — Seite 4S5. 4.%. 468. 512.
Vol. 27. (1756 und 1757). — Seite 437. 438.
VoL 28. (1758 bis 1760). — Seite 439. 478. 481.
Vol. 29. (1762 bis 1764). — Seite 472. 481. 515. 614.
Vol. 30. (1765 und 1766). — Seite 468. 469. 478. 482. 507. 510. 55S.
Vol. 31. (1767). — Seite 485. 436. 482.
Vol. 34. (1773 und 1774). — Seite 504. 529. 592.
Vol. 35. (1775 und 1776). — Seite 439. 593.
Vol. 36. (1776 bis 1778). — Seite 416. 439. 559. 604.
Vol. 87. (1779 bis 1790). - Seite 417. 440. 486. 604.
Vol. 88. (1781 und 1782). — Seite 470. 513. 591.
Vol. 89. (1783 und 1784). — Seite 489. 555.
Vol. 40. (1784 und 1785). — Seite 478. 505. 555. 578.
762 Yerzeichniss der benatzten amtlichen Schriften.
Vol. 41. (1786). — Seite 478. 507. 513. 561.
Vol. 42. (1787). — Seite 482. 489.
Vol. 43. (1788). — Seite 429. 482. 489. 508.
VoL 44. (1789). — Seite 417. 478. 489. 490.
Vol. 45. (1790). — Seite 417. 490.
Vol. 46. (1787 bis 1791). — Seite 491. 513.
Vol. 47. (1792). — Seite 558.
Vol. 48. (1783 bis 1793). — Seite 513. 561. 572.
Vol. 49. (1794> — Seite 555. 605.
Vol. 50. (1795). — Seite 478. 513.
Vol. 51. (1796). — Seite 439. 472. 473. 478.
Vol. 52. — Seite 472.
Vol. 53. (1798). — Seite 470. 472.
Vol. 54. (1799) — Seite 440.
Report on Manufacturers of Linen. 1744. — S. 512.
Report on the Petition of the Dealers in and Manufacturers of Linens.
1744 (vgl. den voransgehenden Titel). — S. 558.
Report on Traders and Dealers in the Linen Manufeu^tory. 1751. —
S. 466. 512. 513.
Report on the Laws being relative to the assize of Bread. 1772. — S. 478.
Report on Linen Trade of Great Britain and Ireland. 1773. — 8. 513.
Report on the Present State of the Linen Trade. 1773 (vgl. den voraoi»-
gehenden Titel). — S. 558.
Reports on Methods practised in making flour from Wheat etc. 1774. —
S. 474.
Report on the laws relating to the exportation of Live sheep etc. 1778. —
S. 508.
Report ou the illicit exportation of Wooll, Live sheep etc. 1786. — S. 507.
Report on the Manner of Oonducting the several Assay Offices in London.
1793. — S. 490.
Fourth and Fifth Report on the High Price of Com. 1796. — S. 474.
Report on the State of Copper mines and Copper Trade. 1799. — S. 51Ö.
517. 549. 596.
Zwei Reports on the Coal Trade Juni u. Decbr. 1800. — S. 4aS. 596.
Second Report on the Assize and Making of Bread. 1800. — S. 475.
Report on the High Price of Provisions. 1800 und 1801. — S. 475.
Report on WooUen Clothiers' Petition. 1802—1803. — S. 421. 441. 554. 602.
Report on Com Trade. 1804. — S. 524.
Report respecting Calico Printers. 1806. (Minutes of evidence dazu von
1804). — S. 421. 452. 458. 454.
Report on the WooUen Manufacture of England. 1806. — S. 422. 423.
441. 442. 444. 469. 550-554. GOl. 602. 628. 694. Minutes of Evidence
dazu, S. 552. 553
Vcrzeicbniss der benutzten amtlichen Schriften. 763
Report on Tanners, Shoemakers and other Artificers occupying the Catting
of Leather. 1807. — S. 471.
Report on Dr. Cartwright's Petition. 1808. — S. 594. 600.
Report on Petitions of several Cotton Manofactorers and joumeymen
Cotton weavers. 1808 und 1809. — S. 455.
Report on Petitions of several Weavers. 1811. — S. 455. 456. 457. 600. 607.
Framework-Knitters Report 1812. — S. 462.
Report on Framework-Knitters' Petition 27. Mai 1812. — (vgl. den voraus-
gehenden Titel). S. 484. 487.
Second Report on Framework-Knitters. 16. Juli 1812. — S. 487.
Report from the committee of Secrecy on certain violent proceedings, Juli
1812. — S. 112.
Report on London ßakers. 1813. — S. 475.
Report on the Petitions of Country Bakers 1818 (auch Minutes of Evidence
dazu). — S. 475.
Report on Com Trade. 1813. — S. 522. 525 (528?).
Report on Petitions relating ^ Com Laws. 1814. — S. 525.
Report on the Laws relative to the Manufacture, Säle and Assize of
Bread. 1815. - S. 476.
Report on Parish Apprentices, 1815. — S. 420.
Report on the State of C^ldren employed in Manufacturies. 1816. —
S. 420. 616. 618. 619. 620. 621. 622. 623. 624. 625. 706.
Drei Reports on the Import of foreign Seeds, the Trade in Wool and
Growth of Tobacco. 1816. — S. 509.
Report from the committee of Secrecy or Papers presented to the House
by Lord Castiereagh. Febr. 1817. — S. 112.
Report on the Employment of boys in sweeping of chimneys. 1817. —
S. 430.
Report on the Petitions of Watchmakers of Coventry. 1817. — S. 429. 692.
Report on Dnties payable on printed cotton goods. 1818. — S. 505.
Report on Petitions of Country Bakers. 1818. — S. 476.
Report on Framework-knitters. 1818. — S. 422. 424.
Report on the Laws relating to Watchmakers. 1818. — S. 428.
First Report on Silk Ribbon Weavers. 1818. — S. 445. 448. 449. 450.
Second Report on Ribbon weavers. 1818. — S. 427. 445. 446. 447. 448.
449. 450. 451. 559. 689. 695.
Report on Silk Ribbon weavers. 1818 (vgl. die vorausgehenden Titel). —
S. 426.
Report on Ribbon Weavers Petition. 1818 (vgl. die vorausgehenden Titel). —
S. 558.
Minutes before the Committee of the Privy Council for the Affairs of trade
regarding the Wool tax. 1819 (nebst Fortsetzung). — S. 508.
Report on Framework-knitters' Petition. 1819. — S. 487.
Report on Agricultural Distress. 1^20. — S. 525.
764 Verzeicbniss der benutzten amtlichen Schriften.
First Report for the Lords on Timber-Trade. 1820. — S. 516.
Report on Foreign Trade. 1820. — 8. 516.
Report on the depressed State of Agricoltore. 1821. — S. 526. 527. 528.
Report of the Lords on Silk- and Wine-Trade. 1821. — S. 511.
First Report on Foreign Trade. 1821. — S. 516.
Report on the existing regalations relative to the making and the Säle of
Bread- 1821. — S. 476.
Report on the Laws relating to the stamping of Woollen Cloth. 1821. —
S. 469.
Report on the distressed State of Agricalture. 1822. — S. 528.
Report on the Laws which regulate the Linen Trade in Ireland. 1822. —
S. 466.
Fünf Reports on Artizans and Machinery. 1824. — S. 520.
First Report on Artizans and Machinery. 1824. — S. 596. 600.
Second Report on Artizans and Machinery. M&rz 1824. — S. 225. 425. 463.
Third Report on Artizans and Machinery. 1824. — S. 425.
Fourth Report on Artizans and Machinery. 1824. — S. 426. 463. 621.
Fifth Report on Artizans and Machinery* 1824. — S. 425. 456. 463.
607. 619.
Report on Labourers Wages. 1824. — S. 464.
Report on the Laws relating to the Export of Tools and Machinery.
1825. - S. 518. 520.
Zwei Reports on the Linen Trade of Ireland. 1825. — S. 466.
Report on Butter Trade in Ireland. 1826. — S. 472.
Accounts and Papers. 1800—1826, Vol. 34. — S. 505.
Report on the Means of lessening the evils arising from the fluctuation
of employment in manufacturing districts. 1830. — S. 600. 656 — 65b.
Report on the Bill to rejrulate the Labour of Children in Mills and Fac-
tories. 1882. — S. 626.
Reports, four, on Real Property, 1829, 30, 32, 33. - S. 7.
First Report of the Central Board of bis Majest/s Commissioners for
inquiring into the Employment of Children in Factories. 18i^3. —
S. 626. (>27. 637. 638. 643.
Serond Report etc. on the Employment of Children in Factories. 1833. —
S. iV^.
Report on Manufactures, Commerce and Shipping. 1833. — S. 600.
Second Report on Tumpike-Road-Trusts. 1838. — S. 571.
Handloom weavers report. 1884. — S. 418. 455. 458. 459. 4r>0. 461. 462.
568. 598. 000. H96. 699. 703.
Retum of the Names of the Inspectors of Factories and Copies of the
Reports presented by them. 1834. — S. 627.
Handloom weavers Report von 1841. — S. 599.
Poor Law Commissioners Report on the Sanitary Condition of the labouring
Population. 1842. — S. 038. 639. 720.
Verzeichniss der benatsten amtlichen Schriften. 765
Children'ä Employment Report I. 1842. — S. 419. 628. 629. 680. 709.
CMdren's Employment Report II. 1848. — S. 418. 630. 631. 632. 640.
650. 714. 736. 739. 740. 741. 746.
Report of special assistant Poor-Law-Commissioners on the employment
of Women and Children in Agriculture. 1843. — S. 610. 611. 752.
Retum of owners of Land in England and Wales, exd. the Metropolis,
presented to both Houses of Parliament. 2 Voll. London 1875. — S. 6.
Verzeichniss
der vorkonimenden Namen und Werke.
Die ganz unwichtigeo Namen sind nicht aufgenommen. Die Werke,
welche im Ersten Buch bei Darstellung der Schriftsteller zusammenhängend
besprochen sind, sind hier nicht einzeln angeftihrt
Aikin, A description of the country round Manchester. 1795. — S. 392.
581. 556. 562. 571. 572. 573. 589. 590. 592. 593. 597. 605. 615. 618.
635. 637.
Alfred, History of the Factory-Movement 1857. — S. 617.
Allen. — S. 349. 364.
Anderson, Deduction of the origin of commerce etc. 1801 (und früher). —
S. 391. 392. 661.
Anonymus, An Essay on the improvement of the Wo ollen Manufactnre etc.
1741. _ s. 507.
Anonymus, Considerations upon the present State of the Wool-Trade, by
a Gentleman. 1781. — S. 507.
Anonymus, The propriety of allowing a qualified cxportation of WooL
1782. — S. 507.
Anonymus, The Contract or a Comparison between Woolen, Linen, Cotton
and Silk Maiiulactures. 1782. — S. 507.
Anonymus, Claims of labour, 1844. — S. 400.
Anonymus, Life of Robert Owen 1866. — S. 343.
Arkwright. — S. 347. 390. 394. 397. 401. 486. 504. 548. 572. 579. 591. 592.
594. 595. 604. (^05. 608. 614. 615. 623. 679.
Arnold, Dr. — S. 400.
Ashworth, Henry; Cotton, its cultivation etc. 1858. — S. 393.
— , Statistical illustratious of the past and present of Lancashire.
1842. — S. 393.
Attwood, Thomas. — S. 319. 322. Schriften 323-325. — 3^5. 366.
Babbage, On the economy of machinery and manufactures. 1832. —
S. 394. 593.
VerzeichniBs der Namen und der Werke. 767
Baboeut — S. 105. 338.
Baco. — S. 243. 355.
Baines, £. jun., History of the cotton manufacture in Great Britain. 1835. —
S. 395. 589. 591. 595. 605.
— , The social, educational and religious State of the nianufiacturing
districts. 1843. — S. 642. 644. 645.
Bamford, Selbstbiographie. — S. 288. 291. 295.
Baumstark, ücbersetzer Ricardo's. — S. 176.
Bear, W. E., The Relations of Landlord and Tenant, 1876 (Cobden-Club-
Broschüre). — S. 7.
Bell. — S. 349.
Bellers, John. — S. 344.
Bentham, Jeremias. — S. 47. 48. 57. 58. 59. 63. 66. 68. 76. 82-85. 87.
90. 91. 99. 102. 104. 106. 117. 120. 121. 126. 131—182. 165. 175. 202.
203. 206. 213. 221. 231. 245. Leben und Schriften S. 246-278. —
278. 279. 280. 286. 312. 319. 822. 328. 329. 330. 337. 341. 349. 352.
353. 354. 362. 378. 379.
Bemhardi, Versuch einer Kritik der Gründe für grosses und kleines Grund-
eigenthum. Petersburg 1849. — S. 8. 177—178.
Bevan, Philips, British manufaoturing Industries. 1877. — S. 394.
Blackstone, Commentaries on the laws of England, 4 Bände. 15. Auflage.
London 1809. — S. 17. 250. 251.
Blanc, Louis. — S. 340.
Bolingbroke. — S. 135.
Bosanquet — S. 196. 199.
Boulton. — S. 593.
Bowring, John, Herausgeber der Werke Bentham's. — S. 246. — Re-
dacteur der Westminster Review. — S. 279.
Brash, Richard, A general account of Cobbett's Conspiracy against public
confidence. 1826. — S. 303.
Brentano, Lujo. — S. 158. 410.
— , Arbeitergilden der Gegenwart, 2 Bde, 1871 und 1872. — 8. 17. 89.
405. 432. 436. 438. 439. 441. 486. 491.
— , Das Arbeitsverhältniss gemäss dem heutigen Recht 1877. —
S. 17.
— , Arbeiterversicherung. — S. 658.
Bridgewater, Herzog von, S. 572.
Brien, William. — S. 384.
Brindley (Ingenieur). — 8. 572. 677.
Bromley. — S. 371.
Brougham. — S. 385.
Buckle. — S. 156.
Bulwer. — 8. 297.
Burckhardt, Cultur der Renaissance, 2. Auflage, 1869. — S. 46.
768 Verzeichniss der Namen und der Werke.
Burdett, Sir Francis. — S. 279. 298. 300. 315. 335. 845.
Burgh. — S. 290.
Burke, Edmund, — S. 51. 63. 69. 70. 76. 87. 112. 115. 125. Leben und
Schriften 131-153. — 231. 234. 240. 245. 289. 312. 315.
Byron, Lord. — S. 488.
Canning. — S. 286. 298.
Carey. — S. 156. 18:3.
Carlile, R., Schriften 322—323. — 332.
Carlyle, Thomas, Chartism. Fast and Present. — S. 400.
Carpenter. — S. 3-32. 335. 376.
Cartwright, Dr., (Erfinder). — S. 594. 595. 600.
Cartwright, Edmund. — S. 606.
Cartwright, John. — S. 269. — Leben und Schriften S. 288—293. — 295.
29i<. 315. 322. 323. 335. 341. 345.
Chalmers, Thomas; Leben und Schriften. — S. 234^241. 244.
Ciiffe Leslie, Land Systems and industrial economy, London 1^0. —
S. 6. — Ueber A. Smith (Fortoightly Review 1870). S. 155. Political
economy and sociology (Fortnightly Review 1879). — S. 157.
Cobbett, WiUiam. — S. 74. 106. 126. 127. 130. 199. 225. 266. 269. 279.
280. 281. — Leben und Schriften S. 293-522. — 822. 328. 824. 326.
327. 380. 332. 334. 341. 343. 345. 366. 381. 886.
Cobden. — S. 7. 121. 123. 165. 261. 264. 325.
Cohn. — S. 177.
Colbert. — S. 165. 168.
Combe, Abraham. — S. 364. Schriften S. 378. — 385.
Concordia, Zeitschrift fiir die Arbeiterfrage. — S. 464.
Condorcet, Esquisse d'un tableau historique des progräs de Tesprit
humain. — S. 215.
Conrad, Job., (Uildebrand und Conrad, Jahrbücher für Nat-Oek. und
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Cooke Taylor, Notes of a tour in the manufacturing districts of Lan-
cashire. 1842. — S. 39« bis 399. 617. 621.
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644. 656.
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Crompton, Samuel. — Ö. 593. 595.
Dahlmann, Geschichte der englischen Revolution. — S. 51.
D'Alembert. — S. 112.
Dale. - S. 347. 619.
Dabrymple, Sir, The Question considered wether wool should be allowed
to be exported etc. 1782. — S. 507.
Darwin. — S. 214.
.Davenport, Allen. — S. 111.
De Gennes. — S. 594.
VerzeiclmisB der Namen und der Werke. 769
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Dudley Baxter. — S. 574.
Dumont, Uebersetzer Bentham's. — S. 246. 255. 257.
P^arnshaw, Lawrence. — S. 590.
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S. 17. 19. 20. 37. 38. 392.
Elliott, Ebenezar. — S. 322. 325. Schriften 328—329.
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Engel, Dr. E. — S. 669.
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Faücher, L6on, Etudes sur TAngleterre, 2. Aufl. 1856. — S. 403. 595.
640. 644. 648.
Felkin, William, A history of the machine wrought hosiery etc. 1867. —
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Fielden. — S. 335. 373.
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Godwin, William. — Leben und Schriften S. 89—110. - 111. 112. 242. 379.
Gould, Nathanael. — S. 622. 624.
Gray, John. — S. 367; Schriften S. 385.
Grimshaw. — S. 595.
Gülich, von, Geschichtliche Darstellung des Handels, der Gewerbe und des
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Hold, Soc. Gescb. Engl. 49
770 Verzeichniss der Namen und der Werke.
Guest, Richard, A compendious history of the cotton manufactore. 1823. —
S. 394. 589. 591. 692.
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Haie, A discourse toucbing Provision for the Poor. 1683. — S. 37.
Hamilton, National Debt 1814. — S. 574. 575.
Hargreaves. — S. 591. 679.
Hartley. — S. 61. 89.
Held, Adolf; Besprechung von Quetclet's „Physique sociale". — S. 93.
— , Aufsätze über Owen , in der Concordia, Zeitschrift für die Arbeiter-
frage. 1876. — S. 343.
— , Socialismus, Socialdemokratie und Socialpolitik. 1878. — S. 367.
— , Einkommensteuer. 1872. — S. 576.
Helvetius. — S. 254.
Hermann, F. W. B. — S. 158. 193.
Hetherington. — S. 333.
Hettner, Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts. — S. 46.
Highs. — S. rm, 591.
Hildebrand, Bruno. — S. 155.
Hillebrand, Karl, über Burke (Deutsche Rundschau Decb. 1879). — S. 132.
Hobbes. — S. 51. 59.
Holyoake, History of Cooperation, Bd. 1. 1875. — S. 343.
Hume, David. — S. 61. 79. 89. 156. 254.
Hume (ein Radicaler). — 335.
Humphrey, James. — S. 280.
Hunt. — S. 298. 335. 345.
Huskisson. — S. 286. 511.
James, John, History of the worsted manufacture. 1857. — S. 393. 552. 509.
Inama Sternegg, von. — S. 156.
— , Deutsche Wirthschaftsgeschichte. — S. 411.
Ingram, Present condition — S. 160.
Johnson, Thomas. — S. 595.
Jones — siehe Liidlow.
Junius-Briefe. — S. 72.
Kant. ~ S. 58. 155. Vyl. 165. 277. 278.
Kautski, Einfluss der Volksvermehrung. 1880. — S. 209.
Kay. — S. 401. 590.
Kay, John. — S. 590.
— , The social Condition and Education of the People. 1S50. — S. 645.
Kay, Robert. — S. 590.
Kennedy, John; über die Erfindungen in der Weberei und Spinnerei. —
S. 393.
Kettle. — S. 433.
Klcinschrod, Grossbritanniens Gesetzgebung über Gewerbe, Handel und
innere Communicationsmittel. 1836. — S. 10. 17. 401.
Verzeichniss der Namen und der Werke. 771
Kleinschrod, Pauperismus in England 1845. — S. 19.
Knapp, G. F., über Quetelet's Schriften. — S. 94.
Knies, Der Credit — S. 179.
Kries, Die englische Armenpflege, Berlin 1863. — S. 19.
Lancaster, Joseph. — S. 349. 350.
Lange, F. A., Geschichte des Materialismus. — S. 59.
Langford, J. A., A Century of Birmingham life. 1868. — S. 392. 593.
Laplace. — S. 94.
Law. — S. 81. 660.
Leaser, Robert — S. 328.
Ledru Rollin. — S. 276.
Lee. — S. 518.
Levi, Leone, History of British Commerce. 1872. — S. 548.
Leigh, Evan, The science of modern cotton spinnery. 1877. — S. 393. 595.
Le Play, Les ouvriers europöens. — S. 404.
Leser, Der Begriff des Reichthums bei Adam Smith. 1874. — S. 155. 156.
174. 193.
Leslie Stephen, English Thought in the Eighteenth Century. — S. 60. 62.
77. 116.
List, Friedrich. - S. 156. 165.
Locke. — S. 47. 52-57. 59. 63. 68. 70. 72. 89. 92. 106. 146. 156. 250.
291. 329. 355.
— , Treatise on Civil Government. — S. 52.
Lovett — S. 261. 295. 333. 379.
Ludlow (und Jones), Progress of the working class (1832—1867). 1867. —
8. 404.
Macaulay, Geschichte Englands. — S. 12. 49.
Mac-CuUoch. — S. 177. 188. 201.
— , Statistical acxrount of the british empire. 1837. — S. 232. 392!
— , Dictionary of commerce. — S. 392.
Macpherson, Annais of commerce, London 1805. — S. 391. 392.
Malthus, Robert — S. 85 98. 108. 142. 156. 163. 186. 189. 191. Leben
und Schriften: S. 204—232. — S. 234. 235. 236. 237. 239. 240. 241.
242 243. 244. 266. 279. 284. 305. 316. 318. 324. 352. 362. 610.
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Verbesserungen.
Seite 37, Zelle 14. Lies: 12. Anna stat 2, cap. 23 statt 13. Anna stat 2,
cap. 26.
,, 61, „ 14. Lies: weil er vor Bentliam statt von Bentham.
,, 89, „ 6. Lie$: ableitete statt ableite.
„ 111 unten und 112 oben. Lies: lessons for the people or alias,
according to Burke, for the Swinish Multitude.
„ 111, Anmerkung 2, letzte Zeile. Lies: 1796 statt 1776.
„ 132 und 133 letzte Zeile. Lies: Edmund statt Eduard.
„ 235, Zeile 26. Lies: Perronet Thomson statt K. Thompson.
„ 248, Zeile 14. Lies: den Glauben statt die.
„ 284, „ 19. Lies: P. Thomson's statt Thompson's.
;, 286, ,, 6 von unten. Lies: Huskisson statt Huskinson.
„ 322 in der Ueberschrüt und folgende Seiten. Lies: Thomson statt
Thompson.
„ 328, Anmerkung 1. Lies: Searle statt Seasle.
„ 331, Anmerkung 1, zweite Strophe. Lies: Prepared statt Prepaired.
„ 332, Zeile 3. Lies: can save the earth from, statt can save from.
„ 343, Anmerkung 1. Das Werk von Holyoake ist 1875 (nicht 1878)
erschienen.
„ 377, Zeile 9. Lies: Die Schrift 'statt In der Schrift.
„ 378, „ 13 von unten. Lies: Metaphorical statt Metaphysical.
„ 392, „ 19 von unten, Das Werk von Langford ist 1868 (nicht
1861) erschienen.
„ 417, „ 6. Lies: 8. Eliz. c. 11 statt c. 2.
„ 428, Anmerkung 3. Lies: Report on the Petitions of Watchmakers,
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„ 473, letzte Zeile des Textes. Lies: 31. Georg II. c. 29 statt
31. Georg II.
„ 477, Zeile 7 von unten. Lies: das Vorkommen statt das Verkommen.
„ 481, „ 4 von unten. Lies: 31. Georg II. c. 7(3 stiitt 31. Geoi^ II.
„ 482, „ 15. Lies: die Kohlenbereiter statt der.
„ 489, ,, 2. Lies: 12. Georg I. statt 12. Georg II.
,, 504, Zeile 12 von unten. Lies: 7. Georg I. stat. 1, c. 7 statt
7. Georg I. c. 7.
„ 513, „ 8 von unten. Lies: 21. Georg III c. 40 statt 21. Georg III.
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., 547, ,, 13 von unten. Lies: mit keinem statt kleinem.
„ 509, „ 18. Lies: 5. und 6. Eduard VI. c. 20 statt 5. und 6.
Eduard VI.
„ 631, Anmerkung 6. Lies: Anhang unter L. statt K.; und vergleiche
S. 722.
„ 684, Zeile 18. Lies: letzteren Jurisdiction statt bessere.
Pierer'flche üofbachdruckerei. Stephan Goibel & Co. in Altenborg.
Im Verlage von Duncker & Humblot in Leipzig erschienen
folgend«' Schriften von
Adolf Held:
Sozialismus, Sozialdemokratie
und
Sozialpolitik.
J.\. I5ß S. S. li»7S. Prt'is M. 3.—.
Die Deutsche Arbeiterpresse
der Gojjeiiwart.
m
VIII, 11)6 S. irr. 8. 1873. Preis M. 3.60.
Im ,, Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volks-
wirthfichaft, herausgejreben vt)n v. Holtzendorff nnd L. Brentano" :
Der Yolkswirllisclianiiclie Konirress nnd der Verein filr Soeial-
poütiU. (N. F. 15d. I. Roi'i 1; Preis 5 M.)
Die fitnfte (■eneralverstinimlun^ des Vereins filr Soeiulpolitik.
(N. F. IM. I. IToCt 4; Preis 4 M. 40 Pf.)
Dr. M. Block, Die Qiiinl essen/, des Kaliiedersocialisnius.
(X. F. IM. III. ll.'ft 1; Preis r, M. 40 Pf.)
Seliulzzoll nnd Freihandel. (X. F. Hl HF. Heft 2. 3. Pnrij^ C> M.)
In „Schriften dev. Vereins für Socialpolitik'' :
IMe !*i»rsonalbestenernnj?« (riit.H'lit«'u anf Veranhi^smifr der F.is(.'n;n"lu>r
\'«rfi:iininlunfC /."r l>«'^i»nTlmii^ dor sooinh'ii Fra^e (Hand III.
WvU 2 M )
Herieh! über verseliiedene Ansichten, betr. die Haftpfliehtfrairi'.
(H:md XIX. VviU -1 M. '30 Pf.)
i'icrier'Mh« \V'<VV>«u\idvv\(VLrit\. ^\cvv<-&fv Uciliet •& Co. in Allcnliuri.
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3 9015 01370 7347